Schach: 100 berühmte Damenzüge

100 berühmte Damenzüge

 

Nach den Türmen ist nun die Dame an der Reihe. Die stärkste Figur auf dem Brett ist natürlich sehr wendig und kann rasch binnen kürzester Zeit von einem Abschnitt des Bretts in einen anderen Bereich überführt werden. Ihre ungeheure Mobilität macht den größten Anteil ihres Werts aus, so dass Damenopfer natürlich zu den befriedigendsten und zu den am meisten beachteten Momenten im Leben professioneller Schachspieler wie Amateure gleichermaßen gehören. Natürlich weist auch diese Sammlung einige berühmte Beispiele für Damenopfer auf, doch die Fähigkeiten der Dame sind bekanntlich vielseitiger als dass sich spektakuläre Züge mit ihr lediglich auf sehenswerte Opferzüge beschränken müssten.
Ich habe wie immer versucht, mit dieser Sammlung historisch bedeutsamen Momenten der Schachgeschichte wie ästhetischen Aspekten gleichermaßen gerecht zu werden. Ich hoffe, dass es mir auch diesmal wieder gelungen ist, eine ansprechende Sammlung zusammenzustellen, auch wenn einige Beispiele verworfen werden mussten und keinen Eingang in diese Sammlung fanden. Zu groß ist gerade bei den Damenzügen die üppige Auswahl.

 

Die vier wohl berühmtesten Damenzüge

 

1. Levitzky – Marshall, Breslau 1912
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Die schwarze Stellung scheint trotz der Mehrfigur nicht besonders gut zu sein, da gleich zwei seiner Schwerfiguren hängen. Der US-amerikanische Meister Frank Marshall fand jedoch eine glänzende Lösung und spielte in dieser Stellung einen der berühmtesten Züge der gesamten Schachgeschichte, der auch nach über hundert Jahren immer noch einen der heißesten Anwärter für den schönsten Zug der Schachgeschichte darstellt: 23… Dc3-g3!!. Manche Kommentatoren haben diesem Zug, der Weiß zur sofortigen Aufgabe zwingt, bisweilen schon ein drittes Ausrufezeichen angehängt, weil es so unfassbar wirkt, die Dame auf ein Feld zu ziehen, das von gleich zwei gegnerischen Bauern und der feindlichen Dame gedeckt wird. Es gibt jedoch keine Ausrede für Weiß: das Schlagen mit dem h-Bauer gestattet ein einzügiges Matt, während das Nehmen mit dem f-Bauer Matt in zwei Zügen zur Folge hat. Da Schwarz auch selbst mit Matt auf h2 droht, bleibt nur das Nehmen mit der Dame, doch dann behält Schwarz nach 24… Sd4-e2+ 25. Kg1-h1 Se2xg3+ 26. Kh1-g1 Sg3-e2+ 27. Kg1-h1 einfach eine Figur mehr, indem er seinen angegriffenen Turm vom Ort des Geschehens entfernt.
Die Zuschauer waren angeblich so begeistert von Marshalls Zug, dass sie das Brett mit Goldstücken überschütteten! So verließ Levitzky zwar ohne Punkt, aber vielleicht mit ein paar Münzen mehr das Brett und war letztlich wohl kaum unzufrieden!

 

2. Paulsen – Morphy, New York 1857
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Der zweifellos stärkste Spieler aller Zeiten vor der Einführung der offiziellen Schachweltmeisterschaften im Jahre 1886 war Paul Morphy. Hier spielte er die wohl berühmteste Partie seines Lebens und opferte bekanntlich in dieser Stellung die Dame mit 17… Dd3xf3!!. Nach 18. g2xf3 Te6-g6+ 19. Kg1-h1 Ld7-h3 20. Tf1-d1 Lh3-g2+ 21. Kh1-g1 Lg2xf3+ 22. Kg1-f1 hätte Morphy anstelle von 22… Lf3-g2+ zwar deutlich schneller und ungleich schöner mit 22… Tg6-g2! 23. Da6-d3 Tg2xf2+ 24. Kf1-g1 Tf2-g2+ 25. Kg1-h1 Tg2-g1#! gewinnen können, doch auch seine Wahl reichte im 28. Zug zum Sieg.

 

3. Carlsen – Karjakin, Weltmeisterschaftskampf, Tiebreak, 4. Partie, New York 2016
Stellung nach dem 49. Zug von Schwarz

Den fraglos berühmtesten Damenzug der jüngeren Schachgeschichte spielte Magnus Carlsen in dieser Schnellpartie, die zugleich die letzte im Stichkampf um die Weltmeisterschaft 2016 werden sollte. Der norwegische Titelverteidiger zog hier wie allseits bekannt 50. Df4-h6+!! und forcierte damit das Matt im nächsten Zug. Fraglos ein würdiger Zug für das letzte Kapitel dieses Dramas, denn einen viel sehenswerteren und spektakuläreren Weg, um erneut Weltmeister zu werden, kann man sich kaum vorstellen!

 

4. Ed. Lasker – Thomas, London 1912
Stellung nach dem 10. Zug von Schwarz

Aufgrund ihrer oft vergleichsweise minderwertigen Qualität schaffen es natürlich nur die wenigsten Kaffeehauspartien, im kollektiven Gedächtnis zu bleiben, doch diese Begegnung stellt sicherlich eine berechtigte Ausnahme dar. Einfach zu spektakulär und unvergleichlich ist das legendäre Finale mit dem Magnet-Matt, das Edward Lasker hier beginnend mit 11. Dh5xh7+!! aufs Brett zauberte. Nach dem vollständig erzwungenen Marsch mit 11… Kg8xh7 12. Se4xf6+ Kh7-h6 13. Se5-g4+ Kh6-g5 14. h2-h4+ Kg5-f4 15. g2-g3+ Kf4-f3 16. Ld3-e2+ Kf3-g2 17. Th1-h2+ Kg2-g1 krönte Lasker sein Meisterwerk mit 18. Ke1-d2#. Dieses einmalige Finale sollte jeder ambitionierte Schachspieler kennen, zumal sich einige Legenden um Laskers letzten Zug ranken: manchmal wird als letzter Zug der Partie auch 18. 0-0-0# angegeben, doch laut Laskers eigenen Kommentaren zog er hier den König nach d2 und setzte somit mit dem Turm matt, ohne ihn überhaupt gezogen zu haben! Die Rochade wäre aber auch schön gewesen …

 

Anderssens Damenopfer

 

5. Anderssen – Kieseritzky, London 1851
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Diese Begegnung, allseits unter dem Namen Unsterbliche Schachpartie bekannt, zählt selbstverständlich zu den berühmtesten Partien der Schachgeschichte. In einem sehenswerten Opferreigen, der ihn bereits zwei Türme gekostet hat, spielte Anderssen voll auf Mattangriff und krönte hier sein Meisterwerk mit 22. Df3-f6+!! Sg8xf6 23. Ld6-e7#. Über diese legendäre Partie ist bereits so viel geschrieben und gesagt worden, dass ich es deswegen dabei belasse und auf weitere Kommentare verzichte.

 

6. Anderssen – Dufresne, Berlin 1852
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Kaum weniger berühmt ist die unter dem Beinamen Immergrüne Partie in die Schachgeschichte eingegangene Partie zwischen Adolf Anderssen und Jean Dufresne. Anderssen entfesselte das gesamte Angriffspotential seiner Stellung mit dem glänzenden Damenopfer 21. Da4xd7+!! Ke8xd7 und setzte seinen Gegner nach 22. Ld3-f5+ Kd7-e8 23. Lf5-d7+ Ke8-f8 mit 24. La3xe7# matt.
Es ist gewiss ein seltsamer Zufall, dass Anderssens berühmteste zwei Partien beide mit einem Läufermatt auf e7 enden!

 

Ivanchuks Damenopfer

 

7. Ivanchuk – Shirov, Wijk aan Zee 1996
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

So schön Adolf Anderssens Damenopfer auch gewesen sein mögen – die Qualität der Partien aus jener Zeit leidet einfach immer wieder an der für heutige Verhältnisse teils geradezu unterirdisch anmutenden Verteidigungsleistung der Gegner. Zu Ivanchuks Zeiten sah dies natürlich anders aus, weil die Weltspitze nicht mehr aus drei oder vier Spielern wie in Anderssens Tagen, sondern aus knapp zwei Dutzend Elitegroßmeistern bestand. Derart leichte Siege konnte man auf höchstem Niveau natürlich nicht mehr landen, weil sowohl Angriff und Verteidigung von der Qualität her so deutliche Fortschritte gemacht hatten, dass der Unterschied zwischen der Spielstärke moderner Meister viel geringer war.
In diesem Duell zweier Titanen kam die messerscharfe Botwinnik-Variante aufs Brett, doch das Kaninchen, das Ivanchuk hier aus dem Hut zauberte, ist beispiellos in seiner Art: seinen Zug bezeichnete die Zeitschrift New in Chess als den verrücktesten Zug, den sie in den vergangenen 25 Jahren abgedruckt hatten! Der ukrainische Ausnahmespieler zog hier intuitiv 21. Dg4-g7!! und stellte seinen Gegner Alexej Shirov damit vor die denkbar größten praktischen Probleme, die man am Brett lösen kann. Spätere Analysen entkräfteten Ivanchuks Opfer zwar, doch was spielt das schon für eine Rolle? Für mehr als diese eine Partie war das Opfer wohl auch nie gedacht, zumal es wahrscheinlich nicht einmal geplant war, sondern einer Eingebung entsprang.
Shirov wurde der praktischen Probleme am Brett erwartungsgemäß nicht Herr und fand sich nach den weiteren Zügen 21… Lf8xg7 22. f6xg7 Th8-g8 23. Sa4xc5 d5-d4?! (die Hauptursache für die späteren Schwierigkeiten – besser ist wohl 23… Td7-c7) 24. Lg2xb7+ Td7xb7 25. Sc5xb7 Db5-b6 26. Le3xd4 Db6xd4 27. Tf1-d1 Dd4xb2?! (besser ist das Nehmen auf g7) in einer schwierigen Stellung wieder. Ivanchuk gewann im 35. Zug, doch viel wichtiger ist die Frage, welch großes Genie es braucht, um so einen Zug wie 21. Dg4-g7!! zu entdecken. Anders ausgedrückt: wer außer Ivanchuk wäre überhaupt auf die Idee gekommen, diesen Zug auch nur zu erwägen?!

 

8. Ivanchuk – Karjakin, Schnellpartie, Nizza 2008
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Sechzehn Jahre nach dem Geniestreich von Wijk aan Zee bewies Ivanchuk, dass er nichts verlernt hatte: er entkorkte hier einen Zug, der meines Erachtens noch irrsinniger als der Damenausfall nach g7 in der Partie gegen Shirov war. Man kann sich nur Karjakins Entsetzen ausmalen, als Ivanchuk hier mit 14. De3xe6+!! seine Dame für gerade einmal zwei Bauern preisgab! Nach 14… f7xe6 15. Sd4xe6 stand Karjakin vor einer schwierigen Wahl und musste dem Umstand, dass die beste Lösung bei der knappen Bedenkzeit kaum zu finden war, Tribut zollen. Er spielte hier letztlich 15… Dc7-e5?! und geriet nach 16. Se6xg7+! Ke8-f8 17. Sg7-e6+ Kf8-f7 in einen Angriffswirbel, den der Ukrainer mit 18. Th1-e1! einleitete. Ivanchuk siegte im 49. Zug, doch kehren wir noch einmal zum 15. Zug zurück. Wenn Karjakin beispielsweise 15… Ta8-c8 gewählt hätte, dann würde Weiß „natürlich nicht“ die Dame nehmen, sondern mit 16. Th1-e1!! fortsetzen und starken Angriff erhalten. Am besten war laut den Engines 15… Dc7-e7!, doch im Kontext dieser Partie ist dieser Fakt für mich bedeutungslos. Erstens hätte Schwarz auch dann nach dem zu erwartenden 16. Sc3-d5 eine ganze Serie einziger Züge finden müssen, und zweitens wurde Schönheit im Schach hier für meine Begriffe nach Ivanchuks Zug auf ein neues Niveau gehievt. Wen kümmert da schon eine Computeranalyse, die mit der Praxis nichts zu tun hat?!
Ich war jedenfalls fassungslos, als ich Ivanchuks Zug zum ersten Mal sah und bin es im Grunde genommen bis heute – so beispiellos ist dieser Zug.

 

Affront gegen den Weltmeister

 

9. Geller – Karpov, Moskau 1976
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Die Landesmeisterschaft der Sowjetunion 1976 wurde zu einer sicheren Beute des frisch gekürten Weltmeisters. Er verlor im gesamten Turnierverlauf nur eine einzige Partie – aber was für eine! Karpov soll nach dieser Niederlage stocksauer gewesen sein, weil er wohl stillschweigend davon ausgegangen war, dass sein wichtigster Sekundant mit den weißen Steinen ein schnelles Remis gegen ihn zulassen würde. Weshalb Geller dagegen verstieß, ist nicht bekannt: vielleicht war er einfach kampfeslustig gestimmt oder wollte jedwedes Gerücht von Absprache im Keim ersticken. Wie dem auch sei – dass diese Partie regelrecht für Furore sorgte, liegt auch daran, dass Efim Geller in der Diagrammstellung völlig unverfroren gegen den Weltmeister mit 25. Dc6xe6!! die Dame opferte. Karpov büßt nun auf jeden Fall signifikant Material ein und verlor nach 25… f7xe6 26. Sf4-g6+ De8xg6 27. Sh4xg6+ Kf8-e8 28. Sg6xh8 letztlich chancenlos, zumal Geller auch den anschließenden technischen Teil der Partie sehr stark spielte und verdient im 42. Zug gewann.

 

10. Larsen – Petrosian, Santa Monica 1966
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Ähnlich dreist ging auch der dänische Großmeister Bent Larsen zu Werke, als er hier gegen den damals amtierenden Weltmeister Tigran Petrosian kurzerhand mit 25. Dh6xg6!! seine Dame zum Opfer anbot. Diese Partie wurde in vielen verschiedenen Quellen analysiert, doch das Fazit war immer dasselbe: Schwarz steht tatsächlich auf Verlust! In der Partie folgten jedenfalls die Züge 25… Se6-f4 26. Tf3xf4 f7xg6 27. Lg4-e6+ Tf8-f7 28. Tf4xf7 Kg8-h8 29. Td5-g5 b7-b5 30. Tg5-g3. Petrosian gab hier auf, da das Matt nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Selten wurde ein Weltmeister so gedemütigt und vorgeführt wie hier!

 

11. Supi – Carlsen, Online-Blitzpartie 2020
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

In Corona-Zeiten werden immer mehr Turniere online ausgetragen und angeboten – längst haben die großen Schachportale das auch erkannt und bieten gegen Bezahlung Sonderkonditionen für Mitglieder. Dazu gehört die Möglichkeit, gegen starke Großmeister anzutreten oder animierende Live-Kommentare der Großmeister zu den eigenen Partien zu verfolgen.
In dieser Partie gegen den brasilianischen Großmeister Luis Paolo Supi (Carlsen wusste nicht, wer sein Gegner war) wähnte sich Carlsen hier bereits in Sicherheit, nachdem er zuvor schlecht gestanden war, aber inzwischen eine Mehrfigur sein Eigentum nannte. Er wurde jedoch aus allen Träumen gerissen, als Weiß dem verdutzten Weltmeister hier die dicke Überraschung 18. Df3-c6!! präsentierte. Dem schwarzen König wird auf diese Weise das Fluchtfeld d7 versperrt, wobei es Weiß gleich ist, ob diese Aufgabe von der Dame oder einem Bauer übernommen wird! Carlsen gab hier bereits auf, da das Matt unabwendbar ist. Wann hat man Carlsen schon in gerade einmal 18 Zügen verlieren sehen?! Der Weltmeister blieb aber fair, kommentierte den Zug mit „Wow!“ und zollte dem bis dato für ihn anonymen Gegner seine volle Anerkennung.
Offenbar kannten beide die Partie Waterman – Samo, Mechanics Institute Marathon 1974 nicht, in der kurioserweise genau dasselbe Motiv zum Tragen kam!

 

Magnet-Matts mit Damenopfer

 

12. Krasenkow – Nakamura, Barcelona 2007
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Hikaru Nakamura hat in seinem Leben schon so manche aufregende und denkwürdige Partie gespielt. Hat man diese Partie jedoch erst mal gesehen, dann fällt es nicht schwer sich auszumalen, dass diese Begegnung noch immer einen besonderen Platz in seinem Herzen einnehmen dürfte: auf praktisch perfekte Weise greift hier ein Rädchen ins andere.
Schwarz scheint in Schwierigkeiten zu stecken, weil gleich zwei seiner Schwerfiguren hängen. Nakamura hatte diese Position jedoch korrekt berechnet und absichtlich angestrebt, weil er hier das sensationelle Opfer 21… Db6xf2+!! erspäht hatte, das den weißen König in ein klassisches Magnet-Matt hinauszerrt. Nach der nicht erzwungenen, aber für Weiß genauso wie jede andere verlorenen Folge 22. Kg1xf2 Le7-c5+ 23. Kf2-f3 Tc6xf6+ 24. Kf3-g4 Sd7-e5+ 25. Kg4-g5 Tf6-g6+ 26. Kg5-h5 f7-f6 27. Te1xe5 Te8xe5+ 28. Kh5-h4 krönte Nakamura diese berauschende Partie mit dem Zug 28… La6-c8. Der polnische Großmeister streckte angesichts des bald bevorstehenden Matts die Waffen. Diese Partie wirkt auch deshalb so unwahrscheinlich, weil solche Mattkombinationen viel typischer für die romantische Ära des Schachs waren.

 

13. Averbach – Kotov, Zürich 1953
Stellung nach dem 30. Zug von Weiß

Im legendären Interzonenturnier von Zürich im Jahre 1953 spielte Alexander Kotov wahrscheinlcih die berühmteste Partie des Turniers, obwohl es wirklich sehr viele bemerkenswerte und überaus sehenswerte Duelle gab. In dieser unschuldig anmutenden Stellung entkorkte er hier das prächtige Damenopfer 30… Dd7xh3+!! und zerrte den weißen König damit ins Freie. Zwar hätte der in Zeitnot befindliche Großmeister die Partie nach den forcierten Zügen 31. Kh2xh3 Tf6-h6+ 32. Kh3-g4 Sg8-f6+ 33. Kg4-f5 Sf6-d7 34. Tg2-g5 Tb8-f8+ 35. Kf5-g4 Sd7-f6+ 36. Kg4-f5 schneller entscheiden können, indem er hier (anstatt einiger Stellungswiederholungen zwecks Zeitgewinn) mit 36… Sf6-g8+ 37. Kf5-g4 Le7xg5 fortgesetzt hätte, doch auch so siegte Schwarz ungefährdet im 51. Zug.

 

14. Hermann – Hussong, Frankfurt am Main 1930
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Der nur wenig bekannte deutsche Meister Hugo Hussong dürfte hier die Kombination seines Lebens vom Stapel gelassen haben, als er mit dem überraschenden 23… Dh5xh2+!! fortsetzte. Der weiße König musste nun einen Spießrutenlauf antreten und wurde nach 24. Kh1xh2 Tf6-h6+ 25. Kh2-g3 Sf4-e2+ 26. Kg3-g4 Tf8-f4+ 27. Kg4-g5 Th6-h2 28. Dc5xf8+ Kg8xf8 29. Se1-f3 h7-h6+ 30. Kg5-g6 Kf8-g8! 31. Sf3xh2 Tf4-f5!! 32. Se3xf5 Se2-f4# elegant zur Strecke gebracht!
Ein solch sehenswertes Finale erlebt man nicht alle Tage!

