Goldberg, Fellbach

Oktober 2017

Mitten im unweit von Stuttgart gelegenen Fellbach steht eine Bausünde aus den 70er-Jahren namens „Schwabenlandhalle“. Kaum einer würde vermuten, dass sich in diesem tristen, grauen Bau ein stilsicher und modern eingerichtetes Restaurant befindet, das sich seit 2016 sogar mit einem Michelin-Stern zieren darf: das „Goldberg“. Dem Publikum nach zu urteilen fährt inzwischen so mancher Bewohner der Landeshauptstadt inzwischen in diesen Vorort, um gehoben zu speisen; trotzdem blieben selbst an diesem Samstagabend einige Tische leer. Die meisten der anwesenden Gäste erweckten in mir jedenfalls den Eindruck, dass sie nur selten anspruchsvoller essen als hier.

Das vor allem in den Farben braun, gold, und schwarz gehaltene Lokal überzeugt mit einem eckigen und kantigen Einrichtungsstil aus Stein, Leder und Holz, der zusammen mit dem „YoSH“ auf dem Stuttgarter Killesberg die Maßstäbe in puncto Inneneinrichtung rund um die Schwabenmetropole setzt. Das geräumige Lokal punktet nicht nur mit großzügig plazierten Tischen, sondern auch mit einem gigantischen Weinschrank und weiteren liebevollen Details, die dieses Restaurant zu einem echten Hingucker machen. Jetzt muss nur noch die Küche mithalten, dann kann das ein gelungener Abend werden …

Man reicht sodann die Speisekarte, die recht umfangreich ausfällt und neben einem fünfgängigen Menü, auf das meine Wahl fällt, noch einige Gerichte à la carte anbietet. Als eine Art „signature dish“ serviert man zum Einstieg eine mit Sepia gefärbte Kugel und einem Stück Blattgold obenauf, die mit Kartoffel und etwas Frischkäse gefüllt ist – ganz nett, aber kaum eine überragende Eingebung. Besser gefällt der zweite Gruß: ein Türmchen aus Rindertatar, getoppt von Roter Bete.

Die Brotauswahl besteht aus einem fränkischen Bauernbrot und etwas Foccaccia. Dazu reicht man gesalzene französische Butter sowie zwei Aufstriche aus körnigem Frischkäse, wobei der eine zusätzlich mit etwas Paprika verfeinert ist. Alles in allem Durchschnitt.

Der erste Gang Hamachi, Auster, Grüner Apfel, Thai-Spargel und Jalapenos überzeugt fast uneingeschränkt. Die separat gereichte Auster ist wunderbar begleitet mit Apfel und Spargel, und auch die Gelbschwanzmakrele punktet mit großartiger Produktqualität. Eingebettet in ein subtiles Spiel um säuerliche und leicht süßliche Noten hätte dies ein großartiges Gericht werden können, wenn die Jalapenos mit ihren unangenehm bitter-scharfen Noten die Balance nicht empfindlich gestört hätten. Auf diese hätte ich jedenfalls gut verzichten können.

Gänseleber mit Ziegenkäse, Blaubeere und Champignon ist zwar originell und ungewöhnlich geraten, bleibt aber in viel zu eindimensionaler Süße verhaftet. Die dünn gehobelten Champignons können sich gegen die Blaubeere nicht im Geringsten entfalten, und auch der Ziegenkäse kann keine geschmacklichen Kontraste setzen. Klarer Fall: wieder einmal wird ein Gänselebergericht von einer Vorspeise in ein Dessert verwandelt.

Zander mit Umami-Bouillon, Lauch und Mousseline wagt einen Ausflug in fernöstliche Gefilde. Der süß-sauer marinierte Fisch schmeckt zwar hervorragend, will aber mit seinen Begleitern nur wenig zu tun haben. Der in diversen Texturen präsentierte Lauch sowie ein kleines Türmchen aus Algen wirken eher wie Stückwerk und gehen keine rechte Beziehung mit dem Hauptdarsteller ein. Handwerklich gibt es hier nichts zu bemängeln, aber durchdacht wirkt dieses Gericht auf mich jedenfalls nicht.

Short Rib, Broccoli und Rettich erweist sich dann als ein geradezu klassisch gehaltenes Gericht – jedenfalls im Kontext mit den vorangegangenen Speisen. Das in geschmorter und gebratener Form auf den Teller gebrachte Rinderfilet ist jedenfalls viel stimmiger begleitet als so mancher andere Hauptdarsteller in den Gängen zuvor. Diese Art von Konzentration auf das Wesentliche würde so manch anderem Gericht auch guttun.

