Obauer, Werfen (UPDATE)

„Ich weiß nicht, ob sich jeder Gast des hohen Grades dieser Esskultur bewusst ist, die er hier genossen hat, wenn er Werfen schließlich den Rücken kehrt. […] Ihn mag die Ahnung überkommen, dass im Haus von Karl und Rudolf Obauer in Werfen die Quadratur des Kreises erfunden wurde, welche das Natürliche des Genießens mit dem Hochartistischen der Kochkunst so vereint, dass sie wie alltäglich wirkt.“ (Wolfram Siebeck)

UPDATE (Juli 2020)

Leser meiner Kolumnen mit einem guten Gedächtnis mögen sich eventuell vage darin erinnern, dass mein erster Besuch hier im Februar 2017 mit einer ziemlichen Enttäuschung endete (wer es nicht mehr parat oder noch nicht gelesen hat, findet den Bericht untenstehend). Also wollte ich während eines Ausflugs ins Salzburger Land dem Lokal nochmals eine zweite Chance geben und mich davon überzeugen, dass der Funke diesmal überspringen würde.

Ein Wort der Warnung vorab: der nachfolgende Bericht wird im Vergleich zu meinen sonstigen Reportagen vielleicht polemischer als sonst (ohne aber persönlich oder beleidigend zu werden!) ausfallen. Ich könnte es mir einfach machen, wenn ich hier nicht meine subjektiven Eindrücke schildern, sondern schlicht auf die einschlägigen Gastro-Guides verweisen würde, wo diese Institution praktisch durchgehend mit Höchstnoten dekoriert wird und folgerichtig zu den besten fünf Lokalen Österreichs gezählt werden müsste. Der Guide Michelin, der mangels Nachfrage in Österreich seit 2010 eingestellt ist, war übrigens so ziemlich der einzige Gourmetführer, der mit seiner Meinung von der allgemeinen Linie abwich: zum Einstieg vergab der rote Gourmetführer 1995 hier zwar direkt zwei Michelin-Sterne, erkannte aber im vorletzten Jahr seines Erscheinens in Österreich (2009) den zweiten Stern wieder ab. Ansonsten wollen offenbar die Lobeshymnen auf die beiden Spitzenköche Karl und Rudolf Obauer anscheinend auch weiterhin kein Ende nehmen. Dass das Lokal ständig gut gefüllt ist und trotzdem auch ohne großen Vorlauf (mit Ausnahme der Festspielzeit in Salzburg) ein Platz zu bekommen ist, zeigt zumindest, dass die Fangemeinde der beiden Köche nach wie vor groß zu sein scheint. Hoffen wir also, dass dieser Besuch länger nachhallen wird als die Premiere, bei der die Chemie zwischen mir und dem vermeintlich herausragenden Küchenstil leider gar nicht stimmte.

Die Inneneinrichtung des Lokals, die ich beim ersten Besuch erleben durfte, wird von Spöttern öfters mal mit einer Pizzeria im 80er-Jahre-Stil verglichen, doch auch die rückseitig gelegene Terrasse ist eher ein kleiner Biergarten und kein echtes Highlight, da sie keine nennenswerte Aussicht bietet und insgesamt recht beengt ist. Sei’s drum – was auf die Teller kommt und wie der Service abschneidet wird meine Bewertung sicherlich stärker beeinflussen. Ich entscheide mich aus drei Gründen für das dreigängige Mittagsmenü: zum ersten, da ich an diesem heißen Tag im Anschluss noch einiges vorhabe, zum zweiten weil ein voller Magen bei dieser Hitze belastet und zum dritten, weil die Erinnerung an den ernüchternden ersten Besuch noch durchaus präsent ist und ich daher Vorsicht walten lasse. Ansonsten bietet die Karte zu anständigen Preisen eine stattliche Anzahl an A-la-carte-Gerichten und eine große Menüfolge mit bis zu sieben Gängen.

