Schach: 100 berühmte Königszüge

100 berühmte Königszüge

 

Das letzte Kapitel dieser sechsteiligen Serie sollte sich als das herausforderndste erweisen. Zu oft ist der König in einer Schachpartie einfach eine Figur, die Angriffen ausgesetzt ist und dementsprechend geschützt werden muss. Dennoch kommt es immer wieder mal vor, dass sich der Kommandant der Armee selbst vor dem Endspiel ins Getümmel stürzt, mit unerwarteten Rochaden die Flucht antritt oder ungewöhnliche Plätze auf dem Brett aufsucht, die sich dann als sicherer wie gedacht erweisen.

Immer wieder gab es in der Geschichte des königlichen Spiels Legenden, die den Umgang mit dem König besonders gut beherrschten – Namen wie Anatoli Karpov, Viktor Korchnoi und Tigran Petrosian drängen sich auf, doch auch etwas weniger illustre Spieler wie Yasser Seirawan oder Nigel Short sind mit mehreren Beiträgen vertreten. Nicht vergessen wollen wir natürlich den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen, der in schöner Regelmäßigkeit verblüffende Königszüge auspackt, von denen einige hier präsentiert seien.

Das Spektrum an überraschenden und erstaunlichen Königszügen ist breit gestreut, nur muss man relativ lange nach geeigneten Beispielen suchen. Ich hoffe dennoch, zum Abschluss wieder eine ansprechende Sammlung zusammengestellt zu haben.

 

Die drei wohl berühmtesten Königszüge

 

1. Capablanca – Tartakower, New York 1924
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Diese Stellung gehört mit Sicherheit zu den berühmtesten Endspielen der gesamten Schachgeschichte. Der kubanische Weltmeister lieferte hier ein Musterbeispiel dafür ab, dass ein König im Endspiel so stark werden kann, dass er dabei den Verlust mehrerer Bauern unter Umständen kompensieren kann. Nach 35. Kf3-g3!! Tc6xc3+ 36. Kg3-h4 Tc3-f3 37. g5-g6! Tf3xf4+ 38, Kh4-g5 Tf4-e4 39. Kg5-f6 hat Weiß zwar zwei Bauern eingebüßt, doch sein positionelles Übergewicht ist so erdrückend, dass Weiß auf Gewinn steht. Der auf der Grundreihe abgeschnittene schwarze König kann nicht ins Geschehen eingreifen und droht im Gegenteil selbst zu einem Angriffsziel zu werden. Tartakower leistete gegen Capablancas gnadenlose Technik noch bis zum 52. Zug Widerstand, aber letztlich vergebens.

 

2. Kasparov – Petrosian, Tilburg 1981
Stellung nach dem 35. Zug von Weiß

Der neunte Weltmeister, Tigran Petrosian, galt als einer der hartnäckigsten Verteidiger überhaupt. Eines der besten und berühmtesten Beispiele dafür lieferte der „armenische Tiger“ in diesem Duell der Generationen. Auf der einen Seite haben wir den kometenhaften Aufsteiger Garri Kasparov im Alter von 18 Jahren, auf der anderen Seite den erfahrenen und längst entthronten Weltmeister der 1960er-Jahre. In dieser für Schwarz scheinbar wenig beneidenswerten Situation erinnerte sich Petrosian möglicherweise auch an Steinitz‘ Maxime, dass sich der König selber helfen solle. Folgerichtig zog er hier 35… Kb7-c6!! und stellte damit das Geschehen komplett auf den Kopf. Anstatt einen Sieg mit Glanz und Gloria einzufahren, musste Kasparov eine bittere Lektion lernen: die unerwartete Wendung der Geschehnisse warf ihn vollkommen aus der Bahn. Er spielte hier 36. Tb3-a3? b5xc4 37. Ta3xa6+ Ta8xa6 38. Ta2xa6+ und musste nach 38… Lc7-b6 anerkennen, dass dem dreisten schwarzen König nichts anzuhaben war. Nach 39. Ld6-c5 De8-d8! 40. Db1-a1 Sd7xc5 41. d4xc5 Kc6xc5 spielte Kasparov 42. Ta6-a4 und streckte gleichzeitig die Waffen. Dass nach Petrosians Geniestreich zwei Figuren hingen, konnte Kasparov offenbar nicht vernünftig verarbeiten.
Der reife Kasparov späterer Jahre hätte hier vermutlich erkannt, dass es nach Petrosians Tiefschlag an der Zeit war, den Rückwärtsgang einzulegen und ums Remis zu kämpfen. Dies wäre immerhin nach 36. Ld6xc7! b5xc4 37. Tb3-b7 Tc8xc7 38. Ta3xa6+!! Ta8xa6 39. Db1-b5+ Kc6-d6 40. Db5xa6+ Kd6-e7 41. Lg2xd5! Tc7xb7 42. Ld5xb7 im Bereich des Möglichen geblieben.
So oder so lehrt uns dieses berühmte Beispiel, dass die Kunst der Verteidigung im Vergleich zum Angriff immer noch geringer geschätzt wird – doch genau diese Fähigkeit macht häufig den Unterschied zwischen Weltklasse und „gewöhnlichen“ Großmeistern aus.

 

3. Short – Timman, Tilburg 1991
Stellung nach dem 30. Zug von Schwarz

Das Geschehen in dieser Begegnung ist auf höchster Ebene so selten, dass diese Kampf längst Eingang in den Kanon der immergrünen Partien aller Zeiten gefunden hat.
Sollte es tatsächlich noch Spieler geben, die diese Partie nicht kennen, dann sei hier Nigel Shorts Gedankengang kurz skizziert: Weiß hat ein erdrückendes positionelles Übergewicht. Beide Türme besetzen ungehindert die einzige offene Linie, und die weiße Dame steckt auf f6 wie ein Stachel im schwarzen Fleisch. Es wäre wünschenswert, den Springer in die Schlacht einzubeziehen, doch der einzige Trumpf Timmans, der Druck auf der langen Diagonale, erschwert dieses Ansinnen ganz erheblich. Natürlich könnte man Sf3-e1 erwägen, aber auch dann müsste die Königsstellung mittelfristig mit f2-f3 geschwächt werden. Daher entschied sich der britische Großmeister, eine andere Kampfeinheit zu aktivieren: den König!
Short setzte hier mit 31. Kg1-h2!! fort und zwang Timman nach 31… Te8-c8 32. Kh2-g3! Tc8-e8 33. Kg3-f4! Lb7-c8 34. Kf4-g5! zur Aufgabe. Es droht das Eindringen des weißen Königs nach h6, gefolgt von dem unabwendbaren Matt auf g7. Wenn Schwarz dies mit 34… Kg8-h7 verhindert, dann führt 35. Df6xg6+ Kh7-h8 36. Dg6-h6+ Kh8-g8 37. Kg5-f6 ebenfalls zum Matt.
Wenn Schwarz im 31. Zug stattdessen versucht hätte, den lästigen Turm mit 31… Lb7-c8 zu einer Erklärung zu zwingen, dann ermöglicht dies 32. Sf3-g5! Lc8xd7 33. Td4-f4! mit entscheidendem Angriff, zum Beispiel: 33… Dc6-a8 34. Sg5xf7 Tf8xf7 (oder 34… Kg8-h7 35. Df6-g5 mit raschem Matt) 35. Df6xf7+ Kg8-h8 36. Tf4-f6 Te8-g8 37. Df7xd7 mit klarem Gewinn.
Mit seinem unsterblichen Königsmarsch hat sich Short jedenfalls ein Denkmal gesetzt!

 

Überraschende Antworten auf Schachgebote

 

4. Smekalin – Jegorov, Cheljabinsk 1983
Stellung nach dem 4. Zug von Schwarz

Leider kann ich den meisten Weißspielern nicht viel Hoffnung machen, dass sie jemals gegen die Aljechin-Verteidigung diese Stellung aufs Brett bekommen. Zum einen ist diese Verteidigung ohnehin ein seltener Gast, und zum anderen ist die Variante mit 3… e7-e6 ziemlich unbefriedigend für Schwarz. Nach wahlweise 4. Lc1-d2 oder 4. Sb1-d2 hat Weiß ebenfalls einen mehr als ordentlichen Score vorzuweisen, doch in einer Partie von 1983 spielte Weiß einen Zug, den zuvor in gut zwanzig Partien keiner gewählt hatte, obwohl er der objektiv stärkste in dieser Stellung ist! Die Rede ist von dem unerwarteten 5. Ke1-e2!!, was Schwarz keine Gelegenheit gibt, eine Figur mit Tempo abzutauschen. Nach 5… Sd5-b6 6. c4-c5 Sb6-d5 ist der schwarze Läufer auf b4 eingesperrt und wehrlos gegen die Drohung 7. a2-a3. Stattdessen hilft auch 5… Sd5-e7 wegen 6. a2-a3 mit erneutem Figurenverlust nicht. Schwarz zog in der Partie 5… Dd8-h4? und gab gleichzeitig auf, denn nach 6. c4xd5 ist keine ausreichende Kompensation zu sehen. Relativ am besten aus schwarzer Sicht ist wohl 5… d7-d6, aber eine ganze Figur scheint die unbequeme Stellung des weißen Königs nicht wert zu sein.
Was uns dieses Beispiel lehrt, ist dass man keinen Zug für selbstverständlich erachten sollte und manchmal auch eine unerwartete Antwort stärker als ein automatischer Zug sein kann.

 

5. Smyslov – Gufeld, Moskau 1967
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Es ist gut vorstellbar, dass sich Großmeister Eduard Gufeld bei der Berechnung der Varianten, die zur Diagrammstellung führten, darauf verlassen hatte, dass Weiß einen Springer auf d2 dazwischen ziehen muss. Dann könnte Schwarz den Springer abtauschen und anschließend durch das Nehmen auf b5 seinen angegriffenen Turm mit der Dame decken. Smyslov durchkreuzte diesen Plan allerdings mit dem von Schwarz wohl kaum gewürdigten 12. Ke1-e2!!. Dass sich ausgerechnet ein so grundsolider Spieler wie der siebte Weltmeister diesem Risiko aussetzt, um auf Vorteil zu spielen, finde ich schon sehr bemerkenswert. Gufeld musste nun alles aufbieten und blieb zu seinem Glück nach 12… Lc8-b7!! (auch 12… a6xb5 13. Dd5xe4 b5xc4 wäre wohl zumindest spielbar gewesen) 13. De4xb7 Sb8-c6!! in der Partie. Smyslov spielte hier das sehr starke 14. Sf3-d2!, verlor aber nach 14… Ta8-a7 15. b5xc6 Ta7xb7 16. c6xb7 Da5-b4 im 35. Zug.
Großer Respekt aber auch an Gufeld, in der Situation nach dem überraschenden Königszug so kaltblütig mit einem doppelten Figurenopfer antworten zu können!

 

6. Reshevsky – Polugajewsky, Palma de Mallorca 1970
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Hier hätten vermutlich die meisten Weißspieler darüber nachgedacht, welche Figur sie auf c3 dazwischen stellen oder ob die weiße Dame nach d2 gehört. Samuel Reshevsky fand jedoch eine andere, unerwartete Möglichkeit, dem Gegner mehr Probleme zu bereiten. Er spielte hier das unerwartete 18. Ke1-f2! und weigerte sich damit, seine gut postierten Figuren nur wegen eines Schachgebots auf schlechtere Felder zu stellen. Die Schwächung des schwarzen Königsflügels mit g7-g5 gestattet es dem Anziehenden dabei, schneller den gegnerischen König anzugreifen als der Nachziehende den weißen König behelligen kann. Nach 18… Lg4xe2 19. Kf2xe2 hat Weiß einen relativ sicheren König und starke Felder für seine Figuren – insbesondere die dunklen Felder c7 und d6 erweisen sich als einladend. Der Computer stimmt Reshevskys Entscheidung übrigens voll zu und sieht Weiß danach sehr deutlich im Vorteil. Reshevsky gewann im 33. Zug.

 

7. Miles – Kasparov, Basel 1986
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

In dieser Stellung spielte Kasparov seine vielleicht schockierendste Neuerung überhaupt – aber objektiv gesehen gleichzeitig eine seiner schlechtesten! Doch schön der Reihe nach: in dieser Stellung spielte bis dato alle Welt 15… Ta8xc8, denn 15… Dd8xc8? kann wegen 16. Ld3-e4 nicht empfohlen werden. Kasparov hatte jedoch etwas anderes ausgeheckt …
Anthony Miles bezeichnete Kasparov in offenbar grenzenloser Ehrfurcht vor diesem Match als ein „Monster mit tausend Augen, das alles sieht“. In der Diagrammstellung zog Kasparov nämlich 15… Ke7-f6!?. Diesen äußerst grotesken Zug zu beurteilen fällt nicht leicht, denn für den Schockwert des Zuges müsste man natürlich zwei Ausrufezeichen vergeben, während der rein objektive Wert eher zwei Fragezeichen rechtfertigen würde! Die Idee des Zuges besteht darin, den weißfeldrigen Läufer daran zu hindern, auf a6 zu schlagen: viele Spieler hier hätten wohl in Form von 16. Ld3-e4?! Ta8xc8 gekniffen. Dass ausgerechnet der sonst für jede Provokation zu habende Anthony Miles es auch tat, ist für mich allerdings schwer nachzuvollziehen, zumal wenn man Miles‘ Fortsetzung 17. h2-h4? h7-h6 18. 0-0 sieht. Vielleicht erkannte er auch erst hier, dass 18. Lc1-g5+? h6xg5 19. h4xg5+ Kf6xg5 20. Th1xh8 wegen 20… Tc8-c4! verworfen gehört. Dass die Rochade ohne den vorwitzigen Zug des h-Bauern besser wäre, leuchtet wohl sofort ein. Kasparovs Zug fand aber keine Nachahmer, denn objektiv hat Schwarz nach dem furchtlosen und korrekten 16. Ld3xa6! Se5-d3+ 17. Ke1-f1 keine wirklich ausreichende Kompensation, zum Beispiel 17… Sd3-c5 18. Da4-d1! mit Gewinn oder 17… Lf8-c5 18. Da4-c6! mit starker Stellung.
Miles kam mit der psychologischen Wendung indes gar nicht zurecht und verlor im 29. Zug.
Schwer vorstellbar zwar, dass man in den heutigen Computerzeiten mit so einem Königszug davonkäme, aber ein weiterer Beleg für die Wirkung von schockierenden Zügen ist er allemal!

 

8. Caruana – Ivanchuk, Biel 2009
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Wohl kein anderer Spieler hat das Schachspiel insgesamt um so viele interessante, absurde und teils groteske Ideen bereichert wie der ukrainische Ausnahmespieler Vasily Ivanchuk. Aufgrund seiner immensen Spielstärke basieren seine Ideen jedoch immer auf solidem Fundament und genauer Analyse. Hier hätten beispielsweise wohl nahezu alle Schwarzspieler ohne großes Nachdenken 11… Lc8-d7 gespielt. Das würde jedoch Weiß gestatten, den Läufer abzutauschen und auf einen bequemen Raumvorteil nach der kurzen Rochade zu pochen.
Ivanchuk spielte stattdessen völlig unerwartet das ungleich stärkere 11… Ke8-d8!!, was seinem Gegner viel mehr Probleme stellt. Weiß muss sich nun ständig Sorgen machen, dass sein Läufer verloren gehen könnte, und außerdem hängt der Bauer auf e4. Caruana spielte das zu erwartende 12. Se2-g3?, was den Bauer deckt und gleichzeitig einen Rückzug für den Läufer schafft. Diese Wahl ist allerdings nicht konkret genug und hätte Ivanchuk bereits unerwartet nach 12… c5-c4! 13. h2-h3 eine Gewinnstellung eingeräumt, wenn er hier den sehr schwer zu sehenden Monsterzug 13… g6-g5!! gefunden hätte. Dieser Zug verhindert f2-f4 und bereitet zugleich a7-a6 vor. Auf 14. Dh6xg5 a7-a6 15. f2-f4 würde nun 15… Th8-g8! 16. Dg5-h6 Se5-d3+! 17. c2xd3 a6xb5 mit Gewinn folgen. Ivanchuk siegte im 41. Zug, aber nach 12. h2-h3! mit der Idee, sofort f2-f4 zu spielen, wäre der Partieverlauf offener geblieben.
Auch hier erleben wir wieder, wie ein Weltklassegroßmeister (Caruana hatte auch damals schon über 2600 ELO-Punkte) durch einen unerwarteten Zug aus der Bahn geworfen wird.

 

Tragische Patzer

 

9. Short – Beljawski, Linares 1992
Stellung nach dem 57. Zug von Schwarz


Dieses unfassbare Beispiel hätte für mich allerbeste Chancen auf den zweifelhaften Titel des schlimmsten Patzers aller Zeiten – zusammen mit Jewgeni Bareevs legendärem Aussetzer gegen Karpov im Jahre 1994 in Linares (siehe „100 berühmte Läuferzüge, Beitrag Nr. 28).
Es bleibt schleierhaft, was Short dazu bewog, hier nicht den Bauer auf f6 einfach mit dem Springer zu schlagen. Vielleicht fürchtete er, die entstehenden Vereinfachungen danach könnten zur Punkteteilung führen (was übrigens nicht der Fall ist). Er spielte stattdessen das unbegreifliche 58. Ke5-e6?? und wurde nach 58… Lb7-c8# einzügig mattgesetzt! Wie kann man solche Aussetzer rational erklären?

 

10. Bronstein – Botwinnik, Weltmeisterschaftskampf, 6. Partie, Moskau 1951
Stellung nach dem 56. Zug von Schwarz

Die Gerüchte, ob Bronstein den WM-Kampf 1951 auf Druck des Politbüros absichtlich verlieren musste, sind bis heute nicht verstummt. Ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt – maßgeblich zu dieser Legende haben jedenfalls Episoden wie diese hier beigetragen.
Die Diagrammstellung ist ein klares Remis, zum Beispiel: 57. Sd8-e6+ Kf4-f3 58. Se6-d4+ Kf3-f2 59. Kb3-a4 e3-e2 60. Sd4-c2 e2-e1=D 61. Sc2xe1 Kf2xe1 62. Ka4xa5 Ke1-d2 63. Ka5-b4 b7-b6!. David Bronstein wollte aber den feindlichen e-Bauer mit vereinten Kräften aufhalten und spielte hier stattdessen 57. Kb3-c2??. Dabei baute er natürlich darauf, dass auf 57… Kf4-f3 58. Sd8-e6 die Gabeldrohung auf d4 die Partie rettet. Botwinnik spielte aber 57… Kf4-g3!, umging damit das verminte Feld f3 und erzwang die gegnerische Aufgabe, da der Bauer nun ungehindert durchläuft.
Dass dem Herausforderer so ein elementares Missgeschick unterlief, blieb nicht ohne Auswirkungen auf den weiteren Kampf, der trotz allem 12:12-Unentschieden endete.

 

11. Carlsen – Anand, Weltmeisterschaftskampf, 6. Partie, Sochi 2014
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

Ein anderer berühmter Schnitzer, der erstaunlicherweise ungesühnt blieb, ereignete sich ebenfalls in der 6. Partie eines WM-Kampfes. Die Rede ist von dem Revanchematch zwischen dem entthronten Weltmeister Vishy Anand und seinem Nachfolger Magnus Carlsen. Der norwegische Weltmeister hatte die Partie die ganze Zeit klar im Griff und ließ vielleicht deshalb die Konzentration ein wenig schleifen. Anders lässt es sich kaum erklären, dass er hier anstelle von 26. Kc1-d1! das furchtbare 26. Kc1-d2?? wählte, was Anand die Gelegenheit gegeben hätte, die Fesselung seines Springers sofort gewinnbringend mit 26… Sg6xe5! 27. Tg4xg8 Se5xc4+ (das entscheidende Zwischenschach) 28. Kd2-d3 Sc4-b2+ 29. Kd3-e2 Th8xg8 abzuschütteln. Unglaublicherweise beutete Anand diesen Fehler jedoch nicht aus, setzte mit 26… a5-a4?? fort und verlor im 38. Zug.

 

12. Korchnoi – Karpov, Weltmeisterschaftskampf, 5. Partie, Baguio 1978
Stellung nach dem 53. Zug von Weiß

Die aufgeladene politische Atmosphäre und die zahlreichen Nebengeräusche während dieses Duells um den Thron des Weltmeisters im Jahre 1978 führten letztlich dazu, dass beide Kontrahenten nicht annähernd ihre volle Spielstärke über das Match verteilt gesehen entfalten konnten. Ein besonders eklatantes Beispiel bot die 5. Partie dieses Kampfes.
Karpov spielte hier nicht etwa nüchtern seinen König zurück nach f8 mit ausgeglichener Stellung, sondern zog ohne Not und vollkommen unerklärlich 53… Kf7-e6??. Nach 54. Dg3-h3+! Ke6-d5 war die Partie gelaufen, oder? Nein, war sie nicht! Korchnoi zog hier nicht etwa das offensichtliche 55. Lg6-f7+ Kd5-c6 56. Dh3-e6+ mit sofortigem Gewinn, sondern ließ sich stattdessen zu 55. Lg6-e4+?? hinreißen, wonach die Partie schließlich einen anderen Rekord erzielte: sie endete im 124. Zug als bisher einzige WM-Partie überhaupt mit einem Patt.

