Rüssel’s Landhaus, Naurath im Wald

„Der wahrhaft Erfolgreiche ist kein Erfolgsjäger. Er verwaltet nur seine Talente. Er weiß, daß sie ihm gereicht sind zur besten Nutzung.“ (Emil Oesch)

August 2020

Im Herzen des Hunsrücks, eingebettet zwischen Wäldern, Bächen und Bergen, liegt die mutmaßlich beste Adresse der Region versteckt: Rüssel’s Landhaus. Das unweit der A1 gelegene Gourmetrefugium gehört seit vielen Jahren zu den verlässlichsten Adressen im Südwesten der Republik und lockt nicht wenige Gourmets auch von weiter her an. Hauptsächlich ist dies das Verdienst von Harald und Ruth Rüssel, die unvermindert viel Herzblut und Energie in ihr Landhaus stecken, um auch weiterhin den Vorsprung zu behaupten. Dabei kann der geneigte Gast nicht nur vor Ort in einem ruhigen Tal des Flüsschens Dhron übernachten, sondern auch zwischen zwei Restaurants wählen: dem etwas einfacher gehaltenen Hasenpfeffer und dem Gourmetrestaurant, das natürlich das Aushängeschild des Hauses darstellt. Harald Rüssel, Chefkoch und Patron des Hauses, ist zudem ein passionierter Jäger und bringt auch selbst erlegtes Wild aus heimischen Wäldern auf den Teller – eine Art Alleinstellungsmerkmal des Hauses. Ansonsten bestehen die Menüs meistens aus einer gelungenen Mélange von heimischen Produkten und solchen, die auch von weiter her angereist sind.

Nach unserer ersten Stippvisite hier im Mai 2016, die eher enttäuschend verlief, wollten wir dem Lokal nach längerer Zeit also mal wieder eine Chance geben. Die Rahmenbedingungen passten dafür schon einmal außerordentlich gut, denn an einem warmen Sommerabend wurden wir ohne Umschweife auf die gut gefüllte Terrasse geleitet und konnten so auch den ganzen Abend lang den Blick auf den großen Teich neben dem Landhaus genießen. Überhaupt sind die absolut ruhige Umgebung und die Unaufgeregtheit, die man hier an den Tag legt, unverkennbare Trumpfkarten des Hauses. Wer dagegen Wert auf ausschweifendes Nachtleben legt, ist in dieser Region gänzlich fehl am Platze. Gäste sind daher überwiegend ruhesuchende Familien mit jungen Kindern oder schon etwas ältere Zeitgenossen. Dabei erfreuen sich diese gleichermaßen an den Angeboten der Küche, da man auch Kindern hier mehr Aufmerksamkeit als anderswo üblich widmet.

Aktuell offeriert man hier ein einziges siebengängiges Menü zum Preis von € 165, das allerdings auf bis zu fünf Gänge reduziert werden kann. Wir verzichten an diesem lauen Abend auf den Käsegang und lassen uns ansonsten die komplette Folge auftragen. Zu einem alkoholfreien Traubensecco tischt man vier generöse Amuses auf. Als klassische Idee ein Rindertatar auf einem Tramezzini, dann eine pochierte Gillardeau-Auster mit Gurkentapioka, sodann eingelegter Sellerie mit Olive und schließlich geflämmter Thunfisch auf einem Sepiachip – allesamt fein durchdeklinierte Einstiege mit Charme. Die Brotauswahl punktet vor allem mit getrüffelter, regelrecht süchtig machender Butter.

Richtig ernst wurde es allerdings erst beim sommerlichen ersten Gang, der Hummer in den Mittelpunkt stellte. Der komplett ausgelöste, sanft gegarte und lauwarme Hauptdarsteller wurde in ein sommerliches Gewand aus falscher Tomate (gefüllt mit Avocadocrème) sowie leicht gegrillter Tomate, Gurkenkugeln und Krustentierbutter gekleidet. Der kräftig geröstete Quinoa verlieh dem Gericht ordentliche, aber keineswegs aufdringliche Schärfe, die mit den frischen Aromen der vegetabilen Zutaten bestens korrespondierte. Ein starker und verheißungsvoller Einstieg mit einer feinsinnigen Balance, der Hoffnung auf einen ausgezeichneten Abend machte.

