Rebers Pflug, Schwäbisch Hall (UPDATE)

„Was bei Hofe guten Sitten sind, die sind so lächerlich auf dem Lande, als ländliche Weise bei Hofe zum Spott dient.“ (William Shakespeare)

August 2021

Auch an diesem Vorzeige-Landgasthof, der sicherlich zu den besten in der Region Hohenlohe gezählt werden muss, ist die Corona-Krise nicht spurlos vorbeigegangen. Neben der siebenmonatigen Schließung scheinen laut der Chefin erst nach und nach die so wichtigen Tagungsgäste zurückzukehren, die einen nicht unwesentlichen Anteil an der Klientel unter der Woche haben. Dennoch ist auch an diesem verregneten Dienstagabend das Lokal praktisch bis auf den letzten Platz gefüllt – dank der recht zügigen Abwicklung und der frühen Öffnungszeit ab 17 Uhr wird hier so mancher Tisch sogar doppelt pro Abend belegt. Das könnte man nun als sicheres Indiz dafür anführen, dass die Qualität der Küchenleistung dabei zwangsläufig leiden muss, doch dem ist nicht so: da die Mehrzahl der Gäste nur zwei oder drei Gänge auf gehobenem Wirtshausniveau anstelle des sechsgängigen Menüs bestellt, leert sich das Lokal gegen 20.30 Uhr bereits wieder spürbar. Dennoch muss man ein solches Lokal erst einmal unter der Woche so gefüllt bekommen und dabei noch gleichzeitig bemerkenswerte Hochküche anbieten. Dass die Küche dazu prinzipiell in der Lage ist, bewies sie bereits bei meinem letztjährigen Besuch im Mai, als zwei, drei überaus gelungene Gerichte auf den Tisch kamen. Tatsächlich hatte ich im Vorjahr die Serviceleistung am stärksten kritisiert, während die Küche ganz gut wegkam. Wie würde es nun dieses Jahr aussehen?

Aufgrund der Witterung geleitet man mich diesmal drinnen zu meinem relativ kleinen quadratischen Tisch. Die Inneneinrichtung ist stilsicher und geschmackvoll mit Holz verkleidet, doch speziell die durch eine Glaswand einsehbare Küche darf als das Prunkstück des Lokals gelten. Zu einem PriSecco Sommerbirne (Jörg Geiger) tischt man sogleich die durchaus bemerkenswerte Brotauswahl auf, die aus einem Knäckebrot und Bauernbrot besteht. Als Aufstriche bietet man (eine süchtig machende) Knoblauch-Aioli, Kräuter-Hüttenkäse mit Pumpernickel und schließlich mit Joghurt und Meersalz verfeinerte Butter an.

Leider hat sich an dem Umstand, dass es sonst kein Amuse gibt, auch heuer nichts geändert – ein bedauernswerter Umstand, der nicht so viel Mühe kosten sollte und gleich einen noch besseren Eindruck hinterlassen würde. So geht es eben unvermittelt mit dem sechsgängigen „Pflug-Genießer“-Menü (€ 120) los, wobei ich den Käsegang weglasse und dadurch € 15 einspare. Eine etwas günstigere, vegetarische Menüfolge bietet man ebenfalls an, so dass die Ansprüche einer breiten Klientel abgedeckt werden können.

