Sonntag, 28. Juni 2026
Klotzen statt kleckern – getreu diesem altbewährten Motto setzten die Verantwortlichen des kulinarischen G7-Gipfels auf Schloss Elmau gegenüber der ohnehin schon beachtlichen Premiere im Vorjahr mit ihrer diesjährigen Gala noch eins drauf. Waren im letzten Jahr bereits einige der besten Chefs aus ganz Bayern – darunter auch der zu jener Zeit frischgebackene Dreisterner Tohru Nakamura – zusammengekommen, so setzte man dieses Jahr auf internationales Flair und bot eine hochinteressante Mischung aus arrivierten, illustren und noch etwas weniger bekannten Namen aus dem Ausland, deren Entdeckung aber dennoch lohnenswert ausfallen dürfte. Durch die Kontakte des Chefs Christoph Rainer und das Engagemnet des Patrons Dietmar Müller-Elmau war es somit möglich geworden, das Event noch deutlich größer als im Vorjahr aufzuziehen und so für noch mehr Aufmerksamkeit zu sorgen.
Für den obligatorischen Fototermin mit allen Chefs, die untenstehend noch im Detail vorgestellt werden, versammelte man sich vor der imposanten Kulisse des mächtigen Wettersteinmassivs an der berühmten Merkel-Obama-Bank und posierte für die wartenden Fotografen.

Von links nach rechts: Guido Braeken**, Nick Bril**, Philipp Vogel, Christoph Rainer**,
Heiko Nieder**, Jeremy Chan**, Silvio Nickol** und Christoph Rüffer***

Ein weiteres bekanntes Gesicht unter den Getränkeherstellern,
die für eine angemessene flüssige Umrahmung sorgten: Jörg Geiger
von der gleichnamigen Manufaktur aus Schlat am Fuße der Schwäbischen Alb
In weiser Voraussicht hatten die Veranstalter die instabile Wetterlage realistisch eingeschätzt und sicherheitshalber die Verlagerung der Kochstationen in den Innenbereich bevorzugt. Das führte zwar vereinzelt zu etwas beengten Situationen, aber es war allemal besser als den Regengüssen draußen ausgesetzt zu sein.
Nach Absolvierung des Fototermins reichte man zur Unterhaltung der Gäste schon mal erste Appetizer als Fingerfood. Diese wurden nicht annonciert, weshalb die untenstehenden Beschreibungen eher als Mutmaßung denn als Tatsachen zu verstehen sind:


Süßer Brandteigkrapfen mit nussiger Füllung
Croustade mit Matjes und Gurke
Gebackene Seelachspraline mit Gurke und Remoulade
Croustade mit Speck und Senfsaat
Croustade mit Popcorn und Dijonsenfcrème (ohne Foto)

Einigermaßen skurril: Popcornmaschine

Auch die Sushi-Auswahl konnte sich sehen lassen:
Sashimi von Ikejime-Lachs mit Hamachi; Nigiri von Thunfisch (Akami und Kizami)
Maki Rolls (Spicy Thunfisch und Aburi Lachs)
Hoso Maki in Varianten


Für die Gala hielten die Räumlichkeiten der Restaurants
„La Salle“ (oben) und „Fidelio“ (unten) her
Zum offiziellen Startschuss stellten alle Chefs ihre Gerichte nochmals kurz dem Publikum verbal vor, ehe es gegen 18.45 Uhr endlich richtig losging. Hier die enzelnen Stationen:


Guido Braeken (CREATE**, Eijsden)
Der junge Chef, dessen Lokal in der Nähe von Maastricht liegt, machte in den letzten Monaten vor allem mit seinem Kaisergranat auf sich aufmerksam. Für dieses Event hatte er roh marinierten Ikejime-Hamachi als Tranchen und Tatar vorbereitet, unter das er noch etwas Gurke mischte. Dank einer mit grünem Curry verfeinerten Limonenvinaigrette und Ummantelung der Hamachi mit Streifen von Ingwer setzte er hier ein vorzüglich ausblanaciertes Statement, das von der Nocke mit N25-Kaviar formidabel gekrönt wurde. Ein Meisterwerk! Das raubte mit offenbar derart die Sinne, dass ich nicht merkte, dass mein Foto verwackelt war …


Christoph Rainer (IKIGAI**, Elmau)
Der Gastgeber hatte alle Hände voll zu tun und ließ seine Station diesmal von seinen Assistenten bekochen. Diese platzierten ein Honigmelonengelée mit Zitrone und Reispops auf Tatar, Carpaccio und Mousse von roh mariniertem Carabinero mit Yuzuwürfeln. Duftige Frische verliehen ein Sorbet von Honigmelone sowie eine Vinaigrette von Verbene. Dieser tropisch leichte Einfall entpuppte sich als verhältnismäßig komplex gestaltet für diesen Chef, erwies sich aber fraglos als sehr reizvoll.


Heiko Nieder (The Restaurant**, Zürich)
Diesen Chef hatte ich vor drei Jahren in der Schweiz besucht und stellte vor Ort dann fest, dass sein klarer und voll auf hochqualitative Produkte fokussierter Stil nach wie vor bestens funktioniert: lauwarme Wagyutranchen der höchsten Qualitätsstufe A5 bettete der Chef auf Kohl, Sesam und Karottencrème. Die prononcierte Kimchi-Würze stand dem homogenen und dicht gestalteten Teller voller Umami besonders gut zu Gesicht, zumal die Marmorierung des Fleischs und sämtliche seiner geschmacklichen Vorzüge bestens zum Tragen kamen. Sehr beeindruckend!


