Schach: 100 berühmte Bauernzüge

100 berühmte Bauernzüge

 

Bauern stellen die schwächste Kampfeinheit im Schach dar, da sie am unbeweglichsten sind. Dennoch können spektakulären Bauernzügen tiefsinnige Ideen zugrunde liegen, wie beispielsweise die Öffnung einer Linie, Reihe oder Diagonale durch ein Opfer. Viele spektakuläre Bauernzüge haben oftmals mit einer Umwandlungsdrohung, im besten Fall sogar mit einer Unterverwandlung zu tun. Wiederum andere Bauern opfern sich, um ein Feld für eine andere Figur zu räumen. Auch manche Tragödie ist mit einem Bauernzug verbunden und in dieser Sammlung enthalten. Die Vielfalt an spektakulären Bauernzügen ist groß – bei meiner Recherche habe ich versucht, 100 besonders berühmte oder denkwürdige Bauernzüge zusammenzustellen, deren Kenntnis sich mit Sicherheit auch auf die eigene Turnierpraxis positiv auswirken wird. Die Beiträge müssen nicht immer spektakulär sein, sondern können auch stilbildend oder entscheidend für den Verlauf der Schachgeschichte gewesen sein.

Da ich derzeit leider keine online-fähige Version von ChessBase besitze, habe ich die entsprechenden Diagramme kopiert. Die meisten dieser Partien sind auch so problemlos im Internet zu finden. Ob Sie meinen Ausführungen einfach so folgen oder lieber die Stellungen selbst zuerst begutachten möchten, bleibt dabei ganz Ihrem Gusto überlassen.
Viel Spaß beim Studium!

 

Quecksilbrige Freibauern

 

1. MacDonnell – de La Bourdonnais, 4. Match, 16. Partie, London 1834
Stellung nach dem 37. Zug von Weiß

Ich beginne mit dem wohl berühmtesten Beispiel, bei dem der Zug selbst überhaupt nicht schwierig zu finden oder spektakulär ist. Die Schlußstellung ist es dafür um so mehr! Wahrscheinlich gibt es keinen ernsthaften Schachfreund, der diese Stellung noch nicht gesehen hat. In diesem weltbekannten Beispiel zog Schwarz selbstverständlich 37… e3-e2 und kreierte damit eine der unsterblichen Endstellungen der Schachgeschichte. Weiß gab natürlich sofort auf.

 

2. Tal – Sviridov, Simultanvorstellung, Stuttgart 1969
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Schwarz hatte soeben auf h1 genommen und natürlich nur mit dem Wiedernehmen des Turms gerechnet. Tal hatte jedoch (trotz einer Simultanpartie!) weiter gesehen und schuf den vielleicht stärksten Bauer, den die Schachgeschichte je gesehen hat: 16. g5xf6!! Th1xd1+ 17. Sc3xd1!! Da5xd2 18. f6xg7!!. Weiß hat Turm und Dame weniger, doch die Stärke des einsam ins gegnerische Lager eingedrungenen Bauern stellt alles in den Schatten. Schwarz gab auf.

 

3. Janowski – Ed. Lasker, New York 1924
Stellung nach dem 66. Zug von Schwarz

Auch hier ist der gespielte Zug 67. e6-e7 nicht schwer zu entdecken, doch die entstehende Stellung ist schlicht einmalig. Das Turnier in New York 1924 versammelte die stärksten Spieler jener Epoche und gehört zu den am besten besetzten aller Zeiten. Dass es dennoch in einem solchen Turnier zu einer Stellung mit drei verbundenen Freibauern auf der 7. Reihe gegen eine Dame kommen konnte, ist mehr als erstaunlich. Nach dem Textzug steht Weiß übrigens auf Gewinn, doch Janowski verdarb die Position tatsächlich noch zum Remis.

 

4. Ortueta – Sanz, Madrid 1934
Stellung nach dem
35. Zug von Weiß

Dass sich zwei verdoppelte Bauern als stärker wie Turm und Springer erweisen, dürfte absolut einmalig sein. Nach 35… a7-a5!! musste Weiß aufgeben. Die Gerüchte, dass diese Partie konstruiert sei, sind allerdings nie ganz verstummt. Dafür spricht auch, dass manche Quellen das Jahr 1933 anstatt 1934 angeben.

 

5. Georgiev – Ivanchuk, Reggio Emilia 1990
Stellung nach dem
46. Zug von Weiß

Heutzutage ist das allgemeine Niveau natürlich viel höher als früher, weshalb Spieler im Allgemeinen viel mehr auf Gefahren achten und das Potential von Freibauern besser einschätzen. Dennoch bleiben seltene Perlen nicht aus. Hier ließ Ivanchuk den Zug 46…a5xb4!! vom Stapel und kreierte eine erstaunliche Kombination, die absolut sehenswert ist und sogar eine Unterverwandlung zulässt: 47. Tc6-c7+ Kg7-f8! 48. Tc7xb7 b4-b3 49. Tb7-b8+ Kf8-f7
50. d6-d7 b3-b2 51. Tb8-f8+! Kf7-e6! 52. d7-d8=S+! Ke6-e7 53. Tf8-f1 Ke7xd8 mit technischem Gewinn. Der bulgarische Großmeister wehrte sich achtzehn Züge lang, aber letztlich vergeblich.

 

6. Jussupow – Kasparov, Linares 1990
Stellung nach dem 39. Zug von Weiß

Kasparov steht vor einem Problem: Turm und Bauer sind beide angegriffen. Kann der Freibauer auf der c-Linie, nachdem der Turm in Sicherheit gebracht wird, verwertet werden? Die entstehende Blockade auf dem Feld c3 wäre nicht leicht zu brechen. Stattdessen zog der Weltmeister vollkommen überraschend 39…c4-c3!! mit der Pointe, dass die verbundenen Bauern nach 40. Da4xe8 Dd4-d7!! trotz eines Mehrturms für Weiß nicht aufzuhalten sind. Jussupow erkannte allerdings die Tücke des Objekts und spielte stärker 40. Tf3xc3! Lc8-d7! 41. Tc3-c4, konnte die Partie aber trotzdem nicht mehr retten.

 

7. Kasparov – Pribyl, Skara 1980
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Eine erstaunliche Lösung fand Kasparov in dieser berühmten Stellung. Während die allermeisten Spieler sich hier den Kopf zerbrochen hätten, wie man den Freibauer zur Geltung bringen und gewinnbringend umwandeln kann, opfert ihn Kasparov aus dynamischen Gründen einfach mit dem völlig absurd anmutenden 26. d7-d8=D!!. Der nach eigenen Angaben nach der Partie immer noch perplexe Josef Pribyl versuchte 26… Le7xd8, doch nach dem starken 27. Dc4-c3+ Kh8-g8 28. Td6-d7 Ld8-f6 29. Dc3-c4+ Kg8-h8 30. Dc4-f4 wurde der Sinn des Bauernopfers deutlich: unter Zeitgewinn wird die siebte Reihe freigeräumt und die unkoordinierte Stellung der gegnerischen Kräfte ausgebeutet. Nach dem Fehler 30… Db7-a6? war die Partie nach 31. Df4-h6 bereits beendet. Meines Erachtens hat Kasparovs Bauernopfer unser Verständnis von dynamischem Schach generell auf eine neue Ebene gehievt. Wer eine genauere Analyse möchte: diese in vielen Quellen publizierte Partie ist beispielsweise von Igor Stohl in seiner Sammlung von Kasparovs besten Partien ausführlich untersucht worden.

 

8. Firouzja – Dubov, Khanty-Mansiysk 2019
Stellung nach dem 36. Zug von Schwarz

Ein modernes und hochkomplexes Beispiel lieferte vor kurzem einer der Shootingstars der internationalen Schachelite ab: Alireza Firouzja, iranischer Großmeister, Jahrgang 2003. Eine Kostprobe seines Könnens demonstrierte er hier, obwohl er nur noch ein paar Sekunden bis zur Zeitkontrolle auf der Uhr hatte. In dieser Stellung scheint nichts Besonderes los zu sein, denn die schlecht koordinierten weißen Kräfte scheinen einen Gewinn unmöglich zu machen. Firouzja zauberte jedoch ein ganz und gar ungewöhnliches Konzept aus dem Zylinder: mit 37. e5xd6!! opferte er eine Figur und baute auf die Stärke der 7. Reihe in Verbindung mit dem scheinbar harmlosen Freibauer auf der a-Linie. Nach 37… Tb7xb8 38. Tf1-e1 Kg7-f8 39. Te1-e7 Tb8-d8
40. a5-a6 Td8xd6 41. a6-a7 Td6-d8 42. Td7-b7 Le8-c6 43. Tb7-c7 Lc6-e8 44. Kg1-f2 wurde deutlich, dass ausschließlich Weiß hier trotz Minusfigur auf Sieg spielen kann. Der iranische Jungstar verwertete seinen Vorteil schließlich im 68. Zug zum Sieg.

 

9. Korchnoi – Spassky, Rapid-Match, 8. Partie, Sankt Petersburg 1999
Stellung nach dem 30. Zug von Weiß

Ein absolut schockierender Fall ereignete sich in der folgenden Schnellpartie zweier Legenden des Schachs: Viktor Korchnoi und Boris Spassky. Das Diagramm ist korrekt! Was soll Schwarz am Zug hier spielen? Dumme Frage, oder? Spassky spielte in der Diagrammstellung (wie es viele andere tausend Spieler sicherlich auch getan hätten) „natürlich“ 30… f2-f1=D+? und musste bald darauf feststellen, dass dies der entscheidende Fehler war! Man stelle sich das vor: man kann einen Bauer mit Schach in eine Dame verwandeln – und dennoch verliert der Zug die Partie. Nach dem Textzug in der Partie hatte Korchnoi 31. Kh3-h2 geplant, was prompt gewinnt! Schwarz, der nun erstaunlicherweise keine sinnvollen Schachgebote mehr zur Verfügung hat, geriet nach
31… Se3-f5 32. Tb2-g2! Df1xg2+ 33. Kh2xg2 Sf5xe7 34. Dg6-e6+ rasch auf die Verliererstrasse.
Dagegen ergibt 30… Tf8xf3+! ein Remis, denn nach 31. Kh3-h2 (dagegen scheitert 31. Kh3-h4?? an 31… Se3-f5+ 32. Kh4-h5 Tf3-h3+ 33. Kh5-g4 Th3-g3+ 34. Kg4xf5 f2-f1=D+) 31… Tf3-h3+!
32. Kh2xh3 f2-f1=D+ 33. Kh3-h2 kann Schwarz nun auf f4 mit der Dame Dauerschach bieten – die entscheidende Option, die ihm nach der sofortigen Umwandlung nicht zur Verfügung stand. Jetzt hingegen hat es Schwarz geschafft, den störenden Springer auf f3 zu beseitigen.
Sollte Weiß nach 33… Df1-f4+ 34. Kh2-h3 Df4-f1+ mit 35. Tb2-g2?? auf Gewinn spielen, dann verliert er nach 35… Df1-h1+ 36. Tg2-h2 Dh1-f3+ 37. Dg6-g3 Df3-h5+ 38. Dg3-h4 Dh5xh4+
39. Kh3xh4 Lg7-f6+ sogar noch! Ein unfassbares Beispiel, nicht wahr?

 

Unterverwandlung

 

10. Atalik – Miles, Iraklion 1993
Stellung nach dem 30. Zug von Weiß

Unterverwandlungen von Bauern sind ein reizvoller Aspekt des Schachspiels, sind aber mit Ausnahme von sinnlosen Spaßumwandlungen relativ selten. Die mit Abstand häufigste Unterverwandlung ist natürlich diejenige in einen Springer, weil meistens ein Schachgebot und damit ein Tempogewinn einhergeht. Die seltene Umwandlung in einen Springer – noch dazu ins Eck! – passt zu Anthony Miles, einem der exzentrischsten Spieler aller Zeiten, wie der Topf auf den Deckel. Miles zog hier natürlich 30… g2xh1=S+! mit annähernder Gewinnstellung. Weiß gab jedoch sofort auf und entwertete den Schlusszug somit nicht.

 

11. Nakamura – Kramnik, Istanbul 2012
Stellung nach dem 61. Zug von Schwarz

Das Diagramm liefert ein äußerst seltenes Beispiel für eine Springerumwandlung zwischen zwei Spielern jenseits der 2700-er ELO-Marke. Nakamura fand hier den Gewinnzug 62. c7-c8=S+! und führte die Partie nach Überwindung der technischen Probleme zum Sieg.

 

12. Akopian – Karjakin, Nalchik 2009
Stellung nach dem 70. Zug von Schwarz

Eine Springerumwandlung ohne Schach gibt es auf höchster Ebene bestenfalls alle paar Jahre einmal. In diesem ultraseltenen Fall bringt Weiß die Partie mit 71. a7-a8=S! sofort zu Ende. Jede andere Umwandlung hätte zu Dauerschach geführt – da aber der neu entstandene Springer ein Schach auf der b-Linie mit Gegenschach beantwortet, gab Karjakin auf.

 

13. Anton – Kapitza, Bremen 2001
Stellung nach dem 59. Zug von Weiß

Ein Beispiel für eine im Gewinnsinne zwingend notwendige Umwandlung in einen Turm konnte ich auf höchster Ebene nicht finden. Das Diagramm aus einer Oberligapartie ist in seiner schlichten Schönheit aber auch selten. Schwarz zog hier 59… f2-f1=T und erzwang die gegnerische Aufgabe.

 

14. Kholmov – Ehlvest, Wolgodonsk 1983
Stellung nach dem 72. Zug von Weiß

Ehlvest war in dieser Stellung auf der Hut und spielte den einzigen Gewinnzug 72… h2-h1=L!!. Die Umwandlung in eine Dame hätte die Drohung auf a8 auch abgewehrt, aber in diesem Fall hätte Weiß trotzdem genau dieses Schachgebot gegeben und sich dadurch ins Patt gerettet. Der Textzug verhindert dies und führt die Partie in wenigen Zügen zum Sieg.

 

15. Reschko – Kaminsky, Leningrad 1972
Stellung nach dem 60. Zug von Schwarz

Weiß vermied hier die Umwandlung in eine Schwerfigur, da beides die Pattwendung 61… Db7-f7+! gestattet hätte. Stattdessen geschah 61. a7-a8=L!!, was tatsächlich recht leicht gewinnt und die überzeugendste Fortsetzung darstellt. Ein Zug für die Ewigkeit!

 

Wettrennen von Freibauern

 

16. Gligoric – Stein, Lvov 1962
Stellung nach dem 48. Zug von Weiß

In einer der besten und kompliziertesten Partien der 60er-Jahre wählte der leider viel zu früh verstorbene dreifache Landesmeister der Sowjetunion Leonid Stein die
Königsindische Verteidigung gegen einen ausgewiesenen Kenner der Eröffnung. Es entstand bald eine dramatische und von beiden Seiten keineswegs fehlerfrei geführte Schlacht, deren Höhepunkt mit der Diagrammstellung erreicht war. Bei extrem scharfen Wettrennen von Freibauern wie hier ist ein Faktor wichtiger als jeder andere: Zeit. Daran erinnerte sich Stein wohl und entkorkte hier den spektakulären Zug 48… e4-e3!!, der die Partie bald darauf gewann. Unglaublich: anstatt den hängenden Turm zu schlagen, opfert er stattdessen den eigenen nur um eines einzigen Tempos willen! Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele weitere traumhafte Partien von Stein uns durch seinen Tod im Jahre 1973 im Alter von nur 38 Jahren entgingen.
Randnotiz: selbst Bobby Fischer, der sich seit dem WM-Kampf in Reykjavik 1972 zurückgezogen hatte, kondolierte Steins Familie aus Respekt vor diesem großen Spieler, den Großmeister
Eduard Gufeld beispielsweise bei dessen Tod mindestens auf Augenhöhe mit Anatoli Karpov sah.

 

17. Korchnoi – Spassky, 7. Partie, Kandidatenfinale, Belgrad 1977
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

Dieselben Kontrahenten wie von Beitrag Nr. 9 kreuzten 22 Jahre davor die Klingen, als der Einsatz kaum höher hätte sein können: das Kandidatenfinale zur Bestimmung des Herausforderers von Weltmeister Anatoli Karpov fand in dieser Partie seinen vorübergehenden Höhepunkt. Korchnoi hatte in seiner unnachahmlichen Art in einer zuvor eher trockenen Stellung Verwirrung gestiftet und nun diese haarsträubend spannende Stellung erreicht. Die Zuschauer erwarteten unisono 30. Db6-b7 „mit Gewinn“. Korchnoi hatte jedoch die diabolische Antwort
30… Da2-a4!! erspäht, die nach 31. Db7xc8+ Kg8-h7 32. h2-h3 Da4xc6 33. Td1xd2 Dc6-c1+
34. Kg1-h2 Dc1xd2 35. Dc8-b8 Td7xc7 36. Db8xc7 nur zum Remis führt.
Korchnoi wählte stattdessen 30. h2-h3!! und schuf ein Luftloch, was nach 30… Da2-a4 den Zug 31. Td1xd2! gestattete. Es folgte 31… Td7xd2 32. Db6-b7 Td2-d8 33. c7xd8=D+ Tc8xd8
34. Tc6-c7 Da4-a1+ 35. Kg1-h2 e5-e4 36. Db7xe4 mit Gewinn im 48. Zug.

