Schach: 100 berühmte Läuferzüge

100 berühmte Läuferzüge

 

Der nächste Teil meiner großen Serie widmet sich den Läufern. Im Gegensatz zu den Springern haben sie natürlich eine viel größere Reichweite, verbringen dafür aber die gesamte Partie auf nur einer Felderfarbe. Die endlose Debatte, ob ein Läufer oder ein Springer stärker ist, wird weitergehen und hängt wie immer von den konkreten Gegebenheiten auf dem Brett ab. Berühmte Läuferzüge können Angriffszüge, positionelle Opfer, Sperrzüge, Tempozüge in Endspielen oder auch der Beginn von langfristigen Manövern sein – die Vielfalt ist groß. Die untenstehende Sammlung ist wie immer ein subjektiver Überblick, enthält aber mit Sicherheit viele würdige Beispiele für diese Liste.

 

Die fünf wohl berühmtesten Läuferzüge

 

1. Botwinnik – Capablanca, Rotterdam 1938
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

Das im Jahre 1938 ausgetragene AVRO-Turnier wurde in verschiedenen Städten der Niederlande ausgetragen und zählt zu den stärksten Turnieren in der Geschichte des Schachs. Eine der berühmtesten Kombinationen aller Zeiten entstammt ebenfalls diesem Turnier: der Sieg von Botwinnik über Capablanca wurde zum Symbol für eine Zeitenwende. Der rationale und kühle Wissenschaftler bezwang das vielleicht größte Naturtalent des Schachspiels aller Zeiten und hievte das königliche Spiel in puncto Professionalität auf ein neues Niveau. Damit ist nicht gemeint, dass man zu jener Zeit fortan als beruflicher Schachspieler hätte überleben können, sondern dass der Weg zum Schachthron künftig nicht nur über Talent, sondern eben auch über ausgesprochen harte, analytische Arbeit führen würde.
Botwinnik zog hier – wie hoffentlich allseits bekannt – 30. Lb2-a3!! und ließ damit eine kombinatorische Lawine vom Stapel, die forciert gewinnt. Nach 30… De7xa3 31. Sg3-h5+ g6xh5 32. De5-g5+ Kg7-f8 33. De5xf6+ Kf8-g8 34. e6-e7 entwischte der weiße König den lästigen Nachstellungen der schwarzen Königin wie folgt: 34… Da3-c1+ 35. Kg1-f2 Dc1-c2+
36. Kf2-g3 Dc2-d3+ 37. Kg3-h4 Dd3-e4+ 38. Kh4xh5 De4-e2+ 39. Kh5-h4 De2-e4+
40. g2-g4 De2-e1+ 41. Kh4-h5. Die Schachgebote gehen zur Neige, weshalb Capablanca wohl oder übel die Segel streichen musste.

 

2. Topalov – Shirov, Linares 1998
Stellung nach dem
47. Zug von Weiß

Nicht wenigen Schachfreunden gilt Shirovs Zug in dieser Stellung als der schönste Zug der Schachgeschichte. Doch auch wenn das insgesamt diskutabel bleibt, so ist der ästhetische Wert des Zuges 47… Lf5-h3!! in der Tat überwältigend. Der Zug räumt unter Tempogewinn den Weg für den schwarzen König ins weiße Lager und droht, falls der kecke Läufer nicht geschlagen wird, selbst den g-Bauer irgendwann einzusacken. Für die umfangreiche Analyse, die zwingenden Gewinn für Schwarz in allen Varianten ergab, ist hier leider kein Platz, so dass die Fortsetzung dieses unvergleichlichen Finales genügen muss: 48. g2xh3 Ke6-f5 49. Kg1-f2 Kf5-e4
50. Lc3xf6 d5-d4 51. Lf6-e7 Ke4-d3 52. Le7-c5 Kd3-c4 53. Lc5-e7 Kc4-b3. Topalov gab hier auf, denn nach dem unvermeidlichen 54… Kb3-c2 wird einer der Bauern zur Dame gehen.

 

3. Spassky – Fischer, Weltmeisterschaftskampf, 1. Partie, Reykjavik 1972
Stellung nach dem 29. Zug von Weiß

Kommen wir nun zu einem unvergesslichen Moment der Schachgeschichte. Im WM-Kampf des Jahrhunderts zwischen Boris Spassky und Robert James Fischer war die Spannung bereits vor der 1. Partie auf ein schier unerträgliches Maß gestiegen: dies war nicht weiter verwunderlich, denn das Säbelrasseln im Vorfeld des Kampfes zwischen den unversöhnlich und schwer bewaffnet sich belauernden Blockmächten USA und UdSSR im Kalten Krieg führte zu einem bis dato ungekannten Hype rund um das königliche Spiel. Sollte Fischer, dieser dreiste Amerikaner, wirklich den Sowjets die Schachkrone nach 24 Jahren ungebrochener Dominanz entreißen?
Angesichts der immensen Erwartungen im Vorfeld verlief diese 1. Partie des Kampfes geradezu enttäuschend und ernüchternd – bis zu diesem Moment jedenfalls. Viele Zuschauer, denen klar war, dass ein Remis das unvermeidliche Ergebnis sein würde, hatten sich bereits auf den Weg nach Hause gemacht, als sie von Fischers bis heute mythenumranktem, unglaublichem Fehler erfuhren und schleunigst kehrtmachten. Fischer leistete sich hier den „Anfängerfehler“, einen vergifteten Bauer zu schlagen und griff mit 29… Ld6xh2?? zu. Nach dem durchaus zu erwartenden 30. g2-g3 h7-h5 31. Kd3-e2 h5-h4 32. Ke2-f3 bemerkte Fischer das Malheur: das von ihm geplante 32… h4-h3? scheitert an 33. Kf3-g4 Lh2-g1 34. Kg4xh3 Lg1xf2 35. Lc1-d2!, wonach es für den gefangenen Läufer kein Entrinnen gibt. Er spielte stattdessen 32… Kf8-e7, worauf es mit 33. Kf3-g2 h4xg3 34. f2xg3 Lh2xg3 35. Kg2xg3 Ke7-d6 36. a3-a4 weiter ging. Die stärksten Engines heutiger Tage zeigen hier an, dass Schwarz nun mit 36… a7-a6 trotz allem ein Remis hätte erreichen können. Bleibt allerdings immer noch die Frage: weshalb um Himmels willen sollte Schwarz in einer ausgeglichenen Position ein Hasardspiel einleiten, das nur ihn selbst gefährdet? Für meine Begriffe wird Fischers ominöser 29. Zug auf ewig zu den großen Rätseln der Schachgeschichte gehören, denn über kaum einen anderen Zug ist so viel geschrieben und spekuliert worden. Fischer verlor übrigens im 56. Zug.
Fischer äußerte sich kaum zu dem Zug selbst, sondern begann jetzt erst recht mit seinen Psychospielchen: das Surren der Kameras würde ihn stören, die Beleuchtung würde nicht stimmen und noch vieles mehr. Zur 2. Runde trat Fischer erst gar nicht an, worauf der vollständige Eklat und der Abbruch des Kampfes drohte. Um das zu verhindern, ließ sich Spassky diplomatisch und im Grunde genommen lobenswert auf Fischers untragbare Forderungen ein, tappte damit aber in dessen Falle und holte aus den nächsten sechs Partien nur 1,5 Punkte. Partie 3 ist übrigens in der Rubrik mit den Springerzügen erwähnt, während Partie 6 bei den Bauernzügen zu finden ist.

 

4. D. Byrne – Fischer, New York 1956
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Dass er normalerweise auch bessere Läuferzüge beherrscht, bewies bereits der erst 13-jährige Bobby Fischer, als er hier die wiederholt zur „Partie des Jahrhunderts“ gekürte Perle produzierte. Schwarz scheint in Schwierigkeiten zu sein, da einfach zu viele seiner Figuren hängen. Fischer zog hier jedoch das von langer Hand geplante 17… Lg4-e6!! und opferte einfach seine Dame. Die Annahme des Läufers würde ein ersticktes Matt nach dem Damenschach auf b5 zulassen, und auch das Nehmen des Springers ist wegen 18… Db6xc5! keine ernsthafte Option. Byrne musste also wohl oder übel den Köder schlucken und geriet nach 18. Lc5xb6 Le6xc4+ 19. Kf1-g1 Sc3-e2+ in eine entsetzliche Zwickmühle. Nach 20. Kg1-f1 Se2xd4+ 21. Kg1-f1 Sd4-e2+ 22. Kg1-f1 Se2-c3+ 23. Kf1-g1 a7xb6 24. Da3-b4 hatte Weiß große materielle Verluste zu beklagen und verlor nach dem offensichtlichen 24… Ta8-a4 25. Db4xb6 Sc3xd1 letztlich chancenlos in 41 Zügen.

 

5. Karpov – Unzicker, Nizza 1974
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Wer mit Weiß den Spanier gegen 1… e7-e5 spielt, der ist sicherlich gut beraten, die Partien des 12. Weltmeisters der Schachgeschichte, Anatoly Karpov, gründlich zu studieren. Hier entwarf er ein zu jener Zeit vollkommen neues Konzept zur Entwicklung einer langfristigen Initiative, die durch beständiges Lavieren stetig ausgebaut wird.
In der Diagrammstellung hat Schwarz mit dem typischen Problemspringer auf b7 zu kämpfen, der in vielen Varianten des Tschigorin-Systems oftmals nutzlos herumzustehen droht. Diese Stellung bildet keine Ausnahme, doch ein Tausch der Schwerfiguren auf der a-Linie würde Schwarz schon wieder ein wenig dabei helfen, seine beengte Stellung etwas zu befreien. Genau dieser Absicht schob der künftige Weltmeister, gegen den Fischer 1975 ja nicht antrat, jedoch mit dem Sperrzug 24. Le3-a7!! einen Riegel vor. Im Schutze dieses Läufers, der aufgrund der ungelenken und beengten Stellung der schwarzen Figuren nicht belästigt werden kann, wird Weiß mit der Verdopplung der Türme die Kontrolle über die offene a-Linie erlangen und diese nach Gusto mit einem Abzug des Läufers wieder öffnen können. Außerdem hat Schwarz nun kein Gegenspiel am Damenflügel und wird am Königsflügel langsam zusammengeschoben. Es dauerte bis zur schwarzen Aufgabe zwar noch 20 Züge, doch ein besseres Beispiel dafür, weshalb man Karpovs Spiel oft mit einer Boa constrictor verglich, lässt sich kaum denken. Das Gefühl, die Gefahr zu erkennen und doch unerbittlich zusammengeschoben zu werden, kannten viele von Karpovs Gegnern zur damaligen Zeit.

 

Die Anziehungskraft der Felder h2 und h7 auf feindliche Läufer

 

6. Em. Lasker – Bauer, Amsterdam 1889
Stellung nach dem 14. Zug von Schwarz

Jeder halbwegs erfahrene Schachspieler ist mit dem klassischen Motiv des Läuferopfers auf h7 vertraut: meistens wird in der Französischen Verteidigung dieses Opfer gespielt, gefolgt von dem üblichen Schema Sf3-g5+ und Dd1-h5 mit raschem Matt. Da man in jeder Datenbank mühelos Hunderte von Partien mit dieser Idee finden kann, lohnt sich hier lediglich ein Blick auf besonders interessante, komplizierte oder herausragende Momente der Schachgeschichte.
Beginnen wir mit Dr. Emanuel Lasker, der in dieser Partie ein Motiv aufs Brett zauberte, das zwar jedem bekannt, aber doch so selten ist, dass man sich glücklich schätzen sollte, wenn man es einmal selbst aufs Brett zaubern darf: das doppelte Läuferopfer auf h7 und g7. In dieser berühmten Stammpartie erleben wir das thematische Opfer in Reinkultur: Lasker schlug hier nicht auf h5 zurück, sondern spielte 15. Ld3xh7+! Kg8xh7 16. De2xh5+ Kh7-g8 17. Le5xg7! Kg8xg7
18. Dh5-g4+ Kg7-h7 19. Tf1-f3 e6-e5 20. Tf3-h3+ Dc6-h6 21. Th3xh6+ Kh7xh6 und schließlich den Zug, ohne den die Kombination nur unklares Spiel ergäbe: 22. Dg4-d7! gewinnt einen der beiden Läufer und damit die Partie mühelos. Schwarz spielte noch bis zum 38. Zug weiter, konnte aber am Ausgang der Partie selbstredend nichts mehr ändern.

 

7. Nimzowitsch – Tarrasch, Sankt Petersburg 1914
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Wenn Tarrasch als Vertreter der alten Schule (wer kennt sein Buch Das Schachspiel nicht?!) und Nimzowitsch als Vorreiter der Hypermodernen aufeinander trafen, dann prallten die Spielauffassungen mit voller Wucht und unvermittelt aufeinander. Dass Tarrasch das seltene Vergnügen des doppelten Läuferopfers ausgerechnet gegen seinen erbittertsten ideologischen Gegner zuteil wurde, dürfte ihn ausgesprochen gefreut haben, zumal das Ende dieser Partie, in welcher der weiße König letztlich auf d7 matt gesetzt wird, wirklich sehenswert ist. Nimzowitsch hätte anstelle des soeben geschehenen 19. e3xd4? mit dem Zug 19. e3-e4 dem Spuk ein Ende bereiten können; jetzt hingegen schlägt der Blitz ein. Nach dem rigorosen und überaus kräftigen Opferreigen 19… Ld6xh2+! 20. Kg1xh2 De7-h4+ 21. Kh2-g1 Lc6xg2! muss Weiß das zweite Opfer ablehnen, da sonst 22… Dh4-g4+ nebst 23… Td8-d5 gewinnt.
Aaron Nimzowitsch setzte mit 22. f2-f3 fort, geriet aber nach 22… Tf8-e8! 23. Sd2-e4 Dh4-h1+ 24. Kg1-f2 Lg2xf1 25. d4-d5 f7-f5! 26. Dc2-c3 Dh1-g2+ 27. Kf2-e3 Te8xe4+! 28. f3xe4 f5-f4+! in einen denkwürdigen Angriffswirbel, den Tarrasch mit der forcierten Zugfolge 29. Ke3xf4 Td8-f8+ 30. Kf4-e5 Dg2-h2+ 31. Ke5-e6 Tf8-e8+ 32. Ke6-d7 Lf1-b5# krönte!
Klar, dass diese Partie einen Ehrenplatz in Tarraschs Karriere einnahm!

 

8. Rubinstein – Teichmann, Wien 1908
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

In den wechselvollen Jahren vor dem 1. Weltkrieg galt der polnische Meister Akiba Rubinstein als einer der stärksten – wenn nicht der stärkste – Spieler seiner Generation. Der amtierende Weltmeister, Dr. Emanuel Lasker, schaffte es irgendwie immer, ihm als Herausforderer auf den Schachthron auszuweichen (damals benannte der Weltmeister die Gegner noch selbst) und seine Krone bis 1921 zu behalten. Wäre es zwischen Rubinstein und Lasker jemals zu einem WM-Kampf gekommen, dann hätte sich Lasker sicher tüchtig strecken müssen. So hingegen wählte er oft etwas schwächere Gegner als Herausforderer und behielt den höchsten Titel insgesamt unangefochtene 27 Jahre lang – wohl ein Rekord für die Ewigkeit.
Hier erleben wir Rubinstein in eher ungewohnter Rolle, denn unglaubliche 80 Prozent seiner Partien mündeten in Turmendspiele, die er überdies mit einer Virtuosität behandelte, die allenfalls von Fischer oder Carlsen später noch getoppt wurde. Hier hingegen hat er sich in einem Orthodoxen Damengambit bereits klare Vorteile in dem Wettrennen um den schnelleren Angriff gesichert – dennoch ist es erstaunlich, dass auch in dieser Stellung das Läuferopfer auf h7 so gut funktioniert, obwohl sonst keines der typischen Angriffselemente vorhanden zu sein scheint. Moderne Engines bestätigen die Korrektheit der kühnen Konzeption Rubinsteins, denn die Linienöffnung am Königsflügel hat oberste Priorität und rechtfertigt das Opfer einer Figur allemal. Rubinstein spielte hier unbeirrbar 18. Lf5xh7+!! Kg8xh7 19. g5-g6+ Kh7-g8 20. Sc3xe4 (noch stärker war das unverzügliche 20. h5-h6!) 20… d5xe4 21. h5-h6! f7-f6 22. h6xg7 und brachte die Partie vier Züge später sicher nach Hause.
Heutzutage kennt man solche Kapriolen aus Varianten der Sizilianischen Verteidigung mit Angriffen auf entgegengesetzten Flügeln gut, doch das für die damalige Zeit unerhörte Konzept muss auf die Zeitgenossen gehörigen Eindruck gemacht haben.

 

9. Hommeles – Skoblikov, Rotterdam 1992
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Hier haben wir es dagegen mit dem äußerst seltenen Fall zu tun, dass sich ein Läufer auf h7 weder mit Schachgebot noch mit einem Schlagzug opfert. Man kann sich gut vorstellen, dass Schwarz hier nach dem unwahrscheinlichen Zug 22. Le4-h7!!, der dem schwarzen König den Fluchtweg abschneidet, möglicherweise vom Stuhl fiel! Kaum zu glauben, aber der Nachziehende steht nach diesem dreisten Läuferausfall in allen Varianten – die zudem nicht so schwer zu berechnen sind – glatt auf Verlust. Beispielsweise würde der Zug 22… Le7-d6 auf die starke Antwort 23. De3-e8+! mit Gewinn treffen.
Anstatt die Ästhetik dieses Zuges zu würdigen und getrost aufzugeben, spielte Schwarz leider 22… Dd8-d7 und zögerte die unvermeidliche Aufgabe noch um vier Züge hinaus.

 

Überraschende Abtausche

 

10. Bronstein – Petrosjan, Amsterdam 1956
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Eine bemerkenswerte Abtauschidee, die von völlig unvoreingenommenem Denken zeugt, präsentierte der künftige Weltmeister hier: obwohl der Fianchettoläufer des Nachziehenden hier seine beste Figur zu sein scheint, tauschte sie Petrosjan mit 17… Lg7xc3!! nun ab. Er erhält im Gegenzug eine ganze Reihe nicht zu unterschätzender anderer Vorteile: durch den nun entstehenden Doppelbauer hat Weiß keine Hebelzüge am Damenflügel mehr, der nun beseitigte Springer wird nicht mehr auf das ideale Blockadefeld e3 gelangen können, und der einzige realistsiche Hebel, der Weiß noch verbleibt – nämlich g2-g4 – wird nicht durchzusetzen sein. Nach 18. b2xc3 Sd7-f6 19. a3-a4 Kg8-h8 20. Sh3-f2 Tf8-g8 21. Kg1-h1 Dd8-e8 22. Te1-g1 De8-g6 hielt Petrosjan leicht Remis im 29. Zug. Sein nahezu allumfassendes Verständnis für Bauernstrukturen sowie die Stärken und Schwächen von Figuren war stets ein Markenzeichen des Armeniers gewesen, der wohl aufgrund seines wenig spektakulären Stils immer noch unterschätzt ist.
Der defensive Abtauschzug Petrosjans verdient für meine Begriffe allein schon wegen seiner Kühnheit definitiv zwei Ausrufezeichen, auch wenn der spätere Weltmeister die Partie nicht gewann. Zum einen versiegte danach aber die weiße Initiative, und zum anderen konnte Michail Tal als Nachziehender siebzehn Jahre später mit derselben Idee einen wichtigen Sieg gegen Jan Timman einfahren (Tallinn 1973). In den Zeiten ohne Datenbanken war es durchaus denkbar, dass sich solch eine Idee also selbst nach siebzehn Jahren noch nicht überall herumgesprochen hatte, obwohl das vorliegende Partiefragment immerhin im Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft 1957 gespielt wurde. Wer mit Schwarz Königsindisch spielt oder mit Weiß die Sämisch-Variante favorisiert, sollte diese unorthodoxe Idee daher unbedingt kennen.

 

11. Razuvaev – Vaganian, Kislovodsk 1982
Stellung nach dem 4. Zug von Schwarz

Der sowjetische Großmeister und erfahrene Trainer Yuri Razuvaev ersann hier ein Konzept, auf das nur die Wenigsten gekommen wären und das vermutlich auch heute noch gut genug wäre, um viele Meisterkandidaten zu überraschen. Er zog unerwartet 5. Lg5xf6!, was auf den ersten Blick nicht sonderlich logisch erscheint. Zum einen war der Läufer ja nicht angegriffen, und zum anderen bekommt Schwarz nicht mal einen Doppelbauer nach diesem Zug. Nach den weiteren Zügen 5… Db6xf6 6. c2-c3 g7-g6 7. e2-e4 Df6-b6 8. Sb1-d2 d7-d6 9. a2-a4! b5xa4 stellte sich allerdings heraus, dass die Zugfolge 10. Sd2-c4 Db6-c7 11. Dd1xa4+ Sb8-d7 12. Da4-c6! Weiß klaren Vorteil verspricht, den Razuvaev im 28. Zug zum Sieg verdichtete. Die freiwillige Preisgabe des Läuferpaars nur für dynamische Vorteile macht auch heute noch gehörigen Eindruck. Natürlich wurden für Schwarz später Verbesserungen gefunden, aber die prinzipielle Idee hinter Razuvaevs Konzept nehmen starke Spieler auch heute noch ernst.