 

13. Spassky – Polugajewsky, Moskau 1961
Stellung nach dem 33. Zug von Schwarz

Dies hätte die Partie seines Lebens für den 10. Weltmeister der Schachgeschichte werden können. In einer irrsinnigen Schlacht hatte er seinen Gegner Lew Polugajewsky mitsamt einem Königsmarsch nach allen Regeln der Kunst überspielt. Laut eigener Aussage sah Spassky sogar die Gewinnfotsetzung, die in 34. Kg5-f6! Dd3xd4+ 35. Kf6-f7! bestanden und Schwarz trotz Mehrfigur umgehend zur Aufgabe gezwungen hätte – und das bei der UdSSR-Meisterschaft!
Stattdessen dachte er wohl, dass 34. Kg5-h5?? noch einfacher gewinnt. Leider hatte er dabei das unliebsame „Detail“ 34… Dd3-b5+ übersehen und sah nun erst recht Gespenster: nun würde der Zug 35. e4-e5! zwar auf 35… Db5-e8+ treffen, doch nach 36. Kh5-h4 Kh7-g8 37. e5xd6 bliebe die Partie etwa ausgeglichen. Stattdessen wollte Spassky das Damenschach aus der Stellung nehmen und wählte nun auch noch 35. Kh5-h4?, was 35… Db5-g5! zuließ und ihm letztlich eine Niederlage im 51. Zug bescherte. Das tut weh!

 

14. Pomar – Cuadras, Olot 1974
Stellung nach dem 41. Zug von Schwarz

Ein Warnbeispiel für mangelnde Objektivität stellt der letzte Beitrag dar: der spanische Großmeister Arturo Pomar hatte gegen seinen weitaus weniger renommierten Gegner nicht mehr als dieses unentschiedene Bauernendspiel erreicht. Entweder darüber enttäuscht, überoptimistisch oder ahnungslos ob der Gefahren, die in dieser Stellung lauern, spielte er jedenfalls 42. Kd5-d6?? und wurde darauf eiskalt mit 42… f5-f4!! ausgekontert.
Was auch immer Weiß nun unternimmt, er ist rettungslos verloren: wenn der g-Bauer nimmt, dann läuft der h-Bauer durch. Auf 43. e3xf4 entscheidet 43… h5-h4! 44. g3xh4 g4-g3! mit Gewinn, während Pomars Fortsetzung 43. Kd6-d5 auf die Antwort 43… h5-h4! 44. Kd5xe4 f4-f3 45. g2xf3 h4-h3 mit Gewinn in wenigen Zügen traf.

 

Strategische Geniestreiche

 

15. Fischer – Anderssen, Siegen 1970
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

In dieser Igel-Formation mit vertauschten Farben gibt es natürlich einige denkbare Züge und Pläne, die sich aufdrängen. Beispielsweise würde sich ein Zug wie 13. Sd2-e4 anbieten oder ein Manöver wie 13. Ta1-c1, gefolgt von der Überführung der weißen Dame nach b1 und gegebenenfalls sogar nach a1. Bei alledem drängt sich jedoch immer ein wenig die Frage auf, wie der Turm auf f1 am zweckmäßigsten eingesetzt werden kann. Bobby Fischer hatte hier eine Eingebung, die zu seinen inspiriertesten Einfällen gezählt werden muss. Er spielte hier nämlich das unschuldig anmutende 13. Kg1-h1!! und erweckte dabei in Andersson vielleicht auch noch den Eindruck einer abwartenden Strategie. Dabei präsentierte er die wahre Idee dahinter nach Anderssons Antwort 13… Dd8-d7 im nächsten Zug: nach 14. Tf1-g1! Ta8-d8 15. Sc3-e4 Dd7-f7 erteilte er mit 16. g2-g4!! seinem Bauern den Marschbefehl. Mit diesem multifunktionalen Zug wird zum einen der Springer auf e4 viel sicherer verankert, und zum anderen ist auch das potentielle Vorrücken dieses dreisten Bauern nach g5 mit Angriff nicht gänzlich ausgeschlossen.
Ich will nicht behaupten, dass Fischers geniale Idee die Partie zwingend gewinnt, aber dieses originelle Manöver sollte man unbedingt im Hinterkopf behalten, zumal es meiner Auffassung nach gar nicht so bekannt ist und immer noch ausreichen würde, um auch erfahrenere Spieler zu überrumpeln. Fischer gewann jedenfalls mit unnachahmlichem Selbstverständnis im 43. Zug.

 

16. Williams – Karpov, Nizza 1974
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

Nicht zuletzt dank der Bemühungen von Boris Spassky erfreute sich die Leningrader Variante der Nimzo-Indischen Verteidigung in den 1970er-Jahren einer ordentlichen Beliebtheit. Heute dagegen ist sie auf höchster Ebene ein eher seltener Gast, denn zu eindeutig seien ihre strategischen Defizite laut Kasparov. Mit den schwarzen Steinen bot sie Anatoli Karpov jedenfalls beste Voraussetzungen, um auf Sieg zu spielen. In den komplexen strategischen Stellungen ohne große taktische Wendungen fühlte er sich wie ein Fisch im Wasser und konnte sein überragendes Stellungsverständnis oftmals voll zur Geltung bringen. Mit der Entdeckung des in dieser Partie gespielten Manövers wurde das Arsenal der Schwarzspieler noch weiter ausgebaut und fast schon zum Standard erkoren. Karpov spielte hier nämlich 15… Ke8-d8!. Nach 16. a2-a4 ließ er das für viele Spieler überraschende 16… a7-a5! folgen und verhinderte damit jeden weiteren Vorstoß des weißen a-Bauern. Nach 17. Ta1-a2 Kd8-c7! hatte Karpov sein Ziel erreicht, denn die halboffene b-Linie bringt Weiß angesichts fehlender Bauernhebel nichts ein. Der Anziehende müsste schon seinen Springer nach b5 bringen, was eine halbe Ewigkeit dauern würde. Der rückständige b-Bauer ist dagegen leicht zu decken, und auch der schwarze König steht nun vollkommen sicher vor Belästigungen. Karpovs Plan ist weitaus effizienter als die Vorbereitung der langen Rochade und sollte daher unbedingt eingeprägt werden. Danach wurde die Partie zu einer einseitigen Angelegenheit, denn die weiße Scheinaktivität mit 18. Th1-h6 parierte Karpov leicht mit den Zügen 18… Ta8-a6 19. Db1-b5 Kc7-b8! 20. Ta2-b2 Kb8-a7!. Danach war der weiße Angriff in eine Sackgasse geraten – und Schwarz übernahm das Kommando: 21. Db5-b3 Sf6-g4 22. Th6-h1 f7-f5 23. Ke1-d1 Ta6-b6 24. Db3-a2 Tb6xb2 25. Da2xb2 b7-b6 26. Lc2-b3 Lc8-a6. Karpov baute seine Dominanz mit 27. Se2-c1 Sd7-e5 28. Db2-e2 Se5-g6 29. Kd1-d2 Sg4-f6 weiter aus und spielte nach 30. De2-d1 das von langer Hand geplante 30… f5-f4! mit Aufgabe von Weiß.
Angesichts des wenig renommierten Gegners ist diese Partie des künftigen Weltmeisters nicht so bekannt, aber dieses strategische Meisterwerk ist eine eindrückliche Visitenkarte! Speziell Karpovs Gespür für seinen König hinterlässt dabei einen nachhaltigen Eindruck.

 

17. Kamsky – Karpov, Linares 1991
Stellung nach dem 41. Zug von Weiß

Diesmal entstand die Diagrammstellung aus der zähen Hübner-Variante des Nimzo-Inders, doch auch hier ließ sich Karpovs Manöver aus der obigen Partie wieder gut anwenden. Weiß fehlte es an geeigneten Hebeln, um schnell zum schwarzen König vorzudringen, so dass Karpov in aller Ruhe die Verteidigung am Damenflügel organisieren konnte. Nun aber machte er wieder kehrt mit 41… Kc7-d8! und überführte den König weiter nach e7: 42. Dd1-a4 Sf5-e7 43. Ld2-e3 Tf6-f3 44. Sa3-c2 Tf3-f6 45. Sc2-e1 Dg6-e4 46. Tb1-d1 Tb7-c7 47. Da4-b5 Se7-f5 48. Le3-c1 Kd8-e7. Nach 49. Db5-a4 Ke7-f7 50. Se1-d3 Sf5-g7 51. Sd3-e1 Kf7-g8 hatte Karpov seinen König schließlich doch noch mit der „kurzen Rochade“ in Sicherheit gebracht. Karpov siegte in dieser äußerst langwierigen Partie im 84. Zug.

 

18. A. Sokolov – Jussupow, Kandidatenfinale, 1. Partie, Riga 1986
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

In dieser Partie entkorkte Artur Jussupow ein bemerkenswertes Manöver, das heute zum Arsenal aller bekennenden Fans der Winawer-Variante in der Französischen Verteidigung gehören sollte. Mit dem Zug 13… Ke8-d7! sichert Schwarz nicht nur die Stellung seines Königs langfristig, sondern erzielt die größtmögliche Effizienz bei der Aufstellung seiner Figuren in diesem blockierten Stellungstyp. Nach 14. Lc1-e3 Dd8-g8! 15. Dd1-d2 Dg8-h7! 16. Ta1-c1 Kd7-c7 hatte Schwarz sein ikonisches Manöver, das damals noch natürlich ohne Computerhilfe gefunden werden musste, vollendet. Jussupow gewann sogar im 72. Zug.

 

19. Keres – Richter, München 1942
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Der estnische Meister Paul Keres hatte soeben anstelle des objektiv besseren 11. f2-f3 voller Zuversicht 11. h2-h4? gezogen und war verständlicherweise guter Dinge, denn es scheint schlecht um den Nachziehenden zu stehen. Keres rechnete vermutlich nur mit 11… g5-g4, aber der deutsche Meister Kurt Richter entkorkte hier das spektakuläre 11… Ke8-d7!!. Damit wird der Turm auf h8 gedeckt und der König hinreichend sicher postiert. Nun würde 12. Lf4-e5 mit 12… Lb4-c5! 13. Le5xf6 Lc5xd4 14. Lf6xd8 Ta8xd8 beantwortet, so dass alle unmittelbaren Gefahren zunächst abgewendet sind. Natürlich steht Weiß nicht schlechter, aber Keres verlor zunehmend den Faden und unterlag schließlich im 59. Zug.

 

20. Oll – Hodgson, Groningen 1993
Stellung nach dem 34. Zug von Weiß

Ein kurzer Blick auf die Stellung genügt, um zu erkennen, dass Schwarz prinzipiell besser stehen muss: er hat die kompaktere Bauernstruktur und bindet die weißen Figuren an die Verteidigung der Bauernschwächen und des weißen Königs. Weniger deutlich ist zu erkennen, wie Schwarz seine Stellung vielversprechend verstärken und seinen Turm vernünftig aktivieren soll. Julian Hodgson fand aber einen denkwürdigen Weg, um genau dies zu erzielen, indem er klassische Denkmuster aufbrach und erkannte, dass die Postierung seines Königs vor den eigenen Bauern in diesem Fall besser als dahinter ist! Mit dem völlig unvoreingenommenen Manöver 34… Kg8-h7!! 35. Dc6-c5 Kh7-g6! 36. h2-h4 Td8-h8 verbesserte er die Stellung seines Turms langsam, aber nach 37. a2-a3 Th8-h5 38. Dc5-g1 Kg6-h7 39. Tc1-d1 Dd3-b3 40. Td1-d2 Th5-f5 entscheidend, ohne dabei den eigenen König zu entblößen. Hodgson siegte im 46. Zug.

 

21. Jaracz – Nielsen, Dresden 2007
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Bei flüchtiger Betrachtung sollte man denken, dass die geöffnete lange Diagonale für Schwarz tödlich sein sollte. Das sofortige 29. Lf6-h8? scheitert jedoch an 29… Db4-f8 mit Abwendung aller Gefahren. Auch in diesem Beispiel erkannte der polnische Großmeister Pawel Jaracz, dass sein König vor den Bauern besser als dahinter postiert ist. Er musste dabei aber auch erkennen, dass er nach 29. Kh2-g3! Db4-d2 den angegriffenen Bauer nach 30. Th1-h5! opfern kann, da sein König nach 30… Dd2xf2+ 31. Kg3-h2 hinreichend sicher steht. Wichtig ist nur, dass der weiße Turm entscheidend ins Spiel gelangen konnte, denn jetzt ging es dem schwarzen Monarchen an den Kragen: 31… Te8-e6 32. Da1-d4 Df2-d2 33. Th5-g5+ Kg8-f8 34. Sf4xe6+ f7xe6 35. Lf6-e7+! (auch 35. Dd4-e5 mit der Idee 36. Tg5-g8+! wäre stark gewesen) erwies sich als unparierbar. Jaracz siegte verdient im 39. Zug.

 

22. Khismatullin – Eljanov, Jerusalem 2015
Stellung nach dem 43. Zug von Schwarz

In dieser ausgesprochen spannungsgeladenen Stellung spielte Weiß einen der berühmtesten Züge der vergangenen Jahre. Denis Khismatullin erkannte hier, dass Königssicherheit das alles überragende Kriterium in dieser Stellung ist und spielte das unwahrscheinliche 44. Kf1-g1!!. Es ist keineswegs so, dass dieser Zug forciert gewinnt – dennoch steigen die weißen Chancen auf einen Sieg bei bestem schwarzem Spiel nach etwa 44… Td6-d5! (welcher Mensch soll bloß diesen vom Computer vorgeschlagenen Zug finden?) 45. Kg1-h2! Kg5-f6. Eljanov hingegen wollte wohl nicht wahrhaben, dass sich Weiß einfach so die Dreistigkeit gestatten kann, seinen Turm mit Schach hängen zu lassen und griff stattdessen mit 44… Dc2xd1+?? zu, was tatsächlich bereits verliert. Nach 45. Kg1-h2 Td6xc6 spielte Khismatullin zunächst 46. Df8-e7+ Kg5-h6 47. De7-f8+ Kh6-g5, um Zeit auf der Uhr zu gewinnen und griff dann mit 48. Df8xf7 zu. Trotz eines Turms mehr und eines stolzen Freibauern geht Schwarz nun an der prekären Position seines Königs zugrunde, denn es droht tödlich 49. Df7-f4+ Kg5-h5 50. g2-g4+ Kh5-h4 51. Df4-h6#. Eljanov musste nun nach 48… Tc6-f6 49. f2-f4+ Kg5-h6 50. Df7xf6 Dd1-e2 (fesselt den g-Bauer) 51. Df8-g7 h7-h6 einsehen, dass 52. Dg7-e5+ die Partie beendet entscheidet: auf 52… g6-g5 entscheidet nämlich 53. De5-e8+ Kh5-h4 54. De8-g6!. Eljanov spielte daher 52… Kh5-h4, was aber logischerweise nach 53. De5-f6+ Kh4-h5 54. f4-f5! g6xf5 55. Df6xf5+ Kh5-h4 56. Df5-g6! auch nichts mehr zu ändern vermochte. Schwarz gab auf.
Khismatullins Zug für die Ewigkeit kann einfach nur als genial bezeichnet werden!

 

23. Timman – Karpov, London 1984
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Nach missratener Eröffnung bot der Niederländer Jan Timman hier alles auf, um seine verdächtig wacklige Stellung vor dem Einsturz zu bewahren. Der erste Gedanke, der einem hier in den Sinn kommen könnte, ist der wünschenswerte Zug 19… g7-g5, der in der Tat für klare Verhältnisse sorgen würde, wenn Weiß darauf nicht mit dem geplanten 20. Tc1xc6!! und gefährlichem Gegenspiel antworten könnte. Die Stellung würde danach bei bestem schwarzem Spiel immer noch vorteilhaft für Schwarz sein, aber jeder Fehlgriff könnte sofort schwerwiegende Folgen haben. Außerdem sähe es einem Anatoli Karpov gar nicht ähnlich, solche Verwicklungen zuzulassen, wenn man sie auch auf andere Weise umgehen kann.
Er spielte daher den unglaublich tiefen prophylaktischen Zug 19… Kb7-a8!!, der Weiß vor praktisch unlösbare Probleme stellt. Das Opfer auf c6 würde jetzt gar nichts mehr einbringen, während 20. Sb3-a5? an 20… Lf8-b4+! scheitern würde, was den Umstand, dass die weiße Dame das Feld e2 gedeckt halten muss, ausbeutet. Timman spielte daher 20. h2-h4, um das eminent drohende g7-g5 aus der Stellung zu nehmen, war aber letztlich chancenlos gegen die starke Zugfolge 20… d7-d5 21. De4-e3 g7-g5! 22. Lf4xg5 Lf8-b4+ 23. Ke1-f2 Th8-f8+ 24, Kf2-g2 Te8xe5! 25. De3xe5 Dh5-f3+ 26. Kg2-h2 Df3-f2+. Da gegen den folgenden Läuferschwenk nach c8 kein Kraut gewachsen ist, gab Timman auf. Übrigens favorisiert auch die Engine Karpovs 19. Zug klar gegenüber allen anderen Optionen. Erstaunlich, nicht wahr?

 

24. Breyer – Esser, Budapest 1917
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

Einen der meiner Meinung nach tiefsten Züge der Schachgeschichte spielte hier der ungarische Meister Gyula Breyer, nach dem heute ein System des geschlossenen Spaniers benannt ist (das er interessanterweise vorschlug, aber offenbar selbst nie gespielt zu haben scheint!).
Diese Stellung scheint regelrecht nach einer rabiaten Lösung zu verlangen – so würde sich etwa ein Zug wie 14. Dd1-g4 aufdrängen. Breyer spielte hier dagegen das auf den ersten Blick völlig unverständliche 14. Ke1-f1!!.
Dem Zug liegen zwei Pointen zugrunde: die erste wird dann deutlich, sollte Schwarz darauf mit 14… Le7-b4 antworten. In diesem Fall würde Weiß mit 15. Sc3xd5 tauschen und abhängig von der schwarzen Antwort fortsetzen. Nach 15… e6xd5 ist 16. f4-f5! sehr stark, während 15… c6xd5 mit 16. Lc1-e3 Kg8-g7 17. Th1-h7+ Kg7xh7 18. Dd1-h5+ Kh7-g7 19. Dh5-h6+ Kg7-g8 20. Lb1xg6 f7xg6 21. Dh6xg6+ Kg8-h8 22. Kf1-e2! beantwortet wird. Schließlich würde 15… Dd8xd5 16. Dd1-g4 Weiß ebenfalls spürbaren Vorteil überlassen.
Johannes Esser spielte daher 14… Sd5xc3 15. b2xc3 Lc8-b7 16. Dd1-g4 Kg8-g7, woraufhin die zweite Pointe erhellte. Nach 17. Th1-h7+!! Kg7xh7 18. Dg4-h5+ Kh7-g8 19. Lb1xg6 f7xg6 würde Weiß nach 20. Dh5xg6+ Kg8-h8 21. Dg6-h6+ Kh8-g8 22. g5-g6 nun verlieren, wenn sein König noch auf e1 stünde. Dann könnte Schwarz nämlich mit 22… Le7-h4+, gefolgt von 23… Dd8-e7 die Partie zu seinen Gunsten entscheiden. Da der König aber nicht mehr auf e1 stand, folgte nun das erzwungene 22… Tf8-f7 23. g6xf7+ Kg8xf7 24. Dh6-h5+ Kf7-g7 25. f4-f5! e6xf5 26. Lc1-h6+. Nach 26… Kg7-h7 hätte Breyer mit 27. e5-e6 am schnellsten gewinnen können. Stattdessen folgte 27. Lh6-g5+ Kh7-g8 28. Dh5-g6+ Kg8-h8, woraufhin 29. Lg5-f6+ Le7xf6 30. e5xf6 Dd8-g8 31. Dg6-h5+ Dg8-h7 32. Dh5-e8+ Dh7-g8 33. f6-f7! immer noch leicht gewonnen hätte. Breyer spielte in Wirklichkeit aber 29. Dg6-h6+ Kh8-g8 30. Dh6-e6+??, woraufhin die Partie objektiv remis ist. Nach wilden Abenteuern siegte Breyer doch noch im 47. Zug.
Die wahre Leistung des ungarischen Meisters bestand darin, die lange Kombination sicher berechnet und erkannt zu haben, dass die Stellung des Königs auf e1 die Position verderben würde. Daher wird Breyers außergewöhnlicher Königszug immer einen Ehrenplatz behalten.

