Bietragsbild: der großzügige und weitläufige Innenhof bot ausreichend Platz für die Vielzahl an Darbietungen, die es zu verkosten galt – nur das Wetter hätte etwas einladender sein dürfen
Sonntag, 14. Juni 2026
Große Events mit zahlreichen Gastköchen zugleich, bei denen die Gäste von Stand zu Stand flanieren und sich logischerweise auch mit den Chafs unterhalten oder ablichten lassen können, liegen derzeit voll im Trend. Zu einem Pauschalpreis, der im konkreten Fall € 349 betrug, konnten die Teilnehmer eine breite Vielfalt der Kochkunst erleben, die zudem angemessen mit Live-Musik, Kaviar, coolen Drinks von der Bar, Champagner, Kaviar und weiteren erlesenen Häppchen abgerundet wurde, die nicht selten von namhaften Produzenten aus der Region stammten. Einer der Vorreiter dieser Events ist der Öschberghof in Donaueschingen, der im November heuer schon das dritte Event dieser Art austragen wird, doch auch weitere Ausrichter wie das Schloss Elmau haben längst die Zeichen der Zeit erkannt.
Unter dem Namen „Culinary Society X Jellyfish“ sprang man nun auch im Norden auf den Zug auf und organisierte in den Räumlichkeiten der ehemaligen britischen Botschaft in der Warburgstraße dieses Event der Extraklasse, das durch die Nähe zur Außenalster noch zusätzlich an Attraktivität gewann. Dafür hatte man als Hauptverantwortlichen Stefan Fäth gewinnen können, den man in der Hansestadt und darüber hinaus als Chefkoch des mitten im Schanzenviertel gelegenen Sternerestaurants Jellyfish kennt. Für das Event hatten ursprünglich elf Sterneköche zugesagt, doch auch wenn Robin Pietsch kurzfristig aus privaten Gründen absagen musste, so boten die übrigen anwesenden zehn Chefs eine Darbietung des Extraklasse, die dem Event zu erkennbarem Glanz verhalf und die Premiere so zu einer mehr als erfolgreichen Angelegenheit machte. Sieht man von dem sehr windigen und kühlen Wetter an jenem Tag ab, stand einem erfolgreichen Event im Grunde genommen nichts im Wege! Selbst an ausreichend TV-Bildschirme für das Spiel der DFB-Elf am Abend gegen Curaçao hatten die Ausrichter gedacht …
Hier ein paar bebilderte Eindrücke:

Begrüßung durch den Moderator, die beiden Conferenciers und
Gastgeber Stefan Fäth (2. von links)

Unerwarteter Zaungast, der ohne Weiteres auch selbst
als Chef hätte teilnehmen können: Manuel Ulrich vom
Ösch Noir** in Donaueschingen verweilte gerade im Norden
und ließ sich das Event nicht entgehen! Oder holte er sich
gar schon Inspirationen für sein nächstes eigenes Event?!

Allerlei Häppchen wie die Austern vom Havelland Express
begleiteten die Hauptspeisen
Hier die einzelnen Stationen der Chefköche im Überblick:


Ulrich Heimann: PUR**, Berchtesgaden
Dieser Chef erlangte den zweiten Stern jenseits der 60 Jahre, was nicht so oft vorkommt! Mit seinem durchdachten Gericht wies er jedoch überzeugend nach, warum, denn die mineralische Königsmakrele paarte er stimmig mit der straffen Säure von Bayerischem Kimchi. Die ohnehin exzellente Frische betonte ein Hauch Yuzu zusätzlich, während Schweinehaut und gerösteter Sesam wohldosiertes Umami beisteuerten. Dabei blieb das optisch komplexe Gericht erfreulich durchlässig und sorgte für einen starken Auftakt bei meinem Rundgang.


