Zur Alten Post, Bad Neuenahr-Ahrweiler (UPDATE)

„Stil ist der äußere Ausdruck einer inneren Harmonie der Seele.“ (William Hazlitt)

UPDATE (September 2020)

Im malerischen Ahrtal befindet sich, eingebettet zwischen Weinbergen, der mutmaßlich beste Landgasthof Deutschlands (wenn man ihn überhaupt als solchen bezeichnen möchte): Zur Alten Post in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Seit über dreißig Jahren steht Hans Stefan Steinheuer nun schon am Herd seines Lokals im Ortsteil Heppingen und feilt weiterhin unablässig an seinen Fähigkeiten. In dem von außen eher unscheinbar wirkenden Lokal mit der geschmackvollen Inneneinrichtung gibt es seit jeher eine auf klassischen Prinzipien fußende und auf Harmonie setzende, stilvolle Küche zu bewundern. Bei unserem letzten Besuch im Jahr zuvor (siehe den untenstehenden Bericht) bemerkten wir allerdings erstmals, dass auch die Handschrift des Schwiegersohns Christian Binder immer deutlicheren Einfluss auf die Küchenstilistik ausübt. Welchen Kurs würde man hier also in Zeiten von Corona einschlagen, wo Einschränkungen aller Art den Gastronomen das Leben schwer machen? Für weitere Details über die Gepflogenheiten und Rahmenbedingungen in diesem Lokal verweise ich auf meine Vorgängerrezension, die untenstehend zu finden ist.

Äußerlich hatte sich nichts verändert, doch bei den gewohnten zwei Menüfolgen stellten wir rasch fest, dass beide Menüs derzeit um jeweils zwei Gänge gekürzt wurden, so dass das kleine Menü mit nunmehr vier und das große Menü mit sechs Gängen auskommen muss. Auch die Zahl der Einstiege wurde etwas reduziert – erste Vorboten dafür, dass die Krise diesem Lokal spürbar zuzusetzen scheint. Hoffen wir, dass die Küche wenigstens ihr gewohntes Niveau halten kann …

Ich entscheide mich für das große Menü, während meine Begleitung mit der kürzeren Variante Vorlieb nimmt. Nach einer relativ langen Wartezeit tischt man die Amuses auf, die ebenfalls zahlenmäßig geringer ausfallen als sonst (drei statt fünf): rechts im Bild Schweineschwarte mit Bäckchen und Meerrettich, links Eibrot mit Nordseekrabben, Dillmayonnaise und Sonnenblumenkernen sowie hinten Parmesan-Chip mit Kopfsalatherzen und Jahrgangssardine. Wie immer in diesem Lokal sind diese Appetizer sauber konstruiert und sorgsam ausgelotet, wenngleich sich später herausstellen sollte, dass die weiteren Beiträge des Tages nicht moderner als dieser Einstieg geraten sollten. Schade drum, denn die durchaus ungewohnte Aromenwelt dieser prägnanten Kleinigkeiten hätte dem Rest des Menüs an der einen oder anderen Stelle sicherlich auch gut getan. Ein hausgemachter Fruchtcocktail rundet den Einstieg gelungen ab.

Sehr gut gefällt uns auch das Amuse gueule rund um Thunfisch. Der milde Tatar des Fischs ist getoppt von einem kühlen Tomatenmousse, die mit Tomatengelée ummantelt ist und die optische Aufmerksamkeit ganz für sich beansprucht. Groß ist dabei die Gefahr, das Apfelsorbet und die Basilikumsauce außer acht zu lassen – was bedauerlich wäre, denn diese beiden Komponenten verleihen der Kreation einen präsenten Säurekick mit leicht herber Note. Bei alledem punktet der auch von den verschiedenen Temperaturen lebende Einschub mit einer Eleganz wie sie für dieses Haus typisch ist. Überhaupt ist die Veredelung recht simpler Viktualien eines der Markenzeichen dieser Küche – wie dieses Beispiel wieder einmal unterstreicht.

Nicht verschweigen wollen wir vor dem Beginn des Menüs, dass die Brotauswahl hier optisch wie qualitativ noch immer zu den ansprechendsten der Republik zählt – das Bild spricht für sich. Da sieht man auch gerne darüber hinweg, dass als Aufstrich „nur“ Salzbutter offeriert wird.

