Zur Alten Post, Bad Neuenahr-Ahrweiler

Brütende Hitze liegt an diesem Abend über dem malerischen, von Weinbergen eingerahmten Ahrtal. Unser Weg führt uns in eines der besten und zugleich am wenigsten bekannten Restaurants der Republik: der Landgasthof Zur Alten Post in Bad Neuenahr-Ahrweiler im Stadtteil Heppingen. Hier zelebriert einer der stillsten Vertreter seiner Zunft bereits seit 1985 eine Hochküche, die mit Sicherheit zu den besten 20 des Landes gezählt werden muss: Hans Stefan Steinheuer. In dem familiär geführten Vorzeigebetrieb wird eine eher klassisch geprägte, aber stets dezent erneuerte Haute Cuisine angeboten, die Gäste von weither anlockt. Auch wenn es hier vergleichsweise wenig PR-Rummel oder Foodblogger gibt, so wissen erfahrene Gourmets schon lange, was sie an diesem herausragenden Lokal haben. Zwei Michelin-Sterne und 19 Punkte im Gault&Millau sowie die Höchstnote von 5 F im Feinschmecker sind ja auch nicht die schlechtesten Referenzen. Trotz allem arbeitet Herr Steinheuer, der stille Star von der Ahr, hier mit scheinbar nie erlahmender Kraft und darf sich seit 2015 über Verstärkung in der Küche freuen: Schwiegersohn Christian Binder, unter anderem bei Michael Hoffmann im (leider schon seit 2014 geschlossenen) Berliner Margaux geschult, und Tochter Désirée Steinheuer werden dafür sorgen, dass der elterliche Betrieb auch weiterhin im Familienbesitz bleibt, so dass die Tradition des Hauses, die bis ins Jahr 1938 zurückreicht, weiterhin bewahrt werden wird.

Wer hier einkehrt, der möchte klassisch-gediegen und ohne Chichi speisen. Dieser Landgasthof ist seit jeher eine sichere Bank bei klassischen Speisen, die stets dezent modernisiert werden, ansonsten aber eher von makellosem Handwerk als von knalliger Optik leben. In zwei angebotenen Menüs („Tradition“ und „Frühling“) wird hier zum Preis von € 195 eine über Jahrzehnte gereifte und perfektionierte Küche zelebriert, die dem Guide Michelin zwei Sterne und dem G&M 19 Punkte, was der Note für ein Weltklasselokal entspricht, wert ist. Die von Gabriele Steinheuer, der Frau des Chefs, handgeschriebenen Karten sind dabei eine so willkommene wie seltene Erscheinung geblieben, die wieder ein Quäntchen zur angenehmen Atmosphäre beiträgt. Aber auch so ist in dem relativ lichten Gastraum mit moderner Kunst und klaren Kanten ein Genusserlebnis nahezu gesichert, denn die Anreise ist unproblematisch, und Gästezimmer stehen hier ja auch noch parat. Kleiner Tipp: das Frühstück hier ist absolut herausragend. Außerdem finden weniger anspruchsvolle Gäste in den angrenzenden Poststuben auch noch ein ansprechendes Zweitlokal, in dem einfacher, aber immer noch weit überdurchschnittlich aufgekocht wird.

Ungewohnt modern geht es gleich los: zu einem Träublein-Secco Vaux (Rheingau) reicht man gepuffte Schweineschwarte mit Schweinefuss, Soja und Curry – ein intensiver, würziger Flash, den man hier zwar nicht unbedingt erwartet hätte, der aber trotzdem ausgezeichnet schmeckt. Bei Matjes mit Gewürzgurke, Zwiebel und Pumpernickel passiert mir fast schon zu viel auf dem Löffel, doch spätestens bei Doraden-Ceviche mit Tomatenemulsion und Basilikumcrème ist das gewohnte Spitzenniveau definitiv wieder erreicht. Zu guter Letzt wird es schon recht aufwendig: Räucheraal vom Laacher See mit Bohnen, Kartoffeln und Ceta-Kaviar vereint gekonnt einfache Produkte zu eleganten Happen. Viel typischer hätte der letzte Gruß für dieses Lokal kaum ausfallen können, denn die Kunst des Hans Stefan Steinheuer ist darauf fokussiert, möglichst viele heimische Produkte in bester Qualität zuzubereiten und mit außergewöhnlich schmackhaften, doch einfachen Begleitern zu liieren.