Leider wurde diese Erwartung beim nächsten Gang schon einigermaßen gedämpft, denn schon bei der Lektüre las sich Bachsaibling, geräuchter Aal, Apfel, Liebstöckel und Meerrettichschaum als gewagte Konstruktion. Was auf den Teller gelangte, konnte diese Vorahnung leider nicht entkräften, denn die sehr präsente Begleitung drängte nicht nur den exemplarischen Saibling ziemlich in den Hintergrund, sondern harmonierte auch in sich nicht auf schlüssige Weise. Der von Natur aus fettige Aal erhielt für unsere Begriffe mit Apfel und Liebstöckel zwei Begleiter, die um seine Gunst eiferten, aber untereinander nicht harmonierten. Hätte die Küche eine dieser Komponenten weggelassen (dabei wäre es im Prinzip sogar fast gleich, welche davon), dann hätte dieser Gang dadurch eher gewonnen. So hingegen blieb der Eindruck eines wenig schlüssigen Gangs nach dem Motto „zu viel gewollt“ haften.

Kalbsbries und (hocharomatisches) Kalbsherz stimmte uns wieder versöhnlicher, wenngleich die Küche auch hier ziemlich viel wagte. Nicht nur, dass das Bries auffallend kräftig gebraten war (und dabei trotzdem sehr zart blieb), nein, die ungewöhnliche Begleitung mit Limonenrettich und Kapern-Beurre-blanc machte aus diesem Gang endgültig eine individuelle Angelegenheit. Ein Cassoulet aus Hanfsaat sowie Bohnen setzten weitere markante Akzente in diesem vor allem durch seine ungewöhnliche Würzung auffallenden Gang – insgesamt dominierte eine straffe Säure bei gleichzeitig dezenter Schärfe. Unterm Strich ein außergewöhnlicher Teller, der die Gäste aus der Komfortzone lockte.

Um der Provokation allerdings nicht zu viel Raum zu lassen, setzt man beim nächsten, recht puristischen Gang mit Entrecôte wieder auf Bewährtes. Eine zurückhaltende Begleitung in Form von etwas Grillgemüse, Pimientos, leicht geräuchter Kartoffelcrème und Sauce Béarnaise machte aus diesem recht schlichten Gang eine unkomplizierte, aber dennoch überzeugende Angelegenheit, weil diesmal das Hauptprodukt klar in den Vordergrund gestellt wurde und seine Qualitäten voll zur Geltung kamen: saftig, zart und exzellent zubereitet. Hochküche muss keineswegs immer kompliziert und abgehoben sein!

Als Hauptgang serviert man uns Naurather Rehbock (Rücken und Keule) mit Couscous, kleinen Rübchen, Berberitzenjus und Holunderblütengel. Die seltsamen schwarzen Segmente im Foto stellen eine auf den Teller aufgemalte eigenwillige Interpretation eines Rehschädels mit Geweih dar – eine entbehrliche Spielerei, die schnell den Verdacht aufkommen lässt, substantielle Schwächen eines Gerichts mit Ablenkungen kaschieren zu müssen. Das hätte dieser Gang gar nicht nötig gehabt, da die Produktqualität des Rehbocks absolut für sich sprach und die Entourage voll überzeugen konnte. Der fruchtig-herbe Charakter passte wunderbar zu Wildgerichten, kam bestens zur Geltung und wurde zudem sinnvoll mit etwas Biss durch den Couscous aufgepeppt – ein mehr als ordentlicher Hauptgang mit Wohlfühlfaktor.