 

15. Norwood – Marsh, Walsall 1992
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz 

Der heute für Andorra (!) spielende Großmeister David Norwood bekam im Jahre 1992 diese Stellung mit einer Minusqualität aufs Brett und ließ die Chance auf eine einmalige Kombination glücklicherweise nicht ungenutzt verstreichen, denn ansonsten wäre uns eine der unfassbarsten Kombinationen aller Zeiten durch die Lappen gegangen. Norwood griff hier mit 28. De4xc6+!! beherzt zu und erlegte den schwarzen Monarchen nach der sehenswerten Hetzjagd 28… Kb7xc6 29. Sf3xd4+! Kc6-b6 30. Te1-b1+ Kb6-a6 31. Lg2-b7+ Ka6-a5 32. Lf4-d2+ Ka5-a4 schließlich mit 33. Lb7-c6+ Ka4xa3 34. Ld2-c1+ Ka3-a2 35. Tb1-b2+ Ka2-a1 36. Sd4-c2#!
Schwarzer König auf a1 bei vollem Brett – was für eine grandiose Kombination!

 

Entstellte Bauernstrukturen bewusst in Kauf genommen

 

16. Smyslov – Reshevsky, Moskau 1948
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Schwarz steht defensiv, doch hat es den Anschein als könnte er mit Sb8-d7 (und ggf. b7-b6) und folgendem Ta8-d8 seine Stellung zusammenhalten. Der spätere Weltmeister Vasily Smyslov war hier allerdings mit Weiß am Zug und erkannte, dass es genau dieses Manöver unbedingt zu verhindern galt. Dafür nahm er sogar die nach 26. Dg4-h4! entstehende und ziemlich entstellt wirkende Bauernstruktur in Kauf. Nun würde 26… De7xh4 27. g3xh4 schon den rückständigen d-Bauer ersatzlos einbüßen, doch auch nach der Partiefolge 26… De7-d7 27. Dh4-d8+! wurde Schwarz seiner Schwierigkeiten letztlich nicht Herr: nach 27… Dd7xd8 28. Lb6xd8 Sb8-d7 (oder auch 28… Sb8-c6 29. Ld8-b6, was nicht viel ändert) 29. Ld8-c7 Sd7-c5 30. Td1xd6 zeigte sich, dass die Aktivität der weißen Figuren zum Sieg ausreichen sollte. Nach den Zügen 30… Ta8-c8 31. Lc7-b6 Sc5-a4 32. Td6xe6 Sa4xb2 33. Te6xe5 Sb2-c4 packte Smyslov sein überragendes Können aus und gewann nach 34. Te5-e6 Sc4xb6 35. Te6xb6 Tc8xc3 36. Tb6xb7 Tc3-c2 37. h2-h4 letztlich im 52. Zug.

 

17. Anand – Topalov, Weltmeisterschaftskampf, 2. Partie, Sofia 2010
Stellung nach dem 14. Zug von Schwarz

Nach einer schrecklichen Niederlage in der 1. Partie des Weltmeisterschaftskampfes 2010 spielte Vishy Anand an dieser Stelle einen erstaunlichen Zug: 15. Db3-a3!?. Er begründete diesen Zug im Nachhinein damit, dass er in seiner Vorbereitung etwas verwechselt hatte und eigentlich zunächst das Zugpaar 15. Tf1-d1 Tf8-d8 einstreuen wollte, um dann die Dame nach a3 zu ziehen. Andererseits glaubte Anand erspäht zu haben, dass Topalov strategische Stellungen im Allgemeinen etwas schwächer als taktische behandeln würde und beschloss daher, diesen Zug zu riskieren. Nach dem zu erwartenden 15… De7xa3 16. b2xa3 steht Schwarz objektiv keineswegs schlecht, doch Topalov unterschätzte in den nachfolgenden Zügen das Potential der weißen Stellung: nach 16… Sd7-f6 17. Sc4-e5 Tf8-e8 18. Tc1-c2 b7-b6 19. La5-d2 Lc8-b7 20. Tf1-c1 Tb8-d8 hatte Weiß durchaus ernstzunehmende Kompensation. Topalov bot Anand nach den weiteren Zügen 21. f2-f4 La7-b8 22. a3-a4 a6-a5 23. Se5-c6 Lb7-c6 24. Tc2xc6 h7-h5 25. Tc1-c4 plötzlich mit dem impulsiven Zug 25… Sd5-e3? eine unverhoffte Chance an, die Anand prompt ausnutzte. Er führte die Partie nach 26. Ld2xe3 d4xe3 27. Lg2-f3 im 43. Zug auf meisterhafte Art zum Sieg. Ein absolutes Kuriosum ereignete sich gerade einmal fünf Tage später: in einer eigenen Partie von mir in der Vereinsmeisterschaft spielte ich frei nach Anand den Zug Db6-a6 in einer unklaren Stellung, die mir nach dem Damentausch ebenfalls Doppelbauern – und einen Sieg – einbrachte. Ich gebe unumwunden zu, dass ich in jener Partie ohne Anands Inspiration diesen Zug gar nie erwogen hätte!

 

18. Rogozenko – Morozevich, Istanbul 2000
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Diese Stellung mutet etwa ausgeglichen an: Weiß hat zwar noch nicht rochiert, wird aber dieses Versäumnis umgehend nachholen und sich einer soliden Stellung erfreuen. Der stets kreative und am Zug befindliche Alexander Morozevich fand hier jedoch mit den schwarzen Steinen einen kreativen Weg, die weißen Absichten zu durchkreuzen und seine minimale Initiative weiterhin am Leben zu erhalten. Er erkannte hier, dass Weiß wohl kaum rochieren würde, wenn sein Turm danach auf d2 eindringen könnte. Folglich machte er sich daran, die Verteidigungsfigur dieses Felds zu beseitigen und bot dafür im Gegenzug mit 21… Dh6-f6!! sogar eine ramponierte schwarze Bauernstruktur an. Das damit verbundene praktische Risiko nach 22. Dc3xf6 g7xf6 wird dadurch aufgewogen, dass Weiß nun keinen einfachen Weg hat, seinen Turm ins Spiel zu bringen. Es ist fraglich, ob Morozevich gegen die stärksten Engines heutiger Tage auch so gespielt hätte, aber für einen großmeisterlichen Gegner jenseits der 2500er-ELO-Marke reichte es tatsächlich zum Sieg. Stockfish wähnt zwar Weiß nach 23. Lf3-e2 minimal im Vorteil, doch Rogozenko spielte 23. h4-h5, um den Turm über h4 zu entwickeln. Dank seiner großartigen Technik konnte Morozevich seinen Gegner im 48. Zug tatsächlich erfolgreich zu Boden ringen. Tatsache ist, dass die meisten Normalsterblichen Morozevichs Zug überhaupt nicht erwogen hätten und diese sehr verpflichtende Entscheidung dadurch umso mehr zu schätzen wissen.

 

19. Botwinnik – Sorokin, Moskau 1931
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Diesen bemerkenswerten Moment Botwinniks auf dem Weg zu seinem ersten Titel eines Landesmeisters der UdSSR sollte man nicht übergehen. Mag sein, dass der von heutigen Engines vorgeschlagene Weg, hier etwa mit 20. Td2-c2 Dc5-a5 21. b2-b4 fortzusetzen, noch stärker erscheint, aber auch der von Botwinnik eingeschlagene Weg zielt darauf ab, den Bauer auf e5 unter starken Druck zu setzen. Der spätere Weltmeister erkannte hier, dass die einzig wirklich aktive gegnerische Figur die Dame ist, so dass nach deren Abtausch die Verteidigung erheblich erschwert werden würde. Er spielte daher völlig vorurteilsfrei 20. De2-e3! und nahm für das obengenannte Ziel sogar einen isolierten Doppelbauer in Kauf. Nach 20… Dc5xe3 21. f2xe3 stand Schwarz vor einem Dilemma, denn beispielsweise 21… Sf6-g4? würde nach 22. Td2-d6! bereits zu einer klaren Verluststellung führen. Andernfalls muss Schwarz aber den wackligen Bauer decken und sah sich auch nach der Partiefortsetzung 21… Lc8-g4 22. a4-a5! Sb6-c8 23. Td1-c1 mit Entfesselung des Springers vor große Probleme gestellt. Nach 23… Lg4xf3 24. g2xf3 war der vermeintliche Schaden in der weißen Bauernstruktur bereits ziemlich behoben, und außerdem kompensierte die Aktivität der weißen Figuren dieses leichte Manko allemal. Spätestens nach den weiteren Zügen 24… Sc8-e7 25. Sc3-d5 Se7-c6 26. Sd5xf6+ g7xf6 27. Td2-d7 Ta8-b8 28. Kg1-f2 wurde deutlich, dass das weiße Konzept Früchte trug. Schwarz spielte hier 28… Sc6xa5, worauf das Eindringen des zweiten Turms mit 29. Tc1-c7 für eine lange weiße Initiative sorgte, die der künftige Weltmeister im 55. Zug schließlich zum Sieg verdichtete.

 

Mattangriffe mit Damenopfer (Teil 1: Weltklassespieler)

 

20. Réti – Tartakower, Wien 1910
Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz

Dieses Paradebeispiel für ein Hinlenkungsopfer fehlt wohl in keinem Lehrbuch für Anfänger. Dass ein so starker Spieler wie Savielly Tartakower dennoch diese Stellung absichtlich angestrebt hatte, finde ich schon mehr als erstaunlich. Jedenfalls bestrafte Richard Réti hier seinen Gegner mit dem thematischen Opfer 9. Dd3-d8+!!, das dem Nachziehenden nach 9… Ke8xd8 10. Ld2-g5+ lediglich die Wahl überlässt, ob er mit 10… Kd8-e8 11. Td1-d8# oder alternativ wie in der Partie mit 10… Kd8-c7 11. Lg5-d8# mattgesetzt werden will.
Für aufstrebende, aber unerfahrene Jugendspieler ist dies übrigens nach wie vor kein einfaches (aber dafür umso lehrreicheres) Beispiel, denn in diversen Trainingssitzungen zeigte sich wiederholt, dass nur die wenigsten Spieler in der Lage waren, das Opfer zu finden.

 

21. Aljechin – Molina, Uhrenhandicap-Simultan, Buenos Aires 1927
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Obwohl er hier gleichzeitig gegen acht Gegner antrat und damit natürlich nur eine begrenzte Bedenkzeit zur Verfügung hatte, packte Aljechin hier den Hammer 25. Da4xa7!! aus. Zwar ist Schwarz nicht gezwungen, das Opfer anzunehmen, aber seine Stellung bliebe auch in diesem Fall kritisch. Molina beschloss aber, den Fehdehandschuh aufzunehmen und hoffte vielleicht auch darauf, dass Aljechin bei knapper Zeit nicht alles richtig berechnet hatte. Es ging also weiter mit 25… Td7xa7 26. Td2xd8+ Le7-f8 27. Le3xc5 h7-h6 28. Td8xf8+ Kg8-h7 29. Td1-d8! Dg6-b1+, worauf Schwarz nach 30. Kg1-h2 letztmalig durch Preisgabe seines Turms das Matt hätte verhindern können. Geholfen hätte ihm das allerdings nicht, denn nach 30… Db1-e4 wehrt die Zugfolge 31. Le3xa7 De4-f4+ 32. Kh2-h1 Df4-c1+ 33. Sf3-g1 ein potentielles Dauerschach ab. Molina zog stattdessen 30… Ta7-b7 und musste nach 31. Sf3-h4 aufgeben, denn 31… g7-g6 verliert nach 32. Le3-d4, während 31… g7-g5 an dieser schönen und sehenswerten Sequenz scheitert: 32. Tf8-h8+ Kh7-g7 33. Td8-g8+ Kg7-f6 34. Th8xh6+ Kf6-e5 (die Preisgabe der Dame wäre ebenfalls hoffnungslos) 35. Tg8-e8+ Ke5-f4 36. g2-g3#!
Übrigens hätte im 27… h7-h5 nichts geändert, denn nach 31. Sf3-h4 Kh7-h6 32. Lc5-e3+ g7-g5 33. Tf8-h8+! Kh6-g7 34. Th8-g8+! Kg7-h7 (oder 34… Kg7-f6? 35. Le3xg5+ Kf6-e5 36. Tg8-e8+) 35. Le3xg5 droht Matt in zwei Zügen. Auf 35… f7-f6 macht dann 36. Lg5xf6 Kh7-h6 37. Td8-f8! den Sack zu, zum Beispiel: 37… Db1-e4 38. Lf6-g5+ Kh6-h7 39. Tg8-h8+ Kh7-g7 40. Lg5-f6#.
Ob Aljechin jedes Detail im Voraus sah darf bezweifelt werden – vermutlich genügte ihm seine Intuition, um zu erkennen, dass der schwarze König dem Matt nicht entgehen kann. Faszinierend!

 

22. Bronstein – Geller, Moskau 1961
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

 

Diese Partie dürfte Efim Geller schwerlich zur Ehre gereichen, weil er die Sämisch-Variante im Nimzoinder hier ungewöhnlich schwach behandelte und sich rasch mit spürbaren Schwierigkeiten konfrontiert sah. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man vielleicht meinen, er wäre hier aus dem Gröbsten heraus, doch das genaue Gegenteil ist der Fall. David Bronsteins kraftvoller Schlusszug 20. Dd3-g6!! gehört sicherlich nach wie vor zu den schönsten Zügen, mit denen jemals eine Partie beendet wurde. Wegen Matts in spätestens zwei Zügen musste Geller sofort aufgeben.

 

23. Smyslov – Botwinnik, Weltmeisterschaft, 9. Partie, Moskau 1954
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Vasily Smyslov musste sicherlich in seiner Karriere schwierigere Entscheidungen als diese hier treffen, doch sein Damenopfer 19. Dd3xe4! krönte eine Partie, in der er dem amtierenden Weltmeister eine demütigende Niederlage zufügen konnte. Nach 19… d5xe4 20. Tb7-b8+ Ld7-c8 21. Lf1-b5+ musste Schwarz die Dame zurückgeben und zögerte den aussichtslosen Kampf mit einer Minusqualität noch bis zum 25. Zug hinaus. Sicherlich gibt es spektakulärere Beiträge in dieser Rubrik, aber dass sich selbst in einem WM-Kampf so berühmt gewordene Chancen auftun, ist schon bemerkenswert. Übrigens endete nicht einmal die Hälfte der 24 Partien in diesem ausgesprochen umkämpften Duell von 1954, das mit 12:12 endete, mit einem Remis!

 

24. Spassky – Korchnoi, Kandidatenfinale, 7. Partie, Kiew 1968
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Ob Magnus Carlsen diese Partie wohl kannte?! Jedenfalls ist die Ähnlichkeit mit seinem berühmt gewordenen Damenopfer gegen Karjakin [Nr. 3] verblüffend: Boris Spassky spielte hier nämlich 35. De3-h6+!! und zwang seinen Gegner Viktor Korchnoi wegen unvermeidlichen Matts zur sofortigen Aufgabe. Auf dieser Ebene jedenfalls eine Seltenheit!

 

25. Fischer – Sherwin, New York 1957
Stellung nach dem 30. Zug von Schwarz

Fischer hatte soeben mit 30. Tf1xf7 zugegriffen, worauf Schwarz erstaunlicherweise dank der weißen Grundreihenschwäche mit dem kaltblütigen Zug 30… h7-h5!! noch hätte weiterkämpfen können. Er wählte aber stattdessen das naheliegende Turmschach 30… Tc3-c1+?? und vertraute natürlich dabei darauf, dass nach 31. Tf7-f1+?? Kg8-h8 der weiße Turm gefesselt bleibt und Schwarz tatsächlich auf Gewinn stünde! So würde beispielsweise 32. Lc4-f7 mit 32… Dg5-f4 und sofortigem Exitus beantwortet werden.
Der blutjunge Bobby Fischer riss seinen Gegner aber mit 31. De2-f1!! aus allen Träumen. Es gibt kein Entrinnen für Schwarz, denn 31… Tf8xf7?? verbietet sich wegen des Turmschachs auf a8, während 31… Tc1xf1+? 32. Tf7xf1+ Dg5xd5 33. Tf1xf8+ Kg8xf8 34. e4xd5 auch keine Abhilfe schafft. Sherwin zog also 31… h7-h5 und hoffte hier sicherlich zurecht auf 32. Tf7xf8+??, was Weiß trotz des Doppelschachs und des Turmgewinns wieder an den Rand einer Niederlage brächte nach 32… Kg8-h7 33. Ta4-a3 Tc1xf1+ 34. Tf8xf1 Dg5-e5 35. Ta3-g3! (auf keinen Fall dagegen 35. g2-g3?? De5-b2 mit unabwendbarem Matt) 35… Sg4xh2 36. Kh1xh2 h5-h4. Nun sollte die Partie nach 37. Tf1-f3 h4xg3+ 38. Kh2-h3! remis enden, aber Weiß müsste immer noch achtgeben. So hätte beispielsweise 38. Tf3xg3?? nach 38… Kh7-h6 39. a2-a4 Kh6-h5 40. Kh2-h3 nach 40… De5-f4 missliebige Konsequenzen nach sich gezogen.
Dies ist jedoch alles (zugegebenermaßen faszinierende) Makulatur, denn Bobby umschiffte die Klippen souverän mit 32. Df1xc1!!, worauf Schwarz wegen der Option 32… Dg5xc1+ 33. Tf7-f1+ hätte aufgeben sollen. Wohl verwirrt von all den Abzügen tat er dies nach drei weiteren Zügen.

 

26. Petrosian – Pachman, Bled 1961
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Die schwarze Stellung macht bereits einen derart traurigen Eindruck, dass sie es Tigran Petrosian gestattete, ein Finale für die Ewigkeit aufs Brett zu zaubern: er opferte hier mit 19. Df3xf6+!! seine Dame, um dem gegnerischen König nach 19… Kg7xf6 20. Ld6-e5+ Kf6-g5 mit 21. Le5-g7!! den Rückzug abzuschneiden. Nach dem unvermeidlichen Bauernschach auf h4 im nächsten Zug lässt das Matt nicht mehr lange auf sich warten, weshalb Pachman den ästhetischen Wert des schönen Schlusszugs anerkannte und sogleich aufgab.

 

27. Tal – Suetin, Tbilissi 1959
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Für Tals Verhältnisse geradezu leichte Kost servierte er hier mit dem Damenopfer 20. Dh5xe5!!. Nach 20… d6xe5 21. e6xf7+ gab Suetin auf, denn der Königszug nach f8 gestattet Matt auf h6, während 21… Ke8-d7 22. Ld3-f5+ Kd7-c6 23. Lf5-e4+ Se7-d5 24. Le4xd5+ Kc6-d7 25. Le4xa8+ den Nachziehenden Haus und Hof kosten wird. Für den künftigen Weltmeister sicherlich eine bessere Fingerübung, aber die Zahl an Doppel- und Abzugsschachs ist schon umwerfend!

 

28. Gelfand – Shirov, Schnellpartie, Odessa 2007
Stellung nach dem 41. Zug von Weiß

Man könnte hier denken, dass Schwarz angesichts der Drohungen gegen f6 demnächst aufgeben muss, doch Alexej Shirov knallte hier, obwohl dies eine Schnellpartie war, einen Zug für die Ewigkeit aufs Brett: mit 41… Df2-f4+!! spielte er einen der mutmaßlich spektakulärsten Züge seiner Karriere (wenn nicht der gesamten Schachgeschichte) und erzwang den Übergang in ein gewonnenes Endspiel: 42. Tf5xf4 f6xg5# wäre ein schöner Schluss, aber auch nach der Partiefortsetzung 42. g3xf4 Lc5-f2+ 43. Dc3-g3 Lf2xg3+ 44. Kh4xg3 a2-a1=D 45. Tf5xf6+ Kg6-g7 konnte Gelfand nur noch zehn weitere Züge Widerstand leisten, da sich 46. Tf6xb6?? offensichtlich wegen 46… Da1-g1+ verbietet und der b-Bauer ansonsten zu viel Material kostet.
Bedauerlicherweise hätte auch der Alternativzug 41… a2-a1=D!! in der Diagrammstellung gewonnen, denn 42. Dc3xa1 verbietet sich wegen 42… Df2-f4+!!. Stattdessen führt aber auch der Zug 42. Tf5xf6+ nach 42… Df2xf6 43. Dc3xf6+ Da1xf6 44. g5xf6 Lc5-e3 sofort zum Matt.