 

25. Geller – Smyslov, Kandidatenviertelfinale, 5. Partie, Moskau 1965
Stellung nach dem 26. Zug von Schwarz

Die vielleicht beste Partie, die er jemals spielte, krönte Efim Geller mit einem selten kaltblütigen und unvergesslichen Zug. Man spürt unwillkürlich, dass Schwarz inmitten dieses Chaos total auf Verlust stehen muss. Tatsächlich zeigt die Engine leider eine etwa gleichwertige Nebenlösung des Problems mit dem profanen 27. g6xh7+ an.
Efim Geller bevorzugte jedoch – meines Erachtens zurecht – einen anderen Ansatz. Ursprünglich plante er hier das Abspiel 27. Tf2xf6 Lh8xf6 28. Dg5xf6 h7xg6 29. Df6xg6+ Kg8-h8 30. Lh6-g5. Nach 30… Te4-e6 31. Lg5-f6+ Te6xf6 kann Weiß aber nicht mit dem wünschenswerten 32. Tf1xf6 fortsetzen, da er sonst selbst auf der Grundreihe mattgesetzt würde. Um diese Verteidigung des Nachziehenden zu entkräften, spielte er hier das stoische 27. Kh1-g1!! und machte Vasily Smyslov damit sehr deutlich, dass ihm das schwarze Mehrtempo keinen Deut helfen würde. Die anwesenden Zuschauer sollen bei Gellers Zug regelrecht ausgeflippt sein vor Begeisterung! Es folgte noch 27… Lh8-g7 (auf 27… Te8-e6 ist zum Beispiel 28. Tf2-f3! kraftvoll) 28. Tf2xf6 Te4-g4 29. g6xh7+ Kg8-h8 30. Lh6xg7+ Dd7xg7 31. Dg6xg4!. Schwarz gab auf.
Es zeugt von großer Spielstärke, während eines solchen Orkans kurz innezuhalten und die Ruhe für so einen stillen Zug aufzubringen.

 

26. Tal – Darga, Hamburg 1960
Stellung nach dem 23. Zug von Schwarz

Jeder aktive Turnierspieler kennt solche Situationen, in denen ein Gewinn zum Greifen nahe ist, aber sich einfach nicht erzwingen lassen will. Gerade in solchen Situationen nützt das nachträgliche Analysieren mit einer Engine recht wenig, weil in den angegebenen Varianten irgendwo ein kaum zu findender Zug auftaucht oder eine chaotische Stellung entsteht, die lediglich ein Computer, aber kein Mensch richtig am Brett beurteilen kann.
Selbst der für seine zauberhaften Kombinationen gerühmte Mikhail Tal ließ sich durchaus von Pragmatismus leiten, wenn dies angezeigt war. Sicherlich erwog der Weltmeister hier das eine oder andere Opfer und verwarf es doch schnell, als er erkannte, dass dafür absolut keine Notwendigkeit besteht. Mag sein, dass der Computer den Zug 24. Te1-d1 minimal gegenüber dem Partiezug favorisiert, aber die Entscheidung des Weltmeisters, hier mit 24. Kg1-h1!! fortzusetzen, ist ausgesprochen rational. Tal selbst begründete den Zug damit, dass dieser Schritt des Königs zur Seite die absolute Hoffnungslosigkeit der schwarzen Stellung unterstreicht. Jedwedes kümmerliche Gegenspiel in Verbindung mit Schachgeboten entlang der schwarzen Diagonale wird damit im Keim erstickt, so dass Weiß alle Zeit der Welt hat, seine Stellung zu verbessern. Dafür benötigte Mikhail Tal übrigens noch volle drei Züge …

 

27. Hübner – Petrosian, Kandidatenviertelfinale, 7. Partie, Sevilla 1971
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Der armenische Exweltmeister nennt in dieser Stellung einen verdoppelten Mehrbauer sein Eigen, aber dennoch dürften die meisten Spieler diese Stellung lieber mit Weiß spielen wollen. Das sah wohl auch Dr. Robert Hübner so, denn zwei Züge zuvor hatte er ein Remisangebot des Nachziehenden ausgeschlagen. Petrosian war aber weithin für seine Verteidigungskünste berühmt und präsentierte hier ein weiteres Mal den Beweis dafür. Er zog hier eher überraschend 21… Kg8-h7! und schien damit dem weißen Eindringen auf b7 nichts entgegenzusetzen. Tatsächlich würde 22. Tb1-b7?? wegen 22… Dc7-c8 zu einem echten Bumerang geraten, doch was spricht gegen Hübners Zug 22. Da6-b7? Petrosian antwortete darauf mit dem vorbereiteten 22… Dc7xa5! 23. Db7xa8 Da5xc3, was mit dem König auf g8 nicht funktioniert hätte, da in diesem Fall der schwarze Turm mit Schach gefallen wäre. Interessanterweise bot nun Hübner nach 24. Da8xa7 selbst die Punkteteilung an, doch diesmal lehnte Petrosian trotz einer Minusqualität mit 24… Sf6xe4 ab. Objektiv bleibt die Partie etwa ausgeglichen, ist aber fraglos schwieriger für Weiß zu spielen. Hübner verlor jedoch in immer noch ausgeglichener Stellung nach einem schlimmen Schnitzer im 40. Zug.
Dennoch gebührt Petrosian Respekt für diese tiefe Verteidigungsidee, die seine Stellung trotz eines Qualitätsopfers verbessert. Die ins Abseits geratene Dame konnte von a8 aus nicht alle Bauernschwächen decken und brauchte Zeit, um wieder ins Spiel zu gelangen. Währenddessen hatte Petrosian seine Stellung vollkommen absichern können.

 

28. Kovacevic – Seirawan, Wijk aan Zee 1980
Stellung nach dem 14. Zug von Weiß

Der bekannte Großmeister Yasser Seirawan hat ein ausgesprochen gutes Gefühl für den König. Gleich drei Beiträge von ihm, in denen er sonderbare Dinge mit seinem Monarchen unternahm, sollen dies eindringlich verdeutlichen.
Oberflächliche Stellungseinschätzungen können sich manchmal als verhängnisvoll erweisen. Hier wäre man beispielsweise leicht dazu geneigt, die weiße Stellung wegen des großen Raumvorteils als klar besser anzusehen. Das genaue Gegenteil ist aber nach Seirawans bemerkenswertem Zug 14… Ke8-d7!! der Fall. Die weiße Stellung wird sich danach als überdehnt erweisen, denn nach dieser unerwarteten Wendung wird Schwarz nicht nur in der Lage sein, um die h-Linie zu kämpfen, sondern auch seinen König bombensicher auf c7 zu verstauen und den temporären Knoten in seiner Stellung wieder harmonisch aufzulösen. Der weitere Partieverlauf verdeutlichte dies: 15. Sb1-d2 Tg8-h8 16. Th1-g1 Kd7-c7 17. Ta1-b1 Th8-h3 mit Übernahme der Initiative. Seirawan siegte im 33. Zug.

 

29. D. Gurevich – Seirawan, Seattle 2000
Stellung nach dem 48. Zug von Weiß

In dieser scheinbar komplexen Stellung erhebt sich die Frage, ob Schwarz dazu in der Lage ist, die mangelhafte Koordination zwischen den weißen Streitkräften auszubeuten. Dass die drohende Springergabel auf c6 abgewendet werden muss, ist klar – aber weniger in welcher Form. Naheliegend erscheint 48… Kd8-c7, doch das gestattet Weiß, nicht nur ungeschoren, sondern sogar mit Vorteil nach 49. Sa7-c6 Db4-f8 50. Ld4-e5+ nebst 51. Sf3-d4 davozukommen. Auch das sofortige 48… Db4-f8 bringt wegen 49. Ld4xb6+ nebst 50. Sf3-d4 nichts ein.
Gerade hatte Schwarz 47… Ke7-d8 48. Sc8xa7 gewählt, und nun rückte Seirawan die Kräfteverhältnisse mit dem besonders absurden anmutenden Zug 48… Kd8-e8!! zurecht. Nun würde auf 49. h4-h5 der Doppelangriff 49… g6xh5+ 50. Kg4xh5 Db4-a3! folgen, doch auch nach der Partiefortsetzung 49. Sa7-c6 Db4-f8! verlor Weiß angesichts der Mattdrohung auf f5 eine Figur. Dimitri Gurevich leistete nach 50. Ld4-f6 noch lange Widerstand, unterlag aber erwartungsgemäß im 73. Zug, weil Seirawan nicht mehr locker ließ.

 

30. Reshevsky – Seirawan, Lugano 1987
Stellung nach dem 10. Zug

 

In dieser Stellung hat Weiß nicht nur einen angenehmen Raumvorteil, sondern auch taktische Motive zur Verfügung, die ihn allesamt zu begünstigen scheinen. Mit dem nächsten Zug stellte Seirawan das Kräfteverhältnis aber komplett auf den Kopf: nach 10… Ke8-f8!! deckt Schwarz nicht nur seinen Läufer auf g7, sondern stellt auch sicher, dass Weiß seinen Springer nicht mehr von d5 mit Schach abziehen kann. Tatsächlich hat Schwarz nach diesem unerwarteten Einfall klaren Vorteil. Reshevsky antwortete mit 11. Sd2-b3!? Sf6xd5 12. Lg5-h6!, aber nach 12… Sd7-f6 13. Lh6xg7+ Kf8xg7 14. c4xd5 e7-e5! behielt Schwarz seinen Vorteil und gewann im 43. Zug.

 

31. Ivanchuk – Adams, Terrassa 1991
Stellung nach dem 35. Zug von Schwarz

Michael Adams gilt als einer der größten Kenner des Marshall-Angriffs im Spanier. Viele Spieler hätten hier wohl nach einem forcierten Weg Ausschau gehalten, Fortschritte zu machen. In dieser Stellung stellte sich Adams allerdings eine Frage, die sich sonst wohl kaum einer gestellt hätte: was würde Weiß ziehen, wenn er am Zug wäre? Die Antwort lautet, dass Weiß keine seiner Figuren ohne Nachteil ziehen kann und deswegen trotz eines ziemlich vollen Bretts rasch in Zugzwang geraten wird, sobald die Bauernzüge ausgehen.
Adams zog daher ungerührt 35… Kh8-g8! und stellte Weiß damit vor unlösbare Probleme. Der Springer darf nicht ziehen, der weiße Turm würde auf e2 in eine Springergabel laufen und ein Zug des Läufers würde e3 ungedeckt lassen. Auf 36. g4-g5 ändert 36… h6-h5! nichts am Status quo, so dass 36. b2-b3 eine verständliche Wahl wird. Damit ist jedoch der Bauer auf c3 ungedeckt, was Adams mit 36… Lb8-f4 37. Td2-e2 Sd5xc3 38. Te2xe6 Db1xa2 ausnutzte. Nach vier weiteren Zügen stellte Ivanchuk den Widerstand ein.

 

32. Ivkov – Petrosian, Rio de Janeiro 1979
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Borislav Ivkov hatte die Eröffnung sicherlich schon besser als in dieser Partie behandelt: das Diagramm versammelt so ziemlich alles, was in der Sämisch-Variante der Königsindischen Verteidigung für Weiß schiefgehen kann. Außer einem Mehrbauer fallen nur negative Dinge ins Auge: Entwicklungsrückstand und der deplatzierte Springer auf g5. Insofern ist nicht verwunderlich, dass Tigran Petrosian wegen all der Vorzüge seiner Stellung oberflächlich handelte und sich wohl kaum dabei etwas dachte, den angegriffenen Läufer von e6 aus nach b3 zu ziehen. Hätte er ihn stattdessen nach a2 beordert, dann wäre der schwarze Vorteil wirklich deutlich ausgefallen, aber so bekam Weiß die unverhoffte Gelegenheit, mit dem grotesk anmutenden und alls andere als schablonenhaften Zug 21. Ke1-d2!! ernstzunehmenden Widerstand zu leisten. Schwarz kann danach selbst bei bestem Spiel offenbar keinen Vorteil behalten!
Auf b6 kann Schwarz beispielsweise wegen 22. Kd2-c3 mit Figurenverlust nicht nehmen. Wenn Schwarz stattdessen das offensichtliche 21… Sd7xc5+ wählt, dann muss er sich nach 22. Kd2-c3 um den drohenden Figurenverlust kümmern. Nun kommt 22… Lb3-a4?? wegen 23. Lf1-c4 überhaupt nicht in Frage, doch auch 22… Lb3-a2 löst das Problem wegen 23. Kc3-b2! nicht. Es bliebe daher nur die Variante 22… h7-h6 23. Le3xc5 Lf8xc5 24. Kc3xb3 h6xg5 25. Lf1-c4 mit verteilten Chancen. Hier könnte noch alles Mögliche passieren.
Petrosian zog daher sofort 21… h7-h6, doch nach 22. Kd2-c3! musste Petrosian 22… Lb3-a2 wählen, da 22… Lf8xc5 23. Le3xc5 Sd7xc5 24. Kc3-b4! kurioserweise die schwarzen Probleme nur noch zu vergrößern scheint. Nach 23. Kc3-b2 hatte sich Ivkov jedenfalls aller ernsten Probleme entledigt, doch verlor er dennoch im 42. Zug. Schade, denn Ivkovs Findigkeit hätte zumindest einen halben Punkt durchaus verdient gehabt!

 

33. Filguth – Korchnoi, Sao Paulo 1979
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Die schwarze Stellung macht keinen allzu guten Eindruck, denn insbesondere die Sicherheit des schwarzen Königs scheint Anlass zur Sorge zu geben. Der fundierte Kenner der Französischen Verteidigung spürte allerdings, dass er es sich erlauben konnte, seinem König mit 17… Ke8-d7!? ein ungewöhnliches Plätzchen zuzuweisen. Danach kann Schwarz eventuell am Königsflügel mittelfristig mit g7-g5 losstürmen, während Weiß gleichzeitig aus seiner Komfortzone gelockt wird und mit schablonenhaftem Spiel sicherlich nicht viel wird erreichen können. Die Engines schlagen zwar auch andere Züge vor, haben aber prinzipiell kaum Einwände gegen Korchnois mutigen Zug und beurteilen ihn auf jeden Fall als spielbar. Die psychologische Wende, die der unerschrockene Kämpfer dem Spiel verleiht, arbeitet zusätzlich für ihn. Weiß hätte hier wohl mit 18. Lb1-d3 antworten sollen, verzettelte sich aber mit planlosem Spiel und geriet bald in einen gefährlichen Angriff am Königsflügel. Sicherlich hatte es Korchnoi in seinem Leben schon mit stärkeren Gegnern als mit dem brasilianischen Internationalen Meister Ruben Filguth zu tun, aber dennoch beeindruckt die Art und Weise, wie er ihn schließlich im 34. Zug bezwang.

 

34. Huzman – Carlsen, Kallithea 2008
Stellung nach dem 17. Zug von Weiß

Hier hätten wohl mehr als 99% aller Spieler zunächst kurz rochiert und sich dann Gedanken gemacht, wie man nach 18. Da4-c4 den schwarzen Knoten entwirren kann. Schwarz steht wohl kaum signifikant schlechter, aber auf seinem rückständigen c-Bauer wird er entweder sitzenbleiben oder durch sein Vorrücken neue Schwächen schaffen müssen.
Das norwegische Ausnahmetalent spielte hier stattdessen unerschrocken 17… Ke8-d7! und plante damit eine effektivere Umgruppierung. Sofern ungehindert, wird Schwarz mit Zügen wie Sd8-e6, Th8-c8 und notfalls b6-b5 mehr oder weniger gefahrlos stabilisieren können. Sein erfahrener Gegner, Großmeister Alexander Huzman, sah das offenbar genauso und ging aufs Ganze, um diesen Plan zu durchkreuzen. Nach der weiteren Partiefolge 18. Ld2-b4 b6-b5 19. Da4-a3 Le7xb4 20. Da3xb4 a7-a5 21. Db4-b3 Sd8-e6 opferte er hier mit 22. Tc1xc6!? einen ganzen Turm. Nach 22… Dd5xc6 23. d4-d5 Dc6-c4 24. d5xe6+ bewies Carlsen allerdings, dass er auch ziemlich gut rechnen kann und knallte mehrere Züge lang jeweils den Favoritenzug des Computers aufs Brett: 24… Kd7xe6! 25. Sf3-d4+? (25. Db3-e3 wäre stärker gewesen) 25… Ke6-d5! 26. Db3-f3+ Kd5xd4! 27. Df3-e3+ Kd4-d5 28. Ta1-d1+ Kd5-e6 29. Td1-d6+ Ke6-e7 30. De3-g5+ Ke7-e8.
Nach einer halben Weltreise ist der schwarze König wieder zuhause angekommen, doch die meisten Spieler würden sich hier nach Huzmans Zug 31. e5-e6 (stattdessen führt 31. Dg5xg7 Th8-f8 in eine Sackgasse) wohl immer noch nicht wirklich wohlfühlen. Nach 31… Ta8-c8! (nicht jedoch 31… f7xe6 32. Dg5xg7 mit ausreichendem Gegenspiel für Weiß) 32. e6xf7+ Dc4xf7 33. Td6-d3 wehrte Carlsen mit 33… Df7-b7+ 34. Kg2-h3 Th8-f8 den Angriff rasch ab und siegte im 42. Zug.

 

35. Nakamura – Carlsen, Blitzpartie, Gjövik 2009
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Selbst in Blitzpartien ist das Stellungsgefühl des Weltmeisters so ausgeprägt, dass er binnen weniger Sekunden die ungewöhnlichsten Pläne entwerfen kann. Schwarz steht fraglos gut und kann auch mit „normalen“ Zügen wie 21… Dd8-c7 eine gute Stellung erhalten, doch Carlsen spielte hier stattdessen 21… Ke8-d7!. Dem ungewöhnlichen Plan, den König auf c6 zu verstauen, hatte Nakamura in dieser Blitzpartie jedenfalls nichts entgegenzusetzen. Aufgrund der blockierten Bauernstruktur fand er keinen Weg, um zum gegnerischen König durchzudringen und machte stattdessen planlose Züge, die seine ganze Hilflosigkeit demonstrierten. Nach 22. Sf3-e1 Kd7-c6 23. Se1-c2 Lf8-b4 24. Tf1-f2 Dd8-e7 25. Dg4-h3 Ta8-g8 26. Le2-f1 Tg8-g7 27. Sc2-e3 Kc6-b7 hatte Schwarz seine Intiative spürbar ausgebaut und verhinderte nach 28. Se3-g4 Sb6-d7 ein Eindringen des weißen Springers auf f6. Carlsen gewann im 53. Zug.

 

Königsmärsche

 

36. Petrosian – Unzicker, Hamburg 1960
Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz

Der spätere armenische Weltmeister gilt als einer der größten Strategen in der Geschichte des Schachspiels – ein beeindruckendes Beispiel sehen wir hier. In dieser Stellung dominiert Petrosian das Geschehen vollkommen und hat jedwedes Gegenspiel verhindert. Während sich viele weniger begabte Spieler hier fragen würden, wie man diesen Vorteil verwerten soll, so lag der Plan für Petrosian vermutlich ziemlich nahe. Er spielte hier 29. Kg1-f1!, was aber beileibe kein Abwartezug ist. Vielmehr soll der König zum Damenflügel in Sicherheit gebracht werden, damit anschließend der Bauernsturm am Königsflügel erfolgreich und ohne die Sicherheit des eigenen Monarchen zu gefährden gestartet werden kann. Nach den darauffolgenden Zügen 29… Kg7-f8 30. h2-h4 h6-h5 31. Tc1-c2 Kf8-g7 32. Kf1-e1 Kg7-g8 33. Ke1-d1 Kg8-h7 34. Kd1-c1 Kh7-g8 35. Kc1-b1 hatte Weiß sein Manöver abgeschlossen, ohne dass Schwarz dabei in der Zwischenzeit etwas erreichen konnte. Nach 35… Kg8-h7 36. Db5-e2 Da8-b7 37. Tc2-c1 Kh7-g7 38. De2-b5 Db7-a8 39. f2-f4 blies Petrosian mit 39… Kg7-h7 40. Db5-e2 Dc8-b7 41. g3-g4 zur Attacke und siegte im 55. Zug.

 

37. Petrosian – Peters, Lone Pine 1976
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

Hier ist Petrosians Plan noch weniger naheliegend, aber die statische Bauernstruktur und die damit verbundene Hebelarmut stellen sicher, dass rasche Linienöffnungen so schnell nicht zu befürchten sind. Weiß wird also seinen Raumvorteil auf ähnliche Weise langsam, aber sicher wie im vorigen Beispiel ausbauen können. Analog der sechzehn Jahre zuvor gespielten Partie wählte der Exweltmeister hier 30. Kg1-f1! und bereitete damit den Marsch zum Damenflügel vor. Nach 30… Te8-e6 31. Df5-b5 Sc6-a7 32. Db5-b3 Sa7-c6 (ein passives Eingeständnis) 33. h4-h5 Sc6-e7 34. Kf1-e1 Se7-d5 35. Db3-b5 Sd5-f6 36. Ke1-d1 Sf6-d5 37. Lf4-e5 Sd5-e7 38. g3-g4 Se7-c6 hatte Schwarz offensichtlich nichts erreicht. Weiß setzte mit 39. Le5-g3 Sc6-a7 40. Db5-b3 Sa7-c6 fort, woraufhin die Stellung allmählich den Anschein erweckt, dass Schwarz nach jedem Königszug von Weiß aussetzen musste! Nach 41. Kd1-c1 Te6-e4 42. f2-f3 Te4-e3 43. Kc1-b1 war das weiße Manöver abgeschlossen. Die Partie dauerte nur noch sechs weitere Züge bis zum weißen Sieg.

