Schach: 100 berühmte Turmzüge

100 berühmte Turmzüge

 

Nun gehe ich über zu den Schwerfiguren: der nächste Teil dieser Serie ist den Türmen gewidmet. Sie gelten im allgemeinen als vielseitige Angriffsfiguren, aber als schwache Verteidiger. Besonders spannend finde ich immer wieder überraschende Qualitätsopfer, geniale Sperrzüge, Turmschwenks von einer Seite des Bretts zur anderen und Turmopfer zur Zerschlagung des feindlichen Bauernschutzes vor dem König. Auch diese Auswahl hat wie immer hoffentlich wieder viele interessante und berühmte Beispiele im Angebot, deren Kenntnis sich bestimmt nicht negativ auf die eigene Spielstärke auswirkt. Viel Spaß beim Stöbern!

 

Die fünf wohl berühmtesten Turmzüge

 

1. Steinitz – von Bardeleben, Hastings 1895
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Die Partie mit dem frei schwebenden Turm von Wilhelm Steinitz gehört zu den berühmtesten der gesamten Schachgeschichte: hier spielte der Exweltmeister in Form von 22. Te1xe7+! einen taktischen Schlag, der scheinbar nicht so schwer zu entdecken ist. Die Dame darf wegen des hängenden Turms auf c8 nicht zurückschlagen, während das Nehmen mit dem König mit dem Turmschach auf e1 beantwortet würde. Dann würde Schwarz nach 23… Ke7-d6 (alles andere kostet die Dame) 24. Dg4-b4+ Kd6-c7 (oder auch 24… Tc8-c5 25. Te1-e6+) 25. Sg5-e6+ Kc7-b8 26. Db4-f4+ klar verlieren. Bardeleben zog aber 22… Ke8-f8!, wonach eine seltsame Situation mit lauter hängenden Figuren entsteht. Steinitz setzte fort mit 23. Te7-f7+ Kf8-g8 24. Tf7-g7+!! und profitierte dabei von dem Umstand, dass der Turm immer noch nicht genommen werden kann. Nach 24… Kg8-h8 (auf 24… Kg8-f8 gewinnt 25. Sg5xh7+) 25. Tg7xh7+ gab Bardeleben die Partie nicht auf, sondern stand vom Brett auf und ward nicht mehr gesehen. Das tolle Ende hätte wie folgt lauten können: 25… Kh8-g8 26. Th7-g7+! Kg8-h8 27. Dg4-h4+ Kh8xg7 28. Dh4-h7+ Kg7-f8 29. Dh7-h8+ Kf8-e7 30. Dh8-g7+ Ke7-e8 31. Dg7-g8+ Ke8-e7 32. Dg8-f7+ Ke7-d8 33. Df7-f8+ und Matt in zwei weiteren Zügen nach 33… Dd7-e8 34. Sg5-f7+ Kd8-d7 35. Df8-d6#. Genial!

 

2. Pillsbury – Lasker, Sankt Petersburg 1896
Stellung
nach dem 26. Zug von Weiß

Nicht wenige Spezialisten messen dieser Partie eine außerordentliche Bedeutung für den weiteren Verlauf der gesamten Schachgeschichte bei. Harry Nelson Pillsbury, eines der größten Schachtalente der USA aller Zeiten, gab regelmäßig Blindsimultanvorstellungen an acht oder mehr Brettern und zertrümmerte dabei seine Gegner in schöner Regelmäßigkeit ebenso spektakulär wie vor ihm sein Landsmann Paul Morphy. Pillsbury verstarb mit nur 33 Jahren an Syphillis und hätte sicherlich das Potential zum Weltmeister gehabt. Nach zehn von achtzehn Runden in Führung liegend, traf er hier beim internationalen Turnier von Sankt Petersburg (Steinitz und Chigorin waren die anderen Teilnehmer, wobei sechs Partien gegen jeden Gegner zu absolvieren waren) auf einen Weltmeister in Bestform, der ihn trotz einiger Ungenauigkeiten von beiden Spielern vorführte und demontierte. Pillsbury verwand diese Schmach offenbar überhaupt nicht und brach danach völlig ein, als er nur noch 1,5 Punkte aus den ausstehenden acht Partien erzielte. Die Aussicht auf einen Weltmeisterschaftskampf war danach dramatisch gesunken – er sollte auch niemals zustande kommen.
In der Diagrammstellung zog Lasker bekanntlich 26… Tc3xa3!! und gewann sehr rasch nach der Folge 27. Df5-e6+ Kg8-h7 (genauer war der Zug ins Eck) 28. Kb2xa3 Dc4-c3+ 29. Ka3-a4 b7-b5+ 30. Ka4xb5 Dc3-c4+ und Matt in zwei Zügen. Anstelle des Nehmens auf a3 hätte 28. Kb2-b1 den Widerstand verlängert, aber den Ausgang der Partie wohl kaum verändert.

 

3. Rotlewi – Rubinstein, Lodz 1907
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

In dieser sehr berühmten Partie entkorkte der polnische Meister Akiba Rubinstein eine immergrüne Kombination mit zwei spektakulären Turmzügen: zunächst wurde eine Deckungsfigur des weißfeldrigen Läufers mit 22… Tc8xc3!! eliminiert. Nach 23. g3xh4 (keineswegs besser ist
23. Le4xb7 Tc3xg3) setzte Rubinstein mit 23. … Td8-d2!! zum nächsten Tiefschlag an. Alles dreht sich nur darum, die Deckung des besagten Läufers zu unterminieren! Nach 24. De2xd2 Lb7xe4+ 25. Dd2-g2 Tc3-h3! musste Weiß aufgeben. Es dürfte wohl kaum einen ernsthaften Schachspieler geben, der diese Partie noch nicht gesehen hat!

 

4. Réti – Aljechin, Baden-Baden 1925
Stellung nach dem 26. Zug von Weiß

Der Mathematikstudent Richard Réti gilt als einer der bedeutendsten Neuerer des Schachspiels und muss zu den stärksten Spielern gezählt werden, die niemals Weltmeister werden sollten. Seinem Kontrahenten in dieser Partie, Alexander Aljechin, sollte dies nicht nur zwei Jahre später gelingen – er blieb auch der einzige Weltmeister, der jemals im Amt verstarb.
Typischer für seinen schneidigen und dynamsichen Stil könnte eine Partie kaum sein: Aljechin zog hier nämlich für Réti völlig unerwartet 26… Te8-e3!! und opferte einen ganzen Turm für ungestümen Angriff. Der Turm ist – wie leicht erkennbar – nicht zu nehmen. Nach dem korrekten 27. Lh1-f3! wäre nun allerdings nicht viel passiert. Réti beauftrage aber stattdessen den Springer damit, das Feld f3 zu stopfen und erlebte nun sein blaues Wunder!
Das wirklich Erstaunliche an diesem Opfer besteht darin, dass Schwarz nach der „falschen“ Ablehnung des Opfers mit 27. Sd4-f3? dagegen 27… c6xb5 28. Dc4xb5 weiterhin guten Gebrauch von seinem Turm mit 28… Sd5-c3! 29. Db5xb7 Dc7xb7 30. Sc5xb7 Sc3xe2+ Gebrauch macht. Nach 31. Kg1-h2 hängen beide Türme, doch nach 31… Sf6-e4! gesellt sich noch ein dritter hinzu. Réti würde nach 32. f2xe3 Se4xd2 Material einbüßen, so dass er mit 32. Tc1-c4 fortsetzte. Auf 32… Se4xf2! hing plötzlich kein Turm mehr, doch geben die verknoteten weißen Figuren Schwarz immer noch eine Trumpfkarte in die Hand. Nach 33. Lh1-g2 Lg4-e6 34. Tc4-c2 bringt das Schachgebot 34… Sf2-g4+ Weiß in Probleme. Nach 35. Kh2-h3 Sg4-e5+ 36. Kh3-h2 machte Aljechin den Sack mit 36… Te3xf3! 37. Td2xe2 Se5-g4+ 38. Kh2-h3 Sg4-e3+ 39. Kh3-h2 zu, denn nach 39… Se3xc2 40. Lg2xf3 Sc2-d4! gab Réti auf: wenn er den Läufer deckt, verliert Weiß nach dem Abtausch den Springer auf b7 wegen des Spießes auf d5.
Einfach atemberaubend, wie in dieser sensationellen Kombination ein Rädchen ins andere greift!

 

5. Kasparov – Shirov, Horgen 1994
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Seit über zwei Jahrzehnten gilt diese Stellung als eine Art Lackmustest für das Spielverständnis und die praktische Stärke von Schachcomputern: das Konzept, das Garri Kasparov hier ersann, war zu jener Zeit schockierend neuartig und doch typisch für seine dynamische Auffassung des königlichen Spiels. Selbst heutige Engines erkennen die Kompensation für das geopferte Material erst nach und nach. Natürlich ist es keineswegs so, dass ein schablonenhafter Zug wie 17. Sc2-e3 nicht spielbar wäre, doch Kasparovs Entscheidung, hier mit 17. Tb4xb7!! die Qualität zu opfern, drückt dieser Partie fortan den Stempel auf. Nach 17… Sc5xb7 18. b2-b4! erhellte die Idee des Weltmeisters allmählich: die schlechte Position des gestrandeten Springers auf b7 sollte ausgebeutet werden. Doch selbst nach Ansicht dieser Stellung bin ich ziemlich sicher, dass die meisten menschlichen Spieler dafür keine Qualität zu opfern bereit gewesen wären. Kasparov siegte tatsächlich im 38. Zug – und Shirov ärgerte sich hinterher, dieses Opfer zugelassen zu haben! So schlecht kann Kasparovs Zug also nicht sein …

 

Glänzende Qualitätsopfer

 

6. Reshevsky – Petrosjan, Zürich 1953
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Der neunte Weltmeister der Schachgeschichte, Tigran Petrosjan, war für seine Qualitätsopfer berühmt. Seine zahllosen Beiträge zu diesem Thema haben unser Spielverständnis nachhaltig verändert, zumal längst nicht alle seine Opfer reinen Angriffszwecken dienten. Diese Partie darf mit Fug und Recht als die „Mutter aller Qualitätsopfer Petrosjans“ bezeichnet werden. In einer für ihn schwierigen Lage entknotete der Armenier hier seine Stellung mit 25… Te7-e6!!. Wenn Weiß das Opfer annimmt, dann muss er dafür seinen kostbaren weißfeldrigen Läufer preisgeben und die schwarze Blockade auf den weißen Feldern verstärken. Unabhängig davon, ob Weiß schlägt oder nicht, wird Petrosjan seinen Springer über e7 auf das vorzügliche Blockadefeld d5 überführen können, während der Rappe soeben noch keine Zukunft hatte. Der Wert eines Turms ist in einer derartigen Stellung ohne offene Linien sowieso erheblich geringer als sonst, weshalb Petrosjan wohl kaum lange zögerte, den Turm zum Schlagen anzubieten. Reshevsky verschmähte den Köder zunächst mit 26. a3-a4, griff nach 26… Sc6-e7 aber doch mit 27. Lg4xe6 zu, worauf die Partie nach 27… f7xe6 28. Df4-f1 im 41. Zug remis endete. Um den Preis einer relativ kleinen Investition hat sich das Bild komplett gewandelt: der verbliebene weiße Läufer ist nicht sonderlich stark, und auch die weißen Türme finden so schnell kein vernünftiges Betätigungsfeld. Die schwarzen Figuren sind dagegen agil, weshalb Weiß übrigens nach 28… Lg6-d3 folgerichtig und völlig korrekt die Qualität zurückgab!

 

7. Spassky – Petrosjan, Weltmeisterschaftskampf, 11. Partie, Moskau 1969
Stellung nach dem 30. Zug von Weiß

Auch auf allerhöchster Ebene funktionierte Petrosjans Markenzeichen hervorragend: sein zur Perfektion gereiftes Spielverständnis demonstrierte er hier erneut auf sehenswerte Weise: mit 30… Tc8-c4!! spielte er ein lehrbuchhaftes Qualitätsopfer, das ihn selbst vermutlich nicht viel Überwindung kostete: wenn Weiß den kecken Eindringling beseitigt, dann öffnet er dem Gegner die verhängnisvoll schwache lange Diagonale und beschert ihm zwei verbundene Freibauern. Wenn er jedoch davon absieht, dann bleibt der schwache Bauer auf d5 dauerhaft abgeschirmt – und die Verdoppelung der Türme bzw. der alternative Schwenk nach e8 stünden auch demnächst auf der Agenda. Spassky schlug das Angebot mit 31. Db3-d3 aus, doch auch damit konnte er seine Probleme nicht lösen. Petrosjan führte die Partie im 56. Zug eindrucksvoll zum klaren Sieg.

 

8. Ljublinsky – Botwinnik, Moskau 1943
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Der Patriarch der Sowjetischen Schachschule, Mikhail Botwinnik, hatte das Potential von Qualitätsopfern zur Verteidigung von schlechten Stellungen zu jener Zeit ebenfalls längst erkannt. Das obige Beispiel fehlt in nahezu keinem Lehrbuch zu diesem Thema, denn in dieser für Botwinnik wenig attraktiv erscheinenden Stellung voller Bauernschwächen und passiver Läufer entschied er sich für 25… Td8-d4!! und konnte nach 26. Sc3-e2 La6-c8 27. Se2xd4 c5xd4 seine Position signifikant verbessern. Seine Bauernstruktur ist nun gerade gebogen, und außerdem hat sich ein spürbarer Raumvorteil für Schwarz hinzugesellt. Ob Weiß so gut damit beraten war, den Springer anstelle des Läufers herzugeben, ist fraglich, da Springer in Blockadestellungen häufig stärker als Läufer sind. In der Partie baute Botwinnik einen langsamen Angriff am Königsflügel auf, bei dem ihm sein verbliebener Turm sehr zugute kam. Weiß verblieb in der Partie nämlich mit zwei passiven Türmen und bereute wohl später, dass er die Chance, einen von ihnen abzutauschen in der Partie verpasst hatte. Botwinnik gewann im 53. Zug. Die kleine materielle Einbuße dürfte Botwinnik nicht gestört haben: selbst wenn sich sein Opfer als schlecht erwiesen hätte, was wäre die Alternative gewesen? Mit seinem dreisten Zug gibt Schwarz der Partie eine psychologische Wende, weshalb schon aus rein praktischen Gründen das Qualitätsopfer als ernste Option erwogen werden sollte.

 

9. Kasparov – Andersson, Moskau 1981
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Auch im Jahre 1981 stellte Kasparov für die allermeisten Gegner bereits eine signifikante Gefahr dar. Vor diesem Hintergrund war ein Remis mit Schwarz gegen diesen gefürchteten Angreifer schon als Erfolg zu werten. Der schwedische Großmeister Ulf Andersson, der für seine ausgesprochen zähen Verteidigungskünste und grandiose Technik bekannt ist, opferte hier überraschend mit 13… Te8xe3!? die Qualität. Als Gegenwert für sein defensives Opfer erhält der Schwede einen bombensicheren Platz für seinen Springer auf e5 und eine stabile hebelarme Stellung, die zu erschüttern nicht leicht fällt. Kasparov kritisierte nach der Partie Anderssons Opfer, aber in erster Linie war dies wohl auf die Enttäuschung zurückzuführen, dass der junge Aufsteiger die Partie nicht zum Sieg führen konnte und im 83. Zug ins Remis einwilligen musste.
Wahrscheinlich hätten sich nicht viele Spieler freiwillig auf diese langwierige Verteidigung eingelassen, aber ohne das Opfer macht die schwarze Stellung auch keinen gefälligen Eindruck. Ich zolle der Entscheidung Anderssons und seinem Mut daher durchaus meinen Respekt.

 

10. Nezhmetdinov – Tal, Moskau 1961
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Mikhail Tal ist fraglos eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte. Seine zahllosen Angriffspartien lassen die Herzen unzähliger Schachfans höher schlagen. Umso bemerkenswerter erscheint es vor diesem Hintergrund, dass Tal einmal eine interessante Antwort auf die Frage gab, was der glücklichste Tag in seinem Leben gewesen sei. Anstatt eine erwartbare Antwort wie den Tag, an dem er Weltmeister wurde, abzugeben, nannte er den Tag, an dem er gegen Rashid Nezhmetdinov verlor! Das Wort „defensiv“ war im Vokabular Nezhmetdinovs nicht vorhanden, und so dienten seine Opfer praktisch immer Angriffszwecken.
Tal bezog sich mit seiner Aussage auf die folgende Partie, die der tatarische Großmeister mit ungebremster Energie und grandioser Findigkeit dirigierte. Weiß opferte hier nämlich direkt mit 17. Tf1xf6!! Lg7xf6 eine Qualität und setzte daraufhin mit 18. Sc3-d5 Dc7-d8 19. De2-f2! Se6-f4 20. Lc1xf4 e5xf4 fort. Nun hätte er mit dem einfachen 21. Df2xf4 deutlichen Vorteil erlangen können, während das tatäschlich gespielte 21. e4-e5? wegen 21… Lf6-h4 weniger klar gewesen wäre, wenn Tal so gespielt hätte. Nach 21… Lf6xe5? blieb dieser schwache Moment allerdings ungestraft, so dass 22. Ta1-e1 f7-f6 23. Sd5xf6+ Dd8xf6 24. Df2-d4 die Angelegenheit wieder in die richtige Richtung steuerte. Tal verlor im 29. Zug.
Schade, dass Nezhmetdinovs Patzer im 21. Zug die Partie hätte entwerten können, aber trotzdem macht sein Opfer gehörigen Eindruck. Tal erkannte übrigens an, dass Nezhmetdinov Kombinationen sogar noch schneller und besser als er selbst berechnen würde.

 

11. Spassky – Geller, Kandidatenviertelfinale, 6. Partie, Sukhumi 1968
Stellung nach dem 22. Zug von Schwarz

Seinem Naturell entsprechend bevorzugte auch Boris Spassky eher die offensiven Qualitätsopfer, wenn sich die Chance dafür bot. In dieser berühmten Partie, die vermutlich jeder Anhänger des geschlossenen Sizilianers kennt, liegt ein Opfer auf f6 förmlich in der Luft. Natürlich reicht es indes nicht aus, nur eines Schachgebots wegen Material preiszugeben – und somit besteht die wahre Leistung hinter Spasskys Opferzug 23. Tf1xf6! weniger in dem Opfer selbst als in der korrekten Berechnung der Fortsetzung: nach 23… e7xf6 24. Dh4-h7+ Kg8-f8 folgte das kraftvolle 25. Sg5xf7!, was die Abwesenheit der schwarzen Verteidiger ausbeutet. Da das Schlagen des Springers auf 26. Le3-h6 nebst 27. Se2-f4 träfe, wählte Geller 25… Ta2xc2. Allerdings war seine Stellung nach 26. Le3-h6 Tc2xc1+ 27. Se2xc1 Kf8xf7 28. Dh7xg7+ Kf7-e8 29. g4-g5 nicht mehr zu retten. Geller gab drei Züge später auf.

 

12. Anand – Kramnik, Schnellpartie, Frankfurt am Main 1999
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Vladimir Kramnik hatte über zwei Jahrzehnte hinweg sein Schwarzrepertoire gegen 1. e2-e4 so sehr perfektioniert, dass sich selbst Garri Kasparov im WM-Match 2000 gegen ihn immer wieder die Zähne ausbiss: wann immer kein Sieg mit Schwarz absolut notwendig war, durfte man mit der Berliner Mauer oder der Russischen Verteidigung rechnen. Doch auch die stärksten Spieler sind immer wieder anfällig für Opferoptionen: eine der ganz wenigen Gelegenheiten, bei der ein Loch in Kramniks Vorbereitung aufgedeckt wurde, sehen wir hier. Vishy Anand opferte hier nämlich – wie passend, dass diese Veranstaltung den Namen Chess Tigers trug – unverblümt die Qualität mit 16. Te1xe7!!. Die Kameras fingen diesen denkwürdigen Moment sogar ein: deutlich war zu sehen, wie Kramnik wild gestikulierend die Hände über dem Kopf zusammenschlug! Mir ist nicht ganz klar, was hier genau in Kramniks Vorbereitung schiefgelaufen war, denn selbst wenn das Opfer nicht zwingend durchschlagen würde (was es tut), dann muss es doch zumindest erwogen werden, da dem schwarzen König danach ein unbequemer Spaziergang an der frischen Luft droht. Nach 16… Kf8xe7 17. Dc3-b4+ ist das Malheur perfekt: der Bauer auf b7 wird fallen, und der schwarze König findet kein sicheres Plätzchen. Nach 17… Ke7-d8 18. Db4xb7 Ta8-c8 fand Anand die Idee 19. Lf4-g5+ f7-f6 20. Db7xg7 f6xg5 21. Dg7xh8+ Kd8-c7 22. Dh8-e5+ mit Abwicklung in ein gewonnenes Endspiel mit zwei Mehrbauern und Begradigung der weißen Bauernstruktur. Welch eine vernichtende Niederlage für Kramnik!

