Tops und Flops über die Jahre (UPDATE)

Bei einem Besuch 2011 in Kevin Fehlings damaligem Zwei-Sterne-Lokal in Travemünde, das „La Belle Epoque“, wurde mir erstmals richtig bewusst, wie gut so mancher Zeitgenosse eigentlich kochen kann. Inzwischen hat Fehling den dritten Stern verliehen bekommen und betreibt nach der Schließung des Lokals durch die Columbia-Hotelgruppe sein eigenes Restaurant „The Table“ in der Hamburger Hafen-City. Der Besuch in Travemünde damals war jedenfalls so etwas wie die Initialzündung meiner jetzigen Leidenschaft.

Seither habe ich für jedes Jahr immer jeweils einen Kandidaten, der mich – gemessen an der Erwartungshaltung – besonders positiv überrascht oder ziemlich enttäuscht hat, festgelegt. Diese kleine Liste, von der Drei-Sterne-Restaurants ausgenommen sind, sei hier aufgeführt.

 

2012:

Top:   Brenners Park-Restaurant (Baden-Baden), damals noch unter Andreas Krolik

Zum Abschied des Kochs (inzwischen im Lafleur in Frankfurt am Main gelandet) gab es ein sensationelles 10-Gänge-Menü in feudalem Rahmen! Großartig!

Flop:  Malathounis (Kernen)

Unkreativ und wenig stimmig – leider ein Besuch, der hoffentlich nicht die sonstigen Maßstäbe setzt! Speziell das Dessert (aus Kartoffeln …) war eine einzige Enttäuschung.

 

2013:

Top:   Falco (Leipzig)

Dieses Menü war in der Rubrik „Avantgarde“ das beste, das ich je genießen durfte! Sensationelle Einfälle, tolle Präsentation und jede Menge Provokation – einmalig! Dazu noch die phänomenale Aussicht über Leipzig – was will man mehr?

Flop:  Fischers Fritz (Berlin)

Ein ganz schwaches Preis-Leistungs-Verhältnis setzte einem sehr durchschnittlichen Besuch mit steifem Service noch die Krone auf! Da die meisten internationalen Gäste wohl ohnehin nur einmal kommen, hat man hier wohl keine Scheu davor, die Gäste regelrecht auszunehmen …

 

2014:

Top:   Lorenz Adlon Esszimmer (Belin)

Elaborierte Kreationen, tolle Brotauswahl und äußerst stimmige Atmosphäre, nicht zuletzt dank des Serviceteams! Trotz hoher Nebenkosten ein echter Volltreffer!

Flop:  bean&beluga (Dresden)

Ein einfallsloses Weihnachtsmenü mit sehr schlichten Einstimmungen, viel zu süß begleiteter Gänseleber und generell wenig Esprit seitens der Küche machten aus diesem Besuch ein Erlebnis der negativen Art.

 

2015:

Top:   Steinheuers Restaurant (Bad Neuenahr-Ahrweiler)

Nun ja, 19 Punkte im Gault&Millau sowie 5F im Feinschmecker sind schon eine Hausnummer – dass dieser Besuch an meinem 38. Geburtstag trotzdem so großartig werden würde, war nicht zuletzt wegen insgesamt nur dreier Gäste so nicht zu erwarten! Der Service von Frau und Tochter Steinheuer war charmant wie sonst kaum anderswo zu finden, und selbst der Chef nahm sich für uns reichlich Zeit! Die Leistung der Küche konnte man auch nur über den grünen Klee loben!

Flop:  Le Moissonnier (Köln)

Jedes Gericht mit zwei zusätzlichen Schälchen, dazu kaum kulinarischer Zusammenhang! Nur eine einzige Einstimmung, Petits fours zum Vergessen, lärmige Atmosphäre und wenig charmanter Service – sieht man von der Käseauswahl ab war dies eine Enttäuschung reinsten Wassers!

 

2016:

Top:   Atelier (München)

Senkrechtstarter Jan Hartwig war durchaus einiges zuzutrauen, aber solch ein herausragendes Menü mit nur 33 Jahren zu kreieren zeugt von großer Klasse! Service und Atmosphäre waren weit überdurchschnittlich, und selbst von der Brotauswahl ließe sich dieses behaupten! Ich kann das nächste Mal kaum erwarten …

UPDATE 2017: Seit November 2017 zählt das „Atelier“ zu den Drei-Sterne-Restaurants in Deutschland. Was sich hier also bereits andeutete, ist inzwischen Wirklichkeit geworden.

