Siedepunkt, Ulm (UPDATE)

„Ganz und gar man selbst zu sein kann schon einigen Mut erfordern.“ (Sophia Loren)

UPDATE (November 2020)

Nun dauerte es entgegen meiner ursprünglichen Ankündigung doch fast drei Jahre, bis ich wieder hier aufkreuzte. An der Qualität der Premierendarbietung von damals lag es bestimmt nicht, sondern eher daran, dass Ulm in letzter Zeit eher selten auf meinen Routen lag, obwohl es von der Ostalb nicht so weit weg ist. Umso größer war jedenfalls die Vorfreude, denn das Lokal gehörte schon damals gemäß meiner Einordnung zu den am meisten unterschätzten Restaurants in Württemberg – und es stand kaum zu befürchten, dass das ehrgeizige Team rund um Küchenchef Christoph Hormel seither nachgelassen hatte. Im Gegenteil: im Siedepunkt gönnt man sich relativ viele und ausgiebige Kreativpausen, doch kommt dies der Qualität auch spürbar zugute. Im Sommer hatte das Lokal eine temporäre Dépendance in Oberschwaben eröffnet, die dem Vernehmen nach auch sehr gut angenommen wurde. Außerdem war schon beim ersten Mal trotz noch relativ niedriger Bewertungen in den Profi-Guides auch der Service sehr beachtlich: zu einer aufmerksamen Leistung gesellten sich außerdem mehr als akzeptable Nebenkosten für die Getränkebegleitung, so dass unterm Strich schon damals ein bemerkenswerter Besuch stand.

Wir hoffen also auf eine Wiederholung – wobei meine Begleitung diesmal ein noch relativ wenig erfahrener Bekannter ist, der aber durchaus nach und nach an gelegentlicher Haute Cuisine Gefallen zu finden scheint. Der Routinier in mir ist erfahrungsgemäß etwas schwerer zu begeistern, doch wenn es gelingt, dann fällt diese Begeisterung oftmals umso intensiver aus. Man führt uns durch das nach wie vor relativ dunkel gehaltene Restaurant vorbei an dem gläsernen Weinschrank (ein echter Hingucker) zu unserem Platz in einer der drei Nischen. Ein Menü mit sechs Gängen – in Vor-Corona-Zeiten waren es meist noch acht – sowie eine vegetarische Variante bietet man hier derzeit an. Wir entscheiden uns beide für das „normale“ Menü (€ 130) und sind gespannt, zu welchen Höhenflügen die Küche ansetzen wird.

Den Abend leitet die Küche zu einem PriSecco von Jörg Geiger (Apfel, Birne, Heublume) mit drei kleinen Amuses ein: links ein mit Tomate und Thymian verfeinertes Fenchel-Granité, rechts ein Bleni mit Matjes und in der Mitte schließlich Gänseleber mit Brombeere und Walnuss uin einer Teigtasche. Speziell der eigentümliche Geschmack des Fenchels kommt in dem erfrischenden Granité erstaunlich gut zum Tragen, während die säuerlichen Aromen des Matjes eine schöne Variante dazu darstellen. Etwas verloren wirkt auf mich dagegen die Gänseleber in diesem Umfeld, die ein wenig ausdruckslos bleibt und mit ihrer süßen Interpretation keine Verbindung zu den beiden anderen Petitessen herstellen kann.

Die Brotauswahl bietet mit drei Sorten (Baguette, Tomate und Speck) sowie Salzbutter und Kräuteraufstrich eine ordentliche Auswahl an, der wir gerne mehrfach und ohne Reue im Laufe des Abends zusprechen.

Das warme Amuse bouche setzt voll und ganz auf bewährte Kombinationen, doch das Ergebnis gibt der Küche ja auch recht: gebackene Kalbskopfpraline mit Kartoffelcrème und Steinpilzjus ist ein durch und durch herbstliches Gericht, das auf aromensatte Wucht und intensive erdige Aromen setzt und damit alles richtig macht, zumal das Fleisch schön mürb geraten ist. In Summe ein typisches Wohlfühlgericht, an dem es nichts auszusetzen gibt. Wunderbar!

