Romanempfehlungen für die Corona-Zeit

Für die regelmäßigen Besucher meiner Seite hier noch eine Zusammenstellung einiger Romane, die ich im Laufe der Jahrzehnte gelesen habe und die mich besonders beeindruckten. Es muss ja nicht immer nur Online-Zeitvertreib sein!

Andric, Ivo: Die Brücke über die Drina
Diese große Chronik über mehrere Jahrhunderte Balkan-Geschichte verhalf dem Autor maßgeblich zur Erlangung des Literatur-Nobelpreises. Die Brücke symbolisiserte über mehrere Jahrhunderte die Einigkeit der Völker des Balkans im Kampf gegen die Osmanen. In vielen kurzweiligen und sprachlich geschliffenen Episoden wird die lebendige und wechselhafte Geschichte von Europas Südosten geschildert.

Auster, Paul: Stadt aus Glas
Der abgehalfterte Schriftsteller Daniel Quinn sieht nach dem Verlust von Ehefrau und Sohn kaum noch einen Sinn in seinem Leben, bis ein mysteriöser Anruf ihn zum Privatdetektiv in einer kniffligen Angelegenheit werden lässt. Eine postmoderne und verstörende Identitätssuche im urbanen Großstadtdschungel von New York beginnt.

Becker, Jurek: Jakob der Lügner
Diese wunderbar tragikomische Geschichte gehört zu den berühmtesten Büchern, die in der DDR entstanden: der Jude Jakob Heyn wird im Warschauer Ghetto zum Erfinder von Lügen, als er behauptet, er besitze ein Radio. Seine ausgedachten Geschichten von der nahen Befreiung des Ghettos sollen den Insassen Hoffnung machen …

Bernhard, Thomas: Auslöschung
Auch in seinem letzten Werk spart Thomas Bernhard nicht mit Abrechnungen gegenüber seinem Heimatland Österreich. Der Ich-Erzähler des Romans, Franz-Josef Murau, sinniert nach dem tödlichen Unfall seiner Eltern und seines Bruders die bisherigen Geschehnisse in seinem Leben. Das klingt zunächst nicht sonderlich aufregend, doch das eigentlich Faszinierende an diesem Roman ist, wie es Bernhard gelingt, eine Handlung von ungefähr zwanzig Seiten auf über 600 Seiten immer wieder neu zu beleuchten und aus anderer Perspektive darzustellen – von so sprachmächtiger Wirkung wie kaum ein anderes Buch, das ich kenne.

Bradbury, Ray: Fahrenheit 451
Entstanden während Joseph McCarthys unsäglicher Kommunistenjagd in den USA der frühen 1950er-Jahre, sind in Ray Bradburys dystopischem und wieder erschreckend aktuellen Roman Feuerwehrmänner angehalten, Bücher zu verbrennen. In einer diktatorisch regierten Welt gelten diese als subversiv und gefährliches Mittel zur Bildung von Kritikfähigkeit und zur unerwünschten Emotionalisierung des Volkes. Guy Montag, selbst Feuerwehrmann, wird zum Überläufer und schlägt sich allmählich auf die Seite der Unterdrückten. Das hat unliebsame Folgen für ihn …

Burgess, Anthony: Die Uhrwerk-Orange
Obwohl Burgess noch ein gutes Dutzend weiterer Romane schrieb, verteufelte er dieses Werk später selbst, weil es alle anderen seiner Beiträge in den Schatten stellte. Der 15-jährige Teenager Alex und seine gewaltbereite Clique hinterlassen jeden Abend eine Spur der Gewalt und Verwüstung in ihrer Stadt. Als Alex verraten und verhaftet wird, nimmt man an ihm ein Experiment vor, das ihn mittels Medikamenten zum Gutmenschen machen soll. Kann das gelingen? Ein finsteres, tiefgründiges Lehrstück über die Natur des Menschen und die mit Manipulationen einhergehende Gefahr – und von Stanley Kubrick kongenial verfilmt.