Zum Auftakt gibt es hier – so auch diesmal – praktisch immer Boules von der Périgord-Gänseleber, doch werden diese immer wieder neu interpretiert und anders begleitet. Während der letztjährige Beitrag (Rezension untenstehend) mich nur bedingt überzeugte, so gelingt die aktuelle Variante nicht nur deshalb besser, weil die Qualität der Leber angezogen hat, sondern auch weil die Begleitung mit Rhabarber und Himbeeren stimmiger erscheint. Die kühle Mousse wird von den Gelées dieser Früchte ummantelt und gerät nicht zu süß, obwohl der eingelegte Rhabarber für Mitte Juli schon etwas spät für die Jahreszeit wirkt. Sei’s drum, denn der eigentliche Clou des Gerichts besteht in zwei weiteren Begleitern, von denen der eine offensichtlich ist, aber trotzdem Laune macht. Der heiße und karamellisierte Arme Ritter ist ein vollwertiger und intelligenter Ersatz für das klassische Brioche, während die zweite Komponente weitaus weniger offensichtlich ist: ein Crumble von weißer Schokolade sorgt nicht nur für angenehmen Biss, sondern auch für eine angenehme Reduktion der Süße. In Summe ist dies somit ein wirklich gut gelungener und überzeugender Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Überzeugten schon im letzten Jahr die Gerichte mit Fisch und Meeresfrüchten, so scheint man im zweiten Gang nahtlos da fortzusetzen wo man im letzten Jahr aufgehört hatte. Tataky vom Färöer-Lachs auf Koriander-Couscous mit Dashi-Ingwer-Vinaigrette, Gurke und Miso klingt tendenziell überladen, erweist sich aber als durchdachter Gang, der den zarten Hauptdarsteller in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Am präsentesten unter den Begleitern tritt die Gurke in Form von Espuma, Eis und Röllchen auf, doch die bemerkenswerte Dashi ist der eigentliche Clou. Sie steuert belebende und erfrischende Säure zu einem Gang bei, der ansonsten vielleicht einen Tick zu salzig geraten wäre. Trotzdem geht auch der Lachs eine stimmige Liaison mit dem Couscous ein, so dass auch hier unterm Strich ein fordernder, aber kreativ umgesetzter Gang mit sicherem Handwerk steht.

Bei Papardelle „Mare“ mit Garnelen, Jakobsmuschel und Pulpo an Safran-Fenchel, Tomaten-Allerlei und Parmesanschaum zieht die aromatische Intensität dann merklich an. Während die Jakobsmuschel schön glasig gegart ist und der Pulpo nicht nur maritimes Aroma, sondern auch leichten Biss ins Spiel bringt, sind die Garnelen leider einen Tick zu fest geraten. Dennoch kann man darüber problemlos hinwegsehen, denn die herzhaften Tomaten und der zugleich leichte und dennoch bereichernde Schaum kaschieren diesen kleinen Mangel locker. Die mediterrane Würzung des Gerichts rundet diesen Teller würdig ab, der trotz aller Komplexität erstaunlich zugänglich bleibt und einmal mehr ansprechend gerät.

Einen überraschenden Einschub lässt sich die Küche vor dem Hauptgang einfallen: ein Karottensorbet wird hier originell mit Buttermilch, Rapsöl und Ingwer begleitet. So bleibt nicht nur die kühne Würzung dieses Einschubs im Gedächtnis haften, sondern dank der superben Konsistenz des Sorbets auch die mutige Idee an sich. Alles in allem womöglich der stärkste Gang des gesamten Abends – so verblüffend gut kommt dieser Entre’acte daher!

Das Beste vom Duroc-Schwein an Senfsaatjus mit zweierlei Kichererbsen, Bohnen im Speckmantel, geräucherter Paprika und schwarzem Knoblauch – ein Hauptgericht wie ein Roman! An der Qualität des Filets wie der geschmorten Keule gleichermaßen gibt es nichts auszusetzen, und auch in den Details ist dies untadelig umgesetzt. Dennoch will diesmal bei mir keine ganz große Begeisterung aufkommen, weil im Vergleich zu den vorigen Gängen dieser Beitrag einfach ein wenig bieder geraten ist. Selbstverständlich werten die Cremigkeit der Kichererbsen und die afrikanisch anmutenden Gewürze den Gang etwas auf, doch so überragend ist das Fleisch trotz allem nicht, dass es eine so puristische Inszenierung gebraucht hätte – somit ein solider und braver Hauptgang, aber kaum mehr.

Zum Dessert lasse ich mir die noch vom letzten Jahr bekannte Basilikum-Ingwer-Limonade aus dem Hause BALIS einschenken. Mascarpone-Limonenparfait mit Gartenbeeren, Cassis-Sorbet, Verveine und karamellisierten Mandeln trennt einige der Komponenten voneinander und erzielt so eine gewinnbringende Wirkung: links der eher süßliche Ring von Mascarpone auf Mürbteig mit Verveine-Eis und Cassisfüllung in der Mitte des Rings, während die rechte Hälfte mit dem Cassis-Sorbet und den frischen Waldfrüchten einen starken, spritzigen Kontrapunkt in diesem sommerlichen Dessert setzt. Das ist gegenüber dem Beitrag vom letzten Jahr auf jeden Fall eine ganze Stufe besser und durchdachter – ein würdiger Abschluss!