 

29. Gelfand – Nakamura, Bursa 2010
Stellung nach dem 28. Zug von Weiß

Ein Garant heutiger Tage für kurzweilige Partien in schöner Regelmäßigkeit ist der amerikanische Großmeister Hikaru Nakamura. Hier erleben wir ihn wieder einmal in Aktion in seiner Lieblingsvariante, dem Mar-del-Plata-System der Königsindischen Verteidigung. In diesem absolut kompromisslosen Komplex ist das Gewicht jedes einzelnen Zuges oft so bedeutsam, dass ein einziger Fehltritt die Stellungsbeurteilung sofort in eine ganz andere Richtung ausschlagen lassen kann. In der Diagrammstellung hat Schwarz zwar derzeit eine Qualität mehr, doch der hängende Läufer auf h3 und der starke Freibauer auf c7 scheinen mehr als ausreichende Kompensation für Weiß zu versprechen. Nakamura hatte jedoch von langer Hand einen diabolischen Konter vorbereitet und präsentierte diesen nun mit 28… Dd8-d3!!. Die wegen des Matts auf g2 unverwundbare Dame greift nicht nur f3, sondern indirekt auch den Springer auf c4 an. Da die Variante 29. De1-f2 Lh3xf1 30. Df2xf1 Dd3xf1 31. Ta1xf1 Tg7xc7 Weiß nicht gefallen kann, entschied sich Gelfand für 29. Sc4xe5. Nakamura ließ jedoch stoisch die Dame mit 29… Lh3xf1! abermals hängen und profitierte nach 30. De1xf1 Dd3xc3 von dem Umstand, dass sich der Springer auf e5 plötzlich mitten auf dem Brett verheddert hatte und verloren gehen muss. Nach 31. Ta1-c1 Dc3xe5 hatte Gelfand das Matt zwar noch vermieden, doch nach 32. c7-c8=D Ta8xc8 33. Tc1xc8 De5-e6 musste er einsehen, dass ihn diese Operation schlicht eine Figur gekostet hatte und das Weiterspielen daher sinnlos wäre.

 

30. Radjabov – Bortnyk, Schnellpartie, Doha 2016
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Kommen wir schließlich noch zu einem der sehenswertesten Angriffe der jüngeren Vergangenheit. Der aserbaidschanische Großmeister Teimur Radjabov ließ hier trotz verkürzter Bedenkzeit eine grandiose Kombination vom Stapel, die man so schnell bestimmt nicht vergisst: 21. Dg5xh5+!! Lg4xh5 22. Lf3xh5+ Kf7-g8 23. Th1-g1+ Se8-g7 24. Tg1xg7+ Kg8-h8 25. Tg7xe7+ führte zu einer für Schwarz furchtbaren Zwickmühle, welche mit 25… Tf8-f6 26. Lb2xf6+ Kh8-g8 27. Te7-g7+ Kg8-f8 28. Tg7xh7! ausgebeutet wurde. Schwarz ließ darauf mit 28… Dc8-f5 das unumgängliche Matt zu und erkannte damit den besonderen Wert dieser Kombination an.

 

Tragische Patzer

 

31. Spassky – Fischer, Weltmeisterschaft, 5. Partie, Reykjavik 1972
Stellung nach dem 26. Zug von Schwarz

Rückblende: nach zwei Partien stand der im Zeichen des Kalten Krieges geführte Kampf um die Weltmeisterschaft 1972 zwischen Boris Spassky und Bobby Fischer kurz vor dem totalen Eklat. Nach dem haarsträubenden Fehler in der 1. Partie und diversen Klagen über zu laut surrende Kameras, störende Zuschauer und vieles mehr trat Fischer zur zweiten Partie erst gar nicht an. Ganz Sportsmann widersetzte sich Spassky aber den Weisungen des Politbüros, das seine Rückkehr nach Moskau forderte, und akzeptierte stattdessen Fischers im Grunde genommen untragbare Forderungen, um den Kampf fortzusetzen. Nach einigen Partien dürfte es Spassky gedämmert haben, welch schweren psychologischen Fehler er damit begangen hatte. Anders ist es kaum zu erklären, dass er sich in dieser für ihn heiklen, aber natürlich noch längst nicht verlorenen Stellung den unfassbaren Patzer 27. Dd3-c2?? leistete. Fischer antwortete natürlich mit 27… Ld7xa4! und zwang Spassky damit zur Aufgabe. Nach 28. Dc2xa4 Dg6xe4 würde die Doppeldrohung gegen g2 und e1 die Partie sofort entscheiden, zum Beispiel: 29. Kg1-f2 Sf4-d3+ 30. Kf2-g3 De4-h4+ 31. Kg3-f3 Dh4-f4+ 32. Kf3-e2 Sd3-c1#. Wenn die Dame aber auf ein anderes Feld zieht, um den Läufer gedeckt zu halten, tauscht ihn Schwarz einfach ab und sackt danach ersatzlos den zweiten Bauer auf e4 mit Gewinnstellung ein.
Kaum vorstellbar, dass Spassky unter gewöhnlichen Umständen ein derart grober Schnitzer unterlaufen wäre. So nahm das Verhängnis stattdessen seinen Lauf: aus den nächsten acht Partien nach der kampflos gewonnenen 2. Partie holte Spassky indiskutable anderthalb Punkte und geriet rasch in eine aussichtslose Lage, die in dem Verlust der berühmten 6. Partie gipfelte.

 

32. Deep Fritz – Kramnik, Match Mensch gegen Computer, 2. Partie, Bonn 2006
Stellung nach dem 34. Zug von Weiß

Vladimir Kramnik hat in seiner Karriere so ziemlich alles erreicht, was man erreichen kann, aber der zweifelhafte Makel des vielleicht berühmtesten Patzers aller Zeiten wird auch noch eine Weile an ihm haften bleiben. In dieser objektiv völlig ausgeglichenen Stellung musste Schwarz natürlich 34… Kh8-g8 ziehen und den weiteren Verlauf der Dinge abwarten. Stattdessen spielte Kramnik recht zügig 34… Da7-e3??, stand danach vom Brett auf und war sichtlich verwundert, dass der Computer diese vermeintlich starke Option so unterschätzen konnte. Als er wieder ans Brett zurückkehrte, sah er zu seiner Verwunderung die weiße Dame auf h7 stehen …
Diese bis heute unfassbare Episode ist schwer zu erklären: wäre Kramniks Zug straflos möglich gewesen, dann hätte er damit tatsächlich auf Gewinn spielen können. Welche Erklärung bietet sich einem aber dafür, dass ein Weltklassegroßmeister einen so elementaren Fehler begeht und ein einzügiges Matt zulässt? Ich denke, diese Episode zeigt nur eines: für einen Menschen jedenfalls ist kein Fehler unmöglich.

 

33. Anand – Ivanchuk, Blitzpartie, London 1994
Stellung nach dem 29. Zug von Weiß

Ein ähnlich spektakuläres und praktisch unentschuldbares Missgeschick unterlief auch Vasily Ivanchuk einmal. In dieser Blitzpartie gegen Anand war der Ukrainer keineswegs knapp an Zeit, überlegte fast eine halbe Minute lang (!) und zog dann das verlustträchtige 29… De4-f4+??, was ihn nach 30. Se5-f3 letztlich im 42. Zug die Partie kostete. Was diese Geschichte natürlich so unglaublich macht, ist dass jeder halbwegs geübte Spieler hier wahrscheinlich erkannt hätte, dass der Damenzug nach h1 stattdessen in einem Zug mattgesetzt hätte. Der Vorfall wurde zufällig sogar gefilmt und kann auf einem bekannten Videoportal angesehen werden. Ivanchuk schien noch nicht einmal zu ahnen, welch goldene Gelegenheit er verpasst hatte.
Der Fairness halber sei allerdings eingeräumt, dass sich Anand dreizehn Jahre später „revanchierte“: in der 38. und letzten Runde der Blitzweltmeisterschaft 2007 in Moskau trafen diese beiden punktgleichen Spieler wieder aufeinander – noch dazu würde der Sieger der Nachfolger von Alexander Grischuk als Weltmeister im Blitzschach sein. Anand verdarb dabei eine gewonnene Stellung mit zwei Mehrbauern und verlor, woraufhin Ivanchuk den Titel einheimste.

 

Der unsichtbare Damenzug

 

34. Kramnik – Leko, FIDE-Weltmeisterschaftskampf, 8. Partie, Brissago 2004
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Mit Computerhilfe hatten Kramnik und sein Sekundantenstab für diese Partie eine scharfe Variante des Marshall-Angriffs im Spanier ausgeheckt und analysiert. Dabei hatte Kramnik wie vorgesehen diese Stellung angestrebt und wurde nun von Lekos Zug 25… Dg6-d3!!, den er anhand von Lekos bisherigen Bedenkzeitverbrauch zu urteilen am Brett fand, kalt erwischt. Nun muss man ergänzen, dass anno 2004 die Engines natürlich noch nicht so stark waren wie heute und diesen Gewinnzug nicht erkannten – Lekos Gewinnzug war für die Engines sozusagen unischtbar geblieben! Dennoch bleibt mir diese Episode einigermaßen rätselhaft, denn selbst mit einem mittelprächtigen Zug wie 25… Le2xa6?! könnte der Nachziehende immer noch eine ordentliche Stellung behalten.
Lekos Zug gewinnt erstaunlicherweise forciert in allen Varianten: auf 26. Lb3-c4 könnte Schwarz beispielsweise 26… Dd3-e3+ 27. Kg1-g2 g5-g4! 28. f3-f4 Sf6-e4 29. a6-a7 De3-f2+ folgen lassen, denn nach 30. Kg2-h1 Se4xd2 31. a7-a8=D+ Kg8-g7 wäre Weiß ohne Verteidigung. Auch die Hauptvariante, bei der Leko die Verwandlung eines Bauern in eine Dame mit Schach gestattet, würde Kramnik nicht retten können: 26. a6-a7 Dd3-e3+ 27. Kg1-g2 Le2xf3+ 28. Sd2xf3 De3-e2+ 29. Kg2-g1 Sf6-g4. Nun gibt es zwei gleichermaßen unbefriedigende Optionen für Weiß: zum einen die Variante 30. Lc1-e3 Sg4xe3 31. a7-a8=D+ Kg8-g7 32. Sf3-h4 g5xh4 33. Da8xc6 h4xg3 34. h2xg3 Ld6xg3 mit unvermeidlichem Matt. Alternativ kann Weiß auch 30. a7-a8=D+ Kg8-g7 31. Da8xc6 De2-f2+ 32. Kg1-h1 Df2-f1+ 33. Sf3-g1 Sg4-f2# mit demselben Ergebnis wählen.
Kramnik versuchte in der Partie folglich 26. Kg1-f2, doch nach 26… Le2xf3! 27. Sd2xf3 Sf6-e4+ 28. Kf2-e1 Se4xc3! 29. b2xc3 Dd3xc3+ verlor Weiß seinen Turm und drei Züge später die Partie.
Die Lehre aus dieser Episode lautet jedenfalls, dass man nie leichtgläubig ausschließlich dem Computer vertrauen sollte!

 

Strategische Geniestreiche

 

35. Rubinstein – Lasker, Sankt Petersburg 1909
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Vor zwei Zügen stand noch ein weißer Turm auf a1, ein weißer Springer auf e3, ein schwarzer Läufer auf c6 und der schwarze Turm von e3 befand sich noch auf e8. Akiba Rubinstein verblüffte alle mit seiner Transformation der Stellung: es folgte 16. Ta1-c1! Te8xe3 17. Tc1xc6+! b7xc6, wonach die Diagrammstellung erreicht war. In dieser Stellung, die der große polnische Meister natürlich absichtlich angestrebt hatte, nahm er nun natürlich nicht auf e3 zurück, sondern zog stattdessen 18. Dd1-c1!!. Durch die Fesselung des Turms an die Dame wird Weiß unweigerlich sein Material nicht nur zurückbekommen, sondern auch noch einen gesunden Mehrbauer behalten. Auf die Option 18… Te3-e5 würde Weiß einfach auf c6 nehmen und anschließend auf e5 zugreifen. Lasker spielte daher 18… Td8xd4, doch nach 19. f2xe3! hingen bei Schwarz wieder zwei Bauern. Der amtierende Weltmeister Dr. Emanuel Lasker entschied sich dafür, lieber den f-Bauer zu behalten, doch nach 19… Td4-d7 20. Dc1xc6+ Kc8-d8 21. Tf1-f4! geriet er rasch in eine aussichtslose Lage, die Rubinstein im 40. Zug zum Sieg verdichtete. Beeindruckend ist vor allem Rubinsteins strategische Weitsicht, da er alle seine Ziele mit Hilfe eines kleinen taktischen Tricks erreichen konnte und entscheidenden Vorteil behielt.

 

36. Rubinstein – Capablanca, San Sebastian 1911
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Im vorigen Beispiel saß Rubinstein dem amtierenden Weltmeister gegenüber, während in diesem kaum weniger bekannten Beitrag zwei Jahre später ein zukünftiger Weltmeister sein Opfer werden sollte. Es ist gewiß ein merkwürdiger Zufall, dass in zwei der berühmtesten Partien des polnischen Meisters ein und derselbe Zug in einer scheinbar unklaren Stellung jeweils die Entscheidung zugunsten von Weiß herbeiführt: Rubinstein zog hier das von langer Hand geplante 17. Dd1-c1!! und profitierte dabei von den taktischen Besonderheiten der Stellung. Schwarz sollte 17… Td8xd5?? wegen 18. Dc1xh6, gefolgt von dem Läuferschach auf e6, klar verwerfen. Nach 17… Dh6xc1 18. Ta1xc1 würde der Läufer auf c5 hängen, während der weiße Springer auf d5 wieder nicht vom Turm geschlagen werden könnte. Nach Capablancas Zug 17… e6xd5 wurde deutlich, dass Rubinstein die entstehende Situation sehr akkurat eingeschätzt und berechnet hatte: es ging weiter mit 18. Dc1xc5 Dh6-d2 19. Dc5-b5 Sc6-d4 20. Db5-d3!. Damit behielt Weiß den Mehrbauer, da 20… Dd2xb2? wegen 21. Tf1-b1 ausscheidet. Der Kubaner musste also in den Damentausch einwilligen und verlor später im 42. Zug. Abgesehen von dem hohen ästhetischen Wert dieses Beitrags ist Rubinsteins Stellungsbehandlung gegen den isolierten Bauer bis heute praktisch als mustergültig zu bezeichnen und somit immer noch lehrreich.

 

37. Johner – Nimzowitsch, Dresden 1926
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

Diese Partie wurde wiederholt als die möglicherweise instruktivste Partie der Schachgeschichte bezeichnet. Dies lag daran, dass Nimzowitsch seine radikal neuen Ansichten zur Bekämpfung des Zentrums und eine völlig neuartige Qualität von positionellem Schach hier in Reinkultur präsentieren durfte. Nach heutigen Maßstäben verteidigte sich sein Gegner zwar nicht sonderlich gut, doch muss sich dabei stets vor Augen führen, dass all die Erkenntnisse aus dieser Partie, die uns heute so selbstverständlich erscheinen mögen, damals fundamentales Neuland darstellten und erst im Laufe der Zeit dank beeindruckender Siege wie diesem nach und nach anerkannt wurden. So gelang es Aaron Nimzowitsch in dieser Partie beispielsweise, das Prinzip eines blockierten Doppelbauern oder der Preisgabe des Läuferpaars zugunsten struktureller Vorteile mustergültig zu demonstrieren. In einer von vorne bis hinten lehrreichen Partie haben wir mit der Diagrammstellung den Höhepunkt erreicht. Der Zug, den der dänische Meister hier wählte, mag aus heutiger Sicht fast selbstverständlich wirken, doch damals kam er einer Offenbarung gleich: mit 16… Df5-h7!! stellte Schwarz seine Dame scheinbar passiv auf, doch der Gedanke dahinter erweist sich als vollkommen begründet. Schwarz möchte die Stellung verbessern, indem er seinen Springer auf das Feld f5 überführt, ohne dass dieser dabei mit g2-g4 belästigt werden kann. Nach den weiteren Zügen 17. a2-a4 Se7-f5 18. g2-g3 entkorkte Nimzowitsch einen weiteren Zug, der selbst huete wohl viele durchschnittliche Spieler noch überraschen würde, nämlich 18… a7-a5!. Der rückständige Bauer auf b6 fällt kaum ins Gewicht, da er sehr schwer anzugreifen und leicht zu decken ist, während Weiß einen sehr exponierten Bauer auf a4 behält, der ständig schutzbedürftig bleiben wird. Nach 19. Tf1-g1 folgte dann noch das thematische 19… Sf5-h6!, was wiederum das von Weiß beabsichtigte g3-g4 erschwert.
Nimzowtisch gewann diese großartige Partie im 40. Zug. Für die Erweiterung des eigenen Schachverständnisses stellt die Kenntis dieser Partie einen unverzichtbaren Schritt dar.

 

38. Lilenthal – Botwinnik, Moskau 1940
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Großmeister Andor Lilienthal gehörte ungefähr bis zum Ende des 2. Weltkriegs zu den stärksten Spielern seiner Zeit und konnte hier mithilfe eines unerwarteten Zuges auch den späteren Weltmeister Mikhail Botwinnik niederringen. In dieser Stellung ist die weiße Dame angegriffen; nach dem zu erwartenden 14. Dc2-b3 würde Schwarz 14… a7-a5 15. a2-a3 Sb4-a6 ziehen und den Springer via c5 demnächst wieder ins Spiel bringen können. Lilienthal hatte jedoch andere Pläne und spielte den scheinbar am wenigsten plausiblen Zug 14. Dc2-d2!!. Die Verstellung des eigenen Läufers fällt hier jedoch überhaupt nicht ins Gewicht, da dieser umgehend über b2 ins Spiel gelangen wird. Viel wichtiger ist der Umstand, dass Botwinniks Springer nun lange am Brettrand gestrandet bleiben wird und bei der Verteidung am anderen Flügel fehlen wird. Nach den weiteren Zügen 14… a7-a5 15. a2-a3 Sb4-a6 16. b2-b4 Le7-f6 17. Lc1-b2 hatte Weiß alles erreicht, wovon er in der Diagrammstellung geträumt haben musste. In einer bärenstark im Stile von Karpov geführten Partie gelang es Lilenthal, den auf a6 gestrandeten schwarzen Springer fast dauerhaft aus dem Spiel auszuschließen und im 43. Zug die Begegnung für sich zu entscheiden.

 

39. Portisch – Fischer, Santa Monica 1966
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

In dieser unschuldig anmutenden Stellung scheinen die nächsten Züge auf der Hand zu liegen: nach 11… Sb8-d7 12. Lf1-d3 Sd7-f6 13, De4-e2, gefolgt von der Läuferentwicklung nach a3 sollte Weiß bequemes Spiel und die etwas bessere Stellung haben. Wer mag es Portisch verdenken, dass er sich wohl dieses Szenario bereits in den schönsten Farben ausgemalt hatte? Stattdessen wurde er von Fischers schockierender Riposte 11… Dd8-d7!! brutal aus allen Träumen gerissen. Portisch hätte sich jetzt wohl oder übel auf 12. Lf1-d3 f7-f5 13. De4-e2 einlassen und den schwarzen Eckturm verschmähen sollen, auch wenn Schwarz danach keine nennenswerten Schwierigkeiten hat, mit 13… c7-c5 und bald folgendem Sb8-c6 das Spiel mindestens auszugleichen. Portisch konnte die Provokation aber nicht auf sich sitzen lassen, schwächte mit der Zugfolge 12. Lc1-a3 Tf8-e8 13. Lf1-d3 f7-f5 noch rasch die schwarze Stellung und griff dann mit 14. De4xa8 zu. Nach 14… Sb8-c6 15. Da8xe8+ Dd7xe8 sah er sich allerdings mit dem Problem des Doppelbauern konfrontiert, den er nach 16. 0-0 Sc6-a5 bereits preisgeben musste. Nach den weiteren Zügen 17. Ta1-e1 La6xc4! 18. Ld3xc4 Sa5xc4 dürfte es Portisch gedämmert haben, auf welchen Kuhhandel er sich eingelassen hatte: sein Läufer ist dem unvertreibbaren schwarzen Springer klar unterlegen, wonach seine Stellung jedweder Perspektive entbehrt. Fischer ließ seinen Gegner erwartungsgemäß nicht mehr vom Haken und siegte im 35. Zug.