Eine etwas bissfeste, auffallend kühle und mit Pistazie veredelte Terrine von Entenleber (die die Küche allerdings nur als „Ente“ auf der Karte deklariert und damit möglicherweise manchen Gast auch unangenehm überrascht, wenn dieser eine Aversion gegen dieses Produkt hegt) kombiniert die Küche mit Preiselbeere und Beerenauslese. Auf der Karte nicht erwähnt sind aber die eigentlichen Highlights auf dem Teller, nämlich das Eis und insbesondere die Innereien-Crème, die sich in der mit Zartbitter-Schokolade ummantelten Kugel versteckt. Das Mini-Brioche (nicht im Bild) ist untadelig, während der Hauptteller trotz einiger herber Kontraste eher auf der süßen Seite abschneidet. In Summe ist dies ein Gang, dem eine gute Idee zugrunde liegt, der aber noch etwas Feintuning vertragen könnte und somit nicht restlos überzeugt – ganz im Gegensatz zum Scheurebe-Saft aus dem Hause Van Nahmen, der zu meinen unumschränkten Favoriten zählt. Wir vermuten später zudem, dass das Eis absichtlich leicht zerlaufen ist, weil sich dies beim Dessert nochmals wiederholen sollte.

Saibling, Apfel und Avocado klingt nach einer harmlosen Ankündigung, doch hier ist die Küche wieder ganz bei sich: der mit Koriander, Ingwer und Chili verfeinerte Apfelsud bildet ein säurebetontes Fundament für dieses komplexe Gericht. Der Apfel wird hier zwar in vielen Varianten durchdekliniert (Gel, Stifte und Apple-Blossom-Blüten), doch kommt der gebeizte Hauptdarsteller dennoch schön zur Geltung, zumal etwas Ceta-Kaviar noch weitere Abwechslung ins Spiel bringt. Ein höchst außergewöhnlicher Begleiter zu diesem ohnehin individuellen Gang ist weisse Fichten-Cola aus dem Hause Dr. Filler, die mit ihren Nadelholzaromen fast ein Konzentrat für einen Aufguss in der Sauna darstellen könnte – das Kalkül geht jedoch auf, weil dieses herbe Aroma einen gelungenen Kontrapunkt zu der fruchtigen Säure darstellt. Ohne den Fisch hätte diesem Gang fast ein Overkill an Säure gedroht, aber so wie es war blieb alles in einer wohltuenden Balance.

Zumindest optisch gerät der nächste Gang weniger komplex, was aber nicht bedeutet, dass Dorade, Bulgur, Salzzitrone und Fenchel leicht zu durchschauen oder gar langweilig geriete. Die wunderbare sanft gegarte und saftige Dorade ist nämlich mit einer Garnelenfarce und Basilikum ausstaffiert worden, wobei letzteres Produkt auch die Basis für die leichte Sauce bildet, der es jedoch keineswegs an aromatischer Kraft mangelt. Der leicht bissfeste Bulgur ist von idealer Konsistenz und ergänzt sich vorzüglich mit dem marinierten Fenchel obenauf. Mehr als diese wenigen, aber ausdrucksstarken Begleiter braucht es nicht, um ein Gericht mit Langzeitwirkung sowohl im Gedächtnis als auch am Gaumen zu kreieren. Spätestens jetzt hatte die Küche wieder ihre volle Leistungsstärke abgerufen. Als Einfall der besonderen Art erweist sich auch der flüssige Begleiter, diesmal in Form von heißer Zitrone mit Ingwer und Honig, denn die sanfte Schärfe des Ingwers bereichert das ohnehin treffliche Gericht abermals. Vorzüglich!

