Restaurantbesuche – Die Top Ten aller Zeiten

Das Bild präsentiert eines der besten Gerichte des Jahres 2018: Milchkalbstatar mit Sauerklee, Radieschen und Kapern zeigte die ganze Meisterschaft Joachim Wisslers, auch wenn es das „Vendôme“ nach bislang zwei Besuchen immer noch ganz knapp nicht auf die Bestenliste geschafft hat …

 

Die kulinarische Reise wird natürlich auch 2020 weitergehen. Nach knapp neun Jahren ist es jedoch an der Zeit, die denkwürdigsten Momente noch einmal aufzulisten. Wer es auf die Liste der zehn besten Besuche aller Zeiten schafft, der kann sich durchaus etwas darauf einbilden:

 

1) Bareiss, Baiersbronn (27.6.2015)

Das opulenteste aller deutschen Drei-Sterne-Restaurants enttäuscht praktisch nie, aber an diesem Tag zauberte das Team um Claus-Peter Lumpp ein Menü für die Ewigkeit auf die Teller, das geschmacklich wahrlich jenseits aller Vorstellungskraft war. Überbordende Kreativität (vor allem in der Pâtisserie) und perfekt ausbalancierte Aromen, die trotzdem jederzeit zugänglich, klassisch und verständlich blieben, machten aus diesem Premierenbesuch im Bareiss den bisherigen Höhepunkt meines Daseins als Gourmet aus.

Für Gourmets lohnt der Schwarzwald natürlich immer einen Besuch, aber Baiersbronn als das deutsche Gourmet-Mekka schlechthin dürfte angesichts von Schwarzwaldstube und Bareiss so schnell nicht vom Thron gestoßen werden.

2) Sonnora, Dreis (27.5.2016)

Hätte ich geahnt, dass Helmut Thieltges nur noch ein gutes Jahr nach diesem Besuch zu leben hätte und mit 61 Jahren bereits sterben würde, dann wäre ich sicherlich nicht erst drei Monate nach seinem Tod wieder hier aufgekreuzt: der weit und breit unprätentiöseste Koch, den man sich nur vorstellen konnte, brillierte stets mit grandioser Klassik, kompromissloser Produktqualität und präzisestem Handwerk – ein Fest für die Sinne, nicht nur (aber auch) wegen des unumstrittenen Klassikers in diesem Hause: die kleine Torte von Rösti, Crème fraiche, Rindertatar und fingerdick aufgetragenem Impérial-Kaviar. Wer fragt da schon nach dem Preis?!

Hier, im Herzen der Eifel, gibt es in einem selten gewordenen Retro-Ambiente die vielleicht klassischste Hochküche Deutschlands zu bestaunen, die allerdings kein bisschen angestaubt wirkt. Glücklicherweise führt Thielges‘ ehemaliger Souschef, der noch nicht einmal 30-jährige Clemens Rambichler, das Lokal auf demselben Niveau ganz in dessen Sinne weiter. Danke!

3) De Librije, Zwolle (21.9.2019)

Jonnie Boer bildet schon seit mehr als zwei Jahrzehnten die Speerspitze der niederländischen Avantgarde und verzaubert seine Gäste mit einem nur so vor Phantasie strotzenden Menü, dem scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Dabei wird das ganze Prozedere so unterhaltsam in Szene gesetzt, dass man hier eigentlich gar nicht mehr gehen möchte! Auch die minutiös eingespielte Servicetruppe gehört zu den lockersten und aufmerksamsten gleichzeitig. Das Schönste daran: das alles gibt es zu einem erstaunlich kulanten Preis in einem einmaligen Ambiente. Selbst als Nicht-Gourmet sollte man hier einmal im Leben gewesen sein, da es diese Erfahrung so einfach weltweit kein zweites Mal gibt – völlig zurecht ist das De Librije einhellig als eines der zwanzig besten Restaurants der Welt anerkannt. Dass es „nur“ für Platz drei reichte, liegt lediglich daran, dass die äußerste kreative und durchdachte Menüfolge kein Highlight für die Ewigkeit enthielt, sondern auf höchstem Niveau durchhielt, aber eben ohne das unvergessliche Gericht.

4) Hertog Jan, Zedelgem (9.8.2018)

Die Schließung dieses Lokals ist ein unbeschreiblich herber Verlust, denn das unbedingt zur Nachahmung empfohlene „Farm-to-table“-Konzept wurde hier in einer umwerfenden Präzision und Vielfalt auf internationalem Spitzenniveau umgesetzt. Die gezeigte Küchenleistung übertraf meine kühnsten Erwartungen, zumal ich selten günstiger in einem Drei-Sterne-Restaurant gegessen habe. Was für ein göttlicher Besuch! Zum Glück bleibt Belgien auch so eines der attraktivsten Länder für europäische Gourmets.