 

13. Anand – Ivanchuk, Las Palmas 1996
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Vladimir Kramnik hätte gewarnt sein müssen, dass Anand keine Scheu vor Qualitätsopfern zeigt: bereits drei Jahre zuvor spielte er einen der unfassbarsten Züge der Schachgeschichte. In dieser Stellung würden Normalsterbliche sich ausschließlich mit der Frage beschäftigen, wohin sich der angegriffene Springer zurückziehen soll. Nicht so der indische Superstar: er entkorkte hier das phantastische Qualitätsopfer 14. Te4xh4!!, das vollkommen sinnlos erscheint, zumal danach auch noch die Damen getauscht werden. Da das Nehmen mit dem Springer wegen 15. Lc1-g5 schlecht ist, bevorzugte Ivanchuk natürlich 14… Dd8xh4. Die Idee des „Tigers von Madras“ wurde allmählich nach 15. Dh5xh4 Sg6xh4 16. Sd5-b6 Ta8-b8 17. Lc1-f4 deutlich. Nicht trotz, sondern wegen des Damentauschs hat Weiß nun erdrückendes positionelles Übergewicht. Das nun ungedeckte Feld b6 ermöglicht es dem Springer, sich dort wie ein Stachel im Fleisch einzunisten; der Bauer auf d6 gerät unter Beschuss und ist schwer zu decken. Nach 17… Sh4-f5 vermied Anand die verlockende Falle 18. g2-g4? Sf5xd4 19. Lf4xd6 Lc8xg4 mit schwarzem Gewinn. Stattdessen entzog er seinen d-Bauer dem feindlichen Angriff und nagelte gleichzeitig die Schwäche mit 18. d4-d5 fest. Ivanchuk konnte trotz geistreicher Verteidigung die positionellen Fesseln nicht abstreifen und unterlag schließlich im 46. Zug. Die langfristige Konzeption Anands macht ungeheuer Eindruck, da eine akkurate Stellungseinschätzung absolut notwendig war, bevor er sich zu einem derart beispiellosen Opfer, das sich praktisch jedweder Kategorisierung entzieht, entschließen konnte.

 

14. Gufeld – Kavalek, Marianske Lazne 1962
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

In dieser berühmten Partie von der Studentenolympiade 1962 konnte der Nachziehende nach fehlerhaftem weißem Spiel bereits frühzeitig die Initiative ergreifen und das Gleichgewicht massiv stören. Er hat im Moment vier Bauern für die Figur (und ein fünfter Bauer auf h2 hängt auch noch), doch zwei seiner Mehrbauern sind leider verdoppelt. Weiß möchte nun mit 24. Sd2-c4 dem lästigen gegnerischen Läufer auf die Pelle rücken und allmählich die Vernichtung des Bauern auf f2 einläuten. Schwarz erkannte, dass genau dieser Bauer und sein Läufer die Augäpfel seiner Position darstellen und störte ergo das materielle Gleichgewicht noch stärker mit 23… Td8xd2+!!. Um den Preis einer Qualität bewahrt Schwarz seine Trümpfe vor der Vernichtung und behält erdrückendes positionelles Übergewicht. Im Grunde genommen dient dieses Opfer zur Vernichtung der einzigen aktiven gegnerischen Figur, so dass die auf dem Brett verbleibenden weißen Steine allesamt passiv agieren. Auf 24. Ke2xd2 e5-e4 25. La3-f8 f5-f4 kamen die Bauern ins Rollen – und die weiße Hilflosigkeit wurde zusehends deutlicher. Auf 26. b2-b4 setzte Kavalek seiner Strategie mit 26… Tg2-g5! 27. Lf8-c5 Tg5xc5!! die Krone mit dem zweiten Qualitätsopfer auf: der Läufer ist wichtiger als der Turm! Die denkwürdige Partie ging sehenswert zu Ende mit 28. b4xc5 Lb6xc5 29. Ta1-b1 f4-f3 30. Tb1-b4 Ke6-f5! (nicht 30… e4-e3+? wegen 31. Kd2-d3, gefolgt von 32. Tb4-e4) 31. Tb4-d4 Lc5xd4 32. c3xd4. Nun hatte Weiß endlich sein Ziel, den feindlichen Läufer zu vernichten, erreicht, doch nach 32… Kf5-f4 musste er trotzdem aufgeben.

 

15. Spassky – Tal, Tallinn 1973
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

Recht häufig kommen auch Qualitätsopfer vor, mit denen ein wichtiger Bauer gewonnen wird – einen solchen Fall sehen wir hier, als Mikhail Tal das wenig überzeugende Eröffnungsspiel Spasskys in dieser Partie bestrafte. Im ersten Moment scheinen die Dinge gar nicht so schlecht zu stehen, hat Weiß doch derzeit drei Mehrbauern und die Rochade fest im Blick. Tal verstand natürlich, dass er hier schnell zuschlagen musste, wenn er das dynamische Potential seiner Stellung zur Geltung bringen wollte und griff daher beherzt mit 15… Tf6xf3!! zu. Nach den weiteren Zügen 16. Le2xf3 c5xd4 wurde das weiße Dilemma deutlich: die Anordnung von Dame, König und Turm auf den schwarzen Feldern verhindert, dass der hängende Springer nun geschlagen werden darf. Spassky musste wohl oder übel die versäumte Rochade nun nachholen und sah sich nach 17… d4xc3 18. b2xc3 Lb4xc3 19. Dd2-d6 Ta8xa6 20. Lf3xc6 Lc3-b4! vor große Probleme gestellt, da die weiße Dame die Deckung des Läufers aufgeben muss. Tal verwertete den spürbaren Vorteil, der hauptsächlich auf dem traumhaften Läuferpaar beruht, im 38. Zug.

 

16. Topalov – Aronian, Wijk aan Zee 2006
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

In diesem Beispiel aus moderneren Tagen erleben wir, wie allein die Aussicht, einen Bauer für die Qualität zu gewinnen, sowie die Verbesserung der eigenen Bauernstruktur genug Gründe für ein Qualitätsopfer darstellen. In dieser bis dato als für Schwarz völlig annehmbar geltenden Theoriestellung entwickelte Veselin Topalov ein Konzept, das der Aufmerksamkeit aller Topspieler zuvor entgangen war. Er griff rigoros mit 18. Te1xe4!! zu und machte nach 18… d5xe4 19. Sf3-e5 Druck auf die schwarze Achillesferse, den Bauer auf c6. Der einzige Weg, beide hängenden Baauern zu decken, bestand in 19… Dd8-d5, worauf Topalov mit 20. Dd1-e1 antwortete. Es ging weiter mit 20… Lc8-f5 21. g3-g4! Lf5-g6 22. f2-f3! b5-b4 23. f3xe4 Dd5-e6 24. Lc3-b2, wonach Topalov erreicht hatte, was ihm vorschwebte: seine bewegliche Bauernmasse im Zentrum verspricht ihm hevorragende Kompensation. Nach 24… Le7-f6 25. Se5xc6! De6xc6 26. e4-e5 wurde diese ohnehin schon bemerkenswerte Partie vollends zu einem sehenswerten modernen Klassiker, den Topalov im 43. Zug gewann. In der Endstellung hatte er sogar eine zweite Qualität weniger, doch sein furchterrgendes Läuferpaar in Verbindung mit den Freibauern erwies sich auch für zwei Türme als zu viel.

 

17. Movsesian – Kasparov, Sarajevo 2000
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Manchmal stellt schon die Verschlechterung der gegnerischen Bauernstruktur einen hinreichenden Grund für ein Qualitätsopfer dar. Nun hat man natürlich schon viele Qualitätsopfer auf c3 im Sizilianer gesehen, doch meistens ging ein solches Opfer einher mit dem unmittelbaren Gewinn des Bauern auf e4. Hier jedoch ist dies offenbar nicht gegeben, und doch opferte Kasparov hier einfach mit 13… Tc8xc3!! eine ganze Qualität, nur um die weiße Festung um den König langfristig zu schwächen. Tatsächlich war Weiß nach 14. b2xc3 Dd8-c7 15. Sd4-e2 Lf8-e7 16. g4-g5 0-0 17. h2-h4 Sb6-a4 18. Le3-c1 Sd7-e5 19. h4-h5 d6-d5 noch weit von der Entwicklung eines Angriffs entfernt, während Schwarz schon spürbar weiter gekommen ist. Insbesondere die schwarzen Springer finden glänzende Vorposten für ihre Aktivitäten, während Weiß sich passiv und umständlich verteidigen muss. Kasparov siegte letztlich im 32. Zug. Bleibt die Frage, wie viele andere Spieler hier wohl „einfach so“ auf c3 zugegriffen hätten.

 

18. Lautier – Shirov, Manila 1990
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

Auch in diesem berühmten Beispiel waren die geschwächte Bauernstruktur und der dadurch ermöglichte Angriff die entscheidenden Kriterien für Alexej Shirov, hier mit 22… Te8xe3!! eine zweite Qualität ins Geschäft zu stecken. In diesem Fall verhält es sich zwar so, dass der Angriff nicht zwingend durchschlägt, doch die psychologische Last liegt danach eindeutig beim Anziehenden. Die Fortsetzung der Partie verdeutlichte dies: 23. f2xe3 Dd8-e7 24. Kg1-f2 Lg7-e5 25.Tc1-h1 Le5xg3+ 26. Kf2xg3 De7xe3+ 27. Dd5-f3 De3xd2 28. Df3-a8+ Kg8-g7 29. Kg3xh3. Nach 29… Dd2xe2 fand Lautier den besten Zug (30. Da8-g2) nicht und verlor nur drei Züge später.

 

19. Karpov – Andersson, Mailand 1975
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

Auch wenn Anatoli Karpov den Weltmeistertitel 1975 letztlich kampflos zugesprochen bekam, so bewies er in den folgenden Jahren eindrücklich, dass er diese Auszeichnung zurecht trug und speziell mit den weißen Steinen damals als nahezu unbezwingbar galt. Vor diesem Hintergrund ist diese Partie von Ulf Andersson umso bemerkenswerter, denn dieses Meisterwerk dürfte eine der besten Partien seines Lebens geworden sein. In einer Partie mit langwierigen Manövern drohte er hier von Karpov auslaviert zu werden und opferte deswegen mit 27… Te8xe3! die Qualität. Karpov wollte diese auch behalten und nahm daher mit dem Springer (das Nehmen mit der Dame gestattet 28… Ld6-f4 mit Rückgewinn der Qualität). Nach 28. Sf1xe3 Ld6xh2 hatte Andersson aber durchaus Kompensation vorzuweisen: die weiße Königsstellung war etwas geschwächt, die Kontrolle über die schwarzen Felder war gesichert, Karpov musste ohne seine beste Leichtfigur auskommen und der Bauer auf d5 entwickelte sich allmählich eher zu einer Schwäche als zu einer Stärke. Andersson führte diese Position nach beidseitigen kleinen Ungenauigkeiten im 79. Zug tatsächlich zum Sieg. Diese Partie trat daraufhin ihren Siegeszug durch die gesamte weltweite Schachpresse an und brachte Andersson viel Anerkennung ein.
Kurioserweise spielte Andersson gegen Kasparov [Nr. 9] sechs Jahre später praktisch denselben Zug wieder und bekam dadurch ebenfalls, was er erreichen wollte!

 

20. Karpov – Sax, Linares 1983
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Dass er selbst die Kunst des Qualitätsopfers auch beherrschte, bewies Karpov in dieser berühmten Partie gegen den ungarischen Großmeister Gyula Sax. Um die vollständige Dominanz über die weißen Felder zu erlangen, spielte er hier einen der mutmaßlich schönsten Züge der Schachgeschichte: 18. Td1-d5!!. Um den Eindringling zu beseitigen, muss Schwarz seinen wichtigsten Verteidiger, den weißfeldrigen Läufer, hergeben. Danach kann sich der weißfeldrige Läufer Karpovs nach Belieben auf dem Brett austummeln und allerlei Unheil drohen. Die Langfristigkeit der Kompensation und ihr eher abstrakter Charakter würden auch viele stärkere Amateure heutiger Tage meiner Meinung nach noch von diesem Opfer abhalten. Erst nach den weiteren Zügen 18… Lc6xd5 19. Lc4xd5 Ta8-d8 20. Ld5-c4! Le7-b4 21. c2-c3 b7-b5 22. Lc4-e2 wurde allmählich deutlich, in welch misslicher Lage Schwarz steckt. Nach 22… Lb4-d6 setzte Karpov noch einen drauf, indem er nicht etwa auf b5 nahm, sondern hier mit 23. Db3-d5! fortsetzte. Dabei galt es unbedingt zu erkennen, dass die versteckte Option 23… Da5xc3+ mit der Riposte 24. Kc1-b1!! entkräftet werden kann. Sax wehrte sich stattdessen mit allem, was er hatte, und favorisierte stattdessen 23… Ke8-e7, doch Karpov blieb unerbittlich und hielt den Druck mit 24. Le3-c5! hoch. Der Weltmeister siegte nach einer schönen Kombination im 39. Zug.

 

21. Aronian – Carlsen, Stavanger 2017
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Eines der größten Meisterwerke (praktisch jeder Sieg gegen Carlsen in einer Turnierpartie muss derzeit dieses Prädikat tragen) der modernen Schachgeschichte wurde ebenfalls mit einem Qualitätsopfer eingeleitet. Soeben hatte Levon Aronian einen Bauer angeboten – um die Kompensation nun nachzuweisen, war es zwingend notwendig, hier mit 12. Ta1xa3!! noch mehr Material ins Geschäft zu stecken, um die gegnerische Dame in eine brenzlige Lage zu bringen. Nach 12… De7xa3 schnitt der Armenier Carlsens Dame zunächst mit 13. c4-c5 den Rückzug ab. Weiß kann nun praktisch immer ein Remis mit 14. Sc3-b1 durch Stellungswiederholung erzwingen, weshalb ein risikoloses Spielen auf Sieg nun möglich ist. Auf Carlsens 13… b7-b6 spielte Aronian 14. b3-b4, und nach 14… Sf6-e4 15. Sc3xe4 d5xe4 16. Lc2xe4 Ta8-b8 führte der beidseitige Versuch, auf Gewinn zu spielen, plötzlich zum thematischen Opfer 17. Le4xh7+! mit Angriff. Carlsen unterlag tatsächlich in einer von vorne bis hinten sehenswerten Partie im 35. Zug.
Qualitätsopfer dieser Art, die die Verschlechterung einer gegnerischen Figur zum Ziel haben, sieht man nicht so häufig. Wenn dann auch noch der Weltmeister damit bezwungen wird, dann kann man wohl von einem schachlichen Festtag sprechen!

 

22. Kaidanov – Onischuk, Chicago 2002
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Das meiner Meinung nach schönste und zugleich schwierigste Beispiel dieses Abschnitts ist Ivan Sokolovs höchst lesenswertem Buch Die hohe Schule des Mittelspiels entnommen. Sokolov gibt freimütig zu, dass ihm Kaidanovs bemerkenswerte Idee niemals in den Sinn gekommen wäre. Auch Boris Spassky, der exakt dieselbe Stellung schon auf dem Brett hatte, äußerte sich dahingehend, dass er das Gefühl hatte, dass dieser Stellung eine verborgene Möglichkeit innewohnen würde. Doch auch in seiner Blütezeit fand er diese Idee nicht und spielte nach langem Nachdenken schließlich 14. a3-a4. Wie Gregory Kaidanov auf seine Idee kam, ist nicht bekannt, zumal selbst moderne Engines diesen Zug nicht auf dem Schirm haben. Jedenfalls verblüffte Weiß hier seinen Gegner mit 14. Ta1-a2!!, was den Turm nach f2 überführen möchte, um Druck auf der f-Linie auszuüben. Der offensichtliche Mangel dieses Zuges besteht darin, dass Schwarz durch die Beseitigung des Turms diesem Ansinnen ein abruptes Ende bereiten kann. Onischuk nahm den Turm und wird dafür jedoch von Sokolov in seinen erhellenden und äußerst geistreichen Anmerkungen kritisiert! Laut Sokolov hätte Onischuk den Stolz seiner Stellung, den weißfeldrigen Läufer, behalten und den Turm ignorieren sollen. Aber mal ehrlich: wer hätte diesen Turm nicht genommen? Dass Onischuk es tat, ermöglichte Kaidanov jedenfalls, die Kompensation nachzuweisen: nach 14… Lc4xa2 15. Lb1xa2 Sd7-f8 16. 0-0 Sf8-g6 17. Lc1-d2 Dd8-d7 18. Sg3-f5 kristallisierte sich heraus, dass Opfer auf g7 schnell in der Luft liegen und Schwarz die weitere Entwicklung der Dinge praktisch nur passiv mitverfolgen kann. So scheitert nun 18… Sf6xe4? beispielsweise an 19. La2xf7+! mit Gewinn. Der Läufer auf a2 hat keinen Gegenspieler, so dass Weiß nach dem Partiezug 18… Dd7-d8 daran ging, mit 19. e4-e5!! d6xe5 20. e3-e4! seinen schwarzfeldrigen Läufer ebenfalls zu beleben. Kaidanov siegte souverän im 41. Zug. Diese Partie verdient es meiner Meinung nach, viel bekannter zu sein, denn ein solch grandioses Konzept wie das langfristige Qualitätsopfer im 14. Zug entwickelt man nicht oft.

 

Tragische Patzer

 

23. Ebralidze – Ragozin, Tbilissi 1937
Stellung nach dem 40. Zug von Weiß

Eine der unfassbarsten Episoden der Schachgeschichte ist mit dieser Stellung verbunden, in der Ragozin trotz Zeitnot in unklarer Stellung die „scharfsinnige“ Verteidigung 40… Tc4-c7?? auspackte. Er bemerkte dabei nicht, dass das beabsichtigte Läuferschach auf d6, falls Weiß den Turm nimmt, aufgrund der Fesselung schlichtweg unmöglich ist. Damit hatte sich die Geschichte aber noch lange nicht erledigt, denn Weiß starrte zunächst ungläubig auf das Brett, weil er diese Option (die keine echte ist) nicht auf dem Schirm hatte. Es wird kolportiert, dass die anwesenden georgischen Zuschauer den Irrtum Ragozins sofort bemerkten und nicht mehr an sich halten konnten. Sie riefen ihrem Lokalmatador zunächst kaum vernehmbar, aber später immer deutlicher zu: „Archil, nimm doch den Turm!“ Ebralidze zeigte sich jedoch über die spontane (und natürlich verbotene) Hilfe nicht etwa erfreut, sondern ärgerte sich stattdessen über die Ruhestörung und entschied sich nach längerem Nachdenken für 41. Td7-d5??. Die goldene Chance war vertan, doch es sollte noch schlimmer kommen, denn Weiß verlor nun völlig die Contenance und stellte nach 41… Le7-f6 42. Sd4-b5 Tc7-c2+ 43. Kh2-g3 a7-a6 44. Td5-d7+? Kf7-e8 45. Td7-c7 selbst seinen Turm nach 45… Lf6-e5+ ein und gab auf! Was für ein unglaubliches Drama!

 

24. Kortchnoi – Karpov, Weltmeisterschaftskampf, 17. Partie, Baguio 1978
Stellung nach dem 38. Zug von Schwarz

Der von allerlei Nebengeräuschen begleitete WM-Kampf von 1978 zwischen Karpov und Kortchnoi muss unter einer unglaublich großen Nervenanspannung von beiden Spielern bestritten worden sein. Das allgemeine Spielniveau war vergleichsweise niedrig – nicht zuletzt deshalb, weil beiden Kontrahenten insgesamt zu viele einfache Fehler unterliefen. Den Höhepunkt unter den Patzern erleben wir hier, als sich Kortchnoi wieder einmal in horrender Zeitnot befand und den halben Punkt, der zum Beispiel mit 39. g2-g4 zu haben war, mit 39. Ta3-a1?? wegwarf. Nach dem einfachen 39… Sd2-f3+! wurde er mattgesetzt und musste eine unnötige Niederlage quittieren.