Den augenzwinkernden Abschluss stellt ein Limoncello-Tiramisu mit Baiser-Tropfen dar – eine sommerlich leichte Petitesse mit Charme. (Anmerkung: der kleine Sahneabdruck am Glas stammt von meinem Löffel – ich hatte schon zum Verzehr angesetzt und dann gerade noch an das Foto gedacht!) Petits fours gibt es dagegen leider weiterhin keine.

Insgesamt hinterließ die Küchenleistung diesmal einen noch homogeneren und konstanteren Eindruck als beim letzten Mal, so dass in qualitativer Hinsicht das Ende der Fahnenstange mit dieser Darbietung erreicht zu sein scheint. Für einen Landgasthof hatte diese Menüfolge ein ordentliches Maß an Klasse und vor allem Konstanz zu bieten – angesichts der hohen Zahl an Gäste beileibe keine Selbstverständlichkeit. Ich wiederhole nochmals an dieser Stelle meine Erkenntnis vom letzten Jahr, dass Hans-Harald Reber inzwischen erfahren genug ist, um realistisch einschätzen zu können, was machbar ist und was nicht. Die Gäste honorieren das ja auch und strömen offenbar nach wie vor reichlich zu dieser feinen Adresse, wo ein zwangloses Dinieren ohne Attitüde möglich ist und doch einem gelungenen Abend nur wenig im Wege stehen sollte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt auch, so dass nun noch der Service erwähnt gehört.

Hatte ich diesen im letzten Jahr als den hauptsächlichen Schwachpunkt ausgemacht, so war die Performance diesmal um einiges besser: Herzlichkeit ist zwar weiterhin nicht gerade die Stärke der Angestellten, aber zumindest an der Aufmerksamkeit und Präzision wurde doch erheblich gearbeitet. Zumindest darf man damit rechnen, dass selbst ein fünfgängiges Menü in etwas mehr als zwei Stunden ohne jede Hast abgewickelt wird und der Genuss dabei keinesfalls zu kurz kommt. Da ich letztes Jahr bei einer besseren Serviceleistung schon 17 Punkte in Aussicht gestellt hatte, halte ich nun Wort und hebe die Note folgerichtig an, zumal das diesjährige Menü noch etwas mehr als im vergangenen Jahr überzeugte. Alles in allem ist Rebers Pflug somit eine der verlässlichsten Adressen in der Region Hohenlohe und bleibt einen Besuch wert!

Mein Gesamturteil: 17 von 20 Punkten

 

Rebers Pflug
Weckriedener Straße 2
74523 Schwäbisch Hall
0791/931230
www.rebers-pflug.de

Guide Michelin 2021: *
Gault&Millau 2021: 16 Punkte
GUSTO 2021: 8 Pfannen
FEINSCHMECKER 2021: 3 F

6-gängiges „Pflug-Genießer“-Menü: € 120

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Wenn man ganz bewusst acht Stunden täglich arbeitet, kann man es dazu bringen, Chef zu werden und vierzehn Stunden täglich zu arbeiten.“ (Robert Frost)

Juni 2020

Willkommen im Tor zu Hohenlohe: Schwäbisch Hall, dessen verwinkelte Altstadt mit Fachwerkbauten in einem engen Tal des Kochers liegt, ist ein ideales Ziel für einen Tagesausflug. Gerade die vom in der Region allseits bekannten Mäzen Reinhold Würth geförderten Museen oder die berühmten Freilichtspiele, die in normalen Jahren auf der monumentalen Freitreppe vor der mächtigen Michaeliskirche stattfinden, locken nicht wenige Touristen an. Interessanterweise hat die 40.000-Einwohner-Stadt gleich zwei besternte Restaurants zu bieten, die allerdings beide in Stadtteilen außerhalb des Zentrums liegen: das Restaurant Eisenbahn in Hessental (das ich bereits rezensiert habe) und den Gasthof Rebers Pflug in Weckrieden, direkt an der B14 gelegen. Dieses Lokal, das ich letztmalig im November 2013 (anlässlich eines Martinsgans-Menüs) besucht habe, tritt mit der Attitüde eines gehobenen Landgasthofs auf, dem ein gar nicht so kleiner Hotelkomplex angegliedert ist.