 

Tragische Patzer

 

18. Hübner – Petrosjan, Interzonenturnier, Biel 1976
Stellung nach dem 36. Zug von Schwarz

Zwei der tragischsten Bauernzüge aller Zeiten sollen in dieser Sammlung auch nicht fehlen. Gerade ältere deutsche Schachfans werden sich mit Entsetzen an diese Stellung erinnern, in der Dr. Robert Hübner gegen Exweltmeister Tigran Petrosjan einen glasklaren Gewinn mit dem einfachen 37. Db5-e8+ Kh8-g7 38. Te2-e7+ Kg7-h6 39. De8-f8+ Kh6-h5 40. Te7xh7# ausließ. Stattdessen zog er 37. g2-g3?? und kassierte die vielleicht schmerzlichste Niederlage seines Lebens, die ihn die Teilnahme an den Kandidatenwettkämpfen kostete. Nach 37… Sd3xf4! war der Mattmechanismus zerstört und die Partie verloren.

 

19. Deep Blue – Kasparov, 6. Partie, New York 1997
Stellung nach dem 7. Zug von Weiß

Ein Moment für die Ewigkeit in der Geschichte des Schachs: der amtierende Weltmeister verliert erstmals ein Match gegen einen Schachcomputer namens Deep Blue. Durch die Niederlage in der letzten Partie endet das Match mit 3,5:2,5 für den Computer.
Ziemlich rätselhaft sind allerdings bis heute die Umstände, die zur Niederlage in dieser letzten Partie führten. Kasparov wählte die Caro-Kann-Verteidigung und damit eine Eröffnung, die unpassender wie kaum eine andere für seinem dynamischen Stil scheint und in der er praktisch keine Erfahrung mit Schwarz hatte. Seine ungewöhnliche und schwer verständliche Wahl war wohl als Anti-Computer-Eröffnung mit wenig Theorie gedacht. Die Krönung dieser dubiosen Strategie erfolgte jedoch in der Diagrammstellung. Kasparovs großer Rivale Karpov zog in der Diagrammstellung stets 7… Lf8-d6, während Kasparov den Computer wohl absichtlich in Kamikaze-Manier mit 7… h7-h6?? zu einem Figurenopfer einlud – in der Annahme, es widerlegen zu können. Diese Strategie erwies sich jedoch als Bumerang und führte zu seiner schnellsten Niederlage aller Zeiten in einer Turnierpartie: nach 19 Zügen musste Kasparov resignieren und kopfschüttelnd den Saal verlassen. Aus heutiger Sicht erscheint es jedenfalls wie glatter Selbstmord, ausgerechnet gegen einen Computer absichtlich die Stellung anzustreben, die nach 8. Sg5xe6! entsteht. Nach dem weiteren 8… Dd8-e7? 9. 0-0 fxe6 10. Ld3-g6+ Ke8-d8 11. Lc1-f4 sahen alle Kommentatoren die schwarze Stellung bereits als verloren an, denn die Mehrfigur kompensiert das heillose Chaos in der schwarzen Stellung überhaupt nicht. Diese Stellung gegen einen Menschen zu verteidigen wäre schon schwer genug, aber gegen einen Computer ein praktisch aussichtsloses Unterfangen.
Das Match endete somit mit einem unfassbaren Paukenschlag und einem absoluten Tiefpunkt in der Karriere des mutmaßlich besten Spielers aller Zeiten.

 

20. Carlsen – Jones, Wijk aan Zee 2018
Stellung nach dem 16.Zug von Schwarz

Ein aktuelles Beispiel, dass selbst Weltmeister nicht vor einfachsten Fehlern gefeit sind, erleben wir hier: Magnus Carlsen, der dominierende Spieler dieser Tage, zog hier allen Ernstes
17. g2-g4?? und büßte nach dem offensichtlichen 17… f5-f4 eine Figur ein. Viel erstaunlicher als dieser Lapsus selbst ist jedoch die Tatsache, dass Carlsens ungeheure praktische Spielstärke noch ausreichte, um die Partie dennoch zu gewinnen! Die ELO-Zahl seines Gegners
Gawain Jones liegt übrigens weit jenseits der 2650er-Marke …

 

Spektakuläre Damenopfer

 

21. Lilienthal – Capablanca, Hastings 1935
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Das Neujahrsturnier von Hastings 1934/35 brachte einen der bekanntesten Züge der Schachgeschichte hervor. Großmeister Andor Lilienthal läutete das neue Jahr 1935 in dieser Partie, die am Neujahrstag gespielt wurde, mit dem spektakulären Damenopfer 20. e5xf6!! gegen keinen Geringeren als Exweltmeister Capablanca ein.
Nach den weiteren Zügen 20… De4xc2 21. f6xg7 Th8-g8 22. Se2-d4 Dc2-e4 23. Ta1-e1 Sd7-c5
24. Te1xe4+ Sc5xe4 25. Tf1-e1 Tg8xg7 26. Te1xe4+ streckte Capablanca die Waffen.
Kann man sich einen schöneren Start ins neue Jahr vorstellen?

 

22. Tal – Hecht, Varna 1962
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Hans-Joachim Hecht, ein Spitzenspieler der ehemaligen DDR, ist ein Mann, der wahre Größe zeigt. Auf die Frage nach seiner besten Partie antwortete er stets mit der folgenden Begegnung, obwohl er sie gegen Exweltmeister Mikhail Tal verlor. Tal entkorkte in dieser Stellung den unfassbaren Zug 19. e5xf6!!, der aber nur dann funktioniert, wenn Weiß nach den weiteren Zügen 19… b5xa4 20. f6xg7 Th8-g8 die umwerfende Pointe 21. Ld3-f5!! findet. Tal hatte diese Komplikationen alle vorhergesehen und strebte dieses Chaos, das auch objektiv günstig für ihn ist, natürlich bewusst an. Diese in vielen Quellen untersuchte Partie gewann Tal schließlich hochverdient im 49. Zug.

 

23. Leitao – Caruana, Khanty-Mansiysk 2010
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

Hier ein Beispiel aus modernen Tagen, in dem der amtierende Vizeweltmeister Fabiano Caruana spektakulär mit 16… d4xc3!! die Dame opferte und rasch gewann. Der Wert des Opfers wird allerdings durch die gründliche Computeranalyse des Italo-Amerikaners ein wenig entwertet, denn Caruana brauchte für die ganze Partie kaum mehr als fünf Minuten und hatte die Endstellung angeblich schon zuhause auf dem Brett! Andererseits zeigt es auf, welche Früchte eine so akribische Vorbereitung tragen kann, zumal man während eines Turniers Kraft spart.

 

Spektakuläre Turmopfer

 

24. Geller – Velimirovic, Havanna 1971
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Wenn zwei so starke und angriffslustige Spieler aufeinander treffen, dann ist eine spannende Partie garantiert. Hier hatte der jugoslawische Großmeister gerade versucht, mit einem Bauernopfer die Initiative an sich zu reißen. Geller seinerseits konterte jedoch mit 13. f5-f6!! und der Einleitung eines grandiosen Turmopfers. Es folgte 13… Sg4xf6 14. Sd2xe4!! Sf6xe4
15. Sc3xe4 Lg7xa1 16. Lc1-g5 La1-f6 17. Se4xf6+ Tf8xf6 18. Dd1-a1 Kg8-f7 19. Tf1-e1. Schwarz ging später an dem Problem, das er nicht zufriedenstellend lösen konnte, zugrunde:
der furchtbaren Fesselung seines Turms.

 

25. Malanjuk – Ivanchuk, Moskau 1988
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Ein guter Rat, wenn man gegen Ivanchuk spielt: erwarte das Unerwartete! Malanjuk verließ sich in dieser vogelwilden Stellung, die tatsächlich aus einer Theorievariante des Nimzoinders entstanden war, auf die Fesselung des schwarzen a-Bauern, um seinen Springer zu schützen. Das kümmerte Ivanchuk jedoch nicht im geringsten, der hier ungerührt 13… a6xb5!! zog und nach
14. Da4xa8 gleich noch mit 14… Lf2-d4! 15. Sf3xd4 c5xd4 16. Da8xb8 die nächste Figur ins Geschäft steckte. Es folgte auch noch das stoische 16… 0-0!, doch nach den weiteren Zügen
17. Ke2-e1 Dd8-h4+ 18. g2-g3 Dh4-f6 19. Lc1-f4 g7-g5!! folgte ein gewaltiger Angriff, den Ivanchuk siegbringend verwerten konnte. Ein frühes Meisterwerk des ukrainischen Ausnahmespielers!

 

26. Polugajewsky – Torre, Moskau 1981
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Während die vorangegangenen Beispiele zu raschem Angriff führten, ist das vorliegende Beispiel mit erdrückender positioneller Kompensation viel komplizierter. In einer Zeit, als die Computer noch keinen nennenswerten Einfluss auf das königliche Spiel hatten, erscheint die Entdeckung des Lew Polugajewsky in dieser Stellung umso bemerkenswerter. Großmeister Vladimir Bagirov, Polugajewskys Trainingspartner, hatte diese Stellung aus der Botwinnik-Variante schon selbst mit Schwarz auf dem Brett gehabt und sah sich nach dem offensichtlichen 17. e7xf8=D+? mit keinerlei Problemen konfrontiert. Polugajewsky glaubte jedoch an verborgene Ressourcen in dieser Stellung und entkorkte hier nach zwei Wochen (!) Analyse die Fortsetzung 17. h2-h4!!. Bagirov soll es damals angesichts dieser Entdeckung, die eine bis dato als spielbar geltende Variante zu Grabe trug, die Sprache komplett verschlagen haben. Das Opfer eines ganzen Turms stellt sicher, dass der schwarze Turm auf h8 nicht ins Spiel gelangen kann, denn auf 17… Lf8-h6 folgte nun 18. f2-f4!. Im Falle von 18… Lh6xg5 würde Weiß 19. f4xg5 ziehen, wonach die beeindruckende weiße Bauernkette tatsächlich so großes positionelles Übergewicht verspricht, dass das Opfer eines ganzen Turms dafür gerechtfertigt ist. Die Partie ging stattdessen weiter mit 18… b5-b4 19. Td1-d6 Ta8-b8 20. Sc3-d1 Lh6xg5 21. f4xg5.
Polugajewsky hätte dieses berühmt gewordene Duell später durch zögerliche Technik fast noch zum Remis verdorben, doch spätestens nach dem Gewinn dieser Partie war auch der letzte Anhänger der Botwinnik-Variante aufgeschreckt.

 

Spektakuläre Figuren- oder Qualitätsopfer

 

27. Zukertort – Blackburne, London 1883
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Das Diagramm zeigt den kritischen Moment aus einer der berühmtesten Partien des
19. Jahrhunderts. Johannes Zukertort, immerhin der Kontrahent von Wilhelm Steinitz im allerersten offiziellen Weltmeisterschaftskampf von 1886, spielte hier die Partie seines Lebens. In dieser Position ignorierte er die schwarze Drohung des Figurengewinns einfach und spielte stattdessen überraschend 25. f5xg6!!. Nach den weiteren Zügen 25… Tc7-c2 26. g6xh7+ Kg8-h8
27. d4-d5+ e6-e5 28. Dd2-b4!! Tc8-c5 29. Tf1-f8+!! zeigte sich die vorbereitete Pointe. Schwarz musste – wohl oder übel – mit 29. … Kh8xh7 antworten und sah sich nach 30. Db4xe4+ Kh7-g7 31. Lb2xe5+! Kg7xf8 32. Le5-g7+! Kf8-g8 33. De4xe7 zur Aufgabe gezwungen.

 

28. Rauser – Botwinnik, Leningrad 1933
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

Dieses Beispiel aus vergangenen Tagen trug nicht unerheblich zum bereits zweiten Gewinn der UdSSR-Meisterschaft des aufstrebenden Mikhail Botwinnik bei. In der Diagrammstellung zog Botwinnik nicht etwa den angegriffenen Läufer zurück, sondern entfachte mit 16… d6-d5!! ein Chaos, das klar zu seinen Gunsten ausfiel. Der strategische Wunschzug aller Sizilianisch-Spieler funktioniert in dieser Stellung einfach prächtig. Eine ausführliche Analyse sei hier dem Leser aus Zeit- und Platzgründen erspart, da diese in vielen verschiedenen Büchern zu finden ist.
Die Partie ging jedenfalls weiter mit 17. e4xd5 e5-e4 18. b3xc4 e4xf3 19. c4-c5 Dc7-a5
20. Te1-d1 Sf6-g4 21. Le3-d4 f3-f2+ 22. Kg1-f1 Da5-a6+ und einer höchst dynamischen Stellung, in der die anfällige Stellung des weißen Königs wenige Züge später den Ausschlag zugunsten des Nachziehenden gab. Spätestens nach dieser Partie war allen klar, dass mit dem starken Rechner und Analytiker Botwinnik in Zukunft zu rechnen war. 1948 wurde er bekanntlich Weltmeister.

 

29. Petrosjan – Fischer, Kandidatenfinale, 2. Partie, Buenos Aires 1971
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Nervosität im Kalten Krieg: Bobby Fischer, die seit Jahrzehnten größte Bedrohung für die Dominanz der Sowjets im Weltschach, hatte soeben die erfahrenen Großmeister Mark Taimanov und Bent Larsen jeweils vernichtend mit 6:0 besiegt. Die 1. Partie des Matches im Kandidatenfinale gegen Petrosjan hatte Bobby Fischer bereits trotz Schwierigkeiten in der Eröffnung gewonnen. Als der Armenier jedoch gleich in der darauffolgenden Partie einigermaßen überraschend ausgleichen konnte, war die Begeisterung allenthalben spürbar. „Schuld“ daran war auch der Glanzzug, den Petrosjan in dieser Stellung auspackte. Fischer hatte mit Schwierigkeiten zu kämpfen, durfte aber in dieser scharfen Stellung durchaus noch auf ein Remis hoffen. Hier entkorkte Petrosjan jedoch den Hammerzug 24. f2-f4!!, der schnell für klare Verhältnisse sorgt. Nach dem verlockenden 24… e3-e2? 25. f4xe5 e2xd1=D 26. Tf1xd1 Dh5xe5 27. Td1-f1 f7-f6
28. Da4-b3 ging Fischer rasch im Angriffswirbel unter. Die Sowjets waren enthusiastisch, zumal die nächsten drei Partien remis endeten. Dann machte Fischer aber kurzen Prozess, gewann vier Partien ensuite und zertrümmerte den letztlich doch chancenlosen Exweltmeister.
Der Weg zum Jahrhundertmatch gegen Boris Spassky in Reykjavik 1972 war somit frei.

 

30. Ivanchuk – Volkov, Saint Vincent 2005
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Das Opfer mit den unklarsten Konsequenzen sehen wir hier: in dieser Stellung hatte der ukrainische Weltklassegroßmeister mit seinem vorherigen Zug ein Opfer vorbereitet, dessen Konsequenzen kaum umfassend absehbar waren – ein Umstand, der Ivanchuk aber gewiß nicht daran hinderte, es trotzdem zu spielen! Nach 13. d5xe6!! b4xc3 14. e6xf7+ Ke8-f8 sehen wir ein typisches Beispiel dafür, wie dynamisch das heutige Schach geworden ist und welches Risiko manche Spieler inzwischen bereit sind, auf sich zu nehmen, nur um das Gleichgewicht zu stören. Nach 15. Dd1-e2 c3xb2 16. Ta1-d1 Dd8-b6 war das Chaos auf dem Brett perfekt. Ich weiß nicht, wie viele Spieler diese Stellung mit Weiß trotz einer Minusfigur und eines gegnerischen Monsterbauern auf b2 absichtlich angestrebt hätten – der Erfolg gab Ivanchuk jedenfalls recht, denn er gewann die Partie später tatsächlich. Der Faktor Pyschologie ist in solchen Partien allerdings nicht zu unterschätzen, denn die Verteidigung ist langwierig und voller Fallstricke.

 

Wichtige theoretische Neuerungen

 

31. Goodman – Pollitt, Hastings 1953
Stellung nach dem 6. Zug von Weiß

Sie kennen diese beiden Spieler nicht? Willkommen im Club – ich auch nicht! Ich war einigermaßen überrascht zu sehen, dass das absurd anmutende Bauernopfer 6… c7-c5! laut meiner Datenbank bereits in dieser Partie zum ersten Mal gespielt wurde. Dieser Zug, der heute in theoretischer Hinsicht zur Hauptwaffe des Nachziehenden gegen das Sämisch-System der Königsindsichen Verteidigung geworden ist, war selbst von dem profunden Kenner Efim Geller in seinem Königsindisch-Buch von 1980 noch nicht einmal erwähnt worden. Erstaunlich, dass dieser Zug, der seit der Mitte der 70er-Jahre einige Male versucht wurde, erst in heutiger Zeit seine volle Anerkennung fand. Damals nahmen fast alle Spieler das Bauernopfer an, während heutzutage der theoretische Fokus eher auf den Zügen 7. Sge2 und 7. d5 liegt.