 

25. Kasparov – Karpov, Weltmeisterschaftskampf, 11. Partie, Moskau 1985
Stellung nach dem
22. Zug von Weiß

Kurioserweise waren die schlimmsten Aussetzer in den insgesamt fünf WM-Matches zwischen K&K fast ausschließlich mit Turmzügen verbunden. Einen besonders dicken Bock leistete sich Karpov, als er hier mit 22… Tc8-d8?? fortsetzte, was ihm umgehend einen fragenden Blick seitens Kasparovs einbrachte. Der Herausforderer bediente sich natürlich sofort mit 23. Dg4xd7! Td8xd7 24. Te1-e8+ Kg8-h7 25. Ld5-e4+, worauf Karpov bereits aufgab. Ein plausibler Schluss hätte in 25… g7-g6 26. Td3xd7 Lb7-a6 27. Le4xc6 Df6xc6 28. Td7xf7# bestanden.

 

26. Karpov – Kasparov, Weltmeisterschaftskampf, 11. Partie, Sevilla 1987
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Wieder brachte die 11. Partie – wie schon zwei Jahre zuvor – Anatoli Karpov kein Glück: Kasparov hängt hier deutlich in den Seilen und muss auf ein Wunder hoffen, wenn er ins Remis entkommen will. Zu dominant stehen die weißen Figuren und zu stark sieht der Freibauer aus. Mit 35. Lc5-b4 hätte Karpov sämtliche Vorteile behalten können, denn selbst nach dem bedeutungslosen Rückgewinn des Minusbauern mit 35… Sc4-e3+ 36. Kf1-e2 ist Schwarz angesichts seines verirrten Springers noch längst nicht alle Sorgen los. Karpov wählte aber stattdessen das einfach unerklärliche 35. Tf6-c6?? und büßte nach 35… Sc4-a5 ersatzlos eine ganze Qualität ein. Da er daraufhin nach 36. Lc5xb6 Sa5xc6 37. Lb6-c7 Ta8-f8+! 38. Kf1-e2 Tf8-f7 39. Lc7-d6 Tf7-d7! den kostbaren e-Bauer ebenfalls nicht erobern konnte, blieb er letztlich ohne ausreichende Kompensation und büßte den vollen Punkt ein. Darauf konnte Kasparov in seinen kühnsten Träumen nicht hoffen!

 

27. Karpov – Kasparov, Weltmeisterschaftskampf, 23. Partie, Sevilla 1987
Stellung nach dem 50. Zug von Weiß

Zwei Runden vor Schluss hatte die Spannung unter andalusischer Sonne ihren Höhepunkt erreicht, denn der Wettkampfstand lautete vor dieser Partie 11:11. In dieser scharfen Stellung verstieß Kasparov trotz Zeitnot gegen das ungeschriebene Gesetz, die Dinge nicht in Zeitnot zu forcieren, wenn man sich nicht absolut sicher ist. Genau dies tat Garri jedoch hier, als er anstatt mit 50… Lc5-b4 und etwa gleicher Stellung fortzusetzen, das spektakuläre, aber leider fehlerhafte 50… Tf7-f3?? aufs Brett zauberte. Nach 51. g2xf3 wurden die nächsten drei Halbzüge blitzartig ausgeführt: 51… Tf1xf3 52. Tc6-c7+ Kh7-h8. Nun entkorkte Karpov nach kurzer Zeit die grandiose Widerlegung 53. Ld2-h6!!, die ihm den vollen Punkt sichert. Kasparov gab vier Züge später auf. Der Titelverteidiger musste also die letzte Partie gewinnen, um seinen Titel zu behalten. Die Spannung war somit nochmals um ein gutes Stück gesteigert worden.
Das ganze Drama wurde übrigens von den Kameras komplett eingefangen und kann heutzutage problemlos auf einem bekannten Videoportal angesehen werden – unbedingt empfohlen!

 

Blockadezüge

 

28. Fischer – Benkö, Chicago 1963
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Die „Mutter aller Sperrzüge“ ist gleichzeitig einer der ikonischsten Züge in der Geschichte des Schachspiels überhaupt. Gespielt wurde er von Bobby Fischer bei der US-Meisterschaft 1963, die er bekanntlich mit 11 Punkten aus 11 Partien gewann, obwohl Gegner wie Edmar Mednis, Larry Evans und Samuel Reshevsky unter den Teilnehmern waren. Pal Benkö bekam in dieser Stellung nicht etwa den Zug 19.e4-e5? vorgesetzt, worauf 19… f7-f5 gerade noch den Laden zusammenhalten würde, sondern den Hammer 19. Tf1-f6!!, der jedwedes Vorrücken des f-Bauern unterbindet. Geschlagen werden darf der Turm wegen 20. e4-e5 nicht, doch auch so droht nun dieser Zug. Benkö versuchte noch 19… Kh8-g8 20. e4-e5 h7-h6, gab dann aber nach 21. Sc3-e2 auf, da der weiße Turm wegen 22. Dh5xh6 noch immer nicht zu nehmen ist.

 

29. Krejcik – Krobot, Wien 1908
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Es ist zweifelhaft, ob Bobby Fischer vielleicht diesen Vorgänger kannte – in einer Zeit, da man noch nicht wusste, was eine Datenbank überhaupt ist, dürfte diese kaum bekannte Kaffeehauspartie nur den wenigsten Schachfreunden bekannt gewesen sein.
Fraglos steht Schwarz hier bereits so schlecht, dass auch ein profaner Zug wie 18. Lc3xg7+ gefolgt von 19. Dh3-c3+ völlig reichen sollte. Offenbar war Weiß aber mit einem besonderen Sinn für Ästhetik ausgestattet und spielte den objektiv stärksten Zug 18. Td1-d6!!, dessen Idee darin besteht, den schwarzen d-Bauer an seinem Fleck festzunageln und damit Zeit für das Schlagen auf h5 zu gewinnen, ohne die Verteidigungsidee d7-d6 beachten zu müssen. Kein Wunder, dass nach 18… c7xd6 19. g4xh5 g6xh5 20. Lc3xg7+ angesichts lauter offener Linien sämtliche Dämme brachen und Schwarz rasch verlor.

 

30. Averbach – Kortchnoi, Jerewan 1965
Stellung nach dem 39. Zug von Weiß

Einen Blockadezug ganz anderer Art spielte Viktor Kortchnoi in dieser Partie. Mit dem Kraftzug 39… Tc4-c1!! stellte er auf ungewöhnliche Weise die Verwandlung seines h-Bauern sicher. Die Verstopfung einer Reihe oder Linie durch eine andere Figur mit dem Zweck, dass ein Turm diese nicht mehr nutzen kann, ist ein äußerst seltenes und sehenswertes Motiv. Weiß gab auf.

 

Mysteriöse Felder

 

31. Ivanchuk – Aronian, Morelia 2007
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

In einer Blitzpartie würden die meisten Spieler hier wohl ohne zu überlegen „Tc1“ ziehen und sich dabei natürlich auf den Turm im Eck beziehen. Ivanchuk zog auch „Tc1“, bezog sich dabei aber auf den anderen Turm! Er spielte hier das fantastische und vollkommen unerwartete 17. Tc3-c1!!. Seinen Zug begründete er damit, dass ihm aufgrund seiner Erfahrung klar war, dass er die Türme brauchen würde, um die Schwäche des isolierten Bauern ausbeuten zu können. Das klingt im ersten Moment zugegebenermaßen ziemlich abstrakt, doch nach ein paar weiteren Zügen wurde diese Stellungseinschätzung vollkommen bestätigt. Aronian hätte nun sicherlich, wenn er die Gefahr erkannt hätte, mindestens einen Turm getauscht. Er zog aber stattdessen schablonenhaft 17… Tf8-c8?! und erhielt nach 18. Tc1-d1! keine weitere Chance mehr, einen Turm zu tauschen. Dass Weiß seinem Gegner vorübergehend die c-Linie überlässt, fällt hier überhaupt nicht ins Gewicht, da dort nichts zu holen ist und die schwarzen Türme nach einem kurzen aktiven Strohfeuer rasch zurückgedrängt werden. Es folgte: 18… Tc8-c2 19. Le2-b5! Sd7-f8 20. Ta1-b1. Da Weiß nun bereitsteht, den Eindringling mit Lb5-a4 zu vertreiben, zog Aronian sofort 20… Tc2-c7 und wurde nach 21. Lb5-a4 Sf8-e6 22. La4-b3 Kg8-f8 von 23. h2-h3! überrascht. Da der sofortige Gewinn des d-Bauern Schwarz Gegenspiel auf der 2. Reihe nach einem Turmtausch einräumen würde, wird der Gewinn des Bauern vertagt und die Stellung stattdessen verstärkt. Nach den weiteren Zügen 23… Tc7-c5 24. Kg1-h2!! (verhindert prophylaktisch Schachgebote, die einen Turmtausch nach sich ziehen könnten) 24… Kf8-e7 25. Td1-d2 Tc5-b5 26. Lb3-a2 Tb5-c5 wurde deutlich, dass Weiß mit 27. Sf3-e1 a7-a5 28. Tb1-d1 spürbare Fortschritte erzielen konnte. Ivanchuk verdichtete seinen Vorteil im 49. Zug zum Sieg.
Welcher Amateur hätte in dieser Stellung Ivanchuks 17. Zug auch nur erwogen?!

 

32. Wang Hao – Caruana, Dortmund 2013
Stellung nach dem 26. Zug von Schwarz

Weiß hat hier nach einem längeren Manövrierkampf einen Freibauer bilden können, der zudem von der gegnerischen Dame blockiert werden muss. Das sollte in Verbund mit dem Läuferpaar zu einem signifikanten Vorteil ausreichen, doch wie soll Weiß nun fortsetzen?
Der chinesische Großmeister erkannte hier, dass Weiß keine Eile hat und in aller Ruhe an der Verbesserung der Stellung seiner Figuren arbeiten sollte. Er machte nach einigem Überlegen seinen schwarzfeldrigen Läufer als verbesserungswürdigen Kandidaten aus und spielte hier den „Anatoli-Karpov-Gedächtniszug“ 27. Td2-a2!!. Die vorübergehende Abordnung des Turms auf ein unattraktives Feld kann leicht korrigiert werden, sobald er seinen Auftrag, das Feld a3 zu decken, erfüllt hat.
Es ging nun folgerichtig weiter mit 27… Sd7-c5 28. Lc1-a3! Lg5-e7 29. Ta2-c2 Ta8-c8 30. Dd1-e2 Dd6-b6 31. Tf1-c1 mit indirekter Deckung des hängenden Bauern auf b3. Wang Hao baute die Harmonie in seiner Stellung nach 31… Le7-d6 weiter aus mit dem bemerkenswerten Plan 32. De2-g4 Db6-a7 33. Lg2-f3! b7-b6 34. Kg1-g2! Tf8-e8 35. Tc1-h1!! und siegte nach nur vier weiteren Zügen mit einer geradezu selbstverständlich anmutenden Leichtigkeit.

 

33. Gelfand – Karpov, Wien 1996
Stellung nach dem 27. Zug von Schwarz

In dieser Stellung traf Boris Gelfand die bemerkenswerte Entscheidung, hier seinen a-Bauer frei nach Nimzowitsch prophylaktisch mit 28. Tc1-a1! zu decken. Dieser Zug gestattet es auch dem anderen Turm, notfalls auf die b-Linie zu schwenken. Hätte Karpov hier mit 28… Sf6-e4?! fortgesetzt, so hätte Gelfand mit 29. Sd4-b5!! Le8xb5 30. Sc3xe4 vorteilhaft antworten können. Karpov spielte 28… Tb7-c7?! (stärker war wohl 28… Kf8-e7) und wurde nach 29. Sc3-a2! Tc7-b7 (in Zeitnot findet Karpov keinen vernünftigen Plan und reagiert nur auf die weißen Drohungen) 30. f2-f3 Sf8-e6 31. Td1-b1 Tb7-e7 32. Sa2-b4! Se6-c5 33. Tb1-c1 Te7-b7 34. Ta1-b1! immer stärker in den Zangengriff genommen. Gelfand gewann diese beeindruckend stark geführte Partie schließlich im 69. Zug. Besonders die Pendelmanöver der beiden weißen Türme hinterlassen dabei einen hohen ästhetischen Eindruck.
In seinem Buch Meine besten Partien äußert sich Gelfand übrigens dahingehend, dass er stolz auf den Zug 28. Tc1-a1! war. Computer sind da etwas nüchterner und kommen zum Schluss, dass auch 28. Lf1-d3 stark gewesen wäre.

 

34. Sosonko – Rivas Pastor, Amsterdam 1978
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

In dieser messerscharfen Partie hatte Weiß eine Figur geopfert, aber dafür reichlich Kompensation erhalten: die schwarzen Figuren sind völlig unkoordiniert, und die Drohung d5-d6 schwebt über der schwarzen Stellung wie ein Damoklesschwert. Der Computer ist von der schwarzen Stellung ebenfalls wenig angetan und schlägt hier 15… Sb8-d7 als relativ beste Option vor. Der spanische Großmeister schätzte offenbar seinen Springer als wichtiger ein und zog stattdessen 15… Ta7-d7!?, was zumindest seine psychologische Wirkung nicht verfehlt haben dürfte. Tatsächlich war Schwarz nach 16. e6xd7 Sb8xd7 17. Lf1-e2 Db6-f6 und dem Damentausch aus dem Gröbsten heraus und gewann letztlich sogar im 57. Zug.
Ein härterer Test hätte allerdings in dem eingestreuten Zug 16. Lg5-e3! bestanden, denn nach 16… Db6-c7 wäre die Damentauschoption aus der Partie nicht mehr gegeben, während der Zug 16… Db6-d6 der Engine nach 17. Lf1-e2!! auch nicht wirklich gefallen will. Der Bauer auf d5 wäre danach wegen 18. Le3-b6+ überhaupt nicht bekömmlich, aber auch ein Wegzug des Turms mit 17… Td7-b7 würde nun an 18. Le3-f4 scheitern, zum Beispiel: 18… Dd6-c5 19. Le2-h5! g7-g6 (eine erzwungene Schwächung) 20. Lh5-g4, gefolgt von 21. Lf4-e5. Die Frage, ob ein Mensch allerdings all diese Details erkennen kann, bleibt fraglich. Jedenfalls finde ich die Entscheidung des Spaniers, den Turm anstatt den Springer nach d7 zu ziehen, als mutig und originell.

 

35. Karpov – Kasparov, Weltmeisterschaftskampf, 24. Partie, Moskau 1985
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Anatoli Karpov brauchte in dieser letzten Partie des Matches einen Sieg um den Punktestand auszugleichen und seinen Titel zu behalten. Er hatte hier soeben das zögerliche und im Nachhinein kritisierte 23. Lc1-e3?! gespielt, anstatt das kritische 23. f4-f5! zu wählen. In einer langen und von Kasparov nachträglich veröffentlichten Analyse wies er nach, dass Schwarz auch in diesem Fall genügend defensive Ressourcen zur Verfügung gestanden hätten – ob er all dies auch am Brett gefunden hätte, ist natürlich eine ganz andere Frage.
Wie dem auch sei: Kasparov antwortete in dieser Stellung mit einem der berühmtesten Züge seiner Karriere und vielleicht auch der Schachgeschichte. Er selbst bezeichnet diese Partie nicht nur als die wichtigste seiner Laufbahn (schließlich brachte sie ihm den Titel des Weltmeisters ein), sondern seinen 23. Zug als den schwierigsten Zug, den er je ausführte. Das letztlich von ihm gespielte und mysteriös anmutende 23… Te8-e7!! scheint zunächst gar keinen Sinn zu machen, doch nach dem naheliegenden 24. Le3-d4 wäre nun 24… e6-e5! 25. f4xe5 d6xe5 möglich, da der anfällige Bauer auf f7 prophylaktisch gedeckt worden war – man beachte, dass der Springer auf d7 den Bauer auf b6 decken muss. Laut Kasparov spürte Karpov bei der Rückkehr ans Brett bereits, dass die Dinge sich gegen ihn entwickeln würden – nach 24. Kh1-g1 Tc8-e8 hatte Schwarz eine Auffangstellung aufgebaut, die später objektiv remis war. Da ein Remis Karpov aber nichts genützt hätte, spielte er weiter auf Sieg und verlor im 42. Zug – die Wachablösung war vollzogen.

 

36. Chernushevich – Eingorn, Frankreich 2004
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

Dank seiner lebenslangen Erfahrung mit dem Bogo-Inder spielte Großmeister Eingorn hier einen Zug, der ihm wahrscheinlich leicht von der Hand ging und geradezu selbstverständlich anmutete: 10… Ta8-a5!! ist allerdings mehr als nur ein Zug, der eine potentielle zweizügige Figurengewinn-Drohung aufstellt. Die Stellung nach 11. Lg5-h4 Sb8-d7 12. Lf1-d3 Dd8-a8! (großartige Manöver von Schwarz in dieser Partie) 13. 0-0 g7-g5! 14. Lh4-g3 h7-h5 15. h2-h4 g5xh4 16. Sf3xh4 Th8-g8 17. Tf1-e1 Ta5-g5!! verdeutlicht, was ich meine: ohne zu rochieren hat Schwarz mit der Vollendung eines höchst ungewöhnlichen Turmschwenks kräftigen Angriff erlangt. Die zwei Ausrufezeichen, die ich Eingorns 10. Zug verliehen habe, stehen somit eher für das gesamte Konzept, das so scharfsinnige Optionen wie den Damenschwenk nach a8 und den potentiellen Schwenk des Turms zum Königsflügel sicherlich als feste Optionen bereits eingeplant hatte. Eingorn siegte letztlich im 72. Zug und erhielt so den verdienten Lohn für sein starkes Manöver.

 

37. Kortchnoi – Arnason, Beersheva 1987
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Zum Abschluss dieser Rubrik meine absolutes Lieblingsbeispiel, in dem Viktor Kortchnoi eine Idee ersann, die von einem anderen Stern gekommen sein muss. Kortchnoi hatte soeben schon das sinnlos anmutende 19. Tc1-c4 gespielt und war darauf – wenig überraschend – mit 19… Lf5-e6 konfrontiert worden. Kortchnoi stand allerdings keinesfalls der Sinn danach, den Turm wieder in sichere Gefilde entlang der c-Linie zurückzubeordern – nein, er spielte stattdessen als Auftakt einer phänomenalen Idee 20. Tc4-h4!! und offenbarte die Pointe nach der Fortsetzung 20… f7-f6. Die erzwungene Deckung des e-Bauern gab Weiß ein kostbares Tempo für den Zug 21. d3-d4!, doch wohin sollte der Turm nun nach 21… g7-g5 bitte schön gehen? Kortchnoi hatte allen Ernstes die Verwicklungen unglaublich weit vorausberechnet und spielte unvoreingenommen das geplante 22. Th4-h6!!. Die seltsame Stellung des weißen Turms auf h6 alleine würde schon ein Diagramm verdienen! Nach 22… Kg8-g7 kristallisierte sich die Idee des Anziehenden heraus: es folgte 23. d4xe5!! Kg7xh6 24. e5xf6. Um den schwarzen König in eine prekäre Lage zu zwingen, hatte Kortchnoi einen ganzen Turm geopfert! Gerade einmal zwei Bauern hat er dafür bekommen, doch das Prachtexemplar auf f6 erweist sich als echter Stachel im schwarzen Fleisch. Nach 24… Te8-g8 25. Dd1-d2 steht Weiß laut Stockfish übrigens bereits klar auf Gewinn! Es ging weiter mit den Zügen 25… Kh6-h5 26. h2-h3! Sd7-c5 27. g3-g4+ Le6xg4 28. h3xg4+ Dc8xg4. Nach 29. Sf3-e5 Dg4-h4 30. Dd2-c2 hatte Kortchnois scharfsinnige Idee klar triumphiert und führte zum Sieg im 40. Zug. Der Turmschwenk nach h6 ist schlicht eine geniale Eingebung!

