La Société*, Köln

„Ich habe gelernt, vom Leben nicht viel zu erwarten. Das ist das Geheimnis aller echten Heiterkeit und der Grund, warum ich immer angenehme Überraschungen statt trostloser Enttäuschungen erlebe.“ (George Bernard Shaw)

Oktober 2026

Wer an einem Sonntag in einer deutschen Großstadt auf Sterneniveau essen möchte, der wird schnell feststellen, dass vielerorts ein sehr überschaubares oder gar nicht existentes Angebot diesbezüglich besteht – erstaunlicherweise sticht gerade München, das derzeit wegen seines überbordenden und vielfältigen Angebots fraglos die heißeste Adresse für Gourmets in Deutschland darstellt, mit einer geradezu verwaisten Innenstadt besonders negativ hervor. In Köln dagegen hält ein unscheinbares Lokal die Fahne der Hochküche auch am Sonntag – und zwar mittags wie abends – unverdrossen hoch und erfreut sich dabei auch noch großer Nachfrage. Das einfach besternte La Société im Studentenviertel Kwartier Latäng (die kölsche Version des „Quartier Latin“ in Paris) stand schon lange auf meinem Wunschzettel, so dass eine Stippvisite im Ruhrgebiet den idealen Anlass für einen Abstecher nach Köln bot, um endlich einmal dieses Etablissement kennenzulernen. Gelegen in einer Einbahnstraße ohne echte Parkmöglichkeiten, fällt das Lokal nach außen hin nicht sonderlich auf, doch innen erwartet den Gast ein kleines, doch stilsicher eingerichtetes Lokal, in dem petrolgrüne Elemente dominieren (und damit sind nicht die Rochelt-Flaschen gemeint).

Chefkoch Leon Hofmockel war mir dabei nicht gänzlich unbekannt, denn ein knappes halbes Jahr zuvor hatte ich ihn schon bei einem Event in der Freiburger Wolfshöhle kennengelernt, wo er zusammen mit Daniel Bodamer vom Brothers in München bei Martin Fauster zu Gast war und seinen Teil zu einem großartigen Nachmittag beitrug. Dass der gebürtige Augsburger Hofmockel einen Teil seiner Ausbildung im ehemaligen Königshof zu München unter seinem Mentor Martin Fauster absolvierte, merkt man seinen Gerichten teilweise auch heute noch an – was ausdrücklich als Qualitätsmerkmal zu verstehen ist.

Das attraktiv bepreiste Mittagsmenü, bestehend aus vier Gängen zu € 98, lockte an dem eher regnerischen Tag meines Besuchs scharenweise Gäste an, die offenbar zu wissen schienen, dass man das Menü mit weiteren Gerichten aufwerten oder sie gegen andere austauschen konnte. Auch ich machte von dieser Offerte Gebrauch, doch dazu später mehr. Jedenfalls startete die Parade mit einem einzigen Amuse, doch dieses sollte es sogleich in sich haben. Die unter dem Gelée von roter Bete versteckte Füllung der Tartelette bestand aus Karottentatar und Eis von Limette, die im Zusammenspiel eine enorme Spannung aufbauten, welche nicht nur auf die kontrastierende Aromatik, sondern auch auf die fast schon grelle Temperierung zurückzuführen waren. Nicht in ihrer Wirkung zu unterschätzen waren auch die kreisrunden Segmente von Lardo obenauf, deren profund salziger Charakter haptische wie geschmackliche Nadelstiche setzte. Ehrlich gesagt hätte ich nicht erwartet, wie viele gelungene Überraschungen sich in eine derart unschuldig anmutende Petitesse erfolgreich einbauen ließen – ein starker Auftakt!

Unmittelbar nach dem Auftragen des Sauerteigbrots mit Salzbutter legte der Service nach mit dem zweiteiligen Entrée: im tiefen Teller dominierte ein fluffiges Panna Cotta, welches mit einem leicht würzigen, bestens abgeschmeckten Dashigelée überzogen war und prononcierte, aber wohldosierte Würze beisteuerte. Mit Streifen von Rauchaal, Mandelstiften, roter Bete und Pickles verlieh die Küche diesem Einstieg ein bewusst salziges Gepräge, zu welchem die Schärfe eines Meerrettich-Buttermilcheis auf Limettenschaum im separaten Schälchen einen idealen Kontrast einging. Dass dieser Einsteiger in hohem Maße von einem untrüglichen Gespür für adäquate Portionen und harmonischen Texturen lebte, zeigte letztlich nur auf, wie viel geistige Durchdringung hinter solch einem Gang steckt.

Die Stilistik des Leon Hofmockel wird am besten verdeutlicht durch den heimlich, still und leise zum Signature Dish avancierten Zusatzgang zu € 49: dazu verarbeitet das Team den qualitativ exzeptionellen Kaisergranat aus Norwegen zu einem Carpaccio von bestechender Klarheit, das auf eine duftig-leichte Sudachivinaigrette mit Schnittlauch gebettet wird. Darüber thront nichts weiter als eine puristische Nocke von N25 Ossietra-Kaviar, die lediglich auf einem Klecks von geräucherter Crème fraîche ruht und einmal mehr zeigt, warum genau diese Kombination zu den langlebigsten und bewährtesten überhaupt gehört. Mit dem Verzicht auf jedweden Zierrat, aber jeder Menge Struktur im Gegenzug erlangt die Küche größte Ausdruckskraft ohne Chichi.

