Eisvogel, Neunburg vorm Wald (UPDATE)

UPDATE (Mai 2019)

Nach dem mutmaßlichen Aus für das Restaurant Kastell in Wernberg-Köblitz hat der Eisvogel nun die kulinarische Pole Position in der Oberpfalz übernommen (gefolgt vom Storstad in Regensburg und dem Gregor’s Fine Dining in Rötz). Der letzte Besuch hier ist zwar noch kein Jahr her, und doch hat sich seither einiges in dem eleganten Ressort getan: das Restaurant wurde renoviert und merklich verändert. Das Interieur mit den nunmehr dunkleren Farben als früher wirkt nun noch mondäner und eleganter – immerhin waren die Designer klug genug, den gläsernen, begehbaren Weinschrank in der Mitte des Raumes sowie die mundgeblasenen Glasskulpturen darüber unangetastet zu lassen. Sommelier Holger Steck hat das Haus inzwischen ebenfalls verlassen und wurde durch einen charmanten, mit Wiener Akzent sprechenden Sommelier ersetzt, dessen Namen ich leider Gottes bislang nicht ermitteln konnte. Restaurantleiterin Katja Mauerer und der neue Sommelier bemühen sich redlich, ihren Job gut zu machen, doch anhand kleiner (aber verzeihlicher) Details wird dennoch offenkundig, dass das neue Team nach so kurzer Zeit noch nicht perfekt eingespielt sein kann.

Weiterhin wird hier eine einzige Menüfolge (saisonabhängig – in der Regel sieben bis neun Gänge) zu ordentlichen Preisen angeboten, die zudem mit etlichen Extras durchaus generös aufgewertet wird. Starten wir also an diesem trüben, verregneten Abend ins Menü mit vier Kleinigkeiten, die durchdekliniert sind und einfach Spaß machen: Blumenkohl gekocht und als Crème in einer gedrängten Komposition auf einem Schälchen, ein aromatisches Cornetto mit Rindertatar (bestens abgeschmeckt mit Senf und Estragon), ein Rote-Bete-Macaron mit Schmand und Kaviar obenauf sowie einen Tapiokachip getoppt von Lachs. Dazu lässt man sich einen großartigen Fruchtcocktail schmecken – und schon ist das Wetter draußen vergessen …

Nach der abwechslungsreich bestückten Brotauswahl (mit Butter und Bärlauchcrème – das originelle „Gemüsebeet“ vom letzten Besuch hatte dagegen leider ausgedient) folgt als erstes offizielles Amuse ein goldenes Ei, das mit Stör, Eigelb und Harissa-Espuma gefüllt war und großartig schmeckte. Dies trifft auch auf das zweite Amuse zu: gegrilltes Zanderfilet auf Spinat mit Apfelstreifen und Walnuss. Wenn das so weiter geht …

Zweierlei Spargel (polnisch), Igel-Stachelbart (Pilz) und Grüne Soße verblüfft mit einer echten Stange Spargel und einer täuschend echten aus Spargelcrème. Das filigrane Arrangement aus Ei, Bröseln und dem Pilz mit dem martialischen Namen ist nicht nur in aromatischer Hinsicht sorgsam ausbalanciert, sondern auch eine optische Wonne. Der scheinbar befremdliche hessische Saucenklassiker anstelle einer Hollandaise verbindet alles schließlich gekonnt und rundet den Einstieg ab. Welch stimmiger Auftakt!

Bretonischer Hummer, Shiso, Avocado und Yuzu gelingt nahe der Perfektion: das Shiso-Eis in der Mitte des Tellers wird als gleichberechtigter Partner von drei ultrafrischen Tranchen des Hummerfleischs und Avocado-Gel umspielt, wobei feinste Nuancen der japanischen Zitrusfrucht dem Gericht die Krone aufsetzen. Lediglich eine sehr bissfeste Komponente, die ich nicht näher definieren konnte, schien mir eher abträglich als gewinnbringend. So oder so: hervorragend!