 

12. Kasparov – Karpov, Weltmeisterschaftskampf, 8. Partie, Sevilla 1987
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Die Entscheidung, die Garri Kasparov hier traf, dürfte all diejenigen, die diese Partie nicht kennen, immer noch überraschen. Der Weltmeister tauschte hier unerwartet mit 17. Lg5xe7! seinen „guten“ Läufer ab und bewies im weiteren Partieverlauf damit hervorragendes Positionsverständnis. Entscheidend ist nicht so sehr, was das Brett verlässt, sondern was darauf verbleibt. Springer sind in blockierten Stellungen tendenziell stärker als Läufer, und außerdem wird mit diesem Zug ein Verteidiger des geschwächten Feldes d5 beseitigt. Karpov hingegen verbleibt mit dem passiven Springer auf b7 und dem Läufer auf g7, dem es an einer langfristigen Perspektive fehlt. Nach 17… De8xe7 befreite Kasparov seinen eigenen Läufer mit 18. e4xf5. Schlägt Schwarz mit dem g-Bauer zurück, dann sieht 19. Sc3-d5, gefolgt von 20. f2-f4 gut aus. Karpov nahm mit dem Läufer und musste sich nach 19. Sc3-d5 De7-d7 20. Dc1-d2 ebenfalls mit einer passiven Stellung herumquälen. Kasparov verstärkte systematisch den Druck, ehe er schließlich im 42. Zug (!) den Hebel mit 42. f2-f4 ansetzte und eine strategische gewonnene Stellung erlangte, die er im 50. Zug zu einem wichtigen Sieg führte.
Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Magnus Carlsen, der wie kein Zweiter die Vorzüge von Springern und Läufern einschätzen kann, von diesem Beispiel auch einiges gelernt haben dürfte.

 

13. Karpov – Shirov, Biel 1992
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Ich staune immer wieder, wie wenig bekannt dieses echte Meisterwerk von Karpov ist. Wer außer ihm wäre in dieser Stellung auf die Idee gekommen, hier das völlig unerwartete, aber bärenstarke 21. Lb2xe5!! zu ziehen? Kaum ein anderer Spieler verfügte über ein derart feines Gespür, wenn es darum ging, einen Vorteil in einen anderen einzutauschen. Der vermeintlich starke Läufer auf b2 beißt bei genauerem Hinsehen auf Granit, weshalb ihn Karpov gehen den Zentralspringer Shirovs eintauscht und dabei eine Bresche in die schwarze Bauernfestung am Königsflügel schlägt. Nach 21… De7xe5 22. Le2-d3! sah sich Schwarz mit einer unangenehmen Schwächung seiner Festung konfrontiert. Nach dem erzwungenen 22… h7-h6 (22… g7-g6? würde das typische Opfer auf g6 zulassen) 23. Ld3-g6! Te8-f8 24. Sg3-f5 wollte Schwarz um jeden Preis Gegenspiel erlangen und zog 24… c6-c5. Es folgte 25. a4xb5 a6xb5 26. Ta1-a7! mit Ausbau der Initiative und späterem Sieg im 32. Zug, der hauptsächlich auf die Dominanz auf den weißen Feldern zurückzuführen war.

 

Ungewöhnliche Manöver

 

14. Rubinstein – Schlechter, San Sebastian 1912
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Das strategische Verständnis des polnischen Meisters Akiba Rubinstein übertraf das der allermeisten seiner Zeitgenossen um Längen. Hier sehen wir das vielleicht berühmteste Beispiel dafür, obwohl sein Gegner Carl Schlechter zu den stärksten Kontrahenten jener Zeit gehörte.
Zur Erinnerung: im WM-Kampf von 1910 gegen Dr. Emanuel Lasker führte er bis zur letzten Partie. Nur durch eine waghalsige Strategie gegen den ausgesprochen zähen Verteidiger konnte Lasker den Ausgleich in der letzten von zehn Partien erzielen – es war der einzige Sieg Laskers in den gesamten zehn Partien. Vor diesem Hintergrund mutet die fast schon selbstverständliche Leichtigkeit, mit der Schlechter hier überspielt wurde, nochmals beeindruckender an.
Boris Gelfand, ein glühender Verehrer Rubinsteins, hebt die Sonderstellung dieser Partie ebenfalls mit glorreichen Worten hervor. Sein Lob bezieht sich vor allem auf den Zug, den Rubinstein hier spielte. Mit 13. Lf1-b5!! bewies Rubinstein ein Gespür für die Stellung, das für die damalige Zeit unerhört war. Es ist klar, dass Weiß den Läufer entwickeln sollte, um seinem schlummernden Turm auf der c-Linie ein Betätigungsfeld zu verschaffen. Wieso aber nicht den Läufer nach d3 stellen? Nun, Rubinstein dachte in prophylaktischen Bahnen und erkannte, dass in diesem Fall der schwarze Springer nach c6 geht und Schwarz keine allzu großen Probleme hat. Mit seinem Textzug könnte Weiß aber in diesem Falle dem Gegner durch den Abtausch sofort einen extrem schwachen Bauer verpassen
. Es scheint zunächst unverständlich, weshalb Weiß den Partiezug 13… a7-a6 provozieren sollte, doch nach dem „Tempoverlust“ 14. Lb5-d3! zeigten sich die Vorzüge von Rubinsteins Konzept. Das Feld b6 ist nun geschwächt, und im Falle von b7-b5 steht Weiß mit dem Bauernhebel a2-a4 immer eine unangenehme Option zur Verfügung. Außerdem droht Weiß zügig mit dem Eindringen seines Turms nach c7. Schlechter setzte die Partie fort mit 14… Tf8-d8 15. Th1-c1. Nach 15… Sb8-c6 würde Weiß einfach 16. Kd2-e3 und Schwarz das Grübeln überlassen, wie er seine Entwicklung nun fortzusetzen gedenket. Schlechter bevorzugte daher 15… b7-b5, wurde aber nach 16. Tc1-c7 in 39 Zügen praktisch chancenlos überspielt. Alle Experten sind sich einig, dass Rubinsteins Eingebung einer der genialsten Züge der Schachgeschichte ist, obwohl er doch so unspektakulär daherkommt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum erstaunlich wenige Amateure diese Partie kennen. Jedenfalls lohnt sich das Studium von Partien der alten Meister immer noch – erst recht dann, wann man bei Rubinstein etwas über Turmendspiele lernen will.

 

15. Speelman – Koneru, Torquay 2002
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Liebend gerne würde Weiß in dieser Stellung die Kontrolle über die geschwächte Diagonale a1-h8 übernehmen, doch wie soll dies gelingen? Der Druck gegen den Bauer d4 kann nicht sinnvoll verstärkt werden, da Weiß selbst immer seinen schwächelnden Bauer auf d3 im Auge behalten muss. Speelman fand einen erstaunlichen Weg, indem er seinen Läufer mit 16. Lb2-a3!! von der besagten Diagonale sogar freiwillig abzog! Nach 16… Sc6-b4 scheint immer noch alles in Ordnung, doch es folgte das unerwartete 17. Sb5xd4!! Lf6xd4 18. Sf3xd4 Dd8xd4 19. La3-b2!. Die schwarze Stellung hängt nun am seidenen Faden und könnte höchstens noch mit der Akkuratesse eines Computers verteidigt werden. Nach den weiteren starken Zügen 19… Dd4-d6 20. Dd2-h6 Se8-f6 21. c4-c5 Dd6-d8 22. Te1-e5!! mit der Drohung, auf f5 zu nehmen, erkennt auch der Computer, dass Schwarz auf verlorenem Posten steht. Nach 22… Dd8-d7 (auf das gierige 22… Sb4xd3 folgt 23. Ta1-d1, während das kaum bessere 22… Lf5xd3 auf 23. Te5xh5!! trifft) verpasste Speelman leider den sofortigen Knockout mit dem Bilderbuchzug 23. Te5-e8!!, gewann aber auch so vier Züge später.

 

16. Anand – Karpov, Las Palmas 1996
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Die Aufnahme dieses Beitrags wird bei einigen Schachfreunden zunächst vielleicht für Unverständnis sorgen, weil es gar nicht so leicht fällt, die Meriten des Zuges, den Anand hier wählte, zu würdigen. Der Inder selbst bezeichnete ihn aber als den „schwersten Zug der gesamten Partie“, der ein Positionsverständnis verrät wie es nur ganz große Spieler haben. Normalsterbliche hätten hier wohl nach Wegen gesucht, um den Druck gegen den isolierten Bauer auf d5 zu erhöhen. Anand hingegen erkennt, dass dieser Weg nicht existiert und beordert seinen vermeintlich gut stehenden Läufer deswegen mit 17. Lf3-e2!! auf saftigeres Terrain. Der Zug sichert nicht nur den b-Bauer, sondern droht die Überführung des Läufers nach d3, von wo aus er viel mehr Unheil anrichten kann als auf f3. Wenn man es erst einmal sieht, dann ist der Plan recht klar. Das bewies auch die Partie: nach 17… a6xb5 18. Tb1xb5 Db6-c7 19. Lc1-f4 Le7-d6 20. Le2-d3 Lb7-a6 stand Anand am Scheideweg. Er entschied sich hier gegen 21. Tb5xd5 (was die anwesenden Kommentatoren einhellig erwarteten), da er kein langes Endspiel mit Remischancen für Schwarz wollte, sondern opferte stattdessen mit 21. Ld3xh7+!! den Läufer. Objektiv gesehen kann sich Schwarz noch verteidigen, aber Karpovs knappe Bedenkzeit und der schmale Grat, auf dem Schwarz wandeln muss, überzeugten Anand, das Opfer zu spielen. Nach 21… Kg8xh7 22. Dd1-h5+ Kh7-g8 23. Tb5-b3! setzte Karpov mit 23… Ld6xe5? aufs falsche Pferd und verlor rasch nach 24. Tb3-h3!. Einzig 23… f7-f6 hätte Überlebenschancen versprochen, doch leider ist die ausgesprochen komplizierte Analyse hier zu platzraubend. Ich verweise daher exemplarisch auf Zenon Francos Buch Anand – Move by Move.

 

17. van Foreest – Leko, Isle of Man 2016
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz


Der junge niederländische Meister hatte einen Bauer geopfert und seinem illustren Gegner Peter Leko dafür bereits einige Zugeständnisse abgerungen: Raumvorteil und das Läuferpaar für Weiß sowie eine etwas exotische schwarze Königsstellung. Doch wie soll Weiß dies verwerten, da sein Läuferpaar unweigerlich aufhören wird zu existieren? Nach normalen Zügen wie 21. Dd1-d2 oder 21. Lf4-d2 tauscht Schwarz einfach die Läufer ab und spielt anschließend seine Dame nach g5. Es gibt jedoch Dinge im Leben eines Schachspielers, die schlichtweg unfassbar sind: van Foreests Zug wird auch von Stockfish umgehend als sein Favorit – mit klarem Vorteil für Weiß – angezeigt. Die Logik hinter dieser Stellung besteht darin, dass Weiß einen Tempoverlust, der mit einer Tauschdrohung gegen seine Dame verbunden ist, vermeiden muss. Daher zog Weiß in dieser Stellung 21. Lf4-c1!!, um im Falle eines Tausches mit dem Turm wiedernehmen zu können und ein ganzes Tempo zu sparen. Wegen der unangenehmen Drohung 22. Sg3-e4 geschah nun tatsächlich 21… Lg5xc1 22. Ta1xc1 mit starker Kompensation für Weiß, die er in einen Angriff umwandelte und im 54. Zug zum Sieg verdichtete.
Als Randnotiz sei noch angemerkt, dass die stärksten Engines die Zugfolge 21. Sg3xh5!! Kh6xh5 22. Ta1-a3! nach längerer Berechnung noch deutlicher favorisieren. Hätte van Foreest diese spektakuläre Option gewählt, dann wäre diese Partie vielleicht noch berühmter geworden!

 

Theoretische Neuerungen

 

18. Browne – Bisguier, Chicago 1974
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

In einer Zeit, als noch keine Engines massiv in die Eröffnungsvorbereitung eingriffen, waren Entdeckungen vom Kaliber des folgenden Beispiels die absolute Ausnahme. Der Zug des amerikanischen Großmeisters Walter Browne ist und bleibt für mich eine der stärksten Neuerungen aller Zeiten. Heutzutage kennen passionierte Russisch-Anhänger diese Idee natürlich, aber zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung kam sie einer Sensation gleich. Bisguier hatte wie schon viele andere vor ihm in dieser Stellung hier soeben 13… c7-c6? gezogen (stärker ist das Bauernopfer 13… Lf5-e6 14. Dc3xc7 Le7-d6, gefolgt von 15… 0-0) und wurde nun von Brownes Zug 14. Lc1-h6!! kalt erwischt. Die wunderschöne Pointe zeigt sich nach der Zugfolge 14… g7xh6 15. Te1-e5 Dd5-d7 16. Ta1-e1 Lf5-e6 17. d4-d5! mit Röntgenangriff auf den im Eck schlummernden Turm und klarem Vorteil für Weiß. Bisguier wählte daher 14… Th8-g8, wurde aber der Schwierigkeiten nach 15. Te1-e5 Dd5-d7 16. Ta1-e1 Lf5-e6 17. Sf3-g5! nicht mehr Herr. Da nun das wünschenswerte 17… g7xh6 auf 18. Sg5xe6 f7xe6 19. Te5xe6 Tg8-g7 20. d4-d5 träfe, muss Schwarz zwei Drohungen parieren: den Vorstoß d5-d6 und den Angriff auf seinen hängenden Turm. Nach 20… Ke8-f8 macht dann 21. Dc3xg7+! sofort alles klar. Bisguier verschonte den kecken Läufer daher erneut mit 17… 0-0-0, verlor aber nach 18. Sg5xf7! das Endspiel im 40. Zug.

 

19. Sax – Seirawan, Brüssel 1988
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

Im heutigen Computer-Zeitalter käme eine solche Neuerung nicht mehr überraschend, aber im Jahre 1988 führte Seirawans Zug dazu, dass eine bis dato als unspielbar geltende Variante plötzlich zu einer der meist diskutierten Hauptvarianten gegen die Pirc-Verteidigung wurde. Scheinbar ist die Aufgabe der Partie die folgerichtige Maßnahme, denn alles hängt bei Schwarz. Seirawan zog hier aber 10… Lg7xd4!! und hauchte somit einem ganzen Variantenkomplex neues Leben ein. Der ungarische Großmeister Gyula Sax begutachtete die Stellung sehr lange und entschied sich schließlich dafür, das Damenopfer anzunehmen und damit die Punkteteilung durch Dauerschach zuzulassen. Weniger friedfertige Spieler wählen hier heutzutage 11. Sc3xb5, was sich nach erschöpfenden Analysen als die stärkste weiße Option herauskristallisiert hat. Eine endgültige Beurteilung der Variante steht aber bis zum heutigen Tage noch aus.

 

20. Anand – I. Sokolov, Lyon 1994
Stellung nach dem 10. Zug von Schwarz

Der letzte Zug von Weiß, 10. Sf3-g5!, war bereits seit dem WM-Kampf 1978 zwischen Karpov und Korchnoi bekannt, gilt aber immer noch als eine der kritischen Optionen für Weiß. In dieser Stellung spielte der bosnische Großmeister nicht etwa 10… Dd8xg5, was auf 11. Dd1-f3 trifft und schon etliche Male zuvor gespielt wurde, sondern die Neuerung 10… Le6-d5?, die Anand mit einem Ausrufezeichen versah und ihm letztlich tatsächlich eine Niederlage einbrachte. Als ich seinerzeit diese Partie studierte, empfand ich das Springeropfer auf f7 zumindest als verlockend. Kurze Zeit später erhielt ich dafür tatsächlich die Bestätigung: die vermeintlich starke Neuerung Sokolovs wurde rasch entsorgt, als Judit Polgar nur wenige Wochen danach gegen Mamedyarov mit Glanz und Gloria in dieser Stellung siegte: 11. Sg5xf7! Ke8xf7 12. Dd1-f3+ Kf7-e6 13. Df3-g4+. Nun könnte man denken, Weiß habe nicht mehr als Dauerschach, doch nach 13… Ke6-f7 zeigte sich rasch, dass die mangelnde Koordination der schwarzen Steine einfach zu schwerwiegend ist: nach 14. Dg4-f5+ Kf7-e7 15. e5-e6! Ld5xe6 16. Tf1-e1! Dd8-d6 17. Lb3xe6 Sc5xe6 machte Polgar mit 18. Sd2-e4 Dd6-e5 19. Lc1-g5+ Ke7-d7 20. Se4-c5+! Lf8xc5 21. Df5-f7+! Kd7-d6 22. Lg5-e7+ kurzen Prozess. Nach 22… Kd6-d5 gab der Aserbaidschaner zugleich auf, da er nun matt wird. Die vernichtende Niederlage Mamedyarovs lehrt uns, keinen Zug unkritisch zu übernehmen!

 

21. Shariyazdanov – Riazantsev, Biel 2004
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

In dieser scharfen Variante eines Abspiels im Flohr-Mikenas-Angriff (1. c4 Sf6 2. Sc3 e6 3. e4) hat Weiß für dynamische Vorteile strukturelle Schwächen in Kauf genommen. Wenn er aus seiner Stellung etwas herausholen will, dann muss er Schwarz vor allem an einer gar zu reibungslosen Entwicklung seiner Stellung hindern und ihm nach Möglichkeit die Rochade verwehren. Letzteres scheint unmöglich zu sein, doch nach dem dreisten Zug 12. Lg5-h6!! ist dies gar nicht so weit hergeholt! Der Läufer ist wegen der Spießdrohung auf h5 tabu, doch diesen Zug will Weiß als nächstes sowieso spielen, um g7-g6 zu provozieren und die Rochade zu verhindern, falls Schwarz den Läufer auf f8 zu entwickeln gedenkt. Schwarz entschied sich für das sofortige 12… g7-g6 und hatte nach 13. Dd1-d2 immer noch gewisse Schwierigkeiten mit seiner Entwicklung. Er wählte daraufhin 13… Sb8-a6 14. 0-0 Lf8xh6 15. Dd2xh6 Lc8-d7 16. Le2-f3 0-0-0 und verlor im 33. Zug. Übrigens sieht Stockfish die weiße Stellung trotz der Doppelbauern als klar besser für Weiß an.

 

22. Chernyshov – Grischuk, Sochi 2005
Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz

Dies ist eines der schärfsten Abspiele im Trompowsky-Angriff, das schon viele ahnungslose Schwarzspieler schnell in eine missliche Lage zu bringen vermochte.
Leider ist weder gesichert, ob Großmeister Chernyshov tatsächlich als Erster die nun folgende Neuerung spielte (laut meiner Datenbank war es die Premiere) noch wie Grischuk darauf äußerlich reagierte. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass auch mir jüngst ein Spieler mit knapp 2400 ELO vor die Flinte lief und ich das Glück hatte, genau diese Variante endlich einmal in einer Turnierpartie ausprobieren zu dürfen (nachdem ich zuvor schon so manchen starken Gegner in Blitzpartien aus dieser Stellung heraus mit Leichtigkeit besiegt hatte). Sie brachte mir eine klar gewonnene Stellung und eine verzweifelte Gestik seitens meines Gegners ein, der sich mit Ach und Krach in ein Remis retten konnte. Was konnte jedoch meinen Gegner so aus der Fassung bringen? Es war der Zug 9. Lf4-c7!!, der einen unvorbereiteten Kontrahenten ganz schnell ins Schwitzen bringen kann. Nun gibt es kein leichtes Entkommen für die Dame, die ständig unter Tempogewinn gescheucht werden wird und verloren zu gehen droht. Übrigens unterlag auch Grischuk seinem 200 ELO-Punkte schwächer eingestuften Gegner.
Fazit: der Trompowsky-Angriff lebt!

 

23. Ponomariov – Al-Modiakhi, Las Vegas 1999
Stellung nach dem 7. Zug von Schwarz

In dieser Theoriestellung aus der Taimanov-Variante im Sizilianer wagte es der ukrainische Großmeister als erster, auf so hoher Ebene ein Figurenopfer zu spielen, das (dies sei der Fairness halber vermerkt) einige wenige Male zuvor auf wesentlich niedrigerer Ebene zu sehen war. Die Rede ist von dem Figurenopfer 8. Le3-b6!?, das heute gut bekannt ist, aber zu jener Zeit für einiges an Aufsehen sorgte, zumal die Computer der damaligen Zeit noch längst nicht so hilfreich beim Analysieren wie die Top-Engines heutiger Tage waren. Ponomariov holte in dieser Partie und kurze Zeit danach gegen den Großmeister Ivan Ivanisevic zwei relativ leichte Siege. Wenn diese Variante heutzutage aufs Brett gekommt, geschieht hier fast immer die praktisch erzwungene Zugfolge 8… a6xb5 9. Sc3xb5 Lf8-b4+ 10. c2-c3 Lb4-a5 11. Sb5-c7+ Db8xc7 12. Lb6xc7 La5xc7 13. Dd1-g4 mit großen Verwicklungen. Das Konzept, die Dame gegen drei Figuren zu gewinnen und eine Schwächung der schwarzen Bauernstruktur am Königsflügel zu provozieren, ist interessant und zeigt, dass das unerschöpfliche Schachspiel immer wieder aufs Neue von brillanten Ideen bereichert werden wird.