Bei den Amuses schlägt die Zunge nicht gerade Salti vor Begeisterung, doch um eine insgesamt sterne-würdige Darbietung handelt es sich allemal: auf dem Löffel findet man Huhn mit Sesam ummantelt, dahinter ein gebackener Steinbutt auf einer leicht säuerlichen Crème, ein durchschnittliches Maronen-Gelée und schließlich als die mit Abstand modernste Idee an diesem Tag eine Kirsche mit Lardo (!) ummantelt. Der letztgenannte Einfall funktioniert besser als erwartet, aber höchste Meisterschaft kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen. Der spritzigste Beitrag des Tages sollte jedenfalls der Aperitif, ein Almrausch-Erdbeer-Tonic, werden, der an diesem heißen Tag so erfrischend geriet, dass ich mir noch ein zweites Glas davon genehmigte. Übrigens bestellen an den anderen Tischen nicht wenige Gäste Bier, was für mich in einem solchen Lokal ein absolutes No-go darstellen würde, selbst wenn ich Alkohol tränke.

Die Brotauswahl offeriert trotz großer Auswahl keine herausragende Qualität, gerät eher konventionell und punktet allenfalls mit der Petersilienbutter.

Der Höhepunkt des Tages sollte das Amuse werden, bestehend aus Kalbstatar, eingelegten Radieschen, Curry und Minze. Die Produktqualität ist untadelig, die geschmackliche Balance ebenfalls – ein solider Beitrag auf Ein-Stern-Niveau, vor dem sich vergleichbare Einstiege in anderen Sternerestaurants aber keineswegs verstecken müssen.

Die von mir gewählte Vorspeise an diesem Tag besteht aus Essigschweinebackerl, Mairüben, Linsus, Almschweinspeck und Knusperschwartl. In Summe ist dies ein säurebetonter und recht erfrischender Gang, dem allerdings die gewisse Raffinesse fehlt, zumal die bereits ziemlich diskussionswürdige Präsentation diesen Eindruck noch verstärkt. Die knusprige Schwarte ist eher ein texturgebender Fremdkörper als eine echte Bereicherung des Gerichts, dessen Effekt nach wenigen Bissen zudem rasch verpufft. Unterm Strich ein einigermaßen vorhersehbarer, aber bekömmlicher Einstieg ohne das Maß an Esprit, das man von einem Weltklasselokal erwartet.

Der Hauptgang ist ein mehr oder weniger bieder inszeniertes Curry vom Werfener Lamm mit Berberitzen-Reis und Minze. Der extrem kurze Lieferweg des Fleischs kommt der Qualität natürlich zugute, aber ansonsten durchschaut man das Gericht, das bestenfalls Ein-Stern-Niveau bietet, angesichts der schieren Masse und der wenig subtilen Darbietung schnell. Jedenfalls kann ich mich nicht entsinnen, dass ich ein Gericht in so einem hochdekorierten Lokal schon einmal derart gedankenlos und fast beiläufig verzehrt habe.

Der Nachtisch schließlich bietet mit einem Hollerparfait (Holunderparfait) zumindest einen seltenen Gast bei den Desserts an. Der Rest ist allerdings schnell erzählt: umspielt wird das Ganze von Erdbeeren, etwas Blutampfer und Weinchadeau. Sollten Sie jetzt etwa denken, dass dies weder besonders aufregend aussieht oder klingt, dann liegen Sie goldrichtig. Dass solche hochdekorierten Köche wie die Obauer-Brüder in der Lage sind, ein Parfait hinzubekommen, dürfte erwartbar sein. Viel mehr als Routine hat dieses Gericht aber für meine Begriffe ansonsten in der Tat nicht zu bieten. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer nach so einer biederen Menüfolge ein angebliches Weltklasse-Restaurant zufrieden verlässt – offenbar gibt es davon aber genügend Personen. Die einzige plausible Erklärung besteht für mich darin, dass diese sonst absolut keine Vergleichsmöglichkeiten kennen oder seit Jahrzehnten loyale Stammgäste sind – oder natürlich, dass ich einfach keine Ahnung habe …