 

32. Fischer – Petrosjan, Kandidatenfinale, 1. Partie, Buenos Aires 1971
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

In seinem Buch Im sizilianischen Labyrinth erzählt Lew Polugajewsky die Anekdote, wie er einmal im Bahnhof vor der Abfahrt seines Zuges seine Tasche samt Notizbuch mit Analysen stehengelassen hatte. Sein Begleiter, Großmeister Eduard Gufeld, verstand Polugajewskys Aufregung nicht. Man kehrte trotzdem um, und Polugajewsky schlug, als er seine herrenlose Tasche einsam und verlassen wieder im Bahnhof fand, im Überschwang der Gefühle die Seite des Notizbuchs mit der phantastischsten Neuerung auf, die er ausgeheckt hatte.
Gufeld soll völlig perplex gewesen sein, als er dies sah …
Die Neuerung, die Polugajewsky ansprach, war dieselbe Entdeckung, mit der ihm Tigran Petrosjan zufällig in seinem Match mit Bobby Fischer zuvor kam. Hier spielte der Armenier die fulminante „Neuerung des Jahrhunderts“ 11… d6-d5!!, die die Stellungsbewertung einer bis dahin als günstig für Weiß geltenden Variante völlig auf den Kopf stellte. Fischer verstand umgehend, welch unangenehme Überraschung man offensichtlich eigens für ihn präpariert hatte und schaltete sofort auf Abwehrmodus um: natürlich hatte Petrosjans Team alles bis in die kleinsten Nuancen vorbereitet. Nach 12. e4xd5 Lf8xa3 13. b2xa3 Dd8-a5 14. Dd1-d2 0-0-0
15. Lf1-c4 Th8-g8! war es um die weiße Stellung schlecht bestellt. Fischer bewies jedoch seine Qualitäten als erbitterter Verteidiger und gewann diese Partie trotzdem später noch! Die Stimmung soll nach dieser Niederlage Petrosjans im Lager der Sowjets auf dem Nullpunkt gewesen sein: nicht nur der Ärger um den verlorenen Punkt, sondern auch der verpuffte Effekt der Neuerung setzte ihnen massiv zu. Petrosjan schlug allerdings gleich darauf zurück
(siehe Nr. 28) und gestaltete das Match lange Zeit offen, bevor er einbrach und unterlag.

 

33. Karpov – Kasparov, WM-Match, 12. Partie, Moskau 1985
Stellung nach dem 8. Zug von Weiß

Eine weitere interessante Begebenheit trug sich vierzehn Jahre später zu: in einer scharfen Sizilianisch-Stellung mit unverkennbarer Ähnlichkeit entwickelte sich ein Psycho-Duell der besonderen Art. Da es im Sizilianer, der kompliziertesten aller Eröffnungen, offenbar nur „identische“ und „nicht identische“ Stellungen, aber keine „ähnlichen“ Positionen zu geben scheint, muss jede Stellung immer gründlich neu bewertet und analysiert werden. Kasparov spielte hier das eher zweifelhafte 8… d6-d5?!, das objektiv nicht korrekt war. Karpov beschloss, das Schicksal nicht herauszufordern, wählte 9. e4xd5 e6xd5 10. c4xd5 Sc6-b4 11. Lf1-c4 Lc8-g4 12. Lc4-e2 und willigte sechs Züge später ins Remis ein. Die Geschichte geht aber noch weiter: offensichtlich waren sich beide Spieler darüber im Klaren, dass der eigentliche Wert des Zuges eher fragwürdig war. Wie groß war dann das Erstaunen, als Kasparov den Zug in der 16. Partie erneut auspackte! Es wurde offenkundig, dass Karpovs Team nicht an eine Wiederholung des Zuges geglaubt und seine Hausaufgaben daher nicht erledigt hatte. Der psychologische Vorteil lag nun eindeutig bei Kasparov – die Strafe für das Versäumnis Karpovs folgte auf dem Fuße. Die berühmte 16. Partie geriet zum Höhepunkt des schillernden Kampfes und zur schlimmsten Niederlage Karpovs in einem WM-Match überhaupt (siehe Nr. 79).
Ein Jahr später zeigte Karpov schließlich auf, wie Weiß hätte spielen sollen. Großmeister John van der Wiel, der leichtsinnigerweise auf Kasparovs Zug zurückgriff, bekam in seiner Partie gegen Karpov nach 11. Lf1-e2 Lf8-c5 nicht den Zug 12. 0-0 (so stand es auch in der 16. Partie des besagten WM-Kampfes), sondern die Verbesserung 12. Lc1-e3! vorgesetzt. Nach 12… Lc5xe3 folgte dann nicht das Wiedernehmen, sondern 13. Dd1-a4+! Sf6-d7 14. Da4xb4 (John van der Wiel hilet die Partie dennoch remis!). Diese Stellung gilt auch heute noch als Widerlegung von Kasparovs Zug, doch es war zu spät. Zeitgenossen hätten Kasparovs Neuerung am liebsten eine Art Nobelpreis zugesprochen, doch nach Karpovs Spielweise gegen John van der Wiel war die Euphorie doch deutlich gedämpft worden. Seither haben es auch nur noch die wenigsten Spieler gewagt, Kasparovs damalige Neuerung zu wiederholen. Sie hatte aber ihren Zweck erfüllt!  
 

 

34. Miles – Beljawksi, Tilburg 1986
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Der Preis für die „Neuerung des Jahrhunderts“ sollte an diese Partie gehen. Der Informator, erste Informationsquelle in den Zeiten ohne Computer, lobte in jeder Ausgabe einen Preis für die beste Neuerung des vergangenen Bandes aus. Eine Jury aus erfahrenen Großmeistern vergab für eine Vorauswahl von 30 Partien Punkte. Jeder Großmeister musste für zehn verschiedene Partien jede Punktzahl von eins bis zehn einmal vergeben. In all den vielen Jahren blieb es ein einmaliger Fall, dass eine Partie von allen neun Großmeistern einhellig mit der Höchstpunktzahl von zehn Punkten und damit dem theoretischen Maximum von 90 Punkten ausgezeichnet wurde.
Hier sehen wir Anthony Miles in Aktion: in einer damals heiß diskutierten Theorievariante der Damenindischen Verteidigung baute Schwarz natürlich auf den lahmen Zug 18. e3-e4, was ihm die Abwicklung 18… Lc8xf5 19. e4xf5 Sb8-d7 mit gutem Spiel gestatten würde. Selbst Weltmeister Kasparov spielte in dieser Stellung ein Jahr zuvor zur Vermeidung dessen das interessante Figurenopfer 18. Sf5-d4!?. Es spricht jedoch für die Kreativität von Anthony Miles, dass er einen neuen Zug fand, der selbst Kasparov entgangen war. Diese Neuerung war von solcher Wucht, dass die ganze Variante danach sofort als unspielbar für Schwarz abgestempelt werden musste. Die Rede ist von dem umwerfenden Zug 18. f2-f4!!, der nach 18… Df6xf5
19. e3-e4 Df5-h5 20. f4xe5 d6xe5 21. c4-c5! dem Anziehenden vernichtenden Angriff einräumt.
Eine interessante Randnotiz für all diejenigen, die glauben, dass sie niemals selbst eine starke Neuerung finden könnten: als ich diese Partie vor vielen Jahren in unserem Trainingsabend zu einer Punktepartie umwandelte, fand das Team meiner Mitspieler mit vereinten Kräften diesen neuen Zug ebenfalls. Ich hatte aber keinerlei Tipps gegeben und noch nicht einmal signalisiert, welch starke Neuerung hier aufs Brett gezaubert wurde. Ich gehe noch immer davon aus, dass keiner meiner Mitspieler damals diese Partie gekannt hatte. Wenn selbst erfahrene Amateure mit viel Hartnäckigkeit diesen Zug alleine entdecken können, dann können Sie das auch!

 

35. Kasparov – Karpov, WM-Match, 2. Partie, Sevilla 1987
Stellung nach dem 9. Zug von Weiß

Mit theoretischen Neuerungen ist es so eine Sache: manche von ihnen beerdigen eine ganze Variante, während andere Exemplare neue und langlebige Systeme kreieren. In dieser berühmten Partie zog Karpov nicht das bisher einhellig gewählte 9… e4xf3, sondern bot ein (auch heute noch valides, wenngleich selten gespieltes) Bauernopfer mit 9… e4-e3!? an, das zu den Highlights in der Geschichte der Weltmeisterschaften gehört. Kasparov brütete über 20 Minuten, ehe er die starke Lösung 10. d2-d3! d7-d5 11. Dd1-b3! fand. Karpovs Bauernopfer verfehlte seine Wirkung dennoch nicht, denn die investierte Bedenkzeit fehlte Kasparov später. Er verlor seine erste Weißpartie, und Karpov ging nach zwei Partien – noch dazu mit den schwarzen Steinen – somit frühzeitig in Führung.

 

36. Kasparov – Morozevich, Wijk aan Zee 2000
Stellung nach dem
11. Zug von Weiß

In dieser Stellung präsentierte Alexander Morozevich einen Zug, der zwar schon wenige Male zuvor gespielt worden war, aber natürlich nicht gegen auch nur annähernd illustre Gegnerschaft. Hier sollte jedoch kein Geringerer als Garri Kasparov gezwungen werden, die Karten auf den Tisch zu legen. Das nach Morozevich benannte System, das mit dem scheinbar anti-positionellen Zug 11… g7-g5! eingeleitet wird, hat sich auch zwanzig Jahre später als ausgesprochen widerborstiger Theoriekomplex behaupten können, der schon so manchem 1. d4-Spieler schlaflose Nächte bereiten konnte. Spätestens mit dieser Partie war das allgemeine Interesse an diesem neuen System geweckt, auch wenn Morozevich die Partie verlor. Was unterm Strich bleibt, ist eine der langlebigsten theoretischen Neuerungen der Geschichte, die meines Erachtens zurecht Morozevichs Namen trägt, selbst wenn sie gar nicht von ihm stammt. Sein Beitrag zu ihrer Popularisierung macht diesen Umstand mehr als wett.

 

37. Karpov – Beljawski, Linares 1994
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Dies ist die amüsante Geschichte einer verzögerten Neuerung. Karpov hatte den neuen Zug, den er in dieser Stellung präsentierte, eigentlich schon für das Kandidatenfinale 1974 gegen Viktor Korchnoi präpariert, bekam diese Stellung damals aber nicht aufs Brett! So blieb die Neuerung zwanzig Jahre lang im Verborgenen – eine Ewigkeit, wenn man bedenkt, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass irgendjemand inzwischen diese Verstärkung entdeckt haben könnte und sie selbst anwendet. Das war jedoch nicht der Fall – und Karpov entkorkte hier das paradoxe 14. h2-h4!!, was den Läufer einfach deckt und Schwarz vor so große Probleme stellt, dass diese Variante rasch aus der Praxis verschwand. Der geschockte Beljawski antwortete schwach mit
14… Sb8-d7? und musste nach 15. Sf3xd4 Dd5-d6 16. Tf1-d1 Sd7-c5 17. Dd3-c4 Tf8-d8
18. b2-b4 Sc5xa4 19. Dc4-b3 Dd6-b6 20. e2-e3 bereits aufgeben.

 

38. Shirov – Polgar, Buenos Aires 1994
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

1994 veranstaltete der niederländische Schachmäzen Joop van Oosterom zu Ehren des
60. Geburtstags von Lew Polugajewsky ein sizilianisches Thematurnier in Buenos Aires. Dabei waren die Anfangszüge 1. e2-e4 c7-c5 2. Sg1-f3 Sb8-c6/d7-d6/e7-e6 3. d2-d4 c5xd4 4. Sf3xd4 vorgegeben. Zwar wurde das Turnier wegen dieser eingeschränkten Freiheit nicht ausgewertet, doch folgten
dennoch viele illustre Spieler der Einladung des Mäzens. Der Jubilar selbst konnte wegen gesundheitlicher Probleme nicht mitspielen (er verstarb bereits im Jahr darauf), verfolgte aber mit anderen Legenden wie Miguel Najdorf und Bent Larsen das Geschehen vor Ort genau.
Sieger des Turniers wurde überraschend Valeri Salov, der Spieler wie Karpov, Kamsky, Anand, Shirov, Polgar, Ljubojevic und Ivanchuk hinter sich lassen konnte.
Zur Partie des Turniers geriet die folgende Begegnung zwischen Shirov und Polgar. Die stärkste Schachspielerin aller Zeiten zauberte hier eine Neuerung aufs Brett, die einen fulminanten Angriff nach sich zog und Shirov geradezu mit eigenen Waffen schlug. Die Idee des Zuges 10… g7-g5!! ist erfahrenen Sizilianisch-Spielern natürlich durchaus geläufig: meistens verfolgt der Zug den Zweck, auch mittels eines Bauernopfers dem Gegner die Kontrolle über das Feld e5 zu entreißen. Der eher für das Rauser-System als die Paulsen-Variante typische Zug funktioniert hier allerdings prächtig: nach 11. f4xg5 Sc6-e5 12. Df3-g2 b5-b4 13. Sc3-e2 entkorkte Judit gleich den nächsten erstaunlichen Zug mit 13… h7-h5!. Nach 14. g4xh5 Se7-f5 15. Le3-f2 Dd8xg5! hatte die Ungarin mal wieder eindrücklich unter Beweis gestellt, weshalb sie später sogar in die Riege der Top Ten (unter den Männern wohlgemerkt) vordringen konnte. Nach 16. Sb3-a5 folgte übrigens der Kraftzug 16… Sf5-e3!!, der rasch für klare Verhältnisse sorgte und Shirov überrumpelte.
Kein Wunder, dass diese Variante bald für Weiß zu den Akten gelegt wurde!

 

39. Atalik – Sax, Szeged 1997
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

In einer messerscharfen und in jenen Tagen heißdiskutierten Variante des Nimzoinders hatte der türkische Großmeister Suat Atalik eine tödliche Neuerung ausgeheckt, die ein ganzes System in eine massive Krise stürzte. Leider reicht der Platz hier nicht für theoretische Abhandlungen, doch es sei gesagt, dass Weiß bisher in dieser Stellung immer 17. Sg1-f3 gespielt hatte. Nach
17… De1xh1 18. Sf3-g5 f7-f5 19. De4xe5 Lc8-d7! konnte Jan Timman mit Schwarz gegen den dänischen Meister Tiger Hillarp Persson eine schöne Partie gewinnen. Atalik erkannte, dass die lange Diagonale auf eine andere Art zu öffnen war. Er zog hier 17. d4xe5!!, was paradox erscheint, da nach 17… Lc8-e6 alles zementiert wirkt. Nach den weiteren Zügen
18. Sg1-f3 De1xh1 19. Sf3-g5 g7-g6 folgte jedoch: 20. Sg5xf7+!! Tf8xf7 21. Lc4xe6 Tf7-g7
22. Le6-f7!! mit kräftigem Angriff. Atalik analysiert hier auch stärkere Fortsetzungen als den Partiezug 22… Tg7xf7?, der Sax nach 23. e5-e6+ Kh8-g8 24. De4-d4! Kg8-f8 25. e6xf7 Kf8xf7
26. Dd4-d7+ die Partie kostete. Seine Erkenntnis war jedoch immer dieselbe: Schwarz steht auf Verlust. Das sahen auch andere Anhänger dieser Variante so und suchten fortan neue Wege.

 

40. Aronjan – Anand, Mexico City 2007
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Teil 1: Das hart umkämpfte Kandidatenturnier in Mexico City 2007 wurde letztlich zu einem Triumph für Viswanathan Anand, der das Turnier gewann, somit Vladimir Kramnik 2008 in Bonn herausfordern durfte und letztlich Weltmeister wurde. Ein Schlüssel zum Turniersieg war dieser Schwarzsieg gegen den Armenier Levon Aronjan, der ebenfalls zu den Topfavoriten gezählt wurde. Anand spielte hier die wichtige Neuerung 17… c6-c5!. Im Hinblick auf diesen bedeutenden Sieg und die folgenden Ereignisse ist dies ein besonderer Moment, doch auch der objektive Wert der Neuerung ist stark. Aronjan ließ nach 18. d4xc5 Dd8-e7 das indifferente 19. Kg1-h1?! folgen, geriet rasch vom richtigen Weg ab und verhedderte bald darauf seinen Turm auf h5, was diese Partie ebenfalls berühmt machte. Auf höchster Ebene eine so wirksame Neuerung anzubringen, gelingt heutzutage nicht mehr sehr oft.
Kurioserweise fand die Geschichte sechs Jahre später noch eine Fortsetzung …

 

41. Aronjan – Anand, Wijk aan Zee 2013
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Teil 2: Wieder spielt Aronjan mit Weiß gegen Anand, wieder Halbslawisch. Diesmal steht allerdings nicht die Moskauer, sondern die Meraner Variante zur Debatte. Sie können sich vielleicht schon denken, was hier geschah: wieder spielte Anand eine Neuerung! Diesmal bezeichnete er sie sogar als „die wichtigste seines Lebens“, was auch später durch die Vergabe des Preises „Neuerung des Jahres 2013“ durch die Zeitschrift New in Chess anerkannt wurde. Anand spielte hier wieder den Zug 12… c6-c5! und wieder gegen denselben Gegner. Auch das Endergebnis war übrigens wieder dasselbe: Anand siegte in einer hochkomplexen Partie, in der er einen Tiefschlag nach dem anderen gegen Aronjan auspackte. Für alle, die die Fortsetzung nicht kennen: 13. Sg5xh7 Sf6-g4 14. f2-f4 c5xd4 15. e3xd4 Ld6-c5!! 16. Ld3-e2 Sd7-e5!! führte zu einem unglaublichen Scharmützel mit dem besseren Ende für Schwarz. Kaum vorstellbar zwar, dass Anand all dies ohne Computerhilfe entdeckt hätte, doch so funktioniert moderne Vorbereitung nun einmal heutzutage!