 

38. Chuchelov – Hillgaertner, Deizisau 1999
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

Eine Königswanderung, die für so manches Abspiel der Königsindsichen Verteidigung typisch geworden ist, gibt es hier zu bewundern. Weiß hat am Damenflügel schon beträchtliche Fortschritte erzielen können und muss an diesem Brettabschnitt nichts forcieren. Durch das ungenaue schwarze Spiel sind seine Angriffsmöglichkeiten am Königsflügel bereits mehr oder weniger auf ein Figurenopfer auf g4 beschränkt, das früher oder später erfolgen muss. Klar ist aber auch, dass ein solches Opfer nicht wirklich gefährlich ist, wenn sich der weiße König dort nicht mehr aufhalten sollte. Vladimir Chuchelov, der später übrigens eine Zeitlang der Trainer eines gewissen Fabiano Caruana war, evakuierte hier sehr eilig seinen König mit 21. Kg1-f1! Tf7-h7 22. Kf1-e1! Dd8-e8 23. Ke1-d2 De8-g6 24. Kd2-c2 h5xg4 25. h3xg4 Ld7-e8 26. Kc2-b2 und stand danach bereit, die Stellung mit dem Tausch auf d6 zu öffnen. Chuchelov gewann dank seines Manövers relativ leicht im 43. Zug.
Im Gegensatz zu den beiden obigen Beispielen begab sich der König diesmal interessanterweise auf den Flügel, wo die eigenen Kräfte angriffen und ihm trotzdem nichts anzuhaben war.

 

39. Psachis – Hebden, Chicago 1983
Stellung nach dem 42. Zug von Schwarz

Noch seltener als Königsmärsche in der waagrechten Dimension sind solche Fälle, in denen ein König den Vorwärtsgang einlegt – sei es zur Verteidigung oder zum Angriff.
Ein besonders interessantes Beispiel sehen wir hier. Weiß hat erdrückendes positionelles Übergewicht, aber wie soll man es verwerten? Lev Psachis erkannte, dass alle gegnerischen Figuren an die Verteidigung der schwachen Felder gebunden sind und ersann hier einen einmaligen Plan, den er mit 43. Kg2-f1! einleitete. Mark Hebden dürfte hier noch nichts Böses geahnt haben, doch nach 43… Lb6-a7 44. Kf1-e2 La7-b6 45. Ke2-d3 Lb6-a7 46. Kd3-c4! kann Schwarz die Stellung irgendwann nicht mehr halten. Das Spiel ging dann weiter mit 46… De7-c7+ 47. Kc4-b3 Dc7-e7 48. g3-g4 La7-b6 49. Kb3-c4 Lb6-a7 50. Kc4-b5!!, worauf Schwarz allmählich in Zugzwang zu geraten drohte. Es folgte 50… De7-e8+ 51. Ld5-c6 De8-d8 52. Kb5-c4 Dd8-e7 53. Df5-d7! De7-e6+ 54. Dd7xe6 f7xe6 55. Tf3xf8 Kg7xf8 56. Kc4-b5 Kf8-e7 57. Kb5-a6 La7xf2 58. c3-c4 Ke7-d8 59. Ka6-b7. Nun hatte sich die frühzeitige Aktivierung des weißen Königs ausgezahlt, denn Weiß siegte im 69. Zug.

 

40. Kasparov – Short, Schnellpartie, London 1987
Stellung nach dem 46. Zug von Weiß

Mag sein, dass der emotionslose Computer in dieser Stellung das gierige 46… Sd5xc3 bevorzugt. Viel schöner und objektiv noch viel unangenehmer ist Nigel Shorts Plan, seinen König vom Gejagten zum Jäger zu machen. Der Brite entkorkte hier das spektakuläre 46… Kg6-h5!!, womit er seinen König endgültig in Sicherheit bringt und möglicherweise droht, bis nach g3 vorzudringen! Selbst der Weltmeister Garri Kasparov konnte diesem Plan bei knapper Zeit nichts mehr entgegensetzen und verlor nach 47. Tb8-a8 Da7-c5 48. Ta8-c8 Dc5xa3 49. g3-g4+ Lf3xg4 50. Tc8xc4 Da3-a1. Weiß gab auf, aber selbst das von den Engines empfohlene 47. Tc8-e8 Te7-f7 48. Te8-a8 Sd5-e3+! 49. Lc1xe3 Lf3xa8 hätte wohl nicht gereicht, um die Partie zu halten.
Hätte Nigel Short vier Jahre später nicht so denkwürdig gegen Jan Timman gewonnen [Nr. 3], dann wäre dies wohl seine beste Königswanderung geworden!

 

41. Shipov – Savchenko, Maikop 1998
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Nach einer cleveren Kombination von Weiß hatte Schwarz ersatzlos einen Bauer verloren und dabei versucht, den Schaden bestmöglich in Grenzen zu halten. Dabei hatte er diese Stellung angestrebt und wäre natürlich auch nach 22. Kh3-g2 Le5xg7 signifikant schlechter gestanden. Der russische Großmeister sah aber einen Weg, die Partie schneller und deutlicher zu beenden, indem er seinen König vorausschickte. Mit 22. Kh3-h4!! war Weiß willens, den vermeintlich gefährlichen Angriff auf den weißen König als harmlos zu entlarven, was ihm nach 22… Kg8xg7 23. Kf4xg5 Da7-d7 24. Le2-g4! Dd7-d8+ 25. Kg5-h5 Kg7-h8 26. f2-f4 Te8-g8 27. Lg4-f5 Ta8-c8 28. Dc2-c1! Tc8-c6 29. f4xe5 auch überzeugend gelang. Schwarz gab auf.
Ich glaube kaum, dass in der Diagrammstellung viele Spieler Shipovs Zug gewählt hätten, weil sie auch ohne großes Risiko mit dem Rückzug nach g2 hätten fortsetzen können. Im Vertrauen auf seine Rechenfähigkeiten gab Weiß aber der stärkeren Alternative den Vorzug und schlug die Attacke des Gegners einfach kaltblütig ab.

 

42. Ivanovic – Sveshnikov, Krk 1976
Stellung nach dem 22. Zug von Weiß

Als die Sveshnikov-Variante der Sizilianischen Verteidigung noch in den Kinderschuhen steckte, waren es auch Partien ihres Erfinders wie diese, die immer mehr Schwarzspieler von der Spielbarkeit dieses Systems überzeugten – mit dem Ergebnis, dass dieses System heute als eines der widerstandsfähigsten Abspiele des Sizilianers überhaupt gilt.
Für Zartbesaitete ist dieser Aufbau allerdings ungeeignet, denn bisweilen sind solche Züge wie der, den der junge Internationale Meister hier spielte, an der Tagesordnung. Schwarz spielte hier nämlich 22… Kf6-e5!!, was nicht nur gut spielbar ist, sondern praktischerweise auch den Gegner dazu verleitet, seine Stellung zu überziehen. Objektiv sollte sich Weiß hier wohl auf die unklare Variante 23. Lb5-e2! Lf8-g7 24. Db8-b3 f5-f4 25. Ta1-e1 einlassen, doch kann man Weiß ernsthaft einen Vorwurf machen, dass er hier 23. f2-f4+!? versuchte? Schwarz antwortete jedenfalls mit 23… Ke5xf4!, worauf Weiß am Scheideweg stand … und die falsche Entscheidung traf.
Mit 24. Db8xd6+ Te7-e5 25. Dd6-c6 Th8-g8 26. Ta1-d1 Tg8xg4 27. Td1-d4 wäre Weiß besser beraten gewesen, denn hier müsste Schwarz erst den Zug 27… Kf4-e3!! finden, um die Partie im Gleichgewicht zu halten! Weiß spielte aber in Wirklichkeit 24. Kf1-e2? und fand nach 24… Kf4-e5 25. Th1-f1 f5xg4! 26. b2-b4 Lf8-g7! 27, b4xa5 Th8xb8 nicht mehr genügend Gegenspiel, um die Niederlage abzuwenden. Sveshnikov gewann überzeugend im 38. Zug.

 

43. Browne – Smyslov, Las Palmas 1982
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Der siebte Weltmeister war für seinen klaren, positionellen Stil und seine Endspieltechnik berühmt, doch auch in seiner langen Karriere dürfte es ihm nur selten gelungen sein, so glänzend Gebrauch von seinem König zu machen. Hier ist Smyslovs a-Bauer angegriffen, doch anstatt ihn mit dem Turm zu decken, beorderte Smyslov seinen König furchtlos mit 21… Kc5-b4! furchtlos nach vorne. Nach 22. Th1-c1 c7-c5! 23. e2-e3 d5-d4! 24. e3xd4 c5xd4 war Weiß gezwungen, seinen indirekt hängenden a-Bauer vorzuziehen und unfreiwillig eine Bresche in seine Bauernfestung zu schlagen: 25. a2-a3+ Kb4-b3 26. Sc3-d1 war die Stellung, die Smyslov angestrebt hatte. Nach 26… Le6-c4! 27. Sd1-f2 Sf6-d5! 28. Sf2-e4 Sd5-e3 29. Se4-c5+ Kb3-a2! hatte seine Strategie endgültig triumphiert. Drei Züge später musste Browne aufgeben.
Dass der schwarze König dabei an vorderster Front kämpfte, während der Turm im Eck bis zum Ende der Partie keinen einzigen Zug ausführte, ist schon bemerkenswert und höchst selten!

 

44. Korchnoi – Tal, Jerewan 1962
Stellung nach dem 43. Zug von Schwarz

Etwas ähnlich Kühnes gelang auch Viktor Korchnoi zwanzig Jahre zuvor, wobei in diesem Fall sogar noch die Damen auf dem Brett und die Gefahren somit größer waren.
Diese dramatische Partie entschied letztlich über den Ausgang der UdSSR-Meisterschaft von 1962. Mikhail Tals Angstgegner, Viktor Korchnoi, hatte durch eine clevere Stellungswiederholung zuvor erreicht, dass die Partie hier abgebrochen und am nächsten Tag als Hängepartie wieder aufgenommen wurde. Dadurch hatte er genug Zeit, den kühnen Plan, beginnend mit 44. Kh2-g3! auszuarbeiten. Mit der Einbeziehung des Königs als letzter Kampfeinheit gelingt es Weiß entscheidend, den Druck zu verstärken. Nach 44… Te8-b8 45. Kg3-h4 Dd7-f7 46. Kh4-g5 war der König an seinem Bestimmungsort angelangt. Auf 46… f5xg4 47. h3xg4 Le6-d7 48. Td4-c4 a5-a4 machte Korchnoi dann den Sack zu mit 49. Tc4-c7 a4-a3 50. Tc7xd7! Df7xd7 51. e5-e6 Dd7-a7 52. Dd6-e5! a3xb2 53. e6-e7 Kg8-f7 54. d6-d7!. Schwarz gab auf.
Wie es Korchnoi gelang, den König vor lästigen Schachgeboten zu bewahren und ihn dabei plötzlich in den Angriff einzubiehen, macht auch dann noch Eindruck, selbst wenn man bedenkt, dass dies das Ergebnis einer Analyse aus einer Hängepartie war.

 

45. Karpov – Saizev, Kuibyshev 1970
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Einen missratenen Ausflug des Königs erlebte Korchnois späterer Erzfeind acht Jahre danach.
Wer schon immer dachte, dass die Rubinstein-Variante der Französischen Verteidigung langweilig sei, der hat diese Partie noch nicht gesehen! Es ist schon gewöhnungsbedürftig, ausgerechnet den sonst so grundsolide spielenden späteren Weltmeister Anatoli Karpov in einer solch üblen Position zu erleben. Es half jedoch alles nichts – und so griff Weiß in dieser heiklen Situation hier wohl oder übel mit 18. Ke3xe4! zu und konnte sich nach 18… Df6xf7 gerade so über Wasser halten mit 19. Th1-h3 a7-a6! 20. Db5-g5 h7-h6 21. Dg5-e3. Hätte Schwarz hier nun 21… Sd7-f6+ 22. Ke4xd3 Sf6xg4, gefolgt von der Gabel auf f2 gewählt, dann wäre Karpov wohl kaum mit heiler Haut davongekommen. Stattdessen geschah 21… e6-e5? 22. Ke4xd3, wonach die Engines schon wieder Ausgleich auszeigen. Karpov siegte sogar im 72. Zug.

 

46. Teschner – Spassky, Riga 1959
Stellung nach dem 14. Zug von Weiß

In dieser Stellung hatte sich Weiß offensichtlich mehr von seinem Opfer erhofft als es dann tatsächlich ergab. Vor diesem Hintergrund versuchte er hier soeben 14. h4-h5 und erntete die Antwort 14… Kh6xg5!, die sich überraschenderweise als die klar stärkste Option herausstellt. Nach 15. f2-f4+ Kg5-h6 16. h5xg6+ Kh6-g7 17. Th1-h7+ Kg7-g8 18. 0-0-0 Lf6-g7 war der Angriff abgeschlagen, doch Spassky brauchte noch bis zum 78. Zug, um zu gewinnen.
Dass das stärkste Verteidigungsmanöver in einer Stellung darin besteht, den König nach vorne zu beordern und die Angreifer höchstpersönlich zu vernichten, erlebt man auch nicht alle Tage!

 

47. Ivanchuk – Wei Yi, Hoogeveen 2017
Stellung nach dem 19. Zug von Schwarz

Auch Vasily Ivanchuk hatte unlängst ein Abenteuer mit einem König mitten auf dem vollen Brett. Gerade hatte sein Gegner, der aufstrebende junge chinesische Großmeister Wei Yi, einen Turm auf e3 geopfert und damit den weißen König vorgelockt. Nun wollte er mit dem soeben geschehenen 19… d5-d4+ die Stellung zu seinen Gunsten vereinfachen, indem er nach dem Rückzug des Königs nach f2 auf c3 nimmt und die weiße Bauernstruktur schwächt. Nicht ganz plangemäß geschah hier allerdings 20. Ke3xd4!!, womit Ivanchuk seinem Gegner den Unterschied zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit aufzeigte: mit ein paar akkuraten Zügen schlug Ivanchuk den Angriff nämlich ab und fuhr den vollen Punkt ein. Da der weiße König nach seinem Beutezug wieder den Rückzug nach e3 anzutreten droht, ist 20… Tc5-e5 praktisch erzwungen. Nach 21. Le2-d3! hat Schwarz aber keine sinnvollen Schachgebote und musste mit 21… Lf5-e6 schon im Trüben fischen. Nach 22. Db3xb7 gestand der junge Chinese das Scheitern seines Plans indirekt mit 22… Kg8-g7 ein (auch 22… Da5-a4+ 23. Ld3-c4 verpufft wirkungslos) und gab die Partie nach 23. Sd2-e4 Sf6-d5 24. Lg3xe5+ Sd7xe5 25. Tc3-c5! auf.

 

48. Hillarp Persson – Laurusas, Batumi 2018
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

In dieser Stellung scheint nur klar zu sein, dass nichts klar ist! Schwarz droht mit einem Damenschach auf g2, aber auch ein Turmzug nach g2 liegt in der Luft. In dieser Situation trat Weiß allerdings durch 30. Kf3-f4!! mit seinem König die Flucht nach vorne an. Schwarz konnte nun diese Ungeheuerlichkeit offenbar nicht auf sich sitzen lassen und griff mit 30… Df1xf2+? ungeniert zu, worauf die Partie tatsächlich für ihn verloren ist! Nach 31. Kf4-g5! wurde aus dem Gejagten schon bald ein Jäger, der über h6 entscheidend in die Stellung einzudringen droht. Nach 31… Kg8-g7 32. Th4-f4 Df2xh2 33. De7-f6+ Kg7-h7 34. Df6xg6+!! Kh7-h8 (nichts hilft 34… f7xg6 35. Te3-e7+ Kh7-g8 36. Lc6-d5+ Tf8-f7 37. Te7-e8+) 35. Kg5-h6! hatte Nigel Shorts berühmte Königswanderung gegen Timman [Nr. 3] sozusagen einen würdigen Nachfolger!
Schwarz hätte im 30. Zug allerdings den Köder auf f2 verschmähen und stattdessen 30… Df1-a1 mit ungefährem Ausgleich ziehen sollen. Was wäre uns dann aber für ein Juwel entgangen?!

 

49. Bukavshyn – Lysyj, Chita 2015
Stellung nach dem 13. Zug von Weiß

Moderne Eröffnungsvorbereitung hat inzwischen eine Dimension angenommen, die für Amateure manchmal ernüchternd und unverständlich sein kann. Die Theorie dieser Variante aus dem Nimzo-Inder wurd durch diese Partie in einem Maße bereichert, das schlicht atemberaubend ist. Weiß hatte hier soeben einen Springer auf f7 geopfert (nach erfolgter Rochade sieht man so etwas auch eher selten!), worauf sicherlich fast alle Spieler mit dem – übrigens gut spielbaren – Zug 13… Tf8xf7 zurücknehmen würden. Großmeister Igor Lysyj spielte hier „im Remissinne“ jedoch 13… Kg8xf7!, was den Druck auf den Weißspieler spürbar erhöht, wenn er gewinnen will. Es ging weiter mit 14. Lc4xe6+ Kf7xe6! 15. Dd1-b3+ Ke6-f5, worauf Weiß zunächst zweimal die Stellung wiederholte (Db3-c2-b3-c2+ und Kf5-e6-f5-e6) und dann das scharfe 19. Dc2-g6!? riskierte. Nach 19… Lb4xc3 20. b2xc3 Tf8-e8 21. Tf1-e1+ Ke6-d5 22. c3-c4+! will die Engine allen Ernstes auch noch auf d4 nehmen (!), aber Schwarz spielte 22… Kd5-c6. Weiß entgegnete darauf stark 23. Dg6-g3!, worauf die Partie schließlich im 34. Zug doch remis endete.
Dieses Beispiel zeigt, welche Risiken manch moderne Spieler inzwischen in Kauf nehmen, nur um auch mit Schwarz Gewinnchancen zu erhalten. Ich bin mir allerdings sicher, dass nur eine gründliche Vorbereitung derart mutige Entscheidungen stützen kann!

 

50. Pinter – Thomson, Edinburgh 1989
Stellung nach dem 26. Zug von Schwarz

In einer von Anfang bis Ende sehenswerten Partie hatte der ungarische Internationale Meister nicht nur die Dame geopfert, sondern auch durch eine sehenswerte Rochade den Druck auf seinen Gegner erhöht. Hier hat er nur zwei Leichtfiguren für die Dame, doch sein positionelles Übergewicht ist erdrückend. Es erhebt sich die Frage, ob Weiß den Schachgeboten entkommen kann, ohne dabei entscheidend Material einzubüßen.
Pinter hatte vor zwei Zügen in dieser Stellung den König nach f1 gezogen, worauf Schwarz die Stellung mit den Damenschachs auf d1 und d4 wiederholte. Diesmal nahm Weiß allerdings seinen ganzen Mut zusammen und spielte 27. Kf2-f3!. Es ist nicht ganz klar, auf welches Ergebnis der Nachziehende jetzt eigentlich spielte, denn mit dem einfachen 27… e5-e4+ 28. Kf3-g2 Dd4xb2 29. Sg7-e6+ Kf8-e8 30. Se6-g7+ war die Punkteteilung zu erzwingen. Vielleicht glaubte er auch, das Remis in der Tasche zu haben und daher risikolos auf Sieg spielen zu können. Nach dem Partiezug 27… Dd4-d1 wählte Pinter 28. Tc7xa7, woraufhin das Schachgebot auf h1 immer noch objektiv remis wäre. Es geschah aber 28… Dd1-f1+?! 29. Kf3-e4. Die letzte Remischance hätte nun in 29… Df1-h3 bestanden, aber mit dem geplanten 29… Df1xe2+? brachte sich Schwarz selbst in Schwierigkeiten. Nach 30. Ke4-d5! steht Weiß tatsächlich auf Gewinn, zum Beispiel: 30… De2-d3+ 31. Kd5-e6! Dd3xc4+ 32. Ke6-f6! Dc4-c6+ 33. Sg7-e6+! oder analog 32… Dc4-f1+ 33. Lh6-f4! mit raschem Matt. In der Partie wählte Schwarz 30… De2xh2, was ein Bilderbuchmatt nach 31. Sg7-e6+ Kf8-e8 32. Kd5-d6! Dh2xh6 33. Ta7-e7#! ergab.