Als Familienbetrieb in der nunmehr vierten Generation hat sich Chefkoch Hans-Harald Reber in unermüdlicher Arbeit zusammen mit seiner Frau Anette ein Genuss-Refugium aufgebaut, das man in der ganzen Region Hohenlohe (und darüber hinaus) kennt. Es scheint, als hätten dieser Tage gerade Restaurants mit Terrassen Hochkonjunktur – nicht nur, weil es das Wetter derzeit meist hergibt, sondern auch weil in Zeiten von Corona die Ansteckungsgefahr im Freien geringer ist. Jedenfalls ist das Lokal an diesem Abend ganz ordentlich besucht, wobei den Betreibern die große Fläche zugute kommt. In normalen Zeiten können auf der Terrasse und in den lichten Innenräumen zusammen gut und gerne 80 Personen bewirtet werden. ich entscheide mich für die Variante an der frischen Luft und harre gespannt der Dinge, die in den nächsten Stunden kommen werden.

Der Abend fängt nicht sonderlich gut an: der bestellte Aperitif (PriSecco Nr. 23: Rhabarber – Apfel – Blüten) wird zwar zügig an den Tisch gebracht, doch bereits die Farbe macht mich stutzig. Was ich bereits ahnte, wird durch den ersten Schluck bestätigt: es handelt sich offensichtlich um einen verwechselten Cuvée, doch die Bereitstellung des richtigen Getränks dauert dann ein paar Minuten. Solche Missgeschicke können passieren, doch sei gleich vorweggenommen, dass dies nicht von ungefähr geschieht: im Laufe des Abends umschwirren diverse Servicekräfte meinen Tisch, ohne dass allerdings eine klare Zuordnung zu erkennen wäre. Beispielsweise werde ich nach einiger Zeit von einem Kellner gefragt, ob ich schon meine Wahl getroffen hätte, obwohl ich zwei Minuten zuvor bereits meine Bestellung aufgegeben hatte. Beim Auftragen der Speisen gibt sich der Service ebenfalls schmallippig und stellt die Teller meist nur mit bagatellen-artigen Aussagen ab. Die meisten Gerichte waren zum Glück auch so zu durchschauen, aber weniger erfahrene Gäste (wie am Nebentisch, als gefragt wurde, was ein „Pulpo“ sei) könnte man hier schon etwas mehr an die Hand nehmen. Auch sonst wirkt der Service mehr als nur einmal fahrig und bisweilen unkoordiniert – beispielsweise als an einem anderen Nebentisch ein Problem mit dem korrekten Hauptgericht zu bestehen scheint. Eine besonders peinliche Episode erwähne ich dabei hier besser gar nicht. Am schlimmsten wirkt auf mich jedoch die Tatsache, dass ich die Serviceleistung am Ende des Abends als selten unpersönlich empfunden habe. Einen Lichtblick gab es dann doch – dazu später mehr.

Weinkenner finden hier einen riesigen Fundus an bevorzugt deutschen Weinen vor, doch erfreulicherweise offeriert auch die Speisekarte nicht nur ein attraktives sechsgängiges Genießer-Menü zu € 105, sondern auch etliche schwäbische Klassiker wie Zwiebelrostbraten à la carte. Davon unbeeindruckt entscheide ich mich für das große Menü und bekomme unverzüglich eine ordentliche Brotauswahl mit drei Tapinaden (Kräuter, Tomaten und Oliven-Aioli) vorgesetzt. Einen weiteren Gruß aus der Küche (wenn man eine Brotauswahl überhaupt als solchen bezeichnen möchte) gibt es allerdings zu meiner Überraschung nicht.

Stattdessen geht es direkt mit dem ersten Gang los: Boules von der Périgord-Gänseleber mit Variation von Apfel, Süßweingelée und Brioche. Die roh marinierte, schön kühle Leber hat eine schmelzige Konsistenz und vermag in puncto Qualität zu überzeugen; auch das stimmige Bouquet aus dem sie ummantelnden Apfelgel, dem Gelée und den interessanten Tupfen von herber Schokocrème bzw. Cacao-Nibs und Haselnuss machen etwas her. Das ist fraglos eine gelungene und optisch ansprechende Interpretation eines Produktklassikers, bei dem allenfalls die Tatsache, dass das Brioche wenig fluffig und eher hart ist, stört. Ein schöner Start!