Camus, Albert: Die Pest
Ohne ersichtlichen Grund wird die nordalgerische Stadt Oran in den 1940er-Jahren plötzlich von der Pest heimgesucht. In diesem brandaktuell anmutenden Roman schildert der große Existenzialist Camus anhand der Figur des Arztes Rieux die daraus resultierenden Maßnahmen und deren Legitimation. In geradezu prophetischer Weitsicht nimmt Camus die Zustände im Frühjahr 2020 vorweg – und das, obwohl sein Roman nicht auf Tatsachen beruht und in erster Linie als eine Parabel auf die französischen Widerstandskämpfer zu verstehen ist, die den deutsche Besatzern im weitgehend okkupierten Frankreich des 2. Weltkriegs trotzen. Der Begriff der „Freiheit“ war für Camus und Sartre eher negativ behaftet – der Umgang damit musste erst erlernt werden. Wie gut das gelingt (oder scheitert) zeigt sich an Ausnahmesituationen nun einmal am deutlichsten. 

Christie, Agatha: Mord im Orient-Express
Viel berühmter und klassischer kann ein Krimi kaum sein: nach dem Mord an einem amerikanischen Reisenden im Orient-Express gibt es für Meisterdetektiv Hercule Poirot Verdächtige in rauhen Mengen. Was haben insbesondere die zwölf verschieden starken Messerstiche auf seinem Körper zu bedeuten? Pflichtlektüre: wenn Sie diesen Krimi nicht kennen, dann kennen Sie keinen … 

Conrad, Joseph: Herz der Finsternis
Joseph Conrads berühmte Novelle trifft direkt ins Herz, denn die Ur-Ängste des Menschen werden hier schonungslos thematisiert und freigelegt. Während der Kolonialzeit soll ein britischer Trupp den Fluss Kongo im Herzen des finsteren afrikanischen Urwalds hinauffahren und den abtrünnigen Elfenbeinhändler Kurth, der dort ein Schreckensregime aufgebaut hat, entmachten. Wenn Ihnen die düstere Handlung bekannt vorkommt, dann täuschen Sie sich wohl nicht: sie lieferte die Vorlage für Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama Apocalypse Now.

Dürrenmatt, Friedrich: Der Richter und sein Henker
Der Inbegriff eines Anti-Krimis, der sämtliche Konventionen des Genres hinterfragt und konterkariert. Um den Mord an dem Polizeileutnant Schmied aufzuklären, muss sich der todkranke Kommissar Bärlach beeilen. Als ihm der Fall aus den Händen zu gleiten scheint, greift er zu einem letzten dubiosen und moralisch fragwürdigen Mittel …   Dürrenmatts kurzer Roman gerät zum Lehrstück über Fragen von Schuld, Sühne und deren Verhältnismäßigkeit.

Eco, Umberto: Der Name der Rose
Um grenzenlose Befriedigung aus diesem Roman zu ziehen, bedarf es wohl intensiver Beschäftigung mit Philosophie, Theologie, Semiotik und alter Sprachen. Dennoch bleiben in Ecos Opus summum auch so genügend denkwürdige Momente im Gedächtnis haften: wie verängstigt und leichtgläubig die Menschen des späten Mittelalters waren, wie skrupellos die Inquisition zu Werke ging, welch archaisch anmutende Rechtsprechung damals galt und dass Sherlock Holmes und Dr. Watson schon Vorfahren im 14. Jahrhundert gehabt haben mussten. Vordergründig ist und bleibt Der Name der Rose ein ungewöhnlicher Klosterkrimi, der in einer norditalienischen Abtei spielt, die zum Schauplatz einer unheimlichen Mordserie wird. Ein Schlüsseltext der Postmoderne mit Anspielungen auf andere Genres en masse.   

Faulkner, William: Licht im August
Der chronologisch aufgebrochene und ständig in der Perspektive wechselnde Erzählstil macht eine Annäherung an dieses sprachmächtige Werk nicht gerade leichter. Wer die Mühe jedoch auf sich nimmt, wird unweigerlich in den Bann des Autors geraten, der die großen Fragen der amerikanischen Südstaaten benennt: Rassenhass, religiöser Fanatismus und archaisch anmutende Traditonen. Mitten in dieses Spannungsfeld gerät Joe Christmas, die dämonische Hauptfigur des tragischen Romans: er begeht einen Mord und glaubt selbst – ohne es sicher zu wissen – dass schwarzes Blut in seinen Adern fliesst und dies das Ausmaß seiner Strafe nicht unerheblich beeinflussen wird.