 

51. Cheparinov – Sutovsky, Poikovsky 2013
Stellung nach dem 25. Zug von Schwarz

In dieser ultrascharfen Grünfeld-Stellung stellte Ivan Cheparinov nicht etwa eine Figur auf g3 dazwischen, sondern zog hier völlig unerschrocken 26. Kh4-g5!!. Erstaunlicherweise sind die schlecht koordinierten schwarzen Kräfte nicht in der Lage, dem dreisten König etwas anzuhaben! Durch die Mattdrohung auf h7 sind die schwarzen Optionen stark eingeschränkt. Auf 26… f7xg6 würde beispielsweise 27. Kg5-h6! gewinnen, doch auch eine zwar spektakuläre, aber schlechte Variante wie 26… Se1-f3+ 27. Kg5-h6 Df2xh2 28. Dh3xh2 Sf3xh2 29. g6xf7+ Kg8xf7 30. Tg4-g7+ nebst 31. Tg7xe7+! und 32. Lc1-g5+ kann Schwarz nicht gefallen.
Sutovsky wählte 26… f7-f6+, doch nach 27. Kg5-h6 f6-f5 (es drohte 28. Tg4-g2 und 29. Dh3-e6+) 28. Tg4-g3 Df2xe2 29. Kh6-g5! hätte er bereits aufgeben können. Er spielte stattdessen noch das aussichtlose 29… Tf8-f7 und gab vier Züge später auf. Wie viele Stunden – wenn nicht Tage – sind an Vorbereitung nötig, um solch messerscharfe Variante spielen zu können?!

 

52. Gashimov – Grischuk, Bursa 2010
Stellung nach dem 29. Zug von Weiß

Eine der sehenswertesten Partien von Alexander Grischuk ist dieses atemberaubende Duell gegen den viel zu früh verstorbenen aserbaidschanischen Großmeister Vugar Gashimov. Beide waren wohl kampfeslustig gestimmt und stürzten sich daher ins unüberschaubare Getümmel der berühmt-berüchtigten Bauernraub-Variante im Najdorf-Sizilianer.
Schwarz hat im Moment eine Figur mehr, aber die unsichere Stellung seines Königs und der mit Schach hängende Läufer machen ihm zu schaffen. Im Sinne der Sicherheit hätten die meisten Schwarzspieler hier zumindest kurz erwogen, die Damen zu tauschen und die Mehrfigur zurückzugeben, dann aber erkannt, dass der blanke schwarze König schutzlos dem Angriff der weißen Figuren ausgeliefert bleibt. Alexander Grischuk war hier vollkommen klar, dass die wacklige Stellung seines Königs nur dadurch zu kompensieren ist, indem er spürbaren materiellen Vorteil behält. Er spielte daher furchtlos 29… Ka5-a4!! und verhinderte damit, dass sein Läufer mit Schach fällt. Weiß kann nicht selbst die Damen tauschen, da anschließend seine eigener Läufer auf e3 hängen würde. Gashimov spielte daher 30. a3xb4, musste aber nach 30… Dd5xd3 natürlich weiterhin mit einer Figur weniger auskommen. Es ging weiter mit 31. Dh5-a5+ Ka4-b3 32. Tc1xc3+ Dd3xc3 33. Le3-d2 und dem kaltblütigen 33… b7-b6!!, was den Gipfel der Verteidigungskunst darstellt und von Grischuk bereits im 29. Zug vorausgesehen werden musste. Nach 34. Da5xb6 Dc3-e5+ 35. Ke1-d1 Lc8-b7! 36. Db6xb7 Th8-d8 37. Tf7-f3+ Kb3-a2 38. Tf3-f2 krönte Grischuk seine Glanzpartie mit 38… Ka2-b1!. Nach 39. Db7-f3 Ta8-c8 40. Df3-b3+ De5-b2 41. Db3xb2+ Kb1xb2 war dem weißen Angriff die Puste ausgegangen. Weiß gab auf.

 

53. Navara – Wojtaszek, Biel 2015
Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz

 

Die Partie seines Lebens dürfte der tschechische Großmeister David Navara hier gespielt haben. Zunächst einmal ist nicht zu erkennen, was an dieser Stellung Besonderes dran sein soll, aber nach 21. Kf2-g1 Lh4-g5 hat Weiß ein Problem mit dem hängenden Bauer auf e3 und dem Springer auf c5, der gleich mit ihm verloren gehen würde. Es scheint, dass die Partie remis ist, denn 22. Tb1-e1 Lg5-h4 und 22. Kg1-f2 Lg5-h4+ sind nur zwei Optionen, um die Stellung zu wiederholen. Die einzig verbliebene Option scheint dagegen zu riskant, oder? Es gab nur zwei Möglichkeiten: ein billiges Remis zuzulassen oder sich auf ein hochriskantes Spiel einzulassen.
Navara ging hier tatsächlich aufs Ganze und spielte 21. Kf2-f3!!. Damit ist die Partie keinesfalls zwingend zu gewinnen – nein, sie bleibt im Gegenteil remis. Das konnten aber beide Kontrahenten nicht wirklich ahnen, und selbst dann ist die Verlockung für Schwarz, auf Gewinn zu spielen, viel zu groß. So entwickelt sich also eine der irrsinnigsten Partien aller Zeiten nach 21… e5-e4+. Navara setzte fort mit 22. Kf3-f4! g7-g5+ 23. Kf4-f5 und hatte auch seine Trümpfe nach 23… Th8-e8: der Bauer auf e4 ist schwach, und Schwarz hat Probleme mit seinem verhedderten Läufer auf c4. Kann all dies die prekäre weiße Königsstellung aufwiegen?
 Fortgesetzt wurde die Partie mit 24. Th1-d1?!, was laut Engines Schwarz nach dem absurden 24… Lc4-d3!! Vorteil gäbe. Kaum überraschend allerdings, dass Wojtaszek nicht so spielte und stattdessen 24… Te8-e5+ 25. Kf5-f6 Td8-g8 26. b3xc4 Tg8-g6+ 27. Kf6xf7 Te5-e7+ bevorzugte. Nach 28. Kf7-f8 hätte Schwarz beispielsweise mit 28… Te7-g7 das Remis erzwingen können, aber wer hätte in dieser Stellung nicht mit Schwarz auf Gewinn gespielt?! Der polnische Großmeister wählte 28… Tg6-f6+, worauf der weiße König nach 29. Kf8-g8 Tf6-g6+ 30. Kg8-h8 das Ende der Welt erreicht hatte. Nach 30… Tg6-f6 31. Td1-f1 Lh4-f2 32. Tf1xf2! Tf6xf2 33. Tb1-f1 hätte Schwarz unbedingt das Zwischenschach auf e8 einstreuen und erst danach auf g2 nehmen sollen. Stattdessen geschah (vermutlich in Zeitnot) sofort 33… Tf2xg2? 34. Tf1-f8+ Kc8-c7 35. Sc3-d5+ mit weißem Sieg im 45. Zug. Dass Navaras König bei vollem Brett auf h8 überlebte und sein Mut belohnt wurde, ist einfach nur Wahnsinn!

 

Außergewöhnliche Rochaden

 

54. Kasimdzhanov – Kasparov, Schnellpartie, Batumi 2001
Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz

Beginnen wir unseren Überblick über ungewöhnliche Rochaden mit einem selten amüsanten Kuriosum, in das kein Geringerer als Weltmeister Garri Kasparov verwickelt war. Hier spielte sein Gegner Rustam Kasimdzhanov nichtsahnend 10. 0-0??, was Kasparov seinerseits mit 10… 0-0?? beantwortete. Wenige Sekunden später fiel Kasparov auf, dass Weiß die Partie gerade eingestellt hatte und das Versehen mit 10… Ld6-e5! zu bestrafen gewesen wäre. Tatsächlich denkt man sich häufig nicht viel dabei, wenn man rochiert, aber dass selbst zwei so hochdekorierten Spielern ein solches Missgeschick unterlaufen kann, ist schon seltsam.
Kleiner Trost für Kasparov: er gewann dennoch im 29. Zug.

 

55. Hoffmann – Petrov, Warschau 1844
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Hier spielte Schwarz die vielleicht berühmteste Rochade der Geschichte. Nach 12… 0-0!! steht Weiß in allen Varianten auf Verlust, zum Beispiel: 13. Dd1xd5 Tf8xf7 14. Dd5xc5 Dd8-g5+ mit raschem Matt. Weiß spielte glücklicherweise 13. Sf7xd8, damit Schwarz die volle Dimension der Kombination präsentieren durfte: 13… Lc5-f2+ 14. Kg3-h3 (oder stattdessen 14. Kg3-g4 Tf8-f4+ 15. Kg4-g5 h7-h6+ 16. Kg5-h5 Tf4-h4+ 17. Kh5-g6 Sd5-e7#!) 14… d7-d6+ 15. e5-e6 Se6-f4+! mit Matt nach 16. Kh3-g4 Sf4xe6 in allerspätestens neun Zügen. Weiß versuchte 17. Sd8xe6 Lc8xe6+ 18. Kg4-g5 und wurde sehenswert mit 18… Tf8-f5+ 19. Kg5-g4 h7-h5+ 20. Kg4-h3 Tf5-f3# erlegt.

 

56. Korchnoi – Karpov, Kandidatenfinale, 21. Partie, Moskau 1974
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

Diese Partie dürfte ein heißer Anwärter auf die vielleicht grausamte Niederlage in Karpovs Karriere sein, denn nach 17 Zügen war seine Stellung bereits vollkommen zerfleddert. In diesem Moment muss Viktor Korchnoi ziemlich nervös gewesen sein, denn mit einem so schnellen Sieg durfte auch er nicht unbedingt gerechnet haben. Er fragte in dieser Stellung allen Ernstes den Schiedsrichter, ob die kurze Rochade hier wegen des angegriffenen Turms erlaubt sei – und das, obwohl Vasily Smyslov bereits in einer Partie gegen ihn im Jahre 1960 genau dasselbe erlaubterweise getan hatte! Der Schiedsrichter bejahte Korchnois Frage – und Weiß setzte darauf mit 18. 0-0 fort, was ihm nach 18… Ld5xc4 19. f2-f4 die Aufgabe Karpovs bescherte.

 

57. Gelfand – Adams, Schnellpartie, London 2013
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Selbst stärkste Spieler vergessen manchmal die Option einer ungewöhnlichen Rochade. Schwarz stand bis gerade eben noch sehr gut, doch nach dem ziemlich unbedachten und soeben erfolgten 24… Sf6-d7?? sollte sich das rasch ändern. Boris Gelfand zog hier 25.0-0-0!! – und Adams fiel aus allen Wolken! Zwar widersetzte sich der Brite nach 25… Sd7xe5 26. Kc1xb2 noch längere Zeit, aber letztlich vergebens. Gelfand gewann diese praktisch schon abgeschrieben Partie im 54. Zug.

 

58. Karjakin – Carlsen, Blindpartie, Bilbao 2007
Stellung nach dem 19. Zug von Weiß

Selbst sehenden Auges hätten hier wohl viele Schwarzspieler mit 19… Th8xh7 20. Sg5xh7 Lf6-e7 den weißen Springer zu fangen und letztlich zu erobern. Dies gelingt allerdings nicht nach dem erstaunlichen 21. Sb1-d2 nebst 22. Sd2-f3.
Der künftige Weltmeister dagegen spielte auch ohen Ansicht des Bretts einen Zug, der den meisten Zeitgenossen wahrscheinlich gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Mit 19… 0-0!! stellte er Weiß vor ein unlösbares Problem: der den Turm deckende Springer hängt, und außerdem macht die schwache weiße Grundreihe dem Anziehenden nun zu schaffen. Karjakin fand nichts Besseres als 20. Sb1-a3 Lf6xg5 21. Th7-c7 Tf8-f7 22. Tc7xc6 Lg5-f4 mit zwar drei Bauern für die Figur, aber einer prekären Stellung nach 23. Sa3-c4 Lc8-d7 24. Tc6-a6 Ld7-b5 25. Ta6-a5 Lb5xc4 26. d3xc4 Lf4-e5, die Carlsen im 34. Zug zum Sieg verdichtete.

 

59. Pupols – Meyers, Lone Pine 1976
Stellung nach dem 39. Zug von Schwarz

Einen der ungewöhnlichsten Züge aller Zeiten dürfte Weiß hier ausgeführt haben, als er sich für 40. 0-0-0!? entschied. Es ist kaum anzunehmen, dass der Weißspieler jemals auch nur annähernd so spät in einer weiteren Turnierpartie rochierte und sich angesichts der seltenen Gelegenheit vielleicht auch deshalb für diesen Zug entschied. Nach 40… Tb2-a2 quälte Weiß den Gegner noch weitere 35 Züge lang, aber die Partie endete remis.
Dennoch sei hier erwähnt, dass 40. Tf3-e3+! nebet 41. Ke1-d1 dem Anziehenden bessere Gewinnchancen versprochen hätte. Vielleicht war Weiß ja auch in Zeitnot und einfach froh darüber, überhaupt dem drohenden Matt entronnen zu sein.
Wie dem auch sei – sehenswert bleibt diese Rochade in jedem Fall.

 

60. Mitenkov – Strukov, Moskau 1999
Stellung nach dem 46. Zug von Weiß

Den Weltrekord für die späteste kurze bzw. lange Rochade halten aktuell mit jeweils 48 Züge von Schwarz die Partien Neshewat – Garrsion, Detroit 1994 bzw. Somogyi – Black, New York 2002.
Damit verpasst die vorliegende Partie diesen Rekord zwar knapp, aber 46… 0-0-0!! ist dennoch ein Zug wie er kaum schöner sein könnte. Damit bringt Schwarz seinen gefährdeten König in Sicherheit und deckt dabei gleichzeitig den hängenden Turm auf c7. Es handelt sich übrigens um den einzigen Gewinnzug von Schwarz in deser Stellung, der noch dazu derart stark ist, dass Weiß sofort aufgeben musste – nachdem er wahrscheinlich zuvor vom Stuhl gefallen war!

 

61. Espig – Möhring, Leipzig 1973
Stellung nach dem 12. Zug von Weiß

Den nur wenig bekannten DDR-Meister Günther Möhring habe ich Ihnen bereits in der Rubriken mit den Läufer- und Damenzügen vorgestellt. Sein Trio an berühmten Zügen komplettiert dieser Beitrag, in welchem er total auf Verlust zu stehen scheint. Das hatte offenbar auch sein Gegner Thomas Espig so eingeschätzt, doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht …
Möhring zog hier nämlich 12… 0-0-0!! und zwang damit seinen sicherlich entgeisterten Gegner zu dem eigentlich nicht vorgesehenen 13. Lc1xb2 Df7-f5 14. Sg5-f7 d7xe6 15. Sf7xd8 Sc6xd8 mit ungenügender Kompensation für Weiß. Schwarz siegte mühelos im 25. Zug.

 

62. Savchenko – Sichinava, Sankt Petersburg 2011
Stellung nach dem 28. Zug von Weiß

In dieser Stellung scheinen die Dinge höchst unklar zu stehen: zwei Bauern stehen kurz vor der Umwandlung, und außerdem hängt der schwarze Springer mit Schach. Mit einem einzigen kühnen Zug löste Schwarz allerdings das Dilemma: er zog hier 28… 0-0-0!! und zerstörte damit alle weißen Hoffnungen: das neuralgische Feld h8 bleibt überdeckt und der Springer hängt nicht mehr mit Schach. Nach 29. Dd3xb5 a2-a1=D 30. h7-h8=D Df8xh8 31. Db5-c5+ Kc8-b8 gingen dem Weißen die Argumente schnell aus, so dass er im 35. Zug aufgeben musste.

 

63. Taimanov – Polugajewsky, Leningrad 1960
Stellung nach dem 11. Zug von Schwarz

Wie schnell ein unvorsichtig behandeltes Angenommenes Damengambit den Bach hinunter gehen kann, erlebte Lew Polugajewsky hier in eine seiner schwärzesten Stunden. Sein Gegner Mark Taimanov spielte hier 12. 0-0-0!! und ließ seine Dame einfach hängen. Der Computer schätzt zwar 12. Lc4xf7+! Ke8xf7 13. Da4-f4+ noch stärker ein, aber wen kümmert das angesichts der Ästhetik von Taimanovs Zug? Auf 12… c3xb2+ 13. Kc1xb2 scheitert 13… Dc6xa4? jedenfalls recht kläglich: 14. Th1-e1+ Lf8-e7 15. Te1xe7+ Ke8-f8 16. Te7xf7+ Kf8-g8 17. Tf7xd7+ Da4xc4 18. Td7-d8+ Kg8-f7 19. Sf3-e5+ mit klarem Gewinn. Polugajewsky versuchte daher lieber 13… Lf8-e7, aber nach Taimanovs 14. Th1-e1 f7-f6 15. Lc4-b5 Dc6-b6 16. Kb2-c1! f6xg5 17. Lb5xd7+ hätte Schwarz schon aufgeben können, was er erst im 23. Zug tat.
Angeblich wurde Taimanovs Rochade übrigens in genau derselben Stellung bereits 1934 von einem Schweizer Meister namens Müller in einer Simultanvorstellung gespielt – hätte Polugajewsky mal besser diese Partie gründlich studiert!

 

64. Mora – Suttles, Tel Aviv 1964
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

 

In dieser Partie ist für Weiß bereits einiges schiefgegangen. Doch anstatt aufzugeben, warf Weiß hier den letzten Rettungsanker und spielte kaltblütig 12. 0-0!. Diese verzweifelte Idee verfehlte ihre Schockwirkung nicht, denn der offenbar völlig perplexe Nachziehende erkannte hier nicht, dass er mit dem scharfsinnigen Konter 12… g6-g5!! immer noch gute Gewinnaussichten behalten hätte: Springer und Dame hängen weiterhin bei Weiß, ohne dass es zu einem lästigen Gegenspiel gegen f7 kommen kann. Suttles spielte stattdessen 12… Lf4xc1?!, worauf die forcierte Zugfolge 13. Lc4xf7+ Ke8-d7 14. Lf7-e6+ Kd7-e8 15. Le6-f7+ zu einem der amüsantesten Remisen aller Zeiten bei einer Schacholympiade führte.

 

65. Spassky – Suetin, Moskau 1963
Stellung nach dem 16. Zug von Weiß

In dieser Stellung hatte Boris Spassky soeben seinen Springer auf f7 geopfert. Was den meisten Gegnern wohl einen ordentlichen Schock verpasst hätte, reichte hier allerdings nicht, um seinen Kontrahenten zu überrumpeln. Ob Suetin das Opfer vorhergesehen hatte, ist nicht bekannt. Jedenfalls erspähte er wohl schnell, dass 16… Ke8xf7? wegen des Verstellungsopfers 17. Td1-d6! schnell zu großen Schwierigkeiten führen würde und überraschte daher seinerseits den Gegner mit der stärksten Antwort 16… 0-0!. Jetzt war Weiß in Probleme geraten, denn nach dem erzwungenen Rückzug 17. Sf7-g5 folgte 17… c3xb2, worauf Schwarz angesichts seiner traumhaften Läufer besser stand und die Partie im 24. Zug folgerichtig zum Sieg führte, zumal sich 18. Lb3xe6+? Kg8-h8 als Bumerang erwiese. Nach 19. De2xb2 h7-h6 oder 19. Ta1-b1 Sf6-e4!! hätte Weiß nur seine Probleme vergrößert.

 

66. Ljubojevic – Planinc, Vrsac 1971
Stellung nach dem 18. Zug von Weiß

Auch hier erleben wir den seltenen Fall, dass eine mittelfristige Strategie in einer unerwarteten Rochade gipfelt: den Zug 18… 0-0-0!! musste Albin Planinc einige Zeit im Voraus geplant haben, denn nur auf diese Weise gelingt es, den Läufer auf g5 bei gleichzeitig bestmöglicher Sicherheit für den schwarzen König zu erobern. Der Hauptclou besteht nach 19. Te1xe6 d7xe6 in der Mattdrohung auf der Grundreihe, die Weiß daran hindert, den angegriffenen Läufer in Sicherheit zu bringen. Nach 20. Dg3-e1 f6xg5 21. Sb1-d2 g5xf4 22. De1xe6+ Kc8-b8 bleibt die Stellung zwar kompliziert, aber objektiv günstig für Schwarz mit seinen aktiven Figuren. Planinc setzte sich schließlich verdient im 35. Zug durch.