 

40. Karpov – Gligoric, San Antonio 1972
Stellung nach dem 41. Zug von Schwarz

In dieser Stellung kämen wohl viele Spieler zu dem Ergebnis, dass Weiß aufgrund seines gewaltigen Raumvorteils besser stehen muss, aber ein Sieg – wenn überhaupt – noch in weiter Ferne liegt. Umso bemerkenswerter erscheint vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass die Partie bis zum weißen Sieg nur noch zehn Züge währen sollte und Gligoric dabei keinen nennenswerten Fehler beging. Der mutmaßlich stärkste Stratege des Schachspiels aller Zeiten, Anatoli Karpov, fand hier einen Weg, die schwarze Stellung weiter unter Druck zu setzen und navigierte seine Figuren dabei fast wie von Zauberhand auf ihre optimalen Felder. Er setzte hier nämlich mit 42. Dd1-g1!! fort, weil er auf c5 eine schwarze Bauernschwäche erspäht hatte. Nach 42… Sd7-b6 43. Th1-h2! Dc7-e7 44. Sd2-b3 Kd8-c7 45. Kf2-f3! Sb6-d7 bewies der spätere Weltmeister, dass sein 43. Zug nicht nur eine mögliche Verdoppelung auf der h-Linie antäuschte, sondern auch mit 46. a2-a3!! zu rechtfertigen war. Durch einen Turmschwenk auf der 2. Reihe kann dieser Turm nun auch anderweitig sinnvoll eingesetzt werden, während gleichzeitig unabhängig von der schwarzen Antwort Linien am Damenflügel geöffnet werden. Auf 46… b4xa3 47. Th2-a2 Th8-h4 48. Ta2xa3 Tg8-h8 49. Tc1-b1 Th8-b8 ließ Karpov mit 50. Dg1-e1! einen weiteren Damenzug auf der Grundreihe folgen – diesmal mit absolut tödlichen Konsequenzen, denn nach 50… Th4xg4 51. Kf3xg4 Lb7-c8 52. De1-a5+ musste Gligoric, sicherlich total perplex ob des schnellen Zusammenbruchs, die Waffen strecken.
Diese Partie demonstriert wieder einmal in puristischer Reinheit das Prinzip der zwei Schwächen, das häufig dann, wenn die besser postierte Seite über wesentlich mehr Raum verfügt, zum Tragen kommt
: eingeschränkt durch die geringere Mobilität wird der Verteidiger mit der Deckung von zwei Schwächen an entgegengesetzten Flügeln fast immer überfordert sein. Karpov ließ den Gewinn, den andere vergeblich gesucht hätten, mit seiner Spielführung so leicht aussehen …
Ich liebe diese Partie, denn mit welch feinen Mitteln die schwarze Stellung aus den Angeln gehoben wurde, beeindruckt mich immer wieder aufs Neue – das ist höchste Kunst!

 

41. Carlsen – Karjakin, Wijk aan Zee 2013
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Würde man die Namen der Kontrahenten nicht kennen, so wäre man leicht versucht, die Diagrammstellung als ausgeglichen zu bezeichnen. Viel fehlt dazu wahrlich nicht, denn auch die Engine sieht hier keinen Vorteil für den Anziehenden. Der stets findige norwegische Weltmeister hatte jedoch einen Plan ausgeheckt, um seinen Gegner weiter vor Probleme zu stellen und zog hier unerwartet 29. Dd1-h1!!. Der Damenschwenk in die Ecke des Bretts verstärkt die weiße Stellung minimal und zwingt Schwarz, Figuren mit der Deckung seines Springers zu betrauen. Nach 29… Lf6-e7 30. Kg2-g1 Te8-d8 31. Tc1-c2 Dd7-e6 32. Dh1-g2 Ta6-a7 33. Tb1-e1 Ta7-d7 verstärkte Carlsen die Stellung weiter mit 34. Kg1-h2 Td8-c8 35. Dg2-h3 De6xh3+ 36. Kh2xh3 und konnte mit dem Damentausch tatsächlich einen mikroskopischen Vorteil verbuchen, den er schließlich im 92. Zug zum Sieg führte. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Schwarz keine aktiven Pläne zur Verfügung standen, wählte Carlsen unter Ausnutzung der gesamten Dimension des Schachbretts einen zimelich langsamen, aber dadurch nicht weniger beeindruckenden Plan, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt.

 

42. Postny – Caruana, Aix-les-Bains 2011
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Tatsächlich ist jedoch nicht auszuschließen, dass diese zwei Jahre vorher ausgetragene Partie Pate stand für Carlsens Idee in seiner Partie gegen Karjakin. In einer Zeit, in der dank des Internets und Datenbaken unendlich viele frei verfügbare Informationen vorliegen, blieb dieser Kampf wegen des besonderen Manövers des Anziehenden in dieser Position sicherlich nicht unbeachtet – noch dazu gegen so ein Schwergewicht wie Fabiano Caruana.
Hier würde Weiß gerne seinen Turm auf einer der beiden offenen Linien einsetzen, doch das lukrative Feld b1 scheidet wegen einer Springergabel auf a3 aus, während das Feld d1 wegen des folgenden Tauschs und Springerverlusts ebenfalls vermint ist. Andere Einsatzmöglichkeiten für den Turm machen aber keinen Sinn, so dass Weiß scheinbar ein schwieriges Problem lösen muss. Großmeister Evgeny Postny zeigte sich dieser Aufgabe allerdings vollumfänglich gewachsen und zog hier 35. Dc2-b1!!. Der Sinn dieses Zuges leuchtet zunächst überhaupt nicht ein, doch nach 35… Td7-b7 36. Db1-h1!! wurde plötzlich deutlich, dass Weiß mit der Deckung seines Springers von h1 aus sein wichtigstes Problem gelöst hatte: nun kann der weiße Turm je nach schwarzer Antwort über b1 oder d1 ins Spiel gelangen und die Stellung erheblich verstärken. Nach dem pseudoaktiven, aber nutzlosen 36… Tb7-b2?! setzte Weiß mit 37. Ta1-d1 Tb2-b8 38. h3-h4! fort und siegte schließlich verdient im 47. Zug. 

 

Langfristige Damenopfer

 

43. Gusev – Auerbach, Tscheljabinsk 1946
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Dies ist vielleicht immer noch das beste Beispiel für ein langfristiges Damenopfer – ohne dieses Opfer wäre der Name des sowjetischen Meisters Juri Gusew sicherlich vergessen. Die meisten Schachspieler dürften diesen Namen auch so noch nie gehört haben, zumal sein Gegner hier nicht mit dem Großmeister Juri Averbach verwechselt werden sollte.
In der Diagrammstellung scheint Weiß vor massiven Problemen zu stehen, da er eine Qualität weniger hat und die Kompensation dafür scheinbar nicht ausreicht. Weiß war jedoch nicht auf den Kopf gefallen und zog hier das schockierende 24. Dd6xe5!!. Dieser Zug wird dadurch ermöglicht, dass das positionelle Übergewicht des Anziehenden danach so groß sein wird, dass sich Schwarz nicht aus dem Würgegriff wird befreien können. Die entsetzliche Stellung des Turms auf h8 sowie die ständige Mattdrohung auf f8 werden dafür sorgen, dass Weiß trotz des gewaltigen materiellen Rückstands am Drücker bleibt. Nach 24… f6xe5 25. Ta1-f1 ist der e-Bauer seltsamerweise tabu, da das Nehmen mit der Dame ein direktes Matt zuließe, während das Schlagen mit dem Turm nach der Fesselung durch den Läufer auf c4 auch nicht besser ausgehen würde. Auerbach spielte daher 25… Tc6-c8 und drohte mit der Vernichtung des störenden Bauern, die Weiß natürlich mit 26. Le2-d1! verhinderte. Mit 26… Tc8-c4 versuchte Schwarz, die brandgefährliche Diagonale zu blockieren, um auf 27. Ld1-b3 mit 27… b7-b5 fortzusetzen. Nach 28. Lb3xc4 b5xc4 29. b2-b3! war die weiße Dominanz zwar groß, aber selbst die langsame Bildung eines Freibauern sollte sich nur mühevoll als ausreichend zum Sieg erweisen.
Nach 29… a7-a5 30. b3xc4 De8-e7 31. Kg1-g2 beantwortete Weiß 31… De7-a3 mit 32. Tf1-f2 und profitierte nach 32… Da3-e7 33. Tf2-f1?! von dem Patzer 33… g6-g5??, der nach 34. Tf1-f5 verliert. Falls nun 34… De7-d8, so 35. c4-c5 Dd8-d2+ 36. Tf5-f2 Dd2-d8 37. c5-c6 mit erfolgreicher Überwindung des Blockadefelds c5. Schwarz spielte stattdessen 34… g5-g4 und gab aber nach 35. c4-c5 drei Züge später auf. Mit 33… De7-a3! wäre die Stellung aber ausgeglichen geblieben. Im 33. Zug hätte Weiß seinerseits jedoch stärker spielen können.
Weiß konnte den Gewinn stattdessen mit der höchst scharfsinnigen Variante 33. c4-c5!! De7xc5 34. Tf2-f7! Dc5-a3 35. Kg2-h1!! g6-g5! (oder 35…a5-a4? 36. Tf7-d7 und gewinnt) 36. Tf7-d7!! erzwingen, denn nach 36… Da3-c1+ 37. Kh1-g2 Dc1-b2+ 38. Kg2-g3 Db2xc3+ (oder 38… Db2-b8 39. Td7-g7+ mit Damengewinn) 39. Kg3-g4! muss Schwarz aufgeben. Diese lange Variante mit vielen schwierigen Zügen zu finden hätte aber auch sicherlich so manchen heutigen Großmeister überfordert, zumal der Wert des Damenopfers an sich durch dieses Versäumnis in keinster Weise geschmälert wird. So eine Kombination gelingt einem jedenfalls nur einmal im Leben!

 

44. Nezhmetdinov – Chernikov, Rostow am Don 1962
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

In dieser Stellung ist die Zugwiederholung 12. Dh4-h6 Lf6-g7 13. Dh6-h4 Lg7-f6 die normale Fortsetzung, da Weiß nicht gut 12. Dh4-g3? wegen 12… Da5xc3! mit für Schwarz stark vorteilhaften Vereinfachungen ziehen kann. Die Position galt daher praktisch als forciert remis. Meister Vladimir Voloshin, der ebenfalls an dem Turnier teilnahm, erzählt zu dieser Partie die Anekdote, dass Meister Chernikov gelangweilt im Turniersaal umherlief und sich wunderte, worüber Nezhmetdinov so lange grübelte und sogar noch spottete, dass es sich sein Gegner früher hätte überlegen müssen, wenn er auf Gewinn spielen wollte. In diesem Moment kam ein kleiner Junge auf Chernikov zugerannt und rief: „Onkelchen, Ihr Gegner opfert die Dame!“. Chernikov stürzte ans Brett und stand bis zum Ende nicht mehr auf, denn der gefürchtete tatarische Angriffsspieler Rashid Nezhmetdinov hatte nach 40 Minuten Bedenkzeit seinen ganzen Mut zusammengenommen und hier das unglaubliche 12. Dh4xf6!! gespielt!
Was den Wert dieser Partie noch erhöht, ist dass Chernikov den stärksten Zug 12… Sd4-e2+! wählte (nicht 12… Sd4xb3? wegen 13. Df6xe7! Sb3xa1 14. Sc3-d5 Da5-d8 15. Le3-d4! mit Gewinn) und erbitterten Widerstand leistete. Nach 13. Sc3xe2 e7xf6 14. Se2-c3 war der kritische Punkt der Partie erreicht: wie spätere Analysen zeigten, wäre hier 14… d7-d5! wohl der härteste Test für diese irre Strategie gewesen, wenngleich Weiß keineswegs auf d5 nehmen müsste, sondern auch 15. Le3-d4! ziehen könnte. Sei’s drum, denn Chernikov wählte 14… Tf8-e8, wonach die Engines zunächst auch keine Probleme für Schwarz sehen. Nach den weiteren Zügen 15. Sc3-d5 Te8-e6 16. Le3-d4 Kg8-g7 17. Ta1-d1 war das positionelle Übergewicht des Anziehenden allerdings so groß, dass er sich daran machte, mit nur zwei Leichtfiguren die schwarze Dame zu überflügeln. Sein Meisterwerk krönte Nezhmetdinov im 33. Zug mit einer genialen Kombination zum Sieg.
Jeder, der die drei berühmtesten Partien Nezhmetdinovs jemals gesehen hat (diese hier, die Partie gegen Polugajewsky 1958 und die Partie gegen Tal 1961 – siehe für beide Partien die Rubrik „100 berühmte Turmzüge“), dürfte sich ihrem Reiz kaum entziehen können.
Nezhmetdinov ist im Westen selbst heute vielen Spielern leider kein Begriff, denn außerhalb der Sowjetunion durfte der 1974 verstorbene Internationale Meister offenbar nicht antreten. Wer mehr über ihn erfahren will, findet eine ausgesprochen sehenswerte, dreiteilige englischsprachige Dokumentation über ihn auf einem bekannten Videoportal
.

 

45. Stein – Klovans, Leningrad 1963
Stellung nach dem 22. Zug von Schwarz

Hier erleben wir den ukrainischen Großmeister und dreimaligen Landesmeister der Sowjetunion auf dem Weg zu seinem ersten Titelgewinn. Gegen den lettischen Großmeister Janis Klovans riskierte er hier das Damenopfer 23. Db3xd5!!, das ihm neben einer bedrohlichen Turmstellung auf der 7. Reihe auch psychologische Vorteile einbringen wird. Nach 23… e6xd5 24. Te4xe7 ist hier für eine erschöpfende Analyse einfach kein Platz, da es zu viele verschiedene Möglichkeiten gibt. Computeranalysen heutiger Tage ergeben, dass 24… Db6-d8 wohl die stärkste Möglichkeit dargestellt hätte, doch ist dieser Rückzug zum einen schwierig auszuführen in psychologischer Hinsicht und zum anderen behielte Weiß selbst dann immer noch eine mindestens ausgeglichene Stellung, was übrigens auch nach anderen Fortsetzungen als dem Damenopfer zugetroffen hätte. Klovans wählte dagegen 24… Ld7-f5 und wurde langsam nach 25. Lf4-e5 Ta8-c8 26. c2-c3 d4xc3 27. b2xc3 überspielt, obwohl die Stellung objektiv immer noch ordentlich war. Die Verteidigung musste aber vermutlich in Zeitnot geführt werden, denn Stein siegte bereits im 36. Zug.

 

46. Fontaine – Vachier-Lagrave, Aix-les-Bains 2007
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Auch in der heutigen Zeit sind langfristige Damenopfer fest im Arsenal der Spitzenspieler verankert, wenngleich sich naturgemäß eher selten die Gelegenheit dazu bietet. In dieser Stellung scheint Schwarz in Schwierigkeiten zu sein, da nach dem Wegzug der Dame auf jedes Feld außer f8 (was den Turm gedeckt hält) der Einschlag auf f5 droht. Auch 23… Lg7-e5?? würde wegen 24. Df4xe5! keine Abhilfe schaffen und sofort verlieren. Der inzwischen zur Weltelite gehörende Großmeister hatte aber alles richtig gemacht, denn mit 23… Dc5xd5!! gab er dieser Partie fortan eine ganz andere Prägung. Nach 24. c4xd5 Lg7-e5 25. Df4-c1 Le5-h2+ 26. Kg1-h1 machte der naheliegende Zug 26… Tc8-h8 schnell deutlich, dass Schwarz den Ton angibt und jederzeit das Remis forcieren kann, wenn er plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen sollte. Danach stand Vachier-Lagrave aber keineswegs der Sinn, denn es ist ausschließlich der Anziehende, der hier bei jedem Zug auf verborgene Fallstricke achten muss. Anstelle des einfacheren 27. e2-e3 wählte Fontaine hier 27. Dc1-c4?!. Nach einer eingestreuten Stellungswiederholung zwecks Zeitgewinn auf der Uhr spielte der Franzose zwei Züge später das scharfsinnige 29… b7-b5!. Fontaine erkannte die Tücke des Objekts nicht und griff nichtsahnend mit 30. Dc4xb5? zu. Nach 30… e4-e3! 31. Lg2-f3 Sg4xf2+ 32. Tf1xf2 e3xf2 33. Kh1-g2 Lh2-g1 wurde deutlich, weshalb Weiß im 30. Zug den angebotenen Bauer hätte verschmähen und stattdessen 30. Dc4-c6 hätte ziehen sollen: in diesem Fall würde jetzt der Bauer auf c7 mit Schach hängen. So hingegen musste Fontaine nach 34. Db5-c6 Th8-h2+ 35. Kg2-g3 f2-f1=S+!! 36. Kg3-f4 Th2-h4+ 37. Kf4-g5 Lg1-e3+!! 38. Kg5xh4 g6-g5+ 39. Kh4-h5 Sf1-g3+ einem grausamen, aber sehenswerten Matt ins Auge sehen, das er sich leider nicht mehr zeigen ließ. Der Partieschluss hätte natürlich 40. Kh5-h6 g5-g4# gelautet. Ob Vachier-Lagrave die Partie auch ohne den weißen Schnitzer im 30. Zug gewonnen hätte, bleibt allerdings fraglich.

 

47. So – Ding Liren, Bilbao 2015
Stellung nach dem 32. Zug von Schwarz

   

In einer (wieder einmal) haarsträubend unausgewogenen Stellung in der berühmt-berüchtigten Mar-del-Plata-Variante des Königsinders hatte Wesley So gerade eben 32. Dc6-e8+ Kg8-g7 geschehen lassen und dabei auf das Damenopfer 33. De8xd8!! gesetzt. Nach der forcierten Abwicklung 33… Th8xd8 34. Tc1xc7+ musste Schwarz mit 34… Lc8-d7 eine weitere Figur geben, um den Verlust der eigenen Dame zu verhindern. Nach 35. Tc7xd7+ Td8xd7 36. Lb5xd7 hatte Weiß nicht nur drei Leichtfiguren für die Dame, sondern auch endgültig Ruhe am Königsflügel nach 36… g4xh3 37. Kg1-h2. Der philippinische Meister musste allerdings noch lange für den Punkt arbeiten, denn die zwei schwarzen Mehrbauern werden zwar nicht ewig zu halten sein, doch ihre Rückeroberung kostet Zeit und wird die weiße Koordination etwas stören. Wesley So zeigte sich der Aufgabe allerdings gewachsen und gewann diese selten schöne Partie im 60. Zug.

 

48. Firouzja – Karthikeyan, Xingtai 2019
Stellung nach dem 9. Zug von Weiß

In diesem faszinierenden Duell zweier aufstrebender junger Shootingstars ist scheinbar noch nicht viel passiert, zumal sich heutzutage kaum eine Stellung denken lässt, die nach gerade einmal neun Zügen nicht ausführlich analysiert wäre. Den nächsten Zug des Nachziehenden dürfte der iranische Jungstar allerdings kaum auf dem Schirm gehabt haben, denn sein indischer Gegner opferte hier völlig unerwartet mit 9… Da5xc3+!! die Dame. Der objektive Wert des Zuges mag schwer zu beurteilen sein, aber der psychologische Faktor überwiegt hier klar. Anstatt sich auf der heimischen Analyse ausruhen zu können, muss Weiß fortan bei jedem Zug eigenständige und teils schwierige Entscheidungen treffen. Nach 10. b2xc3 d4xe3 stand bereits die erste Feuerprobe an: soll Weiß mit 11. Lf1-d3 den Eindringling ignorieren, lieber den Störenfried auf e3 beseitigen und damit seine Bauernstruktur völlig ruinieren oder stattdessen vorbeiziehen und den Bauer später erobern? Firouzja entschied sich hier für 11. f2-f3? und sollte diese Entscheidung schon bald bereuen. Nach 11… Sf6-h5 12. Dd1-c1 hielt Schwarz den Bauer mit 12… Lg7-h6 fest und hatte nach 13. g2-g4 Sh5-f4! prächtiges Gegenspiel auf den geschwächten schwarzen Feldern. Der indische Großmeister gewann dieses sehenswerte Duell tatsächlich im 52. Zug.
Weiß hätte im 11. Zug unbedingt 11. Lf1-d3 ziehen und 11… e3xf2+ zulassen sollen. Aufgrund der statischen Bauernstruktur mit besten Blockadeaussichten für Schwarz auf den Feldern c5 und e5 hätte es Weiß sicherlich nicht leicht, Fortschritte zu erzielen, aber wenigstens liefe er kaum Gefahr, die Partie zu verlieren. Firouzja wollte die dreiste Idee seines Gegners aber wohl widerlegen, spielte auf das Maximum und verlor dabei alles.