Die süßen Ausklänge schließlich werden ganz kommentarlos abgestellt, was indirekt suggeriert, dass das meiste davon mit bloßem Auge zu identifizieren ist und daher auch keine Erklärung nötig hat. Meine Befürchtungen bestätigen sich leider, denn ein hohes Maß an Patisserie-Kunst vermisse ich auch hier. Gut, der Mandelkrokant schmeckt ordentlich, aber diesen wenig originellen Einfall gab es auch letztes Mal schon zu „bewundern“. Der Rest ist altmodisch, bieder und kaum mehr als liebloses Pflichtprogramm: vielleicht konnte man mit so etwas die Gästeklientel von vor 25 Jahren begeistern, aber was Spitzen-Patissiers wie Christian Hümbs (The Dolder Grand, vormals Atelier und Haerlin) oder Thomas Yoshida (Facil) von diesen plumpen „Höhenflügen“ hielten, wage ich nicht mir auszumalen.

Der Eindruck des Gestrigen überträgt sich also leider auch vom angestaubten Ambiente auf die Küchenstilistik. Die FAZ sprach 2018 von den „aufregendsten Speisen, die man in den Alpen essen kann“ – mein Level an Aufregung ließe sich am Ende hingegen eher mit dem eines lauwarmen Fussbads ganz gut vergleichen. Nun könnte man anführen, dass ein Mittagsmenü zum Preis von € 44 nicht dieselbe Qualität wie das große Menü bieten kann, aber dagegen sprechen gleich drei Argumente. Erstens habe ich hier vor dreieinhalb Jahren abends das große Menü gewählt und kam praktisch zu denselben Eindrücken wie diesmal. Zweitens: wer jemals mittags im ´t Zilte in Antwerpen oder im Bareiss zu einem dreigängigen Mittagsmenü einkehrt, der wird schnell feststellen, dass diese Lokale sich auch nachmittags keinerlei Abstriche bei der Qualität genehmigen. Drittens hat das Obauer einen derartigen Ruf zu verteidigen, dass zwei verschiedene Qualitätsstufen von vornherein problematisch wären.

Der Service zeigte eine insgesamt durchwachsene Leistung: zum einen bietet man mir ohne Aufforderung Lektüre an. Andererseits werden die meisten Gerichte eher schmallippig (oder wie im Falle der Petits fours gar nicht) erläutert, was andererseits angesichts ihrer Schlichtheit auch nicht weiter verwunderlich ist. Dass es beim Service in der Koordination hingegen öfters hakt, wird offensichtlich, wenn binnen kurzer Zeit zwei verschiedene Servicekräfte fragen, ob ich noch einen Apéritif möchte, obwohl ich beim ersten Kellner schon einen geordert habe – das gleiche Prozedere wird sich beim Kaffee abermals wiederholen. Außerdem verschüttet die Kellnerin beim Einschenken etwas Wasser – was jedenfalls keinen ausreichenden Grund darstellt, dem Gast eine neue Flasche zu öffnen. Abgesehen davon: die Tischdecke wies schon ganz zu Beginn einen kleinen Fleck auf, was vermutlich in so manch anderem Lokal bestimmt Anlass genug gewesen wäre, die Decke auszutauschen. Ansonsten dominiert relativ viel Routine im Ablauf, die nur dadurch unterbrochen wird, dass mich ein (offenbar erstaunter) Kellner nach dem Bezahlen mit den Worten „Sie gehen schon?!“ anspricht. Anlass ist wohl, dass sich Chefkoch Karl Obauer noch höflich mit den Worten „Bis zum nächsten Mal!“ verabschieden will (und dies auch tut), aber wird das jemals wieder vorkommen? Wenn bei mir nicht irgendwann die ganz große Erkenntnis bezüglich des vermeintlichen Formats dieser Küche einsetzt, dann wohl eher nicht …

