Freitag, 12. Juni 2026
Die neue Ausgabe des Guide Michelin für Deutschland wird im Rahmen einer Gala am Dienstag, den 23. Juni 2026, im Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens vorgestellt. Obwohl der rote Gourmetführer damit erneut etwas später als im Vorjahr erscheint, ändert dies nichts daran, dass ich das Ereignis zum Anlass nehme, um eine Bestandsaufnahme der aktuellen Zweisterner zu erstellen und ihre Chancen auf einen dritten Stern einzuschätzen.
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August (Augsburg):
Christian Grünwald ist der große Unbekannte unter Deutschlands Zwei-Sterne-Chefs. Der letzte Besuch ist schon viel zu lange her, weshalb ich mir kein aktuelles Urteil erlauben kann, das auf echten Eindrücken basiert. Meiner Auffassung nach zieht dieser außergewöhnliche Künstler sein Ding jedenfalls unbeirrt durch und sollte weiterhin bei zwei Sternen verharren.
Steinheuers Restaurant „Zur Alten Post“ (Bad Neuenahr-Ahrweiler):
Christian Binder hat de facto die Leitung von seinem Schwiegervater Hans Stefan Steinheuer übernommen und dem Lokal ein stärker gemüselastiges Profil als früher verpasst. Ich denke, es sollte weiterhin bei soliden zwei Sternen bleiben.
Le Pavillon (Bad Peterstal-Griesbach):
Seit vielen Jahren zelebriert Martin Herrmann seine klassische Hochküche, die stets verlässlich liefert und nach wie vor jede Menge konservativer Gourmets auch aus dem nahen Frankreich anlockt. Anzeichen für eine Auf- oder Abwertung kann ich keine ausmachen, aber der letzte Besuch ist auch schon einige Jahre her.
PUR (Berchtesgaden):
Ulrich Heimann konnte eindrucksvoll beweisen, dass man auch jenseits der 60 Lenze noch zwei Sterne erlangen kann und schaffte es seither, sein Niveau zu behaupten. Aller Voraussicht nach bleibt es bei zwei Sternen.
Vendôme (Bergisch Gladbach):
Mein jüngster Besuch im Oktober 2025 hinterließ teils gehörigen Eindruck bei mir. Dennis Kuckuck hatte zu jenem Zeitpunkt das Lokal praktisch schon vollständig von Joachim Wissler übernommen und längst eigene Ideen eingebracht, die das Lokal zumindest mittelfristig wieder zum Kandidaten für den dritten Stern machen sollten, den es 2022 verloren hatte. Eine sofortige Krönung wäre allerdings eine große Überraschung.
CODA (Berlin):
Der ganz große Hype von vor ein paar Jahren ist inzwischen abgeebbt. Dennoch sollte René Frank mit seiner extraordinären Dessertküche weiterhin Zeichen setzen, die für zwei Sterne reichen sollten.
Facil (Berlin):
Michael Kempf und Joachim Gerner gehören seit Jahren zum Dunstkreis der potentiellen Dreisterner. Im Hinblick auf die beeindruckende Konstanz räume ich ihnen Außenseiterchancen ein, aber zu den Topfavoriten zähle ich das lichtdurchflutete Lokal am Potsdamer Platz nicht.
Horváth (Berlin):
Sebastian Franks radikale und konzentrierte Gemüseküche gehört zu den durchdachtesten und maßstabsetzenden Küchen des Landes. Allerdings wirken die hohen Kosten und die im nationalen Vergleich doch sehr statische Speisekarte auf mich bisweilen etwas abschreckend. Gemessen am letztjährigen Besuch sehe ich derzeit keine hinreichenden Argumente für den dritten Stern.
Tim Raue (Berlin):
Der umtriebige Kreuzberger Jung gehört zu den Dauerbrennern unter den Kandidaten für die höchsten Weihen. Trotz vieler Verpflichtungen und medialer Auftritte kann er auf ein unfassbar starkes Team bauen, das den Anspruch des Lokals für meine Begriffe jüngst nochmals steigern konnte. Ergo bleibt das kühl durchgestylte Lokal am Checkpoint Charlie ein ganz heißer Tipp.