Jens Madsen: The CLOUD**, München
Der Überflieger schlechthin holte wenige Tage nach dem Event aus dem Stand zwei hochverdiente Michelin-Sterne für sein spektakuläres Lokal in der BMW-Welt. Die nach dem Umbau futuristische Einrichtung bewegt sich dabei auf demselben Niveau wie die Küchendarbietungen. Aus seinem aktuellen Programm offerierte der junge Chef
Brochette vom Milchkalb in Kombination mit dem indischen Fladenbrot Chapati. Präzise abgeschmeckt mit jungem Lauch und mildem Habanero, wurde daraus grandioses, feinwürziges Fingerfood: das Gericht ließ sich wegen der weichen Konsistenz des Brots zusammenrollen.


Thorsten Bender: sein**, Karlsruhe
Die Küche dieses Chefs bezieht ihren Reiz nicht selten aus hochwertigsten Produkten, die in kompakten Kreationen voller Umami dargeboten werden. Exemplarisch stand dafür der fetthaltige Bauch des Balfegó-Thunfischs, der als koji-gebeiztes, grobes Tatar auf Essenz und Ragout von San-Marzano-Tomaten gebettet wurde. Senfsaat, Meerrettich und Umai-Kaviar setzten dabei kleine und sehr überlegte Akzente, die das Gericht aufwerteten, ohne dabei das Tatar in den Hintergrund zu drängen. Sehr stark!

Nathalie Leblond (Chefköchin), Florian Brunner (Souschef)
und Cara Bartel (Patissière): Les Deux*, München
Mit diesem Triumvirat ist das keilförmige Restaurant im Schäfflerhof zu München bestens für die Zukunft aufgestellt. Für das Event hatte sich das Trio ein sommerlich leichtes Entrée rund um gebeizte Forelle ausgedacht, die von der duftigen Fruchtigkeit der Cantaloupe-Melone erkennbar profitierte. Dennoch sorgten ein Hauch von Dill und etwas Tomaten für eine breit aufgefächerte Aromatik, die dem Gang mehr Raffinesse verlieh als man ihm zuerst ansah.


Frédéric Morel: Cœur d’Artichaut**, Münster
Ein Besuch bei dem selbstbewussten bretonischen Chef ist eine lohnende und herausfordernde Angelegenheit zugleich, denn seine Kreationen greifen oft auf wenig bekannte Produkte zurück und zeigen dabei keinerlei Scheu davor, den Gast mit ungewohnter Intensität und kraftvollen Aromen zu fordern. Den zunächst mit Butter und Vogelchili von der Insel La Réunion eingepinselten Hummer grillte er sodann kräftig auf beiden Seiten an und gab zu einer Hollandaise, die ebenfalls mit dem Chili aromatisiert war, etwas Cantaloupe-Melone hinzu. Das sorgte für recht kantige und genau so gewollte Kontraste, wie sie für die Küche von Frédéric Morel typisch sind.

Martin Stopp: ATAMA**, Sankt Ingbert
Das Lokal im Osten des Saarlands gehört nicht nur wegen des einzigartigen Ambientes, sondern auch wegen des unmittelbar ansprechenden Küchenstils zu den unterhaltsamsten Zweisternern der Republik. Das kraftvoll gebackene Kalbsbries, ein erklärtes Lieblingsprodukt des Chefs, erinnerte dabei entfernt an ein Wiener Schnitzel. Trotz der Zugabe von kontrastierendem Kalbstatar und etwas Karotte in Texturen blieb dieser Teller, der zusätzlich mit Kaffirlimette und Miso-Hollandaise auf konträre Art abgeschmeckt wurde, erstaunlich strukturiert. Leider habe ich in der Hektik offenbar kein Foto von diesem Gericht gemacht – mea culpa!

Maurizio Oster: Zeik*, Hamburg
Diese für meine Begriffe immer noch stark unterschätzte Küche gehört derzeit zu den subtilsten und spannendsten, die es in Deutschland derzeit gibt, wenn es um Gemüse geht. Der sympathische Chef tritt nicht als Lautsprecher auf, sondern lässt eher seine durchdachten Teller für sich sprechen, deren Intensität eine enorme Streuung im Laufe eines Menüs aufweisen kann.
Dem Duett von Zander und Aal verliehen gelbe Bete und Apfel in einer für Maurizio Oster typischen Vielfalt an Texturen ein ganz eigenes Kolorit, das in sich vollkommen schlüssig wirkte.