 

67.Beljawski – Timman, Tilburg 1986
Stellung nach dem 15. Zug von Schwarz

Spektakuläre Rochaden auf höchster Ebene sind selten, aber dieses würdige Fundstück verdient die Aufnahme in diese Sammlung mit Sicherheit! Alexander Beljawski spielte in diesem ohnehin schon grandiosen Chaos nämlich den Zug, der die Situation vollends eskalieren lässt: 16. 0-0-0!!. Mit diesem Zug wird der König in Sicherheit gebracht, der hängende Bauer auf c2 gedeckt und der Turm ins Spiel gebracht – viel mehr kann man von einem einzigen Zug kaum verlangen, zumal er auch noch erlaubt ist. Dies ist übrigens keine Selbstverständlichkeit, denn selbst Großmeister Juri Averbach protestierte in der Partie Averbach – Purdy, Adelaide 1960 zu Unrecht, dass sein Gegner lang rochierte, obwohl ein weißer Turm das Feld b8 kontrollierte. Averbach musste darüber aufgeklärt werden, dass der König nicht, der Turm aber durchaus ein vom Gegner kontrolliertes Feld überschreiten darf. Es schien ihm allerdings nicht viel ausgemacht zu haben, denn er gewann diese Partie trotzdem …
Zurück zum Geschehen hier: nach eingehender Beachtung der Situation hat Schwarz objektiv nichts Besseres als 16… Db4xa3 17. b2xa3 Sd2xf1 18. Td1xd8+ Sc6xd8 19. Th1xf1, doch Timman wollte sich damit nicht abfinden und riskierte stattdessen das deutlich schlechtere 16… Db4-e4 17. Td1xd2, weil er möglicherweise auch erst hier erkannte, dass 17… Td8xd2 18. Kc1xd2! sicher genug für Weiß ist. Timman spielte daher wohl 17… Td8xa8?, aber nach 18. Da3-d3! De4-a4 spielte Weiß die Dame nach c4 mit klarer Gewinnstellung. Beljawski siegte schließlich im 57. Zug.  

 

68. Kupreichik – Nikcevic, Cattolica 1992
Stellung nach dem 13. Zug von Schwarz

In dieser Stellung spielte Viktor Kupreichik in Form von 14. 0-0! eine Neuerung, die objektiv nicht viel erreicht, aber aufgrund ihrer Schockwirkung dennoch beste Chancen auf Vorteil verspricht. Mit einer unangenehmen Überraschung konfrontiert, fand Nebosja Nikcevic, der immerhin mehr als 2400 ELO-Punkte aufweist, nicht den richtigen Weg und schlug schablonenhaft mit dem Springer auf d5. Nach 14… Se7xd5? 15. Lc4xd5 Le6xd5 16. Ld2-a5! offenbarte Weiß die Pointe der Kombination. Nach 16… Dd8xa5 17. Dd1xd5 Ta8-c8 18. Dd5xe4 Lf8-e7 19. De4-b7 hatte Weiß eine günstige Stellungstransformation erreicht und gewann im 28. Zug ohne große Mühe.
Dass Kupreichiks Neuerung später als harmlos abgetan wurde, lag an der später gefundenen Verbesserung 14… Le6xd5! 15. Lc4xd5 Se7xd5 16. Ld2-a5 Sd5-b6!. Nach der erzwungenen Zugfolge 17. La5xb6 Dd8xb6 18. Dd1-d5 Ta8-c8 19. Dd5xe4 Lf8-e7 könnte Weiß nun nicht wie in der Partie die Dame nach b7 ziehen, was einen großen Unterschied ausmacht. Sollte Weiß schon im 15. Zug 15. Ld2-a5 wählen, dann wehrt 15… Dd8xa5 16. Lb3xd5 Ta8-d8! 17. Ld5xe4 d6-d5! den Angriff ab. Hätte Schwarz also im 14. Zug gegen die Intuition und kaltblütig mit dem Läufer den feindlichen Springer auf d5 getauscht, dann wäre in der Tat nicht viel passiert.
So oder so gilt: eine Rochade als glänzende Neuerung sieht man nicht oft!

 

69. Kasparov – Ivanchuk, Horgen 1995
Stellung nach dem 31. Zug von Weiß

Partien auf höchstem Niveau mit später Rochade sind sehr selten. Insofern muss Ivanchuks Sieg gegen Kasparov umso höher bewertet werden, auch wenn der Weltmeister in dieser Partie weit unter seinem gewohnten Standard blieb. Der Ukrainer schloss hier die Mobiliserung seiner Armee endgültig mit 31… 0-0! ab und erhielt postwendend die Aufgabe von Kasparov. Er hat zwar nur einen Bauer weniger, doch der schwarze Freibauer wird ihn bald ohne jedes Gegenspiel eine Figur kosten. Vielleicht war Garri zusätzlich angewidert von seinem schwachen Spiel in dieser Partie und zog daher die sofortige Kapitulation gegen weitere Qualen vor.

 

70. Ivanchuk – Kasparov, Linares 1997
Stellung nach dem 24. Zug von Schwarz

Wahrscheinlich würden nicht viele Spieler gerne die weißen Steine in dieser Stellung führen – zumindest dann nicht, wenn sie erkennen, dass die wünschenswerte Rochade in dieser Stellung nach 25… Da3xa2! eine Figur verliert. Was soll Weiß aber dann unternehmen? Das schwarze Gegenspiel scheint mehr als lästig zu sein.
Ivanchuk blieb allerdings ganz ruhig und spielte hier 25. 0-0!!. Nach 25… Da3xa2! nahm er allerdings nicht zurück, sondern spielte nach 26. Tf1-f2! Da2-a3 27. Sc3xd5! mit drei Bauern gegen den Springer weiter. Speziell die zwei verbundenen Freibauern erweisen sich als dem Springer ganz klar überlegen. Nach 27… Da3-d3 28. Dd4xd3 Sf4xd3 29. Tf2-c2! Sc4-a3 30. Tc2-a2 dauerte die Partie nur noch sechs weitere Züge bis zum Sieg des Ukrainers.

 

71. Kasparov – Kramnik, Dos Hermanas 1996
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Diese ungemein komplexe Schlacht der Titanen gehört zu den bekanntesten und besten Partien der 1990er-Jahre. Die Fülle an Möglichkeiten und Varianten ist hier schier unerschöpflich, weshalb Kramniks objektiv weniger starker Zug 21… 0-0?! nicht unbedingt getadelt werden sollte. Eine nachträgliche und sehr gründliche Analyse von Igor Stohl in seinem bemerkenswerten Buch Meisterwerke der modernen Schachpraxis ergab, dass das Springeropfer auf g3 stärker gewesen wäre, wenngleich die Konsequenzen auch hier in vielerlei Hinsicht unklar bleiben. Nach Kramniks überraschender Rochade folgte 22. f3xe4 Dh5-h3, wonach auch Kasparov der Komplexität der Stellung Tribut zollen musste und seinerseits mit 23. Sd4-f3? daneben griff (stärker war stattdessen 23. Dd1-e2! mit guten Aussichten, den Angriff abzuwehren). Auf 23… Ld6xg3 griff Weiß mit 24. Sa4-c5 erneut daneben und taumelte plötzlich nach 24… Tf8xf3! dem Abgrund entgegen. Insofern hatte Kramniks Rochade ihre Wirkung nicht verfehlt! Kramnik führte dieses grandiose Meisterwerk im 35. Zug zum Sieg.

 

72. Bruzon Batista – Ivanchuk, Merida 2007
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

In dieser zweischneidigen Stellung hätten die meisten Schwarzspieler vermutlich 23… Dg6-f5 gewählt und damit auch ordentlich Vorteil behalten. Wenn man jedoch mit den Rechenfähigkeiten eines Vasily Ivanchuk ausgestattet ist, dann spielt man hier „natürlich“ das ambitioniertere Opfer 23… 0-0!! und fährt nach 24. Dd3xd7 Dg6-h5! 25. g3-g4 Dh5-h3 die Ernte ein. Hier musste Schwarz unbedingt vorausgesehen haben, dass auf Bruzons Zug 26. Sf3-g5 die Antwort 26… Dh3-g2! für klare Verhältnisse sorgt. Auf 27. Le1xf2 folgte 27… Tf8xf2+ (dagegen würde 27… e3xf2+?? 28. Sg5xe4 sogar verlieren!) 28. Tf1xf2?! (etwas hartnäckiger, aber auch verloren war 28. Ke2-d3 Tf2xf1) 28… e3xf2+! (diesmal würde das Nehmen mit der Dame verlieren!) mit Aufgabe von Weiß, da die unvermeidliche Umwandlung des Bauern entscheidet.
Wer hätte in der Diagrammstellung angesichts der soliden ung guten Alternative dieses Risiko auf sich genommen? Ein einziger Rechenfehler hätte hier genügt, um die Partie zu ruinieren …

 

73. Svidler – Morozevich, Sochi 2012
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Diese unfassbare Schlacht lieferten sich zwei Super-Großmeister vor einigen Jahren. Angesichts dessen, was hier gleich vor sich gehen wird (und was bereits bis hierher vor sich gegangen ist) kann man sich nur wundern, dass diese Partie nicht viel bekannter ist. Die einzig plausible Erklärung dafür scheint mir darin zu bestehen, dass sie remis endete und unentschiedene Partien traditionell nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit bekommen.
Weiß scheint kurz vor der Partieaufgabe zu stehen, denn seine Dame und seine exponierten Läufer hängen beide. Was soll also Weiß in dieser offenbar aussichtslosen Lage unternehmen? Svidler packte hier den atemberaubenden Zug 19. 0-0-0!! aus, der einfach (fast) alle Drohungen ignoriert
und Weiß eine spielbare Stellung beschert! Nun würde nach 19… Te8xh8 20. Ld3-e4+ mit tollen, aber eher für Weiß günstigen Verwicklungen folgen: 20… Kc6-b6 21. Td1xd8 Lf6xe5 (deutlich schwächer ist 21… Th8xd8 wegen 22. Le5xf6!) 22. Td8xh8 Le5-f4+ 23. Kc1-c2 Lc8-b7! mit ähnlichem Verlauf wie in der Partie. Morozevich wählte stattdessen 19… Lf6xe5!?, worauf nach 20. Ld3-e4+ Kc6-c7 21. Td1xd8 Te8xh8 22. Td8xh8 Le5-f4+! 23. Kc1-c2! Lc8-b7! 24. Le4xb7 (nicht 25. Th8xa8?? wegen 25… Lb7xe4+ mit schwarzem Gewinn) 24… Ta8xh8 ein Endspiel entstand, das im 31. Zug zum Remis austrudelte. Atemberaubend, nicht wahr?   

 

74. Dubov – Giri, Moskau 2019
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

Die möglicherweise skurrilste Rochade aller Zeiten entkorkte der junge russische Großmeister Daniil Dubov in dieser Stellung mit 19. 0-0-0!. Den besten Eindruck für Schwarz macht nun wohl 19… Db5-b6, aber Anish Giri wollte wohl angesichts des luftig stehenden weißen Königs lieber mit 19… Db5-a5 die Damen auf dem Brett behalten. Es folgte der Wahnsinnszug 20. Sc3-b5!!, was Schwarz zu 20… Sb8-a6 21. Dd3-d7+ Ke8-f8 zwang. Nach 22. Kc1-b1! droht bereits der Kraftzug 23. Sf3-e5 mit sofortigem Gewinn. Giri spielte nun 22… Lb4-a3? (die Engine will den Läufer nach c5 stellen) und stand nach 23. Td1-d3! bereits auf Verlust, wie die verzweifelte Fortsetzung des Niederländers 23… Da5-b4+ 24. Kd1-c2 Db4-a4+ (auch 24… Db4-b2+ 25. Kc2-d1 Db2-c1+ hilft nach 26. Kd1-e2 wegen der Mattdrohung auf d8 nicht) 25. Kc2-d2 La3-b4+ 26. Kd2-e2 belegte. Schwarz konnte das drohende Matt mit 26… Kf8-g8 zwar hinauszögern, aber dank seines sicher stehenden Königs hat Weiß eine Gewinnstellung, die Dubov im 36. Zug verwertete.

 

Erstaunliche Endspielwendungen

 

75. Flohr – Geller, Moskau 1949
Stellung nach dem 43. Zug von Weiß

Die Chancen, diese Endspiel zu gewinnen, stehen nicht so schlecht für Schwarz, aber gewisse Schwierigkeiten ergeben sich bei genauerem Hinsehen dann doch. Der konventionellste Gewinnversuch würde wohl in 43… Te4-d4+ 44. Kd3-c3 Kf6-f7 bestehen, aber nach 45. Tg4-g5 ergeben sich durchaus noch gewisse praktische Schwierigkeiten. Efim Geller zauberte dagegen in dieser Stellung ein unvergessliches Kaninchen aus dem Hut: 43… Kf6-g7!! ist ein derart starker Zug, dass ihn selbst die Engines zunächst nicht auf dem Schirm haben! Die Idee dahinter besteht darin, die ungeschickte Stellung des weißen Turms bestmöglich auszunutzen und den Freibauer unter Aufopferung des eigenen Turms durchzubringen. Nicht funktioniert hätte beispielsweise 43… Kf6-e6?? mit derselben Idee wegen 44. Kd3xe4 a4-a3 45. Tg4-g5! mit weißen Gewinn. Nach Gellers Zug hingegen hängt der schwarze Turm, aber Weiß gelingt es nicht rechtzeitig, seinen eingeklemmten Turm mit Tempogewinn rechtzeitig zu befreien. Flohr versuchte daher noch mittels 44. h4-h5 a4-a3 45. Kd3xe4 a3-a2 46. h5xg6 h7xg6 47. Tg4-g5 a2-a1=D 48. Tg5xe5 Da1-c3 49. Te5-g5 eine Festung aufzubauen, doch nach 49… Kg7-f6 50. Ke4-d5 Dc3-d3+ 51. Kd5-c5 wurde der weiße König immer weiter abgedrängt. Mit 51… Kf6-f7! 52. Kc5-c6 Dd3-d4! nutzte Geller den weißen Zugzwang aus, um den weißen König weiter an den Brettrand zu drängen. Schließlich musste der weiße Turm seinen Posten aufgeben, um das Matt zu verhindern, worauf der Bauer auf g3 und mit ihm die Partie verloren ging. Geller siegte im 61. Zug.

 

76. Shirov – Aronian, Moskau 2006
Stellung nach dem 47. Zug von Weiß

Dieses Endspiel ist aufgrund der besonderen Konstellation, die hier gleich eintreten wird, längst in die Geschichte des königlichen Spiels eingegangen. Levon Aronian scheint hier in Schwierigkeiten zu sein, doch das genaue Gegenteil ist der Fall: nach seinem Zug 47… Kd6-e7!! erkannten die ersten Kiebitze allmählich, welch unwahrscheinlche Situation sich hier anbahnte. Nach 48. Kg6-g7 Ke7-e8!! wurde das Problem deutlich: wenn Shirov nun den Turm im Eck kassiert, dann sperrt ihn Aronians König ein, worauf früher oder später der weiße b-Bauer mit verheerenden Folgen ziehen muss. Shirov erkannte natürlich die Tücke des Objekts und spielte daher nicht 49. Kg7xh8?, sondern 49. Kg7-g6 Ke8-f8 50. h3-h4. Das Problem besteht allerdings darin, dass dem Anziehenden die Tempozüge mit dem h-Bauer irgendwann ausgehen und das bestehende Problem immer noch bleibt. Nach 50… Kf8-e7 51. Kg6-g7 Ke7-e8! 52. Kg7-g6 Ke8-f8 53. h4-h5 Kf8-e7 54. Kg6-g7 Ke7-e8 55. Kg7-g6 Ke8-f8 56. h5-h6 Kf8-e8 57. Kg6-f6! Th8xh7 geriet Shirov aber wieder in den schlimmsten Zugzwang, den man jemals gesehen haben dürfte:  nach 58. Kf6-g6 Th7-f7 gab Shirov auf, denn 59. h6-h7 Tf7-f8 60. Kg6-g7 Tf8-h8! macht alles klar. Auf 61. Kg7xh8 Ke8-f7 müsste der b-Bauer ziehen, während 61. Kg7-g6 Ke8-f8 62. Kg6-h6 Kf8-f7 auch keine Abhilfe schafft. Was für ein unglaublicher Tanz der Könige!

 

77. L’Ami – Van Wely, Wolvega 2010
Stellung nach dem 40. Zug von Schwarz

Viele Weißspieler würden sich hier vermutlich bereits darüber ärgern, eine gewonnene Partie zum Remis verdorben zu haben. Der niederländische Großmeister Erwin l’Ami hatte jedoch alles im Griff und mit der stoischen Gelassenheit eines Spieler jenseits der 2600 ELO-Punkte die folgende lange Sequenz im Voraus berechnet: nach 1. Kf1-e1! Tf2-e2+ 2. Ke1-d1 Te2-d2+ 3. Kd1-c1 Td2-c2+ 4. Kc1-b1 Tc2-c1+ (das Schlagen auf b2 scheidet aus, weil Weiß mit dem Turm nimmt und das Patt aufgehoben ist) 5. Kb1-a2 Tc1-a1+ 6. Ka2-b3 Ta1-a3+ 7. Kb3-c2 Ta3-c3+ 8. Kc2-d2 Tc3-d3+ 9. Kd2-e2 Td3-e3+ 10. Ke2-f2 Te3-f3+ 11. Kf2-g1 Tf3-f1+ 12. Kg1-h2 Tf1-h1+ 13. Kh2-g3 Th1-h3+ 14. Kg3-f4! Th3-f3+ 15. Kf4-e5 Tf3-f5+ 16. Ke5-d6 Tf5-f6+ 17. Kd6-c5! Tf6-c6+ 18. Kc5-b5!. Nach dieser unglaublichen Wanderung einmal rundherum um die Bauern auf b2 und g2 hat der weiße König sein Traumziel auf b5 endlich gefunden! Schwarz gab auf, denn beide Schachgebote würden die Zerstörung des Pattnetzes nach sich ziehen: 18… Tc6-c5+ 19. d4xc5 belebt den schwarzen d-Bauer, während 18… Tc6-b6+ 19. Tb7xb6 den schwarzen König befreit. Superb!

 

78. Carlsen – Nakamura, London 2015
Stellung nach dem 71. Zug von Schwarz

Eine weitere Demonstration seines unvergleichlichen Endspielverständnisses lieferte Weltmeister Magnus Carlsen in dieser Stellung ab. Während die Mehrzahl der Weißspieler hier sicherlich in erster Linie über 72. c5-c6 mit passablen Gewinnchancen nachgedacht hätte, spielte Carlsen stattdessen einen Zug, der in seiner Logik so absurd wirkt, dass man sich schon fragen muss, wer außer ihm überhaupt so gespielt hatte. Der Norweger legte hier völlig überraschend den Rückwärtsgang mit 72. Ke5-e4!! ein und fand damit den klarsten Gewinnweg. Der Sinn dieses Zuges besteht darin, dass die beiden Springer sich nun gegenseitig werden decken müssen und damit aneinenader gekettet werden oder alternativ so weit abgedrängt werden, dass sie keine Rolle bei der Verteidigung übernehmen können. Nakamura entschied sich für den zweiten Ansatz und fand sich nach 72… Sd4-c2 73. c5-c6 Se2-c3+ 74. Ke4-e5 Sc3xa4 auf der Verliererstraße, denn 75. Ld5-b3! Sa4-b6 76. Lb3xc2 a5-a4 77. c6-c7 Kf8-f7 78. Lc2xa4 erzwang das Ende.

 

Die Rochade wird überbewertet …

 

79. Corzo – Capablanca, Havanna 1913
Stellung nach dem 14. Zug von Weiß

Der zu einem früheren Zeitpunkt erzwungene Turmzug nach g8 machte hier die kurze Rochade unmöglich, doch das störte den künftigen Weltmeister nicht wirklich. Nach 14… Ke8-f8! erlangte er in seiner Stellung eine Harmonie, die beeindruckt. Die Partie ging weiter mit 15. Le3-d4 g6-g5! 16. Ld4xg7+ Tg8xg7 17. Sf3-d4 Lf5-d7 18. f4-f5?! De7-e5 19. Dd1-d3 Ta8-e8. Nun ließ Corzo den verständlichen Zug 20. Sd4-e6+! vom Stapel, den auch die Engines sehen wollen. Capablanca reagierte darauf allerdings unerwartet mit 20… f7xe6 21. f5xe6 Te8xe6!! 25. d5xe6 Ld7-c6 und riss die Initiative an sich. Obwohl Weiß laut Computer immer noch gut steht, trifft der Anziehende jetzt auf große praktische Schwierigkeiten, weil die schwarzen Figuren aktiv stehen und der eingeklemmte weiße Turm im Eck Anlass zur Sorge geben. Capablanca siegte im 37. Zug.