 

Neue strategische Wege

 

42. Capablanca – Marshall, New York 1918
Stellung nach dem 8. Zug von Weiß

Es ist ein historischer Moment in der Geschichte des Schachs: Frank James Marshall, amerikanischer Meister, hatte eine kühne Neuerung ersonnen. Diese hatte er schon vier Jahre zuvor entdeckt, doch ihre Feuertaufe sollte sie nicht gegen irgendjemand erleben. 1918 war es soweit, als Marshall mit Schwarz auf José Raoul Capablanca traf. Er spielte hier einen Zug, der ein neues System der Spanischen Eröffnung aus der Taufe hob: 8… d7-d5!?. Das heute unter dem Namen Marshall-Angriff bekannte System hat sich auch über 100 Jahre später als so gefährliche und widerstandsfähige Waffe erwiesen, dass die meisten Weißspieler heutzutage dieser Option lieber aus dem Weg gehen und beispielsweise Zügen wie 8. a4 oder 8. h3 den Vorzug geben – selbst Kasparov ließ mit Weiß niemals den Marshall-Angriff zu! Man kann vor der Weitsicht und der glänzenden Konzeption des Frank James Marshall nur den Hut ziehen: mit diesem immergrünen Bauernopfer entfesselte er einen ungestümen Angriff am Königsflügel und verlangte Capablanca alles ab. Leider verlor Marshall die Partie dennoch … 

 

43. Botwinnik – Tschechower, Moskau 1938
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Viele der strategischen Ideen, die sich heute selbst im Rüstzeug durchschnittlich starker Vereinsspieler finden lassen und heutzutage selbstverständlich erscheinen, mussten irgendwann einmal entdeckt und ausgearbeitet werden. Meistens waren es besonders starke Spieler in der Zeit vor den Computern, die neue strategische Konzepte ersannen, die zu jener Zeit ungemein kühn wirkten – man denke dabei an Namen wie Réti, Nimzowitsch und vor allem Botwinnik. Der Patriarch der sowjetischen Schachschule erweiterte unser Verständnis von Bauernstrukturen in Eröffnungen wie dem Damengambit und dem Nimzoinder teils auf fundamentale Weise. In dieser exemplarischen Partie von 1938 spielte er beispielsweise das zu jener Zeit geradezu absurd anmutende 16. d4xc5!. Die Zeitgenossen waren fassungslos, da dieser Zug die weiße Bauernstruktur vollkommen entwertet. Botwinnik war vom Stellungsverständnis her allerdings den meisten seiner Zeitgenossen aufgrund seiner analytischen Arbeit und seines strategischen Verständnisses um Äonen voraus. Darum hatte er verstanden, dass die Besetzung der offenen
d-Linie und insbesondere des Vorpostens auf d5 eine viel höhere Priorität genießt als die freiwillige Schwächung der Bauernstruktur. Botwinnik schätzte die Bauern zudem gar nicht als schwach ein, da Schwarz sehr viel Zeit braucht, um sie angreifen zu können. Nach den weiteren Zügen 16… d6xc5 17. Te1-d1 Ta8-d8 18. Td1-d5 b7-b6 19. Tf1-d1 Sc6-a5 20. h2-h3 Td8xd5
21. Td1xd5 Df6-e7 22. Lf3-g4! hatte sich herauskristallisiert, dass Botwinniks Weitsicht ihm Recht gab und er die Partie sicher gewann. Das mag aus heutiger Sicht nicht besonders schwierig erscheinen, aber für jene Zeit war es revolutionär und ein bahnbrechend neues Konzept, nur für dynamische Vorteile eine scheinbar minderwertige Bauernstruktur in Kauf zu nehmen.

 

44. Botwinnik – Smyslov, WM-Kampf, 2. Partie, Moskau 1954
Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz

Es hat den Anschein als sei hier einiges für Botwinnik bereits in der Eröffnung schief gegangen: er hat das Rochaderecht verwirkt und seinen schwarzfeldrigen Läufer eingesperrt. Da die schwarze Stellung zudem keine nennenswerten Schwächen aufweist, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Weiß schlecht gespielt habe. Botwinnik hatte diese Stellung jedoch bewusst angestrebt und präsentierte hier das damals schockierend neue Konzept mit 10. g2-g4!. Plötzlich steht der Turm auf h1 gar nicht so schlecht, da Weiß demnächst einen Bauernsturm am Königsflügel einzuleiten gedenkt. Nach 10… c7-c6 11. g4-g5 Sf6-d7 12. h2-h4 Le7-d6 hatte sich das Bild grundlegend gewandelt. Der offenbar völlig perplexe Smyslov kam hier nach dem weiteren Schock 13. e3-e4!, was bereitwillig die Isolierung des d-Bauern zulässt, gar nicht mit der Stellung klar. Nach 13… d5xe4 14. Sc3xe4 wählte er anstelle des Rückzugs nach c7 den Zug
14… Ld6xf4?! und verlor nach der Antwort 15. Lc1xf4 die Partie in nur fünfzehn weiteren Zügen. Heute wird der Zug g2-g4 in nahezu allen Lagen in Erwägung gezogen, doch Mitte der 50er-Jahre war dies ein geradezu elektrisierend neuer Ansatz.

 

45. Botwinnik – Petrosjan, WM-Kampf, 14. Partie, Moskau 1963
Stellung nach dem 6. Zug von Schwarz

Heutzutage würde kein starker und seriöser Turnierspieler die vermeintlich harmlose Abtauschvariante des Damengambits mehr unterschätzen, doch damals galt dieses System bestenfalls als ein eher stumpfer und risikoloser Weg, um eine minimale, aber kaum merkliche Initiative zu entfalten. Botwinnik packte erneut den Zug aus, der schon fast so etwas wie sein Markenzeichen geworden war und spielte hier 7. g2-g4!. Nach 7. … Lf5-e6 wählte er zwar nicht das heute favorisierte 8. h2-h4 (mit der Idee 8… Le7xh4 9. Dd1-b3!), sondern das zurückhaltendere 8. h2-h3. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass ohne diese Partie unser Verständnis von der Abtauschvariante heute dasselbe wäre. Im Jahre 1963 waren dagegen ganz neue Einsichten damit verbunden. Meiner Erfahrung nach kann man einen durchschnittlichen Spieler mit ca. 1800 DWZ auch heute noch allemal damit überraschen!

 

46. Krasenkow – Garcia Gildardo, Groningen 1997
Stellung nach dem 3. Zug von Schwarz

Ein weiterer Beleg dafür, wie sich das Schachspiel seit der Einführung starker Computer verändert hat, zeigt das folgende Diagramm: während Großmeister früherer Tage beim Eintdecken neuer Ideen sich trotzdem auf bewährte Regeln und optische Eindrücke verließen, sind die Meister heutiger Tage weitaus weniger dogmatisch. Für sie gilt nur die objektive Stärke eines Zuges, unabhängig von seiner äußeren Erscheinung. Anders ausgedrückt: wenn der Computer signalisiert, dass ein bestimmter Zug stark oder zumindest spielbar ist, dann wird er einfach gezogen! Man mag sich etwa das Gesicht des Nachziehenden ausmalen, als er von seinem Gegner hier den Zug 4. g2-g4!? vorgesetzt bekam. Die mit diesem Zug verbundene Idee (4… Sf6xg4 5. Th1-g1 mit baldigem Rückgewinn des Bauern und Initiative) stieß schnell auf das Interesse weiterer Spieler und führte zu eingehenden Untersuchungen. In diesem Fall ergab die spätere Turnierpraxis zwar, dass konservativere Fortsetzungen hier möglicherweise doch mehr versprechen, doch was macht das schon? Die Revolution rund um den Bauernzug g2-g4 war jedenfalls nicht mehr aufzuhalten …

 

47. Shirov – Azmaiparashvili, Plovdiv 2003
Stellung nach dem 4. Zug von Schwarz

Frei nach dem Motto „Was Krasenkow kann, kann ich schon lange“ dachte sich Alexej Shirov hier, dass der neue Trend bestimmt auch in anderen Eröffnungen funktionieren könnte. Vermutlich haben Sie inzwischen längst geahnt, was jetzt kommt: Shirov zog hier 5. g2-g4!? und fügte der Geschichte des lebensmüden g-Bauern einfach noch ein weiteres Kapitel hinzu. Hier ist der Fall nicht ganz so einfach wie im vorigen Beispiel, da nach dem Schlagen des g-Bauern ein echtes Gambit entsteht. Nach 5… Sf6xg4 6. Th1-g1 Sg4-f6 7. Lf1-c4 h7-h6 hatte Shirov die gewünschte Initiative erlangt, doch die Partie endete später remis.
Ein weiterer Artgenosse dieser Idee ist übrigens auch der Shabalov-Angriff der Meraner Variante, der mit den Zügen 1. d2-d4 d7-d5 2. c2-c4 c7-c6 3. Sg1-f3 Sg8-f6 4. Sb1-c3 e7-e6
5. e2-e3 Sb8-b7 6. Dd1-c2 Lf8-d6 7. g2-g4!? eingeleitet wird. Selbst Kasparov erkannte nach eingehender Analyse an, dass dieser Weg durchaus gangbar ist.

 

48. Rasuwajew – Farago, Dubna 1979
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Es scheint, dass Bauernzüge in der Nähe des Brettrands ausgangs der Eröffnung besonders oft ignoriert werden oder lange brauchen, um erkannt zu werden. In diesem Fall haben wir es mit einer Entdeckung zu tun, die ähnlich revolutionär wie die bizarren Bauernvorstöße Botwinniks wirkte und deren Ausarbeitung die Quintessenz fast eines ganzen Lebens darstellte.
Juri Rasuwajew, ein sehr geschätzter und äußerst beliebter Trainer der UdSSR, der im Jahre 2012 verstarb, widmete diesem Zug in seinem Buch Key Concepts of Gambit Play ein Kapitel mit nicht weniger als zwanzig Seiten zur Entstehungsgeschichte, der Premiere und der Analyse des Zuges, der heute im Bewusstsein von starken Profis fest verankert ist. Sein Zug 13. h2-h4! ist auch heute sicherlich noch geeignet, um Spieler unterhalb der ELO-Marke von 2200 zu erschrecken, zumal er vollkommen korrekt und gut spielbar ist. Bei der Premiere wählte der ungarische Großmeister Ivan Farago sicherheitshalber die Ablehnung des angebotenen Bauern mit
13… Sc6-a5, was aber nach 14. Sf3-g5 ebenfalls Angriff zulässt. Die Annahme des Opfers mit
13… Le7xh4 14. Sf3xh4 Dd8xh4 15. Te1-e3! ist aber auch alles andere als harmlos.
So oder so ist die Einbeziehung von Randbauern heutzutage ein unverzichtbares Element auf der ewigen Suche nach Initiative und gewissermaßen auch der schachlichen Wahrheit an sich.

 

49. Penrose – Tal, Schacholympiade, Leipzig 1960
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Jonathan Penrose ist ein nur mäßig bekannter britischer Meister, dessen Name vor allem mit dieser Partie in Verbindung gebracht wird – und das völlig zurecht. Penrose ersann hier nicht nur ein Manöver, das heute absoluten Standard in Benoni-Stellungen darstellt, sondern fügte auch noch dem amtierenden Weltmeister Mikhail Tal die einzige Niederlage des gesamten sowjetischen Teams bei dieser Olympiade zu. Die meister Spieler werden wissen, was hier folgte: mit dem Bauernopfer 19. e4-e5! betrat Penrose damals strategisches Neuland, doch der Erfolg gab ihm recht: nach 19… d6xe5 folgte 20. f4-f5!, wonach Weiß mit Hilfe eines Bauernopfers erfolgreich das Feld e4 für einen Springer geräumt und auch noch einen Freibauer gebildet hat. Heutzutage wäre diese Stellung eine bessere Fingerübung für erfahrene Spieler, aber als Erster voranzugehen ist immer am schwierigsten! Penrose wagte es jedenfalls und spielte die Partie seines Lebens.

 

50. Kotov – Gligoric, Interzonenturnier, Zürich 1953
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Da Schachspieler naturgemäß dazu neigen, dem Zentrum mehr Aufmerksamkeit als dem Brettrand zu widmen, erscheint es nur logisch, dass bedeutende Opfer im Zentrum früher als die obskur anmutenden Züge aus den obigen Beispielen entdeckt wurden. Hier hat Schwarz bereits einen Bauer weniger (den er im 11. Zug geopfert hatte), doch davon unbeeindruckt steckte der jugoslawische Großmeister Svetozar Gligoric hier mit 21… f4-f3! gleich noch einen Bauer ins Geschäft, um eine formvollendete Blockade auf den schwarzen Feldern zu errichten. Nach
22. g2xf3 Sf6-h5 hatte Schwarz trotz zweier Minusbauern eine kräftige Initiative. Die Partie endete im 41. Zug schließlich remis, doch was zählt, ist, dass diese Manöver bis heute zum festen Arsenal von Königsindisch-Spielern gehören.

 

51. Pilnik – Geller, Göteborg 1955
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

Eine weitere Eröffnung, in der es häufiger zu dynamischen Bauernstrukturen mit Durchbruchsideen kommt, ist die Sizilianische Verteidigung. Insbesondere in der Najdorf-Variante, der Sweschnikow-Variante und (wie hier) der Boleslawsky-Variante kann es immer wieder zu dem Motiv kommen, das Efim Geller hier demonstrierte und unseren Schachhorizont erweiterte: er zog hier 22… e5-e4! und erlangte nach 23. Lc3xf6 Dd8xf6 24. f3xe4 f5-f4! mehr als ausreichende Kompensation für den geopferten Bauer: das unangreifbare Feld e5 für den Springer und die Bauernmehrheit am Königsflügel, deren Vorrücken die Partie rasch zugunsten des Nachziehenden entschied. Der weiße Mehrbauer hingegen fällt überhaupt nicht ins Gewicht, während der weißfeldrige Läufer dem Springer klar unterlegen ist. Großmeister heutiger Tage mögen darüber müde lächeln, aber damals war dies schlicht Neuland.

 

Räumungszüge

 

52. Petrosjan – Smyslov, Moskau 1951
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Tigran Petrosjan spielte in dieser Stellung einen Zug, der auf Smyslov wie ein echter Schock gewirkt haben muss: das Feld ist d5 ist vierfach gedeckt, weshalb ein Zug wie
17. d4-d5!? vollkommen absurd anmutet. Der Zug ist aber nicht von der Hand zu weisen, da die wichtige d-Linie geöffnet wird und Schwarz erst einmal auf die richtige Art und Weise zurückschlagen muss. Smyslov entschied sich für den Springer – und damit die falsche Wahl. Besser wäre das Nehmen mit dem Läufer gewesen, denn nach 17… Sb6xd5 18. Tf1-d1 Dd8-c7
19. Sg5-e4 konnte Weiß einen gefährlichen Angriff entfalten, den er zum Sieg führte. Das von Petrosjan demonstrierte Opfer gewinnt natürlich nicht zwingend, hat sich aber als Standardoption, die man stets im Auge behalten sollte, in solchen Stellungen durchaus erfolgreich etablieren können.

 

53. Lasker – Capablanca, Sankt Petersburg 1914
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Lasker hat die Eröffnung – was gar nicht so untypisch für ihn war – eher lasch behandelt. Er war aber auch für sein Gespür für Gefahren und seine Verteidigungskünste außerordentlich bekannt. Das half ihm dabei, in dieser Stellung den Zug 12. f4-f5 zu spielen, der zu den bekanntesten und meistdiskutierten Zügen der Schachgeschichte gehört. Zu jener Zeit wirkte er geradezu anarchisch, weil er freiwillig einen rückständigen Bauer auf e4 in Kauf nimmt und dem Gegner das Feld e5 überlässt. Teil der Wahrheit ist aber auch, dass der weißfeldrige Läufer Capablancas eingeschränkt und der Tausch der schwarzfeldrigen Läufer auf f4 ermöglicht wird. Dadurch spaltet Lasker das Läuferpaar und minimiert die Gefahren. Lasker gewann die Partie, was euphorische Stimmen danach veranlasste zu behaupten, der Zug 12. f4-f5 hätte in höherem Sinne die Partie gewonnen. Der sichtlich angefressene Capablanca schoss zurück und behauptete dagegen, er würde jederzeit wieder die schwarze Stellung spielen wollen. So oder so hat dieser Zug einen ordentlichen Anteil an unserem jetzigen Verständnis der Spanischen Abtauschvariante.