Der Einfluss von Paul Bocuse Ende der 70er-Jahre stand am Anfang des kometenhaften Aufstiegs der beiden Brüder, die 2004 vom Gault&Millau Österreich zu „Köchen des Jahrzehnts“ ausgezeichnet wurden. Ich jedenfalls gehöre gemäß Siebeck allerdings zu denen, die nicht in der Lage sind, den „hohen Grad der Esskultur“ zu erkennen und würdigen. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will – meine subjektive Wahrnehmung ist schlicht eine andere als die von Herrn Siebeck. Nach sorgfältiger Lektüre der Beurteilungen professioneller Kritiker im Gault&Millau oder Falstaff versuchte ich abermals, das Besondere an diesem Lokal zu entdecken. Allein, es gelang mir nicht: insbesondere Aussagen über „zeitgemäßes“ Kochen und bahnbrechende Qualität in den Details (Saucen, punktgenaue Garzeiten etc.) bleiben mir schlichtweg schleierhaft. Was auf die Teller kam, bot natürlich eine überdurchschnittliche Qualität, aber von der attestierten Weltklasse konnte ich weit und breit keine Spur entdecken. Die meisten Gerichte gerieten einigermaßen vorhersehbar (um nicht zu sagen: „überraschungsfrei“) und nutzten sich in ihrem Reiz schnell ab. Dass weitgehend Produkte aus der Region verwendet werden, ist natürlich löblich, aber in heutigen Zeiten weiß Gott kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Weiterhin kommt es mir vor, als wäre dieser Küchenstil, der sich laut anderen Kritikern ständig erneuert und dem Zeitgeist huldigt, ohne sich dabei zu verbiegen, vor zwanzig Jahren aktuell gewesen, aber heutzutage einfach überholt. Außerdem stehen viele Gerichte von vor drei Jahren wieder oder immer noch auf der Karte. Kein Mensch erwartet von den trotz aller Meriten bescheiden und authentisch gebliebenen Brüdern, dass sie sich im fortgeschrittenen Alter von Grund auf neu definieren. Zumindest was die verwendeten Produkte angeht, ist beispielsweise die kulinarische Herangehensweise eines Andreas Döllerer im unweit gelegenen Golling an der Salzach gar nicht so verschieden – bei der Darbietung der Speisen und der Kreativität im Allgemeinen liegen aber für meine Begriffe Welten dazwischen. Dass die Obauer’sche Küche weitgehend auf die Grundfesten der französischen Küche setzt, stellt per se natürlich ebenfalls kein Problem dar – dennoch fehlt mir so ziemlich jede Faszination hier. Nochmals zur Einordnung: würden wir hier von einem soliden Landgasthof im Ein-Stern-Bereich reden, dann fiele mein Urteil durchaus wohlwollender aus.

Beim Sichten des Blätterwalds stelle ich übrigens fest, dass der Medienrummel um dieses Lokal durchaus nicht so gering ist – eine Seltenheit für ein Restaurant, das alles andere als „hip“ ist. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass die meisten Berichte dieser Art in den Feuilletons mehr aus einem Pflichtgefühl heraus denn aus Kompetenz erfolgen und dementsprechend seicht geraten. Eine beispielhafte Plattitüde, die im Februar 2017 (also fast zeitgleich mit meinem ersten Besuch) in der renommierten Süddeutschen Zeitung über dieses Lokal zu lesen war, lässt mich ratlos zurück: „Alles, was im Restaurant [Obauer] in der Nähe von Salzburg auf den Tisch kommt, schmeckt. Das trifft selbst in der Hochküche selten zu.“ Ein derart pauschales und praktisch inhaltsfreies Urteil, das mich doch deutlich an der Erfahrung des Autors zweifeln lässt, macht mich einfach nur sprachlos: indirekt wird anderen Spitzenlokalen damit unterstellt, sie seien unfähig, ein durchweg schmackhaftes Menü auf die Teller zu zaubern. Na sicher! Sorry, aber den ersten Teil dieser Aussage könnte ich guten Gewissens auf mindestens fünfzig andere bislang von mir besuchte Sternerestaurants ohne jede Spur eines schlechten Gewissens übertragen.

Fassen wir es so zusammen: es steht jedem frei, sich selbst ein Bild von diesem Lokal zu machen. Die Fotos mögen dabei erste Anhaltspunkte vermitteln, doch auch ein realer Besuch ist erfreulicherweise keine allzu kostspielige Angelegenheit. Preise von € 158 für ein siebengängiges Menü abends bzw. € 44 für drei Gänge mittags sollten die Mehrzahl der Gäste nicht in den finanziellen Ruin treiben. Sollten Sie hier einen Besuch planen und das Lokal tatsächlich wieder glücklich verlassen, dann würde es mich für meine Leser natürlich umso mehr freuen. Das Alltägliche, das Siebeck seinerzeit ansprach, habe ich jedenfalls nicht vermisst – wohl aber das „Hochartistische der Kochkunst“. Offenbar sind andere Gäste in der Lage, dies auszumachen – ich gebe unumwunden zu, dass ich daran krachend gescheitert bin.