 

80. Matulovic – Fischer, Vinkovci 1968
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Zur Überraschung der Zuschauer und seines Gegners gleichermaßen nahm Bobby Fischer hier mit 11… Ke8xe7!! zurück. Im Sinne der Dynamik erkannte der US-Amerikaner, dass der Verzicht auf die Rochade natürlich ungewöhnlich ist, er aber im Gegenzug eine Menge anderer Vorteile erhält. Erstens droht nun einfach 12… Sd7-f6 mit Gewinn des Läufers auf h3, was mit einem König auf e8 immer mit einem Zwischenschach auf c6 hätte beantwortet werden können. Zweitens wird Schwarz nach dem erzwungenen Rückzug der weißen Dame rasch die Initiative ergreifen können und keine Probleme mit der Deckung des rückständigen d-Bauern haben. Die scheinbar wacklige Stellung des weißen Königs kann bei Bedarf später nach der Entwicklung des Königsturms mit einem Rückzug nach f8 behoben werden.
Matulovic setzte mit 12. Dd5-d2 fort, und nach 12… Sd7-f6 13. Lh3-g2 Lc8-b7 14. Dd2-d3 Dd8-b6 15. 0-0 a6-a5! 16. Tf1-d1 Lb7-a6 17. Dd3-d2 Th8-c8 wurde deutlich, dass Fischer die Initiative an sich gerissen hatte. Fischers König machte während der ganzen Partie übrigens nur noch einen einzigen Zug – und zwar nach e6! Fischer gewann souverän im 40. Zug.

 

81. Korchnoi – Plachetka, Luhacovice 1969
Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz

In dieser sehr gewöhnlich anmutenden Stellung, die aus einer Alt-Benoni-Struktur hervorgegangen war, scheint überhaupt nichts Besonderes los zu sein. Wer hätte hier nicht mit 10. Sg1-f3, gefolgt von der kurzen Rochade, fortgesetzt? Viktor Korchnoi war hier wohl nicht nach einer schwerblütigen Partie zumute – und so spielte er nonchalant 10. Ke1-d1!?. Soweit ich ermessen kann, verfolgt dieser Zug höchstens die Absicht, eventuell den König nach c2 zu stellen. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass der König dort wirklich besser aufgehoben sein soll als auf g1. Ich vermute, der wahre Hintergrund dieses Zuges ist eher pragmatischer Natur, denn er suggeriert dem Gegner, dass diese Provokation bestraft gehört. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, dass der spätere slowakische Großmeister nun mit 10… Sf6-e8 11. f2-f4 f7-f5?! und nach 12. e4xf5 e5xf4 13. Lc1xf4 anfing, fleißig Bauern zu opfern. Nach 13… Sd7-e5 14. g3-g4 hätte er wenigsten konsequent auf g4 opfern sollen, denn nach der nicht so schwer zu berechnenden Partiefolge 14… b6-b5? 15. Lf4xe5 d6xe5 16. a4xb5 ist für mich keine ausreichende Kompensation erkennbar. Korchnois Psycho-Spielchen war aufgegangen: er siegte im 32. Zug.

 

82. Kamsky – Karpov, Dortmund 1993
Stellung nach dem 11. Zug von Weiß

Einen der berühmtesten Königszüge aller Zeiten spielte Exweltmeister Anatoli Karpov in dieser harmlos anmutenden Stellung der Caro-Kann-Verteidigung. Es handelte sich bei 11… Ke8-e7!! zweifelsfrei um eine vorbereitete Neuerung, doch zu jener Zeit waren die Engines noch nicht so stark. Es bedurfte also immer noch harter analytischer Arbeit und einer gehörigen Portion an Mut, um ein solch verwegenes Konzept zu ersinnen und auszuarbeiten. Der Königszug verankert den König erstaunlich sicher auf e7 und stellt gleichzeitig die Drohung 12… g7-g5! mit Figurengewinn auf. Kamsky verstand natürlich sofort, dass er in eine präparierte Variante gelaufen war und versuchte nach langem Nachdenken, den Trend dieser Partie mit einem Bauernopfer zu brechen. Er entschied sich schließlich für 12. Sf3-e5?! Ld6xe5 13. d4xe5 Dd8-a5+ 14. c2-c3 Da5xe5+ 15. Lc1-e3 b7-b6 16. 0-0-0 und hätte damit gegen einen weniger erfahrenen und hartnäckigen Gegner sicherlich ganz gute Chancen erhalten. Karpov zeigte sich seiner Aufgabe allerdings vollumfänglich gewachsen, schlug kühl den Angriff ab und siegte im 49. Zug.
Die Engines empfehlen beispielsweise 12. Lc1-f4 Ld6-b4+ 13. Lf4-d2! Lb4xd2+ 14. Ke1xd2!. Dennoch ist klar, dass diese Abspiel die Idee Karpovs eher bestätigt als in Frage stellen kann.

 

83. Jurek – Cech, Prag 1992
Stellung nach dem 9. Zug von Schwarz

Diese zweischneidige Stellung aus dem Flohr-Mikenas-Angriff scheint bei flüchtiger Betrachtung gut zu sein für Schwarz, zumal die naheliegende Option 10. De3-c3? dem Anziehenden bereits nach 10… Dd8xd4! eine völlig ruinierte Stellung einbringen würde. Der Internationale Meister Josef Jurek hatte aber etwas anderes vorbereitet, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass man sich ohne genaue Analyse auf seinen Zug einlassen würde. Er spielte hier nämlich 10. Ke1-d2!! und verwarf auch das schwächere 10. Ke1-d1?!, da nach der starken Riposte 10… Dd8-h4! das wünschenswerte 11. a2-a3? leider an 11… Lc6-a4+! scheitert, weil 12. b2-b3? wegen 12… La4xb3+ 13. Kd1-d2 (oder 13. De3xb3 Dh4xd4+) 13… Sb4-c2 14. De3xb3 Sc2xa1 ausgeschlossen ist. Mit dem König auf d2 wäre auf 10… Dd8-h4? aber 11. a2-a3! möglich, weshalb Schwarz stattdessen 10… Lf8-c5 wählte. Weiß setzte seiner hochoriginellen Strategie nun mit 11. Kd2-c3?? die Krone auf und hätte allein dafür schon einen Preis verdient. Vielleicht hoffte er hier auf die fehlerhafte Abwicklung 11… Lc5xd4+? 12. De3xd4 Dd8xd4+ 13. Kc3xd4 Sb4-c2+ 14. Kd4-c3 Sc2xa1 15. Sg1-f3! mit klarem Vorteil für Weiß. Allerdings konnte Weiß hier von Glück sagen, dass Schwarz den gut versteckten Knockout-Schlag nicht erspähte und sich zu 11… Lc5-e7? verleiten ließ, worauf die Kontrahenten wohl beide Fracksausen bekamen und nach 12. a2-a3 a7-a5 in dieser einmaligen und durchaus unklaren Stellung die Punkteteilung vereinbarten.
Es gibt noch zwei Dinge aufzuarbeiten: erstens verdient der Zug 11. Sg1-e2! gegenüber dem fehlerhaften Königszug nach c3 ganz klar den Vorzug, weil anschließend gegen das nachfolgende 12. a2-a3 nicht viel auszurichten ist. Zweitens hätte Schwarz den Zug 11. Kd2-c3?? mit dem sagenhaften Konter 11… b7-b5!! bestrafen können. Danach sieht es für Weiß schon recht düster aus, man sehe: 12. d4xc5? trifft auf 12… Dd8-d1!! 13. De3-d2 (oder 13. Kc3xb4 a7-a5+! mit Matt im nächsten Zug) 13… Dd1xf1 mit klarem Gewinn. Das Nehmen auf b5 im 12. Zug scheitert an der Springergabel auf d5, weshalb 12. Sg1-f3 a7-a5! noch die relativ beste weiße Option darstellt, zumal 13. d4xc5?? erneut an dem Abspiel 13… Dd8-d1! 14. De3-d2 Sb4xa2+!! 15. Ta1xa2 b5-b4+ 16. Kc3-d3 0-0-0+! 17. Sf3-d4 Td8xd4+! 18. Kd3xd4 Th8-d8+ 19. Kd4-e3 Td8xd2 20. Lc1xd2 scheitern würde, weil der Zug 20… Dd1-b1! mit Doppeldrohung gegen e4 und a2 sofort klare Verhältnisse schaffen würde. Dass allerdings kein Weißspieler freiwillig die sich ergebende Stellung vor 13. d4xc5?? anstreben würde, dürfte klar sein!
Dennoch kenne ich kaum eine andere Partie, die nach 12 Zügen schon so inhaltsreich geriet!

 

84. W. Heidenfeld – Hecht
Stellung nach dem 12. Zug von Schwarz

Der deutsch-irische Meister Wolfgang Heidenfeld ist ein einzigartiger Schachspieler, denn er spielte die bislang einzige verbürgte Turnierpartie, in der jemand zweimal rochierte. Dass dies dabei weder Heidenfeld selbst noch seinem Gegner Nick Kerins auffiel, dürfte ein ziemlich einmaliges Vorkommnis bleiben! In dieser 1973 in Dublin gespielten Partie rochierte Heidenfeld zunächst kurz, spielte später den König wieder nach e1, um dann einige Züge später – nicht ganz regelkonform – lang zu rochieren! Trotz dieses Vorteils verlor er die Partie auch noch!
In der vorliegenden Begegnung spielte er brav legale Züge – und schaffte trotzdem die vielleicht umständlichste künstliche Rochade, die die Welt je gesehen hat! Aufgrund einer eher nachlässigen Eröffnungsbehandlung sieht sich Weiß mit einem Problem konfrontiert: wenn der angegriffene c-Bauer mit der Dame gedeckt wird, dann sackt Schwarz nach dem Läufertausch den a-Bauer ein, da Weiß auf c1 mit dem Turm wiedernehmen müsste. Wenn aber der Läufer nach d2 zieht, dann geht sein schwarzer Kollege nach b2 und heimst wieder einen Bauer ein. Da Weiß offenbar nicht der Sinn nach Preisgabe von Material stand, spielte er stattdessen das verwegene 13. Ke1-d2! und setzte folgerichtig nach 13… La3-e7 14. Dd1-e1 Lc8-d7 mit 15. Kd2-e3! fort. Es ging weiter mit 15… f7-f6 16. Th1-f1 f6xe5 17. f4xe5 0-0 18. Ke3-f2 Ld7-e8 19. Kf2-g1! mit Vollendung der künstlichen Rochade! Natürlich geschah dies zu Lasten der Entwicklung, so dass Weiß nach 19… Le8-g6 20. Le2-d1 sicherlich keinen völligen Ausgleich hat. Dennoch macht es der geschlossene Charakter der Stellung dem Nachziehenden schwer, schnell aus Heidenfelds origineller, wenn auch aus der Not geborenen Königswanderung schnell Kapital zu schlagen. DDR-Meister Hans-Joachim Hecht siegte erst reichlich später, und zwar im 53. Zug.
Wer hat schon jemals zuvor künstlich mit dem Manöver Ke1-d2-e3-f2-g1 rochiert?! Die Spezialität von Wolfgang Heidenfeld wird immer die Rochade bleiben!

 

Kleiner Schritt, große Wirkung

 

85. Rodzynski – Aljechin, Paris 1913
Stellung nach dem 9. Zug von Weiß

Aljechins Gegner Rodzynski (nicht einmal sein Vorname scheint bekannt zu sein) war offenbar kein so schlechter Spieler, denn die Kunst, ein solches Figurenopfer wie er es eben vom Stapel gelassen hatte richtig zu berechnen, beherrschte damals längst nicht jeder durchschnittliche Spieler. Dennoch dürfte Aljechins Antwort 9… Ke8-d7!! den Anziehenden sehr überrascht haben. Nach 10. Db7xa8 Df7-c4 stand Weiß vor einer schwierigen Aufgabe, an der er scheitern solte: der erzwungenen Zugfolge 11. f2-f3 Lg4xf3 12. g2xf3 ließ Aljechin 12… Sc6-d4! folgen. Nun hätte Weiß unbedingt sofort den kecken Rappen auf d4 beseitigen müssen, denn nach 13… Dc4xc1+ 14. Ke1-e2 Dc1xh1 entstünde eine Stellung, die in praktischer Hinsicht sicherlich leichter für Schwarz zu spielen ist, aber objektiv nicht viel besser für ihn sein dürfte. Abgesehen davon, alles ist besser als mattgesetzt zu werden! Rodzynksi spielte nämlich 13. d2-d3??, um die schwarze Dame von c1 abzulenken und glaubte wohl, damit auf Sieg spielen zu können. Er wurde aber stattdessen nach 13… Dc4xd3 14. c3xd4 Lf8-e7! 15. Da8xh8 Le7-h4#! unsanft aus allen Träumen gerissen und auf unvergessliche Weise mattgesetzt.

 

86. Aljechin – Kaufmann, Odessa 1919
Stellung nach dem 34. Zug von Schwarz

Der Wert dieses Beitrags wird leider dadurch etwas geschmälert, dass Weiß sicherlich auch mit anderen Fortsetzungen wie 35. Dc3-d3 Da1-a2 36. e3-e4 recht leicht gewinnen sollte, doch des künftigen Weltmeisters Gespür für Ästhetik ließ ihn nicht im Stich: er setzte zunächst mit dem unerwarteten 35. Kg1-g2! fort, was die Dame zum ersten Mal preisgibt. Diese darf wegen des Läufermatts auf e2 natürlich nicht genommen werden, aber was hatte Weiß auf 35… Tb1xf1 in petto? Mit 36. Kg2-h3!! ließ Aljechin seine Dame abermals einstehen und drohte wieder mit Matt! Schwarz ist verloren, denn 36… Da1-d1 würde die Deckung des Feldes e5 aufgeben. Auch Kaufmanns Partiezug 36… g6-g5 vermochte nach 37. g3-g4+ Kh5-g6 38. Sf7-e5+ das unvermeidliche Ende nicht zu umgehen. Schwarz gab auf.

 

87. Fischer – Petrosian, 16. Runde, Bled 1959
Stellung nach dem 40. Zug von Weiß

Stellungen mit vier Damen auf höchster Ebene sind eine absolute Seltenheit – erst recht dann, wenn eine Seite nach der Umwandlung der beiden Bauern nicht sofort auf Verlust steht. In diesem berühmten Beispiel entzog Petrosian seinen König allen feindlichen Nachstellungen mit 40… Kc5-b4!, weil er erkannte, dass sein Monarch mittelfristig auf b3 oder gar c2 besser aufgehoben wäre – insbesondere dann, wenn eine der Damen auch noch getauscht werden sollte. Nach 41. Dh8-h2 Kb4-b3! 42. Da8-a1 Dd6-a3! war seinem König nichts anzuhaben. Fischer musste eine Dame tauschen, worauf die Partie im 48. Zug remis endete.

 

88. Fischer – Petrosian, 2. Runde, Zagreb 1959
Stellung nach dem 61. Zug von Weiß

Beim Kandidatenturnier in Jugoslawien 1959 spielte man gegen jeden Gegner insgesamt vier Mal, also zweimal mit derselben Farbe. Das Beispiel zuvor zeigte Fischers zweites weißes Treffen mit Tigran Petrosian, während dieses Diagramm der ersten Begegnung mit denselben Farben entnommen ist. Bereits hier hatte Petrosian einmal mehr sein gutes Gespür für den König bewiesen und diesen einige Züge zuvor auf die Reise geschickt. Mit dem nicht so schwer zu findenden, aber dennoch schönen und auf diesem Niveau höchst seltenen 61… Kc4-c3! gelang es dem Armenier, seinen wandernden „König Lear“ auf b2 zu verstecken und seine Freibauern unaufhaltsam der Umwandlung entgegen zu schieben. Weiß gab sieben Züge später auf.
In diesem für den blutjungen Amerikaner frustrierend verlaufenen Turnier erwies sich einmal mehr die feuerfeste Caro-Kann-Verteidigung als schier unüberwindliches Hindernis für ihn.

 

89. Fischer – Tal, Leipzig 1960
Stellung nach dem 18. Zug von Schwarz

In den Nachkriegsjahren war die Schachbegeisterung im Allgemeinen in der DDR viel größer als in der Bundesrepublik. Als es bei der Schacholympiade in Leipzig 1960 unverhofft zur Paarung USA gegen die Sowjetunion kam, wirkte dies wie ein elektrisierender Schock. Das Interesse an diesem Match mitten im Kalten Krieg war riesig und sorgte an jenem 1. November 1960 für sage und schreibe 1500 mehr verkaufte Eintrittskarten gegenüber den anderen Tagen, an denen das allgemeine Interesse weiß Gott nicht als niedrig zu bezeichnen war. Alle Augen waren auf das Spitzenbrett gerichtet, denn hier würde der aufstrebende Jungstar Bobby Fischer auf den amtierenden Weltmeister Mikhail Tal treffen. Es wurde zwar eine recht kurze Punkteteilung, aber dafür eine der berühmtesten und spektakulärsten aller Zeiten.
Es fällt schwer, aus dieser berühmten Partie einen speziellen Zug herauszupicken, aber der vielleicht interessanteste psychologische Moment war in der Diagrammstellung erreicht worden. Hätte Fischer mit seinem unbändigen Siegeswillen hier 19. Kg1xf1? versucht, dann hätte lediglich er selbst nach 19… Dc7-c4+ 20. Kf1-g1 Th2-h8! die Partie damit aufs Spiel gesetzt. Danach würde jedenfalls 21. Df7xe7?? zu einem zweizügigen Matt nach 21… Dc4-g4+ führen, weshalb stattdessen das erzwungene 21. Se6-f4 Th8-g8+ 22. Kg1-h2 nur Schwarz Gewinnchancen einräumen würde. Fischer hielt der aufgeladenen politischen Atmosphäre jedoch stand, wählte den korrekten der beiden Seitschritte 19. Kg1-h1! und ließ das hefitge Gefecht nach 19… Dc7-e5 20. Ta1xf1 De5xe6 21. Kh1xg2 in ein objektiv gerechtfertigtes Dauerschach münden.

 

90. Topalov – Kramnik, Belgrad 1995
Stellung nach dem 37. Zug von Weiß

In dieser haarsträubend scharfen Partie waren beide Spieler ein außergewöhnlich hohes Risiko eingegangen und hatten die Sicherheit ihrer Könige dabei aufs Spiel gesetzt. Das Geschehen wogte fast folgerichtig in Zeitnot hin und her, doch vor diesem Hintergrund mutet es umso erstaunlicher an, dass Kramnik hier den richtigen Zug fand: er spielte hier 37… Kd7-e8!! und lief damit freiwillig ins Doppelschach. Stattdessen hätte 37… f7xe6 38. Ld3xb5+ a6xb5 39. Ta1-d1+ zu klarem weißem Vorteil mit Angriff geführt. Jetzt hingegen hilft 38. e6xf7+ Ke8xf7 Weiß überhaupt nicht, denn die einzige vage Rettungschance hätte für Veselin Topalov nur mit dem König auf e8 in 38. Ld3xb5+! a6xb5 39. De1xg3 bestanden, obwohl danach die lange Abwicklung 39… Db2-c3+ 40. Dg3xc3 Lg7xc3+ 41. Kb4xb5 Lc3xa1 42. e6xf7+ Ke8xf7 43. Sb3xa1 Schwarz zu begünstigen scheint. In Wirklichkeit spielte der Bulgare aber 38. Lb6-c5?? und verzichtete nach 38… Lg7-c3+! 39. De1xc3 a6-a5+ 40. Kb4xb5 Db2xc3 zurecht auf weiteren Widerstand.

 

91. Larsen – Teschner, Wageningen 1957
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

Hier muss man schon mindestens dreimal hinsehen! In dieser haarsträubend komplizierten Partie hätte der deutsche Meister Rudolf Teschner vielleicht den Sieg seines Lebens feiern können.
Der spätere dänische Weltklassegroßmeister hatte hier soeben auf f7 seinen Läufer geopfert. Der Zug 10… Ke8-e7? scheidet als Antwort wegen 11. e5xf6+ g7xf6 12. Dd1-b3 mit für Schwarz unbefriedigender Stellung offensichtlich aus, doch wie soll man 10… Ke8xf7!! zum Funktionieren bringen? Teschner zeigte den Weg auf, indem er nach 11. Dd1xd8 zunächst mit 11… c3xb2! fortsetzte, da Weiß wegen des drohenden Abzugsschachs auf b4 keine Zeit hat, um auf b2 zu nehmen. Dagegen würde die Vertauschung der Zugreihenfolge mit 11… Lf8-b4? krachend an dem paradoxen 12. Dd8-c7+! nebst kurzer Rochade scheitern, doch hat Schwarz in der Partie nach dem analogen 12. Dd8-c7+! nicht ebenfalls ein Problem? Hier zeigt sich die wahre Größe der schwarzen Kombination, denn 12… Lf8-e7?? 13. e5xf6 und 12… Sb8-d7?? 13. Lc1xb2 scheiden beide aus. Paradoxerweise funktioniert aber der skurrile Zug 12… Kf7-e6!!, den Teschner schon im Voraus berechnet haben musste! Nun würde 13. Lc1xb2? Sb8-a6! den Anziehenden die Dame kosten, da sie kein Fluchtfeld hat. Daher spielte Larsen das offensichtliche 13. Dc7xc8+, doch selbst die Tatsache, dass dieser Läufer mit Schach fällt, befreit Weiß nicht von seinen Schwierigkeiten! Nach 13… Sb8-d7!! hängt bei Weiß sowohl die Dame als auch der Turm auf fatale Weise. Nun scheitert jedenfalls 14. Dc8xa8?? an 14… Lf8-b4+ 15. Ke1-e2 b2xa1=D, da das wünschenswerte 16. Da8xh8 effektvoll mit 16… Da1-a2+ 17. Ke2-f3 Da2-b3+ 18. Lc1-e3 Sd7xe5+ 19. Kf3-g3 Sf6-e4+ 20. Kg3-h3 Se4xf2+! und baldigem Matt beantwortet wird. Den Schaden minimiert hätte wohl am ehesten noch 14. Dc8xd7+! Sf6xd7 15. Lc1xb2, doch nach 15… Lf8-b4+! 16. Ke1-e2 Sd7xe5 erwartet den Anziehenden eine freudlose und langwierige Verteidigung. Larsen entschied sich daher für 14. Dc8xb7 b2xa1=D 15. Db7-c6+ Ke6-f7 16. e5-e6+ Kf7-g8 17. 0-0, stand aber nach 17… Da1-e5 18. Dc6xa8 De5xe6 19. Da8xa7 am Rande der Niederlage. Die komplexen Varianten hatten aber viel Bedenkzeit gekostet, so dass Larsen sich in beiderseitiger Zeitnot im 42. Zug doch noch ins Remis retten konnte. Was für eine großartige Kampfpartie!