Wenn man dem nächsten Gang etwas vorwerfen kann, dann ist es allenfalls eine gewisse Ähnlichkeit bei den verwendeten Produkten und Texturen im Vergleich mit dem Gang zuvor. Ansonsten gerät der kross auf der Haut gebratene Wolfsbarsch absolut exemplarisch, doch auch die in Mehl gewendeten und dann frittierten Calamaretti erweisen sich als prächtige Begleiter. Karottenflan und in Chili marinierte Melone als fruchtig-vegetabile Begleitung verleihen diesem starken Gericht wohltuende Leichtigkeit, wenngleich der Karottensud gerne etwas wärmer hätte geraten dürfen. Dennoch kompensiert die wunderbare Balance dies mehr als ausreichend, zumal Riesling aus dem Hause Van Nahmen ein gern gesehener Begleiter ist.

Nun aber Bühne frei für das Hauptgericht: Barbecue mag – zumal in einerm Sternerestaurant – sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack sein, doch wenn man seine Vorbehalte diesbezüglich erst einmal überwunden hat, dann belohnt einen dieses Hauptgericht fürstlich. Machen wir es kurz: das 48 Stunden bei Niedrigtemperatur gegarte, dann mit BBQ-Lack eingepinselte und schließlich kurz (aber kräftig!) gebratene US Short Rib ist eine Umami-Bombe allerersten Ranges. Angesichts der Aromenfülle und des unbeschreiblich mürben Fleischs mit seinen wunderbar tiefen Aromen ringt mein Begleiter fast schon um die Contenance: so umwerfend gerät auch das Bouquet an herbstlichen Begleitern, dass man mit Fug und Recht von einem praktisch perfekten Gericht sprechen kann. Diverse Pilze, darunter auch Kräutersaitlinge und solche Exoten wie Krause Glucke, sowie geräucherte Süßkartoffelcrème und schön glasige Zwiebeln lassen in uns die Erkenntnis reifen, dass die Küche hier aus gutem Grund das Gaspedal voll durchgedrückt hat und ein Hauptgericht von kompromissloser Wucht geschaffen hat. Passend dazu auch Morellenfeuer aus dem Hause Van Nahmen – ein kaum weniger zurückhaltender und strammer Begleiter. Ich witzle danach ein wenig über die unbändige Begeisterung meines Begleiters und schlage ihm folgenden fiktiven Tagebucheintrag vor:
„Habe soeben das beste Fleisch meines Lebens gegessen – bin jetzt bereit zu sterben!“

Eine kleine (und verständliche) Auszeit genehmigt sich die Küche beim Pré-Dessert aus Walnuss, Zwetschge, Ziegenkäse und Kürbis-Espuma. Einerseits ist es überraschend festzustellen, wie elegant die Noten von Ziegenkäse hier eingebettet wurden – andererseits aber auch ernüchternd, anmerken zu müssen, dass dieser Einschub dringend einen krossen Texturgeber vertragen hätte, der der ausgesprochen weichen und wenig trennscharfen Konsistenz etwas entgegengesetzt hätte. Daraus hätte man mehr machen können, doch nach diesem Hauptgang würden wir der Küche inzwischen vieles verzeihen!

Beim Dessert verquickt die Küche Erdnuss und Banane, die klar im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Das mit Erdnusscrème gefüllte und mit Schokoladenpulver ummantelte Törtchen erweist sich als ausdrucksstarker Bestandteil, dem fruchtige Komponenten wie Mango und eben Banane in einer heiter-ausgelassenen Fülle an Texturen und Konsistenzen ausgesprochen gut zu Gesicht stehen. Bemerkenswert an diesem Gericht sind jedoch auch die zweckdienliche Optik, die nie vordergründig gerät, und die geistige Durchdringung, mit der all dies in eine feinsinnige Balance trotz sparsam dosierten Karamells ohne allzu plakative Süße gebracht wurde. Ein entwaffnend leichter und ausgesprochen bekömmlicher Begleiter ist der dazu verabreichte Chai Latte.