Fitzgerald, Francis Scott: Der große Gatsby
Fraglos einer der größten Romane des 20. Jahrhunderts, gelingt es hier Fitzgerald wie kaum einem anderen zuvor, den American Dream als Mythos zu entlarven. Im New York der Roaring Tewnties spielt sich der Hochstapler Jay Gatsby rasch in die Herzen der feinen Gesellschaft, doch sein eigentliches Ansinnen ist die Zurückgewinnung seiner Jugendliebe Daisy Fay, die ihr Herz inzwischen an einen anderen verloren hat. Fitzgeralds neuartige Erzähltechniken ebneten den stilistischen Weg für weitere bahnbrechende Werke der amerikanischen Moderne wie zum Beispiel John Dos Passos‘ Manhattan Transfer.

Garcia Marquez, Gabriel: Im Westen nichts Neues
Der Antikriegsroman schlechthin: zehn Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs veröffentlicht, wurde der Roman von konservativen und nationalen Kräften sofort verteufelt. Kein Wunder: der aus der Sicht des einfachen Soldaten Paul Bäumer erzählte Roman entlarvt den Krieg als sinnloses Morden, in dem die Maschinen das Kommando übernehmen, während das Individuum nichts zählt und sich von seiner Umwelt immer mehr entfremdet. Der Roman kommt gänzlich ohne hohlen Pathos aus und beschönigt nichts – ein Meilenstein der deutschen Literatur.

Green, Julien: Leviathan
Wenig bekannt, aber ein Geniestreich: was der gerade mal 27-jährige (!) Autor hier in seinen Roman packte, sind Beobachtungen über menschliche Abgründe, die Sigmund Freud ein Leben lang beschäftigten. Der Dorfschullehrer Paul Guéret kommt in ein ländliches französisches Dorf und gerät dort rasch in die Mühlen des kleinbürgerlichen Milieus: vor allem die sadistische und von Neugier zerfressene Gastwirtin Madame Londe sowie die lasziv-dominante Madame Grosjean treiben ihr übles Spiel mit ihm. Verschlimmert wird die Lage noch dadurch, dass sich Guéret rasch in eine 18-Jährige verliebt und bald darauf auf noch zum Mörder wird …
300 Seiten stark, aber in zwei Tagen bewältigt – so fesselnd war dieser bislang beste Roman, den ich je gelesen habe. Ein tiefenpsychologies Kammerspiel der allerersten Güte!

Greene, Graham: Der dritte Mann
Carol Reeds berühmte Verfilmung dieses kurzen Romans mit der unsterblichen Zither-Melodie von Anton Karas verlieh diesem Werk die Berühmtheit, die es durchaus verdient. Im Wien der frühen Nachkriegsjahre nach dem 2. Weltkrieg blühen Schwarzhandel und Schmuggel. Im Mittelpunkt des Romans steht das mysteriöse Verschwinden von Harry Lime, einem der bekanntesten Gangster der Szene. Und wer ist der ominöse „dritte Mann“, den mehrere am Tatort gesehen haben wollen?

Hasek, Jaroslav: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Haseks berühmter Roman war ursprünglich nur 200 Seiten lang, aber so erfolgreich, dass Hasek die Geschichte des leicht schusseligen und nicht allzu hellen Soldaten im 1. Weltkrieg um drei Fortsetzungen erweiterte. Wer weiß, wie viele es noch geworden wären, wenn Hasek nicht während der Arbeit am vierten Teil plötzlich verstorben wäre?! Doch auch so ist dieses letztlich unvollendete Werk nicht mehr aus der Weltliteratur wegzudenken: Schwejk hält der Obrigkeit mit ihrem Spießertum und starrem Denken einen Spiegel vor und wirkt dabei in seiner naiv-unschuldigen, fast kindlichen Art doch nie verletzend oder herabwürdigend. Ein schier unerschöpflicher Quell an warmherzigen und amüsanten Geschichten!

Hilsenrath, Edgar: Das Märchen vom letzten Gedanken
Dieser vollkommen unterschätzte und inzwischen verstorbene Autor wäre meines Erachtens durchaus ein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gewesen. Mit einem Kunstgriff schafft es Hilsenrath in diesem umfangreichen Roman, ein sperriges Thema ansprechend zu verpacken und so das Interesse an dieser schweren Kost zu wecken. Das Schicksal des armenischen Volkes im
1. Weltkrieg wird hier in zahllosen Episoden als eine Art Märchen erzählt – basierend auf historischen Fakten, werden die brutalen Geschehnisse dargestellt. Zusammen mit Franz Werfels Klassiker Die vierzig Tage des Musa Dagh erweist sich dieser Roman als ebenbürtige Ergänzung zu diesem Thema, das bis heute die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien vergiftet. 