Noch weniger typisch für einen Landgasthof wird es im nächsten Gang, denn mariniertes Thunfisch-Tataky auf Avocado-Minz-Salsa mit Passionsfrucht-Ceviche-Vinaigrette, wildem Spargel und Kimchi-Sesam vereint nicht nur gekonnt asiatische und südamerikanische Einflüsse, sondern besticht durch großartige Produktqualität. Der glasige Thunfisch könnte kaum trefflicher gelingen, doch auch die sorgsam ausgelotete Balance bei der Schärfe (die Vinaigrette ist noch mit etwas Chili veredelt) beeindruckt: der Sesam ist geschmacklich außerordentlich präsent. Der beigefügte, schön bissfeste Spargel verleiht dem überraschend würzigen Gericht etwas Eleganz und ist von entwaffnender Leichtigkeit. Fraglos ein starkes Gericht mit einem grandiosen Hauptdarsteller!

Der kulinarische Ausflug nach Nordafrika gelingt ebenfalls ganz trefflich mit geröstetem Pulpo und Wildfang-Garnelen auf Paprika-Couscous mit Sobrasada und weißem Basilikumschaum. Angesichts von Paprika und der herzhaften mallorquinischen Wurst Sobrasada gerät dieser Gang noch intensiver als sein Vorgänger, doch die generöse Menge an teuren Produkten überrascht am meisten. Der mustergültig zubereitete Pulpo und die schön knackigen, glasigen Garnelen erscheinen hier in bestem Licht, zumal der leichte Schaum die Schärfe geschickt abfedert. Außerdem reicht die Konsistenz des Couscous – einer viel zu selten zu findenden Komponente – fast schon an diejenige heran, die bei Großmeister Wahabi Nouri (der als gebürtiger Marokkaner natürlich im Vorteil ist) im Hamburger Piment zu haben ist. Chapeau!

Einmal konnte der Service dann doch glänzen: zu diesem Zeitpunkt des Abends schwirrten plötzlich aus dem Nichts Dutzende winziger Mücken herbei, die den Lichtstrahl der tiefstehenden Sonne offensichtlich in vollen Zügen genießen wollten und auch nicht vor den Trinkgläsern Halt machten – eilig wurden Abdeckungen aus Filz herbeigeschafft. Außerdem trug man hier den einzigen nicht annoncierten Punkt der Menüfolge auf: ein Gurkensorbet mit etwas Gurkenrelish auf einem Buttermilchsud war eine angemessene und ausgezeichnte Erfrischung vor dem Hauptgang, die man gerne mitnahm!

Ganz in der Heimat verwurzelt – schließlich handelt es sich doch um einen Landgasthof – gibt sich die Küche dagegen bei heimischem Kalbsfilet an Thymianjus mit zweierlei Spargel, Kartoffelbisquit und Parmesanschaum. Die Inszenierung erinnert mich ein wenig an Zen-Steine, wenn man den Teller aufrecht stellen würde – der Grund für diesen (zugegebenermaßen etwas) abstrakten Vergleich liegt daran, dass für mein Empfinden die Küche hier ganz in sich zu ruhen scheint und durchaus weiß, dass bisweilen in der Ruhe die Kraft liegt. So auch hier: das Gericht ist schwerlich als kompliziert zu bezeichnen, doch bezieht es seinen Reiz aus dem wunderbar saftigen und zarten Fleisch sowie der unaufdringlichen Entourage, die durch schlafwandlerisch sichere Zubereitung zu überzeugen vermag und dem Hauptdarsteller mit der superben Kräuterkruste allen Platz zur aromatischen Entfaltung lässt. Weitere Worte gibt es darüber nicht zu verlieren.

Kornblumen-Blauschimmelkäse mit Zwiebelconfit, Senfsaat, Borretane-Zwiebelsud und Röstbrot überrascht schon deswegen, weil Käsekreationen zu einer aussterbenden Rasse zu gehören scheinen und gerade in Landgasthöfen äußerst rare Gäste sind. Dieses Exemplar punktet mit süßlichen Aromen des Confits, die ein schönes komplementäres Aroma zu dem würzigen Käse bereitstellen. Das Röstbrot ist nicht nur hübsch mit Radieschen und Gurkencrème drapiert, sondern auch leicht frittiert. Bemerkenswert scheint auch, dass die Senfsaat trotz aromatisch dichter Begleiter deutlich herauszuschmecken ist – ein für einen Landgasthof gewagtes, aber überaus gelungenes Experiment. Dieser Mut nötigt mir einigen Respekt ab, zumal dies in Summe der überraschendste Gang des Abends ist.