Marvin Böhm: Buoy*, Hamburg
Noch ist er der große Unbekannte in der Riege der teilnehmenden Chefs. Der ehemalige Souschef von Sven Elverfeld aus dem Wolfsburger Aqua übernahm erst vor kurzem die Räumlichkeiten des ehemaligen bianc von Matteo Ferrantino und eröffnete dort unter dem Namen Buoy sein erstes eigenes Lokal, das wenige Tage nach dem Event erwartungsgemäß mit dem ersten Stern ausgezeichnet wurde. Eine Kostprobe seines Könnens gab er ab mit Schweinekinn, das er mit Muscheln zu einer interessanten Kombination verquickte. Gebettet auf einem Bohnensud, sorgten Perlgraupen nicht nur für wohltuenden Biss, sondern für eine körperbetonte Aromatik, die das Gericht gekonnt trug und doch alle Details würdigte.

Simon Lang: Sartory*, Augsburg
Als relativ häufiger Gast auf solchen Events schafft es Simon Lang immer wieder, mich mit ganz unterschiedlichen Gerichten aufs Neue zu überzeugen. Sein jüngster Einfall war ein ganz besonders intensiver (und gelungener): in einem recht komplexen Gericht von erstaunlicher Vielfalt vermied er dennoch jede Überfrachtung, als er mild gebeizten Kabeljau mit der typisch maritimen Aromatik von Cacciucco, der berühmten Suppe aus Livorno, lackierte und auf eine vorzügliche Seeigel-Beurre-blanc bettete. Der Schaum aus Koshihikari-Reis sorgte für ein süffiges Fundament, doch die prononcierte Würze von grüner Spitzpaprika und Jalapeño machte ebenfalls sehr viel her. Ob es der fruchtigen Aromatik von Mango überhaupt noch zusätzlich bedurft hätte, wollen wir an dieser Stelle nicht erörtern.


Dominik Paul: Opus V*, Mannheim
Meine Stippvisite im Januar im Modehaus Engelhorn zu Mannheim, der Heimstätte des Opus V, sagte mir ausgesprochen gut zu. Die kompakten und feinfühlig abgeschmeckten Kreationen des Chefs fanden ihre Entsprechung in einer vorzüglich gegarten Tranche von herrlich mürbem Lachs, den das Team auf Verjus bettete und mit Sanbaizu, der traditionellen japanischen Würzsauce aus Mirin und Soja, puristisch abrundete.

Stefan Fäth: Jellyfish*, Hamburg
Fast wäre mir der gefragte Cheforganisator durch die Lappen gegangen, aber dann klappte es zum Glück doch noch! Neben einigen Appetizern (die ich aus zeitlichen Gründen gar nicht verkostet habe) ragte dieser ungewöhnliche, fast schon hintersinnige Käsegang heraus. Dabei imponierte mir, wie der klassische, würzige Blauschimmelkäse Fourme d’Ambert mit der unverwechselbaren Aromatik von Granatapfel korrespondierte und so das vielerorts verschmähte Potential von Käsegerichten aufzeigte. Der überlegte Einsatz von Pistazie in Texturen und Purple Curry, jene typisch fruchtige Gewürzmischung auf Basis von Hibiskus, rundete einen Käsegang der ungewöhnlicheren Art perfekt ab. Das wird mir noch eine Weile im Gedächtnis bleiben …
An dem Erfolg des Events gibt es für mich keinen Zweifel, weshalb man natürlich schon jetzt auf eine Wiederholung im nächsten Jahr spekulieren darf. So oder so gilt mein Dank den Ausrichtern, die wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um den Tag zu etwas ganz Besonderem zu formen. Die weite Anreise hat sich auf jeden Fall gelohnt!