L.A. Jordan (Deidesheim):
Daniel Schimkowitsch hat seine voll auf Luxusprodukte setzende, stark japanisch ausgerichtete Stilistik jüngst nochmals geschärft und radikal verschlankt. Stillstand ist definitiv nicht sein Ding, wenngleich die bisweilen asketisch wirkenden Gerichte teils gewöhnungsbedürftig sind und ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordern, will man aus ihnen den größten Nutzen ziehen. Die beachtlichen Fortschritte der letzten Jahre spülen ihn fraglos in den Kreis der echten Anwärter.
ÖSCH NOIR (Donaueschingen):
Die stetigen, überzeugenden Fortschritte von Manuel Ulrich sind auch anderen Gourmets nicht verborgen geblieben, die sein Lokal inzwischen klar auf dem Schirm haben. Diese Küche gehört für mich zu den handwerklich präzisesten und spielt sich nie auf. Vordergründige Effekte sind diesem Chef fremd, und doch strotzen seine Teller vor bemerkenswerten Einfällen. In spätestens zwei, drei Jahren sollte dieses Lokal bei gleichbleibender Entwicklung zu den Topfavoriten avancieren.
IKIGAI (Elmau):
Wie schon im Vorjahr bleibt das noble Lokal im Schloss Elmau mein absoluter Topfavorit. Hier sind alle Voraussetzungen für den finalen Ritterschlag gegeben: sensationelle Produkte, eine unverwechselbare Handschrift, ein bestens geschulter Service, ein inzwischen mit allen Wassern gewaschener Chef und Menüfolgen, die von Anfang bis Ende überzeugen.
Lafleur (Frankfurt am Main):
Andreas Krolik setzt weiterhin auf eine recht gemüselastige Küche, die er gerne mit exzellenten und hochpreisigen Spitzenprodukten kombiniert. Aushängeschild ist nach wie vor die rein vegane Menüfolge, aber meine Stippvisite im September zeigte ganz klar auf, dass er ein vielseitiges Repertoire beherrscht, das stets in ästhetischer Optik auf die Teller gezaubert wird. Dennoch räume ich dem Lokal nur eine sehr geringe Chance auf drei Sterne ein.
Meierei Dirk Luther (Glücksburg):
Dirk Luther will es noch einmal wissen und krempelte nach 25 Jahren seine noble Herberge an der Flensburger Förde samt Küche komplett um. Dank besserer Möglichkeiten und noch attraktiverer Rahmenbedingungen gehören nun sowohl ein Besuch im Hotel als auch im weiterhin klassisch geprägten Restaurant mit teils herausragenden Viktualien zum Pflichtprogramm eines jeden Gourmets. Ob der dritte Stern damit in Angriff genommen werden kann, bleibt abzuwarten. Dieses Jahr sehe ich keine echte Chance, aber vielleicht tut sich nochmals etwas in wenigen Jahren.
100/200 (Hamburg):
Thomas Imbuschs Lokal im Industriechic-Design mit der offenen Schauküche konnte sich schnell und sicher in Hamburgs Zwei-Sterne-Liga etablieren. Mit einer recht forschen Aromatik bewegt er sich immer wieder abseits des Mainstreams und überzeugt stets aufs Neue. Drei Sterne sind aber momentan außer Reichweite.
Lakeside (Hamburg):
Julian Stowasser gehört zu einer Reihe an ebenfalls noch recht jungen Chefs, die schon zwei Sterne erlangt haben und diese auch mehrmals bestätigt haben. Das sollte auch in diesem Jahr zur Formsache werden, auch wenn mein Besuch im Februar eine gewisse Streuung zwischen herausragenden und marginal schwächeren Gerichten mit sich brachte.