 

Tragische Patzer

 

24. Chigorin – Steinitz, Weltmeisterschaftskampf 1892, 23. Partie
Stellung nach dem 31. Zug von Schwarz

Das Geschehen im WM-Kampf von 1892 driftete unweigerlich auf die Klimax zu. Allen Beteiligten war klar, dass Michail Chigorin diese Partie gewinnen und den Matchstand egalisieren würde.
In dieser scharfen, objektiv aber unzweifelhaft für Weiß gewonnenen Stellung hätte der Herausforderer hier mit 32. Te7xb7! für klare Verhältnisse sorgen können. Darauf helfen weder die Optionen 32… Lg6-h5 33. Tb7-b3 Td2xd5 34. Se6-f4 noch 32… Td2xd5 33. Se6-f4. Die Nervenanspannung muss kolossal gewesen sein, denn stattdessen unterlief Chigorin hier einer der schlimmsten Fehler der gesamten Schachgeschichte: er spielte hier 32. Ld6-b4?? und wurde daraufhin zweizügig mattgesetzt. Anstatt den Wettkampfstand mit einem Sieg in dieser vorletzten Partie auszugleichen, kostete dieser Patzer Chigorin das gesamte Match. Ein schlimmerer Fehler ist auf diesem Niveau wohl noch kaum gemacht worden. Es ist ausgesprochen tragisch, wenn ein solcher Schnitzer die Anstrengungen möglicherweise eines ganzen Lebens derart zunichte macht.

 

25. Christiansen – Karpov, Wijk aan Zee 1993
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

   

Selbst (ehemalige) Weltmeister sind nicht vor einfachsten Fehlern gefeit – wie dieses Beispiel zeigt. Hier sehen wir den meines Wissens einmaligen Fall, dass Anatoli Karpov in der Eröffnung eine Figur verlor. Er zog hier nämlich 11… Lf8-d6?? und gab die Partie nach 12. Dc2-d1! auf, da ohne jede Kompensation wahlweise der Läufer oder der Springer verloren geht.
Karpov erklärte seinen persönlichen „Jahrhundertfehler“ damit, übermüdet gewesen zu sein und hakte die Geschichte offenbar schnell ab. Trotz des Schnitzers setzte er sich in seiner Knockout-Runde gegen den amerikanischen Großmeister letztlich in der Verlängerung durch.

 

26. Karpov – Bareev, Linares 1994
Stellung nach dem 35. Zug von Weiß

Die Turnier-Performance von Anatoli Karpov aus dem denkwürdigen Turnier von Linares im Jahre 1994 ist selbst bis heute meines Wissens nicht übertroffen. In dem 13-rundigen Turnier setzte er sich seinerzeit mit 11 Punkten durch und düpierte dabei die versammelte Weltelite. Kasparov und Shirov teilten sich den zweiten und dritten Rang mit 8,5 Punkten. Karpov spielte zweifellos teils sehr stark (man denke an seine berühmte Partie gegen Topalov aus diesem Turnier), profitierte aber auch teils vom schwachen Spiel seiner Gegner. Kein Mensch vermag jedenfalls zu sagen, wie sich das Turnier für Karpov, der mit sechs Siegen ensuite (!) startete, entwickelt hätte ohne das hier vorliegende dramatische Geschehen in der 2. Runde.
In diesem erlesenen Teilnehmerfeld gehörte Großmeister Jewgeni Barejew (der letztlich ziemlich überraschend Vierter wurde) sicherlich zu den eher schwächeren Teilnehmern – umso erstaunlicher, dass er mit den schwarzen Steinen dem hohen Favoriten Paroli bot und in dieser Stellung sogar die Chance gehabt hätte, mit dem einfachen und naheliegenden Turmtausch die minimal besseren Chancen zu erlangen, obwohl ein Remis das wahrscheinlichste Ergebnis bliebe. Stattdessen spielte er einen unfassbar grotesken Zug, der auch nach wiederholtem Betrachten unerklärlich bleibt und mit dem Karpov in hundert Jahren nicht rechnen durfte. Es geschah hier nämlich 35… Lb6-a7??, was natürlich ein einzügiges Selbstmatt gestattet und von Karpov dankbar angenommen wurde. Was denkt man sich bloß bei einem solchen Zug?
Mir fällt dazu nur ein Bonmot von Tartakower ein:
„Manchmal ist eine ganze Partie auf nur einen einzigen Fehler zugeschnitten.“

 

27. Zapata – Anand, Biel 1988
Stellung nach dem 5. Zug von Weiß

Diese topaktuelle Variante der Russischen Verteidigung, die inzwischen unangefochten zur neuen Hauptvariante dieser gesamten Eröffnung erklärt wurde, war zu jener Zeit lediglich eine wenig beachtete Nebenvariante, der die meisten Schwarzspieler wohl kaum viel Zeit widmeten. Das ist dennoch keine Entschuldigung dafür, dass der noch junge indische Superstar Vishy Anand hier 5… Lc8-f5?? blindlings einer Partie aus dem Informator von 1987 folgte, in welcher Großmeister Larry Christiansen mit Schwarz genau so spielte und sein Gegner Tony Miles die unverhoffte Chance nichtsahnend verstreichen ließ. Miles beantwortete diesen Zug erstaunlicherweise mit dem schwachen 6. Sc3xe4?, während Anands Gegner, der kolumbianische Großmeister Alonso Zapata, es viel besser machte und hier unerwartet 6. Dd1-e2! zog. Anand musste den Preis für seine Leichtgläubigkeit bezahlen und die Partie bereits aufgeben, denn nach dem erzwungenen 6… Dd8-e7 würde Weiß nach 7. Sc3-d5 De7-d8 8. d2-d3 einfach eine Figur gewinnen. Dass auch ein Vishy Anand in sechs Zügen verlieren kann, zeigt, dass kein Fehler unmöglich ist.
Heutzutage wird übrigens in der Diagrammstellung praktisch ausschließlich 5… Se4xc3 gezogen.

 

28. Nisipeanu – Ivanchuk, Las Vegas 1999
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Vasily Ivanchuk dürfte einer der genialsten Spieler aller Zeiten sein, doch seine schwachen Nerven spielten ihm wiederholt einen bösen Streich – ein absurdes Beispiel dafür sehen wir hier. Der Ukrainer überlegte ohne wirklich ersichtlichen Grund seit mehr als einer Viertelstunde an dieser Stellung, die ihm zwei nahezu gleichwertige Fortsetzungen bietet (nämlich 13… Lc5-d6 und 13… Lc5-d4). Dann der Schock: es folgte hier allen Ernstes 13… Lc5xf2+??. Offenbar hatte Ivanchuk die ganze Zeit die Folgen des Qualitätsgewinns nach 14. Kg1xf2 Dd5-d4+ berechnet. Es ist allerdings nicht sonderlich überraschend, dass Nisipeanu mit der Dame auf f2 zurücknahm, worauf Ivanchuk entgeistert aufs Brett starrte, daraufhin wortlos den Turniersaal verließ und für den Rest des Tages nicht mehr gesehen ward.
Wie erklärt man einen solchen Aussetzer?

 

Zwischenzüge

 

29. Taimanov – Larsen, Vinkovci 1970
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Bis hierhin hatte Mark Taimanov keine allzu gute Partie gespielt und auf Biegen und Brechen versucht, der Partie mit einem verzweifelten Angriff eine Wende zu geben. Er hat in der Diagrammstellung einen Turm weniger, aber die offene schwarze Königsstellung scheint ihm allerhand Kompensation zu bieten, da es kein leichtes Entrinnen für den schwarzen Monarchen zu geben scheint. Larsen machte jedoch alle Hoffnungen seines Gegners mit dem unwahrscheinlichen und leicht zu übersehenden Zug 23… Le6-g4!! zunichte. Der Clou hinter dem scheinbar sinnlosen Einsteller besteht darin, dass die weiße Dame um ein Feld vorgelockt wird und damit die Kontrolle über das wichtige Feld e5 verliert. Hätte Schwarz den König gleich ins Eck gezogen, so wäre das nächste Schachgebot auf e5 sofort erfolgt. Durch die Rückgabe von etwas Material wird Weiß diese Option genommen, damit Schwarz Zeit bekommt, die Verteidigung zu organisieren. Larsen fiel dies nicht sehr schwer, denn nach 24. Dg3xg4+ Kg8-h8 stand sein König sicher genug. Nach den weiteren Zügen 25. Se4-g5 Da5-d2 26, Tc1-c7 Dd2xf2+ 27. Kg1-h2 Df2xg2+ wurde deutlich, dass dem weißen Angriff ohne Damen jedwede Durchschlagskraft fehlt. Taimanov gab nach 34 Zügen auf.

 

30. Spassky – Tukmakov, Moskau 1973
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Ein Jahr, nachdem Bobby Fischer den Sowjets in Reykjavik die Schachkrone entrissen hatte, war die Unruhe im Politbüro der KPdSU groß. Um diese Scharte schleunigt wieder auszuwetzen, diente die UdSSR-Meisterschaft im Jahre 1973 gleich zwei Zielen: zum einen wurden die Teilnehmer dabei auf Parteilinie getrimmt, und zum anderen sollte das Turnier einen wertvollen Fingerzeig bei der Suche nach dem potentiell besten Herausforderer für Fischer liefern. Vor diesem Hintergrund und der permanenten Überwachung konnte es sich kein Teilnehmer erlauben, mangelnden Kampfgeist zu zeigen. Da außerdem praktisch die gesamte Elite des Sowjetschachs an dem Turnier teilnehmen musste, geriet diese Landesmeisterschaft zur stärksten in der Geschichte des Turniers. Weniger gut ins Konzept der Parteibosse passte da die Tatsache, dass der Sieger dieses bärenstarken Turniers ausgerechnet der ein Jahr zuvor durch seine Niederlage gegen Fischer in Ungnade gefallene Boris Spassky wurde. Dieser spielte hier die Performance seines Lebens und fuhr mit der Strategie, gegen stärkere Spieler zu remisieren und gegen schwächere zu gewinnen, ausgezeichnet. Dadurch konnte er etwas Kräfte sparen und sich die Gegner zurechtlegen. In dieser Runde traf es Vladimir Tukmakov, der später ein renommierter Trainer der ukrainischen Nationalmannschaft und von solchen Talenten wie Anish Giri und Wesley So wurde. Tukmakov, ein profunder Kenner der Sizilianischen Verteidigung, und Spassky waren beide auf eine kompromisslose Schlacht aus und betraten das Dickicht des Najdorf-Sizilianers.
Spassky wurde seinem Ruf als Experten des Systems mit 6. Lc1-g5 wieder einmal gerecht und wagte ein Opfer, das keineswegs zwingend durchschlägt, aber eben doch beste Chancen verspricht, nicht zuletzt weil die Verteidigung schwer zu führen ist. Soeben hatte Spassky hier auf e6 einen Springer ins Geschäft gesteckt, aber dann nicht mit der Dame zurückgenommen. Vielmehr wählte er hier den geplanten und erheblich stärkeren „stillen“ Zug 18. Ld3-c4!! – eine Entscheidung, die auch einhellig von den modernen Engines begrüßt wird. Vor die Wahl zwischen 18… Lb7-c8 und 18… Ta8-d8 gestellt, wählte Tukmakov mit dem Turmzug die wohl schwächere Option und sah sich nach 19. Dh3xe6 Td8xd1+ 20. Te1xd1 Th8-f8 21. Lg5xf6 Tf8xf6 22. De6-g8+ einem erbitterten Angriff ausgesetzt. Nach 22… Le7-f8 zog Spassky kühl 23. g2-g3! und gab damit seinem Gegner zu verstehen, dass der weiße Angriff auch trotz solch langsamer Züge nicht so rasch versiegen würde. Schwarz behält zwar eine Figur mehr, aber die entblößte Stellung seines Königs und der Mangel an Koordination zwischen den schwarzen Streitkräften machen ihm ernsthaft zu schaffen. Die Weitsicht Spasskys, die selbst den Analysen heutiger Tage weitgehend standhält, ist sehr beeindruckend. Tukmakov unterlag schließlich im 35. Zug.

 

31. Kramnik – Bruzon, Turin 2006
Stellung nach dem 24. Zug vom Weiß

Nach einer für seine Verhältnisse ungewohnt scharfen und unklaren Eröffnung hatte Kramnik diese Stellung gegen den kubanischen Großmeister (seit 2020 für die USA spielberechtigt) Lazaro Bruzon Batista erreicht. Im ersten Moment mag Kramniks Wahl wie ein Zug für die Galerie erscheinen, doch zwei sehr tiefe Pointen beweisen, dass dem nicht so ist. Kramnik zog hier völlig überraschend 25. Lg3-c7!!. Wahrscheinlich erkannte Schwarz die Tücke des Objekts nicht, denn sonst hätte er wohl eher die Qualität hergegeben anstatt mit 25… Ta5-a8 fortzusetzen. Darauf folgte nämlich 26. La2xf7+! Kg8xf7 27. Dd2-a2+. Würde der König nun nach f6 ziehen, dann käme die erste Pointe des Zwischenzugs zum Vorschein: nun würde 28. Lc7-d8+!! das Matt in allen Varianten erzwingen. Bruzon antwortete erwartungsgemäß mit 27… Kf7-f8, wonach die Partiefortsetzung 28. Sd4-e6+ Te8xe6 29. Da2xe6 die zweite Idee offenbarte: stünde der Läufer noch auf g3, dann würde der Zug 29… Sg6-e5 eine akzeptable Verteidigung darstellen. Jetzt hingegen macht die Spießdrohung auf d6 diesen Zug unmöglich, so dass Kramnik nach dem jämmerlichen 29… Sg6-e7 rasch gewann: 30. Te1-e3! Kf8-e8 31. Te3-f3 Dc5-h5 32. Lc7-d6. Schwarz gab auf.

 

Unterbrechungen und Schnittpunkte

 

32. Réti – Bogoljubov, New York 1924
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

In einer durchweg sehenswerten und lehrreichen Partie wies Richard Réti als Anhänger der Hypermodernen den Weg für neue Strategien, die beispielsweise Flügelangriffe oder Figurendruck auf das Zentrum vorsahen. Seine finale Pointe 25. Lf7-e8!!, die Schwarz umgehend zur Aufgabe zwingt, ist nicht so schwer zu sehen, gehört aber trotzdem zu den berühmtesten Schlusszügen der Geschichte. Außerdem steht dieser Sieg symbolisch für eine Zeitenwende im Schach, die spätestens mit dem Erscheinen von Nimzowitschs Meisterwerk Mein System eingeläutet wurde.

 

33. Tarrasch – Beratende, Neapel 1914
Stellung nach dem 30. Zug von Schwarz

Als Vertreter der „old school“ war Dr. Siegbert Tarrasch alles andere als ein begeisterter Anhänger der neuen Ideen von Nimzowitsch und Réti. Dass er die gesamte Klaviatur an taktischen Ideen aber auch so beherrschte, bewies er hier, indem er die sich beratenden Spieler mit dem grandiosen Zug 31. Le5-c7!! überrumpelte. Die Verstellung der 7. Reihe und der c-Linie an ihrem Schnittpunkt war das entscheidende Merkmal in dieser Position. Der Läufer kann auf gleich zwei verschiedene Arten geschlagen werden, doch Schwarz kann das Matt nun nicht mehr vermeiden. Je nach schwarzer Antwort schlägt Weiß danach auf c5 oder gibt mit der Dame das tödliche Schachgebot auf b7. Jedenfalls bewiesen die Beratenden Größe und gaben sogleich auf. Der ästhetische Wert dieses Schlusszuges blieb somit zum Glück in seiner ganzen Pracht erhalten und ging als einer der schönsten Schlusszüge in die Schachgeschichte ein.

 

34. Stoltz – Aljechin, Salzburg 1942
Stellung nach dem 45. Zug von Weiß

Eine höchst seltene Punkteteilung erleben wir hier. Aljechin ist hier trotz seines Freibauern in gewissen Schwierigkeiten, denn käme Weiß noch zu Kh2-g2, dann läge stets die Option Tb6-a6 in der Luft. Aljechin sah es ähnlich und war sich darüber im Klaren, dass er ein Remis anstreben sollte. Genau dies tat er mit dem Kunstzug 45… Ld7-c6!!, mit dem sich der Läufer gleich drei Schlagmöglichkeiten aussetzt. Wegen seines hängenden Turms hat Weiß nicht viele Optionen, denn das Schlagen des Läufers mit dem Turm ergäbe sofort Dauerschach. Stattdessen hilft auch 46. Tb6-b2 Da7-d4 47. Tb2-c2 Lc6-d7! nicht wirklich weiter. Stoltz versuchte daher noch im Gewinnsinne 46. Dd6-c5, doch nach 46… Lc6-d7 47. Dc5-d6 Ld7-c6! war das skurrile Remis durch Stellungswiederholung perfekt.

 

35. Miles – Pritchett, London 1982
Stellung nach dem 33. Zug von Schwarz

Es scheint, als würde keine andere Figur einen derart großen Drang wie der Läufer verspüren, sich auf Schnittpunkten von Linien und Diagonalen zu opfern – auch in modernen Partien ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten. Der hier vorliegende Fall ist jedoch ein außergewöhnliches und besonders sehenswertes Prachtexemplar!
Was wird sich der Internationale Meister Craig Pritchett in dieser Partie geärgert haben! Gerade mal zwei Züge zuvor hatte er mit Schwarz einen glasklaren Gewinn gegen den haushohen Favoriten Tony Miles ausgelassen und bekam nun zur Strafe einen der unfassbarsten Schlusszüge aller Zeiten vorgesetzt, der ihn sofort zur Aufgabe zwingt: 34. Lg3-e5!!. Die Punkte g7 und e8 sind nicht gleichzeitig zu decken, weshalb nur ein sinnloses Damenopfer die Angelegenheit noch vergeblich hinauszögern könnte. Rien ne va plus!

 

36. Aronson – Tal, Moskau 1957
Stellung nach dem 26. Zug von Weiß

Kaum jemand bewies eine ähnliche Findigkeit beim Aufspüren taktischer Nuancen wie Mikhail Tal. Hier war es ausnahmsweise kein spektakuläres Opfer, das er seinem Gegner präsentierte, sondern ein höchst ästhetischer Sperrzug, der den Anziehenden vor große Probleme stellt. Nach 26… Lf5-b1!! dürfte es auch Aronson gedämmert haben, dass er hier trotz eines Mehrbauern in großen Schwierigkeiten steckt. Der ausgesperrte Turm kann nichts zur Verteidigung der schwachen Grundreihe beitragen. Nach 27. Ld4-e5 Sd8-e6! 28. Dc7-d6 (auch 28. Dc7xb7 Se6-g5! oder 28. Ld5xe6 Te8xe6 hilft nicht wegen der Idee Tf8-f7-e7) 28… Dg6-f5! 29. Le5-f4 Se6-g5! hatte Tal bereits entscheidenden Vorteil erlangt, den er im 36. Zug zum Sieg verwertete.

 

37. Smyslov – Tolush, Moskau 1961
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Exweltmeister Vasily Smyslov fand hier eine glänzende Idee, frei nach dem Motto: „Was Tal kann, kann ich schon lange!“ Er spielte hier – vielleicht auch in Kenntnis von Tals obiger Partie – den kühnen Zug 17. Lf4-b8!. In diesem Beispiel geht es nicht darum, die 8. Reihe abzuschneiden, sondern ganz einfach darum, plump Material zu gewinnen. Schwarz verliert nun einfach Material ohne Kompensation in schlechter Stellung – so würde beispielsweise das naeliegende 17… Dd8-d5 einfach an 18. Db7xe7 scheitern. Tolush erkannte die Qualität der gegnerischen Überraschung an und streckte sogleich die Waffen.

 

38. Dolmatov – Razuvaev, Rostow am Don 1993
Stellung nach dem 34. Zug von Weiß

 

Ich kann mir gut vorstellen, wie Sergej Dolmatov hier dreingeschaut haben mag, als sein erfahrener Gegner Juri Razuvaev den nächsten Zug ausführte: mit dem Coup 34… Le5-d4+!! setzt sich der Läufer einem fünffachen (!) Angriff aus, doch schon eine kurze Analyse ergibt, dass Weiß nur eine ernste Option hat, wenn er nicht die Dame verlieren will. Wenn Ihre Majestät nimmt, folgt die Springergabel auf f3, so dass das Nehmen mit dem Turm offensichtlich erzwungen ist. Nach 35. Td1xd4 Sg5-f3+ 36. Kg1-g2 Sf3xd4 besteht eine der Pointen der Kombination darin, dass die Dame nun wieder vom Springer gedeckt ist. Das zweite Detail ist die Erkenntnis, dass Weiß nun nach 37. Dd5xd4 seinen eigenen Springer auch noch einbüßen und mit einer Qualität weniger verbleiben würde. Dolmatov tauschte daher die Damen und wehrte sich noch bis zum 78. Zug, aber letztlich vergeblich.