Wenn das gewünschte Produkt nicht vor der Haustür zu beziehen ist, dann holt man es sich eben auch von weiter her, wenn sich der Aufwand lohnt. Ein schönes Beispiel dafür ist der erste Gang, denn Kaisergranat mit Gurke, Grapefruit und Hüttenkäse erweist sich gleich als Referenzgericht ersten Ranges. Kaum vorstellbar, mit welch Kreativität hier der wunderbare bissfeste Granat von besten und ultrafrischen Begleitern in Szene gesetzt wird. Die hinreißende Verquickung der Komponenten in unterschiedlichsten Texturen war stets ein Markenzeichen dieser Küche, auf das man sich verlassen konnte – und dieses Gericht machte da keine Ausnahme. Grandios!

Eine fast schon riesige, gebratene Jakobsmuschel umspielt die Küche lediglich mit Blumenkohl und Bärlauch, doch auf derart kreative und geschmacklich dichte Weise, dass man den Zauber dieser Küche kaum enträtseln kann und ihm stattdessen verfällt. Da ich diesmal (wie schon beim ersten Besuch vier Jahre zuvor) hier erneut an meinem Geburtstag einkehrte, wollte ich mich diesmal weniger analytisch, sondern schwelgerisch zeigen – und dieser Ansatz funktioniert hier prächtig. Ein frühlingshaftes Gericht mit hohem Wohlfühlfaktor.

Seinen Reiz bezieht gebratene Rotbarbe mit Spargel und Taubnesselbutter aus dem völlig unangestrengt wirkenden Habitus des Gerichts, das bei genauerem Hinsehen jedoch jede Menge sichere Techniken voraussetzt: die überaus krosse Haut der Barbe und die perfekt abgeschmeckte Butter sind Beispiele für kleine Details, die schnell unter den Tisch fallen und dazu führen können, die hier zelebrierte Kunst nicht genügend zu würdigen. Herr Steinheuers Küche ist weder knallig noch effektheischend, sondern immer um große Natürlichkeit bei gleichzeitig angemessener Optik bemüht. Auch dieser Teller könnte kaum typischer geraten: souveränes Handwerk, tiefgründiger Geschmack, aber keine Leistungsschau. In der Ruhe liegt die Kraft.

Das nächste Gericht trägt meines Erachtens ganz klar die Handschrift des Schwiegersohns, denn einen derart gemüselastigen und noch dazu sehr modern anmutenden Teller habe ich hier auch noch nicht erlebt. Der Einfluss von Michael Hoffmann, dem damaligen Chefkoch des Margaux, auf seinen ehemaligen Schützling Christian Binder ist hier spürbar, denn der einstige Gemüsepionier muss hier Pate gestanden haben: Möhren mit Quarkknödel, Mispeln und Mohn ist ein äußerst intensives Gericht, in dem alle Komponenten optisch deutlich zu erkennen sind. Allerdings ist der aufgegossene Sud aus Urkarotte derart intensiv, dass die übrigen Aromen weniger trennscharf geraten und etwas verwischt schienen. Dieser ungewöhnliche Gang wirkte auf mich als ob er noch nicht völlig ausgereift wäre und noch eine Optimierung verkraften könnte. Das wäre schon deshalb wünschenswert, weil dem Gericht selbst eine wirklich gute Idee zugrunde liegt, aber die kulinarische Absicht dahinter noch nicht völlig ausgereift erscheint.

Sichere und gewohnte Gefilde steuert die Küche dann wieder bei Miéral-Taube mit Wirsing, Chorizo und schwarzem Knoblauch an. Die kräftig rosa gebratene Taube überspielt mit ihrer herzhaften Aromatik, dass das Hauptgericht nicht ganz so kreativ wie so manche Darbietung bislang gerät – dennoch ein aromensattes, umkompliziertes und ausgezeichnetes Gericht ohne Schnörkel.