Jante (Hannover):
Tony Hohlfeld pflegt einen erfreulich eigenständigen Küchenstil und traut sich dabei eine ganze Menge zu. Die meisten seiner Kreationen entziehen sich konventionellen Vergleichen und gewinnen dank der sauberen Arbeit noch zusätzlich an Reiz. Für einen dritten Stern erachte ich allerdings ein optimiertes Feintuning als unerlässlich, denn mit den bisweilen knalligen Aromen schießt die Küche in seltenen Fällen noch übers Ziel hinaus.
VOTUM (Hannover):
Benjamin Gallein ist ein Chef mit großem Potential, das für mich noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft ist. Mit großer Zielstrebigkeit und Kreativität feilt der Meister an seinen Kreationen, die schon jetzt erfrischend andersartig auftreten und den Gast einladen, eine Reise jenseits der allseits bekannten Kombinationen anzutreten. Ein dritter Stern käme zu früh, aber in wenigen Jahren könnte sich das ändern.
sein (Karlsruhe):
Thorsten Benders kleines Lokal mitten in einem Karlsruher Wohngebiet zählt noch zu den jüngeren Vertretern mit zwei Sternen. Für seinen reduzierten und äußerst kompakten Stil braucht man Zeit, um einen Zugang zu finden, aber wer sich diese zugesteht, wird einen nachhaltigen Effekt aus einem Besuch hier ziehen können. Die zwei Sterne sind in Stein gemeißelt, und von drei träumt hier im Moment bestimmt keiner.
Gotthardt’s (Koblenz):
Dies ist einer der beiden Zweisterner, die ich noch nicht besucht habe. Yannick Noack, der ehemalige Souschef von Christian Eckardt, bekam den zweiten Macaron aber erst im letzten Jahr verliehen, so dass alles andere als eine Bestätigung dieses Urteils eine faustdicke Überraschung wäre.
Ox&Klee (Köln):
Im einzigen anderen Lokal mit zwei Sternen, das mir noch fehlt, pflegt Daniel Gottschlich einen kraftvollen Stil, der ihm schon seit einigen Jahren unangefochtene zwei Sterne einbringt. Für mich gibt es keinerlei Anzeichen, dass sich an diesem Urteil etwas ändern sollte.
Ophelia (Konstanz):
Dirk Hoberg ist einer der Leisetreter der Branche, hat sich aber meiner Auffassung nach von relativ vielen Gourmets unbemerkt und mit großer Zielstrebigkeit immer weiter nach oben gearbeitet. Die Zeit ist für mich inzwischen reif, ihn und seinen pfiffig-leichten, hocheleganten Küchenstil zu den wirklich ernstzunehmenden Anwärtern auf den dritten Macaron zu zählen.
Opus V (Mannheim):
Dominik Paul, der schon vor Jahren die Nachfolge von Tristan Brandt antrat, zeigte mir in einem viergängigen Neujahrsmenü auf, welch Potential in ihm steckt. Drei Sterne kämen zu früh, aber jene Darbietung brachte ihm verdiente zwei Sterne ein, und ein Ende der Entwicklung scheint mir noch nicht absehbar …
Alois (München):
Als eine von zwei Chefinnen mit zwei Sternen hierzulande konnte Rosina Ostler im Obergeschoss des weltbekannten Feinkostgeschäfts Dallmayr bereits gehörig für Furore sorgen. Mit ihrem reduzierten Stil, der zudem auf recht ungewöhnliche Kombinationen setzt, stellt sie eine echte Bereicherung der ohnehin quirligen Szene in München dar und sollte die zwei Sterne problemlos halten können.
Atelier (München):
Der aus der Schweiz gekommene Kevin Romes trat die Nachfolge des überraschend aus privaten Gründen zurückgetretenen Anton Gschwendtner an und konnte schon in den zweieinhalb Monaten seither echte Akzente setzen. Zwei Sterne wären keine Überraschung, zumal er mit diesen auch schon bei den Eidgenossen ausgezeichnet war, doch mit den neuen Möglichkeiten im Hintergrund darf man davon ausgehen, dass schon bald der dritte Macaron, den seinerzeit Jan Hartwig für das Haus holte, wieder angestrebt wird.