Jetzt wird es aber Zeit für den Einstieg ins „Menü light“ mit sechs Gängen: Gänseleber ist hier ein regelmäßiger Gast und fehlte auch heuer nicht zu Beginn. Diesmal interpretierte der Grand Chef die edle Innerei recht herbstlich, denn die gelierte Terrine, die gebratene Leber und die weniger gut sichtbare Consommé, die geschickt in der frittierten Kugel versteckt wurde, werden von Steinpilzen und Pulled Pigeon (gezupftes Fleisch von der Taubenkeule) recht deftig begleitet. Doch auch wenn hier auf Experimente verzichtet wird, so überzeugt dieser Gang mit Tiefe in der Sauce und ausdrucksstarker Harmonie, wenngleich die Aromenintensität durchaus überrascht – ein gelungener und typischer Gang für dieses Haus.

Der nächste Gang bereitet die Bühne für Hummer, der nicht nur das Fleisch an der Karkasse, sondern auch aus der Schere anbietet. Das ausgesprochen zarte Fleisch der Schere hätte meines Erachtens auf die Begleitung mit Nibs von Cru de Cacao auch gut verzichten können, zumal die herrlich weichen Karotten und etwas Kerbelsauce (sowie das kleine Eigelb der Wachtel) völlig als Begleiter ausreichen – ein starker Gang, der trotz aller Optik seinen eigentlichen Reiz aus der grandiosen Qualität des Weichtiers und dessen superber Zubereitung bezieht.

Als nächstes geht ausgesprochen zarter und saftiger Seeteufel eine Liaison mit Pulpo, Tomatensud und Bohnen ein. Das führt zu einer gänzlich unaufdringlichen Veredelung der beiden Hauptdarsteller, wobei der Pulpo von der vegetabilen Begleitung dank seiner bewusst zurückhaltenden Aromatik und schönem Biss profitiert. Bei diesem Gang unterlief mir ein Malheur, das mir sonst einmal alle zweihundert Teller unterläuft: kein Foto gemacht! Skandal!

Ein kleines Wagnis geht die Küche bei BBQ Pluma ein, denn der rustikale und eher fettige Charakter des Schweinefleischs scheint nicht gerade prädestiniert für eine derart auf Harmonie setzende Küche. Eine gar zu derbe Aromatik wurde hier mit Hilfe eines sparsam aufgegossenen Chorizosuds in der Mitte des Tellers aufgefangen – und doch konnte auch dieser Beitrag den häufig zu beobachtenden Vorwurf, Mais sei ein eher plumpes, vergleichsweise sperriges und wenig flexibles Produkt, nicht wirklich entkräften. Trotz der Vielzahl an Texturen blieb dieser Gang einigermaßen vorhersehbar und erreichte trotz soliden Handwerks und guter Umsetzung nicht das Niveau der Vorgänger.

Nach dem Reh aus dem Hunsrück bei Thomas Schanz nun also zum Hauptgericht Rehrücken aus dem Ahrtal mit Pfifferlingen und junger Bete. Das trefflich gebratene Fleisch überzeugt mit herben Röstnoten, doch diesmal ist es das ausgelassene Spiel der Texturen durch die stimmigen Begleiter, die den Gang der Beliebigkeit entreißen. Trotz einer komplex-tiefgründigen Sauce und der Referenzqualität der Produkte wäre ohne das hinreißende Defilée zu wenig passiert. So hingegen bleibt der Gang bis zur letzten Gabel spannend und wird zum unbeschwerten, edlen Genuss, der ohne Luxusprodukte auskommt. Ausgezeichnet, keine Frage!

Im Vergleich zum Dessert des Vorjahres, als Pâtissier Tatsuya Shimizu hier noch das Sagen hatte, wirkt der diesjährige Beitrag Brombeere mit Edelweiss-Schokolade und Tonkabohnen-Ganache einigermaßen vorhersehbar. Das praktisch risikofrei inszenierte Dessert langweilt auf Dauer etwas, da neben der dezent-herben Aromatik der Tonkabohne ansonsten nur erwartbare Effekte auf den Teller gelangen, die lediglich auf bloße Harmonie abzielen. Für einen Neueinsteiger der Szene sicherlich immer noch ein ordentlicher Ausklang, für Anspruchsvolle dagegen eher weniger. Uns jedenfalls reißt das nicht gerade vom Hocker.