Christoph Rüffer (Haerlin***, Hamburg)
Als einziger Dreisterner war der Chef aus dem Norden praktisch der größte Star, aber einmal mehr wirkt Christoph Rüffers Stil sehr aufgeräumt. Fast harmlos klang die Ankündigung von Sommerreh mit Kampot-Pfeffer, Kirschessigjus, Pilzcrème und Fichtenöl, doch ein wesentlicher Teil des Zaubers ist die unnachahmliche Kunst Rüffers, Kreationen, die man schon hundert Mal gegessen zu haben glaubt, mit akribischem Handwerk zu veredeln, indem er seinen Produkten ohne jede Forciertheit das letzte Quentchen an Geschmack entlockt. Konsistenz, Temperierung und Tiefenschärfe waren von beispielloser Meisterschaft – Genießerherz, was willst du mehr?


Nick Bril (The Jane**, Antwerpen)
Als die damalige rechte Hand Sergio Hermans noch in der ehemaligen Garnisonskirche vor den Toren Antwerpens kochte, wurde der Regler oftmals voll aufgedreht. An seiner neuen Wirkungsstätte wirken Nick Brils Kreationen jedoch deutlich gereifter und zurückhaltender, wenngleich natürlich roh marinierter Toro von Balfegó-Thunfisch in Kombination mit pochierter Irish-Mor-Auster ein intensives Erlebnis versprach. Brotmiso und N25-Kaviar erwiesen sich als organische Begleiter, aber der wahre Clou war ein nussig-erdiges Crumble, das dem Gang sowohl Körper als auch bereichernde Textur in einem ansonsten eher weichen Umfeld verlieh. Sehr stark!


Jeremy Chan (IKOYI**, London)
Der Avantgarde-Beitrag des Abends schlechthin war für mich roh marinierte, glasige Jakobsmuschel in Kombination mit recht massigem Pistazientofu. Flankiert von Sanchobeeren, Schnittlauch und geröstetem Seetang, fiel es mir nicht gerade leicht, den roten Faden in dieser kompakten Petitesse zu finden. Höchstwahrscheinlich war es so gewollt, dass die Komponenten ineinander übergehen sollten, aber letztlich fehlte es dem Gang dadurch aus meiner Sicht eher an Kontur, wenngleich die opulente Nocke N25-Kaviar darüber hinwegtröstete.


Silvio Nickol (Restaurant Silvio Nickol**, Wien)
Volle zehn Jahre ist mein einziger Besuch inzwischen her, doch bis heute erinnere ich mich an Silvio Nickols Hang zur Experimentierfreude – gerade bei den Desserts. Um fair zu sein, hätte dieser wankelmütige Einfall sowohl Apéro als auch Erfrischung vor dem Hauptgericht oder ein Pré-Dessert sein können (laut Mitarbeiter fungiert es als letzteres). Jedenfalls platzierte das Team auf einem Gurkensorbet einen Kokosschaum und Kokoschips, wobei Korianderkresse und mutmaßlich Schnittlauchöl für einen duftig-ätherischen Anstrich sorgten. Die in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Aromatik lud jedenfalls zu einer spannenden Entdeckung ein, die für den Stil dieses Chefs kaum typischer sein könnte.
Hungrig musste selbstverständlich keiner den Weg nach Hause oder ins Hotelzimmer antreten, denn für den unwahrscheinlichen Fall von noch nicht ausreichender Sättigung bis zu diesem Punkt hatte auch die Pâtisserie des Hauses nochmals alle Geschütze aufgefahren.

Süße Ausklänge (nicht alle im Bild) wie Red Shiso Shot mit Erdbeere,
Shinto Matcha als Financier mit Namelaka, Amazake mit Tonkabohne und Sesam,
Kyoto Cake mit Denmiso und Dulcey-Schokolade, Kokosnuss und Himbeere
oder Japanese Chessecake mit Yuzu und Seidentofu machten es den Gästen leicht,
eine Auswahl ganz nach eigenem Gusto zusammenzustellen


Philipp Vogel (Orania, Berlin)
Ein As im Ärmel hatte man ohnehin noch, denn mit dem bekannten
Rheinländer holte Christoph Rainer auch noch einen Freund für die
Veranstaltung, den er bereits seit einem Vierteljahrhundert kennt.
Anstelle seinter berühmten X-Berg-Duck (siehe den Bericht von
meinem kurz zuvor erfolgten Besuch im Orania) präsentierte
Philipp Vogel als Imbiss am Ende der Veranstaltung seinen „Hot Duck“,
wobei die phonetische Ähnlichkeit mit dem Hot Dog ganz und gar
gewollt ist. Seine Wurst besteht nämlich zu einem guten Teil aus
Fleisch und Innereien der Ente, womit sie eine interessante und
luxuriöse Alternative zur allseits verwendeten Saitenwurst eingeht.
Dass auch die zweite Auflage dieser Gala zu einem großen Erfolg geriet, steht außer Frage. Insofern darf man schon jetzt gespannt sein, ob und in welcher Form es eine dritte Ausgabe geben wird. So oder so sei aber den Veranstaltern nochmals für die Organisation und die logistische Meisterleistung hinter diesem Event gedankt, die für einen nahezu reibungslosen Ablauf sorgte und praktisch keine Wünsche offen ließ.