KOMU (München):
Sebastian Kunz bereichert das Portfolio Münchens mit seinen pfiffigen und meist farbenfrohen Tellern spürbar. Das kleine Lokal südlich der Kaufingerstraße ist recht unscheinbar, hat aber eine ausgesprochen interessante und handwerklich akkurate Küche zu bieten, die auch heuer wieder mit zwei Sternen prämiert werden sollte.
Tantris (München):
Benjamin Chmura macht aus den Ambitionen des vielleicht berühmtesten Restaurants der Republik keinen Hehl und strebt den dritten Macaron an, den Heinz Winkler 1982 für das illustre Etablissement gesichert hatte. Nicht zuletzt dank großzügiger Küche, eines eingespielten Teams und Möglichkeiten, von denen andere Chefs nur träumen können, stehen die Voraussetzungen dafür inzwischen richtig gut. Will sagen: diese Legende muss man auf dem Schirm haben.
Cœur d’Artichaut (Münster):
Nein, Mainstream ist nicht das Ding von Frédéric Morel: mit seiner kraftvollen, häufig bretonisch inspirierten Küche setzt er in Münster Zeichen, die Gourmets inzwischen von weiter her anreisen lassen. Kraftvoll und herausfordernd geht es auf seinen Tellern zu, die ihm auch dieses Jahr wieder zwei Sterne einbringen sollten.
Obendorfer’s Eisvogel (Neunburg vorm Wald):
Hier strebt ein talentierter Chef nach oben: seitdem Sebastian Obendorfer den Posten des Chefkochs von seinem Vater Hubert – seinerseits weiß Gott kein schlechter Koch – übernahm, ging es für den Eisvogel weiter steil nach oben. Ein Ende dieser Entwicklung scheint nicht absehbar, denn seitdem man sich hier eine neue und deutlich geräumigere Küche genehmigte, scheinen die Möglichkeiten im Herzen der Oberpfalz nahezu grenzenlos. Das verspricht spätestens in zwei, drei Jahren beste Aussichten auf den dritten Stern, der heuer wohl noch zu früh käme.
Essigbrätlein (Nürnberg):
Obwohl in dem putzigen Sandsteingebäude im Herzen der Frankenmetropole seit dreißig Jahren Maßstäbe in Sachen Gemüse gesetzt werden, gelang es der Küche zuletzt, die Teller noch eleganter und subtiler als ohnehin schon wirken zu lassen. Es scheint fast, als wolle Andrée Köthe mit der Vollendung des sechsten Lebensjahrzehnts in einem letzten Kraftakt den kaum für möglich gehaltenen dritten Stern doch noch anstreben. Das wäre ein Paukenschlag!
etz (Nürnberg):
Vor einigen Jahren ziemlich gehypt, ist es um Felix Schneiders Lokal inzwischen ruhiger geworden. Der letzte Besuch ist leider schon einige Jahre her, aber an seiner grundsätzlichen Stilistik, auf stark saisonale vegetarische Produkte in kühnen Kreationen zu setzen, hielt das Lokal fest. Weiterhin zwei Sterne sind erwartbar.
Söl’ring Hof (Rantum):
Meinem Empfinden nach durchläuft das noble Lokal auf der Rantumer Düne momentan eine Art Findungsphase, mit welcher die Ausrichtung für die nächsten Jahre festgelegt werden soll. Da bleiben Enttäuschungen nicht komplett aus, denn gemessen an meinem jüngsten Besuch im Februar konnte mich längst nicht jeder Teller überzeugen, zumal die durch das empfindliche Preis-Leistungs-Verhältnis geschürte Erwartungshaltung nicht geringer wurde. Es sollte für Jan-Philipp Berner bei zwei Sternen bleiben, aber ich habe das Lokal schon stärker erlebt als derzeit.
Dichter (Rottach-Egern):
Mit seiner anspruchsvollen, ästhetischen und elaborierten Küche gehört Thomas Kellermann für mich zum besten Dutzend Zweisterner in Deutschland. Dank konzentrierter Arbeit, Zielstrebigkeit und wenig Ablenkung scheint der fokussierte Meister immer noch weiter in kleinen Schritten nach oben zu streben. Ein dritter Stern wäre Stand jetzt dennoch ziemlich überraschend.