 

39. Tal – Botwinnik, Weltmeisterschaftskampf, 19. Partie, Moskau 1960
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Der Schachwelt war klar, dass ein Sieg für Tal in dieser Partie quasi schon die Vorentscheidung in diesem WM-Kampf bedeuten würde. Tal spielte hier tatsächlich eine der besten positionellen Partien seines Lebens und krönte nun diese starke Leistung mit dem von langer Hand vorbereiteten Zug 35. Le5-c7!!, ohne den die Stellungsbewertung gar nicht so klar wäre. Der Läufer ist wegen zweizügigen Matts tabu, doch die Versiegelung der c-Linie ist natürlich die eigentliche Motivation hinter diesem kühnen Läuferzug. Da 35… Dh3-d7 nun 36. Lc7-f4 gestatten würde, versuchte Botvinnik noch 35… Lh6-f8, wurde aber von 36. De2-b5!, was den Läufer wieder indirekt deckt, kalt erwischt. Nach 36… Dh3-e6 37. Lc7-e5! versiegelte der Läufer abermals eine Linie, wonach Schwarz keine Kompensation für den ins Geschäft gesteckten Bauer hatte. Botwinnik verlor im 41. Zug, worauf Tal nur noch zwei Punkte aus den ausstehenden fünf Partien benötigte. Nach zwei weiteren Remisen war Tal somit der neue Weltmeister.

 

40. Volkov – Socko, Stockholm 2014
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Zum Abschluss dieser Rubrik noch ein Beispiel aus modernen Zeiten, das mich immer noch völlig perplex macht. So selten ist der Kunstzug, den Sergej Volkov hier folgen ließ, dass die Wahrscheinlichkeit, im Leben einmal einen solchen Zug machen zu dürfen, gegen Null tendiert. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals eine ähnliche Idee auf dem Schachbrett gesehen zu haben und zolle dieser Idee daher meinen uneingeschränkten Respekt. Die Mehrzahl der Normalsterblichen hätte hier sicherlich einfach auf d5 zugegriffen, wonach Schwarz laut Computer wegen der merkwürdigen Stellung des weißen Königs auf d2 mit 16… Dh6-d6 langfristige Kompensation erhält. Volkov dagegen beschäftigte sich jedoch gar nicht mit solchen „Nebensächlichkeiten“, sondern zog hier 16. Ld3-g6!! und schnitt mit diesem kühnen Figurenopfer der feindlichen Dame den rettenden Fluchtweg über die 6. Reihe ab. Nach 16… h7xg6 17. g4-g5 Dh6-h7 18. h4-h5 zog sich die Schlinge um die schwarze Dame zu. Nun scheitert 18… g6xh5 an 19. Th1xh5 Dh7-f5 20. De1-h4! Kg8-f8 (oder auch 20… f7-f6 21. Th5-h8+ Kg8-f7 22. Dh4-h5+ mit Gewinn) 21. g5-g6!, was zugleich die Diagonale der weißen Dame und die 5. Reihe räumt. Da nun 21… Df5-f6 wegen 22. Th5-h8+ nebst 23. Sf4xd5+ ausgeschlossen ist, müsste Schwarz die Dame zu noch schlechteren Konditionen geben.
Socko schuf seiner Dame stattdessen mit 18… Kg8-f8 19. h5xg6 Dh7-g8 ein unbequemes Schlupfloch. Volkov hatte somit tatsächlich eine Figur für nur einen Bauer geopfert, doch die tragikomische Anordnung der schwarzen Figuren und die Schwäche der schwarzen Felder rechtfertigen das Opfer allemal: die Engines sehen es genauso und wähnen Weiß nach Volkovs Zug 20. De1-g3 sehr deutlich im Vorteil. Weiß siegte schließlich im 45. Zug.

 

Verteidigungsideen

 

41. Porreca – Bronstein, Belgrad 1954
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Manchmal ist die psychologische Wirkung eines Zuges weitaus höher als seine objektive Stärke anzusiedeln. Ein Paradebeispiel dafür ist David Bronsteins Eingebung in dieser berühmten Stellung: offensichtlich wollte Bronstein ein Figurenopfer auf e6 verhindern und wagte es daher nicht, den e-Bauer vorzuziehen. Die lange Rochade verbot sich wegen des hängenden Bauern auf f7 ja ebenfalls. Daher spielte der unbequeme Freigeist vollkommen unvoreingenommen und prophylaktisch den Zug 11… Lh7-g8!?, der Weiß zumindest leicht aus der Fassung bringen kann. Wenn Weiß nichts unternimmt, dann lässt Schwarz 12… e7-e6 oder 12… 0-0-0 folgen und beendet mittelfristig seine Entwicklung gefahrlos. Porreca fand offenbar keinen Weg, aus dem exotischen Zug Bronsteins Kapital zu schlagen und ließ das ziemlich harmlose 12. Sf4-d3?! e7-e6 13. Lc1-f4 Lf8-d6 14. Lf4xd6 Dc7xd6 15. Sg3-f5 folgen. Nach dem erzwungenen 15… Dd6-f8 ist der weiße Vorteil nach 16. Dd1-f3 0-0-0 allerdings trotz der skurrilen Aufstellung der schwarzen Figuren auf der Grundreihe unglaublicherweise verpufft. Bronstein siegte im 42. Zug.
Porreca hätte Bronsteins Konzept allerdings mit 12. Sf4-h5! viel stärker in Frage stellen können. Der Zug verfolgt ganz ähnliche Ideen wie in der Partie, nur mit dem eminent wichtigen Unterschied, dass diesmal der Bauer auf g7 angegriffen wäre und die Verteidigung Bronsteins aus der Partie mit 13… Lf8-d6 somit ausgeschlossen wäre. Hätte Bronstein diese Partie allerdings verloren, dann hätte man seinem unorthodoxen Zug wahrscheinlich weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt. So hingegen wurde auch dank Bronsteins Impulsen unser Verständnis für gangbare Wege und neue Strategien signifikant erweitert. Man vergleiche dieses Beispiel mit der Partie Shirov – Solak, in welcher Schwarz seinen Gegner mit einem grotesk anmutenden Springerrückzug überraschte und die in dem Beitrag 100 berühmte Springerzüge zu finden ist.

 

42. Filip – Kortchnoi, Bukarest 1954
Stellung nach dem 20. Zug von Weiß

In dieser für Schwarz wenig attraktiven Stellung ersann Viktor Kortchnoi ein beachtliches Verteidigungskonzept, das nicht nur objektiv tatsächlich das stärkste ist, sondern der Partie vor allem eine psychologische Wende verleiht. Nach dem verblüffenden 20… Lh8xe5!!, das zunächst wie ein Einsteller anmuten mag, folgte erwartungsgemäß 21. Lb5xc6 Le5xf4 22. Dg5-f6. Der  Leningrader Meister hatte alle diese Verwicklungen jedoch vorausgesehen und richtig berechnet, zumal ihm auch die akkurate Stellungseinschätzung danach gut gelang. Es folgte das Damenopfer 22… Lf4xh6 23. Lc6xd7 Td8xd7, wonach vom einst so bedrohlich anmutenden weißen Angriff nicht mehr viel übrig blieb. Weiß steht immer noch besser, hat aber nun keine einfachen Wege mehr, die Initiative auszubauen und kann die Stellung nicht mehr schablonenhaft verstärken. Der tschechische Meister Miroslav Filip kam letztlich mit der unerwarteten Wendung der Geschehnisse gar nicht zurecht und verlor tatsächlich im 56. Zug. Kortchnoi war seinem Ruf als eisernem Kämpfer und zähem Verteidiger wieder einmal mehr als gerecht geworden.

 

43. Gutman – Vitolinsh, Riga 1979
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Mit einem wahren Opferreigen hat Weiß seinen Gegner vollkommen überspielt und soeben nichtsahnend 19. Ke1-d2? gezogen. Tatsächlich hätte Weiß gewonnen, wenn er vor diesem Zug das Schachgebot auf h6 eingestreut hätte. Gutman erwartete wohl die Aufgabe seines Gegners, doch stattdessen geschah zu seinem Entsetzen ein Zug, der in einer Rubrik mit phantastischen Verteidigungszügen ganz weit vorne landen dürfte: 19… Lb5-d3!!. Der Sinn dieses Zuges erschließt sich zunächst gar nicht, doch bei genauerem Hinsehen liegen die Dinge sogar recht einfach. Da im Falle des Schachgebots auf h6 der Läufer dazwischen ginge und ein Rückzug der Dame nach d3 ebenfalls ausgeschlossen ist, blieb als einzige Alternative nur 20. Kd2xd3. Nach 20… Dd8-e7! wurde der Sinn des Opfers jedoch deutlich: das Auftauchen der schwarzen Dame auf h7 hätte wahlweise eine Fesselung der weißen Dame oder ein höchst unangenehmes Schachgebot mit Tempogewinn für Schwarz zur Folge. Gutman versuchte noch 21. e3-e4, wurde aber erwartungsgemäß mit 21… De7-g7 zurückgeworfen und hatte einfach zu wenig Material übrig. Enttäuscht musste Weiß die einst gewonnene Partie nach weiteren sechs Zügen aufgeben.

 

44. Fischer – Larsen, Kandidatenhalbfinale, 1. Partie, Denver 1971
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz

Zu dieser wirklich einmaligen Stellung war es gekommen, nachdem Bobby Fischer zum wiederholten Mal gegen die Französische Verteidigung nicht sonderlich überzeugend gespielt hatte und hier inzwischen am Rande des Abgrunds taumelte. Die weiße Dame hängt, und außerdem droht schlicht Matt auf f2. Da der naheliegende Zug 28. Dc6-c5?? wegen 28… Td2-f2+ 29. Kf1-g1 Tf2xf3+ trivial verlieren würde, scheint es als könne Weiß aufgeben. Fischer hatte jedoch lange im Voraus diese Stellung angestrebt und kalkuliert, dass es sogar Schwarz ist, der nach dem unwahrscheinlichen Zug 28. La3-c5!! aufpassen muss. Es folgten die zu erwartenden Züge 28… Td2-f2+ 29. Kf1-g1 Tf2xg2+ 30. Kg1xg2 De3-d2+ 31. Kg2-h1 Te6xc6 32. Lf3xc6 Dd2xc3 33. Ta1-g1+, wonach eine Stellung entstand, die selbst modernste Engines in ihrer Bewertung ständig schwanken lassen. Fischer siegte jedenfalls im 41. Zug.

 

45. Khalifman – Ehlvest, Lvov 1985
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

In dieser Stellung würden sich die meisten Spieler mit Weiß sicherlich nicht wohl fühlen. Weiß hat zwar im Moment eine Qualität mehr, wird aber scheinbar wegen der Mattdrohung auf c2 seinen Läufer auch noch einbüßen und dann signifikant schlechter stehen. Wie soll sich Weiß hier also erfolgsversprechend zur Wehr setzen und den gefährlichen Angriff abschlagen? Alexander Khalifman hatte diese Stellung bewusst angestrebt und setzte nun die von langer Hand geplante Idee in die Tat um: es folgte 30. Lc8-f5!!, was zunächst nichts an der Situation zu ändern scheint. Ehlvest spielte das zu erwartende 30… Lg6xf5 (ein eingestreuter Turmtausch auf d1 würde nur Zugumstellung bedeuten) und wurde nun kalt erwischt von 31. Dg3-c7!!. Weiß deckt damit das Matt abermals und zeigt, dass das Läuferopfer im Zug zuvor den Sinn hatte, den Verteidiger des Feldes e8 abzulenken, um so dieses verblüffende Damenopfer zu ermöglichen. Nach 31… Td4xd1+ 32. Kc1xd1 Lf5xc2+ folgte das starke 33. Kd1-c1!, denn es wird sogleich deutlich werden, warum der naheliegendere Königszug nach d2 nicht funktioniert. Die Partie wurde danach fortgesetzt mit 33… Lc2-a4+ 34. Dc7xc6 La4xc6 35. Te1-e6!, was die eigentliche Pointe der gesamten Kombination darstellt. Stünde der weiße König nun auf d2, dann könnte Schwarz mit dem Springer Schach geben und anschließend mit 36… Lc6-b5 sein Material behalten. So hingegen verlor Schwarz noch eine Figur und gab im 42. Zug auf. Eine unwahrscheinliche Kombination!

 

46. Kramnik – Aronian, Jerewan 2007
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz

Das in dieser Partie von Vladimir Kramnik ersonnene Verteidigungskonzept beeindruckt noch mehr, wenn man bedenkt, wie lange er es im Voraus erspäht haben musste und dies zudem noch eine Schnellpartie war. Kaum vorstellbar, dass jemand gerne mit Weiß diese Stellung spielen möchte – es sei denn, er setzt genau so fort wie Kramnik es tat: mit dem wirklich kühnen Scheinopfer 28. Lb3xe6+!! Dg4xe6 29. Dc2-b3 stellte Weiß sicher, dass die Damen nun vom Brett verschwinden würden. Die eigentliche Pointe der Abwicklung besteht aber darin, dass die von Weiß ins Geschäft gesteckte Figur unverzüglich wieder zurückgewonnen wird, da bei Schwarz ebenfalls zwei Figuren hängen und von seinem Angriff nichts mehr übrig bleibt. Nach den weiteren Zügen 29… Sh3-f4+ 30. g3xf4 De6xb3 31. a2xb3 Ld6xf4 32. Ta1xa6 hatte Weiß das aus seiner Sicht einst so bedrohliche Geschehen voll im Griff und siegte problemlos im 45. Zug.

 

Endspiele

 

47. Averbach – Furman, Odessa 1960
Stellung nach dem 65. Zug von Schwarz

Der wohl berühmteste Endspieltheoretiker des 20. Jahrhunderts, Juri Averbach, hatte in diesem berühmten und mustergültigen Endspiel Phase eins seines Plans soeben abgeschlossen: er war mit dem König bis ans Ende der Welt nach h8 vorgedrungen und hatte die schwarze Stellung so merklich unter Druck gesetzt. Alle Bauern des Nachziehenden stehen auf der Farbe des eigenen Läufers, was einem positionellen Albtraum in solchen Endspielen gleichkommt. Averbach krönte nun seine Strategie mit dem Opfer 66. Lh5-e8!! und profitierte davon, dass Schwarz dieses annehmen muss, da 66… Lc8-b7 67. Le8-d7 Schwarz in Zugzwang bringen würde. Es geschah stattdessen 66… Kf8xe8 67. Kh8xg7 h6-h5 68. Kg7xf6 h5xg4 69. h3xg4 Ke8-f8 70. g4-g5 Kf8-g8. Schwarz gelang es zwar, die gefährlichen Freibauern nach den weiteren Zügen 71. g5-g6 Kg8-f8 72. Kf6-g5! Lc8-d7 73. f5-f6 Ld7-e8 74. Kg5-f5 Kf8-g8 75. g6-g7 zu blockieren, doch es half nichts: nach 75… Le8-f7 76. Kf5-e5 Lf7-g6 77. Ke5-d6 Lg6-d3 78. Kd6xc6 Kg8-f7 79. Kc6-d6! geriet Schwarz in Zugzwang und musste nach 79… Ld3-f5 80. b4-b5! aufgeben.

 

48. Fischer – Taimanov, Kandidatenviertelfinale, 4. Partie, Vancouver 1971
Stellung nach dem 61. Zug von Schwarz

Das Prinzip des Figurenopfers machte sich auch Bobby Fischer in diesem berühmten Endspiel zunutze. Er nutzte den Umstand aus, dass der kurzschrittige Springer nicht in der Lage ist, aus großer Entfernung Bauern zu verteidigen und gab daher seinen Läufer mit 62. Le8xg6! preis. Nach 62… Se7xg6 63. Ka6xb6 Kd8-d7 64. Kb6xc5 Sg6-e7 65. b2-b4 a5xb5 66. c3xb4 war die schwarze Verteidigung mit der gleichzeitigen Deckung der schwachen Bauern am Königsflügel und mit der Eindämmung des Vormarschs der weißen Freibauern hoffnungslos überlastet. Taimanov gab nach fünf weiteren Zügen auf.

 

49. Hindle – Möhring, Tel Aviv 1964
Stellung nach dem 69. Zug von Weiß

Eine verblüffende Ähnlichkeit mit Shirovs berühmtem Endspiel gegen Topalov [Nr. 2] weist dieses Beispiel auf, das weitaus weniger bekannt ist. Es wäre interessant zu erfahren, ob Shirov diese Parite kannte – falls dies tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, dann halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass ihm dieses Beispiel bei der Wahl seines berühmten Läuferzugs zugute kam. Der DDR-Meister zog hier nämlich 69… Lf4-e3!! und bewies damit sein gutes Verständnis von ungleichfarbigen Läuferendspielen, in denen nichts wichtiger als die Bildung von Freibauern ist. Falls Weiß den dreisten Läufer eliminiert, dann machen die beiden schwarzen Freibauern, die der weiße Läufer nicht gleichzeitig aufhalten kann, das Rennen. Möhrings außerordentlich wichtiger Tempogewinn ermöglicht es ihm jedoch, in anderen Varianten den störenden f-Bauer möglichst schnell zu beseitigen. Nach der Partiefortsetzung 70. Kg6xh6 g5-g4+ 71. f2xe3 g4-g3 versuchte Weiß noch das verzweifelte 72. Kh6-h7, aber nach der kompromisslosen Fortsetzung 72… g3-g2 73. h5-h6 g2-g1=D 74. Kh7-h8 a3-a2 75. Lf7xa2 Kb2xa2 76. h6-h7 Dg1-g6 77. e3-e4 Dg6-f7 wurde ihm auch noch sein unnützer e-Bauer, der das Patt aufhebt, zum Verhängnis.
Übrigens würde die vermeintliche „Zugumstellung“ 69… a3-a2? 70. Lf7xa2 Kb2xa2 71. Kg6xh6 ein böses Erwachen geben: 71… g5-g4+ 72. Kh6-g6 Lf4-e3 73. Kg6-f5! mit Remis. Auch 71… Lf4-e3 würde wegen 72. Kh6-g6 g5-g4 73. Kg6-f5 nichts ändern. In der Partie konnte Schwarz dies vermeiden, indem er auf die sofortige Vernichtung des störenden f-Bauern spielte.

 

50. Jobava – Carlsen, Moskau 2019
Stellung nach dem 47. Zug von Weiß

 

Die häufig zu beobachtende Überlegenheit eines Läufers gegen einen Springer in Endspielen mit Bauern auf beiden Flügeln ist ein wesentliches Element von Carlsens nun folgender Kombination. Die andere Voraussetzung dafür war die Tatsache, dass Springer gegen Randbauern besonders häufig in die Bredouille kommen, weil ihnen dort der ausreichende Platz zum Manövrieren fehlt. Die Verquickung all dieser besonderen Umstände gestattete es Carlsen, in dieser Blitzpartie (!) einen ikonischen Zug zu spielen, der mit Sicherheit dauerhaft in die Schachgeschichte eingehen wird. Es folgte der elektrisierende Zug 47… Lf8-b4!!, der sich zunutze macht, dass der Läufer wegen des dann folgenden 48… a3-a2 nicht genommen werden darf. Gerne hätte Weiß nun einfach den a-Bauer eliminert, doch dann kommen ihm die Bastionen seines gesamten Königsflügels nach 48… Lb4-e1 abhanden. Jobava antwortete stattdessen mit 48. Sb1-c3, doch nach dem nächsten Kraftzug 48… a3-a2!! büßte er nach dem erzwungenen 49. Sc3xa2 Lb4-e1 die Bauern auf g3 und h4 ein, wonach der h-Bauer leichtes Spiel mit dem überforderten Soringer hatte. Carlsen siegte mühelos im 56. Zug.

 

51. Kramnik – Bareev, Wijk aan Zee 2003
Stellung nach dem 45. Zug von Schwarz

Die bisweilen zu beobachtende Hilflosigkeit eines Springers bei der Bekämpfung von Freibauern am Rand wird auch hier Schwarz zum Verhängnis. Vladimir Kramnik zog hier nämlich 46. Lg5-f6!! und baute auf die Stärke seiner Freibauern. Nach 46… g7xf6 47. e5xf6 droht Weiß einfach den König nach g5 zu stellen und den h-Bauer vorzuschieben, wogegen selbst der Turmtausch mit 47… Tc7-c8 48. Td8xc8 Kb7xc8 wegen des verlorenen Bauernendspiels nach 49. Kf4-g5 Kc8-d8 50. h5-h6 Sf5xh6 51. Kg5xh6 Kd8-e8 52. Kh6-g7 nicht hilft. Wenn Schwarz stattdessen auf das Schlagen des dreisten Läufers verzichtet und sofort 46… Tc7-c8 zieht, dann entscheidet die Kombination 47. Td8xc8 Kb7xc8 48. Lf6xg7! die Partie. Bareev zog daher 46… g7-g6, gab aber nach 47. h5xg6 f7xg6 48. Kf4-g5 die Partie auf. Er hätte allerdings mit 48… Tc7-c8 noch erheblichen Widerstand leisten können, da der Turmtausch diesmal verheerend für Weiß wäre. Kramnik behielte nach 49. Td8-d3 sicherlich die bessere Stellung, müsste aber für den vollen Punkt schon noch arbeiten. Wahrscheinlich war die Schockwirkung einfach zu groß für Bareev.