Das Ziel meiner Stellungnahme ist vor allem ein Fingerzeig, dass eine Enttäuschung hier nicht kategorisch ausgeschlossen werden kann – siehe das letzte, leider schon zehn Jahre alte Urteil des Guide Michelin (dem ich mich anschließe), das nicht mit den anderen exzellenten Bewertungen in Einklang zu bringen ist und schon damals auf einen sichtbaren Abwärtstrend schließen ließ. (Die langjährige Erfahrung lehrt, dass die Wiedererlangung eines erst einmal abhanden gekommenen Sterns noch weitaus schwieriger als die ständige Bestätigung von drei Sternen ist.) Auf ein aktuelles Urteil des roten Gourmetführers wäre ich besonders gespannt, weil in letzter Zeit etliche Legenden demontiert wurden: beispielsweise verloren die Auberge de l’Ill im elsässischen Illhaeusern und Paul Bocuses Lokal L’Auberge du Pont de Collonges bei Lyon dieses Jahr ihren dritten Stern. Doch auch in Deutschland traf es etablierte Institutionen: der Schwarze Adler in Vogtsburg und der Schwarze Hahn in Deidesheim bekamen ihren Stern aberkannt. Wäre es den Obauers wohl ähnlich ergangen?! Man weiß es nicht, aber der Zenit scheint mir schon länger überschritten.

Dass das Restaurant Obauer laut einer Erhebung des französischen Rankings La Liste auf einer Skala mit den weltbesten Restaurants auf Platz 42 landet, macht mich indes fassungslos. Wenn das zutrifft, dann bin ich einer der 50 besten Konzertpianisten der Welt …

Mein Gesamturteil: 15 von 20 Punkten

 

Obauer
Markt 46
5450 Werfen (Österreich)
Tel.: 0043/6468/52120
www.obauer.com

Gault&Millau Österreich 2020: 19 Punkte
Falstaff 2020: 99 Punkte
A la carte (Österreich) 2020: 97 Punkte
FEINSCHMECKER 2020: 5 F

Großes Degustationsmenü (7 Gänge): € 158

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März 2017

In Sichtweite der Burg Hohenwerfen liegt das Restaurant Obauer an der malerischen kleinen Straße, die durch den beschaulichen Ort Werfen im Salzburger Land führt. Hier haben die Brüder Karl und Rudolf Obauer im Laufe der Jahrzehnte ein Lokal samt Hotel etabliert, das zu den renommiertesten Adressen Österreichs zählt und nur eine gute halbe Stunde südlich von Salzburg liegt. Hoch war die Erwartungshaltung natürlich angesichts der 19 Punkte im Gault&Millau …

Die Einrichtung des Hauses ist Geschmackssache: manche werden die in die Wände eingelassenen Leisten aus Naturstein mögen, während andere sich an dem etwas in die Jahre gekommenen Ambiente eines gehobenen Wirtshauses vielleicht etwas stören werden. Ansonsten ist das unscheinbare Haus von außen jedenfalls ziemlich leicht zu übersehen, da es sich in puncto Optik nicht sonderlich von all den anderen farbenfrohen Häusern in der Straße abhebt.

Eine Speisekarte von ganz ordentlichem Umfang ermöglicht sowohl diverse Zusammenstellungen à la carte als auch zwei Menüs zu vier bzw. sechs Gängen. Unsere Wahl fällt auf die letzte Variante – gespannt warten wir, was die hochdekorierten Köche aus den vermeintlich einfach klingenden Zutaten zaubern werden …

Ein Blutorangen-Saft, der mit Tonic Water aufgegossen und mit einem Schuss Holunder veredelt wird, ist schon einmal ein spritziger und ausgezeichneter Beginn, während die zeitgleich gereichte Brotauswahl als durchschnittlich zu bezeichnen wäre. Die Einstimmungen zu Beginn sind vergleichsweise belanglos, aber für Köche, die nicht gleich zu Beginn die schweren Geschütze auffahren, habe ich ja seit jeher Verständnis.