AMMOLITE (Rust):
Mit dem jüngsten Facelifting für das Lokal scheinen auch die Ansprüche von Peter Hagen-Wiest nochmals gestiegen zu sein. Die sukzessive Verbesserung in kleinen Schritten führt das Lokal zumindest schon mal in die Nähe dessen, was für einen dritten Stern notwendig wäre. Für mich genießt das Lokal derzeit so etwas wie Geheimtippstatus.
Esplanade (Saarbrücken):
Hier hat sich mit Silio del Fabro ein ambitionierter Chef dank einer klaren Stilistik und einer charmanten Küche, die sich teils erfreulich nahe an einer extrem hochklassigen Brasserie orientiert, konsequent nach oben gearbeitet. In ein oder zwei Jahren dürfte hier ein heißer Kandidat für drei Sterne heranwachsen.
GästeHaus Klaus Erfort (Saarbrücken):
Nach dem Verlust des dritten Sterns vor fünf Jahren wirkten die jüngsten beiden Darbietungen von Klaus Erfort auf mich so, dass er trotz aller Widrigkeiten der vergangenen Jahre nochmals oben angreifen wolle. Sollte es ihm gelingen, dann wäre er nach Heinz Winkler erst der zweite Chef überhaupt, der jemals in Deutschland in ein und demselben Lokal den dritten Stern zurückholt. Die Chancen dafür stehen derzeit eher mäßig, aber wer weiß?!
Louis (Saarlouis):
Sebastian Sandor konnte das hohe Niveau des Hauses nicht nur halten, sondern für meine Begriffe sogar leicht ausbauen. Mit kompakten und ziemlich gemüselastigen Kreationen hält er das Interesse seiner Gäste hoch und sollte recht mühelos die zwei Sterne halten können.
ATAMA (Sankt Ingbert):
Martin Stopp setzt an seiner neuen Wirkungsstätte weiterhin auf beachtliche Hochküche, zugleich aber auch auf ziemlich viel Unterhaltung. Mir schien der Fokus zuletzt darauf ausgerichtet zu sein, es möglichst vielen Gästen mit heterogenen Interessen recht zu machen. Dies gelingt ihm derzeit sehr gut, und mit Abstrichen schien es für mich nicht verbunden zu sein, so dass die zwei Sterne, welche erst letztes Jahr erlangt wurden, erhalten bleiben sollten.
Speisemeisterei (Stuttgart):
Stefan Gschwendtner strebt in auffallend großen Schritten nach oben und konnte sich für meine Begriffe binnen nur weniger Jahre in die Topriege unter den Zweisternern hierzulande vorarbeiten. Für drei Sterne dürfte es Stand jetzt schwerlich reichen, aber das Potential für weitere Großtaten ist hier allenthalben zu spüren – eine der stärksten Entwicklungen der letzten Jahre.
Hirschen (Sulzburg):
Als eine von zwei Chefinnen mit zwei Sternen kocht Douce Steiner schon seit einer halben Ewigkeit im Südschwarzwald auf durchweg hohem Niveau. Mein letzter Besuch ist fast sieben Jahre her, doch die jüngsten Auszeichnungen sind mir nicht verborgen geblieben. Das spricht für einige Verbesserungen in den letzten Jahren, doch drei Sterne halte ich für unwahrscheinlich.
Oswald (Teisnach):
Kaum ein anderer Chef hierzulande zaubert solch opulente und vergleichsweise attraktiv bepreiste Menüs von derart verblüffender Optik auf die Teller. Die Aufwertung im letzten Jahr schien mir bei meinem Premierenbesuch überfällig gewesen zu sein, da die Küche alles mitbringt, um dieses Urteil zu rechtfertigen. Zwei Sterne sind dem Lokal daher weiter sicher.