Vergleichsweise übersichtlich (rein optisch, nicht auf die Menge bezogen!) geriet dagegen Kalbsbries, Carabinero, Curryschaum und Karotte. Der Carabinero kommt in puristischer Reinheit als Ganzes auf den Teller, was auch auf das kross ummantelte Bries zutrifft. Die asiatischen Aromen sowie die Türmchen von Karotte in unterschiedlichen Konsistenzen sorgen für spannungsreiche Kontraste – auch dieser Gang muss kaum einen Vergleich scheuen (allenfalls mit Jan Hartwigs Kreationen aus dem Münchner Atelier) und gelingt ausgezeichnet.

Steinbutt, Erbse, Morchel und Buttermilch erweist sich ebenfalls als Volltreffer: der frittierte, aber keineswegs fettige Fisch tummelt sich in einem mit Erbse aromatisierten Buttermilch-Bad, das eine reine Wonne darstellt. Die erdigen Noten der durchaus präsenten Morchel schmiegen sich perfekt an die Aromenkonstellation an und sorgen für einen gewinnbringenden Kontrast. Kurioserweise erinnert mich genau die faszinierende Wucht dieses Gangs an so manche Kalbsbries-Kreation von eben jenem Jan Hartwig – nur dass hier eben der Steinbutt die Rolle des Bries einnahm! Dass die Kreationen derart aromensatt daherkommen würden, überraschte mich dann doch sehr, da ein solcher Aufwärtstrend gegenüber dem letzten, schon sehr ordentlichen Besuch für einen Koch, der die 50 Lenze bereits überschritten hat, recht ungewöhnlich erscheint.

Das zweiteilige Hauptgericht Label-Rouge-Lamm, Kichererbse, Tomate, Feta beweist auch ein sicheres Gespür für nordafrikanische Aromen (ist dies derzeit ein Trend?). Teil eins besteht aus einem Schälchen mit Kraftbrühe und deutlichen Lammaromen sowie einem als Ganzes zu verzehrenden Cracker mit einem ungeheuer gedrängten Türmchen aus lauwarmem Lamm, Tomate und Feta. Teil zwei überzeugt mit kräftig angebratenem Lamm, einem Kichererbsensud und einem stimmigen Reigen kleiner Türmchen aus Tomate und Feta-Crème. Der opulente Hauptgang fand – wie praktisch alles zuvor – unsere ungeteilte Zustimmung. Bis hierher ein superber Abend!

Nun folgte jedoch leider ein seltsamer Riss: Mascarpone und Gorgonzola, Spitzpaprika, Pumpernickel-Malz und Knollenziest geriet beim Verzehr fast schon zu einer Qual. Hätte ich geahnt, dass bei diesem vermeintlichen Käsegang nicht der Gorgonzola, sondern die Paprikaschoten dominierend im Zentrum des Gerichts stehen würden, dann hätte ich mir diesen Gang getrost gespart (Paprika steht in meiner Gunst ganz weit unten, doch selbst meine diesbezüglich vorbehaltslose Begleitung pflichtete mir bei). Mascarpone und Gorgonzola waren unter bzw. in dem roten Paprika versteckt und kamen für meine Begriffe kaum zur Geltung (was auch auf den Pumpernickel zutraf). Hinzu kommt, dass der überportionierte Paprika auch noch mit dem faserigen und bissfesten Knollenziest gepaart wurde und so keinerlei nennenswerten geschmacklichen Kontrast erfuhr. Summa summarum aus meiner Sicht leider ein völlig entbehrlicher Gang, bei dem allenfalls die Optik stimmte …

Auch das Pré-Dessert zeigte eine Vorliebe für mir nicht gerade genehme Zutaten: ein Radieschen-Eis auf Pumpernickel bediente eher spezielle Geschmäcker. Wer’s braucht …

Weiße Schokolade, Zitrone und Eukalyptus als Dessert hätte auch gut ohne gelbe Paprika auskommen können, da dieses Produkt nun wirklich endgültig ausgereizt war. Glücklicherweise war die Dosierung hier sparsamer, doch als gewinnbringend empfand ich sie auch hier nicht. Das ansonsten durchschnittliche Dessert rund um Schaum, Gel und gelierte Zitrone hätte jedenfalls gut ohne den Paprika auskommen können.