Ausruhen ist zudem erst nach den Petits fours angesagt, denn das allgemeine Niveau wird bei Fiorentiner, Himbeer-Macaron, Cassis-Gelée, weißer Praline mit Mango und Maracuja sowie schwarzer Praline mit Birne, Zimt und Kardamom nochmals locker bestätigt.

Man könnte nicht unbedingt von einer besonders homogenen Küchenleistung an diesem Abend sprechen, doch nach dem vergleichsweise verhaltenen Start legte die Küche eine ordentliche Schippe drauf und zeigte durchaus eindringlich, was sie zu leisten imstande ist. Sieht man einmal vom Pré-Dessert ab, dann war spätestens ab dem dritten Gang die volle Leistungsstärke erreicht und auch bis zum Ende durchgehalten worden. In ihren stärksten Momenten weiß die Küche somit längst mehr als nur zu gefallen, sondern auch voll zu überzeugen, zumal sie bereitwillig Wagnisse in Kauf nimmt, die andere Lokale schlichtweg ablehnen würden – nirgends wurde dies deutlicher als beim Hauptgericht, wo klassische Tugenden wie Demut, Eleganz und Zurückhaltung komplett verworfen wurden. Stattdessen wurde unser Adrenalin regelrecht zum Siedepunkt getrieben, doch büßen mussten wir dafür keinesfalls. Ein derart aus der Reihe tanzendes Hauptgericht aufzutischen erfordert nicht nur Mut, sondern auch großes Können, da ein solches Wagnis, wenn es schief gehen sollte, umso gnadenloser zerrissen wird. All dies ist jedoch nicht geschehen, da Christoph Hormel und sein Team inzwischen offenbar sehr gut einschätzen können, wie weit sie gehen dürfen und was sie ihren Gästen zutrauen (oder zumuten?) können. Doch selbst ohne die in jeder Hinsicht extreme Erfahrung des Hauptgangs komme ich kaum umhin, der Küche für ihr geschärftes Profil und ihre Art, heitere Gerichte zu kreieren, ein großes Lob auszusprechen.

Serviceleiterin Maren Stegmaier hielt dem Lokal glücklicherweise die Treue und leitet mit Hilfe einer weiteren Kellnerin sicher und leichtfüßig durch den Abend. Stilsicher werden alkoholfreie Getränke zum Menü angeboten und ausgiebig erläutert. Außerdem kann der Service kompetent auf Nachfragen antworten und trägt somit ganz erheblich zum Gelingen dieses Abends bei.

Alles in allem geriet der Abend über weite Strecken sehr überzeugend und bisweilen überraschend anders. Da dieses Erlebnis auch noch zum mehr als angemessenen Preis (samt stimmiger und unbedingt empfehlenswerter Getränkebegleitung) zu haben ist, sollte ein Abstecher ins östliche Württemberg nicht ohne eine Stippvisite hier auskommen. Ich verspreche mir jedenfalls noch einiges von diesem Lokal und werde die Entwicklung weiterhin genau beobachten!

Mein Gesamturteil: 17 von 20 Punkten

 

Siedepunkt
Eberhard-Finck-Str. 17
89075 Ulm
Tel.: 0731/9271666
www.siedepunkt-restaurant.de

Guide Michelin 2020: *
Gault&Millau 2020: 16 Punkte
GUSTO 2020: 7 Pfannen
FEINSCHMECKER 2020: 2,5 F