 

52. Botwinnik – Bronstein, Weltmeisterschaftskampf, 23. Partie, Moskau 1951
Stellung nach dem 41. Zug von Schwarz

Die Spannung war nicht mehr zu toppen: in seiner letzten Weißpartie musste Mikhail Botwinnik unbedingt gewinnen, wenn er eine realistische Chance auf die Titelverteidigung im WM-Match von 1951 haben wollte: durch einen spektakulären Sieg in der 22. Partie war der unbequeme Herausforderer David Bronstein nämlich in Führung gegangen, so dass die letzte Weißpartie gleichzeitig die einzige realistische Chance darstellte, den Wettkampfstand auszugleichen. Wiederholt ist sehr viel darüber spekuliert worden, ob der politisch unbequeme David Bronstein auf Druck des Politbüros gezwungen wurde, dieses Match zu verlieren. Bronstein selbst äußerte sich stets zurückhaltend zu den Vorwürfen, doch eine Episode aus späteren Jahren nährt diesen Verdacht durchaus: als der junge Bobby Fischer beim Turnier in Mar del Plata 1960 gegen Boris Spassky verlor und in Tränen ausbrach, soll ihm Bronstein gesagt haben: „Du hast nur eine Partie verloren, aber mich hat man gezwungen, ein ganzes Match gegen Botwinnik zu verlieren.“
Diese 23. Partie heizte die oben skizzierten Spekulationen ebenfalls an, denn es handelte es sich hier um die Stellung, in der die Partie abgebrochen wurde und am folgenden Tag als Hängepartie fortgesetzt wurde (erklären Sie mal einem jungen Spieler heutiger Tage, dass man damals noch so verfuhr!). Dieser heutzutage durch das Erstarken der Computer völlig sinnlos gewordene Vorgang ermöglichte es den Spielern damals eben noch, neue Kräfte zu tanken und die Stellung mit den Sekundanten zu analysieren. Nachdem der Weltmeister seinen 42. Zug in den Umschlag gegeben hatte, entdeckte Botwinniks Stab in dieser recht vielversprechenden Stellung nach nächtlicher Analyse einen Gewinn für Weiß, den Chefsekundant Salo Flohr euphorisch auf dem Weg zum Turnierort immer wieder herunterbetete: 42. Ld3-b1! Sa5-c6 (nicht besser ist 42… f5xe4 43. f3xe4 d5xe4 44. Lb1xe4+) 43. e4xd5 e6xd5 44. Lb1-a2 Sa6-b4 (oder 44… Sc6-e7 45. Lg3-h4) 45. La2-b3 mit besten Gewinnchancen.
Dabei hatte keiner der Sekundanten Verdacht geschöpft, als sich Botwinnik in der Nacht zuvor zurückzog und seinen Sekundanten die Analysearbeit überließ: es schien, als wollte sich Botwinnik ausruhen, doch der eigentliche Grund dafür bestand darin, dass er die Stellung allein analysieren wollte. Doch weshalb sollte er das tun? Erst zwei Minuten vor der Ankunft am Turnierort am nächsten Tag weihte Botwinnik Flohr ein, dass er einen anderen Zug als denjenigen, den die Sekundanten erwartet hatten (42. Ld3-b1!) in den Umschlag gegeben hatte. Der kühle und eiserne Botwinnik hegte in dieser angespannten Situation solch ein Misstrauen gegen potentiellen Verrat, dass er es selbst gegenüber seinem engsten Zirkel nicht für angebracht gehalten hatte, sie darüber zu informieren, dass er in Wirklichkeit den schwächeren Zug 42. Lf4-d6?, der den Ausgang der Partie nochmals aufs Spiel setzt, abgegeben hatte. Flohr soll ob dieses Vertrauensbruchs hemmungslos in Tränen ausgebrochen sein. Botwinnik gewann diese immens wichtige Partie später dennoch, weil er in seiner Analyse etwas gefunden hatte, das seinen Sekundanten entgangen war, als sie 42. Lf4-d6 analysierten. Die Partie wurde nämlich mit 42… Sa5-c6 43. Ld3-b1 Kg6-f6?! fortgesetzt, worauf der Weltmeister den Zug 44. Ld6-g3!! entkorkte, der Schwarz in Zugzwang bringt: wenn daraufhin 44… Sa6-b4, so 45. Lg3-e5+! Kf6-g6 46. Le5-d6 Sb4-a6 47. e4xd5 e6xd5 48. Lb1-a2 mit Bauerngewinn. Bronstein wählte stattdessen 44… f5xe4 mit Stellungsöffnung und verlor im 57. Zug.
Botwinnik profitierte dabei von einer Ungenauigkeit Bronsteins, die wiederum die anschließenden Spekulationen befeuern sollte. Anstelle von 43… Kg6-f6?! hätte wohl 43… Sc6-a7 das Remis gesichert, zum Beispiel 44. e4xd5 e6xd5 45. Lb1-a2 b6-b5 46. a4-a5 b5-b4+! 47. Kc3-d3 Sa7-b5 48. Ld6-e5 Sa6-c7 49. Kd3-c2 Kg6-f7 50. Kc2-b3 Sc7-a6 mit einer sicheren Festung. Eine ausführliche Analyse dieser extrem bedeutsamen und von vorne bis hinten lehrreichen Partie finden Sie beispielsweise auch in Botwinnik – Move by Move von Cyrus Lakdawala.

 

Opferzüge

 

53. Alatortsev – Boleslawsky, Moskau 1950
Stellung nach dem 20. Zug von Weiß

Isaac Boleslawsky ist hierzulande ein relativ unbekannter Spieler geblieben, obwohl er im Kandidatenfinale 1950 nur denkbar knapp gegen David Bronstein unterlag. Zeitgenossen bezeichneten ihn als schweigsamen Menschen, was ihrer Einschätzung nach nicht unerheblich dazu beigetragen haben mag, dass ihm der ganz große Durchbruch verwehrt blieb. Dennoch war er ein gefragter Sekundant und Trainer, der mehrfach die Gegner von Weltmeister Botwinnik betreute, darunter Bronstein selbst, Smyslov und Petrosjan.
Gar nicht schüchtern ging der sonst so unnahbare Großmeister hier zu Werke, als er nicht seine angegriffene Dame abzog, sondern diese mit 20… Lh3xf1!! opferte. Nach 21. f4xg5 Te8xe2 stellte sich jedoch bald heraus, dass der Preis für die Eroberung der schwarzen Dame zu hoch für seinen Gegner Vladimir Alatortsev war: ein kurzer Blick genügt schon, um zu erkennen, dass Schwarz nach den weiteren Zügen 22. Db2-c3 Lf1-g2 23. Dc3-d3 Lg2-f3 prächtige Kompensation hat: das unabwendbare Schach auf g2 wird Weiß vor unlösbare Probleme stellen. Weiß, der in jedem Fall auf Verlust steht, versuchte noch 24. Ta1-f1 und hoffte nach 24… Tf2-g2+ 25. Kg1-h1 vermutlich noch auf 25… Tg2xg3+ 26. Tf1xf3 oder 25… Tg2-d2+ 26. Tf1xf3 mit leichten Rettungschancen. Boleslawsky enttäuschte aber sämtliche Hoffnungen, indem er hier eiskalt mit 25… Lf3-c6!! fortsetzte und Weiß das Grübeln überließ, wie die Dame nach 26. Tf1xf8+ Kg8xf8 vor einem Abzug des schwarzen Turms geschützt werden soll. Es gibt erstaunlicherweise keine Möglichkeit, dies zu erreichen, weshalb Alatortsev nach 27. Dd3-f1+ Tg2-f2+! aufgeben musste.

 

54. Panov – Simagin, Moskau 1943
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Vladimir Simagin war ein gefürchteter Angriffsspieler mit einem guten Gespür für strategische Opfer. Auch wenn ihm der Durchbruch zur Elite nicht gelingen wollte, so konnte er an einem guten Tag eine ernsthafte Gefahr auch für stärkere Spieler darstellen. Dass seine Partiensammlung, deren Studium sich in jedem Fall lohnt, manche Perle beinhaltet, beweist dieser Fall aus der Drachenvariante der Sizilianischen Verteidigung. Dabei macht es natürlich keinen Sinn, die bisher begangenen Ungenauigkeiten beider Seiten groß zu kritisieren, denn zu jener Zeit steckte die Variante praktisch noch in den Kinderschuhen und viele Verfeinerungen wurden erst Jahrzehnte später mit Hilfe moderner Engines entwickelt. Was man sich hingegen merken sollte, ist die vermutlich spontane Idee Simagins, hier mit 12… Lg7-h8! die Qualität zu opfern. In rein objektiver Hinsicht ist das Urteil „!?“ vielleicht angemessener, aber die Vorzüge, die Schwarz für die geopferte Qualität bekommt, sind in der Tat nicht zu verachten: vom weißen Angriff bleibt nichts mehr übrig, der schwarzfeldrige Läufer wird das Geschehen auf der langen Diagonale diktieren und jegliche Mattgefahr für Schwarz ist quasi gebannt. Objektiv ist Panovs Entscheidung, die Qualität einzusacken, nicht zu verschmähen, aber in praktischer Hinsicht hat Schwarz nun das viel einfachere Spiel. Simagin gewann tatsächlich im 31. Zug.
Im Hinblick auf diese Gegenwerte würde möglicherweise so mancher moderne Meister die Nachteile aufgrund seiner viel größeren Erfahrung besser einschätzen und die Qualität sogar zugunsten von 13. h2-h4!? verschmähen. Wie dem auch sei – die Idee an sich, den starken Läufer auch um den Preis einer Qualität zu behalten, sollte man sich auf jeden Fall einprägen.

 

55. Bronstein – Botwinnik, Weltmeisterschaftskampf, 22. Partie, Moskau 1951
Stellung nach dem 36. Zug von Schwarz

 

Dass Herausforderer David Bronstein in dieser ausgesprochen spannungsgeladenen Matchsituation (vor dieser Partie stand es unentschieden bei noch drei ausstehenden Partien) in dieser scharfen Stellung die Nerven bewahrte, ist sehr beachtlich. Er ließ hier seine Dame ungeniert hängen und zog stattdessen 37. Lh4-g3!!, was die Partie umgehend beendet. Das Schlagen der hängenden Dame würde zum Matt führen, während das Schlagen des Läufers ein tödliches Schach auf der langen Diagonale zuließe. Botwinnik vesuchte noch 37… Le5-g7, verlor aber nach dem banalen 38. Db3xg8+ einfach den Turm auf b8 und musste aufgeben. Über den Verlauf der nachfolgenden 23. Partie ist bereits im Beitrag Nr. 52 ausführlich berichtet worden.

 

56. Botwinnik – Smyslov, Weltmeisterschaft, 14. Partie, Moskau 1954
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Dies ist eine der berühmtesten Partien aus einem WM-Kampf aller Zeiten. Maßgeblichen Anteil daran hatte Herausforderer Vasily Smyslov, der in dieser messerscharfen Stellung ein gutes Stellungsgefühl und sichere Rechenfähigkeiten bewies, indem er hier mit 21… Lb7xa8!! seine Dame opferte. Die Kompensation, die Schwarz im Gegenzug dafür erhält, ist so überwältigend, dass es einer Schande gleichkäme, dieses Opfer nicht zu versuchen. Nach 22. Tb1xb2 Sf3xg5+ 23. Kh1-h2 Sg5-f3+! 24. Kh2-h3 Lg7xb2 hatte Schwarz nicht nur ordentlich Material für seine Dame eingesackt, sondern auch erdrückendes positionelles Übergewicht. Die klägliche Stellung des weißen Königs auf h3 gibt Schwarz zudem eine zusätzliche Trumpfkarte in die Hand.
Smyslov siegte problemlos im 33. Zug. 

 

57. Kan – Rudakovsky, Moskau 1945
Stellung nach dem 32. Zug von Weiß

Schon ein flüchtiger Blick genügt um zu erkennen, dass Schwarz in dieser Stellung ein spürbares positionelles Übergewicht genießt. Weitaus weniger klar ist dagegen die Frage, wie er angesichts der blockierten Stellung daraus Kapital schlagen soll. Nach längerem Nachdenken verblüffte Schwarz seinen Gegner mit 32… La6xc4!! 33. Tc2xc4 Tb6xb2!!. Das Problem besteht für Weiß nun darin, dass das Schlagen des angebotenen Turms mit 34. Sd3xb2 Tb8xb2 trotz eines Mehrturms forciert verliert, weil danach der Läufer auf e2 nicht zu retten ist: zieht dieser weg, wird Weiß auf f4 matt gesetzt, während 35. Th1-e1 mit 35… d4-d3! beantwortet wird. Kan ignorierte also den kecken Turm (schließlich hat er ja ohnehin schon eine Figur mehr) und wählte stattdessen 34. Th1-e1. Nach 34… Tb2-d2 war das positionelle Übergewicht des Nachziehenden nach dem Eindringen des zweiten Turms nach b3 trotz Minusfigur derart erdrückend, dass Weiß im 46. Zug kapitulieren musste.

 

58. Keres – Petrov, Moskau 1940
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Die schwarze Stellung sieht bereits gut gelüftet aus, doch einen sofortigen Knockout-Schlag würde so mancher hier vielleicht dennoch nicht vermuten. Das besonders Ästhetische am folgenden Knaller ist nicht nur, dass die Dame en prise bleibt, sondern der Läufer selbst auch noch auf ein angegriffenes Feld zieht. Ganz gleich, wie Schwarz antwortet – nach 20. Ld3-c4!! steht er glatt auf Verlust. 20… Dg4xc4 wird mit 21. De3-e8+ und Matt wahlweise auf g6 oder h8 beantwortet werden, während 20… Sd5xe3 wegen der neuen Fesselung des Turms auf f7 ebenfalls Matt in zwei Zügen nach 21. Td1-d8+ erlauben würde. Petrov zog noch 20… c7-c6, musste aber nach 21. Td1xd5 Dg4xc4 22. De3-e8+ einsehen, dass dies nichts ändert. Immerhin: Schwarz ließ sich mit 22… Tf7-f8 23. De8xg6# noch brav das Ende zeigen.

 

59. Bronstein – Ljubojevic, Persepolis 1973
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Paul Keres bezeichnete dieses Duell als eine der größten Partien aller Zeiten – es ist zwar wahr, dass nicht jeder Zug modernen Analysen mit dem Computer standhält, doch das Maß an Kreativität, das David Bronstein hier an den Tag legte, ist aller Ehren wert, zumal die praktischen Probleme am Brett nicht mit denen der ruhigen Analyse zu vergleichen sind. Weiß hätte hier die Drohungen Dc7xc4 und Lb4-c5 theoretisch mit dem ungelenken Zug 16. Tg1-g4 parieren können, doch solche Optionen waren noch nie nach Bronsteins Geschmack gewesen. Er zog stattdessen 16. Lc4-b3!! und ignorierte die Drohung gegen seinen Turm. Nach 16… Lb4-c5 ließ er sogar mit 17. Dd4-f4 den Stein ganz hängen, nur um auf Mattangriff zu spielen. Nach 17… Lc5xg1 18. d5-d6 entstand eine legendäre Partie, die, obwohl nicht fehlerfrei, auch zu meinen Lieblingsduellen aller Zeiten gehört. Ljubojevic wählte nun 18… Dc7-c8 (besser war 18… Dc8-c5), doch Bronstein revanchierte sich mit dem Fehler 19. Ke1-e2? (besser war die Rochade), weil er offenbar den Zug 19… Dc8-c5! übersehen hatte. Falls darauf 20. Sc3-e4, dann könnte Ljubojevic um den Preis der Rückgabe von etwas Material nun die Damen auf e3 tauschen. Beide versäumten dies aber, denn Ljubojevic zog in Wirklichkeit 19… Lg1-c5 und geriet nach 20. Sc3-e4 Sb8-d7 21. Ta1-c1 Dc8-c6 in Schwierigkeiten, als Bronstein hier zurecht die Partie mit 22. Tc1xc5!! Sd7xc5 23. Se4-f6+ Kg8-h8 24. Df4-h4 fortsetzte. Vermutlich hatte Ljubojevic übersehen, dass Weiß nun nach 24… Dc6-b5+ mit dem erstaunlichen Zug 25. Ke2-e3!! klare Verhältnisse schafft. Der jugoslawische Großmeister spielte wegen Bronsteins haarsträubender Zeitnot noch bis zum 41. Zug weiter und gab dann auf. Er soll ob der Niederlage derart angefressen gewesen sein, dass er Bronstein nicht einmal die Hand danach reichte …
David Bronsteins Buch Der Zauberlehrling, in dem diese Partie ausführlich analysiert und mit Hintergründen beleuchtet wird, sollte in keiner ernsthaften Sammlung fehlen.

 

60. Minic – Planinc, Zagreb 1975
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

In dieser erstaunlichen und höchst ungewöhnlichen Stellung hat Schwarz derzeit nur einen Turm und zwei Bauern für Dame und Läufer. Das nicht zu verachtende Stellungsdetail auf d2 wirft allerdings die Frage auf, wie viel dieser Bauer exakt wert ist. Schwarz richtete hier zurecht alle seine Aufmerksamkeit auf diesen Bauer und steckte mit 21… Lb7-d5!! noch mehr Material ins Geschäft, anstatt den harmlosen Läufer auf d6 zu beseitigen. Dragoljub Minic fand sich in dieser Stellung nicht gut zurecht und wählte hier 22. Dg3-f4? anstelle des stärkeren 22. Ld6-f4, obwohl Weiß auch in diesem Fall nach 22… Ld5-c4 23. Lb3xc4 d2-d1=D 24. Lc4-d3! noch nicht über den Berg wäre – vermutlich verpasste Minic den letzten Zug in dieser Variante. In der Partie hatte es Schwarz nach 22. Dg3-f4 leichter: es folgte 22… Ld5-c4! 23. h2-h4 Te1xf1+ 24. Kg1-h2 Te8-e2!. Planinc war nicht willens, auf b3 zu nehmen und dadurch seinen Augapfel auf d2 einzubüßen! Nach 25. Ld6xc7 Tf1-f2 war die Partie rasch zu Ende, da beispielsweise auch 26. Lc7-b8 an dem einfachen 26… Tf2xg2+ 27 Kh2-h3 Tg2-h2+ mit schwarzem Gewinn scheitern würde. Weiß gab im 30. Zug in klar verlorener Stellung auf.

 

61. Jobava – Ivanchuk, Havanna 2005
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

 

Jeder normale Mensch hätte in dieser Stellung mit Schwarz 10… g7xf6 gezogen und sich auf die unklare Stellung nach 11. Sb5-d4 ausgelassen. Der ukrainische Großmeister Vasily Ivanchuk ist aber nun einmal nicht normal und gestattete sich hier einfach die Freiheit 10… Le7xf6!!, was einen Bauer mit Schach verliert und das Rochaderecht einbüßt. Diese Kriterien allein hätten schon ausgereicht, um neun von zehn Spielern diesen Zug gründlich zu vergällen. Ivanchuk hatte aber die starke Kompensation gespürt – im Gegensatz zu Baadur Jobava, der hier wohl nach dem offensichtlichen 11. Sb5xd6+ Ke8-e7! besser beraten gewesen wäre, nicht das überaus natürliche 12. Sd6xc8+ Dd8xc8 zu wählen, sondern Schwarz mit 12. c4-c5!? b6xc5 13. Sd6-c4 einen isolierten Bauer zu verpassen. In der Partie bestand Ivanchuks Kompensation in praktisch uneingeschränkter Dominanz auf den dunklen Feldern und rascher Entwicklung. Nach 13. Sc3-a4 wählte der Ukrainer 13… Th8-d8 14. Dd1-b3 Sb8-d7! mit folgender Variante: 15. Sa4xb6? führt nach 15… Sd7xb6 16. Db3xb6 Ta8-b8 praktisch schon zu entscheidendem Vorteil für Schwarz, während nach der Partiefortsetzung 15. Db3-a3+ Sd7-c5! der Zug 16. Sa4xb6? an 16… Dc8-c6, gefolgt von 17. Sb6xa8 Lf6xb2!! oder 17. Sb6-a4 Dc6xa4 18. Da3xc5+ Ke7-e8, mit Gewinn für Schwarz scheitert. Jobava setzte die Partie mit 16. Lf1-e2 Dc8-c6 17. Sa4xc5 Dc8xc5! 18. b2-b4? fort und geriet nach 18… Dc5-g5 in 30 Zügen unter die Räder. Doch selbst nach dem stärkeren Damentausch im 18. Zug hätte Schwarz trotz eines Minusbauern leichten Vorteil behalten!
Alles in allem ist dies eines der ungewöhnlichsten Bauernopfer, das ich je gesehen habe!