 

54. Fischer – Unzicker, Siegen 1970
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Dieses Beispiel weist eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem vorherigen auf und entstammt logischerweise ebenfalls der Spanischen Abtauschvariante. Hier sehen wir Bobby Fischer in Aktion, der freiwillig in einen rückständigen Bauer auf e4 eingewilligt hatte. Diesen entsorgte er nun mit 22. e4-e5! und räumte damit das Feld e4 für seinen Turm. Nach 22… f6xe5 23. Tf4-e4 war der Bauer umgehend zurückgewonnen, wonach die überlegene Leichtfigur und die Bauernmajorität am Königsflügel letztlich die Partie zugunsten des Amerikaners entschieden. Den Schlüsselzug in der Diagrammstellung zu entdecken ist gar nicht so schwer. Viel schwieriger ist es, die strategische Weitsicht zu erlangen, die Fischer auf die Idee brachte, den Bauer mittelfristig zu opfern, als er acht Züge zuvor – frei nach Lasker – 14. f4-f5 spielte. Wie man sieht, war Fischer mit dem klassischen Erbe bestens vertraut – ein keineswegs selbstverständlicher Umstand, als es noch keine Datenbanken gab. 

 

55. Spassky – Petrosjan, WM-Kampf, 19. Partie, Moskau 1969
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

In einem verzweifelten Versuch, den Rückstand von einem Punkt möglichst rasch wieder zu egalisieren, hatte sich Weltmeister Petrosjan auf ein riskantes Unterfangen entgegen dem Rat seines Teams eingelassen. Anstatt in dieser Partie mit Schwarz sicher auf Remis zu spielen und die nächste Weißpartie aggressiv anzugehen, hatte sich Petrosjan auf ein scharfes Abspiel im Najdorf-Sizilianer eingelassen, das noch dazu als dubios galt. Seine Stellung machte nach seinem letzten Zug keinen guten Eindruck mehr, doch nach dem Räumungsopfer 21. e4-e5!! sollte diese berühmte Partie, die mit einem totalen Debakel für den Armenier endete, nur noch drei Züge dauern: 21… d6xe5 22. Sc3-e4! Sf6-h5 23. Dg2-g6 e5xd4 24. Se4-g5.
Selten erlebte man nach dem 2. Weltkrieg so einseitige Partien in einem Weltmeisterschaftskampf!

 

56. Ivanchuk – Topalov, Nowgorod 1996
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

In den modernen Zeiten sind Bauernopfer oft komplexer und vielschichtiger. Hier sehen wir, dass Ivanchuks Turm angegriffen ist, doch solche marginalen Details stören den ukrainischen Großmeister bisweilen recht wenig: hier packte er die Keule 23. g5-g6!! aus, die das Feld g5 unter Tempogewinn räumt. Wird der kecke Bauer mit 23… h7xg6 geschlagen, dann fehlt es Schwarz nach 24. Lf4-g5 an einer guten Antwort, da nach 24… f7-f6 das Opfer 25. Lg5xf6 schnell für klare Verhältnisse sorgt. Also nahm Topalov lieber den Köder auf a7, musste aber nach
24… Sc6xa7 25. g6xf7+ Kg8-h8 26. Lf4-g5 Dd8-d7 auch noch den Scherz 27. f7xe8=S über sich ergehen lassen. Nach weiteren sieben Zügen hatte Ivanchuk den Sieg eingetütet.
Zugegebenermaßen hätte diese Partie auch gut in die Rubrik „Spektakuläre Turmopfer“ gepasst, doch wegen der Grundidee – der Räumung des Feldes g5 – und dem umgehend Rückgewinn des investierten Materials habe ich mich dafür entschieden, sie hier zu präsentieren.

 

57. Kasparov – Kramnik, Astana 2001
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Mehr als nur einmal musste sich Garri Kasparov mit zwei der solidesten Waffen seines großen Rivalen Vladimir Kramnik auseinandersetzen: der Russischen Veteidigung und der sogenannten Berliner Mauer im Spanier. Der überzeugendste Sieg gegen letzteren Aufbau gelang ihm hier, als er das zweifellos vorbereitete und gründlich analysierte Opfer 16. e5-e6!! vom Stapel ließ. Eine analytische Abhandlung würde hier jeden Rahmen sprengen (zumal die Analyse in vielen Büchern zu finden ist), doch festzuhalten ist in erster Linie, dass dieser Zug dem Läufer auf b2 und dem Turm auf der e-Linie freie Sicht einräumt. Dennoch wäre das wohl für die wenigsten Spieler ausreichend Kompensation gewesen – ein Umstand, der auch dadurch verdeutlicht wird, dass Kramnik selbst offenbar trotz Vorbereitung überhaupt nicht mit diesem Zug gerechnet hatte. Mit dem praktischen Albtraum konfrontiert, dass der Gegner alles bestens präpariert hatte, musste Kramnik improvisieren und erbitterten Widerstand leisten. Er verlor im 41. Zug.

 

58. Cheparinov – Carlsen, Wijk aan Zee 2005
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

Dass Weltmeister Magnus Carlsen bereits als Teenager so ziemlich alle Facetten des Schachspiels bereits erfasst hatte, bewies er in diesem schönen Beispiel aus der
Sweschnikow-Variante der Sizlianischen Verteidigung. Einen Bauer hat er soeben geopfert, doch das hinderte ihn nicht daran, es gleich nochmals zu wiederholen: 15… d6-d5!. Mit diesem Zug stellt Schwarz sicher, dass es ihm gelingen wird, den e-Bauer nach e4 vorzustoßen, damit der Läufer auf g7 zu einer gewaltigen Figur werden wird. Bauern zählen in dieser Art von Stellung oftmals nicht so viel und werden schon mal rasch geopfert. Dass die Blockade auf e4 gebrochen und alles andere dem untergeordnet werden muss, erkannte Carlsen offenbar ohne Schwierigkeiten. Hätten Sie auch so gespielt?
Cheparinov antwortete übrigens mit 16. e4xd5 e5-e4 17. Dd1-e2 Ta8-b8! 18. Ta1-b1, geriet aber nach 18… Tb8-b6! in einen heftigen Angriff, den Carlsen letztlich durchbrachte.

 

Kamikaze-Bauern

 

59. Ivanov – Mikhalevski, Beersheba 1999
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

In einem äußerst scharfen Abspiel der Grünfeld-Verteidigung prallen hier die Gegensätze aufeinander. Schwarz überlässt Weiß ein breites Bauernzentrum und hofft darauf, es später mittels Figurendruck zu zerstören und in die überdehnte weiße Stellung einzudringen. Weiß hingegen versucht, im Schutze des Bauernzentrums einen Angriff in die Wege zu leiten, bevor sein Zentrum endgültig vernichtet wird.
Es scheint hier schlecht um Weiß bestellt zu sein, da sein Bauernzentrum allem Anschein nach kurz davor steht, sich in Luft aufzulösen, wonach nur Schwarz besser stehen kann. Ivanov hatte jedoch eine diabolische Überraschung im Köcher: 16. f4-f5!! ist ein Zug wie er dynamischer kaum sein könnte. 16… f6xe5? und 16… e6xf5? scheiden als Antwort offensichtlich beide aus, da Weiß im nächsten Zug einen extrem starken Freibauer auf e6 verankern könnte, der zum Preis eines lächerlichen Bauern erzielt werden konnte. Nach 16… e6xd5 17. e5-e6 d5-d4 18. g2-g4 hätte Weiß offensichtlich ebenfalls ausgezeichnete Kompensation. Mikhalevski wählte daher 16… g6xf5 und hätte hier vielleicht nach 17. Le2-h5 über das Qualitätsopfer 17… f6xe5 nachdenken sollen. Dagegen würde 17… Te8-f8 mit 18. Tb3-g3 und der Drohung 19. Lc1-h6 beantwortet, ohne dass der schwarze Turm über die 7. Reihe eingreifen könnte. In der Partie wählte Mikhalevski
17… Te8-e7, geriet nach 18. d5-d6 Te7-d7 19. Tb3-g3 f6xe5 20. Lc1-b2 Kg8-h8
21. 0-0! (viel besser als das Turmopfer auf g7) in einen starken Angriff und verlor.

 

60. Kramnik – Beljawksi, Belgrad 1995
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Dass bereits der junge Vladimir Kramnik ein ausgezeichnetes Gespür für versteckte Nuancen in einer Stellung hatte, bewies er in dieser Partie, in der er vollkommen unerwartet das Zentrum mit 12. e2-e4!! sprengte. Wenngleich Weiß vermutlich nicht alle Konsequenzen des Opfers bis ins letzte Detail berechnen konnte, so spürte er doch, dass der in der Mitte veweilende schwarze König stets ein dankbares Angriffsziel für allerlei Opfer abgeben würde. Beljawski fand keine ansprechende Verteidigung und stand nach 12… f5xe4 13. Sf3-g5 Lh5-f7 14. Sd2xe4! d5xe4
15. Sg5xe6 Lf7xe6 16. Db3xe6+ Dd8-e7 17. Te1xe4! Ke8-d8 18. De6-d5 aufgabereif. In der Tat streckte Schwarz hier bereits die Waffen und musste das vollkommene Scheitern seiner Strategie eingestehen. Fragt sich nur, wie viele Gegner so wie Kramnik im 12. Zug fortgesetzt hätten?!

 

61. Romanishin – Meier, Hockenheim 2006
Stellung nach dem 6. Zug von Schwarz

Eine ähnlich leidvolle Erfahrung musste auch Georg Meier, der heute zu den stärksten deutschen Großmeistern zählt, vor einigen Jahren machen. Sein Gegner Oleg Romanishin befand sich natürlich schon im Herbst seiner Karriere, doch seine immense Erfahrung gestattete es ihm, in dieser Theoriestellung einen neuen Zug zu erspähen, den selbst Mikhail Tal in derselben Stellung nicht erkannt hatte. Er spielte hier das schockierende 7. e2-e4!!, was bei flüchtiger Betrachtung einfach einen Bauer zu verlieren scheint. Nach der Fortsetzung 7… Lb7xe4 8. Sb1-c3 Le4-b7
9. Sc3xb5 wurde allerdings schnell deutlich, dass der weiße Entwicklungsvorsprung und die nun halboffene e-Linie Schwarz Probleme bereiten würden. Meier verlor die Partie im 39. Zug.
Hätte er im 7. Zug stattdessen 7… Le4-c6 gewählt, dann würde 8. d4-d5! Schwarz bereits vor unlösbare Probleme stellen: 8… e6xd5 9. Tf1-e1+ Lf8-e7 10. Lg5xf6 g7xf6 ist nach 11. Sf3-h4 oder auch 11. Sc3xd5 klar verloren für Schwarz, da sein König keine sichere Bleibe findet.
Diese Partie verdeutlicht, dass es mehr als genug Spieler gibt, die in der zweiten oder dritten Reihe stehen und deren Partien daher nicht groß von einem breiten Publikum zur Kenntnis genommen werden. Es kann sich aber durchaus lohnen, denn gerade aus den Partien der erfahrenen sowjetischen Meister können Amateure immer noch sehr viel dazu lernen.

 

62. Topalov – Kasimdzhanov, London 2012
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Der usbekische Großmeister verblüffte hier die anwesenden Schachfans mit einem geradezu surreal anmutenden Zug: 12… c6-c5!!. In theoretischer Hinsicht ist dieser Beitrag zur Meraner Variante sehr wertvoll, da Schwarz ohne diese Riposte Probleme bekommen könnte. Nach den weiteren Zügen 13. b4xc5 Lb7xf3 14. g2xf3 Sd7xc5! 15. d4xc5 Tc8xc5 folgten beide Kontrahenten noch einige Zeit ihrer Analyse, wonach die Partie im 37. Zug remis endete. Ohne Vorbereitung wäre hier wohl so ziemlich jeder Schwarzspieler angesichts der geopferten Figur nervös geworden, doch beide Spieler zeigten sich ungerührt! Interessierte finden in Lars Schandorffs Buch über Halbslawisch übrigens eine fundierte Analyse dieser Variante.
Allerdings sei eine andere Frage erlaubt: wie viele Spieler wären in der Lage gewesen, diesen Zug ohne die Hilfe von Engines überhaupt nur in Erwägung zu ziehen? Topalov und Kasimdzhanov waren sich nach der Partie beide einig, dass hier „nichts Aufregendes passiert sei“: Kasimdzhanov hatte eben die Ergebnisse seiner Computeranalyse vorführen dürfen. Topalov selbst war übrigens kein bisschen überrascht von dem Zug und hatte die Neuerung wohl ebenfalls schon selbst analysiert gehabt. Vielmehr hatte er vielleicht darauf gehofft, dass sein Gegner dies noch nicht getan hatte. Übrigens führte die Entdeckung dieser Neuerung zu dem Alternativzug 12. Sf3-g5 anstelle von 12. b2-b4. Wie es Levon Aronjan damit gegen Vishy Anand ein Jahr später erging, zeigt Beitrag Nr. 41 auf drastische Weise.

 

63. Carlsen – Anand, Weltmeisterschaftskampf, 11. Partie, Sotschi 2014
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

In einer für ihn schwierigen Wettkampfsituation und passiven Position spielte Anand seine ganze Erfahrung aus und ließ hier 23… b6-b5!! folgen. Dieses auf den ersten Blick unverständliche Gambit stellte Carlsen vor einige Probleme, denn das Nehmen mit dem a-Bauer würde es Schwarz gestatten, seinen a-Bauer vorzuziehen und nach dem Tausch auf a4 sowohl die a-Linie zu besetzen als auch gegen c4 Druck zu machen. Das Nehmen mit dem c-Bauer würde
24… c7-c6 gestatten: nach 25. b5xc6+ Kb7xc6 müsste der dreifach angegriffene Springer, der nicht gedeckt werden kann, mit verheerenden Folgen zurückweichen. Der Bauer auf b3 ginge verloren, und der Vorposten auf f4 erwiese sich für den schwarzen Springer ebenfalls als sehr einladend. Carlsen zog daher 24. Lb2-c3 und ließ den vorwitzigen Bauer ungeschoren davonkommen. Anand verlor die Partie aber später dennoch und mit ihr auch das Match.

 

   Besondere Bauernstrukturen

 

64. Alterman – Deep Fritz, Niederlande 2003
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Der israelische Großmeiser Boris Alterman hat bis hierher eine ausgezeichnete Partie gegen den Computer gespielt: er hat ihm, ohne dabei Gegenspiel zuzulassen, einen Bauer abgeknöpft und steht natürlich glänzend. Er baute nun mit 26. e3-e4! seine Initiative aus und dachte sich nichts weiter dabei. Erst danach wies man ihn darauf hin, dass er etwas vermutlich Einmaliges in der Geschichte des Schachs geschafft hatte – Alterman hatte nichts gemerkt. Sehen Sie es?
Jetzt stehen alle seine acht Bauern auf der 4. Reihe!!! Unglaublich!
Der Computer wehrte sich noch bis zum 87. Zug, aber letztlich vergeblich.

 

65. Capablanca – Treybal, Karlsbad 1929
Stellung nach dem 38. Zug von Schwarz

Mit einer anderen höchst seltenen Erscheinung haben wir es hier zu tun: diese Partie wird in manchen Quellen auch als „Unsterbliche Erstickungspartie“ bezeichnet. Capablanca zog hier das naheliegende 39. b5-b6! und errichtete damit eine Bauernstruktur, deren Schönheit einfach unvergleichlich ist. Hinter dem Schutze dieses beeindruckenden Bauernwalls baute er zunächst in aller Ruhe „Aljechins Kanone“ auf der a-Linie auf: alle drei Schwerfiguren auf die a-Linie mit der Dame ganz hinten. Anschließend überführte er den vorederen Turm nach a7 und den Springer nach a5, bevor schließlich auf a6 der Läufer im 55. Zug zum Opfer angeboten wurde. Es dauerte also noch fast zwanzig Züge von der Diagrammstellung aus, bis Treybal verlor, doch das Ergebnis stand nach dem unkomplizierten, aber dennoch denkwürdigen 39. Zug Capablancas nicht mehr zur Debatte. Ein Meisterwerk des entthronten Weltmeisters!

 

66. Smyslov – Botwinnik, WM-Kampf, 19. Partie, Moskau 1954
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

Diese Partie ist nicht in die Geschichte eingegangen – dennoch gab es hier eine Seltenheit der besonderen Art zu bewundern. Nach dem offensichtlichen 27… e5xf4 hatten beide Spieler einen Tripelbauer! Dieser Umstand hat sich bis heute nicht in einem Weltmeisterschaftskampf wiederholt! Da ist es fast nebensächlich, dass diese nicht sehr aufregende Partie remis endete.

 

67. Raschkowski – Barejew, Kiew 1986
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Einen ungewöhnlichen Kampf ums Zentrum sehen wir hier: nach 19… e6-e5+! entstand eine absolut einmalige Stellung: nicht nur die verirrte weiße Majestät auf g4 springt ins Auge, sondern auch die wenig friedfertige Konstellation der weißen und schwarzen Bauern im Zentrum ist schlicht elektrisierend! Raschkowski antwortete übrigens 20. f4-f5 und offerierte gleichzeitig die Punkteteilung. Mit einem Sieg hätte der 19-jährige Barejew allerdings beste Chancen auf den Titel des Landesmeisters der Sowjetunion gehabt, weshalb er nach einigem Nachdenken weiterspielte … und die Partie verlor.

