Diers Café, Verden an der Aller

„Gelassenheit ist die angenehmste Form des Selbstbewusstseins.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

September 2020

Dieses schmucke und von außen eher unscheinbare Café liegt im Herzen der niedersächsischen Stadt Verden an der Aller, gut 30 Minuten südöstlich von Bremen. Pferdeliebhabern wird dieses Mekka des Reitsports mit Sicherheit etwas sagen, doch auch die Altstadt hat neben einem (völlig zu Unrecht) wenig bekannten, aber höchst sehenswerten Dom ein pittoreskes Stadtbild zu bieten, in dem es etliche Fachwerkhäuser und schmucke kleine Gässchen gibt.

Dass ich hier (quasi außer Konkurrenz) ein Café rezensiere, hat mithin den Grund, dass hier eine überdurchschnittliche Qualität geboten wird. Die Hauptursache dafür ist allerdings darin zu sehen, dass Kennern der Szene der Name des Besitzers, Bernhard Diers, sicherlich etwas sagen wird: dieser führte zunächst in Haigerloch auf der Schwäbischen Alb den Schwanen zu zwei Michelin-Sternen und später die legendäre Stuttgarter Zirbelstube zu einem Michelin-Stern (obwohl auch hier zwei Sterne sicherlich diskussionswürdig gewesen wären). Im Jahre 2013 leitete dann physische Erschöpfung des Kochs sowie eine Meinungsverschiedenheit mit der Geschäftsleitung des Stuttgarters Hotels am Schlossgarten über die künftige Ausrichtung des Restaurants letztlich den Abgang des legendären Grand Chefs ein. Nach der Rückkehr in seine niedersächsische Heimat etablierte er hier in Verden zusammen mit seiner Frau ein Café (mit eigener Rösterei) und scheint seither seine Mitte gefunden zu haben. Es kommt nicht so oft vor, dass sich ein Koch nach dem Ende seiner Karriere nochmals neu erfindet.

Bei unserem Besuch zeigt sich Bernhard Diers, den wir bis dato überhaupt nicht (persönlich) kannten, erfreut über Besuch aus dem Schwabenland und von Kennern seiner früheren Zunft. Bereitwillig erteilt er uns zwischen herausragenden Kaffeesorten und hausgemachten Torten, die allesamt zu den besten der Umgebung gehören müssen, auch sehr persönliche Auskünfte über seine damalige Arbeit und gibt sich gänzlich unprätentiös. Im Gegenteil – er gibt mir sogar mit auf den Weg, dass ich „Pascal“ (gemeint ist der damalige Maître der Zirbelstube, Pascal Foechterlé, der nach einem kurzen Intermezzo im Stuttgarter Olivo inzwischen zum zweiten Mal bei der Zirbelstube angeheuert hat) unbedingt ganz herzlich von ihm grüßen solle und er sich auf mich verlassen würde! Da die Zirbelstube derzeit wegen Corona immer noch auf unbestimmte Zeit geschlossen bleibt, hat sich Herr Foechterlé übrigens inzwischen dem Stuttgarter Fässle angeschlossen.

Kurzum: ein ehemaliger Sternekoch verliert sein Qualitätsbewusstsein nicht von einem Tag auf den anderen und offeriert logischerweise auch auf anderem kulinarischen Sektor weit überdurchschnittliche Kunst ab, die – ganz unabhängig davon, ob man sich für den bisherigen Werdegang des Grand Chefs interessiert oder nicht – Eindruck macht und dem geneigten Gast im Rahmen eines wirklich fairen Preis-Leistungs-Verhältnisses eine ganze Menge zu bieten hat. Da an diesem regnerischen Tag die Einkehr in ein Café der ohnehin so ziemlich beste Einfall ist, was man in Verden tun kann, lassen wir uns gerne vom ehemaligen Grand Chef Bernhard Diers und seiner grundsympathischen Truppe für ein Stündchen verwöhnen.

Mein Gesamturteil: außer Konkurrenz

 

Diers Café
Nagelschmiedestr. 1
27283 Verden an der Aller
Tel.: 04231/9708989
www.dierskaffee.de

Gault&Millau 2020: Erwähnung als „Pop-up“ (ohne Note)