Die Risikobereitschaft heutiger Topgroßmeister ist angesichts exzessiver Vorbereitung offenbar ausgeprägter denn je, wenn es darum geht, Gewinnchancen zu generieren – ein besserer Beleg als diese rassige Partie ließe sich dafür kaum finden.

 

49. Caruana – Nakamura, London 2016
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

In dieser ultrascharfen Stellung aus dem Najdorf-Sizilianer entwickelte sich ein faszinierendes theoretisches Duell: als entscheidend erwies sich dabei letzten Endes, dass Nakamura die Fortsetzung 19. Df4xf6!! Le7xf6 20. Sc3-d5 Dc7-d8 sicherlich noch analysiert und darauf das Abspiel 21. Sd4-c6 Lc8xg4 22. Sc6xd8 erwartet hatte, das auch die Engines anzeigen und als praktisch ausgeglichen bewerten. Es folgte aber der wirklich herausragende Clou der Kombination mit 21. Sd4-f5!! – eine Fortsetzung, die offenbar von Caruanas Sekundant Rustam Kasimdzhanov vorgeschlagen und daraufhin analysiert worden war.
Für eine erschöpfende Analyse ist hier kaum der richtige Platz, doch trotz nur zweier Figuren für die Dame scheint Weiß gewinnbringenden Vorteil zu erlangen. Wenn Schwarz den kecken Eindringling mit 21… Lc8xf5 eliminiert, dann verliert er bald jedwede Kontrolle über die Stellung nach 22. Lg4xf5 Ta8-b8 (verhindert die Drohung 23. Le3-b6) 23. Td1-d3 oder auch 23. c2-c4!. Die schwarzen Figuren stünden dann entsetzlich passiv, und auch der schwarze König wird nirgends eine sichere Bleibe finden können.
Nakamura ließ daher den Verlust des d-Bauern mit 21… Ta8-b8 22. Sd5xf6+ Dd8xf6 23. Td1xd6 zu und geriet nach 23… Lc8-e6 24. Th1-d1 0-0 25. h4-h5 in einen starken Angriff, den Caruana im 32. Zug zum Sieg führte. Sicherlich muss diese Partie zu den besten des vergangenen Jahrzehnts gezählt werden, zumal menschliches Denken diesmal sogar den Computer überlistete.

 

50. Krogius – Stein, Kiew 1960
Stellung nach dem 30. Zug von Weiß

In dieser scharfen Stellung erhebt sich die Frage, ob der schwarze Angriff die Preisgabe einer ganzen Figur rechtfertigen kann. Naheliegend erscheint es, sich einfach mit 30… Le6xd5+? das Material zurückzuholen, doch nach 31. Sc3xd5 De5xd5+ 32. Le2-f3 Dd5xa2 33. Th1xh7!! Tf7xh7 34. De1-e5 sieht der Computer die weiße Stellung als klar gewonnen an. Auch nicht besser wäre übrigens 30… f4-f3+? 31. Le2xf3 De5xe1 32. Th1xe1 Tf7xf3 33. Te1xe6 Tf3-f2+, da Weiß lediglich die gewinnbringende Idee 34. Kg2-h1 Tf8-f3 35. Ld2-e3! finden müsste. Es scheint offenbar nicht gut auszusehen für Schwarz, doch Leonid Stein sollte hier gleich eine beeindruckende Visitenkarte seines Könnens abgeben, die man so schnell nicht vergisst …
Der Ukrainer hatte etwas anderes ausgeheckt und spielte stattdessen einen Zug, mit dem Krogius bestimmt nicht gerechnet hatte: 30… De5xe2+!!. Der verdutzte Weißspieler nahm schließlich mit 31. De1xe2 zurück, worauf 31… f4-f3+ 32. De2xf3 Tf7xf3 zu einer besseren Stellung für Schwarz führte – erst recht, nachdem Weiß hier anstelle des besseren 33. Ld2-e1 zu dem fehlerhaften 33. Th1-f1? griff, worauf 33… Lc8xg4 bereits eine Gewinnstellung ergab.
Somit blieb das Meiste hinter den Kulissen, denn die wichtigere Frage, die sich erhebt, ist natürlich diejenige nach den Konsequenzen, wenn Weiß mit dem Springer genommen hätte. Auf 31. Sc3xe2 Le6xd5+ 32. Kg2-f1 Ld5xh1 (nicht jedoch 32… f4-f3? 33. Se2-d4 Lc5xd4 34. Ld2-e3, weil auf 34… f3-f2 35. De1-b4 Ld5xh1 36. Db4xd4 möglich ist) entsteht eine schwer zu beurteilende Stellung, die Weiß wohl wegen der in der Luft liegenden Drohung 33… f4-f3 verwarf. So einfach liegen die Dinge jedoch nicht, selbst wenn Weiß natürlich bei jedem Zug ungeheuer aufpassen muss. Es scheint, dass sich Weiß hier erfolgreich mit 33. Le1-b4! f4-f3 34. Lb4xc5 verteidigen kann, denn nach 34… f3xe2+ 35. Kf1xe2 Tf8-e8+ 36. Lc5-e3 Lh1-f3+ 37. Ke2-d3 entwischt der weiße König. Ob Weiß nach diesem Schock all dies jedoch hätte finden können bleibt fraglich, zumal der Wert des phantastischen Opfers dadurch nicht geschmälert wird.

 

Mattangriffe mit Damenopfer (Teil 2: Sonstige Spieler)

 

51. Colborne – Blackburne, Hastings 1892
Stellung nach dem
15. Zug von Weiß

Joseph Blackburne, einer der stärksten Spieler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, erspähte hier eine gewinnbringende Kombination, die angesichts eines genialen doppelten Damenopfers absoluten Seltenheitswert bis in alle Ewigkeit genießen dürfte: er präsentierte seinem sicherlich geschockten Gegner hier die Folge 14… Df6-a6!! 15. g2-g4 Da6xa2!! 16. Ld2-e3 Lg7xc3!. Weiß gab auf, denn gegen das baldige Matt ist nichts mehr zu erfinden. Dass der Läufer auf c4 gleich zweimal die Dame auf verschiedenen Feldern nicht schlagen durfte, mutet absurd an!

 

52. Janowski – Sämisch, Marienbad 1925
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Die schwarze Stellung sieht zugegebenermaßen verdächtig aus, aber dass nur ein weiterer Zug genügen würde, um Schwarz zur Aufgabe zu veranlassen, ist schon erstaunlich: 20. De3-h6!!. Nach dem erzwungenen 20… f7-f6 (dagegen würde 20… f7-f5 nach 21. Ld3-c4+! ein rasches Matt gestatten) setzt Weiß mit 21. Dh6-h7+ Kg8-f7 22. Le5xd6 Ta8-e8+ 23. Ke1-f1 Dc7xd6 24. Ld3-g6+ und klarem Gewinn fort. Schwarz bevorzugte daher die sofortige Kapitulation.

 

53. Kotov – Bondarevsky, Leningrad 1936
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Der hierzulande nur wenig bekannt gewordene Großmeister Igor Bondarevsky gehörte in den 1940er-Jahren zur Weltelite des Schachs, widmete sich auch später erfolgreich dem Fernschach und war ein gefragter Sekundant für spätere Weltmeister. Hier dürfte er wohl die schönste Partie seines Lebens gespielt haben, die er auf angemessene Weise mit 25… Df2xd4+!! 26. Kd3xd4 Ld6-c5+ 27. Kd4-d3 Sd7xe5# sehenswert krönte. Ein solches Matt mitten auf dem Brett nur mit Leichtfiguren erlebt man auch nicht alle Tage!

 

54. Simagin – Abramson, Moskau 1960
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Für Kenner der Drachenvariante des Sizilianers genügt hier sicherlich schon ein flüchtiger Blick, um zu erkennen, dass beim Nachziehenden etwas gewaltig schiefgelaufen sein muss. Er hinkt mit seinem Angriff deutlich hinterher, doch wie schnell es nun abwärts gehen würde, dürfte ihn dann doch überrascht haben. Vermutlich würde Weiß mit 22. g2-g4 auch bequem gewinnen, müsste aber nach 22… b4-b3 doch noch mehr rechnen als in der Partie. Vladimir Simagin präsentierte hier seinem Gegner stattdessen ein Tauschangebot der ungewöhnlichsten Sorte, indem er hier mit 22. Dd2-h6!! seine Dame für den feindlichen Fianchettoläufer preisgab. Beginnend mit dem Damenschach auf h8 droht Weiß nun ein dreizügiges Matt, so dass das Nehmen erzwungen ist – die einzige Alternative 22… e7-e5 würde nach 23. d5xe6! nur Zugumstellung ergeben. Abramson griff also mit 22… Lg7xh6 zu, worauf 23. Th4xh6 die Mattdrohung erneuerte. Zwecklos wäre nun 23… Kg8-f8 wegen 24. Th6-h8+ Sf6-g8 25. Th8xg8+. Die einzig wirkliche Verteidigung in Form von 23… e7-e5 24. d5xe6 Da5-e5 hätte nach 25. Ld4xe5 d6xe5 26. g2-g4 allerdings auch zu einer klaren Verluststellung geführt. Abramson versuchte in der Partie daher noch 23… g6-g5, wurde aber nach 24. Th6-h8+ Kg8-g7 25. Th1-h7+ Kg7-g6 26. Lc4-d3+ Sf6-e4 27. Ld3xe4+ im nächsten Zug mattgesetzt. Gut vorstellbar, dass Schwarz nach dem 22. Zug von Weiß vom Stuhl fiel!

 

55. Rossolimo – Reissmann, Puerto Rico 1967
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Großmeister Nicolas Rossolimo, nach dem heute der 3. Lb5-Variantenkomplex des Sizilianers benannt ist, spielte hier in totaler Gewinnstellung einen der denkwürdigsten Züge der Schachgeschichte, der gewissermaßen auf den Spuren von Frank Marshalls berühmtem Damenopfer [Nr. 1] wandelt. Dass man einfach, wie Rossolimo es hier tat, seine Dame ungestraft auf ein gleich von zwei gegnerischen Bauern gedecktes Feld ziehen darf, erweist sich wahrhaftig als höchst seltene Begebenheit. Nach 22. Dg4-g6!! kann die weiße Dame wegen baldigen Matts auf h3 nicht geschlagen werden, doch auch der letzte Verzweiflungsversuch von Schwarz mit 22… Dc7-c2 konnte wegen 23. Ta3-h3!, was die Dame abermals hängen lässt, nichts mehr daran ändern. Schwarz sah sich folglich zur sofortigen Aufgabe genötigt.

 

56. Szmetan –  Garcia Gonzalez, Malaga 1976
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Die weiße Stellung sieht gewinnträchtig aus, doch die stärkste Option ist ziemlich gut versteckt. Der Anziehende packte jedoch einen wahrhaftig grandiosen Zug aus, der zugleich die stärkste Option darstellt: 22. De2-h5!! ist ein echter Knaller. Schwarz zog darauf zunächst 22… Sc5-d3+, um ein Tempo für die Verteidigung zu gewinnen. Nach 23. Kc1-b1! g6xh5 24. g5xf6+ Kg7-h8 könnte man den Eindruck gewinnen, dass dem weißen Angriff wegen 25. f6xe7+ Sd3-e5 die Puste ausgeht, doch es folgte trocken 26. e7xf8=D+ Ta8xf8 27. Th4xh5. Schwarz ist hier verloren, wählte aber einen letzten Schwindelversuch, der in einer Blitzpartie möglicherweise tatsächlich noch funktioniert hätte. Weiß hatte aber genügend Bedenkzeit übrig, um zu erkennen, dass auf das scharfsinnige 27… Tf8xf2!? das simple 28. Ld4xf2 den Sack zumacht.
Schwarz gab auf, doch was für ein Opfer hatte Weiß da ausgepackt!

 

57. Malinin – Savinov, Leningrad 1988
Stellung nach dem 14. Zug von Schwarz

Einen der unglaublichsten Züge, die ich je gesehen habe, packte Weiß in dieser zweischneidigen Stellung aus: er opferte hier aus heiterem Himmel mit 15. Dc2xg6!? die Dame! Schwarz muss das Opfer annehmen, denn nach beispielsweise 15… Sd5xe3 wird die ganze Angelegenheit rasch mit 16. Lh3-e6!! f7xe6 17. Th1-h7 Se3-f5 18. Sf3-g5 Sd7-e5 19. Th7-h8+! effektvoll zugunsten von Weiß entschieden. Schlägt das Opfer aber wirklich durch? Im Grunde genommen ist diese Frage überflüssig, denn mit 15. Lh3-e6!! hätte Weiß stattdessen sofort klar gewinnen können. Psychologisch gesehen ist das Opfer natürlich ein Albtraum für Schwarz, aber immerhin besser als nach dem korrekten 15. Lh3-e6!! sofort zu verlieren.
Schwarz griff also mit 15… f7xg6 zu und hatte nach 16. Lh3-e6+ Kg8-f8 17. Sc3xd5 Tb8xb2 riesige Probleme mit der Koordination seiner Figuren, was durch 18. Sf3-g5 noch zusätzlich unterstrichen wurde.
Allerdings fällt es schwer zu glauben, dass eine einzige Figur wirklich ausreichenden Gegenwert für die Dame darstellen sollte. Schwarz hätte hier mit 18… Dd8-a5+! 19. Ke1-f1 Te8-d8! 20. Sd5-f4 Sd7-e5 alle Gefahren um seinen König abwenden und die Partie gewinnen können. Er spielte in Wirklichkeit aber 18… Sd7-f6? und ließ 19. Sd5-f4! zu, wonach die Bewertung des Computers um ganze sechs Bauern nach unten schnellt. Schwarz hat zwar noch immer Vorteil, kam aber mit dem irrationalen Charakter der Stellung gar nicht zurecht und verlor tatsächlich noch im 36. Zug.

 

58. Ftacnik – Cvitan, Deutschland 1997
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Wieder einmal brennt das Brett in der scharfen Mar-del-Plata-Variante der Königsindischen Verteidigung – und vermutlich wähnte sich Weiß hier in Sicherheit, denn er hatte folgende Variante berechnet: 24… Sh7-g5 25. Kg2-h1! Dh4-h3 26. Tf1-f2 Sg6-h4 27. Le2-f1 mit Widerlegung des schwarzen Angriffs, zumal auch 26… g3xf2 an den zu starken weißen Freibauern nach 27. Lg1xf2 scheitert.
Großmeister haben ja öfters Nerven aus Stahl, weshalb ich mir gut vorstellen könnte, dass dem sympathischen slowakischen Großmeister trotz der prekären Situation seines Königs gar nicht bange war, da er doch alles genauestens berechnet hatte. Sein Gegner, der kroatische Großmeister Ognjen Cvitan, hatte jedoch eine diabolische Riposte vorbereitet und zog hier für Ftacnik völlig unerwartet 24… Dh4-h3+!!. Der Rückzug des Königs würde ein einzügiges Matt zulassen, doch nach 25. Kg2xh3 Sh7-g5+ 26. Kh3-g2 Sg6-h4+ wäre das Ergebnis dasselbe gewesen, wenn Ftacnik hier nicht aufgegeben hätte.

 

59. Bischoff – Nogueiras, Havanna 1998
Stellung nach dem 37. Zug von Schwarz

Je mehr man sich der heutigen Zeit annähert, desto seltener scheinen solche raren Fundstücke zu werden. Obwohl die Zahl der gespielten Partien inzwischen ein Vielfaches gegenüber früher beträgt, ist der Spielstärkeunterschied zwischen den jeweiligen Kontrahenten meist längst nicht mehr so groß, zumal auch die Verteidigungskünste besonders signifikant verbessert wurden.
Klaus Bischoff, hierzulande durch jahrelange Tätigkeit als Kommentator bestens bekannter Großmeister, bot sich hier jedenfalls die einmalige Gelegenheit, einen Zug für die Ewigkeit zu spielen. Hier droht Schwarz zwar mit einem Turmopfer auf a1, doch der am Zuge befindliche Anziehende schlägt zuerst zu. Den nächsten Zug konnte Jesus Nogueiras allerdings kaum vorausgeahnt haben, denn 38. Df5xh7+!! ist eine Überraschung ersten Ranges, zumal Schwarz mit der Dame und gleichzeitigem Schachgebot zurücknehmen kann. Dennoch steht Weiß nach 38… Da7xh7+ 39. g5-g6 vollkommen auf Gewinn. Nogueiras gab nach 39… Lb3-a2+ 40. Kb1-c1 bereits auf (oder er überschritt vielleicht die Bedenkzeit), denn auf das nun forcierte 40… Ta3-a7 41. g6xh7+ Kg8xh7 42. Tg1-g7+ Ta7xg7 43. h6xg7+ Kh7-g6 44. Th1-f1 schätzte er seine Rettungschancen wohl zurecht als unzureichend ein.

 

60. Milman – Fang, Foxwoods 2005
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Die Kleinstadt Foxwoods im US-Bundesstaat Connecticut richtet seit vielen Jahren ziemlich regelmäßig ein stark besetztes Open aus, an dem selbst schon so illustre Spieler wie Hikaru Nakamura oder Ilya Smirin teilgenommen haben.
Der Internationale Meister Lev Milman dürfte hier 2005 die Partie seines Lebens gespielt haben. In dieser unbedingt von vorne bis hinten sehenswerten Begegnung krönte er sein Meisterwerk mit dem nicht gerade alltäglichen Damenopfer 29. Dg4-g6+!! und setzte Schwarz nach 29… f7xg6 30. h5xg6+ Kh7-g7 mit 31. Th1-h7 matt. Erstaunlicherweise war das neuralgische Feld g6 nicht weniger als dreimal gedeckt, doch es half dem Nachziehenden alles nichts!

 

61. Amonatov – Timofeev, Moskau 2007
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Erstaunliche Parallelen zum vorigen Beispiel drängen sich auf, denn wieder einmal opferte der Anziehende im 29. Zug seine Dame auf dem kritischen Feld g6! Nach dem sehenswerten Opferzug 29. Dg2-g6+!! setzte der tadschikische Großmeister Amonatov seinen Gegner forciert mit 29… Se5xg6 30. h5xg6+ Kh7xg7 31. Le3-h6+ Kg7-f6 32. Td1-f1+ Lb6-f2 33. Tf1xf2# matt.

 

62. Narciso Dublan – Bernadskiy, Lorca 2019
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Einen wahren Opferreigen krönte der ukrainische Großmeister Vitali Bernadskiy in dieser Partie, als er seinem bemerkenswerten Geniestreich mit 25… Dg5xg2+!! die schillernde Krone aufsetzte. Nach 26. Kf1xg2 Te4xe1+ 27. Sf2-e4 Lb7xe4+ 28. Kg2-g3 Te1-g1+ gab Weiß wegen des unvermeidlichen Matts auf.

 

Verteidigung und Gegenangriff

 

63. Kavalek – Polugajewsky, Havanna 1966
Stellung nach dem 26. Zug von Weiß

Es fällt nicht schwer, sich hier auszumalen, dass Großmeister Lubomir Kavalek höchstwahrscheinlich die Aufgabe seines Gegners erwartete, da es bis zum Matt nur noch wenige einfache Züge zu sein scheinen. Nach Polugajewskys traumhafter Riposte 26… Dc5-f2!! dürfte Weiß hingegen aus allen Wolken gefallen sein! Die weiße Dame hängt – und Schwarz fällt nichts Besseres ein als seine eigene Dame auch noch preiszugeben?! Diese gleichzeitige Todessehnsucht zweier Damen dürfte jedenfalls auf diesem Niveau ziemlich einmalig in der Schachgeschichte sein! Da Schwarz nun einfach droht, auf f4 mit Schach und anschließend auf g6 zu nehmen, kann Weiß den kecken Eindringling nicht einfach ignorieren und musste sich folglich nach 27. Tf4xf2 h7xg6 auf ein langwieriges Endspiel einlassen, das nur leicht besser für ihn ist – etwas stärker wäre aber wohl 27. Dg6xh7+! gewesen. Weiß kam mit der unerwarteten Wendung der Geschehnisse allerdings gar nicht zurecht: der Traum von einem vermeintlich schnellen Sieg war geplatzt, weshalb es nicht verwundert, dass Kavalek die Partie im 46. Zug schließlich zum Remis verdorben hatte.
Fast zwangsläufig blieb Polugajewskys Tiefschlag nicht ohne Wirkung – nicht immer triumphiert der Angriff, sondern manchmal eben auch die Verteidigung!