 

92. Kuzmin – Tukmakov, Odessa 1968
Stellung nach dem 18. Zug von Weiß

Eine alte Weisheit besagt, dass man mit Schwarz öfters Risiken eingehen muss, um eine Partie gewinnen zu können. Ein Beispiel, in dem ein Spieler diesen Ratschlag derart riskant auf die Spitze trieb, dass es schon an ein Hasardspiel grenzt, sehen wir hier. Vladimir Tukmakov wollte offenbar nicht mit der etwas schlechteren Stellung nach der weißen Rückeroberung des schwarzen Bauern auf d5 Vorlieb nehmen, ließ sich folglich auf den einzigen Weg ein, den Verlust des Mehrbauern zu verhindern und zog daher konsequent 18… Ke8xd7!?. Das unverhältnismäßige, damit verbundene Risiko hätten sicherlich viele Spieler gescheut, zumal die korrekte Alternative 18… Sf6xd7! keineswegs so schlecht ist. Tukmakov selbst bezeichnete seine Wahl übrigens als die wohl provokanteste Entscheidung seiner gesamten langen Karriere!
Kuzmin antwortete stark mit 19. Dd2-e2! d5-d4 20. De2-b5+ Kd7-c8 (nicht 20… Kd7-e6?? wegen 21. f2-f4! mit raschem Gewinn) 21. Ta1-c1 Kc8-b7 22. Sg3-e4! (22. Sc3-e4?! würde 22… Sf6-d5! zulassen) 22… Dd8-e8 und stand nun vor einer schwierigen Entscheidung. Angesichts der Komplexität der Stellung würde man nicht unbedingt erwarten, dass das nüchterne 23. Db5xe5! gewinnt, während das von Kuzmin gewählte und verlockende Schachgebot 23. Se4-c5+?! keinen forcierten Gewinn ermöglicht! Nach 23… Kb7-c7 scheint Schwarz immer noch in den Seile zu hängen, aber die beste Variante (24. Db5-d3! Kc7-b8 25. Sc5-a6+ Kb8-b7 26. Sc3-e4!) mit jeder Menge stiller Züge ist für einen Menschen in dieser Drucksituation praktisch nicht zu finden. Kuzmin spielte stattdessen 24. Sc5-d7? De8xd7 25. Sc3-e4+ Kc7-d8 26. Db5xb6+ Kd8-e8 und ließ den schwarzen König somit entwischen. Nach 27. Se4-c5 Dd7-d6 28. Db6-b5+ Ke8-f8 stand der schwarze König unverhofft dort, wo er schon immer hinwollte und vollendete die „Reise“ mit 29. Le3-g5 Kf8-g8 30. a3-a4 Kg8-h7!. Eine grandiose Königswanderung mit Happy End, doch nach einem ärgerlichen Zeitnotfehler verlor Tukmakov dennoch im 43. Zug!

 

93. Karpov – Jussupow, Moskau 1983
Stellung nach dem 37. Zug von Schwarz

Die schwarze Stellung macht zunächst trotz des Minusbauern keinen so schlechten Eindruck, denn der Läufer Karpovs ist von den eigenen Bauern eingezwängt. Der Weltmeister war jedoch stets ein Meister darin, alle Figuren einzubeziehen und brauchte daher sicherlich nicht lange, um den Zug 38. Kh2-g3! in Erwägung zu ziehen. Es erhob sich nur die Frage, ob der König so einen materialistischen Ansatz überleben kann. Nach 38… f5xg4 39. Kg3xh4! g4xh3 40. f2-f4! Da6-e6 41. Dd1-h5 De6-e7+ 42. Kh4xh3 De7-f7 präsentierte Karpov den im Voraus berechneten, entscheidenden Gewinnzug 43. Tc2-h2!, der die letzte schwarze Drohung 43… Tg6-g3+ mit dem simplen 44. Kh3xg3 und Deckung der weißen Dame durch den Turm widerlegt. Eine andere Möglichkeit, um f4-f5 im nächsten Zug zu verhindern, hat Schwarz aber nicht, weshalb Jussupow folgerichtig die Segel streichen musste.

 

94. Baburin – Adianto, Liechtenstein 1993
Stellung nach dem 23. Zug von Weiß

Eine Kombination, die die meisten Spieler in jungen Jahren schon gelernt haben dürften, konnte der indonesische Großmeister Utut Adianto hier in völlig ungewöhnlicher und wunderschöner Form aufs Brett zaubern. Er spielte hier den Räumungszug 23… Ke8-e7!!, was Weiß ohne Verteidigung gegen das typische doppelte Turmopfer mit Bahnung für die Dame lässt. Baburin zog noch 24. De2-e1, musste aber nach dem thematischen Opferzug 24… Th8-h1+! aufgeben. Das Ende hätte wie folgt gelautet: 25. Kg1xh1 Tc8-h8+ 26. Kh1-g1 Th8-h1+! 27. Kg1xh1 Da8-h8+ 28. Kh1-g1 Dh8-h2#! Ein Tausch auf c5 im 24. Zug hätte übrigens nichts geändert, da in diesem Fall der Dame gleich die tödliche 8. Reihe geräumt worden wäre. Wer hätte die soeben noch auf dem Feld a8 schlummernde Dame fünf Züge später auf h2 vermutet?!

 

95. Adams – Shirov, Biel 1991
Stellung nach dem 10. Zug von Weiß

In dieser Theoriestellung der Drachenvariante hatte der damals noch für Lettland spielende junge Großmeister Alexej Shirov eine diabolische Neuerung vorbereitet. Hier hatte natürlich alle Welt bislang 10… Tf8xf7 gespielt, doch Shirov verblüffte Michael Adams mit 10… Kg8xf7!!. Die ungemein tiefgründige Pointe des Zuges besteht darin, dass die schwarzen Bauern schnell nach 11. Sc3xe4 Sc6xd4 12. Le3xd4 e6-e5! ins Rollen kommen. Hätte Shirov im 10. Zug mit dem Turm genommen, dann könnte Weiß jetzt mit 13. Ld4-c5! die Fesselung des d-Bauern ausnützen. Mit einem König auf f7 und einem Turm auf f8 bleibt die schwarze Dame hingegen gedeckt, so dass diese Idee nun nicht mehr für Weiß funktioniert. Notgedrungen musste Adams 13. Ld4-e3 d6-d5! 14. Se4-g3 Kf7-g8 zulassen, wonach Shirov die schwarze Initiative rasant ausbauen und etwas später im 28. Zug die Früchte seiner Vorbereitung ernten konnte.

 

96. Alvarez – Aldama, Havanna 1989
Stellung nach dem 34. Zug von Weiß

Schach ist ein ausgesprochen logisches Spiel – und doch geht die Logik manchmal seltsame, verschlungene Wege und maskiert sich als komplett unlogisch.
In dieser Stellung beispielsweise sollte Schwarz mittelfristig zugrunde gehen, denn es scheint keinen befriedigenden Weg zu geben, die Kreuzfesselung seines Turms abzuschütteln. Schwarz erspähte aber einen geistreichen Weg, das Dilemma zu seinen Gunsten zu lösen: er zog hier nämlich 34… Kh5-g6!! und spielte auf 35. Tg1xg4+ den König wieder zurück mit 35… Kg6-h5!!. Was ist hier eigentlich gerade passiert? Schwarz hat scheinbar einen Turm eingestellt, doch mit seinem Manöver hat er in Wirklichkeit einfach die Türme getauscht, da nun Weiß keinen Weg hat, die Fesselung abzustreifen! Überspitzt formuliert hat der Nachziehende also den schwarzen Turm in einen weißen Turm verwandelt! Zur Belohnung steht er nun auch noch auf Gewinn, denn nach 36. Le3-g5 De6xg4+ 37. Df3xg4+ Sf6xg4 38. Lg5xh4 entschied der Zug 38… b7-b5! die Partie zugunsten von Schwarz. Weiß gab nach 39. a4xb5 a5-a4 desillusioniert auf, denn sowohl 40. Lh4-d8 a4-a3 41. Ld8xc7 a3-a2 42. b5-b6 a2-a1=D 43. b6-b7 Da1-g1 als auch 40. c3-c4 Sg4-e5 41. Lh4-f2 Se5xd3 42. Lf2-d4 a4-a3 43. Kh3-g3 Kh5-g5 44. Kg3-f3 Sd3-e5+ retten nichts mehr.

 

97. Shirov – Kasparov, Linares 2002
Stellung nach dem 15. Zug von Weiß

Einen dieser Züge, die einen großen Unterschied ausmachen können, spielte Garri Kasparov in dieser wilden Sveshnikov-Variante: 15… Ke8-d8!!. Ich denke, es ist nahezu unmöglich, in einer solch verwickelten Stellung alle Möglichkeiten analytisch abzudecken und zu ergründen, aber allein die Tatsache, dass dieser unscheinbare Zug inmitten des taktische Gewühls potentielle Schachgebote auf c7 unf f6 aus der Stellung nimmt, unterstreicht die Bedeutung solcher Züge, die von schwächeren Spielern oftmals unterschätzt werden. Shirov setzte die Partie jedenfalls mit 16. c2-c3 Ta4-a6 17. a2-a4? fort, was nichts zur Lösung des Stellungsproblems beiträgt – stärker wäre wohl 17. Sb5-c7 Ta6-a7 18. b4-b5! mit riesigen Komplikationen gewesen. Nach 17… f5xe4 folgte mit 18. f4-f5? ein weiterer merkwürdiger Zug, mit dem Linien geschlossen anstatt geöffnet werden – 18. Ta1-a2 macht jedenfalls einen flexibleren Eindruck. Nach 18… Lc8-b7 übernahm Schwarz die Initiative und siegte auf sehenswerte Weise im 28. Zug.
Meistens ist auch die psychologische Wirkung hinter einem solch unerwarteten Zug für denjenigen von Vorteil, der die außergewöhnliche Idee ersonnen hat. Hier jedenfalls verlor Shirov erstaunlich schnell den Faden, wenngleich ich keineswegs behaupte, dass Kasparovs Königszug die Partie zwingend hätte gewinnen müssen.

 

98. Kasparov – Svidler, Wijk aan Zee 1999
Stellung nach dem 29. Zug von Schwarz

In dieser bärenstark von Kasparov geführten Partie setzte der Weltmeister seiner Strategie die Krone mit einem Zug auf, den die wenigsten auf dem Schirm gehabt haben dürften. Die meisten Spieler wären wohl froh, wenn sie den Zug 30. Tg6xe6!?, der auch den Segen des Computers erhält, gefunden hätten. Allerdings würde das Geschehen für einen Menschen nach 30… Sd5-f6 nochmals unübersichtlich werden, da 31. Te6xf6? Lg7xf6 nicht zum Matt führen würde. Kasparov erkannte, dass es in dieser Stellung nicht mehr um das riskante Einsacken von Bauern, sondern um ein schnelles Ende des Angriffs geht und zog stattdessen klinisch sauber 30. Ke1-d2!!, was dem Turm den Schwenk nach g1 oder h1 ermöglicht und den König zugleich an einem absolut sicheren Ort verstaut. Svidler gab die Partie nach 30… Sd5-f6 31. De4-e3 übrigens schon auf.

 

99. Rapport – Wei Yi, Wijk aan Zee 2017
Stellung nach dem 27. Zug von Weiß

In dieser Stellung hätten sicherlich viele Spieler 27… Sd4-c6 28. d2-d3 h3-h2+ 29. Kg1-g2 Lg4-e6 30. Lc1-f4+ Kd6-e7 erwogen und mit den Konsequenzen gut leben können, da Schwarz mittelfristig auf Gewinn stehen sollte. Dennoch kann Weiß in dieser unübersichtlichen Stellung noch ganz gut im Trüben fischen. Wei Yi sah hingegen keine Veranlassung, den Springer von seinem starken Vorposten wegen der Abwehr eines Schachgebots abzuziehen und zog stattdessen kaltblütig 27… Kd6-d5!!, was in der Tat deutlicher und schneller gewinnt. Da Schwarz nun ein dreizügiges Matt droht, sind die weißen Möglichkeiten eingeschränkt. Die Partie ging zu Ende mit 28. Te1-e3 h3-h2+ 29. Kg1-h1 Dd7-c6 30. Ta1-b1 (schön wäre auch 30. b7-b8=D Td8xb8 31. Db6xb8 Kd5-c4+! mit forciertem Matt!) 30… Dc6xb6 31. Tb1xb6 Lf8-d6 32. Lc1-b2 Td8-e8!. Weiß gab auf, aber noch viel schöner wäre folgende Computervariante ab dem 28. Zug gewesen: 28. Kh1-h2 Sd4-f3+ 29. Kh2-h1 Sf3xe1 30. c2-c4+ Kd5-e4! 31. b7-b8=D Td8xb8 32. Db6xb8. Nun setzt Schwarz mit 32… Dd7-c6 33. f2-f3+ Ke4xf3 34. d2-d4 c5xd4 35. Kh1-h2 (35. Db8-f4+ wird mit dem amüsanten Gegenschach 35… Kf3-e2+ beantwortet) 35… Lf8-d6! 36. Db8xh8 Ld6xg3+ 37. Kh2-g1 Kf3-e2! mit unvermeidlichem Matt. Es ist erstaunlich, dass der weiße König in Wirklichkeit viel schlechter als der exponierte schwarze Monarch stand, nicht wahr?

 

Tanz der Könige

 

100. Portisch – Pinter, Budapest 1984
Stellung nach dem 21. Zug von Weiß

Eine der schönsten Partien der 1980er-Jahre soll den würdigen Abschluss dieser Rubrik bilden, denn immerhin fiel diesem Kombinationswirbel kein Geringerer als der damalige WeltkIassegroßmeister Lajos Portisch zum Opfer. Zum besseren Verständnis sind die Partiezüge anschließend in dieser extrem verworrenen Analyse fett hervorgehoben.
In diesem damenlosen Mittelspiel nehmen beide Könige etwas ungewohnte Plätze ein, doch noch ist kaum etwas von der schwarzen Magie zu erahnen, mit der diese Partie bald durchsetzt werden sollte. Portischs Gegner, der Internationale Meister Joszef Pinter, war natürlich nicht willens, in dieser Stellung mit einem zaghaften Zug des angegriffenen Springers seinem Gegner kampflos die Initiative samt dem Zentrum zu überlassen und spielte daher mit Hilfe eines Figurenopfers auf Angriff. Die Einleitung macht der erstaunliche Zug 21… Ke7-f6!!, mit welchem Schwarz dem Gegner die Pistole auf die Brust setzt. Weiß muss wegen des unvermeidlichen Turmschachs auf e8 nun mit 22. d5xc6! fortsetzen und nach 22… Th8-e8+ 23. Ke3-f4 mit gleich zwei Fortsetzungen rechnen, denn eine Alternative zum Partiezug wäre nun 23… g7-g5+ gewesen, zum Beispiel: 24. Kf4-g3 f5-f4+ 25. Kg3-h3 Lb7-c8+ 26. g2-g4 h7-h5 27. Sf3-e1 mit grandiosen Verwicklungen. Pinter spielte das objektiv schwächere 23… Te8-e4+?! 24. Kf4-g3 und setzte daraufhin mit 24… Lb7-c8 fort. Er konnte dabei zum Glück darauf bauen, dass kein Mensch eine Computervariante wie diese hier finden kann: 25. c6-c7!! f5-f4+ 26. Kg3-h4 Td8-d6 27. Lc4-g8!! Kf6-e7 28. Lg8xh7 Td6-h6+ 29. Kh4-g5 Th6xh7 30. Ta1-e1 mit weißem Gewinn. Portisch spielte das „menschliche“ 25. Ta1-c1 und musste nach 25… Te4-g4+ 26. Kg3-h3 f5-f4 das Problem seiner prekären Königsstellung lösen. Die Zeitgenossen erkannten später zurecht, dass Weiß hier mit 27. Lc4-a6! das Remis durch Dauerschach erzwingen kann. Diesen Zug hätte Portisch jedenfalls finden können (wenn nicht müssen), während der gnadenlose Computer hier wieder eiskalt 27. c6-c7!! zieht und weder nach 27… Tg4-g3+ 28. Kh3-h4 g7-g5+ 29. Kh4-h5!! noch nach 27… Tg4-g6+ 28. g2-g4 Lc8xg4+ 29. Kh3-h4 ein Dauerschach, geschweige denn ein Matt findet! Falls Schwarz im 27. Zug einen Wartezug wie etwa 27… Td8-e8 einstreut, dann lässt die Engine auch noch das knallharte 28. Lc4-e6!! Lc8xe6 29. Tc1-c6!! Tg4-g3+ 30. Kh3-h4 Tg3-g4+ 31. Kh4-h5 Tg4-g6 32. Tc6xe6+! folgen, was die ganze Angelegenheit letztlich nach 32… Kf6xe6 33. Th1-e1+ Ke6-d7 34. Te1xe8 Kd7xc7 35. Te8-e4 widerlegt. Portisch spielte stattdessen das schwache 27. Sf3-e5?, worauf Pinter forciert hätte mattsetzen können. Das geht wie folgt: nach 27… Tg4-g3+ 28. Kh3-h4 h7-h5!! entscheidet die zweizügige Mattdrohung nach 29… g7-g5+, denn Stockfish gibt folgende irrsinnige Variante an: 29. Se5-g6 Tg3xg6 30. Lc4-e6!? (räumt die c-Linie) 30… Lc8xe6 31. h2-h3 Tg6-g4+!! 32. h3xg4 h5xg4 33. Tc1-c5 Td8-h8+ mit einem Bilderbuchmatt nach 34. Tc5-h5 g7-g5#! Pinter fand diese Kombination nicht und spielte hier 27… Kf6-g5!, was aber auch zum Gewinn reicht. Nach dem erzwungenen 28. Se5-f7+ Kg5-h5! 29. Lc4-e2 Td8-d3+!! 30. g2-g3 f4-f3! 31. Tc1-c5+ Tg4-g5+! 32. g3-g4+ Lc8xg4+ (vier Schachgebote nacheinander sieht man auch nicht häufig) 33. Kh3-g3 f3xe2+! war es vorbei.
Was für ein Kampf!

 

Epilog

 

Am Ende dieser langen Reise soll nun noch ein einziger Beitrag stehen, dessen Notation nicht aufzufinden war und daher nicht zweifelsfrei als authentisch angesehen werden kann. Gespielt wurde die Partie bei der georgischen Frauenmeisterschaft 1970.

 

Kobaidze – Tsereteli, Tbilissi 1970
Schwarz am Zug

Schwarz erkannte hier, dass 1… Sb6-a8 2. Lg4-h5+ keinerlei Rettungschancen ergäbe und entdeckte daher etwas Besseres: nach 1… Kf7-e8!! 2. Ld8xb6 ergab sich ein positionelles Remis, das Weiß auf keine Art und Weise vermeiden kann. Schwarz stellt einfach den König nach e7, von wo aus er nur mit nutzlosen Opfern zu vertreiben ist. Weiß sah dies schnell ein und gab die Partie folgerichtig remis, denn ein Durchkommen ist nicht in Sicht.

 

Liebe Schachfans,

damit geht diese lange sechsteilige Reise zu Ende. Ich hoffe, ich konnte auch zum guten Schluss nochmals ansprechende und interessante Beispiele zusammenstellen, die für Kurzweil und Lerneffekte gleichermaßen sorgen können. Mir hat diese Serie sehr viel Spaß gemacht, auch wenn die Recherchen teils mühsam waren und mehrere Monate in Anspruch genommen haben.

Irgendwann im Frühjahr folgt noch ein „Nachschlag“ mit weiteren 250 berühmten Zügen. Bis dahin wünsche ich viel Spaß mit dieser monumentalen Serie!

Bernd Grill