Orania, Berlin

„Ente gut, alles gut!“ (Wilhelm Busch)

Juni 2026

Das traditionsreiche Luxushotel Orania im Herzen von Kreuzberg gehört zu Berlins berühmtesten Adressen und gilt übrigens als das kleine Schwesterhotel von Schloss Elmau. Freilich könnte der Kontrast zwischen der urbanen Umgebung des Orania und der Abgeschiedenheit von Schloss Elmau kaum größer sein, doch einmal im Leben sollte man sich eine Stippvisite in beiden Häusern wohl durchaus gönnen. Wer in dem noblen Haus am namensgebenden Oranienplatz mit all seinen Annehmlichkeiten einkehrt, der wird immer wieder über das Elefantenlogo stolpern, das beide Häuser miteinander verbindet, auch wenn sie etliche hundet Kilometer voneinander entfernt liegen. Der extrem hohe Standard des Hotels, der zu einem nicht unerheblichen Anteil von seinen geräumigen Zimmern und Suiten lebt, hat dem Haus jedenfalls schon einen Michelin-Schlüssel eingebracht.

Einen ganz erheblichen Anteil an der Reputation dieser Berliner Institution hat eine Spezialität der Küche, für die seit 2017 der umtriebige Managing Director des Hauses, der Rheinländer Philipp Vogel, verantwortlich zeichnet. Mit einer fünfstelligen Zahl an Followern in den sozialen Medien gehört er zu den bekanntesten Gastronomen der Republik und ist wegen diverser Termine leider nicht so oft vor Ort anzutreffen. Das war übrigens auch bei mir der Fall, doch agiert das hochkompetente Küchenteam rund um den überaus herzlichen und auskunftsfreudigen Küchenchef Kevin von Werthern mit beispielloser Souveränität. Kein Wunder also, dass das weiter unten im Detail geschilderte Erlebnis zu der Kategorie an kulinarischen Darbietungen gehört, die man unbedingt erlebt haben sollte, auch wenn kein Michelin-Stern das Lokal ziert. Philipp Vogels eigenwillige, aber enorm durchdachte Interpretation der Peking-Ente macht der berühmten Version seines Kreuzberger Kollegen Tim Raue nämlich durchaus Konkurrenz und hat es hier unter dem landläufigen Namen „X-Berg Duck“ (das X steht für „Kreuz“ und meint also Kreuzberg-Ente) zu großer Berühmtheit gebracht. Was macht denn nun den Zauber eines Besuchs hier aus?

Nicht unerwähnt bleiben sollte zunächst einmal, dass dieses Angebot an allen sieben Tagen der Woche abends ab 18 Uhr erhältlich ist und selbst an schwächeren Tagen wie dem Montag noch immer so viel Zuspruch findet, dass eine Reservierung dringend anzuraten ist. Wer sich einmal darauf eingelassen hat, kann übrigens auch aus einer kleinen Auswahl à la carte eine eigene Menüfolge zusammenstellen, doch mehr als 80 Prozent der Gäste dürften das Entenmenü wählen, das für € 89 pro Person (bzw. für € 109 bei Einzelpersonen) zu haben ist. Verwendet werden hier die hochklassigen Enten der irischen Silver Hill Farm, die nach einem mehr oder weniger festen Ablauf in all ihren Facetten verarbeitet werden. Nun ist Philipp Vogel klug und erfahren genug, das Menü inzwischen leicht den Jahreszeiten anzupassen, aber in seinen Grundfesten bleibt es definitiv das ganze Jahr über unverändert. Hier gehen jeden Tag derart viele Enten über den Pass, dass man schon Großmeister Hans-Peter Wodarz bemühen muss, wenn man jemanden sucht, der schon mehr Enten in seinem Leben auf den Teller gebracht hat!

Mir persönlich würde die Ente zwar ganz erheblich in der vegetarischen Variante des Menüs fehlen, aber aufgrund der großen Nachfrage erfreut sich diese Option inzwischen fast so großer Beliebtheit wie das Original selbst, für das ich mich entschieden habe. Dem Menü merkt man die Erfahrungen Philipp Vogels von seiner Zeit in Shanghai natürlich an, weshalb man beim Entenmenü mit Fug und Recht von seinem Signature-Menü sprechen muss. Im Sinne ganzheitlicher Verwertung beginnt das Menü mit einer wunderbar tiefen und intensiven Entendashi mit Dim Sum, wobei die Teigtasche mit Entenfleisch und Innereien nicht nur ökonomisch, sondern auch hocharomatisch gefüllt wird.