Kafka, Franz: Das Schloss
Die Welt hat Max Brod ewig dankbar zu sein – der Nachlassverwalter der literarischen Hinterlassenschaften von Franz Kafka widersetzte sich dessen testamentarischer Anweisung, wonach alle seine Werke zu vernichten wären. So blieben der Weltliteratur mit Der Prozess und Das Schloss zwei unvollendet gebliebene Werke höchster literarischer Qualität erhalten. Gerade in diesem Roman steht der fast aussichtslose Kampf des Individuums gegen eine anonyme und hoffnungslos überlegene Macht im Mittelpunkt. Willkür und Drangsalierungen sind nur zwei der Maßnahmen, derer sich eine Diktatur bedient, der jedes Mittel zum Machterhalt recht zu sein scheint. Abgründig und den Mythos des viel beschworenen „kafkaesken Albtraums“ bestätigend!

Ledig, Gert: Vergeltung
Unmittelbar am Ende des 2. Weltkriegs veröffentlicht und sofort wieder vergessen, schlug die Wiederentdeckung dieses Werkes über fünfzig Jahre später wie eine Bombe ein. Die Handlung spielt während einer einzigen Stunde in einer deutschen Großstadt während eines Fliegerangriffs im 2. Weltkrieg. Die Geschehnisse werden in einer Art Kaliedoskop mit brutaler Schonungslosigeit und nüchterner Direktheit geschildert, ohne jede Wertung des Geschehens. Ob es nun Zivilisten, Flakhelfer oder abgeschossene, durch die Ruinen wandernde Piloten sind, aus deren Sicht geschildert wird – abgründiger kann ein Roman kaum sein. Eine literarische Sensation durch einen mittlerweile verstorbenen Autor, der immer noch nahezu unbekannt ist.

Lee, Harper: Wer die Nachtigall stört
Dieser große, aus der Sicht eines Mädchens im Grundschulalter erzählte Roman ist ein Lehrstück über moralischen Anstand (verkörpert durch Atticus Finch, dem Vater des Mädchens, der als Anwalt einen farbigen Verdächtigen vor Gericht verteidigt) und Rassentrennung im Süden der USA in den 1930er-Jahren. Nicht zuletzt die kongeniale Verfilmung des Buches, die vielen als beste Buchverfilmung aller Zeiten gilt, hat zum dauerhaften Ruhm des Romans beigetragen. Neben den Romanen von Faulkner und Twain absolute Pflichtlektüre für all diejenigen, die etwas über die Südstaaten der USA erfahren wollen.

Lem, Stanislaw: Der Unbesiegbare
Bei dem Versuch, das Schicksal der Besatzung des havarierten Raumschiffs Condor zu klären, gerät die Crew des Raumkreuzers Der Unbesiegbare selbst in große Gefahr: die Mannschaft wird immer stärker durch mysteriöse Vorfälle dezimiert. Es stellt sich heraus, dass des Rätsels Lösung erfordert, etwas zu akzeptieren, das allen Naturgesetzen zuwider läuft …   Was Stanislaw Lem, der polnische Großmeister der Kybernetik hier ersann, ist kein blutrünstiges Spektakel, sondern eine höchst clevere Science-Fiction-Parabel über Toleranz und die Existenz von Phänomenen, die außerhalb des eigenen Horizonts liegen.    

Lenz, Siegfried: Deutschstunde
Wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg wird der als schwer erziehbar geltende Schüler Siggi Jepsen mit einer Situation konfrontiert, die ihn zwingt, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Er gerät dabei ins Spannungsfeld des Vaters, einem ranghohen Offizier der Nazis, und einem mit ihm befreundeten Maler in Norddeutschland (für den offensichtlich Emil Nolde Pate stand). Der Vater sollte nur wenige Jahre zuvor im Auftrag seiner Vorgesetzten die Überwachung des Malers und das damit einhergehende Malverbot gewährleisten. Für wen soll Siggi nun Partei ergreifen? Ein typischer, aber weit überdurchschnittlicher Nachkriegsroman, der die häufige Unvereinbarkeit von Gehorsam und Pflicht auf der einen Seite sowie Empathie auf der anderen Seite thematisiert.