Mit dem folgenden Gang näherte sich der ehemalige Azubi seinem einstigen Lehrer wohl am nächsten an, auch wenn andere Gerichte typische Fauster-Kriterien wie Klarheit, Reduktion, beste Produkte und Verzicht auf Verfälschung zuhauf erkennen ließen. Des Meisters geradezu sensationelles Gespür für Fisch kam auch diesem Gericht zugute, bei dem Hofmockel den in Nussbutter gegarten Wolfsbarsch ganz und gar in den Mittelpunkt rückte. Der saftstrotzende Fisch labte sich dabei an einer klaren Champignonbouillon, deren herbstliche Würze mit Krauser Glucke auch deshalb so wunderbar harmonierte, weil man mit cremigen Tupfen von Topinambur und etwas geriebenem Périgord-Trüffel das erdige Spektrum an Aromen noch ganz beiläufig erweiterte und so ein wunderbar saisonales Gericht schuf, das die besten geschmacklichen Eigenschaften der Produkte hervorhob und mit großer Natürlichkeit punktete.

Wenn es eine Zutat gab, die erfolgreich mit dem Kaisergranat um das herausragendste Produkt des Tages konkurrierte, dann war es fraglos die nur kurz gegrillte bretonische Taube, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich aus der Zucht der Brüder Mickaël und Fabien Boga stammt und somit vom 1.300-Seelen-Ort Plounéour-Ménez kommt. Die weltweit von hochdekorierten Chefs geschätzten geschmacklichen Eigenschaften des Geflügels, das mir erstmals in Elmau bei Christoph Rainer begegnete, zeichnen sich durch eine besonders flexible Konsistenz, eine magere Struktur sowie eine unvergleichliche Zartheit aus. Das weiß auch Leon Hofmockel und unterstützt das Luxusprodukt mit eher zurückhaltenden Begleitern, die dem Star nichts von seinem Glanz nehmen – sei es nun Kopfsalat mit Sonnenblumenkernen oder Pfifferlinge (die auch zu einer Nocke aus Brunoises verarbeitet wurden). Die Taubensauce mit Oregano-Rauchöl, auf welcher die Kreation ruhte, schlug dagegen erkennbar forschere Töne an und verlieh dem Plat principal einen unerwartet würzigen und langen Nachhall. Fazit: wer diese Taube nicht verzehrt, wird wohl niemals eine verzehren – anders kann man kaum vernünftig erklären, dass als kostenpflichtige Alternative Wagyu im Hauptgang angeboten wird!

Am weitesten lehnte sich die süße Abteilung aus dem Fenster, denn allein der markige Kontrast zwischen einer Mousse von feinherber Virunga-Schokolade mit einem Kakaoanteil von 70% einerseits und einem straff-säuerlichen, aber leichten Sorbet von Sudachi, Yuzu und Bergamotte andererseits ließ schon gehörig aufhorchen. Damit gab man sich jedoch noch längst nicht zufrieden, denn den aufgegossenen Cassissud impfte man mit einer durchaus nicht zurückhaltenden Dosis von Wasabi. Auch andere Gewürze wie Ingwer und Koriander machten noch auf sich aufmerksam, doch erhielt der Gang noch unerwartet viel Körper und Exotik durch Segmente von Feige, die man zusätzlich in Portwein gekocht hatte und ihre hemmungslos kraftvolle Aromatik voll ausspielen durfte. Das war Genuss für Fortgeschrittene, der reich an Überraschungen war und sich auch ohne grüne Effekte voll am Puls der Zeit bewegte. Ganz und gar konservativ gab sich dagegen die finale Mandelpraline, die ein großartiges Menü würdig abzurunden vermochte.

Unwillkürlich würde man sich wünschen, dass es in Deutschland noch mehr solche Lokale gäbe, in denen man ganz zwanglos zu anständigen Preisen und ohne allzu starren Menüzwang eine derart hochklassige Darbietung erleben kann, die auch noch angenehm zügig, aber ohne einen Anflug von Hektik abgewickelt wird. Der kompetente Service agiert sicher zwischen Diskretion und Nahbarkeit, trifft gefühlt immer den richtigen Ton und überzeugt die Gäste zuhauf mit inspirierten Weinempfehlungen. Da bleiben wirklich keine Wünsche offen!

Die Küche selbst liefert natürlich ebenso hinreichende Gründe für einen Besuch. Als Gast erwartet einen hier eine Küche mit glasklaren und trennscharfen Aromen, die nicht selten auf die präsente Säure asiatischer Zitrusfrüchte baut und gewisse Reizpunkte durch exotische Gewürze setzt, die einer gar zu großen Gefälligkeit entgegenwirken. Dabei beherrscht die Küche ein breites Repertoire, das klassische Kombinationen wie gewagtere Einfälle gleichermaßen abdeckt und unterschiedlichste Luxusprodukte verblüffend zu integrieren weiß. Ich verhehle nicht, dass dieses Lokal definitiv einen ganz heißer Anwärter für einen zweiten Stern darstellen sollte, denn die gezeigten Leistungen bringen wirklich alles mit, was für diese Auszeichnung notwendig ist. Zieht man dann noch die mehr als kulanten Preise ins Kalkül, so steht unterm Strich fraglos einer der charmantesten und allerbesten Einsterner der Republik, den ich schon nach einem Besuch nicht mehr missen möchte. Schade nur, dass Köln recht weit weg ist …

Mein Gesamturteil: 18 von 20 Punkten

 

La Société
Kyffhäuserstr. 53
50674 Köln
Tel.: 0221/232464
www.restaurant-lasociete.de

Guide Michelin 2026: *
GUSTO 2027: 9 Pfannen
FEINSCHMECKER 2027: 4 F

4-gängiges Mittagsmenü: € 98