 

Angriffsideen

 

62. Nimzowitsch – Alapin, Sankt Petersburg 1914
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

In diesem klassischen Beispiel hat Schwarz seine Entwicklung vernachlässigt, doch dass die Strafe so drastisch ausfallen würde, war schon überraschend: mit dem Kunstzug 14. Ld4-f6!!, der die harmonische Entwicklung des Gegners mit 14… Lf8-e7 verhindert, stellte Nimzowitsch seinen Gegner vor ein unlösbares Problem. Die Mattdrohung auf d8 zwang ihn zu 14… Dg6xf6, doch nach 15. Th1-e1+ Lf8-e7 (der andere Läuferzug ließe ein einzügiges Matt zu) 16. Lf3xc6+ Ke8-f8 (das Schlagen auf irgendeine Art ließe das Matt auf d8 zu) 17. Dd2-d8+! war die Partie gelaufen.

 

63. Torre Repetto – Lasker, Moskau 1925
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Der Exweltmeister Dr. Emanuel Lasker erhielt angeblich während dieser Partie eine überaus freudige private Nachricht und legte daraufhin wohl nicht mehr das gewohnte Maß an Konzentration an den Tag. Zur Strafe verlor er eine der berühmtesten Partie der Schachgeschichte, die mit einem Damenopfer eingeleitet wurde und die selbst viele Jugendspieler schon wegen ihres didaktischen Werts kennen (sollten): Weiß zog hier 25. Lg5-f6!! und baute die „Mutter aller Zwickmühlen“ auf: nach dem erzwungenen 25… Db5xh5 26. Tg3xg7+ Kg8-h8 räumte Torre Repetto mit ihrer Hilfe nacheinander f7, b7 und zum Schluss die Dame auf h5 ab – den Bauer auf a7 hatte er clever verschont, um dem Gegner nicht die a-Linie zu öffnen. Lasker zog die freudlose Angelegenheit noch bis zum 41. Zug hin, ehe er aufgab.

 

64. Euwe – Speijer, Amsterdam 1924
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Im ersten Moment könnte man denken, dass Weiß glatt auf Verlust steht, doch der künftige Weltmeister hatte lange im Voraus diese Stellung erspäht und mit Absicht angestrebt, weil er hier den tödlichen Zug 19. Lb2-a3!! präpariert hatte. Nun würde auf 19… Lf3xd1 20. Te7-e3+ mit folgender Variante folgen: 20… Dd3-d6 21. La3xd6+ Kf8-g8 22. Ld6-e7 mit leichtem Gewinn. Weiß behielte aber auch nach 19… Kf8-g8 20. g2xf3! einfach eine Figur mehr, weshalb Speijer noch 19… Dd3-a6 versuchte. Nach 20. Tc1-c7! Da6xa3 21. Te7xf7+ Kf8-e8 22. Dd1-e1+ musste er aber den Widerstand einstellen, da er rasch mattgesetzt wird.

 

65. Euwe – Réti, Amsterdam 1920
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Einige Jahre zuvor wurde Max Euwe allerdings selbst auf ziemlich drastische Weise Opfer eines ungestümen Angriffs, den einer der aufstrebenden Jungspieler über ihn hereinbrechen ließ: mit 17… Lc8-h3!! 18. Dh8xa8 Ld6-c5+ 19. Kg1-h1 Lh3xg2+ 20. Kh1xg2 Dh4-g4+ zeigte Réti auf, dass ein Läufer gegen zwei Türme ausreicht. Nach dem Damenschach auf f3 im nächsten Zug wird Weiß mattgesetzt. Selten sah man einen späteren Weltmeister so chancenlos untergehen!

 

66. Glucksberg – Najdorf, Warschau 1929
Stellung nach dem 13. Zug von
Weiß

Sicherlich muss nicht lange herumdiskutieren, um festzustellen, dass dieser Gegner, dessen Vorname noch nicht einmal bekannt zu sein scheint, keine ernsthafte Gefahr für Miguel Najdorf darstellte. Dennoch ist die nun folgende Sequenz von so berückender Schönheit, dass dieser Partie der Ehrenname Polnische Unsterbliche verliehen wurde. Das kam so: 13… Lh2-g1!! (aber ja nicht 13… Lh2xg3? wegen 14. Tf1-h1) 14. Se2xg1 Dh5-h2+ 15. Kg2-f3 e6-e5! 16. d4xe5 Sd7xe5+ 17. f4xe5 Sg4xe5+ 18. Kf3-f4 Se5-g6+ 19. Kf4-f3 f5-f4!! 20. e3xf4 Lc8-g4+! 21. Kf3xg4 Sg6-e5+ 22. f4xe5 h7-h5#! Wem das nicht gefällt!

 

  67. Ravinsky – Ilivitzky, Riga 1952
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Dieses seltene Fundstück ist im Grunde genommen eine Verfeinerung der Idee, die man gemeinhin aus der berühmten Partie Fischer – Benkö, New 1963, kennt. In dieser Stellung hier drängen sich Mattmotive sowohl auf g7 als auch h7 auf. Unter Verquickung all dieser Faktoren spielte Weiß den Sperrzug 21. Lg5-f6!!, der jedwedes Vorrücken des schwarzen f-Bauern unterbindet. Nach 21… Ld8xf6 22. e4-e5 Sc5xd3 23. e5xf6 scheint es als hätte Weiß einen leichten Gewinn, doch er musste noch um einiges weiter rechnen: nach 23… Sd3-f2+ 24. Kh1-g1 musste er auf 24… Sf2-h3+ unbedingt folgende Sequenz antizipieren, bei der man sich unter Druck stehend ausgesprochen leicht verrechnen kann: 25. Kg1-f1! Le6-c4+ 26. Sc3-e2! Lc4xe2+ 27. Kf1-e1! Dc7-a5+ 28. b2-b4!. Schwarz hatte offenbar all dies auch vorhergesehen und gab die Partie nach 25. Kg1-f1 bereits auf.

 

68. Bronstein – Keres, Göteborg 1955
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Eines der langfristigsten und kompliziertesten Opfer der 1950er-Jahre ließ David Bronstein in dieser Partie vom Stapel. Nach eingehender Einschätzung dieser Stellung, in der schlicht niemand in der Lage wäre, alle Varianten zu berechnen, entschied er sich hier dafür, seinen Läufer mit 14. Lc1xh6!! einfach zu opfern. Da Schwarz nach der Partiefolge 14… g7xh6 15. Dd1-d2 keinen Weg hat, seinen angegriffenen h-Bauer zu verteidigen, wird Weiß als Gegenwert für den geopferten Läufer definitiv zwei Bauern und eine geöffnete Königsstellung seines Gegners als Kompensation dafür erlangen. Interessant erscheint, dass auch moderne Engines diesen Zug leicht favorisieren, obwohl es keinen zwingenden Gewinnweg gibt und er bei optimaler Verteidigung bestenfalls zu leichtem Vorteil führt. Keres setzte zögerlich mit dem passiven Abspiel 15… Sf6-h7? 16. Dd2xh6 f7-f5 fort, doch nach 17. Sg3xf5 Tf8xf5 18. Lc2xf5 Sh7-f8 stand Weiß bereits auf Gewinn, auch wenn die Partie noch bis zum 39. Zug dauerte. Viel hartnäckiger war stattdessen 15… Sa6-c5, doch eine umfangreiche Analyse zeigt, dass Weiß selbst nach dem zu erwartenden 16. Dd2xh6 Lb7-e4 17. Sg3xe4 Sf6xe4 immer ein Remis hat oder wahlweise die Fortsetzung des Angriffs riskieren kann. Insofern war Bronsteins Opfer definitiv gerechtfertigt.

 

69. Spassky – Polugajewsky, Riga 1958
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

In dieser Stellung entkorkte Boris Spassky, der seinerzeit unumstritten profundeste Kenner des komplizierten Najdorf-Sizilianers mit 6. Lc1-g5, eine fulminante Überraschung für seinen Gegner Lev Polugajewsky, die sich zudem auch noch in analytischer Hinsicht als vollkommen korrekt erweist: mit 17. Lb3xe6!! präsentierte der künftige Weltmeister ein Opfer, dessen Sinn man zunächst nicht so schnell durchschaut. Nach 17… Sc5xe6 18. Sd4xe6 würde sofort das folgende Schach auf d7 klare Verhältnisse schaffen, doch auch 17… f7xe6 18. Sd4xe6! stellt Schwarz vor unlösbare Probleme: nach 18… Sc5xe6 19. Dd2-d7+ Ke8-f7 20. Te1-f1+ wird Schwarz matt, aber nach anderen Zügen hängt g7 mit sperrangelweit geöffneter Königsfestung und klar verlorener Stellung. Polugajewsky erkannte die Misere und spielte notgedrungen 17… 0-0, doch nach dem simplen 18. Le6-b3 ließ sich Spassky den Sieg, den er im 41. Zug sicherte, nicht mehr nehmen.

 

70. Juferov – Gusev, Kaliningrad 1973
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

 

Der Anziehende hatte nicht gut gespielt und wusste dies wohl auch, doch ob er auch damit rechnete, dass die Partie nach einem weiteren Zug schon beendet sein würde, darf doch bezweifelt werden. Jedenfalls packte Schwarz hier den Kraftzug 24… La6-f1!! aus, wonach der einzige Weg, das Matt mit 25. e3-e4 zu verhindern, einen ganzen Turm kostet. Weiß gab auf.

 

71. Fischer – Reshevsky, New York 1958
Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz

Auf der anderen Seite des großen Teichs setzte in jenen Jahren in schöner Regelmäßigkeit ein gewisser Bobby Fischer die Akzente. In dieser heute gut bekannten Eröffnungsfalle aus der Drachen-Variante des Sizilianers zog er keinem Geringeren als Großmeister Samuel Reshevsky kurzerhand mit 10. Lb3xf7+!! das Fell ab: da 10… Tf8xf7 an 11. Sd4-e6! mit Damengewinn scheitert, musste Schwarz wohl oder übel mit 10… Kg8xf7 fortsetzen. Nach 11. Sd4-e6!! wurde der König wie bei einem Magnetmatt noch weiter ins Freie gezerrt, so dass Fischer ihn nach dem (eigentlich) erzwungenen 11… Kf7xe6 mit 12. Dd1-d5+ Ke6-f5 13. g2-g4+ schnell zur Strecke gebracht hätte. Reshevsky wählte stattdessen 11… d7xe6 und zögerte wohl aus purer Verbitterung die unvermeidliche Aufgabe nach 12. Dd1xd8 stillos noch dreißig Züge hinaus.

 

72. Fischer – Geller, Skopje 1967
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Ganz selten erwischte es Fischer in jenen Jahren selbst. Die vorliegende Partie nahm der exzentrische US-Amerikaner sogar als eine von insgesamt drei Niederlagen in sein legendäres Buch Meine 60 denkwürdigen Partien mit auf. Fischers Achillesferse waren irrationale Stellungen, in denen seine Stärken nicht immer zum Tragen kamen. Er hatte hier soeben 21. Df1-f4 gezogen und sich wohl bereits auf einen Sieg eingestellt. Hätte Fischer zugs zuvor auf den Einschub des Zugpaars mit 20. a2-a3 Db4-b7 verzichtet, dann würde dieses Stellungsurteil in der Tat zutreffen. Doch worin besteht der Unterschied? Bei einem Angriff auf entgegengesetzten Flügeln kommt es häufig zu einer Art Wettrennen um die Frage, wessen Angriff zuerst durchdringt. Diesen Umstand nutzte Geller nun aus, um mit dem diabolischen Konter 21… Lc6-a4!! zuzuschlagen. Fischer bekannte freimütig, dass er diesen Schlag übersehen habe, denn ansonsten hätte er auf den Einschub des Zuges 20. a2-a3 natürlich verzichtet. Wäre der weiße Bauer noch auf a2, dann ginge von Gellers Zug keine Bedrohung aus, da Weiß in aller Ruhe gefahrlos auf b3 zurücknehmen könnte (zumal auch noch der Springer auf e4 dann einfach hinge). Jetzt hingegen wird Weiß ein entscheidendes Tempo am Königsflügel fehlen. Nach 22. Df4-g4 Le7-f6 23. Tf5xf6 (oder 23. Ld4xf6 g7xf6!) schlug Schwarz mit 23… La4xb3 zu. Weiß gab auf.

 

73. Bagirov – Gufeld, Kirovabad 1973
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

 

Eduard Gufeld kreierte hier seine ganz persönliche Mona Lisa, wie er diese Partie nannte. Zurecht widerstand er der Versuchung 25… c3-c2+?, denn nach 26. Kb1-b2 c2xd1=D 27. Tg1xd1 hat Schwarz wegen der Drohung 28. Td1-f1 trotz einer Mehrfigur große Probleme. Stattdessen packte er hier der Zug 25… Lc8-e6!! aus, der ein wichtiges Tempo für den essentiellen Damenschwenk nach b8 gewinnt. Nach 26. Lc4xe6 setzte Gufeld den Opferreigen mit dem exakten 26… Sb4-d3!! (nicht 26… Sb4-d5? wegen 27. e4xd5, wonach der weiße König über e4 entkommt) fort. Der Springer ist wegen Matts tabu, weshalb die Partie mit 27. Df4-f7! Dd8-b8+ 28. Lc4-b3! Ta3xb3+ 29. Kb1-c2 fortgesetzt wurde. Schwarz hat scheinbar sein Pulver verschossen, doch nach 29… Sd3-b4+!! 30. Kc2xb3 (30. Kc2-c1 Tb3-b1+!! 31. Kc1xb1 Sb4-d5+! führt zu demselben Matt wie in der Partie) erzwang Gufeld das spektakuläre Matt: 30… Sb4-d5+ 31. Kb3-c2 Db8-b2+ 32. Kc2-d3 Db2-b5+. Weiß gab die Partie auf, denn auf 33. Kd3-c2 Db5-e2+ 34. Kc2-b3 De2-b2+ setzt Schwarz den Gegner im nächsten Zug matt.
Überlassen wir Eduard Gufeld noch einmal das Wort:
„Jeder Künstler träumt davon, seine eigene Mona Lisa zu schaffen – und jeder Schachspieler davon, seine Unsterbliche Partie zu spielen. Keine Partie hat mir so viel Befriedigung wie diese gegeben. Bis zum heutigen Tag empfinde ich Glück, wenn ich an sie zurückdenke. In solchen Momenten ist all mein Scheitern auf dem Schachbrett vergessen – und nur die Freude über einen Wirklichkeit gewordenen Traum bleibt übrig.“

 

74. Velimirovic – Csom, Amsterdam 1974
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Wenn man den fünften Zug dieser Kombination voraussieht, dann kann man locker leicht – wie der Großmeister und gefürchtete jugoslawische Angriffsspieler Dragoljub Velimirovic es natürlich auch tat – hier mit 22. Lb3xf7+!! zuschlagen. Nach 22… Tf8xf7 steckte Weiß noch mehr Material ins Geschäft: 23. De7xe8+! Sf6xe8 24. Te1xe8+ Tf7-f8. Obwohl Weiß nur einen Turm für die Dame hat, erweist sich die weiße Armee nach 25. d6-d7 Dh2-d6 26. Td1-f1! als siegreich. Erstaunlich!

 

75. Ljubojevic – Durao, Orense 1974
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Bei flüchtiger Betrachtung könnte man meinen, Weiß wäre gezwungen, Dauerschach zu geben. Schließlich hängt der Turm auf e4, der Läufer auf a3 und zu allem Überfluss droht auch noch Matt. Ohne den folgenden Zug müsste Weiß in der Tat die Punkteteilung erzwingen.
In der Diagrammstellung ist Ljubojevics Schlusszug wohl nicht mehr so schwer zu entdecken, doch musste er ihn lange im Voraus gesehen haben. Außerdem ist der ästhetische Wert des stillen Zuges 25. La4-b5!! sehr ansprechend, da immer noch zwei weiße Figuren hängen und Weiß ohnehin schon einen Turm weniger hat. Schwarz gab hier aber auf, denn die Mattdrohung auf a6 (bei gleichzeitiger Überdeckung des Feldes f1) ist nicht vernünftig abzuwehren. 25… c6xb5 ermöglicht 26. Da7-a6+ Kc8-c7 27. La3xd6#, da der schwarze Bauer nicht mehr auf c6 steht. Auf 25… Td8-f8 verliert Schwarz Haus und Hof: 26. Da7-a8+ Ld6-b8 (oder 26… Kc8-c7 27. Da8-a5+! mit baldigem Matt) 27. Lb5-a6+ Kc8-d8 28. Da8xb8+ Ld7-c8 29. Te4-e1 ist klar verloren.

 

76. Reshevsky – Vaganian, Skopje 1976
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

Samuel Reshevsky hatte sich in dieser Partie wohl dazu verleiten lassen, ganz gegen seine Gewohnheit mit 1. e4 zu eröffnen, weil er einen neuen Plan gegen die zu erwartende Französische Verteidigung seines Gegners ausgeheckt hatte. Tatsächlich kam diese Eröffnung auch aufs Brett, doch das völlig missratene Experiment kam Reshevsky nach dem kraftvollen Opferzug 16… Lf6-h4+!! zu stehen. Da das Nehmen mit dem Springer ein einzügiges Matt zuließe, sah sich der amerikanische Großmeister gezwungen, mit dem König zu nehmen und eine Reise ins Ungewisse anzutreten. Nach 17. Kg3xh4 stellte das nächste Opfer 17… Tf8xf3! sicher, dass dem König der Rückzug abgeschnitten wurde. Dieses Opfer durfte nicht angenommen werden, denn nach 18… Db6-f2+ hätte Schwarz das Matt forciert. Es ging weiter mit 18. Te1-f1, doch nach der starken Sequenz 18… Db6-b4+! 19. Lc1-f4 Db4-e7+! 20. Lf4-g5 De7-e6! wurde deutlich, dass es kein Entrinnen für den weißen König gibt. Auf 21. Ld3-f5 folgte 21… Tf3xf5! (das Nehmen mit der Dame würde den Bauer auf d5 mit Schach und Partieverlust einstellen), worauf Weiß angesichts seines gelüfteten Königs total auf Verlust steht. Vaganian gewann im 28. Zug.

 

77. Portisch – Johannessen, Havanna 1966
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Diese Partie ging als eine der besten Begegnungen der Schacholympiade von 1966 in die Geschichte ein, zumal Portischs Konzept danach frenetisch gefeiert wurde. Der Vorteil der Nachwelt besteht darin, dass sie Engines zur Verfügung haben, die so manche Analyse leider widerlegen. Zugegebenermaßen ist die Stellung sehr kompliziert und das folgende Opfer aus praktischen Gründen ohnehin nahezu forciert. Der ungarische Großmeister zog hier 18. Ld2xh6! und hatte zumindest den psychologischen Vorteil nun sicher auf seiner Seite. Objektiv gesehen beinhaltet Portischs Idee allerdings ein Loch, das auch keinem der Zeitgenossen auffiel, weil die Verteidigungsidee des Schwarzen dahinter einfach so absurd ist: hätte Johannessen hier plötzlich die Stärke von Stockfish erlangt, dann hätte er wohl 18… Lf3-g4 19. Th3-g3 f7-f5 20. Tg3xg4 zugelassen, da Schwarz jetzt eben nicht auf g4 nimmt, sondern nach dem alles andere als offensichtlichen 20… Tf8-f7!! den Umstand ausnutzt, dass es dem Anziehenden an Feldern für seinen Turm auf der g-Linie fehlt. Auf 21. Tg4-g3 folgt einfach 21… Le7xh4, während nach der Alternative 21. Tg4-g6 Sd7-f8 das gleiche Problem weiterhin besteht. Weiß wäre dann gezwungen, mit 22. h4-h5 im Trüben zu fischen.
Ich denke, es wäre unangemessen, Johannessen vorzuwerfen, dieses Abspiel nicht gefunden zu haben, weil Züge wie 20… Tf8-f7 enorm schwer im Voraus zu entdecken sind. Stattdessen zog der norwegische IM 18… Le7xh4 19. g2xf3 g7xh6 20. Ke1-e2! Sd7xe5 21. d4xe5 Dd8-d4 und wurde nun von 22. Th3xh4! Dd4xh4 23. Ta1-g1+ Kg8-h8 24. Dc2-c1! überrascht. Nun verlor Schwarz völlig die Contenance und zog 24… f7-f6??, was wegen 25. Tg1-g6! sofort verliert.
Stockfish hingegen packt selbst hier noch eine unfassbare Riposte aus: 24… c5-c4!! 25. Ld3-b1 Tf8-d8! (es muss dieser Turm sein!) 26. Tg1-h1
entwischt Schwarz ins Remis mit 26… Td8-d2+!!. Es geht forciert weiter mit 27. Dc1xd2 Dh4xh1 28. Dd2-c2 Kh8-g7 29. Dc2-h7+ Kg7-f8 (dafür hatte der Turm das Feld f8 geräumt!) 30. Dh7-h8+ Kf8-e7 31. Dh8-f6+ mit baldigem Remis.
Diese Episode aus längst vergangenen Tagen erinnert uns aufs Schönste daran, dass eben nicht nur strenge Logik, sondern auch Psychologie das Schachspiel kennzeichnet.