 

Kraftzüge

 

38. Lasker – Loman, Simultanpartie, London 1903
Stellung nach dem 39. Zug von Weiß

Zwar verlor hier der amtierende Weltmeister Dr. Emanuel Lasker „nur“ eine Simultanpartie, doch ging dieses Exemplar in die Geschichte ein – weniger aus dem Grund, dass Lasker zuvor den klaren Gewinn verpasst hatte, sondern aus dem zweiten Grund, dass der Zug seines Gegners Rudolf Lohan in die Schachgeschichte einging und ein Motiv offenbarte, das heute jeder Problemschachkomponist unter dem Namen „Lomans Zug“ kennt: 39… Tc4-h4!!. Weiß hätte auch sofort aufgeben können, tat dies aber erst nach 40. Kg5xh4 g7-g5+! 41. Kh4xg5 Kf8-g7 und gestattete dem Gegner somit noch, seine Pointe präsentieren zu dürfen. Die Idee, einen störenden Bauer mit Tempogewinn zu entsorgen und ein Feld damit freizuräumen, war geboren.

 

39. Mikenas – Bronstein, Tallinn 1965
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Der mutmaßlich schönste Zug, der je bei einer UdSSR-Meisterschaft gespielt wurde, lässt sich wohl kaum ermitteln. Hier haben wir es allerdings mit einem heißen Anwärter zu tun, dessen Entdeckung nicht so sehr schwerfällt, wenn den Zug, den David Bronstein hier spielte, erst einmal in Erwägung gezogen hat. Schwarz opferte hier mit 24… Ta8xa3!! seinen Turm auf einem dreifach gedeckten Feld, doch auch das half Weiß nichts – er gab sofort auf.

 

40. Bagirov – Kholmov, Baku 1961
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Gerade hatte Weiß die für ihn zuvor unangenehme Stellung vereinfacht und wähnte sich nun wohl in Sicherheit. Er wurde aber von dem Schocker 25… Te5-e2!! niedergestreckt, der ihn zur sofortigen Aufgabe zwang. Da beide weiße Schwerfiguren angegriffen bleiben und zudem der Bauer auf f2 ungedeckt ist, gibt es keinen Ausweg – Weiß verliert mindestens einen ganzen Turm. Zugegebenermaßen ist dieser Beitrag nicht allzu schwierig, aber er ist ein ausgesprochen ästhetisches und sehenswerts Beispiel geblieben, das praktisch bis zum heutigen Tag in kaum einem Taktik-Lehrbuch fehlt.

 

41. Macieja – Ivanchuk, Schnellpartie, Moskau 2001
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

In dieser zunächst chaotisch anmutenden Stellung mit zwei hängenden Damen und einem massiv gestörten materiellen Gleichgewicht fällt außerdem die unsichere Stellung des weißen Königs auf. Ivanchuk spielte hier das von langer Hand geplante und berechnete 21… Tf8-f1+!! und stellte damit die Weichen auf Sieg. Wenn der Springer nimmt, dann wird die Bedrohung der schwarzen Dame aufgehoben, doch nach 22. Ke1xf1 Db3-d3+! hatte Schwarz das entscheidende Tempo gewonnen, um die eigene Dame in Sicherheit zu bringen. Weiß dagegen verliert seine Dame und mit ihr auch die Partie – Macieja gab fünf Züge später auf.

 

42. Navara – Dergatschova-Daus, Schnellpartie, Mainz 2007
Stellung nach dem 35. Zug von Schwarz

Der tschechische Elite-Großmeister David Navara spielte in dieser Partie einen Zug, der einem vermutlich auch nur einmal im Leben vergönnt ist. Er erkannte hier, dass Schwarz bereits total in den Seilen hängt und nur notdürfitg die Schachdrohungen auf d5 und e6 hat decken können. Diesem Umstand trug er nun Rechnung und spielte den Verstellungszug 36. Tc1-c6!!, der ein Opfer auf dem Schnittpunkt der Wirkungslinie der beiden Verteidiger Turm und Läufer anbietet. Weder Turm noch Läufer können nehmen ohne dabei die Deckung eines der beiden erwähnten Felder aufzugeben, während das Nehmen mit der Dame den Durchmarsch des Freibauern gestatten würde. Schwarz sah sich also zur sofortigen Aufgabe genötigt. Wunderschön!

 

43. Caruana – Ponomariov, Dortmund 2014
Stellung nach dem 38. Zug von Schwarz

Hier erhielt Fabiano Caruana die einmalige Gelegenheit, in seiner noch jungen Karriere ein Opfer vom Stapel zu lassen, das schon jetzt zu einer der ikonischsten Kombinationen der jüngeren Schachgeschichte führte. In dieser harmlos anmutenden Stellung spielte er 39. Te5-e7!! und durfte seinen Gegner mit 39… Dd8xe7 40. Ld3-a6!! Ka7xa6 mit 41. Dc6-a8# matt setzen.

 

Der Tod kommt auf leisen Sohlen

 

44. Gomes – Netto, Rio de Janeiro 1942
Stellung nach dem 14. Zug von Weiß

Weiß hat die Eröffnung schlecht behandelt und sieht sich hier mit einer äußerst lästigen Fesselung seines Springers konfrontiert, die praktisch nicht abzuschütteln ist. Die einzig gute Nachricht für den Anziehenden scheint darin zu bestehen, dass auch Schwarz den Druck auf den gefesselten Springer nicht weiter verstärken kann. Schwarz fand hier aber einen derart spektaktulären stillen Zug, dass diese historisch bedeutungslose Partie zwischen zwei Amateuren in die Geschichte einging als die mit dem vielleicht lautlosesten Gewinnzug aller Zeiten. Netto zog hier nämlich 14… Th8-g8!! und hegte damit die unabwendbare Absicht, die g-Linie mit fatalen Konsequenzen für Weiß zu öffnen. Die Partie bestätigte es: 15. c2-c3 Sg6-h4+!! 16. g3xh4 g7-g5!! 17. Tf1-g1 Lh5xf3+ 18. De2xf3 g5xh4+. Weiß gab auf, da er nach 19. Kg2-h2 Df6xf3 in vier Zügen mattgesetzt würde, wenn er nun beide Türme einsackt. Andernfalls verliert er zuviel Material.
Interessanterweise steht Weiß laut Stockfish nach Nettos Killerzug bereits total auf Verlust!

 

45. Aronian – Kramnik, Berlin 2018
Stellung nach dem 7. Zug von Weiß

Ob Vladimir Kramnik das vorherige Beispiel kannte, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Falls dies aber der Fall war, dann wäre es durchaus möglich, dass er dort die Vorlage für eine seiner inspiriertesten Ideen überhaupt vorfand. Hätte Kramnik hier einfach schablonenhaft rochiert, dann hätte er sich zwar sicherlich in guter Gesellschaft befunden, aber wohl kaum eine Partie kreiiert, die für viel Furore sorgte. Schon in den Partien der alten Meister war häufig zu beobachten, dass ahnunglose Weißspieler kurz rochierten, irgendwann h2-h3 zogen und dann mit dem unbedachten Lc1-g5 den noch unrochierten Gegner dazu einluden, mit h7-h6 und g7-g5 loszustürmen. Aronian war natürlich schlau genug, seinen Läufer nicht nach g5 zu ziehen, doch selbst hier wurde er von Kramniks 7… Th8-g8!! überrascht. Nun ist dies hier nicht der richtige Platz für eine eingehende Analyse, zumal Kramniks Zug im Gegensatz zum vorigen Beispiel natürlich nicht forciert gewinnt. Dass Kramniks Eingebung der ganzen Partie fortan den Stempel aufdrückte, steht dagegen absolut fest. Aronian verwarf das wohl kritische 8. Sb1-d2 zugunsten von 8. Kg1-h1 und geriet nach 8… Sf6-h5 9. c2-c3 g7-g5! 10. Sf3xe5 g5-g4! in einen denkwürdigen Angriffswirbel, der in einer für ihn vernichtenden Niederlage im 27. Zug endete.

 

46. Domnitz – Pachman, Netanya 1973
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Schwarz ist hier natürlich bestens für seine fehlende Qualität entschädigt: er könnte hier einfach auf g5 nehmen und einen Bauer dafür einsacken, doch stattdessen entdeckte er etwas noch Besseres. Weiß dürfte wohl kaum geahnt haben, dass er nach dem nächsten Zug bereits auf Verlust steht, doch das Fehlen verfügbarer Felder für die weiße Dame kann sich Schwarz mit dem absurd anmutenden 24… Td8-h8!! zunutze machen. Weiß kann nun nicht auf h6 nehmen, da der Zug nach 25… g7-g6 die Dame einbüßen würde. Ansonsten wird Schwarz aber als nächstes einfach trotzdem  25… g7-g6 ziehen und Weiß zu 26. Dh5xh6+ zwingen, was aber die gefangene Dame nach 26… Kh7-g8 einbüßen wird. Weiß ist dagegen machtlos und gab daher auf.

 

47. Movsesian – Cvitan, Deutschland 1997
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Eine brillante Idee entkorkte Sergej Movsesian in dieser Stellung, die allerdings von seinem Trainer zuvor entdeckt worden war. Anstatt sich hier um die offensichtliche Drohung Cvitans zu kümmern, provozierte er diese sogar noch mit 16. Th1-g1!!. Dieser Zug mutet auf den ersten Blick völlig mysteriös an, denn was hat der Turm hier verloren, zumal die Drohung 16… b5-b4, die Cvitan auch ausführte, in der Luft liegt? Drei Züge später war die Antwort deutlich: zunächst folgte 17. Sc3-d5!! e6xd5, wonach der schwarze Läufer nicht mehr rechtzeitig das Feld e4 erreichen kann und die Option e6-e5 mit Versperrung der langen Diagonale aus der Stellung genommen wurde. Es ging weiter mit 18. Td3-g3!, worauf nach 18… Dd8-c7 die weiße Absicht endgültig erhellte: 19. Dh5-h6!! mit Mattangriff. Es folgte 19… Dc7xc2+! 20. Kc1xc2 Tf8-c8+ (räumt das Feld f8 mit Tempogewinn) 21. Kc2-d2 g7xh6 22. g5xh6+ Le7-g5 (erzwungen, um das Feld e7 als Schlupfloch zu räumen) 23. Tg3xg5+ Kg8-f8 24. e4xd5. Weiß hat nun einen Mehrbauer und die weitaus überlegene Koordination, die drei Züge später zum Sieg führte.
Zwei Anmerkungen noch: das sofortige 18. Dh5-h6?? wäre an 18… g7xh6 19. g5xh6+ Le7-g5! gescheitert. Wenn sich Schwarz dagegen nach 18. Td3-g3 mit 18… Tf8-e8 verteidigt hätte, dann würde Weiß nach dem Opfer 19. g5-g6! durchbrechen. Die Stellung ist für Weiß nach 19… f7xg6 20. Tg3xg6 h7xg6 21. Dh5xg6 gewonnen, zum Beispiel 21… Le7-f6 22. Ld4xf6 Dd8-d7 23. Lf6xg7.
Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass im Sizilianer ein Angriff mit derart unscheinbaren Zügen eingeleitet wird – was die brillante Idee auch so schwer zu finden macht.

 

48. Bellon – Garcia, Cienfuegos 1976
Stellung nach dem 38. Zug von Weiß

Auch in dieser Stellung, die auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu beurteilen scheint, kommt der Todeskuss für den weißen König plötzlich: nach dem gänzlich unerwarteten und ungemein ästhetischen 38… Tb2-g2!! musste Weiß die Partie bereits aufgeben.

 

49. Gashimov – Lalic, Cappelle la Grande 2007
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Der allzu frühe Tod des überaus talentierten aserbaidschanischen Großmeisters Vugar Gashimov, der im Alter von nur 28 Jahren an einem Hirntumor verstarb, gehört zu den großen Tragödien in der Geschichte des modernen Schachs. Seine höchste Rating-Zahl betrug 2761, was ihn mit Sicherheit zu einem Dauergast in der Weltelite des Schachs gemacht hätte.
In dieser Partie sehen wir, dass Weiß eine ramponierte Bauernstruktur im Gegenzug für Angriff in Kauf genommen hat. Sollte dieser nicht durchdringen, dann würden die Bauernschwächen Schwarz langfristig das klar bessere Spiel geben. Das erkannte natürlich auch Gashimov und fand einen spektakulären Weg, den Angriff fortzusetzen. Während viele durchschnittliche Spieler oft nur Opfer auf Feldern in Betracht ziehen, auf denen sich eine gegnerische Figur befindet, neigen Großmeister dazu, auch „blanke“ Opfer zu erwägen. So geschah es auch hier, denn Gashimov näherte sich dem schwarzen König lautlos mit 20. Tf4-f6!! an. Der Turm ist offensichtlich tabu, denn 20… g7xf6? trifft auf 21. Df3-g3+ Kg8-h8 22. Dg3-h4 mit sofortigem Gewinn. Schwarz versuchte daher stattdessen 20… Tf8-d8, doch seine Stellung ist bereits nicht mehr zu verteidigen. Nach 21. Df3-h5! darf Schwarz „leider“ immer noch nicht zugreifen: nach 21… g7xf6? 22. Td3-g3+
Kg8-f8 23. Dh5xh6+ Kf8-e8 wird ihm mit 24. Ld3-b5+ der Fluchtweg abgeschnitten. Lalic bevorzugte daher 21… Kg8-f8, doch nach 22. Te3-g3! c5-c4 23. Tg3xg7!! c4xd3 24. Tg7-g8+!! drang der weiße Angriff durch. Nach 24… Kf8xg8 25. Tf6xh6 wird Lalic unweigerlich matt.

 

Verteidigung und Gegenangriff

 

50. Bird – Morphy, London 1858
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Gerade in der romantischen Ära des Schachs galten Angriff und Schönheit oftmals genauso viel oder gar noch mehr als das bloße Ergebnis. Ein Beispiel dafür erleben wir hier: Morphy zauberte hier aus dem Nichts eine seiner originellensten Angriffsideen aufs Brett anstatt zu versuchen, den Vorteil trocken zu verwerten.
Vielleicht hätte Morphy in dieser Stellung wirklich das objektiv stärkere 17… Lc8-g4! versucht, um seinen Vorteil umzumünzen, wenn diese eine Matchpartie gewesen wäre. Da es aber in dieser „Kaffeehauspartie“ um nichts Besonderes ging, wollte Morphy offenbar auf Schönheit spielen und kreierte in der Tat eine seiner bekanntesten Partien. Ich scheue mich daher nicht, dieser Idee für ihre außergewöhnliche Kreativität zwei Ausrufezeichen zu vergeben, auch wenn Morphy die Partie danach nicht hätte zwingend gewinnen müssen. Morphy spielte hier 17… Tf8xf2!!, weil er nach 18. Le3xf2 die sensationelle Idee 18… Dh3-a3!! erspäht hatte. Bird nahm daraufhin natürlich nicht die unverwundbare Dame, sondern verteidigte sich korrekt mit 19. c2-c3 Da3xa2 20. b2-b4!. Nach 20… Da2-a1+ 21. Kc1-c2 Da1-a4+ verlor er allerdings die Objektivität und spielte zu seinem späteren Leidwesen mit 22. Kc2-b2? auf Sieg, anstatt mit 22. Kc2-c1 die Punkteteilung zu erzwingen. Es folgte 22… Ld6xb4! 23. c3xb4 Tb8xb4+ 24. Dd2xb4 Da4xb4+ 25. Kb2-c2 e4-e3!! mit tödlichem Angriff auf den weißen König. Morphy siegte im 29. Zug.

 

51. Lilienthal – Ragozin, Moskau 1935
Stellung nach dem 31. Zug von Weiß

In seiner wohl besten Partie hatte Großmeister Ragozin, nach welchem auch ein System des Damengambits benannt ist, bereits zu einem früheren Zeitpunkt eine Qualität auf e3 geopfert, um den für den Nimzo-Inder typischen Durchbruch e3-e4 zu verhindern. Er setzte dieser Strategie die Krone auf, indem er hier das scheinbar nicht mögliche 31… Te3xc3!! zog und zum Gegenangriff blies. Nach dem zu erwartenden 32. Dg5-d2 war der Turm gefangen, doch Ragozin hatte sich absichtlich auf dieses Abspiel eingelassen. Er setzte fort mit 32… Tc3xc2! (selbstverständlich nicht 32… b5-b4?? 33. Dd2xc3) und baute auf die Kraft seiner Freibauern. Außerdem war ihm klar, dass Weiß große Verrenkungen eingehen musste, wenn nicht auch noch der weiße Bauer auf d4 fallen sollte – andernfalls erhielte Schwarz drei verbundene Freibauern! Die Partie bestätigte seine kluge, genaue Einschätzung: nach 33. Tb2xc2 Sf8-e6! 34. Ta1-d1 b5-b4 35. Tc2-b2 b4-b3! 36. Dd2-c3 Se6-c7! waren die schwerfälligen weißen Türme den Bauern und Leichtfiguren des Nachziehenden klar unterlegen. Ragozin siegte im 47. Zug.

 

52. Geller – Euwe, Zürich 1953
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

 

In dieser zweischneidigen Stellung fand Exweltmeister Max Euwe einen spektakulären Weg, um den gegnerischen Angriff zu verlangsamen und den eigenen zu beschleunigen. Mit 22… Tf8-h8!! lenkte er die feindliche Dame von der Diagonale b1-h7 ab, damit diese bei der Verteidigung nicht mehr helfen konnte. Nach 23. Dh7xh8 blies Euwe zum Gegenangriff und zog 23… Tc8-c2. Nun hatte der Niederländer Glück, dass Geller einen schlechten Tag erwischt und die scharfsinnige Verteidigungsidee 24. d4-d5!! nicht erspäht hatte. Die Idee hinter diesem Opfer kennt man aus dem Problemschach: durch ein Verstellungsopfer auf dem Feld, wo sich die Bahnen zweier Figuren kreuzen, wird etwas geopfert, damit eine Figur die andere nicht überspringen kann. In diesem konkreten Fall wird anhand der Partiefortsetzung deutlich werden, was ich meine. Nach 24. Ta1-c1?? Td2xg2+ 25.Kg1-f1 De6-b3 26. Kf1-e1 Db3-f3 musste Geller aufgeben. Hätte er das Bauernopfer im 24. Zug eingestreut, dann wäre 24… Lb7xd5 erzwungen gewesen (24… De6xd5? scheitert sofort an 25. Th4-e4!). Danach hätte die schwarze Dame nicht wie in der Partie gleich nach b3 gelangen können – der Partieausgang wäre offen geblieben. Dessen ungeachtet gehört Euwes Verteidigungszug weiterhin zu den berühmtesten Turmzügen der Schachgeschichte.

 

53. Greenfeld – J. Polgar, Haifa 1989
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Welch furchterregende Spielstärke und Kaltschnäuzigkeit Judit Polgar auch schon im blutjungen Alter von lediglich dreizehn Jahren erlangt hatte, bewies sie hier mit dem vielleicht schönsten Zug, den sie jemals ausführen durfte: sie spielte hier nicht etwa die Dame nach a5, sondern zog eiskalt 11… Tf8-e8!! und ließ die Dame hängen. Diese durfte freilich wegen des Doppelschachs auf f3 mit gleichzeitigem Matt nicht genommen werden, doch musste sie unbedingt vorhersehen, dass ihr auf 12. Lf1xb5 der schwer zu entdeckende Rückzug 12… Se5-c6! eine spielbare Stellung gibt. Leider ändert all dies nichts daran, dass Weiß immer noch besser steht, doch Judit gewann die Partie dennoch im 40. Zug.

 

54. Aseev – S. Ivanov, Sankt Petersburg 1997
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

In dieser extrem scharfen und chaotischen Stellung aus der Botwinnik-Variante der Halbslawischen Verteidigung muss Schwarz höchst vorsichtig zu Werke gehen. Der Nachziehende kann in der Diagrammstellung genauso wenig 22… c5xb4?? 23. Lf4-c7+ wie 22… c3xb2?? wegen 23. Ta1-a5! Db5xb4 24. Lf4-c7+! mit erzwungenem Matt spielen.
Der völlig irrationale Wert der schwarzen Freibauern gestattete es Ivanov allerdings, eine ganze Ladung an Material ins Geschäft zu stecken, nur um die weiße Dame vom Kampfgeschehen abzulenken. Ivanov zog hier 22… Th8-h5!! und bot nach 23. Dd5xh5 c3xb2 24. Ta1-d1 c5xb4 auch noch die Dame zum Tausch an! Nach 25. Lf4-c7+! Kb6-c6 26. Dh5xb5+ Kc6xb5 27. Lc7xd8 hatte Schwarz sage und schreibe zwei ganze Türme investiert, um dem weißen Angriff die Spitze abzubrechen. Den Springer gab er mit 27… c4-c3! 28. Td1xd7 auch noch her, doch wäre es nach 28… c3-c2! ausschließlich der Nachziehende gewesen, der hier hätte auf Sieg spielen können. Stattdessen leistete er sich den ärgerlichen Schnitzer 28… a7-a5?, worauf die völlig absurde und rauschhafte Partie nach weiteren sehenswerten Abenteuern schließlich mit Remis durch Dauerschach im 37. Zug endete. Da fragt man sich schon, ob Fischers berühmte Partie gegen Tal von der Leipziger Schacholympiade 1960 das beste Remis aller Zeiten ist!