Intense (Wachenheim):
Benjamin Peifer pflegt einen Küchenstil, der gerade in der eher beschaulichen Pfalz auffallend kosmopolitisch daherkommt. Seine Vorliebe für kraftvollen Geschmack und Röstaromen macht einen Besuch in diesem Lokal durchaus fordernd, aber zugleich auch sehr spannend. Die Ideen scheinen dem jungen Chef nicht ausgehen zu wollen, so dass die im vergangenen Jahr erlangten zwei Sterne sicher sein sollten.
Pietsch (Wernigerode):
Mit gerade einmal 27 Jahren erlangte Luis Hendricks den zweiten Stern und überzeugte mich bei meinem Premierenbesuch vor zwei Wochen auf ganzer Linie. Dabei ließ er seine kompakten, aber durchaus filigranen und asiatisch geprägten Teller für sich sprechen und nahm die Gäste auf eine faszinierende Reise mit. Ostdeutschlands derzeit einziger Zweisterner sollte die Bestätigung nach dieser Darbietung auf jeden Fall halten können.
AURA (Wirsberg):
Bei der Entwicklung neuer Gerichte setzt Tobias Bätz seit längerer Zeit auf die Erkenntnisse des Future Lab im selben Hause, das mit seinen Experimenten einen nicht unerheblichen Anteil am graduellen Fortschritt des Hauses hat. Dennoch wirken die dort gebotenen Menüfolgen auf mich nicht sonderlich homogen und teils etwas kopflastig. Gleichwohl gab es natürlich immer wieder auch großartige Momente, selbst wenn das Lokal nicht zu meinen erklärten Favoriten gehört. Für zwei Sterne sollte es jedenfalls weiterhin reichen.
Le Cerf (Zweiflingen):
Boris Rommel bindet immer mehr erzklassische Zubereitungen wie etwa die Garung in der Schweinsblase in seine Menüfolgen mit ein und zeigt deren Potential auf, wenn man sie mit den heutigen zur Verfügung stehenden Mitteln umsetzt. Man kann in Deutschland kaum klassischer auf diesem Niveau essen als in Zweiflingen, wo das kulinarische Erbe von Lothar Eiermann immer noch Verpflichtung und Inspiration zugleich darzustellen scheint. Zwei Sterne sind fest eingeplant.
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An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass die Auszeichnung eines Lokals mit drei Sternen kein alltäglicher Vorgang ist. Weltweit sind derzeit lediglich 157 Lokale mit der anerkannt höchsten Auszeichnung dekoriert, die es in dieser Branche gibt. Da die Verleihung oder Aberkennung eines solchen Prädikats signifikante wirtschaftliche Auswirkungen für ein Restaurant haben kann, wird die Vergabe (bzw. Aberkennung) des dritten Sterns akribisch untersucht: wenn ein Inspektor (so heißen die Kritiker des Guide Michelin) die Verleihung des dritten Sterns für ein Lokal vorschlägt, so muss dieses mindestens ein weiteres Mal von einem anderen Inspektor besucht werden. Außerdem muss eine einberufene Konferenz aller Inspektoren einstimmig für die Verleihung des dritten Sterns plädieren, damit dieser vergeben werden kann. Wie man sieht, ist diese Auszeichnung sehr bedeutsam und folglich alles andere als leicht zu erlangen. Kein Wunder, dass jedes Jahr ein ziemlicher Hype um die neuen Auszeichnungen gemacht wird.