Die Pâtisserie interpretiert zum Abschluss Pina Colada in Form von vier verschiedenen Varianten (zum Beispiel ummantelte Kokoskugel, Macaron und Schäumchen) und gibt den Gästen auch noch einen Abschiedskuss, der zum Glück nur ein aromatisiertes (und weitgehend sinnfreies) Schäumchen ist. Was die Gesundheitsämter in Corona-Zeiten wohl von einem echten Kuss halten würden?! Da ziehe ich diese Variante sicherheitshalber dann doch vor …

Hans Stefan Steinheuer gehört seit gut drei Jahrzehnten zu den verlässlichsten Adressen der Bundesrepublik und praktisch konstant zum besten Dutzend an Restaurants in Deutschland. Doch auch wenn sich rein äußerlich nicht viel verändert hat, so stellten wir schnell fest, dass die Corona-Krise dieser Institution spürbar zusetzt. Die Serviceabläufe wirkten diesmal nicht so souverän eingespielt wie sonst, und die spürbare Verkürzung der Menüs ist uns auch nicht entgangen. Als besonders bedauerlich daran empfinde ich den Umstand, dass der Käsegang, der hier praktisch immer ein Ausrufezeichen zu setzen vermag, dem zum Opfer fiel. Auch der Service brauchte diesmal eine gewisse Vorlaufzeit, um volle Betriebstemperatur zu erreichen. So wurde beispielsweise an einem Nachbartisch das gebuchte Arrangement verwechselt, während Mutter und Tochter Steinheuer, deren unverwechselbarer Charme den Service kennzeichnet, erst im Laufe des Abends dazustießen. Die beiden bis dahin agierenden jungen Herren wirkten im Vergleich nicht ganz so locker und noch wenig eingespielt.

Die Küchenleistung an sich ist nach wie vor über jeden Zweifel erhaben. Dennoch stand auch hier unter dem Strich eine Leistung, die marginal schwächer als gewohnt ausfiel: zum einen, weil der beim letzten Besuch eingeschlagene Weg mit mehr Hinwendung zu Gemüse (für den Schwiegersohn Christian Binder verantwortlich zeichnet) abrupt ausgebremst wurde, was wir als Zeichen dafür werten, dass man in Krisenzeiten eben stärker auf Bewährtes setzt. Zum anderen war dieses Menü so sehr auf Harmonie ausgerichtet, dass das Potential für ein Gericht, an dem man sich auch einmal „reiben“ konnte, kaum gegeben war. Mit anderen Worten: einen etwas wagemutigeren Gang nach den Amuses vermissten wir diesmal. Den Abgang von Spitzen-Pâtissier Tatsuya Shimizu zum L.A. Jordan nach Deidesheim konnte man hier erwartungsgemäß ebenfalls noch nicht vollwertig kompensieren: das Dessert geriet recht brav und nicht vergleichbar mit der überragenden Darbietung vom letzten Jahr und stand irgendwie symbolisch für das Harmoniebedürfnis, das praktisch das gesamte Menü durchzog. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Harmonie per se muss natürlich keinen Mangel darstellen, nur sollte sie eben nicht ein ganzes Menü durchziehen. Trotzdem wollen wir nicht verschweigen, dass die günstigen Nebenkosten einen Besuch nach wie vor attraktiv machen, selbst wenn man hier offenbar derzeit nicht die volle Leistung abrufen kann – um besser abzuschneiden als es andere Lokale jemals in gewöhnlichen Zeiten tun würden, reicht es immer noch locker.

Insbesondere bei den Spirituosen verweise ich hier aber noch auf einen Geheimtipp: dass man hier – wer weiß, wie lange noch?! – 4 cl des sündhaft teuren Cognacs Hennessy Paradis allen Ernstes zum Spottpreis von € 28 genießen kann, muss Kenner unweigerlich aufhorchen lassen. Gemäß meiner Berechnung ist dieser Betrag noch deutlich unter dem Selbstkostenpreis angesiedelt, denn die Flasche mit 700 ml Inhalt ist unter € 700 definitiv nicht zu haben.

Dass Hans Stefan Steinheuer und sein Team mehr können als sie an diesem Abend abgerufen haben, steht für mich angesichts der Qualität während früherer Besuche außer Zweifel. Wenn die unselige Krise irgendwann überstanden sein und die Küchenbrigade wieder in voller Stärke antreten sollte, dann wird sicherlich auch hier wieder der gewohnte 19-Punkte-Standard Einzug halten. Bis dahin bleibt die Erkenntnis, dass man hier trotz allem immer noch auf einem Niveau kocht, von dem andere ein Leben lang nur träumen können.