 

55. Morozevich – Vachier-Lagrave, Biel 2009
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

Eine absolut einmalige Konstellation ergab sich im Laufe dieser Partie: Alexander Morozevich hatte in dieser insgesamt stark und einfallsreich gespielten Partie seinen Gegner allerdings mehrfach vom Haken gelassen. Dennoch scheint es, dass Weiß glatt auf Gewinn stehen müsste, weil der groteske Turm auf h8 wertlos erscheint und Weiß anstatt einer Minusfigur quasi eine Qualität mehr hat. Vachier-Lagrave packte allerdings einen der unglaublichsten Züge der jüngeren Schachgeschichte aus: 24… Th8-h7!!. Der „nutzlose“ Turm wird als Räumungsopfer für den König angeboten – und tatsächlich ist darauf das gierige 25. g6xh7+?! eine eher voreilige Entscheidung, die Schwarz nach 25… Kg8-h8! Gegenspiel in Form von Lc5-d4 und/oder Da2-a1+ einräumt und allenfalls mit Computerhilfe für Weiß klar gewonnen ist.
Morozevich schlug den Turm nicht, da dieser sowieso nicht entkommen konnte, schaffte es aber in herannahender Zeitnot nicht, Vachier-Lagrave den Knockout zu verpassen. Ganze 24 Züge später, in denen der Turm immer mit Schach hätte geschlagen werden können, zog er sich schließlich nach h8 zurück und gelangte im 69. Zug (!) nach d8. Schwarz gewann im 76. Zug!

 

Königsjagden

 

56. Capablanca – Steiner, Los Angeles 1933
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

7.

Ein berühmtes Beispiel aus längst vergangenen Tagen für eine klassische Hatz auf den gegnerischen König sehen wir hier. Capablanca schickte Steiners König quer übers Brett, um ihn dann letztlich mit zwei Türmen weniger sehenswert mattzusetzen. Das kam so: 17. Tf1xf6!! zertrümmerte den spärlichen Bauernschutz des schwarzen Monarchen vollends, so dass nach 17… Kg7xf6 18. Ta1-f1+ der weiße Angriff auf Touren kam. Nach den weiteren Zügen 18… Se7-f5 19. Sh4xf5 e6xf5 20. Tf1xf5+ Kf6-e7 21. Dh5-f7+ Ke7-d6 22. Tf5-f6+ Kd6-c5 (hier hätte Schwarz stattdessen in aussichtsloser Stellung die Dame für den Turm geben können) 23. Df7xb7 Dd8-b6 24. Tf6xc6+! Db6xc6 25. Db7-b4# hatte der Kubaner ein Bilderbuchmatt aufs Brett gezaubert.

 

57. Polugaevsky – Nezhmetdinov, Sochi 1958
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, dass der tatarische Großmeister hier mit Schwarz angesichts seiner verirrten Dame in Schwierigkeiten stecken würde – schließlich würde der Damenzug nach g2 einfach blank den Läufer auf h6 einstellen. Nezhmetdinov hatte diese Stellung jedoch bewusst angestrebt und ließ hier mit 24… Tf7xf4!! einen Problemzug der Extraklasse folgen. Der Turm ist tabu, denn 25. g3xf4 Lh6xf4+ 26. Se2xf4 Sb4xc2+ ist auf der Stelle verloren für Weiß. Polugaevsky spielte daher 25. Th1xh2, war sich aber längst darüber im Klaren, dass er davor stand, eine weltberühmte Partie zu verlieren. Nezhmetdinov bewies die Korrektheit seiner Berechnung mit 25… Tf4-f3+ 26. Ke3-d4 Lh6-g7!!. Weiß ist trotz dieses stillen Zuges so hilflos, dass selbst eine Dame mehr ihn nicht vor dem Matt bewahren wird. Die Fortsetzung lautete: 27. a2-a4 c7-c5+ 28. d5xc6 b7xc6 29. Le2-d3 Se5xd3+ 30. Kd4-c4 d6-d5+ 31. e4xd5 c6xd5+ 32. Kc4-b5 Ta8-b8+ 33. Kb5-a5 Sb4-c6+ und Matt im nächsten Zug.

 

58. Fedorowicz – Shamkovich, New York 1980
Stellung nach dem 20. Zug von Weiß

Beim Anblick dieser zweischneidig anmutenden Stellung wäre der letzte Gedanke, der einem in den Sinn käme, dass der weiße König hier bald am rechten Brettrand in einem Mattnetz zappeln würde. Eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Königshatz leitete Schwarz hier nämlich mit dem dreisten Turmopfer 20… Td8xd5!! ein. Weiß könnte das Opfer ablehnen, verbliebe danach aber ohne jede Kompensation mit weniger Material, zumal auf d3 nun auch eine Gabel droht. Fedorowicz nahm die Herausforderung daher an und zog 21. c4xd5, worauf es mit 21… Da5-a6+ 22. Ke2xe3 Da6-d3+ 23. Ke3-f4 weiter ging. Schwarz musste dabei unbedingt den stillen Zug 23… f7-f6!! voraussehen, der als einzige Option die Partie gewinnt. Nach 24. Db2-b3 Se5-g6+! 25. Tg7xg6 e6-e5+! 26. Kf4-g4 h7-h5+! 27. Kg4-h4 De3-e4+ zappelte der weiße Monarch in einem Mattnetz, aus dem es kein Entrinnen gab. Weiß warf hier das Handtuch, denn 28. Lh3-g4 h5xg4+ 29. Kh4-g3 Th8-h3# ist für einen Großmeister ein nicht allzu schwierig zu entdeckendes Matt.

 

59. Smirin – Beliavsky, Odessa 1989
Stellung nach dem 28. Zug von Weiß

Alexander Beliavsky dürfte hier die Partie seines Lebens gespielt haben, denn seine vorteilhafte Stellung münzte er mithilfe eines attraktiven Opferreigens in einen Sieg um: nach 28… Td2xf2!! 29. Kg1xf2 Se5-d3+! 30. Sf4xd3 war unter schweren Opfern der Weg zum Feld g2 freigekämpft worden: nach 30… Dc6xg2+ 31. Kf2-e3 Se8-d6! 32. Te1-f1 Sd6-c4+ 33. Ke3-f4 Dg2-d5 34. Kf4-g4 krönte Schwarz die Partie mit einem geistreichen Damenmanöver, dessen Ziel die Einbindung des schwarzen Springers in den Angriff über e3 war: auf das naheliegende 34… Lb7-c8+ 35. Kg4-h4 folgte 35… Dd5-d8+! 36. Kh4-h5 Dd8-e8+ 37. Kh5-h4 De8-e7+ 38. Kh4-h5 Sc4-e3! mit Gewinn. Besonders schwierig an der Berechnung dieser berühmten Kombination war der stille 31. Zug, der den mit Schach hängenden Springer auf g3 verschmäht.

 

60. Wei Yi – Bruzon Batista, Danzhou 2015
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Gute Aussichten auf die beste Partie des vergangenen Jahrzehnts hat die folgende Begegnung, obwohl sie von dem damals erst 16-jährigen Wunderknaben Wei Yi gegen einen erfahrenen Großmeister der Extraklasse gespielt wurde. Der chinesische Teenager opferte hier nämlich mit 22. Tf1xf7!! einen Turm für einen Angriff, dessen Konsequenzen kein Mensch im Voraus bis zum Ende richtig hätte berechnen können. Der junge Chinese berechnete die Stellung sicherlich bis zum Knaller im 25. Zug und erkannte, dass Weiß nach der erzwungenen Variante 22… Kg8xf7 23. Dh3-h7+ Kf7-e6 24. e4xd5+ Ke6xd5 25. Ld3-e4+!! Kd5xe4 (es scheitert sowohl 25… Kd5-c4? an 26. Dh7-f7+ mit Matt im nächsten Zug als auch 25… Kd5-e6 an dem nicht so einfach zu berechnenden 26. Dh7xg6+ Le7-f6 27. Dg6-f5+ Ke6-f7 28. Df5-h7+ mit Verlust des Turms auf d7 nach 28… Kf7-e6 29. Le4-f5+) 26. Dh7-f7! Le7-f6! immer ein Remis durch Dauerschach erzwingen kann, wenn er Nervenflattern bekommen sollte. Wei Yi spielte zunächst tatsächlich „friedfertig“ 27. Le3-d2+ Ke4-d4 28. Ld2-e3+ Kd4-e4, aber nur, um Zeit auf der Uhr zu gewinnen. Danach setzte er mit dem gewinnbringenden 29. Df7-b3!! fort und führte die Partie wie folgt cool zum Sieg: 29… Ke4-f5 30. Te1-f1+ Kf5-g4 31. Db3-d3 Lb7xg2+ 32. Kh1xg2 Dd8-a8+ 33. Kg2-g1 Lf6-g5 34. Dd3-e2+ Kg4-h4 35. Le3-f2+ Kh4-h3 36. Lf2-e1!. Der kubanische Großmeister gab auf, denn das tödliche Schach auf d3 ist nun unabwendbar. Was für eine grandiose Partie!!!

 

61. Jinshi Bai – Ding Liren, China 2017
Stellung nach dem 20. Zug von Weiß

Diese Partie zwischen zwei chinesischen Spielern (Ding Liren ist derzeit Chinas Nr. 1, aber Jinshi Bai ist als talentierter Juniorenspieler mit einer ELO-Zahl von über 2580 auch nicht gerade Fallobst) ging kurz nachdem sie gespielt wurde bereits als „Chinesische Unsterbliche“ in die Geschichte ein. In einer Schlüsselstellung vier Züge zuvor hätte Weiß die zuvor von Ding Liren geopferte Dame zurückgeben können und um den Preis einer ausgeglichenen Stellung weiterspielen können. Er vertraute aber entweder darauf, dass er den Angriff abschlagen würde oder wollte einfach keine perspektivlose Stellung spielen. Folglich schickte er seinen Monarchen auf eine unbequeme Reise und hoffte das Beste. Ding Liren zerstörte jedoch alle Illusionen in dieser Stellung mit dem Kracher 20… Td8-d4!!, der den Angriff wuchtig fortsetzt oder die Dame zu noch erheblich besseren Konditionen als wenige Züge zuvor zurückgewinnen würde. Weiß wehrte sich mit 21. h2-h3 h6-h5! 22. Lg3-h2 und bekam von seinem Gegner die Fortsetzung des Angriffs mit 22… g5-g4+ 23. Kf3-g3 Td4-d2!! vorgesetzt. Da Schwarz für die Dame bereits einiges an Material erhalten hat, ist die Rückgabe der weißen Dame keine echte Option – daher kann Schwarz die feindliche Königin immer wieder mit lästigen Gabeltricks behelligen. Weiß dürfte es inzwischen gedämmert haben dass er nach 24. Dc2-b3 Sc3-e4+ 25. Kg3-h4 Lb4-e7+ 26. Kh4xh5 nicht überleben würde, zumal Ding Liren mit 26… Kg8-g7!! fortsetzte. Nach 27. Lh2-h4 Lc8-f5 half auch 28. Lf4-h6+ Kg7-h7 nur vorübergehend. Auf 29. Db3xb7 folgte 29… Td2xf2 mit Mattdrohung, so dass nach 30. Lh6-g5 Ta8-h8! 31. Se5xf7 Lf5-g6+ 32. Kh5xg4 Sc6-e5+ der weiße Widerstand gebrochen war. Leider gab Weiß auf, denn das hübsche Finale mit einem Abzugsschach des Königs nach 33. Kg4-h4 Kh7-g8+! 34. Sf7xh8 Le7xg5# war dem Juniorenspieler wohl doch zu demütigend. Was für ein Spektakel!!!

 

Spektakuläre Angriffszüge

 

62. Siff – Kashdan, New York 1948
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

In dieser nur wenig bekannten, aber unbedingt sehenswerten Partie hatte der US-Amerikaner, der erst sechs Jahre nach dieser Partie im Alter von 51 (!) Jahren Großmeister wurde, bereits eine Menge Holz investiert. Während viele Spieler jedoch vergeblich den richtigen Abzug in dieser Stellung suchen würden, fand Kashdan den Gewinnzug, der eben deshalb so schwer zu finden ist, weil der Abzug so verlockend ist und „irgendetwas einfach gehen muss“. Kashdan setzte seinem Opferreigen mit 27… Te8-e2!! die Krone auf und erledigte nach 28. Sc3xe2 den weißen König mit einem unwiderstehlichen Tanz der Springer: 28… Sg3xe2+ 29. Kh2-h1 Sf6-h5 30. Dc2-d2 Sh5-g3+ 31. Kh1-h2 Sg3-f1+ 32. Kh2-h1. Schwarz verschmähte nun die weiße Dame und beendete die Angelegenheit mit dem thematischen Opfer 32… Df4-h2+!! 33. Sf3xh2 Sf1-g3#! Wenigstens bewies Weiß Größe und ließ das einmalige Mattbild zu. Einfach wunderbar!

 

63. Bronstein – Kortchnoi, Leningrad 1962
Stellung nach dem 38. Zug von Schwarz

Der stets findige und listige David Bronstein überraschte hier seinen Gegner Viktor Kortchnoi mit dem spektakulären Opferzug 39. Th8xh6+!!. Dieser Zug kommt deshalb so unerwartet, weil das reduzierte Material auf dem Brett nicht unbedingt einen solchen Paukenschlag wahrscheinlicher macht. Kortchnoi gab aber hier die Partie auf, denn 39… Kg6xh6 40. Db8-h8+ Kh6-g6 (oder auch 40… Kh6-g5 41. Dh8-h5+ Kg5-f4 42. Dh5-f5+) 41. Dh8-h5+ Kg6-f6 42. g4-g5+ kostet ihn die Dame. Alternativ geht die Dame auch nach 39… g7xh6 40. Db8-g8+ Kg6-f6 41. Dg8-f8+ verloren. Die Ablehnung des Opfers mit 39… Kg6-g5 trifft auf 40. Db8-e5+ mit raschem Matt, während auch 39… Kg6-f7 wegen 40. Db8-c7+ Kf7-g8 41. Db8-c8+ entweder wahlweise zu Damenverlust nach 41… Df3-f8 42. Th6-h8+ oder Matt nach 41… Kg8-f7 42. Dc8-e6+ führt.
Das reduzierte Material und die schönen geometrischen Motive machen dieses berühmte Beispiel so attraktiv. Ich bin mir gar nicht sicher, ob Kortchnoi das Opfer wirklich vorhergesehen hatte.

 

64. Kortchnoi – Keres, Tallinn 1965
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

In dieser scharfen Stellung ließ der estnische Großmeister Paul Keres einen Sprengsatz der kräftigsten Art detonieren: 24… Tb8xb2!!. Das Opfer liegt zwar in der Luft, doch sind seine Konsequenzen am Brett kaum bis ins letzte Detail zu berechnen – ein Umstand, der dieses Opfer noch attraktiver macht. Es folgte 25. Kc1xb2 De7xa3+ 26. Kb2-b1. Keres hatte nun den stillen Zug 26… Lf8-g7! geplant gehabt, der Weiß eine schwierige Wahl überlässt. Stockfish möchte sich hier mit 27. Te1-e3 Da3-b4+ 28. Kb1-c1 d5-d4 29. Sc3-a2 Db4xd2+ 30. Kc1xd2 d4xe3+ verteidigen, wonach Weiß etwas schlechter steht und die Korrektheit des schwarzen Opfers bewiesen wäre. Kortchnoi entschied sich letztlich für 27. Sg4-e5?, was logisch aussieht, aber bereits klar verliert. Nach 27… Kd8-c7!! musste er die tödliche b-Linie mit 28. Sc3-b5+ a6xb5 versiegeln und sah sich nach 29. c2-c3 Lg7xe5 30. f4xe5 Tg8xg3 mit einer verlorenen Stellung konfrontiert, auch wenn die Engine Weiß lieber mit 30… Tg8-a8! plötzlich mit denselben Problemen wieder konfrontiert, nur diesmal auf der a-Linie. So oder so siegte Keres im 40. Zug. Kortchnoi galt als hartnäckigster Verteidiger seiner Zeit – ein Umstand, der die Stärke von Keres‘ spektakulärem Opfer noch weiter untermauert.

 

65. Ivanovic – Larsen, Niksic 1983
Stellung nach dem 24. Zug von Weiß

Natürlich darf in dieser Sammlung das berühmteste Beispiel des stets kreativen und angriffslustigen Weltklassespielers Bent Larsen nicht fehlen. Viele Spieler kämen wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee, hier à la Larsen mit 24… Ta8xa2!! die Bedrohung der eigenen Dame zu ignorieren. Es ist zwar anhand einer einfachen Analyse rasch zu erkennen, dass weder Turm noch Dame wirklich geschlagen werden können, doch musste Larsen die scharfsinnige Antwort Ivanovics 25. Kc1-b1!, wonach wirklich beide Figuren hängen, unbedingt berücksichtigt haben. Larsen hatte alles bestens präpariert und setzte den Angriff ungestüm mit 25… Lf5xc2+! fort und profitierte davon, dass 26. Kb1xa2 Tf8-a8+ 27. Lb4-a3 Ta8xa3+! für Weiß nicht in Frage kommt. Ivanovic setzte daher mit 26. Lb3xc2 fort und musste nach 26… Dc5-a7 etwas gegen die schwarzen Drohungen unternehmen. Nach 27. Lc2xh7+ (räumt das Feld c2 mit Tempo, da Weiß nach anderen Läuferzügen die Dame verliert oder matt wird) 27… Kg8xh7 28. De1-c3 gewann Larsen mit 28… Le7xb4 29. g5-g6+ f7xg6 30. Dc3-c6 Tf8xf1+. Hätte Weiß im 29. Zug anstelle des Verzweiflungsopfers auf b4 geschlagen, dann bricht 29… Tf8-c8 den Widerstand leicht.
Der 24. Zug von Schwarz ist „Larsen in Reinkultur“ – dafür war der sympathische Däne berühmt.

 

66. Larsen – Spassky, Belgrad 1970
Stellung nach dem 14. Zug von Weiß

Dreizehn Jahre zuvor hatte Larsen selbst eine ganz bittere Lektion erteilt bekommen. Nach selten schwachem Eröffnungsspiel von seiner Seite nahm er diese trostlose Stellung ein, in der allenfalls die Option Sb1-c3, gefolgt von der lange Rochade, noch Hoffnung machte. Dessen war sich natürlich auch Weltmeister Boris Spassky bewusst, der in dieser Stellung einen der berühmtesten Turmzüge der Geschichte aufs Brett knallte: für gerade mal ein einziges Tempo opfert sich der Turm mit 14… Th8-h1!!. Spassky steht danach in allen Varianten auf Gewinn. Es folgte 15. Tg1xh1 g3-g2 16. Th1-f1 (kein bisschen besser ist 16. Th1-g1 De7-h4+ 17. Ke1-d1 wegen 17… Dh8-h1! mit Gewinn) 16… De7-h4+ 17. Ke1-d1 g2xf1=D+ mit der Aufgabe von Larsen, denn nach 18. Le2xf1 Lf5xg4+ erzwingt Schwarz das Matt.