Das Dessert hingegen kam nicht über Durchschnittsniveau hinaus: eine Vielzahl an Texturen von Herzkirsche stand im Mittelpunkt des Geschehens und wurde auf eine Unterlage von Pistaziencrème gebettet. Amaranth und Mascarpone setzten begleitende, aber recht zurückhaltende Akzente. Nach einigen Bissen stellte sich bei uns der Eindruck eines eher simpel gestrickten Desserts ein, das keine bleibende Erinnerung in uns zu schaffen vermochte: letztlich geriet es zu eindimensional und gefällig, um nachhaltig zu beeindrucken. Somit ein ordentlicher Abschluss, mehr aber auch nicht.

Die Petits fours, bestehend aus Florentiner, Himbeer-Baumkuchen, Limonentörtchen und als Höhepunkt eine Gin-Praline vermochten dagegen uns noch einmal aufzuhorchen zu lassen. Inzwischen war es auch dunkel geworden, so dass es an der Zeit war, einen Knopf an die ganze Angelegenheit zu machen und die Rechnung zu begleichen. Diese stimmte uns angesichts fair kalkulierter Nebenkosten ebenfalls wohlgemut.

Kommen wir zur Serviceleistung: hier fiel mehr als nur einmal auf, dass es keine starre Hierarchie im Sinne eines klaren Restaurantleiters zu geben scheint, sondern dass in einer eher losen Ordnung grundsätzlich mehrere Kellner oder Kellnerinnen für alle Tische gleichzeitig zuständig sind. Dabei bleibt das eine oder andere Missverständnis nicht aus, aber mit einer gehörigen Portion Lockerheit macht das Team diesen Umstand wieder wett. Vinophile sollten sich gemäß unserem Eindruck eher auf ihre eigenen Erfahrungswerte berufen, da das Fehlen eines echten Sommeliers zu einem überschaubaren Niveau an Kompetenz auf diesem Gebiet führte, das vielleicht nicht alle anspruchsvollen Gäste als ausreichend empfinden würden.

Die Küchenleistung überzeugte über weite Strecken mit sicherer Zubereitung und gefälligen Ideen, die allerdings weit über bloße Routine hinausreichten. Der gewisse Mangel an Kreativität, den wir beim ersten Besuch ausmachten, war inzwischen überwunden, und auch die handwerklichen Ungenauigkeiten vom letzten Mal blieben diesmal aus. Insgesamt wirkte das Menü diesmal auch moderner, wenngleich uns nicht jede Idee im selben Maße überzeugte. Die recht farbenfrohe Inszenierung der Gerichte hat uns teils überrascht, ohne dabei aber aufgesetzt zu wirken. Am Ende des Abends lässt sich jedenfalls festhalten, dass die eher mauen Eindrücke von damals diesmal nicht wiederholt wurden. Die Menüfolge bot neben einem echten Highlight (erster Gang) und einem Fragezeichen (zweiter Gang) ansonsten über weite Strecken solide und bekömmliche Hochküche, die für meine Begriffe von manchem Guide allerdings zu gut bewertet wird (G&M sowie insbesondere der FEINSCHMECKER). Die verwendeten Viktualien rechtfertigen den geforderten Menüpreis allemal, da der Einsatz von typischen Luxusprodukten hier als selbstverständlich angesehen wird.

Alles in allem ist Rüssel’s Landhaus eine verlässliche und solide Adresse, auf die der Hunsrück durchaus stolz sein darf und die gerade so zu den Top 50 von Deutschland gehören sollte. Internationale Gourmetnomaden werden sich schwerlich hierher verirren, aber einen Wandertag im Hunsrück hier würdig ausklingen zu lassen, das hat schon etwas Besonderes. Ein erneuter Besuch ist schon wegen der räumlichen Entfernung noch nicht wieder geplant, aber eine empfehlenswerte Adresse und solide Backup-Option stellt Rüssel’s Landhaus allemal dar.

Mein Gesamturteil: 17 von 20 Punkten

 

Rüssel’s Landhaus
Büdlicherbrück 1
54426 Naurath (Wald)
Tel.: 06509/91400
www. ruessels-landhaus,de

Guide Michelin 2020: *
Gault&Millau 2020: 18 Punkte
GUSTO 2020: 8 Pfannen
FEINSCHMECKER 2020: 4,5 F

Menüpreis (7 Gänge): € 165