Das zweite Dessert Holunder, Pistazie und Passionsfrucht stellte ein Holunder-Granité sowie ein Pistazienschäumchen in den Mittelpunkt der Kreation. Umspielt wurden die Hauptdarsteller von Gel-Tupfen aus Passionsfrucht, Pistaziencrumble und einer aromatisierten Holundercrème. Auch dieses Dessert zeigte sicheres Handwerk, ließ aber eine klare geschmackliche Aussage irgendwie doch vermissen. Zu den (optischen) Highlights unter den ansonsten alkoholfreien Petits Fours zählten zwei essbare Schachfiguren aus Mürbteig, die allerdings mit Rum aromatisiert waren. Irgendwie war seit dem Käsegang einfach der Wurm drin …

Der Eisvogel zählt fraglos nach wie vor zu den besten Adressen im östlichen Bayern. Wir erlebten hier einen Abend, der uns bis zum Hauptgang vollkommen überzeugte: intensiver Geschmack, spannende Aromenkonstellationen, große Abwechslung, hinreißende Kreativität, eine fair bepreiste Weinreise für meine Begleitung und sicheres Handwerk sowieso. All dies wirkte ungeheuer durchdacht, facettenreich, zeitgemäß und ganz einfach großartig. Auch über die kleinen Patzer im Service (z.B. falscher Wein, aber noch rechtzeitig bemerkt) sahen wir gerne großzügig hinweg. Der seltsame Riss, der mit dem Käsegang Einzug hielt, wirkte aber doch etwas befremdlich auf uns: dieser Gang war speziell wegen der Dominanz des Paprika für meine Begriffe einfach kein Käsegang und wusste auch nicht so recht, was er eigentlich stattdessen sein wollte. Die Desserts konnten mit dem (zugegebenermaßen sehr hohen) Niveau der Darbietungen zuvor ebenfalls nicht mithalten, da mir in beiden Fällen so etwas wie ein roter Faden fehlte. Schade um den unterkühlten Ausklang eines bis dato glänzenden Menüs, das im Falle einer gelungenen Fortsetzung sogar Chancen gehabt hätte, es auf meine ominöse Top-10-Liste zu schaffen. So aber erhielt die Euphorie letzten Endes leider einen merklichen Dämpfer. Chefkoch Hubert Obendorfer betreute an diesem Abend übrigens eine private Feier im Gebäude nebenan und überließ seinem Souschef diesmal die Küche. An diesem allein hat es allerdings mit Sicherheit auch nicht gelegen, dass der einst so gelungene Abend etwas unterkühlt endete.

Ich gehe trotzdem davon aus, dass dies nicht mein letzter Besuch hier war. Die positiven Eindrücke überwogen trotz allem ganz klar, denn bis zum Hauptgericht bewegte sich die gezeigte Darbietung für meine Begriffe ganz klar auf Zwei-Sterne-Niveau. Ich bin gespannt, ob die Profi-Guides in ihrer nächsten Ausgabe einen weiteren Anstieg erkennen werden oder sich doch in Zurückhaltung üben werden. Das Potential für eine Aufwertung hat diese kosmopolitisch geprägte Küche (derzeit 17 Punkte im G&M und 8 GUSTO-Pfannen), die das Beste aus aller Welt gekonnt vereint, allemal – nur rief sie es diesmal leider nicht komplett ab. So oder so ist das idyllisch gelegene Ressort immer eine Reise wert.