 

67. Tal – Koblents, Riga 1957
Stellung nach dem 32. Zug von Schwarz

Alexander Koblents war ein angesehener und erfahrener Trainer in der Sowjetunion. Er wurde unter anderem mit der Betreuung des noch jungen Mikhail Tal beauftragt und spielte hier eine freie Trainingspartie gegen ihn, die bereits alles beinhaltete, was Tals Stil später so unverwechselbar machen sollte. In dieser vogelwilden Stellung verblüffte der kommende Weltmeister seinen Trainer mit dem Zug 33. Th1-h6!!. Der Zug bereitet ein Kamikaze-Opfer des Turms auf f6 vor, um dem folgenden Läuferschach auf h6 den Weg zu ebnen. Der überraschte Schwarzspieler fand keine ansprechende Verteidigung und antwortete mit 33… d4-d3??. Dadurch deckt der befreite Läufer zwar das Schlüsselfeld f6, doch nach dem einfachen 34. b2xc3 steht Weiß auf Gewinn und siegte auch tatsächlich drei Züge später.
Allerdings bleibt festzuhalten, dass seit jenen längst vergangenen Tagen das Niveau der Verteidigung unter anderem dank der analytischen Hilfe der Computer signifikant gestiegen ist. Tals Hammerzug war stark, aber in Wirklichkeit ist er der einzige Zug, der objektiv gesehen Weiß die Punkteteilung sichert! Stockfish findet hier eine irrsinnige Riposte für Schwarz, die die Partie weiterhin in der Schwebe gehalten hätte: 33… Dc7xc6!! 34. Th6-f6+! g7xf6 35. Lg5-h6+ Td7-g7 36. Lh6xg7+ Kf8-e7!!. Trotz des Doppelschachs hat Weiß nicht mehr als ein Remis, man sehe: 37. Lg7xf6+ Ke7-d6 38. Lf6-e5+ Kd6-d5 39. Th7xa7 Lc3xb2+! 40. Kc1-b1! führt nach 40… Dc6-c3! 41. Le5-b8 Dc3-e1+ zu einem friedlichen Ende durch Dauerschach!!!
Tals Zug ist also objektiv die stärkste Option, hätte aber nicht zwingend zum Gewinn führen müssen. Ob man Koblents allerdings einen Vorwurf machen kann, die Idee eines Königsmarschs samt Zulassung eines Doppelschachs nicht gefunden zu haben, ist fraglich. Soviel Kaltblütigkeit und kühle Kalkulation hätte zu jener Zeit vermutlich alle Spieler überfordert – und in heutiger Zeit immer noch die allermeisten. Es verdeutlicht aber andererseits, wie viel Psychologie oft hinter einem bestimmten Zug steckt und wie viele Opfer mehr darauf als auf Objektivität basierten. Mit dem Erscheinen der Computer hat sich hier unglaublich viel verändert – ein schöneres Beispiel als dieses ließe sich kaum vorstellen.

 

68. Tal – Portisch, Kandidatenviertelfinale, 2. Partie, Bled 1965
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Eines von Tals berühmtesten und gleichzeitig umstrittensten Opfern riskierte er hier gegen den ungarischen Weltklassegroßmeister Lajos Portisch. Er setzte hier mit 16. Te1xe6+!? fort und gab die psychologische Last der Verteidigung an Schwarz ab. Nach 16… f7xe6 (16… Ke8-f8? würde an 17. Te6xf6! scheitern) 17. Dg4xe6+ war die kritische Stellung erreicht. Der Computer möchte hier mit 17… Ke8-d8 18. De6-d6+ Kd8-e8 die Stellung zum Remis durch Dauerschach abwickeln, doch offenbar wollte Portisch Tals Opfer widerlegen und setzte daher mit dem ebenfalls gut spielbaren 17… Ke8-f8!? fort. Auf 18. Lc1-f4 Ta8-d8 19. c4-c5 folgte 19… Sb4xd3!! 20. c5xb6 Sd3xf4 mit objektiv immer noch fast ausgeglichener Stellung. Nach 21. De6-g4 Sf4-d5 22. b6xa7 war eine dieser typischen Stellungen auf dem Brett, die für Tal Speis und Trank bedeuteten. Hier konnte er seine Stärken voll ausspielen und fand nach Portischs Fehler 22… Kf8-e7? (besser ist wohl 22… g7-g6) den alles andere als naheliegenden Zug 23. b2-b4!!, den auch der Computer favorisiert. Mit der drohenden Untergrabung der schwarzen Bastionen durch b4-b5 sicherte sich Tal großen Vorteil und siegte bereits im 27. Zug – begünstigt von weiteren Zeitnotfehlern Portischs, der sich mit der Verteidigung dieser Stellung doch zuviel aufgebürdet hatte.

 

69. Tal – Lutikov, Tallinn 1964
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Tal zum dritten: dieses wohl spektakulärste Beispiel von den drei in diesem Abschnitt gezeigten ist – wir haben uns nun inzwischen daran gewöhnt – ebenfalls nicht frei von Fehlern. Allein die Tatsache, dass Tal hier nicht die Dame nahm, macht dieses Fragment schon sehenswert, wenngleich schnell klar wird, dass die Variante 16. b2xa3? Le6xc4 natürlich nicht das war, was Tal vorschwebte, als er diese Stellung ansteuerte. Tal zog hier getreu seinem Naturell 16. Th1-e1!, ignorierte damit die schwarze Dame und baute darauf, dass er für das gewichtige materielle Opfer starken Angriff bekommen würde. Wie dies häufig bei Tals anderen Gegnern zu beobachten war, so griff auch der sicherlich vollkommen überraschte Meister Anatoli Lutikov hier deutlich mit 16… Da3-c5? daneben und gestattete Tal starken Angriff nach 17. Te1xe6+ Ke7-f8 18. Te6xf6+! starken Angriff, den Tal im 31. Zug zum Sieg führte. Ein härterer Test der weißen Idee bestand in der praktisch nicht am Brett zu findenden, irrsinnigen Variante 16… Da3-a4! 17. Lc4xe6 Sc6-d4!! 18. Le6-b3+ Sd4-e2+! 19. Kc1-b1 Da4-d7!! mit verteilten Chancen.
Man kann daher argumentieren, dass Tals Zug in praktischer Hinsicht sehr stark war, da der Nachziehende diese Variante wohl kaum finden würde und vermutlich Tal selbst nichts von ihr ahnte. Das Ende vom Lied lautet jedoch, dass der weniger spektakuläre Zug 16. Lc4xe6! in der Diagrammstellung zu Beginn objektiv stärker gewesen wäre. Faszinierend, nicht wahr?!

 

70. Mason – Winawer, Wien 1882
Stellung nach dem 42. Zug von Schwarz

Dass selbst die Meister des 19. Jahrhunderts eine beachtliche Finidgkeit an den Tag legen konnten, beweist dieses sehenswerte Beispiel. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es, als müsste Weiß hier die Damen tauschen und dann den Läufer nach e6 stellen. Aufgrund seiner vielen Bauern hätte Weiß dann sicherlich immer noch eine ordentliche Stellung, doch der amerikanische Meister James Mason fand einen Zug, der zu den schönsten der Schachgeschichte gezählt werden muss: es folgte nämlich 43. Tb4-b7+!!, was den Turm freischwebend anbietet. Das Schlagen mit dem Turm scheidet wegen Damenverlusts klar aus, zumal Schwarz danach den hängenden Läufer wegen des Damenschachs auf g7 nicht nehmen darf. Winawer spielte also 43… Kc7xb7 und gestattete damit die Pointe 44. Ld7-c8+!, was mit Hilfe des Doppelschachs die Deckung der schwarzen Dame untergräbt. Da Schwarz für den Fall, dass er den Läufer nimmt, nicht nur seine Dame, sondern auch anschließend den Turm auf f6 durch einen Doppelangriff verliert, spielte Winawer 44… Kb7-a8. Mit der Aufgabe, die er noch bis zum 56. Zug hinauszögerte, wäre er allerdings besser beraten gewesen.

 

71. Maroczy – Tartakower, Teplitz-Schönau 1922
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

In einer der berühmtesten Partien aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen opferte hier Savielly Tartakower unerwartet mit 17… Th6xh2!! einen ganzen Turm für langfristigen Angriff. Nach 18. Kg1xh2 Df6xf2+ 19. Kh2-h1 Sd7-f6 profitierte er dabei vor allem von dem Umstand, dass die weiße Dame ungedeckt ist und der Springer daher nicht abziehen kann. Maroczy setzte mit 20. Te1-e2 Df2xg3 21. Sd2-b1 fort, wurde aber seiner Schwierigkeiten nach 21… Sf6-h5 nicht Herr. Ihm wurde letztlich die schlechte Koordination seiner Figuren und der Raummangel zum Verhängnis. Schwarz gewann diese komplizierte Partie letztlich im 35. Zug.

 

72. Simagin – Stein, Moskau 1961
Stellung nach dem 37. Zug von Schwarz

In dieser berühmten Position hängen nicht weniger als drei Schwerfiguren gleichzeitig. Außerdem hat Weiß eine Qualität weniger und scheint völlig auf Verlust zu stehen. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Stellung eine Ausnahme darstellt und Weiß mit 38. Td7-c7+!! das Chaos zu seinen Gunsten ausnutzen kann. Wenn der Läufer nimmt, hängen nach 39. De5xc5 Turm und Läufer, woran auch 39… Th8xh2+ 40. Kh1-g1 nichts ändert. Stattdessen scheitert auch 38… Kc8-b8?? an 39. Tc7xc5+ und 38… Kc8-d8?? an 39. De5xh8+ mit Matt im nächsten Zug. Leonid Stein spielte also 38… Dc5xc7, stand aber nach 39. Sb5xc7 auf Verlust, weil der Turm im Eck immer noch hängt. Nach 39… Th8xh2+! 40. De5xh2! Te3xe2 scheint Schwarz wegen der Schachdrohung noch Gegenspiel zu haben, doch Simagin erwiderte stark 41. Dh2-h8+ Kc8xc7 42. Dh8-c3+ Kc7-b7 und entwischte nach 43. Dc3-c4 mit dem König: 43… Te2-e1+ 44. Kh1-h2 Lb6-c7+ 45. Kh2-h3 Te1-h1+ 46. Kh3-g4, worauf Schwarz hätte aufgeben können – er tat dies aber erst im 54. Zug.

 

73. Lutikov – Taimanov, Moskau 1969
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

In der Karriere von Mark Taimanov gibt es zwei Partien, die Anwärter für seine Partie des Lebens darstellen: entweder der Sieg gegen Karpov im Jahre 1977, der allerdings von einem groben Fehler Karpovs begünstigt wurde (die Partie ist unter Nr. 2 bei „100 berühmte Springerzüge“ zu finden) und die hier vorliegende. In dieser Stellung sieht sich Taimanov gleich mit zwei Problemen konfrontiert: seine hängende Dame und die latente Drohung f5-f6. Es ist verständlich, dass er daher versuchte, dieser Stellung eine Wende zu geben und mit 27… Tc8xc2+! beherzt zugriff. Es ist keineswegs so, dass der Angriff forciert durchschlägt, aber die Stellung bleibt kompliziert und bietet jede Mange Raum für Fehlzüge. Nach 28. Kd2xc2 folgte 28… b4-b3+!? (auch 28… Tf8-c8+ ist objektiv kaum besser, selbst wenn die Stellung nach 29. Kc2-d1 Dd4-g1+ 30. Dg3-e1 Dg1xg2 unausgewogen bleibt). Lutikov verzichtete wohl auf 29. a2xb3! wegen 29… Ld5xb3+, doch nach 30. Kc2-d2 Dd4xb2+ 31. Kd2-e3 Dc3xa1 32. f5-f6 Da1-c1+ 33. Ke3-f2 Dc1-g5 34. Th4-g4 stünde Weiß auf Gewinn. Schwarz müsste im 31. Zug stattdessen zu 31… e6xf5 greifen, was ihm nach 32. Ta1-b1 höchstens praktische Schwindelchancen überließe. Anstelle von 29… Ld5xb3+ würde 29… Tf8-c8+ wegen 30. Kc2-b1 nun auch nichts mehr einbringen.
Lutikov sah diese Variante nicht und spielte stattdessen 29. Kc2-d1 anstatt auf b3 zu nehmen. Es folgte 29… Dd4-g1+ 30. Dg3-e1 Dg1xg2, worauf sich Taimanov bereits erfolgreich in eine unklare Stellung gerettet hatte, zumal in dieser Stellung ein schwarzer Bauer auf b3 nützlicher als ein schwarzer Turm auf c8 ist. In den folgenden Komplikationen überspielte er seinen Gegner noch und hatte in der Gewinnstellung im 41. Zug sechs (!) Bauern für den gegnerischen Läufer.

 

74. Velimirovic – Ljubojevic, Umag 1972
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Dragoljub Velimirovic und Ljubomir Ljubojevic waren in den 70er-Jahren klangvolle Namen. Die beiden stärksten Spieler im damaligen Jugoslawien und legitimen Nachfolger von Svetozar Gligoric waren beide als gefürchtete Angriffsspieler bekannt und zauberten so manches Meisterwerk in ihrer Karriere aufs Brett.
In dieser Partie behielt Velimirovic die Oberhand, als er hier nicht etwa auf g5 zurückschlug, sondern die Schlacht mit dem völlig überraschenden 14. Te1xe6+!? endgültig eröffnete. In praktischer Hinsicht ist das Opfer vielleicht insofern erzwungen, da 14. f4xg5 Sd7-e5 Weiß wohl kaum zusagen konnte. Nach Ljubos 14… f7xe6 15. Sd4xe6 will die Engine die schwarze Dame auf b6 sehen, während Ljubojevic das deutlich schwächere 15… Dc7-a5?! präferierte und umgehend nach 16. Df3-h5+ g7-g6 17. Dh5xg5 angesichts seines in der Mitte steckengebliebenen Königs in Schwierigkeiten geriet. Mit der Dame auf b6 anstatt auf a5 könnte Schwarz nun gegenüber der Partie eine signifkant bessere Version nach 17… Db6-e3+ 18. Kc1-b1 Ke8-f7! erreichen. Damit wäre die Gabeldrohung auf c7 entkräftet und das gefährliche 19. f4-f5 wegen des Damentauschs ebenfalls entschärft. Die emotionslose Engine wähnt Schwarz hier bereits klar im Vorteil – doch zeigt dies nur, dass selbst die stärksten Angriffsspieler jener Tage in der Verteidigung erheblich schlechter abschnitten – ein moderner Elitegroßmeister hätte diese Verteidigung wohl gefunden.

 

75. Botwinnik – Portisch, Monte Carlo 1968
Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz

Dieses späte Meisterwerk des inzwischen 57 Jahre alten Exweltmeisters Mikhail Botwinnik gehört zu den berühmtesten Partien der 60er-Jahre. Der Patriarch der Sowjetischen Schachschule ließ hier eine Kombination vom Stapel, die in keiner Sammlung von sehenswerten Partien fehlen darf. Überraschenderweise schien der dekadente westliche Spielort den stocksteifen und linientreuen Kommunisten nicht zu stören, sondern sogar zu beflügeln.
Lajos Portisch hatte Botwinnik gerade dazu eingeladen, auf c7 zuzugreifen, weil er darauf hoffte, den gegnerischen Turm einzuklemmen und abzupflücken. Botwinnik machte ihm jedoch einen gehörigen Strich durch die Rechnung und spielte hier 17. Tc1xc6!!. Wenn der Springer zurückschlägt, sackt Weiß auf b7 noch einen Bauer ein und ist mit zwei Bauern und Initiative bestens für die Qualität entschädigt. Portisch spielte erwartungsgemäß 17… b7xc6 und bekam mit 18. Tc7xf7!! gleich das zweite Turmopfer in Folge aufgetischt. Dieses Opfer muss Schwarz nicht annehmen – und er tat es auch nicht. Weiß hatte daher zwei Bauern für die Qualität, einen sicheren Rückzug für den Turm nach b7 und eine schöne Stellung, die er im 26. Zug sicher zum Sieg verwertete. Hätte Portisch mit 18… Kg8xf7 zugegriffen, dann wäre er mit seinem König wie folgt in einen tödlichen Angriffswirbel geraten: 19. Da4-c4+ Kf7-g6 (die schwarze Dame kann wegen 20. Sf3-g5+ nicht dazwischen ziehen, während jeder andere Zug ebenfalls sofort die Dame ohne ausreichende Kompensation verlieren würde) 20. Dc4-e4+ Kg6-f7 21. Sf3-g5+ Kf7-e7 (nach 21… Kf7-f6 führt 22. De4-f3+ zum Matt) 22. De4xe5+ Ke7-d7 23. Lg2-h3+ macht kurzen Prozess. Auch betagte Meister können zaubern!

 

76. Lputian – Kasparov, Tbilissi 1976
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Diese frühe Meisterwerk des noch blutjungen Garri Kasparov beinhaltet schon alles, was er später in noch weitaus gefährlicherer Form perfektionieren sollte: ein untrügliches Gespür für dynamische Nuancen und tadellose Berechnung. In der Diagrammstellung scheint es nicht gut um Schwarz zu stehen, da gleich zwei seiner Schwerfiguren hängen. Schwarz hatte diese Stellung jedoch mit Recht angestrebt, denn er hatte das unwahrscheinliche 19… Tb1-b2!! geplant. Weiß kann nicht auf b2 nehmen, denn nach 20. Dd2xb2? verliert er auf der Stelle: 20… Lg7xd4+ 21. Kf2-e1 Ld4xc3+ 22. Db2xc3 Dh4xe4 mit sofortigem Gewinn für Schwarz. Lputian musste also 20. g3xh4 spielen und stand nach 20… Tb2xd2 21. Ld4xg7 Kg8xg7 22. Kd2-e3 Td2-c2 signifkant schlechter, zumal Kasparov nach 23. Ke3-d3 die Abwicklung 23… Tc2xc3+! 24. Kd3xc3 d6xc5 fand und seinen Vorteil letztlich im 38. Zug in einen Sieg ummünzte.

 

77. Ivanchuk – Jussupow, Kandidatenmatch, 9. Partie (Schnellpartie), Brüssel 1991
Stellung nach dem 28. Zug von Weiß

Viele Schachspieler halten Vasily Ivanchuk für einen der talentiertesten Spieler aller Zeiten, doch Weltmeister wurde er nie. Meist scheiterte er in Matchsituationen an seinen schwachen Nerven – so auch hier, als er überraschend Artur Jussupow unterlag und ausschied. Das reguläre Match war nach acht Partien 4:4 ausgegangen, so dass zwei Schnellpartien über die Qualifikation entscheiden mussten. Berühmt wurde diese 9. Partie, in der Jussupow trotz verkürzter Bedenkzeit ein irrsinniges Opferkonzept ersann und mit Glanz und Gloria gewann. Das kam so: mit 28. … Te6-g6!! eröffnete er den Reigen und drohte nach 29. Db7xa8+ Kh8-h7 bereits mit einem dreizügigen Matt, das mit dem Damenschach auf h1 eingeleitet wird. Daher spielte Ivanchuk 30. Da8-g8+!, um nach 30… Kh7xg8 31. Sc6-e7+ Kg8-h7 32. Se7xg6 den gefährlichen Turm zu vernichten. Jussupow spielte aber weiter auf Matt mit 32… f7xg6 33. Sf5xg7 Sg4-f2! (dagegen würde 33… Dh2-g3 wegen 34. Kf1-g1 nichts einbringen). Nun droht der Springer nach h3 zu gelangen, worauf das Matt unabwendbar wäre. Mit 34. Ld6xf4 Dh2xf4 35. Sg7-e6 versuchte Ivanchuk, den Druck abzuschwächen, doch nach 35… Df4-h2 36. Te1-b1 Sf2-h3! sah er sich wieder mit demselben Problem konfrontiert. Das kreative 37. Tb1-b7+ Kh7-h8 38. Tb7-b8+ sollte Schwarz nochmals ablenken, doch nach 38… Dh2xb8 39. Lg2xh3 Db8-g3 war es vorbei. Den nicht mit Gold aufzuwiegenden Sargnagel auf e3 konnte der Ukrainer nicht beseitigen.

 

78. Rogers – Milos, Manila 1992
Stellung nach dem 30. Zug von Schwarz

In dieser nur wenig bekannten, aber vom australischen Großmeister Ian Rogers sehr stark bestrittenen Partie hat Weiß derzeit eine Figur weniger (obwohl es strittig ist, ob man den tragikomischen Läufer auf h7 als Mehrfigur bezeichnen darf). Mit der elektrisierenden Kombination 31. Td3-c3!! La5xc3 32. De2-a6!! sorgte er hier schnell für klare Verhältnisse. Die unantastbare Dame nähert sich dem schwarzen König aufdringlich an und erzwingt sofort die Entscheidung, da nicht nur Damengewinn, sondern auch das Springerschach auf b6 droht. Milos hat dagegen keine Verteidigung und gab folglich auf.