6-gängiges Menü: € 130

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Januar 2018

An einem nasskalten Winterabend mit Schneegestöber macht sich unsereins nach Ulm auf: sein Ziel ist ein Restaurant, das durchaus (noch) Geheimtipp-Status genießt, denn seit diesem Jahr besitzt die Münsterstadt ein zweites Etablissement, das sich nun mit einem Michelin-Stern und 15 Gault&Millau-Punkten zieren darf. Kurioserweise liegt auch dieses – genau wie das LAGO – fast 10 Fahrminuten vom Zentrum entfernt. Das Lokal in Ulm-Böfingen ist Teil eines von außen völlig unscheinbaren Hotelkomplexes einer bekannten Hotelkette und dürfte eher selten Zufallsgäste anlocken – wer hier anreist, weiß in der Regel ganz genau, warum er gerade hier gelandet ist. Allerdings wäre für just diese Zufallsgäste zumindest offenbar unter der Woche durchaus noch genug Platz vorhanden, denn an diesem Dienstagabend waren außer meiner Wenigkeit nur noch fünf weitere Personen sowie zwei Mädchen im Alter von ca. zehn Jahren an einem der anderen Tische versammelt. Gleich hier sei dem Service, von dem später noch detailliert die Rede sein wird, ein Kompliment ausgesprochen, denn der Service ging ausgesprochen freundlich mit den kleinen Gästen um, was in diesem gehobenen Segment beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Außerdem offerierte man den jungen Damen alternative Speisen auf offenbar hohem Niveau, denn die erwachsenen Begleitpersonen, die es sich nicht nehmen ließen, davon zu kosten, waren davon offenbar mehr als angetan.

Das frisch renovierte Restaurant ist überwiegend in anthrazit und schwarz gehalten, wirkt aber aufgrund der sorgsamen Ausleuchtung keineswegs abstoßend oder düster. Einige der Tische befinden sich zudem in Nischen und erlauben noch mehr Rückzugsmöglichkeiten. Sommers kann man außerdem auf der Terrasse vor dem Restaurant speisen und hat mit etwas Glück tatsächlich Fernsicht bis zu den Alpengipfeln. Aber auch der Innnenbereich punktet beispielsweise mit einem gläsernen, in die Wand eingelassenen Weinschrank, der bereits mit für einen Newcomer unter den Sternerestaurants beachtlichen 130 Positionen bestückt ist. Mindestens genauso überraschend ist, dass der Service eine beachtliche Palette an Säften aus dem Hause Van Nahmen offeriert, was auf diesem vermeintlich noch vergleichsweise bescheidenen Niveau eine echte Rarität ist. Die Tische selbst sind mit einem hellgrauen Tuch bedeckt und ansonsten recht spartanisch eingerichtet, doch in puncto Design scheint hier weniger tatsächlich mehr zu sein.

Ich entscheide mich für den „Rosenzauber“ von Jörg Geiger als Aperitif (wie auch schon letztes Jahr im LAGO, dem anderen Sternrerestaurant von Ulm), zu dem man sogleich die drei ersten kleinen Grüße präsentiert: typische Produktklassiker wie Kalbstatar werden hier mit interessanten Gewürzen wie z.B. einer Zwiebelmayonnaise gepaart und vermitteln auf durchaus ansprechende Weise einen ersten Eindruck davon, worauf der Fokus der Küche liegt.

Der zweite Gruß ist eine kleine Tranche von der Etouffé-Taube in einem Ananas-Curry-Sud, der vor allem aufgrund der Produktqualität durchaus Eindruck schindet. Die Brotauswahl hingegen gerät brav, aber solide. Die zuvor gereichte Karte offeriert ein 8-gängiges Menü, das auf bis zu drei (!) Gänge reduziert werden kann. Zudem fällt auf, dass für das gesamte Menü trotz kostspieliger Viktualien wie Jakobsmuschel, Königskrabbe oder weißem Alba-Trüffel ein Preis von gerade einmal schlappen € 110 gefordert wird. Sollte die Küche nicht gerade gnadenlos enttäuschen, wäre zumindest unter dem finanziellen Aspekt der Abend schon jetzt als gelungen zu bezeichnen. Soviel vorweg: die Küche enttäuschte keineswegs …

Als Vorspeise serviert man Wolfsbarsch, der mit Tomate, Avocado und grünem Apfel umspielt wird. Das optisch äußerst ansprechende Gericht ist filigran durchgearbeitet: neben hauchdünnen Apfelstiften fallen beispielsweise die beiden Sorbets von Strauchtomaten und Apfel sowie der federleichte Sud mit reduzierten Tomatenaromen auf. Der einzige winzige Vorbehalt an dem Gericht ist, dass dem kross auf der Haut gebratenen und exzellenten Wolfsbarsch in dieser Kreation fast eine Statistenrolle zuteil wird – ansonsten absolut gelungen!