5) De Leest, Vaassen (21.6.2019)

Ein glänzender Besuch, der nicht nur mit filigranen Kombinationen (insbesondere bei den Fischgängen) und sensationellen Saucen begeisterte, sondern auch bei den nicht weniger als drei Desserts voll auf der Höhe der Zeit war. Nicht zu vergessen: so günstig habe ich in noch keinem Drei-Sterne-Restaurant gegessen! Wo bekommt man auf diesem Niveau neun Gänge für € 178?!

6) GästeHaus Klaus Erfort, Saarbrücken (12.8.2016)

War mein jüngster Besuch eher enttäuschend, so ließ sich das vom Besuch davor keineswegs behaupten. Klassik in ihrer schönsten Form zelebrierte Klaus Erfort an diesem Tage: besonders denkwürdig war ein gigantischer Carabinero von superber Qualität, der kaum mehr als etwas Zitronensaft abbekam und trotzdem nahe der Vollendung schmeckte. Alles andere an diesem Mittagsmenü war jedoch ebenfalls atemberaubend.

7) Schwarzwaldstube, Baiersbronn (29.12.2019)

Eine Woche, bevor diese weltberühmte kulinarische Institution in Flammen aufging, war ich hier nochmals zu Gast – welch ein Glücksfall! Allerdings waren es weit mehr als nur die Begleitumstände, die diesen denkwürdigen Besuch veredelten: Torsten Michel hatte nicht nur das Niveau beeindruckend gehalten, sondern eine eigene Handschrift entwickelt. Aus dem übermächtigen Schatten seines Vorgängers Harald Wohlfahrt herausgetreten, zauberte er hier ein Menü mit allen Schikanen auf die Teller, das vor Ideen sprühte und trefflich gelang.

8) Döllerers Genießerrestaurant, Golling an der Salzach (26.6.2020)

Zeitgemäße Küche mit genuin alpenländischen Produkten – was im ersten Moment wie die Quadratur des Kreises klingen mag, gelingt in dieser feinen Adresse mit einem atemberaubenden Grad an Perfektion. Die eher rustikal dargebotenen Gerichte strotzen vor Überraschungen, sind handwerklich tadellos umgesetzt und lassen profundes Wissen über die eingesetzten Produkte erkennen. Allein die Aubergine im vegetarischen Gang hätte diesen Besuch schon gerechtfertigt!

9) La Belle Epoque, Travemünde (30.10.2011)

Mein erster Besuch in einem damaligen Zwei-Sterne-Restaurant markierte den echten Beginn meiner Leidenschaft. Kevin Fehling, der inzwischen in Hamburg höchst erfolgreich sein neues Lokal The Table betreibt, entwarf schon damals Gerichte, die mir schlicht den Atem raubten. Speziell das göttliche Piña-Colada-Dessert war eine absolute Eingebung! Vielleicht ist diese Plazierung auf Rang 9 ein wenig durch das Schlüsselerlebnis an sich bedingt, das als Initialzündung wirkte, doch noch immer erinnere ich mich gerne an diesen denkwürdigen Besuch zurück, der nicht einmal von den beiden Abenden im The Table getoppt wurde, obwohl Fehling inzwischen den dritten Michelin-Stern verliehen bekommen hat.

10) Falco, Leipzig (26.3.2013)

Von meinen bisherigen vier Besuchen war gleich die Premiere die beeindruckendste Visite. Peter Maria Schnurr steht an der Spitze der deutschen Avantgarde und kreiert „auf Teufel komm raus“ Gerichte, die sich jedweder vergleichenden Einschätzung fast zwangsläufig entziehen müssen. So verwundert es nicht, dass Besuche hier stets etwas kontroverser in der Beurteilung ausfallen können, doch an jenem Abend war schlichtweg alles perfekt. Insbesondere der Reigen an Einstimmungen zu Beginn hat noch jedes Mal den Besuch gelohnt.

 

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Leider Gottes ist jedoch selbst ein fabelhafter Besuch in der Vergangenheit keine Garantie für ein weiteres unvergessliches Erlebnis in der Gegenwart: die Köche sind schließlich genauso Menschen wie wir und haben vielleicht auch mal einen schlechten Tag. Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass ein herausragender Besuch in der Vergangenheit die Vorfreude noch jedes Mal potenziert hat!