Mein Gesamturteil: 18 von 20 Punkten

 

Zur Alten Post
Landskroner Str. 110
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: 02641/94860
www.steinheuers.de

Guide Michelin 2020: **
Gault&Millau 2020: 19 Punkte
Gusto 2020: 9 Pfannen mit Bonuspfeil
FEINSCHMECKER 2020: 5 F

6-gängiges Menü: € 180

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Juni 2019

Brütende Hitze liegt an diesem Abend über dem malerischen, von Weinbergen eingerahmten Ahrtal. Unser Weg führt uns in eines der besten und zugleich am wenigsten bekannten Restaurants der Republik: der Landgasthof Zur Alten Post in Bad Neuenahr-Ahrweiler im Stadtteil Heppingen. Hier zelebriert einer der stillsten Vertreter seiner Zunft bereits seit 1985 eine Hochküche, die mit Sicherheit zu den besten 20 des Landes gezählt werden muss: Hans Stefan Steinheuer. In dem familiär geführten Vorzeigebetrieb wird eine eher klassisch geprägte, aber stets dezent erneuerte Haute Cuisine angeboten, die Gäste von weither anlockt. Auch wenn es hier vergleichsweise wenig PR-Rummel oder Foodblogger gibt, so wissen erfahrene Gourmets schon lange, was sie an diesem herausragenden Lokal haben. Zwei Michelin-Sterne und 19 Punkte im Gault&Millau sowie die Höchstnote von 5 F im Feinschmecker sind ja auch nicht die schlechtesten Referenzen. Trotz allem arbeitet Herr Steinheuer, der stille Star von der Ahr, hier mit scheinbar nie erlahmender Kraft und darf sich seit 2015 über Verstärkung in der Küche freuen: Schwiegersohn Christian Binder, unter anderem bei Michael Hoffmann im (leider schon seit 2014 geschlossenen) Berliner Margaux geschult, und Tochter Désirée Steinheuer werden dafür sorgen, dass der elterliche Betrieb auch weiterhin im Familienbesitz bleibt, so dass die Tradition des Hauses, die bis ins Jahr 1938 zurückreicht, weiterhin bewahrt werden wird.

Wer hier einkehrt, der möchte klassisch-gediegen und ohne Chichi speisen. Dieser Landgasthof ist seit jeher eine sichere Bank bei klassischen Speisen, die stets dezent modernisiert werden, ansonsten aber eher von makellosem Handwerk als von knalliger Optik leben. In zwei angebotenen Menüs („Tradition“ und „Frühling“) wird hier zum Preis von € 195 eine über Jahrzehnte gereifte und perfektionierte Küche zelebriert, die dem Guide Michelin zwei Sterne und dem G&M 19 Punkte, was der Note für ein Weltklasselokal entspricht, wert ist. Die von Gabriele Steinheuer, der Frau des Chefs, handgeschriebenen Karten sind dabei eine so willkommene wie seltene Erscheinung geblieben, die wieder ein Quäntchen zur angenehmen Atmosphäre beiträgt. Aber auch so ist in dem relativ lichten Gastraum mit moderner Kunst und klaren Kanten ein Genusserlebnis nahezu gesichert, denn die Anreise ist unproblematisch, und Gästezimmer stehen hier ja auch noch parat. Kleiner Tipp: das Frühstück hier ist absolut herausragend. Außerdem finden weniger anspruchsvolle Gäste in den angrenzenden Poststuben auch noch ein ansprechendes Zweitlokal, in dem einfacher, aber immer noch weit überdurchschnittlich aufgekocht wird.

Ungewohnt modern geht es gleich los: zu einem Träublein-Secco Vaux (Rheingau) reicht man gepuffte Schweineschwarte mit Schweinefuss, Soja und Curry – ein intensiver, würziger Flash, den man hier zwar nicht unbedingt erwartet hätte, der aber trotzdem ausgezeichnet schmeckt. Bei Matjes mit Gewürzgurke, Zwiebel und Pumpernickel passiert mir fast schon zu viel auf dem Löffel, doch spätestens bei Doraden-Ceviche mit Tomatenemulsion und Basilikumcrème ist das gewohnte Spitzenniveau definitiv wieder erreicht. Zu guter Letzt wird es schon recht aufwendig: Räucheraal vom Laacher See mit Bohnen, Kartoffeln und Ceta-Kaviar vereint gekonnt einfache Produkte zu eleganten Happen. Viel typischer hätte der letzte Gruß für dieses Lokal kaum ausfallen können, denn die Kunst des Hans Stefan Steinheuer ist darauf fokussiert, möglichst viele heimische Produkte in bester Qualität zuzubereiten und mit außergewöhnlich schmackhaften, doch einfachen Begleitern zu liieren.