 

79. Akopian – Kramnik, Wijk aan Zee 2004
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Dem armenischen Großmeister Vladimir Akopian blieb der ganz große Durchbruch zwar verwehrt, doch würde man die Spielstärke desjenigen, der einen Spieler wie Vladimir Kramnik so vernichten kann, wohl kaum in Frage stellen. Auf dem Brett haben wir ein typisch sizilianisches Scharmützel mit Angriffen auf entgegengesetzten FlügeIn. Der erste Eindruck könnte lauten, dass Weiß schlecht steht, doch Akopian zog hier 29. Th1-h7!!. Weiß droht plump auf g7 zu nehmen oder je nach schwarzer Antwort auch die Türme zu verdoppeln. Kramnik setzte die Partie darauf mit 29… Da2xb2+ 30. Dc3xb2 Sc4xb2 fort, stellte aber nach 31. Th7xg7+ den Widerstand ein. Es erhebt sich nur noch die Frage, was nach 29… Kg8xh7 geschehen wäre: die darauf folgende, praktisch perfekte Kombination macht das schwarze Dilemma in Form von 30. Sf5xe7+ Kh7-h6 31. Td1-h1+ Lf7-h5 32. g2-g4 mit raschem Matt deutlich.

 

80. Pallesen – Aagaard, Taastrup 2002
Stellung nach dem 20. Zug von Weiß

Der inzwischen zu einem der gefragtesten und besten Trainer der Welt avancierte dänische Großmeister Jacob Aagaard spielte hier seine persönliche Mona Lisa. Er hat bereits einen Turm weniger und scheinbar keine ausreichende Kompensation, doch in Wirklichkeit ging das Scharmützel hier erst richtig los: Aagaard spielte hier 20… Th8-h3!! und dürfte seinen Gegner damit gehörig geschockt haben. Mit dem kaltblütigen, aber ausgesprochen schwer zu findenden Zug 21. Dd1-c1! hätte Weiß die Partie in der Schwebe halten können. Er spielte aber stattdessen 21. Tf1-g1? und wurde nach 21… Th3xe3!! sehr sehenswert niedergestreckt: 22. Kf2xe3 Sf6xd5+ 23. Ke3-d4 (auf 23. Ke3-e2 entscheidet 23… Dc7-e7+ 24. Ke2-f2 De7-e3+ nebst 25… Lb4-c5) 23… Dc7-b6+ 24. Kd4-c4 Sd5-e3+ 25. Kc4-b3 Lb4-e1+ 26. Kb3-a4 Db6-b4#. Ein doppeltes Turmopfer innerhalb einer Partie sieht man sehr selten – wenn dann noch so ein Matt dabei herausspringt, dann ist dies noch bemerkenswerter!

 

81. Karjakin – Gelfand, Khanty-Mansiysk 2009
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Boris Gelfand spielte in dieser komplexen Stellung einen Schocker, der Karjakin mit Sicherheit tüchtig zu denken gab. Nach dem Zug 11… Ta8-a6!!, der eine ganze Figur opfert, sah sich Weiß vor eine unangenehme Wahl gestellt: entweder er geht ein großes Risiko ein oder er willigt, was natürlich ein Zugeständnis mit Weiß darstellt, sofort ins Remis ein mit dem folgendem Abspiel: 12. Lb3xd5 Dd8xd5 13. Te1xe7 Ta6-g6 14. f2-f3 Lc8xh3 15. Te1-e2 Dd5xf3 16. Dd1-f1 Lh3xg2 und nun 17. Te2xg2 Tg6xg2+ 18. Df1xg2 Df3-d1+ mit Dauerschach.
Es ehrt Karjakin, dass er trotz des Schocks und der verbrauchten Bedenkzeit nicht das obige Abspiel zuließ, sondern mit 12. Dd1-h5 fortsetzte, aber nach 33 Zügen verlor. Übrigens widmet Boris Gelfand seinen eigenen Partien (nicht nur solchen, die er gewonnen hat) in seiner bemerkenswerten Buchreihe Decision Making in Chess sehr viele Analysen, stattet dies aber auch gleichzeitig mit vielen erhellenden Kommentaren aus. Unbedingt empfehlenswert!

 

82. Hou Yifan – Li Chao, Danzhou 2011
Stellung nach dem 29. Zug von Weiß

In dieser Stellung lebt der schwarze König sicher hinter seiner Bauernphalanx, zumal der weiße Angriff noch in den Startlöchern zu stecken scheint. Allerdings hat Schwarz eine Figur weniger und keinen nennenswerten Angriff dafür. Dies entpuppte sich jedoch als Illusion, denn im Duell der chinesischen Spitzentalente (weiblich gegen männlich) griff hier Li Chao nämlich beherzt mit 29… Ta8xa2!! zu und sprengte den Stützpfeiler der weißen Bastion einfach weg. Nach 30. Lb3xa2 wurde mit 30… b4-b3! das nächste Hindernis, nämlich der eigene störende b-Bauer, elegant entsorgt. Trotz des riesigen materiellen Vorsprungs kann dem weißen König nicht geholfen werden. Nach 31. La2xb3 Dc5-a3 32. Kb1-c2 Da3-b2+ 33. Kc2-d3 machte Li Chao mit dem stillen Zug 33… Lc3-a5! den Deckel auf die Partie. Hou Yifan gab den Kampf nach 34. Lb3-c4 Tc8xc4! 35. Sg3-e2 Db2-c2+ 36.Kd3-e3 La5-b6+ auf. Selten habe ich eine Partie gesehen, in der alle verteidigenden Stützpfeiler so rigoros unter erheblichsten materiellen Opfer weggesprengt wurden. Im Schach ist aber nun mal bekanntlich kein Preis zu hoch für ein Matt …

 

83. Naiditsch – Gustafsson, Dresden 2007
Stellung nach dem 25. Zug von Weiß

Wer sich mit Weiß wissentlich auf ein Duell im Marshall-Angriff gegen den als Theoriehai bekannten Großmeister Jan Gustafsson einlässt, der muss bis an die Zähne bewaffnet sein und Nerven aus Stahl haben. Wir wissen nicht, was in Niaditschs Vorbereitung schiefgelaufen ist, aber die folgende Klatsche dürfte noch lange nachgehallt haben. In dieser Position hat Schwarz bereits einen ganzen Turm weniger, so dass sich die Frage erhebt, was sein Angriff wert ist. Gustafsson spielte hier natürlich nicht 25… Sd5xe3?!, wonach 26. f2xe3 das Mattfeld g2 erneut unter Kontrolle nehmen würde. Mit 26… Ld6xg3 könnte Schwarz allerdings selbst dann noch das Remis forcieren mit 27. Db3-c4+ Kg8-h8 28. Ta1-f1! Tf8-f6 29. Tf1xf3 Lg3xh2+ 30. Te2xh2 Dh3xf3 31. Th2-g2 Df3-d1+ 32. Kg1-h2, gefolgt von Dauerschach auf h6 und g6.
Gustafsson hatte die Diagrammstellung zuhause schon auf dem Analysebrett und musste die ganze Partie über also kaum nachdenken. Kein Wunder, dass er hier blitzartig 25… Tf8-f4!! zog und Naiditsch zur Aufgabe zwang, da gegen das kommende 26… Tf4-h4 nichts zu erfinden ist. Das Schlagen des Turms würde h2 undeckbar machen, aber echte Alternativen gibt es keine. Klar, dass der Wert dieses Kampfes durch die Vorbereitung etwas entwertet wurde, doch zur Partie des Turniers wurde sie trotzdem auserkoren.

 

Theoretische Neuerungen

 

84. Karpov – Kortchnoi, Kandidatenfinale, 2. Partie, Moskau 1974
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Eine der unscheinbarsten, aber wichtigsten und bedeutendsten Neuerungen seiner Karriere spielte Karpov in dieser Schlüsselpartie: sie brachte ihm den Sieg und die Führung im Kandidatenfinale 1974 ein, die er bis zum Schluss nicht mehr abgab. Von damals 24 Partien endeten neunzehn friedlich, so dass jeder Sieg besonders viel wert war. Kortchnoi kam bei einem Rückstand von 0:3 nach entschiedenen Partien noch bis auf 2:3 heran, doch es sollte nicht sein. Die frühe Niederlage in dieser berühmten 2. Partie dürfte ihre psychologische Wirkung nicht verfehlt haben. In diesem Abspiel aus der Drachenvariante im Sizilianer hat Weiß mit dem Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer bereits einiges erreicht. Früher setzte man in dieser Stellung mit 19. Td1-d5 Da5-d8 20. g4-g5 Sf6-h5 21. Se2-f4 Dd8-f8 und etwas Vorteil für Weiß fort. Karpov wählte stattdessen das umsichtige 19. Td1-d3!, was nicht nur Qualitätsopfern auf c3 einen Riegel vorschiebt, sondern zugleich eine verlockende Falle aufstellt. Kortchnoi tappte mit 19… Tc4-c5? in besagte Falle, aber der Fairness halber sei gesagt, dass diese Variante aus heutiger Sicht für Schwarz ohnehin als unbefriedigend gilt und seither andere gangbare Wege gefunden wurden. Nach Kortchnois Zug, der g4-g5 verhindern sollte, geschah jedoch zur großen Überraschung aller Anwesenden dennoch 20. g4-g5!!. Auf 20… Tc5xg5 setzte Karpov mit dem geplanten 21. Td3-d5! Tg5xd5 22. Sc3xd5 fort und zertrümmerte Kortchnois Verteidigungsbastionen nach 22… Tc8-e8 23. Se2-f4! Ld7-c6 24. e4-e5!!. Auf 24… d6xe5 würde nun 25. Sd5xf6+ e7xf6 26. Sf4-h5!! mit unparierbarem Angriff folgen, während Kortchnois Fortsetzung 24… Lc6xd5 mit 25. e5xf6 e7xf6 26. Dh6xh7+ Kg8-f8 27. Dh7-h8+ gewinnbringend beantwortet wurde. Kortchnoi gab auf, denn nach 27… Kf8-e7 28. Sf4xd5+ Da5xd5 29. Th1-e1+ verliert er einen ganzen Turm. Für die damalige Zeit war Karpovs unerhört neues Konzept eine Offenbarung, die ihre Wirkung nicht verfehlte.

 

85. Beliavsky – Nunn, Wijk aan Zee 1985
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Anstelle des hier üblichen 11… g6xf5 verblüffte John Nunn seinen Gegner hier mit dem völlig unerwarteten 11… Tf8xf5!!. Die Öffnung der f-Linie kommt Schwarz ganz gelegen, so dass der einzige ernsthafte Test der schwarzen Idee im verlockenden, aber dubiosen 12. g2-g4?! besteht, was Beliavsky auch wählte. Nach 12… Tf5xf3 13. g4xh5 Dd8-f8! erhellte die schwarze Kompensation allmählich. Für den geopferten Springen hat Schwarz nicht nur einen Bauer, sondern auch erhebliches Druckspiel. Beliavsky griff hier nun klar daneben mit 14. Sc3-e4? und hatte Glück, dass Nunn „nur“ 14… Lg7-h6 fand, was auch stark ist. Durch das noch wesentlich effektivere 14… Df8-f5! hätte Nunn bereits eine Gewinnstellung erlangen können. Er siegte aber auch so im 27. Zug in einer sehenswerten Partie.

 

86. Akopian – Vachier-Lagrave, Dresden 2008
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Die Paarung Armenien gegen Frankreich in Runde 8 der Schacholympiade Dresden in 2008 würde die Weichen für den Turniersieg möglicherweise schon entscheidend stellen. Bei der Teamvorbereitung fragte Levon Aronian seinen Teamkollegen Vladimir Akopian, mit welcher Variante er gegen den Najdorf-Spezialisten Maxime Vachier-Lagrave rechnen würde. Als Akopian ihm von der Diagrammstellung erzählte, weihte ihn Levon Aronian in eine Neuerung ein, die er für diese Stellung präpariert hatte. aber bislang noch nicht aufs Brett bekommen hatte. Mit Hilfe dieser großzügigen Geste erlangte Akopian rasch eine vorteilhafte Stellung, indem er hier unerwartet mit 13. Ta1-d1!! fortsetzte und seinen Springer einfach hängen ließ! Allerdings kann Schwarz die hängende Figur kaum nehmen, denn nach 13… e5xd4 14. Le3xd4 liegt die gefährliche Idee e4-e5 unmittelbar in der Luft. Auf 14… 0-0-0 sieht 15. e4-e5 in der Tat vielversprechend für Weiß aus.
Natürlich verstand der Franzose sofort, dass er in eine vorbereitete Neuerung gelaufen war und tat sicherlich gut daran, die Korrektheit der gegnerischen Analyse nicht am Brett prüfen zu wollen. Er wählte stattdessen 13… Lf8-e7 und sah sich nach 14. d4xe5 Sd7xe5 15. Le3-h6 dennoch mit spürbaren Problemen konfrontiert. Akopian siegte nach einer starken Kombination im 26. Zug. Armenien gewann diesen Kampf übrigens sehr deutlich mit 3,5:0,5 und stürmte in der Folgezeit triumphal zur Goldmedaille.

 

Endspielsilhouetten

 

87. Brzozka – Bronstein, Leningrad 1963
Stellung nach dem 48. Zug von Weiß

In dieser Stellung scheint Weiß trotz einer Minusqualität vollkommen sicher zu stehen:  es gibt keine Bauernhebel, und die schwarzen Türme erscheinen komplett wertlos, weil sie nirgends effektiv einzusetzen sind. Bronstein schockte hier jedoch seinen Gegner mit einem der unglaublichsten Züge der Schachgeschichte: mit 48… Tb8xb3+!! setzte er alles auf eine Karte, um diese Partie noch zu gewinnen. Kaum zu glauben, aber wahr! Schwarz opfert in einem Turmendspiel einen ganzen Turm auf einem doppelt gedeckten Feld.
Um seinen Läufer zu retten, musste Weiß nach 49. Kc3xb3 Ta6-b6+ in eine äußerst passive Stellung seiner Figuren nach 50. Kb3-c2 Tb3-b2+ 51. Kc2-c1 Tb2-e2 einwilligen. Trotz einer Minusfigur konnte Bronstein dieses Endspiel nach 52. Td5-d1 Te2xe3 53. Td1-g1 Te3-c3+ gewinnen, da die Passivität dder weißen Figuren gegen die schwarzen Freibauern schwierig wurde. Nach 54. Kc1-d2 Tc3xc4 hatte Bronstein drei gesunde Bauern für den Läufer und verwertete seinen spürbaren Vorteil zum Sieg im 70. Zug.

 

88. Aljechin – Tartakower, Wien 1922
Stellung nach dem 35. Zug von Schwarz

Dieses Endspiel scheint bei flüchtiger Betrachtung gar nicht so klar zu sein, doch mit seinem nächsten Zug 36. Td2-d5!! zerstreute Aljechin alle Zweifel. Diese Idee mutet widersinnig an, was sie umso schwerer zu finden macht. Wenn nun der e-Bauer vorrückt, dann bremst 37. Td5-f5 die Freibauern effektiv, während der weiße g-Bauer Fahrt aufnimmt. Wenn stattdessen 36… f3-f2, dann steht Weiß nach 37. Td5-d1 bereit, mit dem König die Bauern auf den schwarzen Feldern festzunageln und sie so unschädlich zu machen. Tartakower spielte mangels Alternativen in seiner Verzweiflung 36… e5-e4, konnte aber den Widerstand nach den Zügen 37. Td5-f5 Ld6-g3 38. g4-g5 Kc8-d7 39. g5-g6 Kd7-e6 40. g6-g7 Ke6xf5 41. g7-g8=D nur um ein paar belanglose Züge hinauszögern und gab im 46. Zug auf.

 

Soloauftritt für den Turm

 

89. Karpov – Hort, Moskau 1971
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

In dieser beispiellosen Partie werden wir Zeuge, wie ein weißer Turm praktisch im Alleingang die Partie bestreitet und dem Nachziehenden eine empfindliche Niederlage versetzt.
Karpov hat hier einen Bauern mehr, aber die weiße Königsstellung und der hebelarme Charakter der Stellung legen die Vermutung nahe, dass die Position fast ausgeglichen sein sollte. Dank einer ganzen Serie von Kraftzügen mit seinem Turm gelingt es Karpov jedoch, eine erstaunliche Harmonie zwischen seinen versprengten Kräften herzustellen: mit 22. Tg1-g4! wird zunächst der schwarzen Dame das Feld h4 streitig gemacht. Hort hätte vielleicht nun auf h2 zugreifen sollen, damit er wenigstens weiß, wofür er leidet. Er bevorzugte jedoch das scheinaktive 22… Dd8-f6 und wurde darauf mit 23. h2-h4 konfrontiert. Nach 23… Df6-f5, was die Flucht des weißen Königs über c2 erschwert, folgte 24. Tg4-b4! Le5-f6 (die lange Rochade würde wegen 25. Le2-g4 sofort verlieren) 25. h4-h5 Sg6-e7 26. Tb4-f4! Df5-e5 27. Tf4-f3! Se7xd5 28. Tf3-d3!. Nach dem vierten Zug des Turms innerhalb von fünf Zügen bei halbvollem Brett hat Weiß seinen Vorteil konsolidiert, obwohl er dabei einen Bauer eingebüßt hat! Hort versuchte an dieser Stelle noch das kreative 28… Th8xh6!, doch nach 29. Td3xd5! De5-e4 30. Td5-d3! De4-h1+ 31. Kd1-c2 Dh1xa1 32. Dd2xh6 Lf6-e5 33. Dh6-g5! überschritt Hort in schwieriger Lage die Bedenkzeit.
Man beachte, dass der weiße Turm zwischen dem 22. Zug und dem 30. Zug allein sieben Züge bestritt! Karpov sprach daher auch prompt von einer „Solopartie für den weißen Turm“!

 

Versteckte Ressourcen

 

90. Sliwa – Botwinnik, Budapest 1952
Stellung nach dem 51. Zug von Weiß

Selbstverständlich wollte der eiserne Mikhail Botwinnik diese Partie gegen den nominell schwächeren polnischen Meister gewinnen. Im Verlauf dieser statischen, aber dennoch sehenswerten und höchst lehrreichen Partie hatte der Patriarch der Sowjetischen Schachschule schon so manch erstaunliches Turmmanöver gefunden, doch hier erspähte er den glänzenden Knaller 51… Th5-f5!! und setzte seiner Strategie die Krone auf. Der Turm darf wegen des „Details“ 52… Lc8-b7 nicht mit dem Bauer genommen werden, so dass Botwinnik zum für Schwarz höchst wünschenswerten Turmtausch gelangen wird. Nach Sliwas Wahl 52. Tf2-f1 folgte 52… Tf5xf1 53. De2xf1 Th7-f7. Da nach einem weiteren Turmtausch auf f2 die schwarze Dame entscheidend nach c1 eindringt, musste Weiß widerwillig 54. Df1-e1 ziehen und somit den Zug 54… Dh6-f8! gestatten, wonach Schwarz die völlige Kontrolle über die offene Linie erlangt hatte. Im 62. Zug war Sliwas Widerstand dann gebrochen.

 

91. Kasimdzhanov – Kreiman, Bad Wiessee 1997
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

Der spätere FIDE-Weltmeister Rustam Kasimdzhanov spielte hier eine für mich zu jener Zeit gar nicht abschätzbare Partie. Ich war nämlich Zeuge dieser Partie vor Ort, weil ich bei meiner bisher einzigen Teilnahme an der Offenen Internationalen Bayrischen Meisterschaft im Jahre 1997 an diesem Tag ein Kurzremis in meiner eigenen Partie hingelegt hatte. Ich zeigte reges Interesse an Kasimdzhanovs Partie, weil er im selben Domizil wie ich untergebracht war und wir beim Frühstück über die eine oder andere Partie plauderten. Hier spielte er jedenfalls den Pulsbeschleuniger 30. Te1-e6!!, der Schwarz vor eine schwierige psychologische Wahl stellt. Objektiv gesehen sollte Schwarz sofort auf e6 mit dem Bauer nehmen, dann umgehend auf f6 mit dem Turm und anschließend den Läufer zurückopfern, worauf die Partie mit einem Dauerschach beginnend auf e1 endet. Das war jedoch nicht so leicht vorherzusehen, zumal die Versuchung, mit Schwarz auf Gewinn zu spielen, natürlich sehr groß ist. Objektiv gesehen hatte Weiß ohnehin nichts wesentlich Besseres als das Turmopfer, doch Kreiman ging aufs Ganze und nahm den Fehdehandschuh mit 30… Da5-c7 31. Dd4-e4 f7xe6 auf. Nach 32. d5xe6 entstand eine großartige Partie mit völlig offenem Ausgang, die Kasimdzhanov im 68. Zug schließlich gewann. Nachspielen empfohlen! Ich weiß noch, wie ich ständig wie gebannt an diesem Brett stehen blieb und bis wenige Züge vor Schluss keine Ahnung hatte, wie diese Partie enden würde!