======================================================================

Mai 2018

Da rieb sich wohl manch Hobby-Gourmet verwundert die Augen, als die bekannte Zeitschrift FEINSCHMECKER in der Juli-Ausgabe 2016 die Oberpfalz als Urlaubs- und Genussregion für sich entdeckt hatte (wissen überhaupt alle, dass die Oberpfalz in Bayern und nicht in Rheinland-Pfalz liegt?). Allerdings schien es die Redaktion mit ihrem Ansinnen nicht so genau genommen zu haben, denn ein anderer rieb sich seinerzeit sicherlich ebenfalls verwundert (um nicht zu sagen: verärgert) die Augen: Hubert Obendorfer, Küchenchef und Inhaber des Landhotels Birkenhof im Herzen der Oberpfalz. In der August-Ausgabe wurde ein Leserbrief von Herrn Obendorfer publiziert, in dem er sich (sowas von zurecht) darüber echauffierte, dass sein Etablissement mit keiner Silbe in dem Beitrag erwähnt wurde – und das, obwohl das renommierte Haus seit zwei Jahrzehnten zu den allerersten Adressen der Region gehört und das Restaurant Eisvogel stetig mit einem Michelin-Stern sowie 17 Punkten im Gault&Millau bewertet wird. Die Redaktion wand sich sinngemäß damit heraus, der Bericht beinhalte eine subjektive Auswahl des Redakteurs. Peinlich …

Erfahrene Gourmets wissen zum Glück auch so, dass es in der Oberpfalz vier namhafte Adressen gibt: das „Storstad“ in Regensburg (mein letzter Besuch ist schon über drei Jahre her), das Ressort „Die Wutzschleife“ mit dem Restaurant Gregor’s Fine Dining in Rötz (das ich noch nicht besucht habe), die (von mir bereits rezensierte) Burg Wernberg mit Restaurant Kastell (wo Chefkoch Thomas Kellermann Anfang Juli gen Rottach-Egern am Tegernsee aufbricht) sowie das Landhotel Birkenhof mit dem Restaurant Eisvogel. Gut zehn Kilometer von der Neunburger Altstadt entfernt thront die geräumige Anlage auf einem Hügel mit Paradeblick über die Oberpfälzer Seenlandschaft. Das Hotel punktet mit geräumigen Zimmern, einem Wellnessbereich mit 2.000 Quadratmetern und zwei weiteren Restaurants für kulinarisch weniger anspruchsvolle Gäste – oder eben solche, die keinen Platz im Eisvogel bekommen haben. Soviel vorweg: das ganze Angebot gibt es zu durchaus erschwinglichen Preisen – offenbar schätzen das auch viele weitere der durchaus zahlreichen Gäste. Tagsüber bietet sich entweder ein Aufenthalt im Wellness-Bereich, eine Partie Golf, eine Wanderung oder eine Kanutour an, denn die Oberpfalz ist ein regelrechtes Outdoor-Paradies ohne von Touristen überlaufene Hotspots (sieht man einmal von Regensburg ab).

Mein primäres Interesse gilt jedoch dem Eisvogel, dessen Bewertung der GUSTO und auch der FEINSCHMECKER 2017 anhoben, so dass eine gewisse Erwartungshaltung meinerseits durchaus vorhanden war. Die erste Anspannung wich jedoch schon bald, denn das überwiegend in Beige- und Brauntönen gehaltene Restaurant vermittelt eine durchaus wohnliche und doch elegante Atmosphäre, zumal sich durch die großflächigen Fenster der Sonnenuntergang wunderbar verfolgen lässt. Kernstück des nahezu runden Speisesaals ist jedoch ein begehbarer Weinschrank aus Holz und Glas, der als Raumteiler und optischer Blickfang gleichermaßen fungiert. Der Herr über die beneidenswert bestückte Sammlung an Weinflaschen ist Sommelier Holger Steck, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird.