Als ersten Gang tischt man Seezunge, Rote Bete, Petersilienkalbskopf, Safransaft und norwegische Jakobsmuschel auf. Der Gang überzeugte zumindest mit einer interessanten Zusammenstellung an Produkten, wobei die Jakobsmuschel trotz nicht entfernter Corail geschmacklich eher blass blieb. Weitaus störender empfand ich die einfallslose Präsentation der Komponenten an sich: die klobige Rote Bete war eine einzige dreieckige Schnitte mit gut vier Zentimetern Seitenlänge. Kein Wunder, dass hieraus kein filigraner Geschmack entstehen kann: hier wäre so ziemlich jede Technik wie Reiben oder Julienne weitaus effektiver gewesen. So hingegen gab es eine grobe Struktur auf dem Teller, die optisch nicht viel hermachte und geschmacklich noch weit weniger.

Wiesenchampignon, Räucherforellenwurst, Hummer, Pfeffer-Lachsforelle und Stör wurde in fünf Segmenten auf einem entsprechend gegliederten Teller präsentiert. Der mit geriebenem schwarzen Trüffel und Parmesan bedeckte Champignon war kalt und hätte bei etwas höherer Temperatur vielleicht besser zur Geltung kommen können. Der Hummer in einer Paprikasoße gefiel von den fünf Segmenten am besten, wenngleich auch auf diesem Teller keine nennenswerte Kreativität zu verzeichnen war.

Dies trifft leider in noch stärkerem Maße auf das nächste Gericht zu: Perigord-Trüffel mit Blattspinat und Kartoffelpurée. Optisch ist das Gericht gut anzuschaun, aber nach spätestens drei Gabeln hat man die Komposition durchschaut. Es passiert beim weiteren Verzehr des recht üppig dimensionerten Gerichts nichts Aufregendes mehr, so dass schnell Langeweile Einzug hält. Den Trüffel einfach auf ein Bett aus Purée und Blattspinat zu reiben, entspricht nicht meiner Erwartungshaltung, wenn man den Eindruck gewinnt, dass selbst ein so wenig passionierter Koch wie meine Wenigkeit das Gericht mit etwas Hingabe und Akkuratesse ebenfalls hinbekommen könnte. Zur Erinnerung: wir reden hier von 19 Punkten im Gault&Millau, was der Beurteilung eines Weltklasse-Restaurants entspricht!

Der vom Service als „Höhepunkt“ annoncierte Hauptgang war letztlich der Tiefpunkt: Tauern-Rehschlögl mit Schwarzbeersauce und Roter Zwiebel. Hier wurde eine Zwiebel „geköpft“ und ausgehöhlt: der ursprüngliche Inhalt der Zwiebel befand sich nun in klein gewürfelter Form im Innern der Zwiebel, die quasi durch das Anheben des „Deckels“ geöffnet werden konnte. Die Tatsache, dass die „echte“ Zwiebel nicht mehr verzehrbar war, störte dabei weniger, sondern dass das Fleisch mit einer für meine Begriffe unpassenden und dominanten Soße begleitet wurde, an der auch die Zwiebel herzlich wenig ändern konnte. Noch schlimmer war meines Erachtens, dass der einfallslose Teller nur zwei Tranchen Reh, eine Handvoll gewürfelter Zwiebel und eine Unmenge Soße enthielt. Ein stimmungsvolles Zusammenspiel mehrerer Komponenten sieht für meine Begriffe anders aus.

Der beste Gang war der Käsegang: zu diversen Rohmilchkäsesorten servierte man eine kleine Innergebirgspizza, die sich am ehesten mit einem Flammkuchen aus Käse und Lauch vergleichen ließe. Die frische Zitronensoße harmonierte sehr gut mit den weniger kräftigen Käsesorten, während Azka-Chutney (AZKA steht für Apfel, Zwiebel, Knoblauch und Ananas) die würzigeren Vertreter gut begleitete. Das komplexe Spiel der Aromen dieses Tellers hätte man sich bei den anderen Gerichten ebenfalls gewünscht.