Das Dessert Zuppa Inglese von Mascarpone und Himbeeren mit Rhabarber und Fior-di-Latte-Yuzueis besticht natürlich zunächst durch seine schöne Optik. Durch die Häufung säuerlicher Aromen wurde glücklicherweise eine gar zu belastende Süße umgangen, doch die Wucht an Kalorienbomben wie Biscuit und Mascarpone, die nicht sonderlich subtil eingesetzt werden, erschlägt einen schier. Fraglos gut gemeint und insgesamt immer noch ein durchschnittliches Dessert, doch am Ende dieser Menüfolge hatte ich mir fast gewünscht, die Gestaltung des Desserts wäre ähnlich puristisch wie die des Hauptgangs ausgefallen – und damit um einiges leichter. Vor diesem Hintergrund war es auch zu verschmerzen, dass es keine Petits fours mehr als Ausklang gab. Offenbar wollte man die Symmetrie (am Anfag gab es ja auch kein Amuse) der Menüfolge nicht mehr stören. Sei’s drum!

Die Küche hat die nötige Erfahrung, um eine stilistisch breite Vielfalt an Gerichten gekonnt in Szene zu setzen. Die Ausflüge auf andere Kontinente während des Menüs wirkten dabei, obwohl es sich hier ja um einen Landgasthof handelt, als keineswegs deplatziert. Im Gegenteil: man freute sich über derart überraschende Einschübe, zumal die Voraussetzung, dass dies nicht halbherzig oder oberflächlich geschieht, dafür geschaffen war. Hans-Harald Reber ist nach all den Jahren inzwischen erfahren genug, um zu wissen, was er seiner Küchencrew zumuten kann und was nicht. Auch wenn der Küche dadurch nicht unbedingt eine einheitliche Stilistik bescheinigt werden kann, so überrascht doch die gelungene Bandbreite an Produkten und Techniken, die hier zum Einsatz kommen und in der Mehrzahl der Fälle absolut überzeugend gelingen. Einen wirklich schwachen Teller hatte der gesamte Abend jedenfalls nicht zu bieten. Die stets durchdacht wirkenden Kreationen hatten alle Stil, waren von einer kulinarischen Botschaft durchdrungen und entbehrten nie einer großen Ausdruckskraft, weil sie sämtlich ohne Banalitäten auskamen. Launige Einfälle und exotische Momente hieven dieses Etablissement jedenfalls weit aus der Masse durchschnittlicher Landgasthöfe heraus. Insofern kann ich die Küchenleistung hier mit Sicherheit zu den besten unter den Landgasthöfen in Baden-Württemberg zählen. Auch die Nebenkosten bewegen sich in durchschnittlichem Rahmen, weshalb ich hier von einem mehr als wohlverdienten Michelin-Stern sprechen kann.

Absolut kritikwürdig hingegen bleibt die Leistung des Service, die mehr als genug Anlass für Verbesserungen liefern würde. Hier würde ich an der Stelle der Betreiber am ehesten den Hebel ansetzen. Ohne die Aneinanderreihung der ständigen kleinen Schnitzer hätte diese Darbietung ansonsten ohne Weiteres einen Punkt mehr bekommen können.

So oder so ist dies mit Sicherheit eine der empfehlenswerten Adressen in der Region Hohenlohe, deren Platzhirsch (das steckt ja auch schon im Namen drin) aber selbstverständlich das zweifach besternte Le Cerf in Öhringen bleibt. Dennoch hat die Betreiberfamile Reber allen Grund, stolz auf das Erreichte zu sein. Auf die Küche scheint stets Verlass zu sein, was auch durch die beständig hohe Gästezahl zum Ausdruck gebracht wird.

Mein Gesamturteil: 16 von 20 Punkten

 

Rebers Pflug
Weckriedener Straße 2
74523 Schwäbisch Hall
0791/931230
www.rebers-pflug.de

Guide Michelin 2020: *
Gault&Millau 2020: 16 Punkte
GUSTO 2020: 8 Pfannen
FEINSCHMECKER 2020: 3 F

6-gängiges Menü: € 105