Nun aber zum Wesentlichen: die ersten Petitessen reicht man – sehr schön – bereits vor der Speisekarte und fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus. Auf einem Brotchip gibt es etwas Hamachi mit Sauerrahm und Limette sowie auf einem weiteren Chip Saibling mit Gurkenperlen und Ceta-Kaviar (ein echter Hingucker). Außerdem reicht man einen mit Passionsfrucht ummantelten Gänseleber-Lollipop sowie ein Cornetto mit etwas Crème fraiche und Honigmelone obenauf. Am besten von diesem beachtlichen Reigen gefällt mir jedoch die rein vegetarische Teig-Tulpe mit etwas Karotten-Riccotta gefüllt. Dazu kredenzt man mir an der Bar einen wunderbaren großen fruchtigen Cocktail, dessen Preis mir später überaus fair vorkommt. Als Gruß aus der Küche tischt der Service eine Radieschen-Rose auf etwas Bärlauchcrème auf – eingearbeitet finden sich confiertes Kaninchen sowie versteckte klein gewürfelte Stücke unter der Crème. Geschmacklich überzeugend, und an Ideen mangelt es der Küche jedenfalls nicht. Offeriert wird dann ein siebengängiges Menü, das durchaus vielseitig gerät und stark den saisonalen Gegebenheiten Rechnung trägt.

Getauchte Jakobsmuschel, Erbse, Zitrusfrucht, Fenchel und Macadamia bildet den Einstieg in den Reigen. Die lauwarme Muschel (beste Konsistenz) wird auffällig von dem Erbsen-Eis im Mittelpunkt des Tellers dominiert, während der eigentliche Hauptdarsteller die Ecken eines Dreiecks bildet, dessen Kanten aus kleinen Türmchen aus Erbsencreme, Zitrusfrucht und Fenchel bestehen. Das macht in lukullischer und optischer Hinsicht durchaus etwas her – lediglich der Sinn der Macadamia-Nuss erschloss sich mir nicht und scheint mir eher dem momentan grassierenden Trend, auf mindestens einem Teller pro Menü eine Nuss unterzubringen, geschuldet zu sein. Das habe ich dieses Jahr schon mehrfach erfahren – und meist wurde das Ergebnis dadurch nicht besser.

Marinierter Spargel mit Luma-Rind, Ziegenkäse, Eigelb und Frühlingskräuter scheut das Experiment nicht. Die Spargelspitzen stehen senkrecht in einem Bett aus Ziegenkäsecrème, die mit den Kräutern veredelt wurde, während ein mit einer hauchdünnen Sülze ummanteltes Röllchen aus Rindfleisch um die Aufmerksamkeit des Gastes mit dem Spargel konkurriert. Besonders gefallen an dieser Kreation die kleinen Eigelb-Perlen, die die Kreation noch weiter spürbar aufwerten. Spargel mit einem vergleichsweise kräftigen Begleiter wie dem Rind zu paaren erfordert einen gewissen Mut, doch das Wagnis gelingt hier.

Besonders gespannt war ich bereits bei der Lektüre der Speisekarte auf Bretonischen Hummer, Kohlrabi, Rissotto, Himbeer und Haselnuss – nicht so sehr wegen des Grundprodukts, sondern vielmehr wegen der Begleitung desselbigen. Zwei wunderbare Tranchen baden in einem herrlich süffigen Hummersud, unter dem sich das Rissotto versteckt. Die hauchdünnen Streifen von Kohlrabi setzen feine Akzente, doch der Clou des Gerichts ist ein Crumble aus geeisten Himbeerperlen und klein gestoßenen Haselnüssen: dieses wird mit dem Löffel oben aufgetragen und verleiht dem Gericht einen superben und herrlich leichten Twist. Hier ist es Hubert Obendorfer und seinem Team wirklch gelungen, die Nuss mit Mehrwert zu integrieren und die scheinbar disparitätischen Eigenschaften der Himbeere vollkommen vorteilhaft in Szene zu setzen. Chapeau!