Derzeit gibt es nach der Schließung des Aqua elf Drei-Sterne-Restaurants in Deutschland:
- Schwarzwaldstube, Baiersbronn-Tonbach (seit 1993)
- Sonnora, Dreis (seit 1999)
- Victor’s Fine Dining, Perl-Nennig (seit 2006)
- Bareiss, Baiersbronn-Mitteltal (seit 2008)
- The Table, Hamburg (seit 2016)
- Rutz, Berlin (seit 2020)
- schanz, Piesport (seit 2022)
- JAN, München (seit 2023)
- es:senz, Grassau (seit 2024)
- Haerlin, Hamburg (seit 2025)
- Tohru in der Schreiberei, München (seit 2025)
Unter den derzeitigen Dreisternern sehe ich aktuell keinen Kandidaten, der eine Abwertung befürchten muss, aber man kann nie wissen …
Hier jedenfalls meine Top Ten für die Erlangung eines neuen dritten Sterns, falls er überhaupt vergeben wird:
- IKIGAI, Elmau
- Tim Raue, Berlin
- Tantris, München
- Ophelia, Konstanz
- L.A. Jordan, Deidesheim
- Esplanade, Saarbrücken
- Facil, Berlin
- GästeHaus Klaus Erfort, Saarbrücken
- Dichter, Rottach-Egern
- Vendôme, Bergisch Gladbach
Unter den Kandidaten für eine Aufwertung auf zwei Sterne sind dies meine Favoriten:
- Gut Lärchenhof, Pulheim
- Stadtpfeiffer, Leipzig
- Wolfshöhle, Freiburg
- Nagaya, Düsseldorf
- La Société, Köln
- Brothers, München
- Tantris DNA, München
- Les Deux, München
- Das Grace, Flensburg
- Friedrich Franz, Heiligendamm
Ungewöhnlich spannend wird es dieses Jahr auch werden, was die Vielzahl an beachtlichen Neueröffnungen bzw. Lokalen, die von neuen Chefs übernommen wurden, betrifft. Hier ein Überblick über die prominentesten Neuzugänge noch ohne Stern:
- The CLOUD: Nach der Verabschiedung von Bobby Bräuer übernahm sein Souschef Jens Madsen die Räumlichkeiten des EssZimmers in der BMW-Welt. Nach einem umfangreichen Umbau wirkt nicht nur das Lokal deutlich futuristischer, sondern auch der Küchenstil bewegt sich am Puls der Zeit. Für seine Darbietungen besucht der neue und noch sehr junge Chef pro Saison einen neuen Kulturraum und lässt sich von Inspirationen aus der ganzen Welt leiten. Ich wäre nicht überrascht, wenn das Lokal gleich mit zwei Sternen einsteigen sollte.
- Dune: Nachdem Niklas Nussbaumer die Mühle in Schluchsee verließ, heuerte er in Frankfurt am Main an und soll dem Vernehmen nach das Niveau nicht nur gehalten, sondern sogar noch ausgebaut haben. Zwei Sterne, die er zuvor schon hielt, sind also durchaus erwartbar.
- Rausch: Selbe Location, neuer Name, etwas anderer Stil. Jochim Busch, Chefkoch des ehemaligen Gustav in Frankfurt am Main, hat sehr realistische Chancen auf mindestens einen Stern.
- La Brise: Das Lokal unter der Leitung von Stephan Krogmann eröffnete erst Ende Mai im Schloss Gehrden, weshalb dieser Termin möglicherweise nach dem Redaktionsschluss lag und eine Bewertung bis zum nächsten Jahr warten muss. Sollte es doch reichen, dürfte der Stern, den er zuvor im Hilmar in Aerzen hielt, mehr als plausibel sein.
- Buoy: Marvin Böhm, ehemaliger Souschef von Sven Elverfeld aus dem Wolfsburger Aqua, übernahm die Räumlichkeiten des bianc von Matteo Ferrantino und startete vor wenigen Monaten mit seinem ersten eigenen Lokal neu durch. Ein Stern sollte drin sein.
- Ostseelounge: Nach Jahren der Stagnation zog das Lokal im Ostseebad Dierhagen ins Erdgeschoss des Strandhotels Dünenmeer, wo mit Christopher Huhnstock-Kerber der ehemalige Souschef von Sven Wassmer aus dem Schweizer Dreisterner Memories in Bad Ragaz anheuerte. Was dieser schon nach wenigen Wochen auf die Teller zauberte, ließ mir teils den Atem stocken, so dass ein erster Stern praktisch als gesichert gelten darf.
Nach der Veröffentlichung des neuen Guide Michelin erfolgt hier wie immer ein Update.