McEwan, Ian: Der Zementgarten
Bereits in seinem Erstlingswerk von 1978 stürzt der Meister des Absurden eine durchschnittliche, wenngleich isoliert lebende Familie ins Chaos: nachdem beide Eltern binnen kurzer Zeit sterben, schmieden die beiden ältesten der vier Kinder – selbst noch Teenager – einen Plan: die Eltern sollen im Zementgarten verschwinden, damit der Tod der angeblich verreisten Mutter nicht auffällt und es nicht zur allseits befürchteten Trennung der Kinder kommen kann. Fortan nehmen der 15-jährige John und seine 16-jährige Schwester Julie die Rolle der neuen Eltern ein. Das bleibt nicht ohne Folgen …   Verstörend, bitterböse und abgründig.   

Mulisch, Harry: Das Attentat
Als 12-jähriger Junge wird Anton Steenwijk Zeuge, wie noch kurz vor Kriegsende ein ranghoher SS-Offizier in seinem Wohnort Haarlem von Widerstandskämpfern umgebracht wird. Die Besatzer nehmen blutige Rache und töten unter anderem auch Antons älteren Bruder. Anton selbst kann aufgrund seines jungen Alters die Geschehnisse nicht vollständig einordnen und versucht die Erinnerung an die Erlebnisse zu verdrängen. Im Lauf der Jahre gerät er jedoch immer wieder an Personen, die mit dem damaligen Geschehen in irgendeiner Weise zu tun hatten. Irgendwann kann Anton die Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen und muss sich der Frage nach Schuld und Sühne stellen. Er erfährt etwas, das sein Konstrukt krachend einstürzen lässt …   

Ransmayr, Christoph: Die Schrecken des Eises und der Finsternis
Der österreichische Romancier lässt in seinem Roman zwei parallele Handlungsstränge nebenher laufen. Eine der beiden Handlungen dreht sich um eine K&K-Polarexpedition im 19. Jahrhundert, deren erklärtes Ziel das Erreichen des Nordpols ist und die kläglich scheitern wird – darin ergänzt Ransmayr reale Tagebucheinträge eines Besatzungsmitglieds, so dass Fakten und Fiktion allmählich miteinander verschmelzen. Der andere Strang erzählt von einem Nachfahren eines dieser Besatzungsmitglieder, der dem Polarfieber verfällt und die Eindrücke nachempfinden will. Halb Dokumentation, halb Roman – eine kühne, aber gelungene Mischung.   

Shelley, Mary: Frankenstein
Zu Beginn des 19. Jarhunderts betreten Frauen in bis dato unbekannter Intensität die literarische Bühne Englands: Jane Austen, Charlotte Bronte oder Mary Shelley – um nur ein paar zu nennen. Dieser klassische Schauerroman aus der Feder der Letztgenannten um den Wissenschaftler Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen ein Monster erschafft, ist ein zeitloser Klassiker rund um die Grenzen des Fortschritts und die ethischen Fragen, die damit einhergehen. Ein düsteres, aber prophetisches und ungemein modern anmutendes Werk, obwohl seit der Entstehung inzwischen mehr als 200 Jahre vergangen sind.

Steinbeck, John: Die Früchte des Zorns
Der sozialkritische Autor, der sich stets für die Belange der Armen und Schwachen einsetzte, schuf seinen bekanntesten Roman während der Großen Depressionszeit. Verarmte Bauern in Oklahoma, die aufgrund von Missernten ihre Pachten nicht mehr zahlen können und von den Banken aus ihren Häusern verdrängt werden, machen sich mit ihrem wenigen Hab und Gut nach Kalifornien, dem gelobten Land, auf. Was der Ex-Sträfling Tom Joad und seine Familie dort vorfinden werden, hätten sie nicht für möglich gehalten: Fremdenhass, Ausbeutung und offene Gewalt. Steinbeck hält der Gesellschaft einen Spiegel vor: er verblüfft trotz der harten Realität mit authentischer Darstellung der Geschehnisse und einer ungemein poetischen Sprache. 

Steinbeck, John: Von Mäusen und Menschen
Steinbecks berühmte Novelle um die Wanderarbeiter George und Lennie während der Großen Depression berührt bis heute und hat nichts von ihrer Tragik eingebüßt. Beide Männer träumen von einem gemeinsamen kleinen Stück Land mit einem Häuschen. Sie verdingen sich als Tagelöhner und ziehen von Ranch zu Ranch, um sich irgendwie finanziell über Wasser zu halten. Der bärenstarke, aber geistig zurückgebliebene Lennie muss dabei ständig von seinem cleveren Kompagnon George betreut werden und gerät ständig in Schwierigkeiten. George ist jedoch mit der endlosen Aufgabe zusehends überfordert und nimmt es mit seiner Pflicht nicht immer so genau. In einem unbeobachteten Moment bricht Lennie ungewollt ein Unglück vom Zaun …