Velouté von Miesmuscheln mit gebratener Jakobsmuschel ist ein schön austariertes Gericht mit jodigen Meeresaromen, das eher mit sorgsamer Balance als knalliger Optik punktet – ein absolut solides Gericht mit hohem Wohlfühlfaktor, das niemanden überfordert, aber durchaus Charme hat.

Unumstrittener Höhepunkt des Abends war Dreierlei von der Königskrabbe mit Papaya. Was beim Lesen eher banal oder einfallslos wirken mag, erweist sich als das genaue Gegenteil: ein sensationeller Reigen rund um den Hauptdarsteller mit Langzeitwirkung im Gedächtnis. Zum Hauptteller, auf dem die Krabbe in vietnamesischem Stil gewürzt in einer Art Wrap verarbeitet ist, serviert man zwei weitere Satelliten: der eine Teller als heißes Praliné von der Krabbe in einer superben Curry-Kardamom-Sauce sowie in einer chinesischen Variante mit äußerst delikat ausgearbeiteten Texturen von Papaya und weiteren exotischen Gewürzen. Dieses Gericht hatte durchweg große Klasse und hätte meines Erachtens sogar Tim Raue, dem Berliner Großmeister asiatischer Aromen, zur Ehre gereicht!

Tortellini Carbonara mit weißem Trüffel fuhr die Intensität nach dem Aromengewitter des vorherigen Gangs wieder deutlich herunter – und der Dramaturgie des Menüs tat dies auch spürbar gut. In dieser Neuinterpretation waren die mit Eigelb gefüllten Tortellini von dem leicht geschmolzenem Schinken bedeckt und obenauf mit feinem gehobeltem Alba-Trüffel getoppt, der ausgesprochen gut zur Geltung kam.

Zanderfilet mit Kalbsgraupen und Gulaschsud war sozusagen eine gewagte Interpretation von „Surf ’n‘ Turf“: der mit allerlei Techniken veredelte Gulaschsud drohte dem zarten Fisch ein wenig die Schau zu stehlen und hätte auf keinen Fall intensiver ausfallen dürfen. Trotz allem: das Gericht hatte Biss und punktete mit einer zwar gewöhnungsbedürftigen, aber originellen Idee.

Onglet vom US-Beef mit Roggenbrot und Kresse war ein fast kaltes (aber natürlich so gewolltes) Zwischengericht vor dem Hauptgang. Die nur ganz kurz gebratene Scheiben des Rindfleischs standen im Miittelpunkt der durchaus farbenfrohen Kreation, die eine erstaunliche Fülle verschiedener Techniken, was man so alles aus Kresse machen kann, demonstrierte. Es erinnerte ein wenig an eine Brotzeit mit kaltem Roast Beef, wenngleich das Brot nicht so serviert wurde wie erwartet, sondern in dekonstruktivistischer Form auf dem Teller verarbeitet und neu zusammengefügt wurde.

Rücken vom Salzwiesenlamm mit nordafrikanischen Aromen war weitaus opulenter gestaltet als zunächst erwartet. Das bretonische Grundprodukt war durchaus kräftig gebraten, strotzte aber dennoch vor wohltuendem Saft. Der eigentliche Clou waren jedoch die diversen Türmchen, die den Hauptdarsteller flankierten: Aromen von Pilzen und Artischocken verliehen dem Gericht eine wohltuende Vielfalt. Zusätzlich steuerte auch Couscous weiteres afrikanisches Kolorit bei – überhaupt fiel spätestens hier das Faible der Küche für außereuropäische Gewürze auf. In der Menükarte wurde es übrigens sinngemäß so formuliert, dass der Fokus bei den Produkten durchaus in der Heimat liegt, aber dort, wo es sinnvoll erscheint, der Blick auch weiter hinaus schweift. Das war an diesem Abend dann ziemlich oft der Fall …

Als Pré-Dessert gab es eine ansprechende Grieß-Flammerie mit einem Mango-Passionsfrucht-Eis in einem Sud aus Ananaswürfeln und Curry.