Flop:  Landhaus St. Urban (Naurath im Wald)

Bissfestes Gemüse (um nicht zu sagen: „regelrecht hart“) und Kreationen, die wenig durchdacht oder schlampig ausgeführt wirkten, ließen diesen Besuch zu einem entbehrlichen Ereignis werden. Ich hoffe noch auf Besserung, denn speziell das Hauptgericht war schwach: zwei Stücke Fleisch plus Soße auf einem Teller, der mit Quinoa übersät war, aber sonst nichts zu bieten hatte. Die jüngste Kritik des GUSTO scheint berechtigt …

 

2017:

Top:   Burg Schwarzenstein (Geisenheim)

Nils Henkel hat nichts verlernt und startete gleich wieder voll durch an neuer Wirkungsstätte. Seine noch reifer wirkenden Gerichte hängen speziell bei Gemüse die Messlatte in schier ungeahnte Höhen, und seine hochgradig individuelle alkoholfreie Begleitung ist ihm ein echtes Anliegen – und das spürt man zu jeder Zeit! Hier kann etwas ganz Großes entstehen.

Flop:  Das Eucken (Husum)

Das einst mit 16 Gault&Millau-Punkten ausgezeichnete und mit der Attitüde eines Sternerestaurants auftretende Lokal ließ an diesem katastrophalen Abend alles Notwendige dafür (bis auf die Preise) vermissen: ein heillos überforderter und kaum geschulter Service, völlig mißratene Gerichte und unsäglich lange Wartezeiten. Auweia!

 

2018:

Top:   Im Schiffchen (Düsseldorf)

Selten war es so schwierig, den Sieger zu küren, denn angesichts eines über weite Strecken wirklich großartigen kulinarischen Jahres gab es sicherlich viele potentielle Kandidaten, die für diesen Titel in Frage gekommen wären. Meine Wahl fiel letztlich auf den französischen Altmeister, der nichts von seinem Handwerk verlernt hat und auch mit über 70 Jahren noch ein grandioses Menü auf die Teller zauberte, das es in sich hatte. Dieses mag zwar nicht sonderlich modern gewesen sein, aber geschmeckt hat es durchweg großartig – solides, klassisches Handwerk ist manchmal eben mehr wert als abgehobene, modische Ideen ohne Substanz. Jean-Claude Bourgueil führt im Erdgeschoss glücklicherweise sein Vorzeigelokal unter dem sperrigen Namen Im Schiffchen bei Enzo mit seinen Klassikern noch weiter. Wer eine Lehrstunde in Sachen Perfektion, makellosem Handwerk und Demut vor dem Produkt erleben möchte, is(s)t hier nach wie vor genau richtig. Dass der G&M dieses Lokal weiterhin mit 16 Punkten abstraft, ist schlicht eine Frechheit – erst recht dann, wenn man bedenkt, dass das untenstehende Lokal dieselbe Bewertung erfährt.

Flop:   Wielandshöhe (Stuttgart)

Leider gibt es sie immer noch: die vielen unbedarften Neulinge in der Szene, die vielleicht ein- bis zweimal pro Jahr gehoben essen gehen und sich dann ausgerechnet das Lokal eines Fernsehkochs dafür aussuchen – Namen wie Klink, Lafer, Schuhbeck und Mälzer gehören nun einmal zu den landläufigsten Namen der Branche. Dabei ist es im Grunde genommen ein offenes Geheimnis, dass die zahllosen Fernsehköche hierzulande nicht einmal annähernd zu den besten 50 Vertretern ihrer Zunft in Deutschland gehören. Das Ärgerlichste an diesen TV-Formaten ist jedoch, dass dem Zuschauer unentwegt suggeriert wird, dass man in den Lokalen genau dieser Köche am besten essen kann. Dass dem nicht so ist, bewies mein Besuch in der Wielandshöhe eindrücklich: neben dem fahrigsten Service seit Menschengedenken gab es nicht einen einzigen wirklich bemerkenswerten Teller. Das Handwerk entsprach der Leistung eines überdurchschnittlichen Landgasthofs, während die Preise in keinem Verhältnis dazu standen. Bourgueil und Klink haben dieselbe Bewertung im G&M und nahezu dasselbe Alter – kulinarisch trennen sie aber Galaxien!