 

64. Rusakov – Verlinsky, Moskau 1947
Stellung nach dem 9. Zug von Weiß

Man kann sich gut vorstellen, dass der Anziehende hier kein bisschen besorgt war: schließlich hat er eine Figur mehr und wird gleich den lästigen Bauer auf b2 beseitigen. Diese Partie ist jedoch mit Recht eine der bekanntesten Kurzpartien aller Zeiten, denn der spektakuläre Zug, den Schwarz hier folgen ließ, dürfte Weiß den Schock seines Lebens versetzt haben: 9… Dd8-e7!!. Mit dieser von Weiß natürlich überhaupt nicht in Betracht gezogenen Verteidigung erlangt Schwarz entscheidenden Vorteil, denn nach 10. f6xe7 Lf8-g7 wird Weiß letztlich immer den Turm im Eck verlieren und somit neben einer Minusqualität mit einer Handvoll Bauern weniger verbleiben. Weiß gab daher bereits nach 10 Zügen auf.

 

65. Lipnitzky – Geller, Moskau 1952
Stellung nach dem 8. Zug von Weiß

Efim Geller dürfte den meisten Schachfreunden ein Begriff sein, was dagegen auf seinen Gegner Isaac Lipnitzky leider kaum zutrifft. Letzterer war in den 1950er-Jahren ein bedeutender Theoretiker, der eines der besten Bücher der Schachgeschichte schrieb: Fragen der modernen Schachtheorie. Lipnitzky diente im 2. Weltkrieg in der Roten Armee und starb allzu früh mit bereits 35 Jahren an einer Folgeerkrankung. Ohne sein frühes Ableben hätte er das sowjetische Schach vermutlich noch über Jahrzehnte hinaus geprägt.
Hier wurde er allerdings selbst mit einer unliebsamen Überraschung konfrontiert, deren Entdeckung ohne Computerhilfe (man schreibt schließlich das Jahr 1952) ich schon sehr bemerkenswert finde. Es scheint, als hätte Schwarz hier durch ein Versehen ersatzlos einen Bauer verloren, aber es folgte hier: 8… De7-b4!!. Schwarz opfert einen ganzen Turm mit Schach, nur um zu versuchen, die rückständige weiße Entwicklung auszubeuten! Nach 9. Dg7xh8+ Ke8-d7 entsteht eine erstaunliche Stellung, die so komplex ist, dass selbst die heutige Theorie noch kein endgültiges Urteil über sie fällen konnte. Am besten ist vermutlich 10. Lf1-d3 Db4xb2 11. Ta1-d1 Sc3xd1 12. Ke1xd1 mit leichtem Vorteil für Weiß, aber entschieden ist hier natürlich noch nichts. Lipnitzky schlug jedenfalls stattdessen den Springer auf c3, wonach die Partie nach einigen Abenteuern mit einem weißen König auf h5 (!) mit Dauerschach im 22. Zug endete.

 

66. A. Petrosian – Hazai, Schilde 1970
Stellung nach dem 45. Zug von Weiß

Bei einem Juniorenturnier kam es zu folgender Stellung zwischen Arshak Petrosian, der nicht mit dem 9. Weltmeister verwandt ist und seit 1984 den Rang eines Großmeisters trägt, sowie dem späteren Internationalen Meister Laszlo Hazai. Es sieht nicht gut aus für Schwarz, denn sein Läufer leistet rein gar nichts, während Weiß den klaren Plan verfolgt, seinen König nach a4 zu spielen, die Dame nach d2 zu ziehen und den Springer nach b3 zu dirigieren, wonach der a-Bauer, der maximal zweimal gedeckt werden kann, unweigerlich fallen muss. Schwarz hat diesem Plan nichts entgegenzusetzen und sollte daher mittelfristig verlieren. Hazai spielte hier jedoch das erstaunliche 45… Da7-b6!, was objektiv rein gar nichts an den weißen Plänen zu ändern vermag. Weiß hätte daher einfach seinen Plan, beginnend mit 46. Ka2-b3, in die Tat umsetzen sollen. Die Verlockung, die Partie allerdings schneller mit 46. Sa4xb6+? gewinnen zu können, erwies sich als zu groß für den Anziehenden. Natürlich hatte er sich seine Gedanken gemacht, dabei aber nach 46… c7xb6 47. h3-h4 g5xh4 48. Db2-d2 leider übersehen, dass es nach 48… h4-h3! kein Durchkommen für Weiß gibt. Nach 49. g2xh3 h5-h4 war die Festung perfekt, was Weiß sechs Züge später mit der Punkteteilung anerkennen musste!

 

67. Auchenberg – Elgaard, Kopenhagen 1992
Stellung nach dem 34. Zug von Weiß

In einem weiteren, völlig undurchsichtigen königsindischen Scharmützel scheint nur eines auf den ersten Blick klar: diese Partie wird nicht friedfertig enden! Allerdings scheint sich die Waagschale angesichts der weißen „Space Invaders“-Bauern klar zugunsten des Anziehenden zu neigen, doch mit drei geradezu grotesken Zügen stellte Schwarz den Gewinn sicher. Zunächst zog er hier das unerwartete 34… De8-g8!!. Zwar erkennt man schnell, dass die Dame wegen des Matts auf f1 nicht geschlagen werden kann, aber was soll dieser Zug nach 35. c6xd7 ändern? Die schwarze Antwort darauf lautete 35… Lg7-f8!!, was zugleich die g-Linie öffnet und die schwarze Grundreihe einen Zug länger gegen eine Fesselung der eigenen Dame versiegelt. Weiß nahm hier leider mit dem Turm auf c8 anstatt mit dem Bauer (welch schönes Finale wäre das mit gleich zwei weißen Damen geworden!), aber es änderte nichts mehr an seinem tragikomischen Schicksal. Es folgte der dritte unwahrscheinliche Zug in Form von 36… Sg3-h1+!, worauf der Anziehende unabwendbar nach 37. Kf2-e2 Dg8xg2+ 38. Ke2-d3 Dg2-c2# mattgesetzt wurde!

 

68. Kasparov – Anand, Reggio Emilia 1991
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Dies sollte die einzige Turnierpartie bleiben, in welcher der indische Superstar Vishy Anand seinen größten Rivalen Garri Kasparov jemals mit den schwarzen Steinen besiegen konnte.
In der Diagrammstellung hängt nicht nur die schwarze Dame, sondern auch die Drohung Le5xf6 liegt in der Luft. Erwartbar wäre daher der Damentausch, gefolgt von einem Rückzug des Läufers nach d5 oder g6. Anand zog hier stattdessen 17… Dc4xa2!! und steckte eine ganze Figur ins Geschäft, nur um temporär den weißen König belästigen zu können. Nach 18. Le5xf6 folgte nicht etwa 18… Da2-a1+? 19. Kc1-d2 Da1xh1 20. Te3xe4 g7xf6 21. De2-g4+ Kg8-h8 22. Dg4-h4 Dh1xg2 23. Te4-g4 mit weißem Gewinn, sondern das paradoxe 18… Le4-g6!. Auf das nun von Anand erzwungene 19. Te3-a3 zog er 19… Da2-d5, was Kapital aus der unglückliche Konstellation der weißen Figuren schlägt. Weiß verliert die Figur auf jeden Fall wieder zurück, da 20. Lf6-e5 f7-f6 keine Abhilfe schaffen würde. Kasparov zog stattdessen 20. h2-h4 und unterlag nach 20… g7xf6 schließlich in einer von Schwarz bärenstark geführten Partie im 49. Zug.

 

69. Anand – I. Sokolov, Wijk aan Zee 1996
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

In dieser Stellung würden die meisten Spieler einfach den angegriffenen Turm zurückziehen, doch nach irgendeinem Rückzug des Turms hätte Schwarz den Zug 21… Sc6-e7! mit Angriff auf den verhedderten Läufer zur Verfügung. Mit einem zuvor eingestreuten Zwischentausch auf c6 ließe sich dieses Problem umgehen, doch auch denn würde die weiße Stellung nichts Besonderes versprechen. Stattdessen spielte Anand das positionelle Damenopfer 21. Dd1xg4!! und setzte nach 21… h5xg4 mit 22. Tf5xf6 Sc6-e7 23. Ld5xf7+! Kg8-g7 24. Ta1-f1 Dd7-b5 25. g2-g3 fort. Schwarz kann nur eine abwartende Haltung einnehmen, doch auch Weiß fällt es schwer, Fortschritte zu erzielen. Nach 25… Td8-d7 26. Tf1-f2 Db5-c5 27. Sd2-b3 zog Sokolov anstelle des sichereren 27… Dc5-b5 den Zug 27… Dc5-a7?, der ihn teuer hätte zu stehen kommen, wenn Anand die schwierige Widerlegung 28. Tf6xa6!! Da7xa6 29. Sb3-c5 Da6-c6 30. Sc5-e6+! mit ausgezeichneten Gewinnchancen gefunden hätte. Schwarz müsste nun mit 30… Dc6xe6 die Dame zurückgeben, da er ansonsten auf der h-Linie mattgesetzt würde. Nach 31. Lf7xe6 Tf8xf2 32. Kg1xf2 scheint die Sache angesichts des vermeintlich erzwungenen 32… Td7-d8 gut für Weiß auszusehen, aber stattdessen kompliziert der garstige Zwischenzug 32… b4-b3!! mit lästigem Gegenspiel die Angelegenheit ganz erheblich. Die Chancen liegen ausschließlich bei Weiß, aber vollkommen klar ist der Partieausgang keineswegs. Dennoch ist dies erheblich besser als das, was Anand in der Partie aufs Brett bekommen sollte.
Anand spielte im 28. Zug leider 28. Sc4xe5?? und geriet nach 28… Da7xe3! 29. Se5xd7 Tf8-h8! in einen unparierbaren Angriff. Nach 30. Kg1-g2 Th8-h3 hatte Schwarz entscheidenden Vorteil, den er im 48. Zug zum Sieg verdichtete. Schade um diese vertane Gelegenheit!

 

70. Lalic – Khalifman, Linares 1997
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

In diesem für beide Seiten brandgefährlichen Abspiel des Wolga-Gambits hat Weiß soeben auf d5 eine Qualität zum Opfer dargeboten. Ein flüchtiger Blick genügt allerdings, um zu sehen, dass Schwarz das Angebot verschmähen muss, da andernfalls mit Tempogewinn ein weißer Springer auf d5 landet und das folgende Schachgebot auf c7 vernichtend sein wird. Es scheint, als würde die einzige schwarze Antwort in 15… Lb7-c6 bestehen, doch Alexander Khalifman hatte für seinen Gegner etwas anderes, ziemlich Diabolisches ausgeheckt …
Er präsentierte hier seinem Gegner nämlich völlig unverhohlen einen Zug, der zu den unwahrscheinlichsten Eingebungen gehört, die ich je gesehen habe: das umwerfende Damenopfer 15… Db4xc3+!! ist eine Mischung aus Verteidigung und Gegenangriff. Es gestattet Schwarz, das Auftauchen eines feindlichen Springers auf d5 dauerhaft zu verhindern und Gegenspiel gegen die löchrige weiße Königsfestung zu erlangen. Nach 16. b2xc3 Se7xd5 verkannte Weiß den Ernst der Lage und zog hier das automatische 17. Sc3xd5?, worauf Schwarz mehr als gefährlichen Angriff bekommt. Nach 17… Lb7xd5 18. De2-d2 Ld5-e6 19. Lf1-e2 Sb8-c6 übernahm Khalifman ungehindert das Kommando und siegte bereits acht Züge später. Lalic hätte das Konzept des Nachziehenden nur ernsthaft hinterfragen können, wenn er im 17. Zug stattdessen 17. De2-e4! gewählt und die Fesselung des Springers an den hängenden Läufer ausgebeutet hätte. Das Spiel bliebe nach 17… Lf8-a3+! 18. Kc1-d2 Sd5xb6 19. De4xb7 La3-c5 höchst unklar und sicherlich schwieriger für Weiß zu spielen, aber eine andere spielbare Alternative dazu gab es nicht.
Dessen ungeachtet bleibt Khalifmans Opferzug lange im Gedächtnis haften.

 

71. Kramnik – Shirov, Kandidatenmatch, 9. Partie, Cazorla 1998
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Ein altes, ungeschriebenes Gesetz besagt, dass derjenige, der scharfe Eröffnungen spielt, einige wunderschöne Partien gewinnen und dafür im Gegenzug einige herbe Pleiten kassieren wird. In einer für Kramnik eher untypisch scharfen Grünfeld-Variante dürfte sich sein Gegner Alexej Shirov jedenfalls pudelwohl gefühlt haben, während in einer solchen Stellung Vladimir Kramnik zu sehen gewöhnungsbedürftig und fast artfremd erscheint.
Mit einem gewöhnlichen Zug wie beispielsweise 21… Te8-e6 ist das weiße Konzept aber nicht zu hinterfragen – im Gegenteil! Nach 22. Lg5xf6 e4-e3 23. Dd2-d5 Te6xf6 24. Sh3-g5 bliebe die Stellung zwar verworren, aber doch deutlich besser für Weiß. Natürlich ist in solchen taktischen Stellungen ein Computer Gold wert, doch Shirov fand den stärksten Zug 21… Dd8-b6!! auch ganz ohne dessen Hilfe. Objektiv steht Schwarz bereits auf Gewinn, doch gegen einen Weltklassegroßmeister wie Vladimir Kramnik muss man schon sehr genau spielen! Shirov erledigte diese Aufgabe jedoch mit Bravour und drohte nach 22. d7xe8=D+ Ta8xe8 mit einem tödlichen Abzugsschach. So würde nun exemplarisch 23. Dd2-d7?? an dem tödlichen Läuferschach auf c3 scheitern. Der in der Mitte stehende weiße König befindet sich daher in einer äußerst prekären Lage, doch erstaunlicherweise bleibt der schwarze Angriff auch nach dem Damentausch gefährlich! Es ging nämlich weiter mit 23. Dd2-e3 Lf6xg5!! 24. De3xb6 (es scheitert auch 24. De3xg5? an 24… e4xf3+ 25. Ke1-d2 Db6-d4+! mit unabwendbarem Matt). Shirov griff nun nicht mit 24… e4xf3+?? 25. Ke1-f2 daneben, sondern wählte 24… Lg5xh4+ 25. Ke1-d2 a7xb6, worauf die zwei Läufer mittelfristig Weiß den Garaus machen. Das Feld e1 ist gedeckt, der weiße Springer steht auf h3 einfach gruselig, und dann sind da noch die vielen schwarzen Bauern – in Summe führt dies zu einer gewonnenen Stellung, die Shirov im 48. Zug verwertete.
Dass Alexej Shirov mit diesem Sieg das Match gewann und trotzdem nie die Gelegenheit bekam, in einem ihm zustehenden Match gegen Kasparov um den Titel des PCA-Weltmeisters zu spielen, hat er Kasparov meines Wissens bis heute nicht verziehen.

 

72. Caspi – Postny, Aix-les-Bains 2011
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Der erste Eindruck in dieser Stellung lautet, dass Schwarz eine Figur verliert und deswegen getrost aufgeben kann. Es wäre spannend zu erfahren, ob Weiß den nächsten Zug von Schwarz auf dem Schirm hatte oder nicht – es folgte jedenfalls der Knaller 12… Dd8xd2+!!, womit die Stellung objektiv gesehen ziemlich ausgeglichen bleibt. Gut, nach 13. Ke1xd2 Sh5xf4 hat Schwarz nur eine einzige Figur für die Dame, doch wenn diese nicht verlorengehen soll, dann muss sie, wie eine flüchtige Analyse zeigt, nach d1 ausweichen. Auf 14. De2-d1 konnte Schwarz also mit 14… 0-0-0+ fortsetzen und den Gewinn einer weiteren Figur mit 15. Sc3-d5 erzwingen. In der Partie nahm Evgeny Postny erstaunlicherweise mit dem Springer zurück, worauf laut den Engines 16. Dd1-b3 zu einem gewissen Vorteil für Weiß geführt hätte, wenngleich die Stellung natürlich weiterhin verworren bliebe. Doch auch Israel Caspi setzte vielleicht nicht optimal mit 16. Kd2-c1 fort, worauf die Partie schließlich im 41. Zug remis endete.
Der Computer möchte erwartungsgemäß auf d5 lieber mit dem c-Bauer schlagen und sieht volle Kompensation für Schwarz in dieser Stellung. Genau so spielte übrigens zwei Jahre später der schwedische Großmeister Jonny Hector, als auch er diese Stellung aufs Brett bekam und letztlich siegte. So klar ist der Partieausgang zwar auch dann nicht, aber unterm Strich ist es Postnys absurdes Damenopfer, das dieser Partie den Stempel aufdrückt.

 

73. Hendriks – Kerigan, Hoogeveen 2013
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Ich wäre nicht überrascht, wenn sich Schwarz in dieser Stellung bereits auf der Siegerstraße gewähnt hätte: die weiße Dame ist schließlich angegriffen und muss den weißen Springer gedeckt halten. Es scheint jedoch keinen Weg zu geben, wie Weiß dies erreichen kann, zumal der schwarze Springer auf h5 bei einer Dame auf e5 gedeckt bliebe. Der einzige Ausweg scheint darin zu bestehen, den Randspringer mit 12. Df4-f3 ein zweites Mal anzugreifen, aber leider würde dies nach 12… De7xe5 13. Df3xh5 De5xb2 14. Lf7-g6 h7-h6 auch scheitern. Weiß war jedoch nicht auf den Kopf gefallen und zog hier 12. Df4-g3!!, was den gordischen Knoten durchschlägt. Die weiße Dame ist wegen 13. Se5-g6+!! mit Matt im übernächsten Zug tabu, so dass der Anziehende die notwendige Zeit erhält, um seine Figuren zu entwirren, zumal der schwarze Springer nun ebenfalls hängt. Schwarz schob diesem Ansinnen mit 12… Tf8xf7 natürlich einen Riegel vor, doch nach 13. Se5xf7+ De7xf7 hatte Weiß keine Sorgen und sollte etwas besser stehen. Leider Gottes verlor er die Partie dennoch im 38. Zug.

 

74. Musaiev – Karmov, Sowjetunion 1979
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

In dieser Stellung scheinen die Lichter für Schwarz bald auszugehen, denn angesichts zweier hängender Figuren ist die Auswahl stark eingeschränkt. So würde jedenfalls 12… Sc3xd1?? wegen des einfachen 13. Ta1xa5 nichts an dem Problem ändern; dasselbe gilt auch für 12… Da5xa1??, da der weißfeldrige Läufer nach 13. Dd1xa1 weiterhin das Schlüsselfeld c2 deckt. Der einzige Zug scheint 12… Sc3-a2 zu sein, doch nach 13. Le4-b1 gehen Schwarz die Argumente wieder aus, zum Beispiel: 13… Da5-b5 14. Sf3-e5 oder 13… Da5-d5 14. Lb1xa2 Sb4xa2 15. Dd1-a4+ mit Figurengewinn. Was kann Schwarz also noch tun? Muss er aufgeben?
Nein, denn er hatte das spektakuläre 12… Da5-d5!! vorbereitet. Es ging nach 13. Le4xd5 mit dem cleveren Zwischenschach 13… Sb4-d3+! 14. Ke1-f1 Sc3xd1 weiter. In dieser verworrenen Stellung hätte Weiß mit 15. Ld5-b3 noch Widerstand leisten können, doch er zog stattdessen 15. Kf1-e2? und geriet nach 15… e6xd5 16. Th1xd1 Sd3xb2 17. Td1-b1 Sb2-c4 mit zwei Minusbauern rasch auf die Verliererstraße. Schwarz siegte im 28. Zug. Wer hätte diesen Partieausgang in der Diagrammstellung vermutet?!