Beim zweiten Gang werden die Gäste eingebunden, denn nach dem Tranchieren der knusprigen Haut der Ente am Platz des Gastes darf dieser nach eigenem Gusto hauchzarte Crêpes in die Hand nehmen, um diese nicht nur mit der Entenhaut, sondern auch weiteren Komponenten wie Gurken, Rettich, Ingwer, Frühlingszwiebeln und der typischen Hoisin-Sauce stilecht zu belegen. Wer trotz der Opulenz noch den ultimativen Luxus braucht, der kann zu diesem Gang auch noch AKI-Kaviar (Altonaer Kaviar-Import) bestellen und so das Vergnügen noch weiter aufwerten. Am Rande bemerkt erscheint den meisten Gästen sicherlich interessant, dass aufmerksamer Verzehr dazu führen kann, dass man deutlich wahrnimmt, wie sehr sich die Haut der Ente in puncto Konsistenz und Geschmack letztlich von der vertrauten Hühnerhaut tatsächlich unterscheidet.

Trotz aller Verführung sollte man aber noch Platz für die nachfolgenden Gänge lassen: es folgt die gegrillte Entenbrust, die Philipp Vogel deutlich puristischer mit mariniertem Pak Choi und Pfeffer servieren lässt.

Ein saisonal gehaltenes Intermezzo vor dem Hauptgang bestand in meinem Fall aus einem duftigen Kirschblütensorbet mit Granité und erwies sich als unkomplizierter, aber passender Einschub von schlanker Süße und viel Fruchtgeschmack, bevor das Hauptgericht das Menü abrundete.

Ein vor Umami nur so strotzendes Hauptgericht schließt das Menü würdig ab: dafür bettet die Küche Entenkeulenfleisch, Brokkoli und Eigelb auf asiatischem Fried Rice und erzielt nicht zuletzt dank einer hcöst angenehmen Haptik ein schlüssiges Ergebnis.

Wenn dieses Menü nicht so ausführlich wie manch anderer Beitrag von mir beschrieben wurde, so liegt dies einfach daran, dass ich an meinem Geburtstag einkehrte und das Menü unbeschwert genießen wollte, weshalb ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit keine Notizen gemacht habe und hier lediglich auf Erinnerungen aus meinem Gedächtnis oder das Pressematerial des Hauses zurückgreife.

Dieses Menü ist inzwischen so sehr zum Markenzeichen und Mittelpunkt von Philipp Vogels Schaffen geworden, dass es längst ein launiges Logo zum Menü gibt, das inzwischen auf allerlei Marketingprodukten abgedruckt ist und all denjenigen, die sich noch länger an dieses Menü erinnern möchten, als Souvenir dienen mag.

An dieser Stelle ist das Menü übrigens offiziell zu Ende, doch wer noch möchte, sollte unbedingt erwägen, das Dessert „Steinwurf“ zu bestellen, das seinen Namen den Attacken einiger offenbar unverbesserlicher Zeitgenossen verdankt, die bei der Wiedereröffnung des Hauses vor einigen Jahren die Frontscheiben in schöner Regelmäßigkeit mit Pflastersteinen bewarfen …

Thematisch dreht sich dieser Teller (der Riss ist als Referenz an die obige Episode aufgedruckt!) um das Spannungsfeld zwischen fruchtiger Yuzu einerseits und Schokolade sowie Nougat andererseits, die beide in großer Vielfalt bei den Texturen zweckdienlich und zugleich optisch sehr ansprechend interpretiert werden.

Eine gesonderte, lobende Erwähnung verdienen auch die exzellenten Cocktails, wie etwa der alkoholfreie Gentian Sour mit seinen bitteren Enziannoten, die durch Zitronenschaum und Shisoöl genauso launig wie farbenfroh abgemildert werden. – ein echtes Meisterwerk!

Es muss als ein echtes Kunststück angesehen werden, im ereignisreichen und an besonderen Erlebnissen weiß Gott nicht armen Berlin trotz allem ein Menü zu kreieren, das weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus bekannt ist und mit soch exzellenter Qualität punktet. Dieses Konzept passt hierher wie der sprichwörtlich Topf auf den Deckel und stellt für mich seit meinem Besuch ab sofort einen unverzichtbaren Teil einer jeder Stippvisite nach Berlin dar, die ich künftig nicht mehr missen möchte. Wenn Sie sich fragen, weshalb, dann müssen Sie es eben selbst einmal ausprobieren …

Mein Gesamturteil: 17 von 20 Punkten

Restaurant Orania
Oranienplatz 17
10999 Berlin-Kreuzberg
Tel.: 030/6953968780
www.orania.berlin/de/oraniarestaurant

Guide Michelin 2025: —
GUSTO 2025: 7 Pfannen
FEINSCHMECKER 2026: 3 F

5-gängiges Menü „X-Berg Duck“: € 89 pro Person bzw. € 109 für Einzelpersonen