 

92. Xiong – So, Saint Louis 2017
Stellung nach dem 28. Zug von Weiß

In dieser chaotischen Diagrammstellung ist die „Keule“ von Wesley So vielleicht nicht mehr so schwer zu entdecken, weil jeder andere Zug außer dem Partiezug verliert. So musste diese Option allerdings lange im Voraus berechnet haben, denn mit einer Figur weniger kann man sich nur selten Rechenfehler erlauben! Er spielte hier stoisch 28… Tf8-d8!! und ignorierte die Bedrohung seiner Dame einfach. Wenn Weiß zugreift, dann dringt der schwarze Angriff nach 29… Td8xd2 durch (aber nicht 29… c3xd2?? wegen 30. Df3-d1). Xiong versuchte daher stattdessen 29. Sc7-d5, doch nach 29… Td8xd5 30. Th4-d4 Td5xd4 31. e3xd4 Dd2xd1+! musste er aufgeben. Ein einziges fehlendes Tempo für c6-c7 und die furchtbare Stellung des weißen Königs entschieden den Ausgang dieser messerscharfen Partie.
Hut ab vor der Rechenleistung von Wesley So!

 

93. Schmaltz – van Foreest, Amsterdam 2015
Stellung nach dem
18. Zug von Weiß

In dieser scharfen Stellung ist eine ganze Menge los: beide Damen hängen, und außerdem ist auch noch der schwarze Turm aufgegabelt. Es scheint als wäre das Schlagen auf h5 alternativlos, doch der junge niederländische Meister zog hier einen absurden Zug, der Weiß vor unlösbare Probleme stellt und in seiner Logik selten schön ist: 18… Tc5-a5!!. Wegen der Mattdrohung ist der weiße Springer gefesselt und die weiße Dame weiterhin angegriffen. Nun scheidet 19. b2-b3 wegen 19… Ta5xa4! aus, doch auch Schmaltz‘ Ausrede 19. c2-c3 pariert Schwarz mit 19… Db6-c6 und steht auf Gewinn. Nach 20. f4-f5 nahm van Foreest auf a4 und siegte drei Züge später. Erstaunlich, dass in der Endstellung immer noch beide Damen auf dem Brett waren! Züge dieser Art wie 18… Tc5-a5!! sind leicht zu übersehen, weil man Figuren nur selten auf den Magistralen, auf denen sie eine Figur angreifen, entlang zieht, ohne diese Figur dabei zu schlagen. „Entgegenkommende“ Züge sind schon schwer zu erkennen, aber auf „sich entfernende“ Züge wie van Foreests Geniestreich trifft dies erst recht zu! Stark gesehen von Schwarz!

 

Türme außer Rand und Band

 

94. Karpov – Topalov, Linares 1994
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Anatoli Karpov spielte 1994 in Linares eines der denkwürdigsten Turniere der Schachgeschichte: trotz versammelter Weltelite holte er astronomische 11 Punkte aus 13 Partien und distanzierte Kasparov sowie Shirov, die punktgleich mit 8,5 Punkten ins Ziel kamen, um 2,5 Punkte! Diese überragende ELO-Performance ist selbst 25 Jahre danach noch nicht getoppt worden!
Die Partie des Turniers und vielleicht sogar seines Lebens spielte er in Runde 4 gegen Topalov:
anstatt hier das wenig aussichtsreiche 20. Lg2xc6?! Ta8-a7! zuzulassen, opferte er zum ersten Mal einen Turm: mit 20. Te1xe6!! schlug Karpov beherzt zu. Im Falle der Annahme des Opfers würde Weiß zwei Bauern, eine Leichtfigur und eine offene gegnerische Königsstellung erhalten. Daher wurde die Partie mit 20… Ta8-a7 fortgesetzt, doch das zweite Opfer 21. Te6xg6+! konnte Topalov nicht ablehnen. Nach 21… f7xg6 22. Dd7-e6+ Kg8-g7 23. Lg2xc6 Tc8-d8 24. c4xb5 Le7-f6 25. Sc3-e4 Lf6-d4 26. b5xa6 Db8-b6 27. Ta1-d1 Db6xa6 bot Karpov zum dritten (!) Mal in dieser Partie
ein Turmopfer an. Mit 28. Td1xd4!! wurde die Verteidigung Topalovs endgültig zertrümmert. Diese berühmte Partie ist in vielen Quellen erschöpfend analysiert. Karpov siegte im 39. Zug.

 

95. Topalov – Vallejo Pons, Tromsö 2014
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

In dieser zweischneidigen Stellung zauberte Topalov dagegen selbst nach allen Regeln der Kunst. In dieser unausgewogenen Stellung ist der bulgarische Großmeister in Form von Turm, Läufer und zwei Bauern ausreichend für die Dame entschädigt. Es scheint hier nicht so recht weiterzugehen für Weiß, doch Topalov sprengte den Stützpfeiler der schwarzen Stellung einfach mit 26. Td6xf6!! weg und störte die materielle Balance damit noch weiter. Nach 26… De7xf6 fanden alle weißen Figuren den Weg auf stärkere Felder: 27. Sc3-e4 Df6-g6 28. Se4-d6 Le8-a4 29. Td1-d5 Dg6-b1+ 30. Kg1-h2 Tc8-f8. Schwarz findet keine Angriffsziele, während Weiß die Stellung einfach mit 31. c4-c5 weiter verbesserte. Zwölf Züge später war der schwarze Widerstand gebrochen. Selten habe ich ein langfristigeres Qualitätsopfer wie dieses von so verheerender Wirkung gesehen!

 

96. Kramnik – Shirov, Linares 1994
Stellung nach dem 31. Zug von Weiß

In dieser Stellung scheint Schwarz sein Pulver verschossen zu haben. Objektiv steht Schwarz klar auf Verlust, doch der stets kreative Alexej Shirov fand hier eine unglaubliche Ressource, die diese Partie so sehr verkompliziert, dass selbst ein Elitegroßmeister wei Vladimir Kramnik an der Verteidigung scheiterte. Shirov entkorkte hier das brillante 31… Te8-e4!!, das man auch gut für einen „mouse slip“ hätte halten können, wenn diese Partie online gespielt worden wäre. Schwarz lädt den Anziehenden dazu ein, den wildgewordenen Turm zu schlagen, doch in dem Fall würde die Öffnung der f-Linie fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Was Shirovs Opfer noch unglaublicher macht, ist die Tatsache, dass Weiß das Opfer scheinbar straflos ignorieren kann. Kramnik setzte fort mit 32. Sc3xd5!! c6xd5 33. c5-c6!, was bei fast vollem Brett die Bildung eines Freibauern anstrebt. Wenn Schwarz mit dem Turm auf c6 zugreift, dann ist der lebensnotwendige Druck gegen f4 und mit ihm der Turm auf e4 weg. Nach 33… Te4xf4! 34. c6xb7 Tf4-e4 35. Ta1-c1 steht Weiß nach wie vor praktisch auf Gewinn, doch nach 35… Kg8-h7 36. b7-b8=D Dh2xb8 ließ Kramnik in Zeitnot 37. f3xg4 Db8-h2 38. Td3-f3 Te4xg4 39. b6-b7?? folgen (39. Tf3-f2 war notwendig). Nach 39… Tf6-g6! steht Weiß dagegen plötzlich auf Verlust und unterlag auch nach 40. Tc1-c2 Tg4xg2 41. Dd2xg2 Tg6xg2 42. Tc2xg2 Dh2-h1+ 43. Kf1-f2 Dh1-b1.
Shirovs dreister und unverwundbarer Turm macht aus dieser Partie eine bemerkenswerte Erscheinung, die man nicht so schnell vergisst!

 

97. Gelfand – Shirov, Polanica Zdroj 1998
Stellung nach dem 22. Zug von Schwarz

 

Weiß scheint hier in ernsten Schwierigkeiten zu stecken, weil sein angegriffener Turm gleichzeitig ja auch noch den Läufer decken muss und jeder Zug umgehend zu verlieren scheint. Gelfand hatte diese Stellung jedoch berechnet und absichtlich angestrebt, weil er hier das kühne Turmopfer 23. Te7-d7!! erspäht hatte. Nach 23… Lg4xd7 war sein Springer um den Preis eines Turms entfesselt worden, doch die entblößte Stellung des schwarzen Königs, der nach 24. Sf3xg5 seines kompletten Bauernschutzes beraubt war, rechtfertigte den genialen Einfall Gelfands. Weiß steht laut den Engines nach dieser Abwicklung klar auf Gewinn – eine Einschätzung, die Weiß in der Partie nachweisen konnte. Nach 24… Db4-b6 machte der Sperrzug 25. Lf7-e6!!, der der schwarzen Dame die 6. Reihe abschneidet, praktisch schon alles klar. Shirov musste wohl oder übel 25… Db6xe6 26. Sg5xe6 zulassen und bald einsehen, dass sein Freibauer auf der a-Linie keine ausreichende Kompensation für die materiellen Einbuße bot. Gelfand gewann im 39. Zug.

 

98. Tal – Brinck-Claussen, Havanna 1966
Stellung nach dem 33. Zug von Schwarz

Ohne diese berühmte Stellung wäre der dänische Internationale Meister Björn Brinck-Claussen vermutlich nur den allerwenigsten Schachspielern ein Begriff, doch Mikhail Tals grandioser Zug brachte auch seinem Gegner eine gewisse Bekanntheit ein, wenngleich Schwarz natürlich lieber der Sieger gewesen wäre. Der Exweltmeister präsentierte hier seinem verdutzten Gegner das groteske 34. Ta7-a8!! und schlug damit Kapital aus der Kreuzfesselung des Läufers auf d5. Brinck-Claussen schlug hier auf a2 (anstatt mit dem Turm auf a8 zu nehmen, was immer noch jämmerlich für Schwarz ist) und verlor schnell nach der kraftvollen Sequenz 35. Ta8xd8+ Kg8-f7 36. Df3-c6 Sg6-e7 37. Dc6-e8+ Kf7-e6 38. Td8-c8! Dg5-d5 39. Tc8-c3! Dd5-d7 40. Tc3-e3+ Ke7-d6 41. De8-b8+ Kd6-c6 42. a3-a4!! Se7-d5 43. Te3-e1! Dd7-d6 44. Te1-c1+ Ke6-d7 45. Db8-c8+.
Die Wendigkeit des weißen Turms nach dem Knaller im 34. Zug ist beeindruckend!

 

99. Tal – Hjartarson, Reykjavik 1987
Stellung nach dem 35. Zug von Schwarz

Das letzte große Meisterwerk seiner Karriere in einer Turnierpartie kreierte der unvergessene „Zauberer aus Riga“, Mikhail Tal, fünf Jahre vor seinem Tod. Gegen den isländischen Großmeister entkorkte er hier den Glanzzug 36. Tc1-c5!!. Den kecken Turm kann Schwarz mit 36… d6xc5 schwerlich wegen 37. Sf3xe5! Db6-a6 38. Se5xd7+ Sh5-f6 39. Sd7xc5 schlagen, da selbst im Falle des Damentauschs auf a1 die weißen Freibauern ins Rollen kommen.
Hjartarson zog stattdessen 36… Db6-a6 und schien nach 37. Tc5xb5 einfach einen Bauer eingebüßt zu haben, doch so einfach lagen die Dinge nicht: nach 37… Se8-c7 38. Tb5-b8 Da6xd3 hatte er eine Figur gewonnen. Tal hatte jedoch auch diese Option miteinkalkuliert und das verblüffende 39. Sc6xe5!! vorbereitet. Das Schlagen auf e5 würde nun wegen 40. Dc3xe5+ schnell verlieren, weshalb der Isländer noch 39… Dd3-d1+ 40. Kg1-h2 Ta8-a1 versuchte. Der Tanz der Springer brachte nach 41. Se5-g4+ Kg7-f7 42. Sg4-h6+ Kf7-e7 43. Sh6-g8+ das sehenswerte Ende, dessen Vollendung Hjartarson mit 43… Ke7-f7 44. Sf3-g5# leider nicht mehr zuließ.  

 

Turmzug zum Titel

 

100. Kasparov – Karpov, Weltmeisterschaftskampf, 22. Partie, Leningrad 1986
Stellung nach dem 42. Zug von Schwarz

Das Revanchematch zwischen Kasparov und Karpov im Jahre 1986 erwies sich letztlich als außerordentlich enge Angelegenheit, obwohl Garri Kasparov zwischenzeitlich mehr als bequem mit 9,5:6,5 Punkten führte. Er verlor jedoch sensationell die drei darauffolgenden Partien, wonach der Wettkampfstand wieder ausgeglichen war und der Maulwurf-Mythos, der in dem Rauswurf von Großmeister Vladimirov aus Kasparovs Sekundantenteam gipfelte, geboren war. Die Entscheidung brachte letztlich die 22. Partie, denn alle anderen von den letzten Partien endeten remis. Kasparov fand hier den berühmten Gewinnzug 43. Tb7-b4!!, der vielleicht nicht so spektakulär wie viele andere Beispiele in dieser Liste ist, aber dafür sportlich enorm bedeutsam war und außerdem unlogisch scheint. Als erstes würde man in dieser Stellung auf den Gedanken kommen, dem unsicher stehenden schwarzen König auf den Pelz zu rücken, doch ein offensichtlicher Weg dafür ist nicht vorhanden. Dass der Angriff mit dem Abtausch der Türme hingegen entscheidend an Durchschlagskraft gewinnt, ist da schon weitaus weniger naheliegend: die stets an die Verteidigung gebundene Dame Karpovs wäre gelähmt. Nach der Mustervariante 43… Td4xb4 44. a3xb4 d5-d4 45. b4-b5 d4-d3 46. b5-b6 d3-d2 47. b6-b7 d2-d1=D 48.b7-b8=D erhält der Nachziehende sogar als erster eine Dame, doch nützt es ihm nichts. Die Mattdrohung auf f4 kann zwar mit 48… Dd1-c1 gedeckt werden, doch nach 49. Sf8xg6 ist die neue Mattdrohung auf h8 nicht zu parieren.
Karpov spielte daher 43… Td4-c4, doch nach 44. Tb4xc4 d5xc4 45. Dg3-d6 c4-c3 46. Dd6-d4! ist Schwarz komplett paralysiert. Die gräßliche Stellung seines Königs, der ständigen Mattdrohungen entlang der Diagonale c1-h6 ausgeliefert sein wird, wird ihm dabei zum Verhängnis, zum Beispiel: 46… Lg6-h7 47. Dd4xc3 Lf7-g8 48. Dc3-e3+ g7-g5 49. De3xg5+ führt zum Damentausch und einem gewonnenen Endspiel. Karpov gab nach 46. Dd6-d4 die Partie daher auf. Zwei Partien später war der alte Weltmeister auch der neue: Garri Kasparov.

 

Epilog  

 

Zum Abschluss noch vier Beispiele, deren Authentizität aufgrund fehlender Notationen nicht zweifelsfrei gesichert ist. Ganz zum Schluss habe ich mir erlaubt, den vielleicht schönsten Zug, den ich selbst bislang in einer Turnierpartie gespielt habe, anzufügen.

 

Sämisch – Ahues, Hamburg 1946
Weiß am Zug

In dieser Stellung spielte Meister Fritz Sämisch nicht etwa 1. f5-f6?, worauf 1… Dc7-c5+! den Damentausch erzwingen und das Matt verhindern würde, sondern einen Verstellungszug, der einem vermutlich nur einmal im Leben vergönnt ist: 1. Te1-e5!! schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe, denn das Schlagen mit dem Bauer würde das direkte Matt auf g7 gestatten, während auf 1… Lc3xe5 wegen der nun versperrten 5. Reihe der Zug 2. f5-f6 gewinnt.

 

Geller – Gufeld, Blitzpartie, Moskau 1980
Schwarz am Zug

Trotz der knappen Bedenkzeit fand Eduard Gufeld in dieser Stellung einen Glanzzug, der aus der scheinbar verlorenen Stellung eine gewonnene machte: mit 1… Tc8-c4!! verblüffte er seinen Gegner und drehte den Spieß um. Das Nehmen mit dem Bauer gestattet 2… Db1xe4, während das Schlagen mit dem Turm das Matt zuließe. Geller spielte daher 2. Te4-e3, doch nach dem einfachen 2… Tc4-g4 konnte er die Partie angesichts eines Turms weniger natürlich nicht halten.

 

Pogats – Hever, Ungarn 1979
Schwarz am Zug

Häufig werden gerade solche Züge, bei denen eine Figur entlang einer Diagonale oder einer Linie zieht, die auch von derselben gegnerischen Figur kontrolliert wird, außer Acht gelassen. Ein Paradebeispiel dafür sehen wir hier, als Schwarz völlig unerwartet 1… Tf5-f3!! zog. Beide Arten des Schlagens sind tabu, doch außerdem droht auch noch ein Turmopfer auf h3. Nun würde der Zug 2. Kh1-g1 mit 2… Da2-a7+ 3. Kg1-h1 Tf3xf1+ 4. Db1xf1 Da7-d7 5. Df1-f6 Ld6-c7 mit Mattdrohung und Figurengewinn widerlegt. Weiß versuchte daher stattdessen 2. Sd8-b7, musste aber nach 2… Tf3xh3+! 3. Kh1-g1 Da2-a7+ 4. Tf1-f2 Ld6-g3 ebenfalls die Segel streichen.

 

Koskinen – Kasanen, Helsinki 1967
Schwarz am Zug

Dieses Beispiel für einen Verstellungszug ist so perfekt, dass Restzweifel leider bestehen, ob diese unfassbare Wendung tatsächlich so vorkam oder der Phantasie der beiden Spieler entsprang, nachdem sie leichte Modifikationen am tatsächlichen Partieverlauf vornahmen. Jedenfalls spielte Schwarz hier 1… Td8-d2!!, was den Turm ungedeckt auf ein vierfach vom Gegner kontrolliertes Feld stellt. Weiß wird danach aber zwingend mattgesetzt, denn die Drohungen Se3-c2# und a5xb4# können nicht gleichzeitig pariert werden. Nach 2. De1xd2 (alles andere verliert noch schneller) folgt einfach 2… Se3-c2+! 3. Dd2xc2 a5xb4#. Wenn sich dies wirklich so zugetragen hat, dann hat hier schachliche Schönheit für meine Begriffe ein neues und bisher unerreichtes Niveau erlangt!

 

Grill – Heidenfeld, Ebersbach 2010
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Ich erinnere mich gut an diesen Moment, denn ich gewann aus einer eher mau behandelten Eröffnung heraus doch allmählich die Oberhand gegen meinen starken Gegner – immerhin ein Internationaler Meister, der auch schon Irland bei Schacholympiaden vertrat. Ich fühlte mich hier recht erschöpft und brachte nicht die Kraft auf, alle Varianten bis ins Detail zu berechnen. In einer Mischung aus Vertrauen (ich hatte keine Widerlegung finden können) und Nonchalance (es wäre zu schade, diese Chance verstreichen zu lassen) entschied ich mich hier dafür, 26. Tb4-b5!! zu ziehen und stellte bei der nachträglichen Analyse mit der Engine prompt fest, dass der Zug tatsächlich in allen Varianten gewinnt.
Die Hauptidee des Zuges besteht darin, dass nach 26… Le8xb5 nicht etwa das Zurücknehmen, sondern der Zug 27. Sf4xd5!! folgt, der einen ganzen Turm opfert, aber dafür den tödlichen Mattmechanismus auf der langen Diagonale in Gang setzt. Auch 26… Lf6xe5 würde auf dieselbe Antwort treffen. Falls 26… Ta5xb5, so einfach 27. a4xb5 mit entscheidender Schwächung des Stützpfeilers auf d5. Mark Heidenfeld versuchte daher 26… c7-c6, doch nach 27. Tb5xb6 Lf6xe5 28. d4xe5 Ta5xa4 29. Tc1xc6! und dem zweiten Turmopfer gewann ich im 41. Zug.

 

Nach dieser umfangreichen Abhandlung, in die ich wieder wie gewohnt viel Zeit an Recherche sowie Kraft investiert habe, hoffe ich behaupten zu können, dass auch Teil 4 der Serie gelungen ist. Möge das Studium der Beispiele die Spielstärke erhöhen, unterhalten und das allgemeine Schachwissen rund um die Historie vergrößern!

Bernd Grill