Noch besser wird es mit Dreierlei vom Kalbskopf, Steinpilze und Rührei. Hier wird in einer vergleichsweise schlichten und plakativen Inszenierung die höchste Aromendichte des Abends erreicht. Zweimal Innereien (Herz und Hirn, wenn ich mich nicht täusche) sowie umwerfend mürbe Bäckchen in einer kräftigen Sauce werden denkbar einfach, aber enorm effektiv von lang gebratenen Steinpilzen und Rührei in Szene gesetzt. Klingt simpel, machte aber enorm viel her.

Schwarzachtaler Zander, gegrillter Spargel, Spinat und Morcheln kommt in eher schlichtem Gewand daher. Der Spargel darf zunächst unter einer Glasglocke am Tisch des Gastes grillen und wird dann per Zange auf den Teller befördert. Auf selbigem befindet sich eine knallig grüne Spinatsauce sowie eine würfelförmige Tranche des hervorragenden Zanders. Die Bewertung des in erster Linie durch die plakative Farbgebung auffallenden Gerichts steht und fällt mit dem Spargel: meiner Meinung nach führte die konkrete Zubereitungsart des Spargels zu einem zu würzigen Aroma, das den Teller eher ein wenig aus der Bahn warf. Man kann hier aber sicherlich geteilter Meinung sein (wie die Reaktion von Gästen an den anderen Tischen zeigte).

Irisches Anchorena-Lamm kam in zwei Etappen: zunächst als eine Art Einsteiger in einem kleinen Schälchen mit herzhaftem Lamm-Ragout und Tomatensphäre – nicht kompliziert, aber absolut großartig! Das eigentliche Hauptgericht bot eine gratinierte Tranche vom Rücken, die von einer Parmesan-Kräuter-Kruste getoppt wurde. Geschmorter Lauch und die beigegebene Tomaten-Essigjus stellten bewährte Begleiter in einem Gericht dar, das diesmal ein wenig das Experiment scheute und eher die sicher ausgetretenen Pfade bevorzugte. Das machte die Kreation aber keineswegs schlechter, die ihren Reiz daraus bezog, dass das Lamm einmal von eher rustikalem (Ragout) und einmal eher elegantem Geschmack (Rücken) war.

Als Pré-Dessert reicht man wieder eine gewagte Eingebung: ein Sellerie-Sorbet mit Apfelragout und Yuzuschaum gelingt vortrefflich und wird zu einem erfrischenden Gaumenkitzler. In ähnlich leichtem Gewande präsentiert sich auch das eigentliche Dessert Rhabarber, Mandel und Whiskey. Dem Hauptdarsteller, der in einer Fülle verschiedenster Texturen und Konsistenzen auftritt, wird der Teller vollständig überlassen. Die Mandelcreme und das leicht mit Whiskey aromatisierte Bett, auf dem eine Stange Rhabarber ruht, halten sich wunderbar zurück und steuern elegante Nuancen in einem wahrlich frühlingshaften Dessert bei, das nochmals voll einschlägt. Ganz klassisch dagegen geraten zum Schluss die Petits fours, die keine Experimente mehr eingehen: Kugeln (z.B. Kokosnuss) und (Beeren-)Törtchen als traditioneller Ausklang.      

Einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg des Hauses hat Sommelier Holger Steck, der mit geradezu jugendlichem Elan und dennoch souveräner Gelassenheit durch den Abend führt. Er nimmt sich viel Zeit für seine Gäste und nimmt deren Weinvorlieben durchaus ernst. Auch die ständige Nennung des Gastes beim Namen hat bei ihm einen geradezu selbstverständlichen Charakter (der Name des Gastes ist übrigens auch auf der vom Chef handsignierten Menükarte zum Mitnehmen eingetragen). Man bot mir Lektüre für die Zeit zwischen den Gängen an und erkundigte sich auch nach dem richtigen Abstand zwischen den Gängen. Die Frage nach der Befindlichkeit des Gastes hat bei ihm nichts Gleichgültiges oder Routinehaftes – selten habe ich mich ernster genommen gefühlt, auch wenn ich keinen Alkohol trinke. Auch an den anderen Tischen gibt es von ihm eine wohldosierte Präsenz, die nichts Aufdringliches hat. Kurzum: das Wohl des Gastes steht hier nicht nur in der Theorie, sonern auch in der Praxis im Vordergrund.