 

Endspielsilhouetten

 

75. Chigorin – Schlechter, Ostende 1905
Stellung nach dem 44. Zug von Schwarz

Reine Damenendspiele sind bekanntermaßen langwierig und ermüdend: meistens setzt sich der König der stärkeren Seite im Gewinnsinne einem ganzen Gewitter an Schachgeboten der feindlichen Dame aus, in der Hoffnung, irgendwie den lästigen Nachstellungen zu entkommen und leichte Fortschritte zu machen. Man kann sich in der Situation auf dem Brett gut vorstellen, dass Weiß hier die willkommene Gelegenheit, die Partie rasch zu beenden, beim Schopfe packen wollte und daher 45. Dd4-b6+?? wählte. Die Partie war danach in der Tat rasch zu Ende – allerdings nicht so wie sich Chigorin das ausgemalt hatte. Sein Gegner Carl Schlechter schockte ihn nämlich mit der Antwort 45… Kb8-a8!! und unvermeidlichem Remis. Wenn Weiß die angebotene Dame nimmt, dann ist Schwarz patt. Auf 46. Ka5-a6 würde der Nachziehende einfach mit 46… Dc7-c8+ 47. Ka6-a5 Dc8-c7 die Stellung wiederholen. Andere Wartezüge hat Weiß aber nicht, weshalb er die Partie enttäuscht sofort remis gab.
Stattdessen hätte Weiß das Schachgebot mit 45. Ka5-b4 und gewonnener Stellung beantworten sollen, doch Pattfallen werden erfahrungsgemäß besonders oft – selbst von Meistern – übersehen.

 

76. Pilnick – Reshevsky, New York 1942
Stellung nach dem 92. Zug von Schwarz

Großmeister Samuel Reshevsky haftete ebenfalls der Makel an, besonders anfällig für Pattfallen zu sein. Das berühmteste Beispiel sehen wir hier: in glasklarer Gewinnstellung hatte er soeben das jämmerliche 92… g5-g4?? gespielt und es seinem Gegner Carl Pilnick damit gestattet, eine verlorene Partie mittels 93. Df5-f2!! in eine unentschiedene zu verwandeln. Sehr ärgerlich für Schwarz, aber allemal ästhetisch anzusehen!

 

77. Smyslov – Lilienthal, Leningrad 1947
Stellung nach dem 45. Zug von Schwarz

Der spätere Weltmeister Vasily Smyslov war für seine überragende Technik in Endspielen sehr bekannt und lieferte einige Jahre vor dem Gewinn des höchsten Titels ein schönes Beispiel dafür ab. Nach den soeben geschehenen Zügen 45. e5-e6 f7xe6 erwartete jeder natürlich den offensichtlichen Zug 46. Dd5xe6+, aber Smyslov überraschte alle anwesenden Zuschauer mit dem Zug 46. Dd5-e4!!. Der feine Endspielstratege hatte erkannt, dass das Schlagen auf e6 nichts Besonderes verspricht, während der Partiezug sicherstellt, dass Weiß einen viel wichtigeren Bauer im Tausch für denjenigen auf e6 gewinnen wird: wahlweise denjenigen auf b4 oder g6. Schwarz kann sich nach 46… Da7-a6+ 47. De4-d3! den Damentausch nicht erlauben, lag folglich nach 47… Da6-b6 48. Dd3xg6+ Kg8-f8 49. Dg6xh5 um zwei Bauern im Hintertreffen und verlor im 65. Zug. Eine wirklich befriedigende Antwort auf Smyslovs glänzende Idee gab es allerdings schon im 46. Zug so oder so nicht mehr. Natürlich dauert die Partie auch nach dem von den Engines vorgeschlagenen 46… Da7-g7 47. De4xb4 noch lange, aber der freie b-Bauer ist ein mächtiges Faustpfand, das die Partie relativ leicht entscheiden sollte.

 

78. Smyslov – Tal, Moskau 1964
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Noch ist das Brett ziemlich voll, weshalb eine Aufnahme dieses Beitrags in die Endspielrubrik zunächst merkwürdig erscheinen mag. Dass Exweltmeister Mikhail Tal allerdings auch Endspiele besser beherrschte als allgemein angenommen wird, bewies er hier, als er hier völlig unbeirrt mit 24… De7-e2!! fortsetzte und nicht willens war, die offene Linie abzutreten. Smyslov nahm natürlich zunächst mit 25. Te1xe2 zurück und sah sich nach 25… Te8xe2 mit einer prinzipiellen Entscheidung konfrontiert. Typisch für ihn versuchte er erst gar nicht, Tals Opfer zu widerlegen, sondern zog 26. Dd2xe2 Lf3xe2 und nahm das leicht schlechtere Endspiel nach 27. Sa4-b2 g6xf5 bewusst in Kauf. Symslov unterlag dennoch im 72. Zug, doch es erhebt sich die Frage, ob Weiß das Material wirklich zurückgeben musste.
Zwar erachtet der Computer die Stellung nach dem Rückzug 26. Dd2-c1 objektiv als remis, doch ist vollkommen klar, dass Mikhail Tal in solchen Stellungen stärker spielte als Smyslov. Erwähnt sei hier allerdings noch, dass der Computer auch die Dame zurückgeben möchte, aber in anderer Form: mit dem kaum weniger paradoxen Damenopfer 26. Dd2-e1! hätte sich Smyslov wohl angemessen revanchieren können. Danach scheidet 26… Te2xc2?? wegen 27. De1-e6+ sofort aus, und auf das prinzipielle, aber ziemlich riskant aussehende 26… Td8-e8 könnte Weiß nun sehr stark 27. De1-f1! erwidern, zum Beispiel: 27… Te2-g2+ 28. Df1xg2 Lf3xg2 29. Tb1-e1! mit eher besserer Stellung für Weiß. Was hätte das noch für eine bemerkenswerte Partie werden können!?

 

79. Möhring – Kaikamdzozov, Zamardi 1978
Stellung nach dem 85. Zug von Schwarz

Günther Möhring dürfte nur den wenigsten Schachfreunden ein Begriff sein. Der Internationale Meister aus der DDR verstarb 70-jährig im Jahre 2006, spielte aber gleich drei der vielleicht bemerkenswertesten Züge aller Zeiten – den vorliegenden hier, seinen noch wesentlich bekannteren Monsterzug gegen Owen Hindle (siehe „100 berühmte Läuferzüge“, Beitrag Nr. 49) und schließlich seinen Traumzug gegen Lutz Espig, der in der Rubrik „100 berühmte Königszüge“ vertreten sein wird.
In dieser Stellung scheint das Dauerschach unausweichlich: die schwarze Dame zieht als nächstes nach f4 und wird die Punkteteilung immer herbeiführen können. Weiß entdeckte jedoch ein Haar in der Suppe und gab seine Mehrdame freischwebend mit 86. De6-h3!! zurück. Nach dem erzwungenen 86… Dh2xh3+ 87. Kh5-g5 war die Dauerschachfalle zerschlagen: die schwarze Dame gelangt nun nicht mehr nach f4, und das positionelle weiße Übergewicht war so erdrückend, dass die Partie nur noch vier weitere Züge bis zum weißen Sieg dauerte. Schwarz wird entweder mattgesetzt oder er verliert zu viele Bauern.
Diese Eingebung scheint übrigens direkt von der berühmten Studie Mitrofanovs inspiriert zu sein, die sich im Epilog dieser Rubrik befindet. Da behaupte allen Ernstes noch einer, die Beschäftigung mit Studien bringe nichts ein!

 

Dreiste Damen

 

80. Aljechin – Verlinsky, Odessa 1918
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Was dieses traumhafte Beispiel umso wertvoller macht, ist die Tatsache, dass viele Weißspieler hier angesichts der beiden schwarzen Drohungen, wahlweise auf c1 oder d6 zu nehmen, diese Stellung möglicherweise sogar noch verderben würden. Aljechin hingegen fand den einzig klaren Gewinnzug 24. Db3-d1!!, der nicht nur beide Türme deckt, sondern Schwarz im Falle des naheliegenden 24… Le2xd1 25. Tc1xc7 das Matt auf f1 verbaut. Verlinsky versuchte in seiner Verzweiflung noch 24… Dc7-a5 25. Dd1xe2 Da5xe5, gab aber nach 26. Td6-d5 auf.

 

81. Maroczy – Romi, San Remo 1930
Stellung nach dem 40. Zug von Schwarz

In dieser chaotischen Stellung scheint Schwarz mit seiner Mehrfigur am längeren Hebel zu sitzen, zumal nach einem Wegzug der angegriffenen Dame von der h-Linie h3 mit Schach fällt. Der schwarze König steht natürlich auch nicht sicher, doch wie soll Weiß seinen Freibauer verwerten? Geza Maroczy fand den richtigen Weg: er spielte hier 41. Dh6-h5!! und stellte eine tödliche Doppelschachdrohung auf dem Feld g8 auf. Schwarz kann die Dame nicht nehmen, da das folgende Turmschach auf g8 für ihn tödlich wäre. Was soll Schwarz aber sonst tun? Massimiliano Romi zog das einzig mögliche 41… Td2xg2+ 42. Tg6xg2+ Th8xh5 43. Tg2xb2 Th5xh3+ 44. Kh2-g1 und verlor in fünf weiteren Zügen.

 

82. Eliskases – Henneberger, Bad Liebwerda 1934
Stellung nach dem 26. Zug von Weiß

Schwarz droht zwar ein einzügiges Matt, doch zunächst muss er das weiße Schachgebot abwehren. Das erweist sich allerdings schweriger als gedacht, denn Königszüge nach g7 oder h8 scheiden wegen 27. Dc3xe5+ sofort aus. 26… Kg8-f8 hat aber auch den Nachteil, dass Schwarz nach 27. Tg4-f4+! nicht mit dem Bauer schlagen darf, da er ansonten auf h8 mattgesetzt wird. Wenn Schwarz aber etwas anderes antwortet, dann wird unweigerlich ein schwarzer Turm abgetauscht und mit ihm das für den weißen König gestrickte Mattnetz zerstört. Muss Schwarz also mittelfristig verlieren?
Keineswegs, denn Meister Walter Henneberger hatte hier den Zug 26… De7-f7!! vorbereitet gehabt. Erich Eliskases verlor nun völlig die Contenance, denn er spielte hier 27. Lc4xf7+?? und musste die Partie nach 27… Kg8-f8! aufgeben, da Weiß nun kein Schachgebot hat und unweigerlich auf h1 mattgesetzt wird. Im Gegensatz zu der obigen Variante würde hier der eigene weißfeldrige Läufer den schwarzen König vor dem lästigen Schachgebot auf der f-Linie abschirmen. Stattdessen hätte Weiß mit 27. Tg4xg6+! einen halben Punkt sichern können. Darauf scheitert 27… h7xg6? an 28. Lc4xf7+, gefolgt von 29. g3-g4 mit Zerstörung des Mattmechanismus. Schwarz müsste also 27… Kg8-f8! antworten, worauf die mehr oder weniger forcierte Zugfolge 28. g3-g4 Df7xg6 29. Dc3xe5 zu einer Stellung führt, in der Schwarz trotz zweier Mehrqualitäten gut beraten ist, das Dauerschach nach 29… Dg6xg4 zuzulassen.

 

83. Euwe – Keres, Amsterdam 1940
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Diese Partie zählt zu den berühmtesten Lehrbeispielen, wenn es darum geht, die Stärke eines Läuferpaars auf offenem Brett zu demonstrieren. Der estnische Großmeister fand hier die stärkste Fortsetzung 23… Dd8xd3!! und vertraute dabei voll auf die langfristige Kraft seiner traumhaften Läufer. Nach 24. De2xd3 Lf6-d4+! 25. Tf1-f2 Te8xe6 26. Kg1-f1 Ta8-e8 erlangte Schwarz kräftige Initiative, die angesichts der passiven Stellung der weißen Figuren zum Sieg reichte und in ein sehenswertes Mattfinale im 34. Zug mündete. Ein viel furchteinflößenderes Läuferpaar ließe sich kaum vorstellen! Natürlich dachte Schwarz nicht im Traum daran, seinen schwarzfeldrigen Läufer für den jämmerlichen weißen Turm herzugeben!

 

84. Spassky – Korchnoi, Moskau 1955
Stellung nach dem 40. Zug von Schwarz

Zugegebenermaßen hat Weiß hier auch andere Gewinnzüge als den von Spassky gewählten, aber sein selten paradoxer Schlusszug veranlasste Viktor Korchnoi jedenfalls sofort zur Aufgabe, da danach alle Schwindelversuche sofort zerstoben sind: 41. Dg1-h2!!. Durch die Preisgabe der Dame nimmt Weiß die Drohung gegen h3 aus der Position und stellt dabei gleichzeitig sicher, dass dieser Bauer nach 41… Lf4xh2 nicht mit Schach fällt, was Weiß die nötige Zeit für 42. e7-e8=D gibt und zu einem unparierbaren Mattangriff führt.

 

85. Botwinnik – Gligoric, Moskau 1956
Stellung nach dem 10. Zug von Schwarz

Der Weltmeister erspähte hier einen selten schönen Weg, Kapital aus der Konstellation auf der h-Linie zu schlagen, indem er hier mit 11. Dd1-c1!! fortsetzte: wegen des potentiellen Matts auf h8 darf die hängende Dame nun nicht genommen werden. Gligoric musste also wohl oder übel mit 11… Lh6-g7 12. Th1xb8+ Lg7xh8 13. Dc1-h6 und Weiß die kostbare h-Linie überlassen. Weiß siegte im 30. Zug, wobei der schwarze König bei noch halbvollem Brett am Ende auf b2 stand!

 

86. Hort – Keres, Oberhausen 1961
Stellung nach dem 35. Zug von Weiß

In einer der faszinierendsten Stellungen der gesamten 1960er-Jahre ging der estnische Großmeister Paul Keres hier aufs Ganze und opferte mit 35… Dc2xc1+!! seine Dame, um seine Freibauern zu beschleunigen. Weiß ist aber auch nicht chancenlos mit seinem eigenen Freibauern, so dass die Partie weiterhin spannend – und laut Engines übrigens vollkommen ausgeglichen! – bleibt. Nach 36. Tb1xc1+ b3-b2 37. Tc1-b1 c4-c3 griff Hort mit 38. De6-e2?! allerdings zum ersten Mal fehl. Nach 38… Ta8xa4! 39. d6-d7 h7-h6! 40. De2-e8+ Kh8-h7 konnte Weiß sogar seinen materiellen Vorteil mit 41. d7-d8=D Tb8xd8 42. De8xa4 weiter ausbauen, stand aber nach 42… Td8-d2! dennoch am Rande der Niederlage, die schließlich im 54. Zug besiegelt wurde. Weiß hätte allerdings in der schwer zu findenden Variante 38. De6-c4 Tb8-c8 39. Le3-c5 Ta8-a5 40. d6-d7! Tc8xc5 41. Dc4-e6!! mehr Widerstand leisten können, weil auf den Zug 41… h7-h6 die Riposte 42. De6xf6! möglich ist und die Partie in der Schwebe bliebe.

 

87. Minic – Honfi, Vrnjacka Banja 1966
Stellung nach dem 22. Zug von Schwarz

In etwas unangenehmer Stellung hatte Schwarz hier anstelle auf d5 zu tauschen leichtsinnigerweise auf b3 zugegriffen und dabei offenbar nichts Böses geahnt. Honfis Zug gab seinem Gegner allerdings die Möglichkeit, einen Zug zu spielen, den er wahrscheinlich kein zweites Mal in seinem Leben auch nur in ähnlicher Weise ausführen durfte. Die Rede ist von dem leicht zu übersehenden, tollkühnen Zug 23. De3-a7!!, der Schwarz umgehend zur Aufgabe zwingt.

 

88. Petrosian – Spassky, Weltmeisterschaft, 10. Partie, Moskau 1966
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

Die bärenstark vom Weltmeister Tigran Petrosian geführte 10. Partie des WM-Kampfes von 1966 gilt als die beste Schlacht des gesamten Matches. Der Armenier brannte ein strategisches Feuerwerk mit etlichen Glanzzügen ab und krönte hier sein Meisterwerk mit einem Zug, der in dieser Stellung zwar nicht mehr schwer zu finden ist, aber trotzdem zu den berühmtesten Damenzügen der gesamten Schachgeschichte gezählt werden muss. Mit 30. Db2-h8+!! leitete Weiß die entscheidende Vereinfachung ein, die Spassky umgehend zur Aufgabe zwang.
Übrigens ist die Ähnlichkeit dieser bekannten Abwicklung mit der zehn Jahre zuvor von Petrosian gegen Vladimir Simagin gespielten Kombination (Moskau 1956) verblüffend.

 

89. Tatai – Karpov, Las Palmas 1977
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Weiß nennt in dieser Stellung einen Mehrbauer sein Eigen, aber damit sind wir auch schon am Ende der Liste mit den Pluspunkten aus weißer Sicht. Die schwarzen Figuren sind sehr agil und können auf den offenen Heeresstraßen nahezu schalten und walten wie sie wollen. Außerdem hat Weiß noch nicht rochiert und kämpft mit der Passivität seiner Figuren. Eine profane Möglichkeit, den schwarzen Vorteil auszubauen, hätte in 23… b4xa3 24. Ta1xa3 Dd4-b4+ 25. Dc2-d2 Db4xd2+ 26. Ke1xd2 Ta8-c8 bestanden. Karpov fand jedoch etwas Schöneres, das seinem Gegner zudem die Möglichkeit gibt, fehlzugreifen. Mit 23… Dd4-d3!! erleben wir den seltenen Fall, dass sich die Dame freiwillig in den Schlagbereich eines feindlichen Bauern begibt. Hätte Weiß nun 24. Dc2-d2! geantwortet, dann hätte das Spiel in die oben skizzierte Variante übergehen können. Tatai spielte jedoch das erheblich schwächere 24. e2xd3? und konnte nach 24… e4xd3+ 25. Ke1-d2 Te8-e2+ 26. Kd2xd3 Ta8-d8+ gerade mal fünf weitere Züge überleben, ehe er aufgab.

 

90. Panczyk – Schurade, Zakopane 1978
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Gäbe es so etwas wie einen Preis für den lautlosesten Killerzug, so wäre neben Joaquim Nettos Superzug (siehe 100 berühmte Turmzüge, Beitrag Nr. 44) dieser Kandidat ebenfalls ein heißer Anwärter. Schwarz dürfte kaum geahnt haben, dass er nach nur einem weiteren weißen Zug würde aufgeben müssen, doch nach 21. De4-a8!! war das Undenkbare eingetreten.

 

91. Seirawan – Lobron, Arnheim 1983
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

Yasser Seirawan, durch seine Kommentatorentätigkeit recht bekannt, war zu seiner aktiven Zeit einer der stärksten Spieler der 1980er-Jahre. In dieser Partie gegen den deutschen Großmeister Eric Lobron stand er rasch etwas schlechter mit den weißen Steinen. Dank einer bislang umsichtig geführten Verteidigung hätte er immer noch alle Chancen auf ein Remis gehabt – ja, wenn er hier nicht soeben 22. Ta2xa7?? gezogen und stattdessen 22. Db2-a1 bevorzugt hätte. Vollkommen überraschend für Seirawan griff Lobron beherzt mit 22… Df6xf2+!! zu, wonach die Partie sofort für Weiß verloren ist. Nach 23. Kg1xf2 Tb3xb2+ 24. Kf2-f3 Tc3xc1 musste Seirawan aufgeben, da das Feld c8 weiterhin zweimal gedeckt ist und kein Grundreihenmatt eintreten wird.