Wenn das gewünschte Produkt nicht vor der Haustür zu beziehen ist, dann holt man es sich eben auch von weiter her, wenn sich der Aufwand lohnt. Ein schönes Beispiel dafür ist der erste Gang, denn Kaisergranat mit Gurke, Grapefruit und Hüttenkäse erweist sich gleich als Referenzgericht ersten Ranges. Kaum vorstellbar, mit welch Kreativität hier der wunderbare bissfeste Granat von besten und ultrafrischen Begleitern in Szene gesetzt wird. Die hinreißende Verquickung der Komponenten in unterschiedlichsten Texturen war stets ein Markenzeichen dieser Küche, auf das man sich verlassen konnte – und dieses Gericht machte da keine Ausnahme. Grandios!

Eine fast schon riesige, gebratene Jakobsmuschel umspielt die Küche lediglich mit Blumenkohl und Bärlauch, doch auf derart kreative und geschmacklich dichte Weise, dass man den Zauber dieser Küche kaum enträtseln kann und ihm stattdessen verfällt. Da ich diesmal (wie schon beim ersten Besuch vier Jahre zuvor) hier erneut an meinem Geburtstag einkehrte, wollte ich mich diesmal weniger analytisch, sondern schwelgerisch zeigen – und dieser Ansatz funktioniert hier prächtig. Ein frühlingshaftes Gericht mit hohem Wohlfühlfaktor.

Seinen Reiz bezieht gebratene Rotbarbe mit Spargel und Taubnesselbutter aus dem völlig unangestrengt wirkenden Habitus des Gerichts, das bei genauerem Hinsehen jedoch jede Menge sichere Techniken voraussetzt: die überaus krosse Haut der Barbe und die perfekt abgeschmeckte Butter sind Beispiele für kleine Details, die schnell unter den Tisch fallen und dazu führen können, die hier zelebrierte Kunst nicht genügend zu würdigen. Herr Steinheuers Küche ist weder knallig noch effektheischend, sondern immer um große Natürlichkeit bei gleichzeitig angemessener Optik bemüht. Auch dieser Teller könnte kaum typischer geraten: souveränes Handwerk, tiefgründiger Geschmack, aber keine Leistungsschau. In der Ruhe liegt die Kraft.

Das nächste Gericht trägt meines Erachtens ganz klar die Handschrift des Schwiegersohns, denn einen derart gemüselastigen und noch dazu sehr modern anmutenden Teller habe ich hier auch noch nicht erlebt. Der Einfluss von Michael Hoffmann, dem damaligen Chefkoch des Margaux, auf seinen ehemaligen Schützling Christian Binder ist hier spürbar, denn der einstige Gemüsepionier muss hier Pate gestanden haben: Möhren mit Quarkknödel, Mispeln und Mohn ist ein äußerst intensives Gericht, in dem alle Komponenten optisch deutlich zu erkennen sind. Allerdings ist der aufgegossene Sud aus Urkarotte derart intensiv, dass die übrigen Aromen weniger trennscharf geraten und etwas verwischt schienen. Dieser ungewöhnliche Gang wirkte auf mich als ob er noch nicht völlig ausgereift wäre und noch eine Optimierung verkraften könnte. Das wäre schon deshalb wünschenswert, weil dem Gericht selbst eine wirklich gute Idee zugrunde liegt, aber die kulinarische Absicht dahinter noch nicht völlig ausgereift erscheint.

Sichere und gewohnte Gefilde steuert die Küche dann wieder bei Miéral-Taube mit Wirsing, Chorizo und schwarzem Knoblauch an. Die kräftig rosa gebratene Taube überspielt mit ihrer herzhaften Aromatik, dass das Hauptgericht nicht ganz so kreativ wie so manche Darbietung bislang gerät – dennoch ein aromensattes, umkompliziertes und ausgezeichnetes Gericht ohne Schnörkel.

Man möchte meinen, die in der kreativen Ruhepause gesparte Energie wurde in den Käsegang reinvestiert, denn Grevenbroeker mit Buchweizenhonig und getrockneten Aprikosen erweist sich nicht nur als die geschmacklich ausdrucksstärkste Eingebung in Sachen Käse seit Menschengedenken, sondern auch als wunderschön entworfene Kreation. Zwei Tupfen von Aprikosengel flankieren ein Türmchen, das allerdings vollständig von einer flächig darauf plazierten gelierten Aprikose verdeckt wird. Das köstliche Innenleben darunter: kunstvoll drapierter belgischer Blauschimmelkäse vom Allerfeinsten, der sich subtil an Honig und Aprikosen schmiegt und bestens harmoniert. Eines der denkwürdigsten Käsegerichte jemals!

