Widmann’s Löwen, Königsbronn-Zang

„Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Selle Lust hat, darin zu wohnen.“ (Winston Churchill)

November 2020

Seit den umfassenden Umbauten vom Sommer 2017 hat nicht nur das Ambiente des besten Landgasthofs im Kreis Heidenheim spürbar dazugewonnen, sondern auch die Küche konnte nochmals einen deutlichen Sprung nach vorne verzeichnen. Dabei sei zur Klarstellung allerdings erwähnt, dass ich hier nicht einmal vom Vorzeigerestaurant des Hauses, dem einfach besternten ursprung rede, sondern vom Zweitrestaurant Widmann’s Löwen. Andere Lokale gönnen sich nicht einmal solch eine Küche, während man hier dieses Niveau quasi als Backup-Option anbietet! Die Gäste danken es offenbar auch reichlich, denn dank des im Sommer stets gut ausgelasteten und sehr angenehmen Biergartens sowie den großzügigen Räumlichkeiten drinnen können hier gut und gerne auch in der dunklen Jahreszeit an die 50 Gäste bewirtet werden – und dennoch ist ohne Reservierung an Wochenenden nur mit Glück ein Tisch zu bekommen.

Woran liegt das? Nun, seit der Rückkehr des Junior-Chefs Andreas Widmann in die heimatlichen Gefilde zeichnet dieser in immer stärkerem Maße verantwortlich für die Geschicke beider Lokale. Allerdings ist auch Senior-Chef Frank Widmann kein unbeschriebenes Blatt in der Region, denn beispielsweise durchlief auch Hans Häge Jr. vom mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Gasthof Zum Bad in Langenau dessen Kaderschmiede. Das Niveau im Widmann’s Löwen haben beispielsweise auch der GUSTO und das österreichische (!) Magazin Falstaff inzwischen erkannt und entsprechend honoriert. Den geneigten Gast erwarten hier etliche schwäbische Klassiker, aber auch Gerichte, die über das Standardniveau anderer Landgasthäuser hinausgehen. Außerdem setzt man hier sehr stark auf regionale Produzenten von der Schwäbischen Alb und erzielt damit trotzdem mehr als beachtliche Ergebnisse, weil das Qualitätsbewusstsein beim Einkauf der Viktualien und die Sorgfalt bei der Zubereitung der Gerichte alles andere als alltäglich ist. Beispielhaft mag dafür das dreigängige, à la carte zusammengestellte Menü stehen, das ich hier letztens genießen durfte. Obwohl dieses keine außergewöhnlichen kreativen Höhenflüge beinhaltete, war allein schon die gebotene Qualität ausreichend, um ein überdurchschnittliches Ergebnis zu erzielen – und all das auch zu immer noch recht moderaten Preisen.

Ein typisches Mahl könnte hier wie folgt aussehen: zu Beginn lasse ich mir ein herbstliches Suppentrio präsentieren. Links eine wunderbar sämige Kürbiscrèmesuppe mit Texturen von Kürbis darin versteckt, dann eine aromatische Entenbrühe (mit Äpfeln, wenn ich mich recht erinnere) und schließlich als Krönung eine cremige Steinpilzrahmsuppe, die so süchtig macht, dass ich beim nächsten Besuch hier einen ganzen Teller allein davon bestelle. Das hier zur Schau gestellte Produktbewusstsein führt zu einem außerordentlich gelungenen Ergebnis, denn trotz nur durchschnittlich schwieriger Techniken ist es die geradezu herausragende Qualität und Frische der eingesetzten Viktualien, die hier einen enorm langen Nachhall an den Gaumen zaubert.

Die Kaspress-Reibekuchen auf Käsespätzle als vegetarisches Hauptgericht überzeugen gleichermaßen, denn wo andernorts regelmäßig verklebte Kässpätzle serviert werden, so ist die Konsistenz hier federleicht und alles andere als von belastender Schwere. Die perfekt dosierten, glasigen Zwiebeln darin verleihen dem ganzen Gericht zudem leichten Biss und sorgen für unbeschwerten Genuss – trotz der schieren Masse kein bisschen langweilig.

Als kleiner Exkurs sei hier noch erwähnt, dass an vier Tagen unter der Woche auch nachmittags jeweils ein Tagesgericht für € 9,90 zu haben ist. Auch hier wird keineswegs gespart, denn das unten abgebildete, exzellente Gericht Rinderfiletspitzen „Stroganoff“ mit hausgemachten Spätzle würde anderswo locker das Anderthalbfache kosten und vermutlich nicht annähernd so gut schmecken. Wieder einmal ist es neben der Produktqualität die Sorgfalt bei der Zubereitung und die Beachtung der Details, die aus einem durchschnittlichen Gericht ein bemerkenswertes machen. Hier sind es beispielsweise die ideale Würzung des Rindfleischs und die erstaunliche Konsistenz der fluffigen Spätzle. In Summe ist dies natürlich nicht so aufregend wie im genuinen Sternerestaurant ursprung ein Zimmer weiter, doch eine bleibende Lektion zum Thema überdurchschnittliches Essen bekommt man hier allemal erteilt.

Zum Dessert entscheide ich mich für Apfelküchle und -crumble im Glas. Auch dies klingt nicht sonderlich spannend, aber sowohl die Sahne und das Erdbeereis (hergestellt aus Milch von einem Demeter-Hof im Lautertal) sowie das Hagebuttengelée überzeugen auf ganzer Linie. Liebevolle kleine Details wie das Schokoladencrumble unter dem Eis runden den gelungenen Eindruck ab.

Spätestens seitdem hier 2017 einiges von Grund auf umgekrempelt wurde, ist Widmann’s Löwen der fraglos beste Landgasthof im Kreis Heidenheim und auf der Ostalb. Selbst wer sich nicht ins Sternerestaurant ursprung traut (was mir völlig unverständlich bleibt …), findet hier ein mehr als ordentliches Zweitrestaurant, das praktisch keine Wünsche nach einem gehobenen schwäbischen Wirthausessen offen lässt. Dass die Familie Widmann meines Wissens bereits in neunter Generation dieses Gasthaus führt, ist nicht nur bemerkenswert, sondern auch das Ergebnis konsequenter Gastfreundlichkeit – die Betreiber sind fraglos die geborenen Gastgeber. Kein Wunder, dass ich angesichts der kurzen Entfernung zu meinem Wohnort ständig gerne hier einkehre, denn wirklich enttäuscht worden bin ich hier praktisch noch nie.

Hoffen wir, dass das Mitnahmeangebot während der zweiten Lockdown-Phase dem Haus hilft, über die schwierigen Zeiten hinwegzukommen. Ich würde es mir sehr wünschen, denn so eine kulinarische Institution möche man in dieser ansonsten überschaubar ausgestatteten Region nicht missen.

Mein Gesamturteil: 13 von 20 Punkten

 

Widmann’s Löwen
Struthstraße 17
89551 Königsbronn-Zang
Tel.: 07328/96270
www. widmanns-albleben.de

Guide Michelin 2020: –
Gault&Millau 2020: –
GUSTO 2020: 5 Pfannen mit Bonuspfeil
FEINSCHMECKER 2020: –

3-gängiges Menü à la carte: ca. € 40