Am überraschendsten an der Menüfolge dieses Abends erschien mir im Nachhinein die kosmpolitische Prägung, denn in einer solch ländlichen Gegend erwarten viele Gäste normalerweise eher heimische Produkte von regionalen Erzeugern. Oft genug habe ich anderswo schon erlebt, dass in Landgasthöfen die Nichterfüllung einer solchen Erwartungshaltung zu Gästeschwund führt. Es spricht jedoch eindeutig für die Fähigkeiten des Chefs, wenn es ihm ganz leicht und wie selbstverständlich gelingt, seiner Gästeklientel auch eine vergleichsweise anspruchsvolle und nicht gerade schlichte Stilistik zu offerieren: selbst unter der Woche bekommt man hier nämlich bei geringer Vorlaufzeit häufig keinen freien Tisch.

Zwar bot das Menü an ein paar Stellen interessante Einfälle, deren Bewertung durchaus kontrovers ausfallen kann. Aufgeschlosses Gäste sollten damit allerdings kein großes Problem haben, denn von einem gelungenen und non-konformen Menü darf man schließlich ein paar Denkanstöße erwarten (man nehme beispielsweise das Himbeer-Crumble oder den gegrillten Spargel). Dessen ungeachtet gab es jedenfalls eine enorme Bandbreite von vergleichsweise schlicht präsentierten bis hin zu kunstvoll durchdeklinierten Kreationen – und das alles zu gastfreundlich kalkulierten Preisen.

Eine große Überraschung hatte jedoch auch Herr Obendorfer für mich parat: ich rechnete mit einer gewöhnlichen „Stippvisite“ eines Chefs an allen Tischen nach vollbrachter Arbeit, doch als ich an die Reihe kam, wusste er zu meinem nicht geringenen Erstaunen von meiner Tätigkeit hier als „Hobby-Rezensent“ und meiner regen Aktivität bereits Bescheid! Jedenfalls versicherte ich ihm glaubwürdig, damit sei nichts Professionelles (ich habe noch keinen Cent damit verdient!), sondern nur reine Leidenschaft meinerseits verbunden. Gleichwohl freue ich mich natürlich auch, wenn Profis meine Kritiken zur Kenntnis nehmen. Damit auch kein falscher Eindruck entsteht: ich habe natürlich ganz brav meine Rechnung gezahlt!

Nach den gezeigten Darbietungen kann ich jedenfalls bestätigen, dass die aktuellen Bewertungen der Profi-Guides angemessen und nachvollziehbar sind. Damit steht das vielfach ausgezeichnete Haus an der Schwelle der Top 50 von Deutschland – eine beachtliche Leistung.

Jenseits aller Beurteilungen stehen für mich zwei Dinge außer Frage: erstens, dass Hubert Obendorfer sein Metier vollkommen beherrscht und dennoch offen für Kritik seiner Gäste ist sowie zweitens, dass die gesamte Belegschaft von der Rezeption bis hin zu den Kellnern in diesem Haus eine Leidenschaft und Hingabe an den Tag legt, die heutzutage leider sehr selten geworden sind. Eine derart herzliche Wohlfühlatmosphäre, wie man sie in diesem Haus noch erfahren darf, muss man anderswo lange suchen. Vermutlich ist es genau dieser Umstand, der am stärksten dazu beiträgt, dass sich dieses Etablissement eines ungebrochenen Interesses erfreut und dies sicherlich auch in Zukunft weiter tun wird.