Das Dessert Zitronen-Bauerntopfen mit Passionsfrucht und Bananen-Kiwisorbet ist beileibe keine Ode an die Moderne, erzeugt aber wenigstens eine Wohlfühl-Atmosphäre, die bis zu einem gewissen Grad die vorigen Enttäuschungen kompensiert.

Das Menü las sich im Vorfeld tatsächlich ein wenig langweilig – und leider verstärkte das, was auf den Tellern geboten wurde, den Eindruck noch ganz erheblich. Am Ende des Menüs überwiegt die Ernüchterung ganz klar, da meinerseits auch gar keine große Vorfreude auf die Petits fours mehr vorhanden war. Diese gestalteten sich ganz ordentlich: unter anderem gefielen ein Marshmallow aus Pistazien oder eine krosse, karamellisierte Scheibe aus Mandeln.

Der Service agierte durchweg locker und kompetent – der österreichische Dialekt verstärkte den authentischen Eindruck noch, auch wenn sich mancher Gast daran vielleicht eher stören würde. Beide Köche zeigten sich, gaben den Gästen sogar die Hand (Karl) und nahmen sich auch nach vollbrachtem Mahl (Rudolf) die Zeit für ein kleines Pläuschchen. Mit anderen Worten: es wären einige Rahmenbedingungen für einen gelungenen Abend gegeben gewesen, aber die an Dreistigkeit kaum zu überbietende Tatsache, dass man in solch einem Haus auch noch das Gedeck für jeden Gast separat berechnet, ist wahrlich ein Affront. Dabei ist das Preis-Leistungs-Verhältnis ohnehin schon problematisch, wenn man einen genaueren Blick auf so manche Nebenkosten wirft.

Außerdem erfüllten die Teller praktisch zu keinem Zeitpunkt die Erwartungshaltung an ein Haus, das in der Wertung des Gault&Millau Österreich zu den vier besten Häusern Österreichs gehören müsste. Es fehlte den Gerichten allenthalben an Kreativität und an einem Handwerk, das einfach mehr Format als das eines ambitionierten Amateurkochs vorzuweisen hat. Die Aromentiefe beeindruckte mich zu keiner Zeit, und das Warten auf einen echten Knaller, der die zuvor präsentierten Gerichte hätte kompensieren können, erwies sich ebenfalls als vergeblich. Als der Guide Michelin seine Österreich-Ausgabe im Jahre 2010 wegen zu geringer Nachfrage einstellte, war das Lokal zwei Jahre zuvor von zwei Michelin-Sternen auf einen Stern abgewertet worden. Mit Verlaub: mehr verdient das Gezeigte auf den Tellern auch nicht, da das Niveau in die Kategorie „gehobenes Landgasthaus“ gehört. Natürlich maße ich mir nicht an, die Leistung aus früheren Zeiten zu beurteilen, da dies mein erster (und ziemlich sicher auch letzter) Besuch in diesem Lokal war. Genauso bedingungslos zolle ich jedem Gastronomen, der über solch einen langen Zeitraum ein Spitzenlokal etablieren kann, meinen Respekt. Trotzdem fragt man sich, wie die beiden Köche das Prädikat „Köche des Jahrzehnts“ vom Gault&Millau für die Jahre von 2004 bis 2013 verliehen bekommen konnten. Wenn man bedenkt, welche Köche in Deutschland (oder auch andere Kollegen in Österreich) 19 Punkte bekommen, dann fällt dieses Lokal gegenüber jedem von ihnen so deutlich ab, dass das Urteil der Profi-Kritiker für mich zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar war. Mit 17 Punkten wäre das Haus meiner Meinung nach gut bedient – mehr ist es sicherlich nicht. Wäre ich mit der Erwartung, ein gehobenes Landgasthaus zu besuchen, hingegangen, dann hätte dies vielleicht (zumindest mit niedrigeren Preisen) noch ein ganz netter Abend werden können. So aber stand eine große Enttäuschung unterm Strich, die mich nachhaltig verstörte und beste Aussichten auf den „Flop des Jahres 2017“ hat.