 

92. Ivanchuk – Csom, Jerewan 1989
Stellung nach dem 10. Zug von Schwarz

Der ungarische Großmeister Istvan Csom hatte sich die Situation bereits in den schönsten Farben ausgemalt: Weiß muss auf g2 nehmen, worauf das Damenschach auf h4 gefolgt vom Schlagen des weißen e-Bauern auf e6 Schwarz eine wunderbare Stellung gäbe. Den schwarzen Springer darf Weiß auch nicht schlagen, denn nach g7-g6 hängt die Dame und der Eindringling auf g2 wandelt sich um…
Ivanchuk griff aber zur Überraschung des Nachziehenden trotzdem mit 11. De5xh5+!! zu und setzte nach 11… g7-g6 mit 12. Dh5-e5 Dd8-h4+ 13. Ke1-e2 fort. Wenn Schwarz in dieser Stellung mit 13… g2xf1=D+ fortgesetzt hätte, dann stünde er nach 14. Ke2xf1 0-0 15. e6-e7 Tf8-e8 klar auf Verlust, wie der Zug 16. Lc1-g5 einfach belegt.
Csom griff daher mit 13… g2xh1=D zu und wurde nach 14. De5xh8+ Ke8-e7 15. Dh8-g7+ Ke7xe6 erbarmungslos gejagt: 16. Lf1-h3+ Ke6-d6 17. Dg7-f8+ Kd6-c7 18. Lc1-f4+ kostete ihn die erste Dame, während die zweite nach 18… Dh4xf4 19. Df8xf4+ d7-d6 20. Ta1-d1 Sb8-c6 ebenfalls rasch verlorenging. Nach den weiteren Zügen 21. Df4xd6+ Kc7-b6 22. Dd6-g3 h7-h5 23. Lh3xc8! Ta8xc8 24. Sg1-h3 h5-h4 25. Dg3-f2 stellte Schwarz den Widerstand ein.
Das ist schon kurios: da hat der Nachziehende eine Dame mehr, und am Ende ist es doch der Weiße, der als einziger mit einer Dame verbleibt!

 

93. Polgar – Hansen, Vejstrup 1989
Stellung nach dem 32. Zug von Schwarz

Schwarz malte sich in dieser Stellung sicherlich noch einiges aus, doch die 13-jährige Judit Polgar machte mit einem einzigen, überaus sehenswerten Handstreich alle Hoffnungen ihres Gegner zunichte, als sie hier freischwebend die Dame mit 33. Dh6-g7+!! zum Opfer anbot. Schwarz gab auf, da er nach dem Nehmen der Dame in spätestens vier Zügen mattgesetzt wird.

 

94. Gufeld – Goh, Penang 1991
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

In dieser Partie widerlegte der erfahrene sowjetische Großmeister Eduard Gufeld eine Variante der Aljechin-Verteidigung mit zielstrebiger Genauigkeit. Den Höhepunkt dieser Kombination erleben wir hier, denn es scheint als müsste Weiß nun auf d6 nehmen und für nebulöse Kompensation mit einem Minusbauer weiterspielen. Doch weit gefehlt: es folgte nämlich unerwartet 14. Dd1xd5!! mit Doppelangriff gegen Turm und Läufer des Nachziehenden. Schwarz hat nun objektiv nichts Besseres als 14… e6xd5 15. e5xd6+ Ke8xd8 16. d6xc7+ Kd8xc7 und sähe damit einem trostlosen Endspiel mit einem isolierten Bauer und der klar unterlegenen Leichtfigur entgegen. Der verständlicherweise geschockte Nachziehende spielte stattdessen 14… Ta8-c8 und unterlag nach 15. e5xd6 Dc7-c4 16. Dd5-b7 im 20. Zug.

 

95. Robovic – van Wely, München 1992
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Der bosnische Internationale Meister dürfte hier den Bluff seines Lebens gespielt haben, als er hier den starken Niederländer Loek van Wely niederrang. Van Wely spielte schon damals bei der Schacholympiade für sein Land und wurde ein Jahr später Großmeister. Hier jedoch dürfte er den so ziemlich dreistesten Zug in seiner Karriere vorgesetzt bekommen haben: da das offensichtliche Schlagen auf c2 chancenlos mit einer Minusfigur verliert, zog Weiß hier allen Ernstes 24. Dd1-f3!? und ließ die Umwandlung des gegnerischen Bauern in eine Dame samt Schachgebot zu! Es folgte 24… c2-c1=D+ 25. Kg1-h2. Jetzt ist die kritische Stellung erreicht, in der Schwarz genau eine Verteidigung hat. Sie besteht in 25… Sf6-h5!! 26. Df3xh5 (oder 26. Df3xf7 Dc6xe4!) 26… Dc1-f4! (hier wäre allerdings auch das schwächere 26… Td8-f8 möglich) 27. Te7xf7 Dc6-e8!! mit klarem Gewinn für Schwarz. Allerdings ist diese Verteidigung – noch dazu vermutlich in Zeitnot – sehr schwer zu finden, so dass der weitere Partieverlauf nicht so sehr überrascht. Van Wely fand diese Verteidigung nicht und spielte stattdessen 25… Sf6-g4+?? 26. Tg3xg4 f7-f5 27. Tg4-g7, worauf Schwarz seinen ganzen Mehrbesitz wieder herausrücken muss, wenn er das Matt vermeiden will. Nach dem nun notwendigen 27… Tc8-c7 steht Schwarz auf Verlust. Schwarz spielte in Wirklichkeit 27… Dc1xc3? und verlor in beidseitiger Zeitnot (erst) im 40. Zug.

 

96. Anand – Radjabov, Dortmund 2003
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

In dieser ausgesprochen zweischneidigen Stellung hätten die meisten Spieler mit Schwarz hier wohl 22… Df4-e5 mit nicht zu unterschätzenden Gegenchancen gezogen. Radjabov schätzte die Lage aber anders ein und sah die Gelegenheit für ein chancenreiches Damenopfer gekommen: er schlug hier nämlich mit 22… Df4xf2+!! zu. Das Opfer ist keinesfalls gewinnbringend, aber die Partie nimmt danach natürlich eine ganz andere Wende als wenn Schwarz die Dame zurückgezogen hätte. Erstaunlicherweise besteht die Pointe des Opfers nach 23. Kg1xf2 in dem stillen Zug 23… Sd4-b5!!. Schwarz gibt kein Abzugsschach, sondern vertraut stattdessen auf die latente Abzugsdrohung, die bei einem Läufer auf d4 ungleich gefährlicher wäre als bei einem Abzug nach h4. Der Inder antwortete erwartungsgemäß 24. Kf2-g1 und bekam nach 24… Sb5xc3 25. Sb1xc3 Lf6xc3 eine unklare Stellung aufs Brett, die den Engines immer noch ordentlich für Weiß gefällt. Trotzdem verlor Anand im 39. Zug – wenn selbst ein so großartiger Spieler an den Komplikationen scheitert, dann kann das Opfer zumindest in psychologischer Hinsicht nicht so schlecht gewesen sein! Während der Partie hat man schließlich keine Engine zur Verfügung, die selbst in noch so haarsträubenden Situation praktisch immer den richtigen Zug vorschlägt. Vielleicht ließ sich der aserbaidschanische Großmeister auch einfach von der Überlegung leiten, dass man gegen Anand nicht so oft die Chance bekommt, die Dame zu opfern und ließ es einfach darauf ankommen – der Erfolg gab ihm ja recht!

 

97. Aronian – Leko, Morelia 2008
Stellung nach dem 8. Zug von Schwarz

In dieser gut bekannten Theoriestellung spielte man praktisch ausschließlich 9. e2-e3, was die Drohung gegen f2 aufhebt. Levon Aronian hatte jedoch etwas Besonderes für seinen Gegner ausgeheckt und spielte hier die diabolische Überraschung 9. Dd1-a4!?, die zwar nach eingehender Analyse ungefährlich ist – wenn man allerdings direkt am Brett zum ersten Mal mit so einer niederschmetternden Neuerung konfrontiert wird, dann muss man oft um seine Contenance ringen und kühlen Kopf bewahren. Peter Leko dachte nun eine halbe Ewigkeit nach und bewies seine Klasse. Er griff hier nicht zu mit 9… Db6xf2+?, was Weiß nach 10. Ke1-d2! tatsächlich signifikante Chancen auf Vorteil einräumen würde: es droht die Gabel auf c7, und auch Ideen wie h2-h3 mit Überlastung der gegnerischen Springer liegt in der Luft. Stockfish gibt folgende Variante an: 10… Df2-c5! 11. Sc3-e4 Dc5-b6 12. Lf1-h3 Sg4-f6 13. Se4-c3 Lf8-d6 14. Sb5xd6+ mit gefährlichem Angriff für Weiß nach 14… Db6xd6+ 15. Kd2-c2. Züge wie Ta1-d1 oder Sc3-b5 schweben über der schwarzen Stellung wie ein Damoklesschwert.
Da 9… Sg4xf2 10. Lf4xe5 Db6-e3 (oder 10… Sf2xh1 11. Sb5-c7+) 11. Le5-f4 Sf2-d3+ 12. Ke1-d1 trotz der Gabel 12… Sd3xb2+ wegen 13. Kd1-c2 De3xf4 14. Da4xa7!! keine ausreichende Kompensation ergäbe, verwarf Leko das offensichtliche Nehmen auf f2 komplett und zog stattdessen kaltblütig 9… g7-g5!. Nach 10. Lf4xe5 Sg4xe5 11. 0-0-0 a7-a6 12. e2-e3 Ta8-b8 hielt sich der schwarze Nachteil in Grenzen. Lekos Findigkeit wurde schließlich im 50. Zug mit der gerechten Punkteteilung belohnt.
Man fand seither keine wesentliche Verstärkung für Weiß, weshalb Aronians Zug 9. Dd1-a4!? möglicherweise nie für mehr als diese eine Partie gedacht war. Dass Peter Leko aber ruhig genug blieb, um nicht auf f2 zu schlagen, ist schon erstaunlich und verdient höchste Anerkennung.

 

98. Gelfand – Jobava, Rogaska Slatina 2011
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Boris Gelfands Position erwies sich in dieser komplexen Stellung als in positioneller Hinsicht derart überlegen, dass er hier nicht etwa den Turm auf a1 preisgab, sondern stattdessen lieber mit 19. Dd1xc2!! fortsetzte und sich von seiner Dame verabschiedete. Sein Stellungsgefühl hatte den Weltklassegroßmeister nicht getrogen, denn nach 19… Lf5xc2 20. Lg7-d4 hat Weiß zwar nur zwei Leichtfiguren für die Dame, aber eben auch noch drei Mehrbauern, selbst wenn diese keinen allzu ästhetischen Eindruck hinterlassen. Ein viel größeres Problem aus schwarzer Sicht ist jedoch die unkoordinierte Stellung seiner Figuren sowie das nahezu widerstandslose Vorrücken der weißen Bauernphalanx. Nach 20… Db6-d8 21. 0-0 Dd8-e7 22. Tf1-c1 Lc2-f5 23. e3-e4! Lf5-d7 24. h2-h3 Sg4-f6 25. d5-d6! kamen die Bauern immer mehr ins Rollen und entschieden die Partie zugunsten Gelfands bereits vier Züge später.
Ein derart positionelles Damenopfer sieht man auf derart hohem Niveau nicht so oft!

 

99. Fox – Bauer, Antwerpen 1900
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Zum Abschluss dieser Rubrik zwei Beispiele, die zwar zugegebenermaßen schon lange zurückliegen, aber alle Chancen hätten, Frank Marshalls berühmten Zug [Nr. 1] vom Thron des angeblichen besten Zuges aller Zeiten zu stoßen. Weiß entkorkte in dieser Stellung nämlich den einmaligen Zug 18. Dd3xg6!! und steht danach in allen Varianten auf Gewinn, während er nach jedem anderen Zug auf Verlust stünde!
Die Antwort 18… f7xg6 führt nach 19. Lf1xc4+ umgehend zum Matt auf dieselbe Weise wie in der Partie, wo Schwarz mit 18… h7xg6 19. Se5xg6 f7xg6 fortsetzte und nach 20. Lf1xc4+ Kg8-f8 mit 21. Th5-h8# mattgesetzt wurde.
Wie oft kommt es schon vor, dass die Dame auf einem doppelt von Bauern gedeckten Feld geopfert werden kann? Neben diesem Beitrag wäre da noch Rossolimos kühner Zug [Nr.
55] zu erwähnen, der ähnlich hübsch gerät, im Gegensatz zu diesem Beispiel im Gewinnsinne aber nicht zwingend notwendig war. Wie dem auch sei – solche Züge bleiben lange im Gedächtnis haften!

 

100. McDonald – Burn, Liverpool 1910
Stellung nach dem 35. Zug von Weiß

In dieser Stellung scheint es nur noch eine Frage von wenigen Zügen bis zur schwarzen Aufgabe zu sein, denn trotz der Mehrfigur sind die weißen Drohungen äußerst kräftig und scheinbar nicht zu parieren. Der englische Meister war jedoch einer der stärksten Spieler um das Jahr 1900 und entdeckte hier eine Verteidigung, die praktisch beispiellos ist. Mit 33… Dc8-g4!! setzte er seine Dame einer dreifachen gegnerischen Bedrohung aus und nutzte geschickt die geometrischen Besonderheiten in der Stellung zu seinem Vorteil aus. Weiß spielte darauf 34. Tg1xg4, denn jedes andere Schlagen würde es Schwarz gestatten, die weiße Dame mit dem Läufer zu schlagen und eine Mehrfigur zu behalten. Nach 34… Sh4-f3+ 35. Kh2-g2? Sf3xd2 36. Tg4xg5+ Kg7-h6 steht Weiß tatsächlich schon schlechter! Vermutlich immer noch geschockt von Burns grandioser Verteidigung hatte Weiß nicht erkannt, dass im 35. Zug 35. Kh2-g3! weitaus stärker gewesen wäre, da er in diesem Fall nun 37. Kg3-g4 mit immer noch siegbringendem Vorteil hätte spielen können. So hingegen führte Burn die Partie im 49. Zug tatsächlich noch zum Sieg!
Wer hätte in der Diagrammstellung diesen Partieausgang vermutet?!

 

Epilog

 

Zum guten Schluss wie gewohnt ein paar faszinierende Beispiele, deren Notation nicht aufzufinden war, so dass letzte Restzweifel bleiben, ob die Partie nicht doch eine Analyse oder nachträgliche Komposition darstellt. Eine Studie mit Bezug zu einem der Partiebeispiele ist auch noch mit dabei, da sie einfach unweigerlich in diese Sammlung aufgenommen werden musste!

 

Schluss einer Studie von Mitrofanov (1967)
Weiß am Zug gewinnt

Scheinbar gibt es keinen Weg für Weiß, dem Dauerschach zu entrinnen, doch der legendäre Zug 1. Dg8-g5!!, der die Dame scheinbar für nichts anbietet, gewinnt. Der Sinn des Zuges besteht darin, die schwarze Dame auf ein schwarzes Feld zu locken, so dass die Diagonalschachs gegen den weißen König nicht mehr möglich sein werden. Nach 1… Dh5xg5+ 2. Ka5-a6 hat Schwarz folgende Möglichkeiten, doch sie verlieren allesamt:
a) 2… Dg5-b5+ 3. Ka6xb5 Se1-c2 4. c6-c7! Sc2-a3+ 5. Kb5-a6 mit Matt im nächsten Zug.
b) 2… Dg5-a5+ 3. Ka6xa5 Lb8xa7 4. c6-c7!! Kc8-b7 5. b6xa7. Ohne den Springer wäre die Stellung remis, denn dann könnte Schwarz mit 4… La7xb6+ das Remis durch Patt erzwingen.
Mitrofanovs Zug fand tatsächlich praktische Anwendungen – man denke beispielsweise an Larsens berühmten Läuferzug gegen Taimanov (siehe 100 berühmte Läuferzüge, Beitrag Nr. 29) oder Günther Möhrings unglaublichen Damenzug im Beitrag Nr. 79.

 

Torre – Adams, New Orleans 1920
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Moderne wissenschaftliche Untersuchungen suggerieren, dass dieses weltbekannte Beispiel vermutlich der nachträglichen Analyse einer Variante und nicht der tatsächlich gespielten Partie entsprungen ist. Wie dem auch sei – die wissenschaftliche Untersuchung sei hier anderen überlassen, während an dieser Stelle einfach die berühmte Lösung erwähnt gehört. Durch die Schwäche der schwarzen Grundreihe gelingt es Weiß, der schwarzen Dame nachzustellen und sie letztlich auf entscheidende Art und Weise mit ihren Aufgaben zu überlasten.
Mit 1. Dd4-g4!! Dd7-b5 2. Dg4-c4!! Db5-d7 3. Dc4-c7!! Dd7-b5 4. a2-a4! (nicht sofort 4. Dc7xb7? wegen des Gegenschlags 4… Db5xe2!, wonach Schwarz gewinnt) 4… Db5xa4 5. Te2-e4!! Da4-b5 erzwingt Weiß den Gewinn nach 6. Dc7xb7!!. Schwarz gab hier auf, falls die Partie jemals auf genau diese Art und Weise gespielt wurde. So oder so prägen die geometrischen Motive den Lösungsverlauf auf eine einmalige und zutiefst befriedigende, ästhetische Weise.

 

Sergeev – Lebedev, unbekannter Ort, 1928
Weiß am Zug

Ein beispielloser Zug drückt dieser Begegnung den Stempel auf, denn eine vergleichbare Ablenkung habe ich bislang noch nicht gesehen. Mit 1. Db3-e6!! setzt Weiß dem Nachziehenden die Pistole auf die Brust. Die Pointe besteht natürlich darin, dass auf 1… d7xe6 2. Lb2-a3+ die tödliche Diagonale nicht mehr mit d7-d6 versiegelt werden kann und Schwarz im nächsten Zug mattgesetzt würde. Die einzige Verteidigung 1… g7-g6 kostet Schwarz aber nach 2. Lb2-a3+ Haus und Hof, zum Beispiel: 2… d7-d6 3. De6xc8+ Kf8-g7 4. Dc8xc7+ mit leichtem Gewinn.

 

Ermenkov – Sax, Warschau 1969
Weiß am Zug

Weiß setzte in dieser Stellung mit 1. d6-d7 fort, wonach er klar auf Gewinn zu stehen scheint. So einfach liegen die Dinge allerdings nicht, denn 1… d3-d2? verliert in der Tat rasch wegen des Zwischenschachs 2. Da3-a1+! mit Abdeckung der heiklen Grundreihenschwäche. Gyula Sax spielte allerdings stärker 1… De2xf1+! 2. Kg1xf1 d3-d2 und verlor nur deshalb, weil Weiß die einzige Widerlegung darauf fand. Er setzte hier fort mit 3. Da3xf3! und fand auf 3… Tc2-c1+ die denkwürdige Riposte 4. Df3-d1!!, die den Gewinn nach 4… Tc1xd1+ 5. Kf1-e2 Td1-b1 6. d7-d8=D sicherstellt, da das Bauernendspiel für Schwarz nach 6… d2-d1=D+ 7. Dd8xd1 Tb1xd1 8. Ke2xd1 für Schwarz klar verloren ist. Schwarz gab auf.

 

R. Meier – S. Mueller, Schwiz 1994
Weiß am Zug

Ein ernstzunehmender Kandidat für den schönsten Zug aller Zeiten könnte auch der folgende Geniestreich sein, dessen Wert allenfalls dadurch getrübt wird, dass Weiß auch so drückend überlegen steht und den nächsten Zug nicht unbedingt nötig gehabt hätte. Dennoch ließ Weiß sich die Gelegenheit hier nicht entgehen, 1. Df4-c7!! aufs Brett zu zaubern. Die Dame setzt sich damit ungedeckt einem dreifachen Angriff der gegnerischen Schwerfiguren aus, doch durch die Ablenkung von einer von ihnen verliert Schwarz entweder die Kontrolle über das Feld d5 oder die Grundreihe, zum Beispiel wie in der Partie 1… Td7xc7 2. Te6-e8+ mit baldigem Matt und Aufgabe von Schwarz. Auf die beste Wahl 1… Sc6-e5 kann Weiß aber einfach mit 2. Dc7xb7!! zugreifen.

 

Damit sind wir am Ende des fünften Teils unserer Exkursion durch die schönsten, berühmtesten und absurdesten Damenzüge der Schachgeschichte angekommen. Wie immer habe ich viel Energie und Kraft in die Recherche gesteckt und hoffe, auch diesmal wieder eine ansprechende Zusammenstellung geschaffen zu haben. Viel Spaß bei der Erarbeitung!

Bernd Grill