Steinbeck, John: Die Strasse der Ölsardinen
In dieser über weite Strecken fast lose und zusammenhangslos anmutenden Sammlung von Anekdoten setzt Steinbeck allerlei grotesken Gestalten in der kalifornischen Stadt Monterey ein literarisches Denkmal. Steinbeck verstand sich selbst fast als Vagabund und umgab sich lieber mit Gesindel als mit spießigen Emporkömmlingen und Angebern – eine Tatsache, die aus jeder Pore dieses mal melancholischen, mal skurrilen Romans quillt. Köstlich und absolut reizend! 

Vonnegut, Curt: Schlachthof 5
Mehr als nur einmal wurde dieser große literarische Wurf von den Lektürelisten amerikanischer Schulen durch die Zensur wegen sexueller Anspielungen und expliziter Sprache verbannt – ein sicheres Qualitätskriterium! (Entschuldigung, aber dieses freche Argument hätte gut in Vonneguts hemmungslos derben Roman gepasst!) Die Erlebnisse des desorientierten amerikanischen Soldaten Billy Pilgrim, der als Kriegsgefangener die Bombardierung Dresdens im 2. Weltkrieg in einem Schlachthof miterlebt, stehen im Mittelpunkt des Romans. Mit Hilfe einer völlig aufgebrochenen Erzählweise springt Vonnegut fortan zwischen den skurrilen Ereignissen hin und her – ganz beiläufig wird Billy auf einen fremden Planeten entführt! Vonneguts Roman entwickelt sich dabei praktisch gleichzeitig zu einer amerikanischen Gesellschaftssatire, einer überdrehten Science-Fiction-Parodie und einem sprachlichen Orgasmus. Ein absolut einmaliges, schrilles und überdrehtes Werk, das sich jedweder Kategorisierung erfolgreich zu widersetzen scheint. Für mich eine der zehn größten Sensationen der Literatur des 20. Jahrhunderts! 

Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray
Der zu Beginn schüchterne Jüngling Dorian Gray wird durch Impulse seines Mentors immer mehr in seinem Selbstbewusstsein und seiner Anmut bestärkt. Daraus entwickelt sich eine handfeste narzisstische Persönlichkeitsstörung, die in einem befremdlichen Fakt gipfelt: sein vom Maler Basil Hallward erstelltes Portrait wird an seiner Stelle altern und trägt fortan die Züge seiner künftigen Verfehlungen. Um dieses dunkle Geheimnis zu wahren, geht Dorian fortan sogar über Leichen …  Wildes schonungslose Kritik an der hedonistischen, selbstgefälligen und dekadenten feinen britischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts sorgte für einen handfesten Skandal. 

Wittlin, Jozef: Das Salz der Erde
Dieser fast schon nihilistische Roman ist quasi das negative Gegenstück zu Haseks bravem Soldaten Schwejk. Aus der Sicht des einfachen und naiven Bahnwärters Piotr Niewiadomski, der im 1. Weltkrieg gemustert und zur Armee eingezogen wird, erzählt Wittlin, wie das Individuum immer stärker entmenschlicht wird und an Wert verliert. Der Roman schildert jedoch nicht das Geschehen direkt an der Front, sondern reflektiert vielmehr auf fast schon philosophischer Ebene die Geschehnisse unmittelbar vor dem Krieg, die aus dem Menschen das nutzlose Salz machen, das Jesus Christus in seiner Bergpredigt (Matthäus 5, 13) thematisiert – daher auch der Name des Romans. Pessimistisch, aber durchaus ergreifend.

Zweig, Stefan: Die Welt von gestern
Authentisch und hautnah aus erster Hand geschildert: Zeitzeuge Stefan Zweig schildert seine Jugend gleichermaßen in der untergehenden Donaumonarchie des späten 19. Jahrhunderts wie auf privater Ebene. In seinem fast autobiographischen Werk erläutert der unbestechliche Beobachter Stefan Zweig die Gründe, die zum Ausbruch des 1. Weltkriegs führten und wie in den Jahren bis zum Anschluss Österreichs im Jahr 1938 das Erstarken der konservativen nationalen Kräfte vonstatten ging. Tiefenpsychologisch und brillant geschildert – ein Buch, das mich wie kaum ein anderes bewegte.