 

78. Karpov – Hübner, Tilburg 1982
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Spätestens seit dem kometenhaften Aufstieg von Mikhail Tal Ende der 1950er-Jahre musste auch ein so strenger Analytiker wie Mikhail Botwinnik eingestehen, dass nicht nur unerbittliche Logik und wissenschaftliche Exaktheit im Schach zum Erfolg führen. Dennoch ist das vorliegende Fundstück ein rares Beispiel, weil hier Weltmeister Anatoli Karpov, der bekanntermaßen Botwinniks Schachschule durchlief, hier gar nicht seinem Naturell entsprechend auftrumpfte, sondern eher ein Opfer der Marke Mikhail Tal wagte, obwohl objektiv nichts gegen 17. Dd3-e2 gesprochen hätte. Stattdessen wurde Dr. Robert Hübner von dem Zug 17. Le5xg7! überrascht. Die Option 17… Sg4xf2 untersucht Karpov interessanterweise erst gar nicht, obwohl die Engines diesen Zug (allerdings ohne Überlegenheit für Schwarz) favorisieren. Nach 18. Dd3-c3 würde der Angriff mit den Augen eines Menschen betrachtet auch ziemlich gefährlich aussehen. Hübner setzte mit 17… Kg8xg7 18. Dd3-e2 Le7-g5+ 19. Kc1-b1 Sg4-f6 fort und stand nach 20. d5xe6 tatsächlich ziemlich kritisch. Es folgte: 20… Dd8-c8 21. e6-e7 Tf8-e8 22. Td1-d6!. Laut Engines kommt Schwarz nach 22… Lg5-f4 23. Td6xf6 Kg7xf6 24. De2-f3 Kf6xe7 25. Df3xf4 Dc8-e6  allerdings ungeschoren davon. Hübner spielte stattdessen 22… Dc8-g4 und verlor nach Karpovs 23. De2-e5 schließlich im 37. Zug.
Hätte der Turnierstand den Weltmeister zu drastischen Maßnahmen gezwungen, so wäre das Opfer Karpovs vielleicht noch erwartbar oder gut motiviert gewesen. Da diese Partie aber in der 1. Runde des Turniers gespielt wurde, finde ich die Entscheidung und den damit verbundenen Mut des Weltmeisters umso bemerkenswerter, zumal kein Mensch die entstehenden Komplikationen mit der letzten Konsequenz hätte berechnen können.

 

79. Kasparov – Portisch, Niksic 1983
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Von Karpovs ewigem Rivalen durfte man solche Entscheidungen schon eher erwarten. Doch auch in diesem Fall war das nun folgende Opfer keineswegs notwendig, sondern eher eine verlockende Option, deren damit verbundenes Risiko es genau abzuwägen galt. Die Rechenfähigkeiten Kasparovs sind bekanntlich nicht die schlechtesten, und so fasste er sich ein Herz und griff beherzt mit 21. Lb2xg7!! zu. Nach 21… Kg8xg7 22. Sf3-e5 baute der Jungstar zurecht auf die offene Königsstellung seines Gegners, die Abseitsstellung des feindlichen Springers und die Aktivität der eigenen Figuren. Nach 22… Tf8-d8 23. De2-g4+ Kg7-f8 24. Dg5-f5 f7-f6 25. Se5-d7+ musste Schwarz 25… Td8xd7 26. Td3xd7 Dc7-c5 zulassen.
Hätte Kasparov hier nun 27. Df5-h3 gespielt, so hätte er nach 27… Tc8-c7 hier 28. Td7-d3 spielen können. Das war nach dem Partiezug 27. Df5-h7 nicht möglich, weil auf 27… Tc8-c7 der wünschenswerte Zug 28. Td7-d3 überraschend an dem Konter 28… Dc5xf2+!! 29. Kg1xf2 Le7-c5+ 30. Kf2-g3 Tc7xh7
31. Tf1xf6+ mit Ausgleich scheitert. Kasparov umging die Falle gerade so mit 28. Dh7-h8+, musste aber bis zum 35. Zug in dieser berühmten Partie um den Sieg kämpfen.

 

80. Beljawski – Cebalo, Bled 1998
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz

Trotz des Mehrbauern sieht die schwarze Stellung wegen der Fesselung des Turms verdächtig aus. Doch wie soll Weiß dies ausnutzen? Auf 28. Tf1-c1 oder 28. Td3-d4 würde Weiß nach dem offensichtlichen 28… d6-d5 allenfalls leichten Vorteil beanspruchen können. Weiß hat eine viel kräftigere Option zur Verfügung, die mit einem versteckten Hinlenkungsopfer eine bedeutende Stellungstransformation einleitet. Der russische Großmeister spielte einen kaum vorauszuahnenden Zug, dessen Ziel darin bestand, den schwarzen König um ein Feld anzulocken: 28. Lg4-e6+!!. Nach dem erzwungenen 28… Kf7xe6 hatte Weiß ein marginales, aber essentiell wichtiges Stellungsdetail zu seinen Gunsten verändert: nach 29. Td3-d4 würde 29… d6-d5 jetzt mit 30. e4xd5+ und Schachgebot beantwortet, so dass Weiß die Zeit erhielte, im nächsten Zug den hängenden Turm auf c4 zu schlagen. Cebalo zog stattdessen 29… Ke6-e7, gab aber nach drei weiteren belanglosen Zügen auf.

 

81. Dreev – Minasian, Warschau 2005
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

 

Müsste Weiß in dieser Stellung seinen angegriffenen Springer wegziehen oder nach dem soeben erfolgten 12… f7-f5 en passant schlagen, dann würde die weiße Initiative schnell versiegen. Großmeister Alexej Dreev fand einen besseren Weg, um aus seinem Entwicklungsvorsprung Kapital zu schlagen und steckte mit 13. Lg5xe7!! eine ganze Figur ins Geschäft. Der Nachziehende kann sich nun sogar aussuchen, welche der hängenden Figuren er nimmt, doch bekommt Weiß in jedem Fall eine langanhaltende und spürbare Initiative. Nach dem schwächlichen 13… f5xe4 14. Le7xd6, gefolgt von 15. Ld3xe4, hätte Weiß nicht nur drei Bauern, sondern auch die turmhoch überlegene Aktivität der Figuren vorzuweisen. Mit 13… d6xe5 vermag Schwarz das Opfer wegen 14. Se4-d6+ Ke8xe7 15. f4xe5 ebenfalls nicht zu entkräften, denn die verknoteten schwarzen Figuren bereiten allerhand Sorgen. Artashes Minasian nahm stattdessen mit 13… Sd5xe7 zurück, doch nach 14. Se4xd6+ Ke8-f8 15. Sf3-g5 sieht die Engine Weiß deutlich im Vorteil, zumal der Pflock auf d6 nicht zu beseitigen sein wird. Die Beengtheit und die mangelnde Koordination in der schwarzen Stellung sorgten für eine langsame, aber praktisch sichere Niederlage, die Minasian im 25. Zug eingestehen musste.

 

82. Ivanchuk – Bu Xiangzhi, Sofia 2008
Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz

Schnell wurde in dieser Stellung offensichtlich, dass der chinesische Großmeister in seiner Vorbereitung irgendein Detail verwechselt haben musste, denn zwei Züge später starrte er ungläubig aufs Brett und konnte nicht glauben, was er da sah: Ivanchuk opferte hier unerwartet mit 9. Lf1xb5+!! seinen Läufer und überließ Schwarz dann das Grübeln, wie dieser nach 9… a6xb5 10. Sc3xb5 die Gabeldrohung auf c7 zu decken gedachte. Kaum zu glauben, aber auch ein 2700 ELO-Punkte schwerer Spieler kann nach neun Zügen auf Verlust stehen. Die Drohung auf c7 ist nicht vernünftig zu parieren, denn so eine grausame Variante wie 10… Sb8-a6 11. Dc2-c6+ Sf6-d7 12. Se5xd7 Dd8-c8 13. Sd7-f6+ Ke8-d8 14. Dc6-e8# kann sich Schwarz nicht zeigen lassen.
Bu Xiangzhi spielte stattdessen 10… e7-e6, doch nach 11. Sb5-c7+ Ke8-e7 12. Sc7xa8 hätte Schwarz reinen und ruhigen Gewissens aufgeben können. Er quälte sich aber lieber noch bis zum 32. Zug – bis dahin war ihm vermutlich die Erleuchtung gekommen, was hier schiefgelaufen war.

 

83. Short – Ljubojevic, Amsterdam 1988
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Der Brite Nigel Short, bekannt für seinen schneidigen Angriffsstil, bildete praktisch zwei Jahrzehnte lang mit John Nunn und Michael Adams die schachliche Spitze seines Landes. Auch hier bewies er eindrücklich, dass er kein Kind von Traurigkeit ist: er opferte gegen den selbst als Angriffsspieler bekannten jugoslawischen Großmeister Ljubojevic hier mit 21. Ld4xg7!! seinen Läufer und ließ über den entblößten schwarzen König einen Angriffswirbel hereinbrechen, der zu den denkwürdigsten Angriffen der gesamten 1980er-Jahre gezählt werden muss. Die Partie wurde fortgesetzt mit 21… Kg8xg7 22. Sg3-h5+ Kg7-g6 (auf andere Züge ist 23. g5-g6 entscheidend) 23. e4-e5+ Kg6xh5 24. Dd2-f4!. Die Drohungen gegen f7 und g4 lassen Schwarz kaum eine Wahl. Ljubomir Ljubojevic spielte in bereits nicht zu rettender Stellung 24… Le7xg5 25. Df4xf7+ Kh5-h4 26. Df7-h7+ Kh4-g3 und machte nach 27. Dh7-h5! Kg3-h2 28. Dh5xg5 Te8-g8 29. Td1-d2+ Lc6-g2 30. Dg5-f4+ Tg8-g3 31. Ld3-e4! Db7xe4 32. Df4xe4 daraus eine sehenswerte Endstellung.

 

84. Anand – Khalifman, Shenyang 2000
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

In dieser chaotisch anmutenden und für den Najdorf-Sizilianer typisch unausgewogenen Stellung liegt ein Figurenopfer auf e6 natürlich in der Luft. Das Besondere an dieser Position ist zum einen, dass Anands Opfer 25. Lh3xe6!! keineswegs zwingend gewinnt und zum anderen, dass es sich Weiß erstaunlicherweise nach 25… f7xe6 26. Sd4xe6! erlauben kann, seinen Bauer auf c2 mit Schach hängen zu lassen. Allein dieser Umstand hätte wohl viele Spieler vor so einer Idee schon zurückschrecken lassen, doch Schach ist manchmal ein sehr konkretes Spiel: was in einer normalen Stellung glatter Selbstmord wäre, würde Schwarz nach 26… Dc7xc2+? 27. Kb1-a1 sofort auf Verlust stehen lassen, zum Beispiel: 27… Th8-h7 28. De3-g5! oder auch 27… Th8-g8
28. De3-f3 Sg6-e5 29. Df3-h5+ g7-g6 30. Dh5-h7 mit raschem Gewinn.
Khalifman sah die drohenden Gefahren und erkannte, dass dem weißen König auf a1 unglaublicherweise nichts anzuhaben ist, weshalb er natürlich das Nehmen auf c2 verwarf. Er hätte jedoch anstelle von 26… Dc7-e7?!, was Anand nach 27. De3-b6 das Leben angesichts des schwarzen Königs in der Mitte leicht machte, den Zug 26… Dc7-e5 vorziehen sollen. Die Beispielvariante 27. De3-b6 Lb7xe4 28. Td1-d8+ Ke8-e7! 29. Db6-a7+ Tc8-c7 30. Se6xc7 Le4xc2+ 31. Kb1-a2 Ke7xd8 möge dabei verdeutlichen, wie leicht beide Seiten hier stolpern können und dass jeder Fehltritt sofort die Partie kosten kann. Die Stellung bliebe danach sehr verwickelt und weiter unklar, während Anand die Partie nach 40 Zügen recht sicher gewinnen konnte.
Wem der Mut vor solchen Opfern fehlt, der sei nochmals daran erinnert, dass die Psychologie in der Regel für den Angreifer arbeitet und dass selbst stärkste Spieler bisweilen Risiken in Kauf nehmen müssen, die auch sie nicht umfassend einschätzen können – Anands Opferzug ist für mich ein Paradebeispiel dafür. Zenon Francos Buch Anand – Move by Move wartet mit einer detaillierten Analyse dieser hochkomplizierten Partie auf.

 

Kamikaze-Läufer

 

85. Aljechin – Rubinstein, Karlsbad 1923
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Einer der spektakulärsten Züge in der Karriere des 4. Weltmeisters, Alexander Aljechin, war der fabelhafte Zug 25. Le4-g6!!, mit dem der weiße Läufer in selbstmörderischer Absicht seiner Dame die lange Diagonale räumt. Der Clou von Aljechins Streich besteht darin, dass Schwarz nach der Annahme des Läufers ein forciertes Matt nach 26. Dc6-g2 erwarten würde. Da diese Drohung abgewehrt werden muss, kann der weiße Läufer praktisch auf jedes Fall auf der Diagonale b1-g6 ausweichen. Dabei erweist sich g6 natürlich als das beste Feld, weil der Läufer ohnehin immun ist und die gleichzeitige Drohung gegen f7 die Partie entscheidet. Rubinstein zögerte die Angelegenheit mit 25… Db8-e5 hinaus, hätte hier aber schon reinen Gewissens aufgeben können.

 

86. Rojahn – Lasker, Simultanpartie, Trondheim 1927
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Ein geradezu traumatisches Erlebnis musste in dieser Simultanpartie kein Geringerer als Exweltmeister Dr. Emanuel Lasker verdauen. Die schwarze Stellung wirkt nicht gerade vertrauensbildend, doch die Drohung gegen h2 sollte Schwarz wenigstens etwas Zeit zum Durchatmen geben. Der Amateur Rojahn (der nicht mit dem Spieler Ernst Rojahn aus der berühmten Partie Bronstein – Rojahn, Moskau 1956, verwechselt werden sollte) zeigte sich jedoch völlig unbeeindruckt und ließ nicht nur den angegriffenen Bauer hängen, sondern packte auch noch den dreisten Zug 20. Le3-g5!! aus, der sofort für klare Verhältnisse sorgt. Nach Laskers Antwort 20… f6xg5 (nichts ändert 20… Dh4xh2+ 21. Kg1-f2) wurde sein Monarch mit 21. Dg7-f6+ auf eine Reise ins Freie geschickt, die dieser nach 21… Kd8-d7 22. Df6-e7+ Kd7-c6 nicht überleben sollte. Der unerbittliche Weißspieler fand nach 23. Ta1-c1+ Kc6-b5 auch noch die stärkste Fortsetzung 24. a2-a4+!, worauf noch die Züge 24… Dh4xa4 25. Te1-e4!? Da4-b3? (die letzte Chance bestand in 25… Da4-a2) 26. De7xc7 Db3-d3 27. Te4-e5+! folgten.
Was für ein Glanzzug und was für eine Demontage!

 

87. Simagin – Zagorjasnki, Ivanovo 1944
Stellung nach dem 38. Zug von Schwarz

   

In dieser Stellung hängen nicht weniger als drei Türme gleichzeitig. Trotz des weißen Zugrechts scheint der Anziehende kein Kapital aus diesem Umstand ziehen zu können, doch ein bestimmter Zug, den Schwarz zweifellos nicht vorhergesehen hatte, durchkreuzte alle Hoffnungen des Nachziehenden, in dieser Stellung ungeschoren davonzukommen. Simagins Geniestreich war allerdings alles andere als leicht zu erahnen, denn wer rechnet schon mit einem so kühnen Zug wie 39. Le4-c6+!!, der den Läufer einem gleich dreifachen Angriff aussetzt? Die Idee hinter dem sinnfrei anmutenden Zug besteht darin, ein entscheidendes Tempo für ein Schachgebot zu gewinnen, um einen Turm abzutauschen und den anderen zu gewinnen. Wenn der König nimmt, dann tauscht Weiß auf c8 und sackt danach den anderen Turm ein. Nimmt der Springer zurück, dann kann Weiß mit Schach auf f7 zugreifen und den anderen Turm abtauschen. Das Nehmen mit dem Turm würde dagegen die Bedrohung des weißen Turms auf h8 aufheben, so dass weiß die Zeit für das Schlagen auf f7 erhielte.
So weit, so gut – doch damit war der Wahnsinn noch nicht zu Ende, da Schwarz ja noch die Option 39… Kd7-e6! hatte und diese auch spielte. Nun würde 40. Lc6-d5+? wegen 40… Se7xd5 41. c4xd5+ Ke6xd5! wahrscheinlich sogar noch verlieren. Vladimir Simagin fiel allerdings nicht auf diese Verlockung herein, sondern wählte stattdessen 40. Th8-h6+! Tf7-f6 41. Lc6-d7+!! mit Gewinn der Qualität und Sieg im 56. Zug. Dass sich der scheinbar unverwundbare weiße Läufer gleich zweimal binnen dreier Züge zum Schlagen hinstellt, ist unbeschreiblich!

 

88. Tal – Benkö, Bled 1959
Stellung nach dem 22. Zug von Schwarz

Diese Paarung ging auch deshalb in die Schachgeschichte ein, weil der ungarisch-amerikanische Großmeister Pal Benkö in dieser Partie eine Sonnenbrille trug, um die durchbohrenden und penetranten Blicke seines Gegners Mikhail Tal abzuwehren. Es half jedoch alles nichts, denn die Wörter „Tal“ und „Opfer“ wurden in jenen Jahren oft zurecht in einem Atemzug genannt. Hier beispielsweise ist die Stellung des schwarzen Königs schon spürbar geschwächt, doch wie soll Weiß Fortschritte machen? Der auf b2 lauernde Läufer scheint die Stellung hinreichend sicher zu verteidigen, doch das erwies sich als Trugschluss …
Der Schlüssel zum Verständnis dieser Stellung besteht darin, dass die weiße Dame ohne Umschweife nach h6 gebracht werden muss. Dies scheint auf den ersten Blick unmöglich, doch Tal „entsorgte“ hier einfach seinen überflüssig gewordenen Läufer mit 23. Lh6-f8!!. Die durch die Bauernkette im Zentrum effektiv ausgesperrten Verteidiger können ihrem König nicht mehr rechtzeitig zu Hilfe kommen, was durch die Zugfolge 23… Te8xf8 24. Dd2-h6 Tf8-f7 25. e6xf7+ hinreichend deutlich wurde. Tal machte nach 25… Kg8xf7 mit 26. Dh6xh7+ Lb2-g7 27. Th4-h6 kurzen Prozess und erzwang die schwarze Aufgabe im 30. Zug. 

 

89. Tal – Grigorian, Jerewan 1982
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Dass der Exweltmeister auch im Herbst seiner Karriere immer noch die gesamte Palette an taktischen Ideen souverän beherrschte, bewies er in dieser weitaus weniger bekannten Partie. Außer dem Mehrbauer gibt es rein gar nichts, was die schwarze Stellung attraktiv machen würde: rückständige Entwicklung, passive Figuren, Läuferpaar für den Gegner und eine geschwächte Königsstellung. All diese Faktoren ergeben in Summe eine Konstellation, die gegen den Exweltmeister absolut toxisch ist. Laut dem Computer ist in dieser Situation auch ein gewöhnlicher Zug wie 26. Le4-d3 auf Dauer tödlich, doch Tal, mit einem Auge für Schönheit ausgestattet, stellte hier seinen Läufer frei schwebend mit 26. Le4-f5!! hin, worauf eine Art schwarzer Zugzwang auf dem Brett entsteht. Der offensichtlich unantastbare Läufer droht streng genommen gar nichts, doch was soll Schwarz ziehen, ohne seine Stellung dabei weiter zu schwächen? Der bedauernswerte Karen Grigorian spielte 26… Dh8-c3, doch nach der von Tal vorbereiteten Pointe 27. Te1xe8+ Ld7xe8 28. Ta1-c1 hatte Weiß auf diese seltsame Art und Weise ein Tempo gewonnen. Nach 28… Dc3-e5 packte Tal eine kaltschnäuzige Riposte aus, die nicht viele gefunden hätten: 29. Dh4-d8! g6xf5 (was sonst?), und nun 30. Kg1-f1!! mit der unabwendbaren Drohung 31. Tc1-e1. Der Versuch, mit 31… De5-e4 auf Dauerschach zu spielen, scheitert an dem „Detail“ 32. Dd8-g5+ mit Matt im nächsten Zug. Was für ein Partiefinale! Solche Wendungen verdeutlichen, warum Tal nach wie vor zu den beliebtesten Spielern aller Zeiten gehört, auch wenn sein frühzeitiger Tod 1992 nun schon fast dreißig Jahre zurück liegt.  