Das Pré-Dessert, ein Mango-Sorbet mit Kokosschaum und Mango-Crumble ist ein erfrischender Einschub, dessen kulinarische Nachwirkung allerdings überschaubar bleibt. Dagegen fährt die Patisserie beim Dessert nochmals alle Geschütze auf: Mandelplanet mit Mascarpone und Rhabarber ist ein kunstvoll komponiertes Gebilde. Auf der kreisrund angeordneten und mit Rhabarbergel überzogenen Mascarpone findet man Rhabarber als Eis, Praline und eingelegt. Des weiteren wurde eine große, mit Mandeln ummantelte Kugel darauf plaziert, die ebenfalls mit köstlicher Mascarpone gefüllt war. Was hier mit so wenigen Komponenten auf den Teller gezaubert wurde, machte nicht nur optisch enorm viel her, sondern ließ die Geschmackspapillen nochmals zum Schluss regelrecht jubilieren. Die Petits fours gerieten ebenfalls weit überdurchschnittlich und hatten gleichermaßen originelle wie wohlschmeckende Dinge zu bieten: ein Kussmund aus Kumquats-Fruchtgummi, eine Karamell-Praline, ein Vanille-Macaron, eine Sauerkirsch-Ashanti-Praline und ein Himbeer-Marshmallow. Nicht zu vergessen: als Geburtstags-Schmankerl gab es dann noch gratis eine weitere Aufmerksamkeit, nämlich ein Flan-Törtchen mit Kerze obenauf, veredelt mit etwas Physalis und Himbeere. Die Krönung war noch ein Erinnerungsfoto mit Hans Stefan Steinheuer und Ehefrau Gabriele. Ein runder Abschluss eines würdigen Abends!

Der herzliche Service unter der Leitung von Gabriele Steinheuer ist weithin geschätzt und unverändert ein Markenzeichen des Lokals. Seitdem Tochter Désirée Steinheuer mit bewundernswertem Wissen und sicherem Gespür Weine an den Gast bringt, hat dieses Lokal noch weiter dazugewonnen. Die umfangreiche Sammlung umfasst nicht nur klassische Pretiosen und teure Digestifs, sondern auch Gewächse von nahen Anbaugebieten wie Ahr, Nahe und Ruwer – und das auch noch (wie alles hier) zu fairen Preisen. Die übrigen Mitarbeiter gaben sich zu Beginn ein wenig angespannt, tauten aber im Laufe des Abends immer mehr auf und trugen doch noch maßgeblich zu dem rundum gelungenen Abend auf außergewöhnlich hohem Niveau bei.

Auch nach mehr als drei Jahrzehnten ist Hans Stefan Steinheuer ein scheinbar unerschöpflicher Quell an Ideen. Seinen Küchenstil erneuert er nur dezent, aber dennoch gelingt es ihm, am Puls der Zeit zu bleiben und dennoch seine treue Stammkundschaft nicht zu vergraulen. In diesem Haus hat man für modische Strömungen nicht allzu viel übrig, denn man kann es hier auch getrost erlauben. Die auf sicherem klassischen Fundament ruhende Küche enttäuscht praktisch nie und erlaubt sich auch nur ganz wenige Schwankungen. Kaum ein anderes Lokal konnte über einen derart langen Zeitraum das Niveau so souverän halten. Und nicht nur das: immer wieder hört man aus unterschiedlichsten Quellen, dass die hier entworfenen Menüfolgen in puncto Konstanz und Qualität zu den beständigsten gehören und unglaublich homogen geraten, selbst wenn echte Highlights hier etwas seltener als anderswo vorkommen mögen. Eine Einkehr hier ist eine tiefenentspannte Angelegenheit, bei der die familiäre Atmosphäre allenthalben zu spüren ist. Die Auszeichnungen für diesen Vorzeige-Gasthof sind mehr als verdient und sorgen dafür, dass die Alte Post auch weiterhin zu den zwanzig besten Restaurants in Deutschland gehört – eine Leistung, vor der ich den größten Respekt habe! Selbst wenn dieser zweite Besuch minimal schlechter als der Premierenbesuch ausfiel, so bleibt man Fazit dasselbe: wäre das Ahrtal nicht so weit von meiner Heimat entfernt, dann würde ich mich auf jeden Fall öfters hier blicken lassen.