 

68. Gabriel – Korchnoi, Zürich 1999
Stellung nach dem 5. Zug von Weiß

In dieser Stellung, die beide Seiten bis hierher schon recht originell behandelt haben, entbrannte bald so etwas wie ein kreativer Wettstreit um den paradoxesten Zug der Partie. Gabriel hatte zuletzt 5. c4-c5 gezogen, doch für Extravaganzen war Korchnoi bekanntlich immer zu haben. Er spielte seinerseits das haarsträubend riskante 5… d4-d3!? und setzte selbst zu einem so frühen Zeitpunkt der Partie alles auf eine Karte. Man beachte, dass Schwarz nach den weiteren Zügen
6. Dd1-b3 e5-e4 7. Sf3-d4 a7-a5 8. Sb1-c3 f7-f5 noch immer keine Figur gezogen hatte! Unvermittelter könnten die Gegensätze in dieser originellen Stellung eigentlich kaum aufeinanderprallen: entweder es gelingt Weiß, den gigantischen Entwicklungsvorsprung geltend zu machen oder Schwarz quetscht die weiße Stellung mit seiner Bauernkette zusammen. Gabriel kam mit dem irrationalen Charakter der Stellung jedenfalls gar nicht zurecht und wählte hier mit 9. Sd4-e6? die so ziemlich schlechteste aller Optionen, die ihm zur Verfügung stand. Korchnoi bekam nach 9… Dd8-e7 das Geschehen rasch in den Griff und gewann eine sehenswerte Partie. Viel kritischer für die Beurteilung der Stellung wäre im 9. Zug allerdings 9. g2-g4! gewesen, obwohl auch andere Züge in Betracht gekommen wären.

 

69. Ivanchuk – Anand, Linares 1992
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Vielen Schachspielern gilt die berühmte Partie Johner – Nimzowitsch, Dresden 1926 als die instruktivste aller Zeiten. Ich widerspreche nicht, würde aber auf die Frage nach der zweitbesten Partie in dieser Rubrik die obige Begegnung anführen.
Ivanchuk hatte hier gedankenlos gerade auf f6 die Springer getauscht und natürlich nur mit dem Nehmen durch den Läufer gerechnet. Nach dem schockierenden 17… g7xf6!! wurde der Ukrainer aber aus allen Träumen gerissen. Es folgten die Züge 18. Td1xd2 h7-h5! 19. Th1-g1 h5xg4
20. f3xg4. Der Sinn der Kombination erhellte aber erst in diesem Moment: Anand zog nun
20… Le6-c4!!. Ohne diese Option würde der 17. Zug Anands keine Rechtfertigung erhalten. Anand erhält nun Zutritt zum Feld h3 für seinen Turm – allerdings um den scheinbar exorbitanten Preis, die Felder d5 und f5 dauerhaft geschwächt und freiwillig den schlechteren Läufer in Kauf genommen zu haben. Nach 21. b2-b3 Lc4xf1 22. Tg1xf1 Th8-h3 gewann Anand eine sehr beeindruckende Partie. Unbedingt lesenswert sind seine eigenen Aussagen zu dieser Partie, in welchen er höchst eindringlich und logisch erklärt, wie er diese Strategie entwickelt habe und weshalb die schwarze Stellung viel besser ist als sie es zunächst den Anschein haben mag. Meiner Meinung nach eine Partie, deren Kenntnis meinen schachlichen Horizont um
gut und gerne 100 DWZ-Punkte erweitern konnte! Unbedingt nachspielen!

 

70. Kramnik – Bareev, Wijk aan Zee 2003
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Scheinbar konnte der damalige Weltmeister nichts Nennenswertes in dieser Partie herausholen: nach einigem Nachdenken spielte Kramnik einen höchst verpflichtenden, aber eben auch außerordentlich gut berechneten und akkurat eingeschätzten Zug: 25. c4-c5!!. Dieser Zug erscheint vor allem deshalb so paradox, weil Weiß allem Anschein nach mit einer schwachen Leichtfigur verbleibt. Viel wichtiger ist jedoch, dass der gewählte Zug dem weißen Turm einen Vorposten auf d6 gibt und der schwarze Springer, selbst wenn er nach d5 gelangt, nicht viel ausrichten wird. Der schwarze Springer ist dem Läufer somit keineswegs überlegen.
Es folgte: 25… Lf6xe5 26. d4xe5 Sd6-c8 27. Th1-h3! Sc8-e7 28. Th3-f3 Th8-f8 29. Td1-d6. Nach 29… a7-a5 begann Kramnik, den Königsflügel mir 30. g4-g5 aufzubrechen und spielte im 46. Zug einen Zug, der in einem späteren Beitrag („100 berühmte Läuferzüge“) nochmals auftauchen wird. Dieser hart errungene Sieg ist sehr lehrreich und lohnt das Nachspielen allemal.

 

Besondere Endspielmomente

 

71. Kotov – Botwinnik, Moskau 1955
Stellung nach dem 59. Zug von Weiß

In diesem berühmten Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern scheint das Remis unvermeidlich. Der Freibauer auf b3 ist dem Untergang geweiht, sobald Weiß seinen Läufer nach d4 stellt. Geht der schwarze König auf den h-Bauer los, dann deckt ihn der Läufer eben. Botwinnik verstand aber, worauf es in Endspielen mt ungleichfarbigen Läufern mehr denn je ankommt: Freibauern. Da ein Läufer mehrere Bauern gleichzeitig blockieren kann, steht und fällt der Wert eines Bauern mit der Frage, wie leicht er blockiert werden kann. Es folgte daher: 59… g6-g5!!. Dass der dreiste Bauer geschlagen werden muss, ist klar. Wenn der h-Bauer nimmt, dann ist der dadurch neu entstandene Freibauer des Nachziehenden nicht aufzuhalten. Es geschah also 60. f4xg5, aber nach 60… d5-d4+! rettete Schwarz seinen kostbaren Freibauer und setzte nach 61. e3xd4 mit 61… Kf3-g3 fort. Jetzt erhellt auch der Sinn der einleitenden Bauernopfers: der h-Bauer kann nicht mehr von e7 aus gedeckt werden. Nach 62. Lc5-a3 Kg3xh4 63. Kc3-d3 Kh4xg5
64. Kd3-e4 h5-h4 65. Ke4-f3 Le6-d5+ musste Weiß aufgeben, da der schwarze König entscheidend über f4 eindringen wird.

 

72. Euwe – Aljechin, WM-Kampf, 24. Partie, Niederlande 1935
Stellung nach dem 32. Zug von Weiß

Der Verlauf dieses in insgesamt dreizehn (!) veschiedenen Städten ausgetragenen WM-Matches gehört zu den größten Rätseln und Sensationen der Schachgeschichte gleichzeitig. Max Euwe, hauptberuflich Professor für Mathematik, wurde im Vorfeld kein Chance gegen Alexander Aljechin eingeräumt. Euwe spielte jedoch wesentlich stärker als erwartet – und Aljechin deutlich schwächer als vorhergesehen. Die Qualität mancher Partien war an heutigen Maßstäben gemessen eines Kampfes um die Schachkrone unwürdig.
Hier sehen wir einen absoluten Tiefpunkt: Aljechins dynamischer Stil war gefürchtet, doch konnte er diese Qualität in Endspielen nicht zur Geltung bringen und behandelte es meist schwach. Dieses unrühmliche Beispiel kostete ihn einen eminent wichtigen halben Punkt: er zog hier das grauenhafte 32… c7-c5?? und musste nach 33. Ke2-e3 ins Remis einwilligen. Entscheidend ist, dass Weiß nun seinen Doppelbauer auflösen kann und rechtzeitig zurückkehrt im Falle von
33… c5-c4 34. f3-f4 e5xf4+ 35. Ke3xf4 c4-c3 36. Kf4-e3. Hätte Aljechin 32… a7-a5! gezogen, dann könnte Schwarz in dieser Variante (mit einem Bauer auf a3 anstatt c3) nun mit 36… b4-b3! den Durchbruch erzwingen. Weiß käme nicht zur Auflösung des Doppelbauern und verliert gemäß einer recht einfachen Analyse. Doch selbst wenn das Endspiel nicht klar gewonnen wäre, so sollte doch zumindest schon bei flüchtiger Betrachtung die Erkenntnis obsiegen, dass 32… a7-a5! der weitaus stärkere der beiden Kandidatenzüge sein muss.

 

73. Karpov – Uhlmann, Madrid 1973
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Anatoli Karpov liebte dagegen einfache Stellungen und steuerte regelmäßig Endspiele mit kleinen Vorteilen an: hier sehen wir, wie seine eiserne Logik wieder einmal über allgemeine Grundsätze triumphiert. In dieser Stellung aus der Tarrasch-Verteidigung der Französischen Verteidigung dreht sich vieles um die Schwäche des isolierten Bauern. Nach absehbaren Figurentauschen erhebt sich die Frage, ob Weiß genug Figurenaktivität entfalten kann, um einen kleinen Vorteil zu erlangen. Karpov gelingt dies, indem er auf die bekannte Regel pfeift, dass man seine Bauern in Endspielen nur dann auf die Farbe des eigenen Läufers stellen soll, wenn es sich um ungleichfarbige Läufer handelt. Er zog hier 22. g3-g4!!. Nach den weiteren Zügen
22… Sc6xd4 23. Dd1xd4 Db6xd4 24. c3xd4 Ta8-c8 25. f2-f3 kristallierte sich der Sinn heraus: durch die prophylaktische Überdeckung des Feldes f5 wird der gegnerische Läufer auf das weniger attraktive Feld g6 gezwungen. Über das Feld f5 hätte er nach e6 gelangen und so viele schwache Bauern decken können. Nun hingegen steht er eher untätig herum und trägt nur weng zur Verteidigung bei. Wenn es in jenen Tagen jemanden gab, der aus einem Stein Wasser pressen konnte, dann war es Karpov. Nach 25… Le4-g6 26. Te1-e7 b7-b6 27. Ta1-e1 wand er die Daumenschrauben immer enger und siegte im 42. Zug in dieser exemplarischen Partie.

 

74. Topalov – Kasparov, Linares 1999
Stellung nach dem 61. Zug von Weiß

In einem lange Zeit ausgeglichenen Damenendspiel übte Kasparov gehörigen Druck aus und rang seinem Gegner damit immer wieder kleine Zugeständnisse ab. Es scheint allerdings so, dass er noch immer nicht allzu viel Greifbares erreicht hätte. Das genaue Gegenteil war jedoch der Fall, wie der Zug 61… f5-f4+!! verdeutlichte. Topalov musste aufgeben, denn nach 62. Ke3xf4 Kc3-d3! kann das Matt auf g4 nur durch 63. Dd8-g5 abgewendet werden. Dann aber nutzt der Zug
63… Dg2-f2# das verstopfte Fluchtfeld aus. Für Kasparov wohl nur eine Fingerübung, doch die äußerste Ökonomie der Mittel und das trotz allem gut getarnte Matt, das viele sicherlich übersehen hätten, machen für mich aus dieser Stellung dennoch ein eches Unikat.

 

 Verteidigung und Prophylaxe

 

75. Tal – Flesch, Lvov 1981
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Dass Tal seinen Zenit zu Beginn der 80er-Jahre hauptsächlich wegen gesundheitlicher Probleme überschritten hatte, dürfte genauso klar wie bedauerlich gewesen sein. Das hielt ihn aber noch lange nicht davon ab, immer noch in schöner Regelmäßigkeit Glanzpartien zu produzieren (und noch im Jahre 1988 Blitzschachweltmeister zu werden!). Hier sehen wir ein typisches Chaos wie es für Tals Partien schon ein halber Dauerzustand war: er hat einen Turm weniger und dafür den gegnerischen Königsflügel spürbar gelüftet. Dennoch leuchtet zunächst nicht ein, wie man den Angriff weiter fortführen soll, zumal auch der Springer auf h5 nicht wirklich stabil steht und von der schwarzen Dame angegriffen werden kann. Vor diesem Hintergrund spielte Tal das stoische 22. h2-h3!!, was einen prophylaktischen Zug der Extraklasse darstellt. Trotz eines Minusturms erkennt der Exweltmeister, dass die Sicherung der Stellung des Springers auf h5 höchste Priorität genießt und dieser Umstand eine kleine „Auszeit“ vom Angriff verdient. Es folgte 22… De6-f5
23. Tf1xa1 Lc8-e6 24. Ta1-e1 Df5-g6 25. g2-g4 Ta8-c8 26. Lf6-c3! Tf8-d8
27. Dd2-e3 Td8-d3 28. De3-e5 Tc8xc3 (nach diesem erzwungenen Schlagen ist das materielle Gleichgewicht praktisch wieder hergestellt) 29. b2xc3. Die tödlich geschwächten schwarzen Felder zwangen Flesch drei Züge später zur Aufgabe. Man beachte: der Springer steht noch immer auf h5 und trägt entscheidend zum Angriff bei. Welch eine grandiose Weitsicht!

 

76. Keres – Smyslov, Interzonenturnier, Zürich 1953
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Der estnische Meister Paul Keres braucht vier Runden vor Schluss dringend einen Sieg gegen den Tabellenführer, um noch einigermaßen realistische Chancen auf den Turniersieg am Leben zu halten: offenbar hatte Keres am Königsflügel einiges erreicht, selbst wenn sein Turm auf h5 dabei geopfert werden musste. In dieser Situation bekannte Smyslov, dass er gerne den Turm genommen hätte, zumal er nicht sah, wie Weiß danach hätte gewinnen können. Er zog aber dennoch das kaltblütige 19… d5xc4! und ließ das Eindringen der gegnerischen Türme auf der
h-Linie zu. Smyslovs Intuition trog ihn nicht: er tat aus praktischer Sicht gut daran, den Turm nicht zu nehmen, da Weiß nach 19… g6xh5 20. Dd1xh5 Tf8-e8 über das gefährliche 21. a3-a4! mit diversen Optionen in Verbindung mit Lb2-a3 verfügt. Stattdessen ging die Partie weiter mit
20. Th5xh7 c4-c3 21. Dd1-c1 Dd8xd4 22. Dc1-h6. Nun wehrte Smyslov die Drohung eines Räumungsopfers auf h8 mit 22… Tf8-d8 ab, wonach sich herauskristallisierte, dass Weiß die Felle davon schwimmen. Keres gab im 28. Zug auf und musste seinen Traum somit vorerst begraben.
Paul Keres gelang es übrigens nie, sich für einen Weltmeisterschaftskampf zu qualifizieren, obwohl er einer der stärksten Spieler seiner Generation war. Dieser Makel findet auch in
Keres‘ Bezeichnung als „der ewige Zweite“ seine Entsprechung.
David Bronsteins Buch über dieses Turnier gilt übrigens nicht wenigen Schachfreunden als eines der besten Schachbücher aller Zeiten. Es sollte in keiner ernsthaften Sammlung fehlen. 

 

Angriffszüge

 

77. Polugajewsky – Tal, Moskau 1969
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Lew Polugajewsky hatte in dieser Stellung soeben das klassische Enteropfer auf h7 mit dem Läufer vom Stapel gelassen: auf dem Brett befindet sich allerdings keine Französische Verteidigung, sondern ein Abspiel der Semi-Tarrasch-Verteidigung. Die weiße Dame steht hier nicht auf d1, sondern auf f4 und kann daher nicht rasch nach h5 gelangen. Reicht das Opfer also aus oder ist es eher spekulativer Natur? Polugajewsky hatte hier 21. h2-h4!! vorhergesehen – kurioserweise derselbe Zug wie in seiner berühmten Partie gegen Torre (Nr. 26) – und sicherlich nicht alles erschöpfend berechnen können. Dennoch trog ihn seine Intuition nicht, dass Schwarz dem Angriff auch nach diesem „langsamen“ Zug erliegen würde. Es folgte 21… Tc8-c4
22. h4-h5+! Kg6-h6 23. Sg5xf7+ mit einer völlig verrückten Stellung, in der beide Damen hängen und der schwarze König in tödlicher Gefahr schwebt. Nach 23… Kh6-h7 24. Df4-f5+ Kh7-g8 war die schwarze Dame aber wegen der Fesselung des Springers noch immer tabu. Der Zug
25. e5-e6! klärte aber die Situation, denn nach 25… Dd8-f6 26. Df5xf6 g7xf6 27. Td1-d2! hing der schwarze Springer, und auch die Gabel auf d6 stellte in Verbindung mit e6-e7 ein ernstes Problem dar. Tal entschied sich daher für 27… Tc4-c6, musste also 28. Td2xb2 zulassen und nach neun weiteren Zügen die Segel streichen. Erstaunlich, den Exweltmeister auf der „falschen“ Seite des Bretts in solch einer Partie sitzen zu sehen!