Das eigentliche Dessert Süßes von Roter Bete, Blutorange und Himbeeren war ein hochkomplexes Spiel unterschiedlichster Aromen rund um die Farbe rot, die den Teller auf knallige Art und Weise dominierte. Dass man inzwischen sogar schon für Desserts Gemüse sous vide gart und damit neue Geschmacksbilder erzeugt, war vielleicht die größte Überraschung an dieser Kreation. Die fast schon wuchtigen Aromen wurden in ihrer Intensität durch die Vielfalt an geschmacklichen Nuancen zum Glück etwas abgefedert, denn ansonsten wäre dieses keineswegs schlechte Gericht doch zu massig geraten. Die Petits fours halten das Niveau ebenfalls hoch: eher Klassischem wie gefüllten Pralinen oder Mini-Fiorentiner wird Exotisches wie ein Minze-Macaron zur Seite gestellt.

Die komplett schwarz gekleidete Serviceleiterin Maren Stegmaier und ihr Kollege, der auch als Sommelier fungiert, machen einen absolut souveränen und untadeligen Job. Die weniger erfahrenen Gäste am anderen Tisch waren jedenfalls nicht nur von den Kreationen angetan, sondern auch von der für sie offenbar unerwarteten Lockerheit und Weinkompetenz des jungen Weinkellners – aber auch der „alte Hase“ hatte nichts zu beanstanden, zumal man mir auch noch Lektüre für die Zeit zwischen den Gängen offerierte.

Der mir zuvor völlig unbekannte Küchenchef Christoph Hormel hat binnen kurzer Zeit eine kulinarische Handschrift entwickelt, die ein ausgeprägtes Interesse an asiatischen Gewürzen an den Tag legt und subtil einzusetzen versteht. Dabei kommt Bewährtes gleichermaßen zu seinem Recht wie Neuartiges – eine spannende Herangehensweise für eine stets zeitgemäß und charmant wirkende Küche. Alles in allem kommt dies dem „Fusion“-Stil schon ziemlich nahe, doch selten habe ich ihn derart überzeugend umgesetzt wahrnehmen dürfen. (Abgesehen davon: wer es lieber etwas konservativer mag, kommt im Zweitrestaurant „100 Grad“ ebenfalls auf seine Kosten.)

Die Rezension mag verdeutlichen, dass das Siedepunkt praktisch ein ideales Etablissement für Neueinsteiger in die Haute Cuisine darstellt. Man muss es so deutlich aussprechen: das Menü wies nicht ein einziges schwaches oder missratenes Gericht auf und überraschte mich über die Maßen auf positive Weise. Das Siedepunkt hätte definitiv mehr als die lediglich acht Gäste an diesem Abend verdient, denn es sollte meines Erachtens nicht mehr lange dauern, bis der Gault&Millau und Co. ihre Wertungen wieder anheben. Das Gebotene war jetzt schon definitiv mehr als 15 Punkte wert, da allein das unvergessliche Krabbengericht schon den Besuch lohnte. Wer weiß, wie lange dieses Restaurant dann noch ein Geheimtipp bleiben wird …?

Bedenkt man dann noch, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis unglaublich gastfreundlich kalkuliert ist, dann sollte es keine Ewigkeit mehr bis zum nächsten Besuch dauern, zumal Ost-Württemberg nicht so viele herausragende Adressen anbieten kann und ja erst allmählich aus dem kulinarischen Dornröschenschlaf erwacht.