 

90. Geller – Panno, Göteborg 1955
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Zu einer historisch einmaligen Konstellation, die im Nachhinein als die Göteborger Trilogie getauft wurde, kam es in der 14. Runde des Interzonenturniers zu Göteborg im Jahre 1955. Die Auslosung hatte ergeben, dass die drei sowjetischen Großmeister Efim Geller, Boris Spassky und Paul Keres allesamt mit Weiß gegen die drei argentinischen Großmeister Oscar Panno, Herman Pilnik und Miguel Najdorf anzutreten hatten. Offensichtlich hatten sich die drei argentinischen Meister im Vorfeld dieser Runde zusammengerauft und gemeinsam eine Variante vorbereitet, die tatsächlich in allen drei Partien aufs Brett kam (!) und als Göteborger Variante in die Geschichte einging. In diesem scharfen Abspiel des Najdorf-Sizilianers opfert Schwarz frühzeitig einen Bauer, um so seinem Springer auf e5 eine bombenfest Zuflucht zu verschaffen. Der Preis dafür ist allerdings, wie schon ein flüchtiger Blick erahnen lässt, hoch: Weiß erlangt mit einem Springeropfer kräftige Initiative, und der schwarze König steht exponiert. Alle sechs involvierten Spieler folgten natürlich dem Geschehen auf den Brettern ihrer Kollegen, ehe Efim Geller als Erster zu dem Zug griff, der auch heute noch die Hauptvariante dieses Abspiels darstellt: 13. Lf1-b5!!. Dass dieser Läufer vorerst wegen des drohenden Schachgebots auf f1 tabu ist, leuchtet ein – doch warum den Läufer ausgerechnet nach b5 stellen, wo er früher oder später scheinbar ein Tempo verlieren muss? Spassky und Keres jedenfalls folgten dem von Geller eingeschlagenen Weg, denn sie hatten die Logik hinter dem Zug, den die argentinische Troika hundertprozentig nicht gewürdigt hatte, erkannt. Nach dem von Panno gespielten 13… Sd7-e5 14. Lh4-g3! hat Schwarz nun keinen Weg, seinen angegriffenen Springer mit dem Kollegen auf b8 zu decken, da dieser nun einfach von dem Läufer auf b5 dabei eliminiert würde. Panno und seine argentinischen Kollegen verloren nach dem Schock im 13. Zug allesamt chancenlos. Najdorf und Pilnik favorisierten 13… Kf8-g7, doch nach 14. 0-0 Sd7-e5 15. Lh4-g3 Se5-g6 16. g5xh6+ Th8xh6 17. Tf3-f7+ gerieten sie in einen unparierbaren Angriff. Erst später wurde die von Keres angeregte Verteidigung 13… Th8-h7 auch von Bobby Fischer analysiert und für spielbar, aber gleichwohl riskant gehalten.

 

91. Fischer – Panno, Buenos Aires 1970
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz

Die meisten Spieler werden diese Partie vermutlich kennen, doch Fischers Behandlung dieser Stellung ist immer noch lehrreich: anstatt hier irgendetwas zu forcieren, brachte er die letzte noch untätige Figur mit 28. Lg2-e4!! ins Spiel. Wenn der kecke Läufer geschlagen wird, dann gelangt der Springer von g3 über e4 unweigerlich nach f6 und richtet irreparable Schäden an. Panno spielte daher 28… Dd8-e7 und versuchte, Fischers Zug eher wie einen nutzlosen Zug für die Galerie aussehen zu lassen, doch der Druck auf der Diagonale war zuviel für Schwarz: Fischer setzte mit 29. Sg5xh7! Sf8xh7 30. h5xg6 f7xg6 31. Ld3xg6 fort. Der Wanderung des weißen Springers über h5 nach f6 hat Schwarz keine ausreichende Verteidigung entgegenzusetzen, zum Beispiel: 31… Lb5-e8 32. Lg6xh7+ und der Bauer auf e6 fällt mit verheerender Wirkung. Panno versuchte noch 32… Sh7-g5, doch nach dem kaltblütigen 33. Sg3-h5 Sg5-f3+ 34. Kg1-g2! Sf3-h4+ 35. Kg2-g3! Sh4xg6 36. Sh5-f6+ Kg8-f7 37. Dh6-h7+ wurde Panno im nächsten Zug matt.

 

92. Beljawski – Kasparov, Belfort 1988
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Der erste Eindruck in dieser Stellung könnte ohne Weiteres so aussehen, dass Schwarz trotz der Mehrfigur in Schwierigkeiten zu sein scheint, da die bevorstehende Turmverdoppelung des Anziehenden auf der 7. Reihe nichts Gutes verheißt. Der Weltmeister hatte diese Stellung jedoch absichtlich wegen einer diabolischen Sequenz angestrebt: 21… Lg7-h6+!! sieht auf den ersten Blick wie ein impulsives Schachgebot aus, das nach 22. Kc1-b1 alles nur noch schlimmer zu machen scheint, da jetzt sogar zwei Figuren hängen. Nach 22… Ta8-d8! bekämpfte Weiß seine Grundreihenschwäche mit dem Zug 23. Td1-d6, doch nun packte Kasparov den vorbereiteten Konter 23… De8-c6!! aus. Die Dame selbst ist wegen des Grundreihenmatts genauso tabu wie der Läufer auf h6 wegen des tödlichen Schachs auf e4. Beljawski versuchte noch 24. a2-a3, aber nach 24… Td8xd6 25. e5xd6 Dc6xd6 26. a3xb4 c5xb4 ging seinem Angriff die Puste aus. Kasparov siegte drei Züge später.

 

93. Christiansen – Browne, Las Vegas 1989
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Der US-amerikanische Großmeister Larry Christiansen ist nicht nur ein gefürchteter Angriffsspieler, sondern auch ein selten unternehmungslustiger Typ, der mit seinen exzentrischen Ideen durchaus an Tony Miles erinnert. Hier etwa zeigte er sich, möglicherweise durch den Ort der Partie inspiriert, in besonders risikofreudiger Spiellaune. Die allermeisten Spieler hätten hier sicherlich 17. Le2-h5 gewählt, um den starken Läufer auf f4 zu verankern. Christiansen hingegen hatte etwas anderes im Sinn und spielte hier 17. Lf4-c7!!. Objektiv ist dieser Zug wohl kaum stärker als die Alternative, aber die Verlockung, den Läufer zu fangen, erwies sich als zu stark für Walter Browne. Der letztliche Verlust des Läufers ist ein bewusster Teil des Konzepts von Christiansen, der die von Schwarz für die Läuferjagd aufgewendete Zeit nutzt, um die Stellung zu öffnen. Dieser Gedanke trug nach den Zügen 17… d7-d6 18. f2-f3! Df6-e7 19. Lc7-a5 b7-b6 bereits erste Früchte: der Läufer ist verloren, doch der Preis für seine Eroberung ist hoch. Mit 20. Dc2-a4! De7-b7 21. f3xe4 b6xa5 22. c4-c5!! fand Weiß eine kraftvolle Fortsetzung, die der Dame die Rückkehr ins Zentrum über die 4. Reihe ermöglicht. Nach 22… Sg6-e5 23. f4xe5 wurden der gefährliche f-Bauer und der Mangel an Koordination im schwarzen Lager Browne letztlich zum Verhängnis. Weiß siegte im 34. Zug.

 

94. Krajina – Kozul, Jugoslawien 1989
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Die schwarze Stellung ist hinreichend fest, aber ansonsten ist der Entwicklungsrückstand durchaus spürbar. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Großmeister Zdenko Kozul in dieser wenig attraktiv anmutenden Stellung einen ungewöhnlichen Zug ausführte, sobald er ihn erspäht hatte: dieser sollte seine Schockwirkung nicht verfehlen und würde alle Chancen auf eine psychologische Wende in dieser Partie bringen. Die Rede ist von dem Knüller 13… Lf8-a3!!, der objektiv zwar auch nicht alle Probleme zu lösen vermag, doch die richtige Fortsetzung für Weiß ist kaum am Brett zu finden. Weiß kam mit dem Schock überhaupt nicht zurecht und setzte denkbar schwach mit dem ernsten Zugeständnis 14. b2xa3? fort, worauf der vorbereitete Zug 14… Dd8-a5 nach 15. g2-g4 h5xg4 16. h3xg4 Th8xh1 17. Td1xh1 Lf5xg4! 18. Df3xg4 Da5xc3 angesichts zahlreicher Drohungen und der geschwächten weißen Bastionen eine mehr als komfortable Stellung ergab, zumal Weiß hier nicht den einzigen Zug 19. Dg4-h3 fand.
Weiß hätte die schwarze Aggression mit dem Zug kühlen 14. La6-e2! beantworten sollen, doch verständlicherweise bedarf es dazu schon der Kaltblütigkeit eines starken Computers, um die Fortsetzung 14… Dd8-a5
15. Le3-f2 Ta8-b8 16. b2xa3 Da5xa3+ 17. Kc1-d2 Lf5xc2 18. Td1-c1 als günstig für Weiß einzuschätzen.
Der dänische Trainer Jakob Aagaard kommentierte Kozuls kühnen Zug mit den folgenden Worten: „Was diesen Zug so fantastisch macht, ist, dass er keine unmittelbare Drohung aufstellt. Schwarz unterminiert einfach die weiße Verteidigung am Damenflügel.“ Der psychologische Faktor dieses provokanten Zuges ist jedoch ebenfalls nicht zu verachten. So oder so dürfte der kroatische Großmeister selten einen schöneren Zug in seinem Leben gespielt haben.

 

95. Fressinet – Brunner, Mulhouse 2011
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Dass in einem so scharfen Eröffnungssystem wie der Meraner Variante jederzeit Fallstricke und Überraschungen lauern, dürfte hinlänglich bekannt sein. Von dem Blitz, der ihn hier gleich treffen würde, dürfte der französische IM dennoch nichts geahnt haben: mit 16. Ld3-g6!! plazierte sein Gegner, der Großmeister Laurent Fressinet, einen tückischen Sprengsatz, der die Partie in höherem Sinne bereits beendet. Beide Arten des Wiedernehmens scheitern aus einfachen Gründen, doch nach dem erzwungenen skurrilen Zug 16… 0-0 stibitzt Weiß einfach den Bauer auf h7 mit Schach und steht natürlich auf Gewinn. Fressinet gewann im 23. Zug.

 

96. Aroshidze – Jobava, Tbilissi 1999
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

Ob Weiß hier wohl ahnte, welch unangenehme Überraschung der erst 15-jährige Baadur Jobava für ihn ausgeheckt hatte?! Die Konstellation auf der Diagonale a5-e1 mutet etwas tönern an, doch könnte Weiß im nächsten Zug seinen Läufer bei Bedarf nach d4 überführen und die Stellung absichern. Der Schlüssel zum Rätsel des Problems liegt ganz woanders: der georgische Spitzenspieler packte hier den Zug 16… Ld7-h3!! aus, der die Grundmauern der weißen Festung zu erschüttern droht. Nach der zu erwartenden Antwort 17. 0-0 spielte Jobava 17… g5-g4! und profitierte davon, dass sein Läufer noch immer tabu war. Das wünschenswerte 18. f3-f4? würde nun an 18… Se5-f3+! 19. g2xf3 g4xf3 20. Se2-d4 h5-h4!! scheitern, was der schwarzen Dame ein Feld auf h5 freiräumt. Die nachfolgende Beispielvariante 21. Dd2-d3 Th8-g8! 22. Kg1-h1 Lh3-g2+ 23. Kh1-g1 Da5-h5 verdeutlicht, dass diese Stellung für Weiß klar verloren ist. Aroshidze umschiffte die Gefahr mit 18. f3xg4, doch nach 18… Lh3xg4 hatte Schwarz eine sichere Bleibe für seinen Rappen auf e5 geschaffen, die er gekonnt ausnutzte und zum Sieg im 27. Zug verwertete. Auch mit exotischen Zügen lassen sich günstige Stellungstransformationen herbeiführen!

 

97. Carlsen – Grischuk, Linares 2009
Stellung nach dem 32. Zug von Schwarz

In Endspielen mit ungleichfarbigen Läufern ist die Verwertung eines materiellen Übergewichts mitunter schwierig, selbst wenn wie hier noch Türme auf dem Brett sind. Dass in solchen Endspielen die Bedeutung von Freibauern gar nicht hoch genug anzusehen ist, weiß ein Magnus Carlsen natürlich. Daher brauchte er wohl noch nicht einmal sonderlich lange zu rechnen, um hier mit dem Kamikaze-Zug 33. Le2-a6!! eine gewonnene Stellung herbeizuführen. Unabhängig von der schwarzen Antwort wird weiß drei verbundene Freibauern bilden, deren Bändigung die Fähigkeiten der gegnerischen Kräfte übersteigt. Grischuk konnte keinen Widerstand mehr leisten und gab nach 33… Lg7-f6 34. La6xb7 Tb8xb7 35. c5-c6 Tb7xb6 36. Td1-c1! Lf6xb2 37. d6-d7 auf.

 

98. Kramnik – Vocaturo, Baku 2016
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Trotz seines eher unspektakulären Stils habe ich an Vladimir Kramnik immer bewundert, mit welcher Leichtigkeit er in schöner Regelmäßigkeit Pflichtsiege gegen so „schwache“ Gegner wie den italienischen Großmeister Daniele Vocaturo, dessen ELO-Zahl beständig um die 2600 Punkte kreist, einfuhr. Dabei verhält es sich keineswegs so, dass Kramnik das Risiko scheute, wenn es angebracht war, ein solches einzugehen. Ein wunderbares Beispiel dafür bietet die folgende Stellung, die eine immense Rechenarbeit erforderte, bevor der folgende Traumzug aufs Brett gezaubert werden durfte: 17. La3-e7!!. Auf 17… Te8xe7 würde Weiß umgehend mit 18. Sd4xc6! eine gute Stellung in allen Varianten ohne viel Risiko erlangen. Daher wählte Vocaturo das kritischere 17… Td8xd4 18. Td2xd4 Te8xe7 19. Td4-d8+ Sf6-e8 20. Sc3xe4 Lc8-e6. Die Partie ging weiter mit 21. Td8-a8!! Lg7-e5, doch leider verpasste Kramnik nun das starke 22. Se4-g5. Nach dem optisch ansprechenden 22. Td1-d8, was in der Partie folgte, hielt Schwarz mit 22… Kg8-f8 23. Ta8xa7 Le5-c7?! (besser ist 23… Le6-f5!) 24. Td8-a8 Lc7-b6 25. Ta7xa6! länger durch, verlor aber letztlich in 41 Zügen.

 

99. Al. Karpov – Ovetchkin, Smolensk 2000
Stellung nach dem 26. Zug von Schwarz

Große Namen können auch eine Bürde sein – für diesen Namensvetter des 12. Weltmeisters mit Vornamen Alexander traf dies in jener Partie aber definitiv nicht zu, denn nach einer stark geführten Partie gab sich Weiß hier nicht etwa mit dem Normalzug 27. Ta1-d1 zufrieden, der mittelfristig wohl auch gewinnen sollte, sondern fand einen viel eleganteren Weg, die Prozedur ganz erheblich abzukürzen: mit 27. Le3-f4!! ließ er nicht nur seinen Turm auf a1 hängen, sondern stellte gleich noch eine weitere Figur zum Schlagen hin. Schwarz ist verloren, ganz gleich was er unternimmt. Es verbietet sich 27… De5xa1+ wegen des Gegenabzugsschachs 28. Td6-d1+, das Weiß soeben vorbereitet hatte. Schwarz versuchte stattdessen 27… De5xf4, musste aber nach dem naheliegenden 28. c5-c6 die Waffen strecken. Wie sagte Mihkail Tal doch einmal süffisant: „Es macht nichts, wenn drei Figuren hängen. Der Gegner kann immer nur eine davon schlagen.“ Es scheint also, als würden die schönsten Züge aus der Logik heraus entstehen, anstatt eine angegriffene Figur zu decken oder wegzuziehen lieber eine weitere zum Schlagen hinstellen!

 

100. Vladimirov – Epishin, UdSSR 1987
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz


Der letzte offizielle Beitrag dieser Serie ist nochmals ein echter Knalleffekt, denn die einzige Frage, die sich hier zu erheben scheint, kann doch nur lauten, mit welchem Bauer Weiß die Dame nimmt, oder? Es würde mich nicht wundern, wenn sich auch Großmeister Vladimir Epishin hier von den gleichen Gedankengängen leiten ließ, doch zu seinem großen Schock bekam der ehemalige Sekundant von Anatoli Karpov hier einen der schönsten Züge der Schachgeschichte aufgetischt: Großmeister Vladimirov, um den die „Maulwurf“-Geschichte während der Weltmeisterschaft 1986 kursierte, verschonte die gegnerische Dame und zog stattdessen das unfassbar groteske 26. Le3-h6!!. Mit diesem Zug stellt Weiß unverzüglich die einzügige Mattdrohung 27. Tg7-h7# auf, die nicht so leicht zu verhindern ist. Eine weitere, zweizügige Mattdrohung besteht in 27. Tg7-g8+ Kf8xf7 28. Tg1-g7#. Der verhältnismäßig beste Zug, der Schwarz in dieser jämmerlichen Lage zur Verfügung steht, ist 26… Sf6-g4, was Epishin auch spielte. Nach 27. Tg7-h7+ Sg4xh6 28. Th7xh8+ Kf8xf7 29. Th8-h7+ gab Schwarz auf. Weiß wird danach in aller Ruhe die Dame nehmen und dann mit einer Mehrqualität keine Probleme haben.

 

Epilog

 

Zwei Beispiele, die ich bewusst aus dieser Sammlung herausgehalten habe, mögen den Abschluss dieses Beitrags bilden. Das erste Diagramm wurde trotz eines wunderschönen Zugs nicht in die Sammlung aufgenommen, weil die Notation der Partie, aus der die Stellung stammt, nicht auffindbar ist und die Authentizität dieser Partie daher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Die Prominenz der beiden involvierten Spieler spricht einigermaßen deutlich gegen eine inszenierte Partie, doch Restzweifel bleiben bestehen. Hier ist die Stellung:

Simagin – Bronstein, Moskau 1947
Weiß am Zug

 

Vladimir Simagin spielte hier das unglaubliche 1. Lc1-g5!! und gewann wie folgt:
das Nehmen mit dem Bauer würde 2. f5-f6 mit Gewinn ermöglichen, während das Nehmen mit der Dame
nach zwei Schachgeboten der weißen Dame auf c8 und c7 den h-Bauer kostet.
Bronstein spielte also die einzig verbleibende Option 1… h2-h1=D und ließ sich brav die schöne und sehenswerte Schlusswendung demonstrieren: 2. Dd7-e8+! Kg8-g7 3. De8-g6+! Kg7-f8
4. Dg6xf6+ Kf8-g8 5. Df6-d8+ Kg8-g7 6. Dd8-e7+ Kg7-g8 7. De7-e8+. Matt ist unvermeidlich!

 

Das zweite Diagramm ist keine reale Partie und weist noch nicht einmal einen besonderen Läuferzug auf. Dennoch ist das Geschehen in dieser Studie rund um zwei gleichfarbige Läufer so einzigartig, dass ich dieses Beispiel nicht auslassen wollte.

Studie von Troitzky (1925)
Kann Weiß am Zug gewinnen?

Die ersten Züge des Lösungsverlaufs sind geradlinig:
1. b6-b7 Tf4-g4+ 2. Kg1-f2 Tg4-g8 3. d5-d6 Kd3-c4 4. d6-d7 Kc4-b5 5. d7-d8=D Tg8xd8 6. Le7xd8 scheint leicht zu gewinnen, doch nach 6… Kb5-a6! erhellt erst der eigentliche Clou der Studie. Weiß muss natürlich den hängenden Bauer umwandeln, doch die Verwandlung in eine Dame oder einen Turm würden beide zum Patt führen. Auch die Umwandlung in einen Springer genügt nach 7. b7-b8=S+ Ka6-b7 8. Sb8-d7 Kb7-c8 9. Sd7-f6 Kc8xd8 10. Sf6xh7 Kd8-e7 nicht, denn das nach 11. Sh7-g5 Ke7-f6 12. h6-h7 Kf6-g7 entstehende Endspiel ist ein theoretisches Remis, da der schwarze König nicht aus der Ecke vertrieben werden kann. Ist die Stellung also doch Remis?
Nein, denn erstaunlicherweise gewinnt 7. b7-b8=L!! die Partie. Der Sinn dieses Zuges leuchtet nicht sofort ein, denn ohne diesen Läufer wäre die Stellung ein theoretisches Remis, da Weiß den Bauer auf h7 nicht erobern kann. Was soll ein zweiter, aber gleichfarbiger Läufer denn daran ändern? Die Antwort darauf lautet, dass Weiß immer folgende Stellung erreichen kann: weißer König auf f6, Läufer auf e5 und schwarzer König auf g8. Schwarz am Zug würde hier natürlich nicht mit dem König ins Eck ziehen, da dies ein Selbstmatt zuließe. Mit dem Königszug nach f8 hält er leicht remis. Mit einem zweiten schwarzfeldrigen Läufer, den Weiß zum Beispiel auf a3 postiert, kann er dem Nachziehenden diese Option verwehren und das Matt erzwingen. Es ist erstaunlich, dass die Wirkung von zwei gleichfarbigen Läufern einen so großen Unterschied ausmacht – auch wenn dies „nur“ eine Studie des unvergleichlichen Alexej Troitzky ist.

 

Damit ist der dritte Teil der Reise rund um die Läufer abgeschlossen. Wie immer habe ich viel Kraft, Zeit und Mühe in diese Recherche gesteckt und hoffe, auch diesmal wieder ein vorzeigbares Ergebnis abgeliefert zu haben.

Die Fortsetzung der Serie ist allerdings schon fest geplant und wird mit den Türmen fortgesetzt werden. Seien Sie gespannt!

Bernd Grill