   

78. Jelen – Larsen, Portoroz 1977
Stellung nach dem 41. Zug von Weiß

Bent Larsen gehörte zu den Spielern, die ein Remis verabscheuten und praktisch immer auf Gewinn spielten, wenn es nur den leisesten Ansatz dafür gab. In einer vogelwilden und für ihn typischen Partie hatte Larsen zuvor den Bogen bereits gehörig überspannt, doch sein Gegner, der wenig bekannte Internationale Meister Itzok Jelen, hatte in Zeitnot den Gewinn ausgelassen und musste nun mit einem Remis Vorlieb nehmen – oder?
Nun, Larsen dachte gar nicht daran, hier mit Dauerschach die Partie zu beenden, sondern zog hier eiskalt 41… g6-g5!!, was die Mattdrohung auf h4 abwehrt und Weiß trotz Dame gegen Turm ohne ausreichende Verteidigung gegen die Turmverdoppelung auf der 2. Reihe lässt. So hilft
42. Dd8-d7 Tc5-c2 43. g4xh5+ wegen 43… g5-g4! nicht. Jelen kann allenfalls beispielsweise
42. Dd8-d3 ziehen und nach 42… Tc5-c2 die Dame zurückgeben, was aber in ein klar verlorenes Endspiel mündet. Stattdessen zog er 42. Tf1-b1 und gab zugleich auf. Auch wenn der Bauernzug das Highlight dieser Partie darstellte, so lohnt sich sich das Nachspielen dieser aufregenden und alles andere als fehlerfreien Partie allemal.

 

79. Karpov – Kasparov, WM-Kampf, 16. Partie, Moskau 1985
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Noch einmal kehren wir zu dieser berühmten Partie zurück, die eine Zeitenwende einläutete und deren Hintergründe bereits im Beitrag Nr. 33 dargelegt wurden. Mit seiner dubiosen Neuerung hatte es Kasparov geschafft, mehr als ausreichende Kompensation für den Gambitbauer zu erlangen: der Krake auf d3 ist der mutmaßlich stärkste Springer, den die Schachgeschichte je gesehen hat. Karpov zog soeben 21. b2-b3 und hätte natürlich diesen Springer allzu gerne als nächstes mit Sa4-b2 abgetauscht. Darüber war sich auch Kasparov vollkommen im Klaren und zog daher einen der stärksten prophylaktischen Angriffszüge, die ich je gesehen habe:
21… g7-g5!!. Das beabsichtigte Manöver Karpovs scheitert nun an 22. Sa4-b2? Sd3xb2 23. Dd2xb2 g5-g4! 24. Lf3-e2 Tc8-c2 mit Figurengewinn. Das Monster auf d3 wäre verschwunden, aber eine ganze Figur ist natürlich ein viel zu hoher Preis dafür. So blieb der Stachel im Fleisch also dauerhaft verankert und stand übrigens noch im 33. Zug auf d3, als er von Weiß schließlich in Verluststellung beseitigt wurde. Karpov kassierte hier seine wohl schlimmste Niederlage in einem WM-Kampf überhaupt. Kasparovs dynamisches Spiel öffnete dagegen neue Horizonte.

 

80. Kasparov – Karpov, WM-Match, 16. Partie, Leningrad 1986
Stellung nach dem 36. Zug von Schwarz

Ein Jahr später stand das Revanchematch an – und wieder sollte die 16. Partie ein Höhepunkt des Matches werden: Kasparov hatte hier seine ganzen Hoffnungen in einen Angriff gesetzt und dafür eine Figur geopfert. Er hatte natürlich nicht auf f7 nehmen wollen (was angesichts der gefesselten Dame ja auch nicht legal wäre), sondern brachte mit einem Kunstzug die schwarze Stellung zum Einsturz: 37. d5-d6+!! lenkt die schwarzen Figuren unabhängig von der Antwort immer so, dass die Dame verloren gehen wird. Nimmt der König, folgt die Gabel auf f7. Nimmt die Dame, dann galoppiert der Springer nach f5. Wenn Schwarz wie in der Partie den kecken Störenfried mit 37… Ke7-e6 ignoriert, dann stellt das Schachgebot auf e8 Schwarz vor unlösbare Probleme. Karpov spielte noch wegen Kasparovs Zeitnot weiter und gab im 41. Zug auf.
Was danach folgte, gehört ebenfalls zu den berühmtesten Episoden der Schachgeschichte: Kasparov führte nun mit drei Punkten Vorsprung, verlor aber die folgenden drei Partien ensuite, wonach der Wettkampfstand wieder ausgeglichen war. Ob nun Verrat im Spiel war oder nicht, ist bis heute nicht geklärt. Jedenfalls wurde Großmeister Vladimirov aus dem Team Kasparovs ausgeschlossen und als potentieller Maulwurf ausgemacht. Der Wettkampf wurde letztlich durch Kasparovs Sieg in der 22. Partie entschieden.

 

81. Anand – Lautier, Biel 1997
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Anand hatte hier bei einer seltenen Gelegenheit die Skandinavische Verteidigung von seinem französischen Großmeisterkollegen vorgesetzt bekommen. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man die Stellung für vollkommen unklar halten, doch der Inder verblüffte hier mit zwei Zügen für die Ewigkeit. Als erstes spielte er hier 20. h5-h6!!, einen scheinbar völlig sinnlosen Zug. Schwarz kann nun natürlich nicht auf e3 nehmen, da er im Gegenzug zwei Figuren verlieren würde, aber warum nicht einfach auf h6 nehmen? Genau dies tat Lautier, um dann nach 21. Ld3-g6!! den nächsten Schock vorgesetzt zu bekommen! Der Sinn des einleitenden Bauernopfers wurde nun deutlich, denn das Schlagen der Dame (21… Dd4xd1) würde nach 22. Te3xe6+ in allen Varianten zum Matt führen, weshalb Lautier hier noch 21… Sd5-e7 versuchte. Nach 22. Dd1xd4 Td8xd4
23. Te3-d3! wurde aber deutlich, dass Weiß seinen Läufer wird retten können, was von dem schwarzen Kollegen auf g2 nicht behauptet werden kann. Nach zwei weiteren Zügen bekannte sich der Franzose daher geschlagen.

 

82. Shirov – Topalov, Leon 2001
Stellung nach dem
15. Zug von Schwarz

In jenen Tagem ließ sich die Schachwelt auf ein von Kasparov angeregtes Experiment ein, das glücklicherweise genauso schnell wieder beerdigt wurde wie es ersonnen war: die Partien dieses Turniers wurden mit erlaubter Computerunterstützung gespielt. Beide Kontrahenten halten also während der Partie einen Computer zur Verfügung. In dieser ohnehin schon eingehend untersuchten Variante aus dem Sweschnikow-Sizilianer nahm Shirov „natürlich nicht“ die schwarze Dame. In seinem Buch Fire on Board berichtet Shirov davon, dass er auf den hier von ihm gespielten Zug 16. c2-c3!! allerdings schon vor diesem Turnier gekommen war (aber wohl kaum ohne Computer …). Weiß verschont vorerst allen Ernstes die hängende schwarze Dame und nimmt erstmal die Felder b4 und d4 unter Kontrolle – was natürlich viel wichtiger als eine hängende gegnerische Dame ist!
Shirov gab dem Zug prompt auch ganz bescheiden gleich drei Ausrufezeichen!
Zumindest verdeutlichte die Partie nach der Zugfolge 16…Tb4xe4 17. Dd1-h5 Kd7-d8
18. Sd5xc7 Kd8xc7 19. Dh5xf7+, dass Weiß ein Tempo gewonnen hat gegenüber der Stellung, in der er sofort auf c7 nehmen konnte. Natürlich hätte Topalov auch seine Dame anstelle des Turms in Sicherheit bringen können. Wer das analysieren möchte, dem sei diese Arbeit gerne überlasen! Ansonsten bleibe ich dabei: dies ist Logik jenseits meines Horizonts und etwas für Computer!

 

83. Polgar – Berkes, Budapest 2003
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Judit Polgar hatte sich hier in ihrer typisch schneidigen Art für entgegengesetzte Rochaden entschieden und damit das Kommando zur Attacke gegeben. Natürlich nahm sie hier nicht den Köder auf a8, denn nach 13… g5-g4 müsste der Springer wegen der sonst möglichen Option
14… Le7-g5 auf seinem Platz verharren. Schwarz würde also zwei Figuren für den Turm bekommen und sehr ordentlich stehen. Was kann Weiß allerdings sonst tun? Eine Figur wurde ja bereits ins Geschäft gesteckt …
Polgar erkannte natürlich, dass die Öffnung der h-Linie das wichtigste Element in dieser Stellung ist. Sie zog daher 14. g2-g4!! und nagelte den schwarzen Bauer auf g5 fest.
Da der schwarze Turm nun wirklich hing, war nicht nur ein wertvolles Tempo gewonnen worden, sondern auch die unweigerliche Öffnung der h-Linie sichergestellt worden. Nach 14… Ta8-b8 15. h2-h4! g7-g6
16. h4xg5+ Kh8-g7 17. Dd2-f4 brach der Widerstand innerhalb von sieben Zügen zusammen.

 

Aberwitzige Bauernzüge und Ideen

 

84. Bronstein – Rojahn, Moskau 1956
Stellung nach dem 7. Zug von Schwarz

Der für seine Kreativität häufig gerühmte David Bronstein (sein Buch Der Zauberlehrling sollte in keiner Sammlung fehlen) hatte für diese Partie etwas ausgeheckt und sich dafür sogar eigens die Erlaubnis seiner Mitspieler eingeholt, es spielen zu dürfen! Sein Gegner Rojahn glaubte übrigens noch nach der Partie an ein Versehen Bronsteins!
Bronstein zog hier 8. d3xe4!? und baute voll auf die psychologische Schockwirkung des Zuges. Nach 8… Sa5xc4 9. Dd1-d4 griff Schwarz prompt daneben und wählte den schwächeren der beiden Rückzüge: 9… Sc4-b6. Nach 10. c2-c4 c7-c5 11. Dd4-d3 hatte Weiß wegen der schlechten Stellung des schwarzen Springers auf b6 langfristige Kompensation und führte die Partie zum Sieg. Die heutige Theorie bewertet Bronsteins Idee nach 9… Sc4-d6 zwar als einigermaßen dubios, doch wen störte das im Jahre 1956? Erstens war dieser Zug von vornherein nur als einmalige Überraschungswaffe gedacht, und zweitens entwertet die Erkenntnis der späteren Theorie den kreativen Ansatz Bronsteins kein bißchen.

 

85. Larsen – Bronstein, Moskau 1962
Stellung nach dem 41. Zug von Schwarz

Wenn Bent Larsen und David Bronstein am Brett aufeinander trafen, dann war ein Spektakel praktisch immer garantiert: beide gehörten zu den faszinierendsten Spielern ihrer Generation und verblüfften die Schachwelt regelmäßig mit aberwitzigen und surreal anmutenden Ideen. Diese Stellung macht da keine Ausnahme: Bent Larsen hatte sich frühzeitig zwei Mehrbauern gesichert und konnte sie dennoch wegen des blockierten Charakters der Stellung nicht verwerten. Auch hier wären wohl die wenigsten Zuschauer überrascht gewesen, wenn die Partie bald remis gegeben worden wäre. Die schwarze Kompensation ist mehr als greifbar, da alle Schlüsselfelder in schwarzer Hand sind und Weiß die klar schlechtere Leichtfigur hat – zwei Bauern sind aber eben zwei Bauern! Wie schon weiter oben angedeutet, stellten die Begriffe „Larsen“ und „Remis“ eine Kombination dar, die überhaupt nicht harmonierte. Larsens Partien sind voller Beispiele für ein riskantes Streben nach Gewinn, auch um den Preis einer gelegentlichen Niederlage. Das unfassbarste Beispiel dieses Drangs sehen wir hier: Larsen zog hier allen Ernstes 42. g3-g4. Dieser Zug ist so verrückt, dass ich mir eine Bewertung spare! Nach 42… Tg8xg4 steckte Larsen auch noch mit 43. c3-c4+ den zweiten Mehrbauer ins Geschäft. Nach 43… b5xc4 hatte er allerdings erreicht, was er wollte. Nun konnte sein Turm mit 44. Th3-a3 endlich ins Geschehen eingreifen. Wen interessierte es da schon, dass umgehend mit 44… Tg4xf4+ ein weiterer Bauer flöten ging?! Diese irrsinnige Partie ging weiter mit 45. Kf1-g2 Tf4-g4+ 46. Kg2-h3 und endete nach weiteren Abenteuern tatsächlich mit einem Sieg für Larsen!
Wer außer Larsen hätte in der Diagrammstellung allerdings gleich drei Bauern geopfert?

 

86. Tal – Miller, Simultanvorstellung, Los Angeles 1988
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

In dieser Simultanpartie hatte Tal zunächst in der Hektik eine günstige Fortsetzung ausgelassen, danach aber insofern Glück gehabt, da sein Gegner eine starke Option übersehen hatte. Steigen wir also in dieses Chaos ein, in dem die Komplikationen kaum größer sein könnten. Man erkennt zwar, dass beide Damen tabu sind, aber bei Weiß hängen ja noch zwei weitere Figuren. Es ist schon schwer genug in dieser Stellung mit zwei hängenden Damen einen Zug zu finden, der überhaupt noch funktioniert – Exweltmeister Tal gelang dies sogar in einer Simultanpartie!
Tal zog hier 22. h2-h4!!, deckte damit den Läufer und indirekt seinen Turm, da die schwarze Dame wegen der aufgehobenen Grundreihenschwäche nun wirklich hängt. Schwarz seinerseits musste nun den einzig möglichen Zug 22… De5-g3 spielen und scheint aber immer noch am längeren Hebel zu sitzen, da nun der Turm auf f2 einzusteigen droht. Der Zauberer aus Riga antwortete mit 23. Ta1-d1!! und ignorierte die schwarze Drohung. Schwarz ist nun gezwungen, seine Drohung wahrzumachen, da ansonsten der Zug 24. Td1-d3 entscheidet. Es ging also weiter mit 23… Tf8-f2 24. De2xf2!! Le1xf2 25. Td1xd5. Trotz des materiellen Rückstands war Schwarz nun angesichts der Mattdrohung auf d8 gezwungen, auf h4 die Dame zu geben, was praktisch die Niederlage, die wenige Züge später offiziell war, besiegelte. Eine Simultanpartie für die Ewigkeit!

 

87. Gelfand – Anand, Linares 1993
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

In einer höchst komplexen Stellung, aus dem angenommenen Damengambit entstanden, bewies der indische Superstar enorme Ruhe und spielte hier einen Zug, den nicht viele gefunden hätten. Während die meisten hier mit Schwarz über gewalttätige Maßnahmen wie 11… b5-b4? nachgedacht (und damit leichtsinnigerweise den Damentausch auf a4 zugelassen) hätten, zog Anand hier stattdessen 11… g7-g6!!. Für die Minusfigur hat Schwarz gerade einmal einen Bauer, doch die unbeholfene Stellung des weißen Königs und seine Bauernphalanx geben ihm langfristige und nachhaltige Kompensation. Insbesondere der Springer auf d3 ist bombenfest verankert und kann nach Bedarf entweder den Bauer auf b2 verspeisen oder sich gegen den Läufer abtauschen. Genau dies geschah übrigens in der Partie, denn danach wurde der nach g7 entwickelte Läufer noch stärker. Die Partie ging weiter mit 12. b2-b3 Lf8-g7 13. b3xc4 Sd3xf4
14. Se2xf4 Lg7xe5 15. Sf4-e2 b5-b4 16. Dd1-a4+ Da5xa4 17. Sc3xa4 Le5xa1 18. Sa4xc5 0-0 und einer grotesken Stellung, in der Schwarz plötzlich materiellen Vorteil hat! Trotz der nicht zu unterschätzenden weißen Bauern hat Schwarz nun objektiv Übergewicht und verwertete dieses auch im Laufe der Partie.

 

88. Shirov – Hracek, Ostrava 1998
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Es ist wenig überraschend, dass Alexej Shirov als einer der gefürchtetsten Angriffsspieler rund um die Jahrtausendwende öfters mal die solide und feuerfeste Caro-Kann-Verteidigung vorgesetzt bekam. Meistens wählte er dagegen die Vorstoßvariante und kam immer wieder zu gefährlichen Angriffen. Hier hatte der tschechische Großmeister Zbynek Hracek einen Verteidigungsplan ersonnen, der sogar ein Figurenopfer einschloss. Die Idee hätte sich als recht scharfsinnig erwiesen, da im Falle der zu erwartenden Fortsetzung 16. f5xg6 Se7xg6 der Ausflug der schwarzen Dame nach h4 durchaus ernst genommen werden müsste. Shirov nahm aber die gebotene Figur gar nicht an, sondern spielte hier 16. f5xe6!! und verschmähte das Angebot. Spätere Analysen ergaben wohl, dass hier nur noch 16… f7-f5!! Chancen auf Rettung geboten hätte, doch kann man von einem derart geschockten Spieler so einen Zug erwarten? Hracek fand ihn jedenfalls nicht und zog 16… g4-g3. Darauf ging es weiter mit 17. e6xf7+ Lg6xf7
18. h2-h3! g3-g2 19. Tf1xf7!! Ke8xf7 20. Le2-g4 und unparierbarem Angriff, der bereits vier Züge später zum Sieg führte.