Das Pré-Dessert besteht aus einem stimmig und überzeugend drapierten Tonkabohneneis. Das eigentliche Dessert (Kokos, Shiso, Mango, Sushi-Reis und Sake) ist nochmals ein kreativer Höhenflug, der auch trefflich gelingt: auf einem Bett aus Sushi-Reis, das mit Erdbeer glasiert ist, wird das Kokoseis mit Shiso und Mango plaziert. Apart und ausgezeichnet im Geschmack – das kleine Praliné mit Sake im Inneren setzt dem Gericht die Krone auf. Sehr ansprechend!

Die schön angerichteten Petits fours bestanden aus drei Macarons der handwerklich besseren Sorte (Schokolade, Pistazie und Erdbeere) sowie einer Passionsfrucht-Praline und einem Bitterschokoladen-Stick, der zudem mit etwas Matcha-Tee veredelt war und so sehr herbe Noten entfaltete.

Leider muss man dem Service an diesem Abend ein unterdurchschnittliches Urteil ausstellen. Der Empfang am Eingangsbereich selbst war zuvorkommend und angemessen, doch die erste Servicedame am Tisch agierte alles andere als herzlich und wirkte eher reserviert. Die Frage nach einem alkoholfreien Aperitif schien sie bereits vor ein kleineres Problem zu stellen, was angesichts der riesigen Getränkekarte dann doch überraschte. Man einigte sich schließlich auf einen alkoholfreien Traubensecco.

Im Laufe des Abends wechselten die Servicekräfte am Tisch in nahezu beliebiger Reihenfolge – kein Wunder, dass eine einfache Getränkebestellung da schon einmal vergessen werden kann und erst zwei Gänge später umgesetzt wird. Den größten Bolzen gab es beim Hauptgericht: meine Schwester war just zum Zeitpunkt des Servierens nicht am Platz. Man bot zwar an, das Essen nochmals warmzuhalten, doch als es dann bei ihrer Rückkehr serviert wurde, stellte man es ohne jede Erklärung einfach wortlos dazu ab (noch dazu, obwohl sie ein anderes Hauptgericht als ich bestellt hatte). Außerdem wurden die Petits fours offensichtlich vergessen und erst auf Nachfrage, nachdem die Rechnung schon beglichen war, präsentiert. Alles in allem machte die Servicebrigade einen fahrigen und nicht allzu freundlichen Eindruck – das habe ich auf diesem Niveau so noch selten erlebt.

Die Preispolitik des Lokals ist mir an manchen Stellen nicht nachvollziehbar. Der aufgerufene Menüpreis von € 110 für fünf Gänge ist Durchschnitt, aber die Nebenkosten bewegen sich eher auf leicht überdurchschnittlichem Niveau. Andererseits bietet man bei den Digestifs verschiedene Sorten von Reisetbaur, die im Handel aber nahezu alle dasselbe kosten (mit Ausnahme von Elsbeere), zu erheblich unterschiedlichen Preisen an. Alles in allem also kein ganz billiges Vergnügen, wenn man bedenkt, dass man auch auf signifikant höherem Niveau zum selben Preis essen kann.

Fazit: bei diesem Lokal handelt es sich um ein durchschnittliches Ein-Stern-Restaurant, das mit den 15 Punkten derzeit im Gault&Millau angemessen bewertet ist. Der noch junge Chefkoch Philipp Kovacs hat sicherlich entwicklungsfähiges Potential, das er meines Erachtens aber noch zu selten abruft. Die Aromentiefe ist ausbaufähig, und in manchen Fällen wird der Geschmack zugunsten der Kreativität geopfert. Die 3 (von fünf) F, die der Feinschmecker in seiner jüngsten Ausgabe vergibt, erscheinen mir da doch etwas optimistisch. Eine Küchenstilistik mit einer klaren geschmacklichen Aussage konnte ich nicht immer ausmachen, und so bleibt das „Goldberg“ momentan eine nette Alternative – aber kaum eine, deren regelmäßiger Besuch sich für ambitionierte Gourmets lohnen würde. In der Region Stuttgart haben andere Lokale (Olivo, Zirbelstube, top air) derzeit doch deutlicher die Nase vorn.