 

89. Shirov – Nisipeanu, Las Vegas 1999
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Erneut sehen wir Alexej Shirov dieselbe Eröffnung bekämpfen, und erneut führt er im 16. Zug einen furchtbar starken Zug aus, der Nisipeanu laut eigener Aussage total von den Socken haute. Der damals noch für Rumänien spielende Großmeister war ganz guter Dinge hier, denn das weiße Zentrum wirkte trotz der Tatsache, dass sein König gleich würde ziehen müssen, instabil und exponiert. Offenbar durch den Ort dieser Begegnung besonders risikofreudig gestimmt, nahm Shirov „selbstverständlich“ nicht den hängenden Bauer auf g7 mit Schach und verdarb dem Gegner damit die Rochade, sondern eröffnete mit 16. c2-c4!! noch eine weitere Front. Die Partie wurde nach langem Nachdenken von Nisipeanu mit 16… Sc6xe5! 17. Dd1-e2 Se5xc4 18. Lg2xd5! Dd7xb5 19. Ld5xc4 Db5-b6 20. f5xe6 0-0-0! fortgesetzt. Erstaunlicherweise behielt Nisipeanu in diesem Chaos letzten Endes die Oberhand. Die tiefste Analyse dieser unglaublich komplexen Partie findet man in Igor Stohls Buch Instruktive Meisterwerke der modernen Schachpraxis (oder der später erweiterten Fassung, die allerdings nur auf Englisch erschienen ist).

 

90. Lputjan – Ivanchuk, Montecatini Terme 2000
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

Dass der ukrainische Weltklassespieler immer für eine Überraschung gut ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Einen Bauer hatte Ivanchuk soeben geopfert. Hier spielte er jedoch nicht etwa das natürlich aussehende 15… Tf8-e8, sondern eine „Gemeinheit“ ersten Ranges, die man kaum vorhersehen konnte: 15… e4-e3!!. Was im ersten Augenblick wie ein sinnloser Einsteller aussieht, entpuppt sich als Sprengsatz der übelsten Sorte. Enträtselt man die Geheimnisse hinter dem Zug, so stellt sich rasch Bewunderung ein: es droht Turmgewinn, aber auch das Schlagen auf d2 sieht in Verbindung mit c6-c5 wie eine gefährliche Drohung aus. Der dreiste Bauer muss also geschlagen werden – dass der d-Bauer dafür wegen 16… c6-c5 nicht in Frage kommt, leuchtet schnell ein. Was spricht aber gegen den f-Bauer? Lputjan nahm also mit 16. f2xe3 und wurde dennoch von 16… c6-c5! erwischt. Vielleicht wäre nun 17. Db4-b3 das kleinere Übel gewesen, doch auch dann sieht die weiße Stellung nach 17… c5xd4 nicht großartig aus. Lputjan griff aber erneut zu mit 17. d4xc5, hatte nun drei (!) Mehrbauern, die allerdings kaum entstellter sein könnten, und bekam nach 17… Sa4xc3 18. d2xc3 Dd8-d2 19. Sa3-b5 Sh6-g4 dennoch Schwierigkeiten. Der armenische Meister ging nun rasch mit 20. Se1-f3 Dd2xe3+
21. Kg1-h1 Sg4-f2+ 22. Tf1xf2 De3xf2 23. a2-a4 Lc8-d7 24. Sb5-c7? Ta8xa4!! unter.
Weiß gab auf, denn 25. Ta1xa4 Ld7-h3! 26. Lg2xh3 Df2xf3+
27. Kh1-g1 Lg7xc3, gefolgt von dem unabwendbaren Schach auf d4, war zu grausam.

 

  91. Jobava – Bareev, Rethymnon 2003
Stellung nach dem 14. Zug von Schwarz

Der georgische Großmeister ist für seinen schneidigen Stil mit allerhand Opfern durchaus bekannt, doch der Zug, den er hier spielte, ist unvergleichlich: mit 15. d4-d5 schockte er seinen überlegenen Gegner. Wenn der Springer nähme, wollte Jobava 16. Sg3-e4 mit Angriffsideen wie g2-g4 folgen lassen. Ob das freilich den ins Geschäft gesteckten Bauer rechtfertigt, sei dahingestellt – deshalb erspare ich mir eine Bewertung des Zuges. Bareev nahm stattdessen eher überraschend 15… e6xd5 und sah sich nach 16. Ld2xh6! g7xh6 17. Sg3-f5 einem ungestümen Angriff gegenüber, dem er später erlag.
Doch wie dem auch sei – einen derart kühnen, ja spekulativen Zug auf so hoher Ebene habe ich meines Wissens noch nie gesehen. Er diente damals prompt in vielen Schachzeitschriften als Aufmacher für die nächste Ausgabe.

 

92. Ivanchuk – Jobava, Khanty-Mansiysk 2010
Stellung nach dem 6. Zug von Schwarz

Warnung: sollten Sie ein Jugendleiter in Ihrem Verein sein, dann zeigen Sie den lernenden Kindern bitte niemals diese Partie, in der alle Schachgesetze auf den Kopf gestellt werden!
Eine absolut bizarre Stellung entstand beim Duell dieser zwei extravaganten Angriffsspieler. In dieser Situation hätte ich mir mit Weiß bereits größte Sorgen gemacht: Entwicklungsrückstand der schlimmsten Sorte, eine katastrophal schwache Diagonale mit Drohungen auf f2 und g1 sowie ein entblößter König. Ivanchuk hatte offenbar wie ein Anfänger Kaffeehausschach gespielt!
Was ist das Letzte, das man in solchen Stellungen tun sollte? Richtig – gierig sein!
Was zog also Ivanchuk? Nun ja: er nahm in aller Seelenruhe mit 7. e5xf6!! den Springer Jobavas! Diese Hasard-Strategie konnte nur ein Genie oder ein furchtbarer Stümper ausdenken – da Ivanchuk meines Wissens doch der ersten Kategorie zuzuordnen ist, können wir sicher sein, dass dieser an Absurdität kaum zu überbietende Zug spielbar ist! Es folgte 7… Lc5-f2+ 8. Ke1-e2 0-0 9. Dd1-d2!. Weiß entwickelt als erste Figur den König, der auf der offenen e-Linie wie auf dem Präsentierteller liegt. Als nächstes zieht Ivanchuk die Dame und räumt so das „attraktive“ Feld d1 für den König. Hat die Welt so etwas schon jemals bei einer Schacholympiade gesehen? Nach den weiteren Zügen 9… Tf8-e8+ 10. Ke2-d1 Te8-e1+ 11. Dd2xe1 Lf2xe1 12. Kd1xe1 stellte Ivanchuk die Spielbarkeit der weißen Stellung unter Beweis und gewann die Partie später! Wie viele Stunden Vorbereitung und erst recht wie viel Genie braucht man, um so Schach zu spielen?

 

93. Sokolov – Dreev, Dos Hermanas 2001
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Dieses völlige Durcheinander entstand aus der Moskauer Variante der Halbslawischen Verteidigung. Alexej Dreev fand in diesem Chaos einen Angriffszug, der genau berechnet werden musste, aber zum Ziel führt: 24… b2-b1=D!!. Jedenfalls ist die Aufgabe dieses Bauern „für nichts“ alles andere als naheliegend! Dieses Opfer weist eine gewisse Ähnlichkeit mit Kasparovs Spielweise gegen Pribyl auf (Nr. 7) auf, doch hier hat auch die Gegenseite gleich einen Freibauer, der zur Umwandlung drängt. Nach 25. Td1xb1 Ta8-d8 erhellt der Sinn des Opfers: die d-Linie sollte erobert werden. Weiß war aber auch nicht auf den Kopf gefallen – da ein Rückzug der Dame das tödliche 26… Dh4-h2 gestatten würde, zog Ivan Sokolov stattdessen 26. c6xb7. Nach 26… Td8xd4 27. b7-b8=D+ Td4-d8 28. Db8xa7 hatte Schwarz aber erreicht, was er wollte: das entscheidende Tempo für 28… Dh4-h2 war gewonnen. Nach 29. Ke1-e2 (29.f2-f3 würde ein tödliches Schach auf g3 zulassen) 29… Td8-d2+ 30. Ke2-e3 Tg8-g3+! 31. Ke3xe4 Tg3-g4+ musste Sokolov die weiße Fahne hissen.

 

Psychologische Spielchen

 

94. Karpov – Miles, Skara 1980
Stellung nach dem 1. Zug von Weiß

Anthony Miles konnte mit seiner provozierenden Art bierernsten Spielern durchaus auf den Zeiger gehen. Wer erinnert sich nicht an die Episode, als er wegen eines Rückenleidens im Liegen beim Turnier in Tilburg 1985 antrat? Kaum weniger bekannt ist diese Episode, in der er dem Weltmeister im 1. Zug mit 1… a7-a6 antwortete und auf 2. d2-d4 gleich noch 2… b7-b5 folgen ließ. Miles bemerkte in seinen Kommentaren, dass das Gelächter des Publikums fast schon peinlich wirkte. Karpov ließ sich angesichts des ersten Zuges seines Kontrahenten nichts anmerken, war indes sicherlich vollkommen pikiert! Dass der Weltmeister die Partie aber verlor, setzte der ganzen sensationellen Geschichte erst die Krone auf!

 

95. Kasparov – Anand, Riga 1995
Stellung nach dem 3. Zug von Schwarz

Eine der faszinierendsten Entwicklungen im modernen Schach besteht meines Erachtens darin, dass mit Hilfe von Computern auch altehrwürdige Eröffnungen wieder reanimiert werden, obwohl sie über Jahrzehnte hinweg als dubios, widerlegt oder ambitionslos galten. Bei der Menge an Theorie, die es heute abzudecken gilt, bleiben Lücken in der Vorbereitung von Spielern unweigerlich aus. Kasparov präsentierte seinem sicherlich verblüfften Gegner Anand hier das Evans-Gambit mit 4. b2-b4!? und konnte zumindest auf die viel bessere Vorbereitung bauen. Kasparov gewann diese berühmte Partie – und nach der (wenn auch nur temporären) Fürsprache von nur einem einzigen Weltklassespieler war das Interesse an dieser Eröffnung wieder geweckt!

 

96. Deep Blue – Kasparov, 1. Partie, Philadelphia 1996
Stellung nach dem 1. Zug von Schwarz

 

Gespannt wartete die Schachwelt in jenen Tagen auf das Match des besten Computers gegen den besten Menschen. Kasparov führte in der ersten Partie die schwarzen Steine und bekam hier vom Computer den Zug 2. c2-c3 vorgesetzt. Die meisten Experten wähnten die Engine in taktischen Stellungen am stärksten – daher hatten nur die wenigsten Beobachter damit gerechnet, dass Kasparov ausgerechnet gegen diesen vermeintlich zahmen Zug, der damals zudem noch längst nicht so gut wie heute untersucht war, Probleme bekommen könnte. Das Undenkbare trat jedoch ein: Kasparov verlor diese Auftaktpartie. Zwar gewann er das Match später mit 4:2, doch die erste Niederlage eines Weltmeisters gegen einen Computer in einer Turnierpartie war fortan in Stein gemeißelt – ein Wendepunkt der Schachgeschichte, der in dem zweiten Match im Jahr darauf noch getoppt wurde, als Kasparov das nächste Match mit 3,5:2,5 verlor. Siehe dazu auch die Nr. 19.

 

97. Fischer – Spassky, WM-Match, 6. Partie, Reykjavik 1972
Ausgangsstellung

Zu Beginn der sechsten Partie in diesem „Match des Jahrhunderts“ verblüffte Bobby Fischer nicht nur seinen Gegner Boris Spassky, sondern auch alle anderen Anwesenden mit seinem Eröffnungszug 1. c2-c4, da Fischer praktisch immer mit 1. e2-e4 eröffnete und sogar sich einmal selbst provozierend gefragt hatte, was Gott eigentlich gegen 1. e2-e4 spielen würde.
Der Höhepunkt der psychologischen Spielchen war erreicht, denn viele glaubten an eine schnelle Punkteteilung nach dieser für Fischers Verhältnisse friedfertigen Eröffnungswahl. Bekanntermaßen trat jedoch nichts von alledem ein: Fischer siegte, spielte die beste Partie des Matches und bekam nach dem Ende der Partie von Spassky sogar Applaus, der sich eigens dafür erhob – eine wirklich außergewöhnliche Geste in Zeiten des Kalten Krieges, die Spassky sicherlich auch jede Menge Schwierigkeiten seitens der Obrigkeit einbrachte.

 

98. Kasparov – Karpov, WM-Match, 24. Partie, Sevilla 1987
Ausgangsstellung

Die Vorzeichen waren klar: Kasparov hatte nach einem furchtbaren Fehler die 23. Partie verloren und musste diese letzte Partie unbedingt gewinnen, um seinen Titel zu verteidigen. Die Schachwelt erwartete eine Partie, in der Kasparov auf Biegen und Brechen angreifen würde. Karpov war sicherlich bestens auf genau dieses Szenario vorbereitet: er rechnete damit, ein paar bange Augenblicke überstehen zu müssen, doch nach ein paar guten Verteidigungszügen wäre das Remis unter Dach und Fach und der Titel wäre wieder sein.
Groß war dann die Überraschung und Bewunderung zugleich für Kasparovs Herangehensweise an diese letzte Partie: er zog 1. c2-c4, beschloss die Dinge nicht zu forcieren und vermied vor allem Figurenabtausche. Auf nichts hatte Karpov jetzt sicherlich weniger Lust als auf eine stundenlange Partie in der Defensive. Mehr als der WM-Titel kann in einer einzigen Partie nicht auf dem Spiel stehen – und das merkte man beiden Kontrahenten an. Beide verpassten jeweils eine günstige Gelegenheit, das Spiel zu ihren Gunsten zu verändern: zuerst ließ Kasparov einen starken Zug aus, doch auch Karpov fand darauf nicht die beste Verteidigung, die ihm das Remis praktisch gesichert hätte. Das Geschehen zog sich immer weiter in die Länge, bis Kasparov im 62. Zug den wichtigsten Sieg seiner Karriere errungen und seinen Titel verteidigt hatte.

 

Besonderheiten

 

99. Sämisch – Nimzowitsch, Kopenhagen 1923
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Ein flüchtiger Blick genügt schon um zu erkennen, dass es nicht gut um die weiße Position bestellt ist. Nimzowitsch spielte allerdings einen Zug für die Ewigkeit, der diese Partie ganz subtil beendete und für Reuben Fine „den schönsten Schlusszug der Schachgeschichte“ darstellte.
Seit jener Zeit sind ein paar Millionen Partien gespielt worden, doch sein Urteil ist schwer anzufechten. Carlsens spektakuläres Damenopfer auf h6, das den WM-Kampf 2016 mit Karjakin beendete, ist natürlich auch sensationell, doch was ist schon dieser „polternde“ Zug gegen das leise 25… h7-h6!! (auf demselben Feld!), das Nimzowitsch spielte und dieser berühmten Partie den Beinamen „Unsterbliche Zugzwangspartie“ einbrachte? Der bedauernswerte Friedrich Sämisch gab auf, denn bei vollem Brett ist er in Zugzwang geraten.

 

100. Dr. Konrad Bayer (1851): Matt in 9 Zügen

Alle anderen Beispiele dieser Liste sind praktischen Partien entnommen, doch hier konnte ich einfach nicht der Versuchung widerstehen, ganz zum Schluss das ultimative Beispiel für die Überlegenheit eines einzigen Bauern über eine ganze Armee zu demonstrieren. Falls Sie die Aufgabe nicht kennen und sich an der Lösung versuchen wollen, so sei gesagt, dass ausnahmsweise der Schlusszug und nicht der einleitende Zug ein Bauernzug ist.
In einem der genialsten Schachprobleme aller Zeiten mit dem Beinamen
„Unsterbliches Schachproblem“ lautet die Hauptvariante:
1. Tb4-b7 Df7xb7 2. Lh5xg6+ Kh7xg6 3. Dd8-g8+ Kg6xf5 4. Dg8-g4+ Kf5-e5 5. Dg4-h5+ Tf3-f5
6. f2-f4+ Lh2xf4 7. Dh5xe2+ Ld1xe2 8. Ta4-e4+ d5xe4 9. d3-d4#.

 

Lieber Leser,

damit geht diese Abhandlung über skurrile, amüsante, faszinierende und unglaubliche Momente der Schachgeschichte zu Ende. Ich habe mehrere Wochen an Recherchen in diesen Beitrag gesteckt und bin mir trotzdem vollkommen darüber im Klaren, dass die hier präsentierte Zusammenstellung rein subjektiv ist. Manche Schachfreunde werden sich an Beispiele erinnern, die sie hier vermissen – und wiederum andere hätten den einen oder einen Beitrag zugunsten eines anderen oder vermeintlich besseren nicht aufgenommen.
Dennoch möchte ich irgendwann versuchen, mich auch noch den restlichen fünf Figuren zu widmen. Wer weiß, wie lange die aktuelle Corona-Krise noch dauern wird und wie sehr sie das Leben einschränken wird. Mir jedenfalls hat die Erstellung dieses Beitrags trotz der Menge an Arbeit viel Befriedigung verschafft. Ich hoffe, dass dies beim Leser auch ankommt.

Bernd Grill