Man möchte meinen, die in der kreativen Ruhepause gesparte Energie wurde in den Käsegang reinvestiert, denn Grevenbroeker mit Buchweizenhonig und getrockneten Aprikosen erweist sich nicht nur als die geschmacklich ausdrucksstärkste Eingebung in Sachen Käse seit Menschengedenken, sondern auch als wunderschön entworfene Kreation. Zwei Tupfen von Aprikosengel flankieren ein Türmchen, das allerdings vollständig von einer flächig darauf plazierten gelierten Aprikose verdeckt wird. Das köstliche Innenleben darunter: kunstvoll drapierter belgischer Blauschimmelkäse vom Allerfeinsten, der sich subtil an Honig und Aprikosen schmiegt und bestens harmoniert. Eines der denkwürdigsten Käsegerichte jemals!

Das Pré-Dessert, ein Mango-Sorbet mit Kokosschaum und Mango-Crumble ist ein erfrischender Einschub, dessen kulinarische Nachwirkung allerdings überschaubar bleibt. Dagegen fährt die Patisserie beim Dessert nochmals alle Geschütze auf: Mandelplanet mit Mascarpone und Rhabarber ist ein kunstvoll komponiertes Gebilde. Auf der kreisrund angeordneten und mit Rhabarbergel überzogenen Mascarpone findet man Rhabarber als Eis, Praline und eingelegt. Des weiteren wurde eine große, mit Mandeln ummantelte Kugel darauf plaziert, die ebenfalls mit köstlicher Mascarpone gefüllt war. Was hier mit so wenigen Komponenten auf den Teller gezaubert wurde, machte nicht nur optisch enorm viel her, sondern ließ die Geschmackspapillen nochmals zum Schluss regelrecht jubilieren. Die Petits fours gerieten ebenfalls weit überdurchschnittlich und hatten gleichermaßen originelle wie wohlschmeckende Dinge zu bieten: ein Kussmund aus Kumquats-Fruchtgummi, eine Karamell-Praline, ein Vanille-Macaron, eine Sauerkirsch-Ashanti-Praline und ein Himbeer-Marshmallow. Nicht zu vergessen: als Geburtstags-Schmankerl gab es dann noch gratis eine weitere Aufmerksamkeit, nämlich ein Flan-Törtchen mit Kerze obenauf, veredelt mit etwas Physalis und Himbeere. Die Krönung war noch ein Erinnerungsfoto mit Hans Stefan Steinheuer und Ehefrau Gabriele. Ein runder Abschluss eines würdigen Abends!

Der herzliche Service unter der Leitung von Gabriele Steinheuer ist weithin geschätzt und unverändert ein Markenzeichen des Lokals. Seitdem Tochter Désirée Steinheuer mit bewundernswertem Wissen und sicherem Gespür Weine an den Gast bringt, hat dieses Lokal noch weiter dazugewonnen. Die umfangreiche Sammlung umfasst nicht nur klassische Pretiosen und teure Digestifs, sondern auch Gewächse von nahen Anbaugebieten wie Ahr, Nahe und Ruwer – und das auch noch (wie alles hier) zu fairen Preisen. Die übrigen Mitarbeiter gaben sich zu Beginn ein wenig angespannt, tauten aber im Laufe des Abends immer mehr auf und trugen doch noch maßgeblich zu dem rundum gelungenen Abend auf außergewöhnlich hohem Niveau bei.

Auch nach mehr als drei Jahrzehnten ist Hans Stefan Steinheuer ein scheinbar unerschöpflicher Quell an Ideen. Seinen Küchenstil erneuert er nur dezent, aber dennoch gelingt es ihm, am Puls der Zeit zu bleiben und dennoch seine treue Stammkundschaft nicht zu vergraulen. In diesem Haus hat man für modische Strömungen nicht allzu viel übrig, denn man kann es hier auch getrost erlauben. Die auf sicherem klassischen Fundament ruhende Küche enttäuscht praktisch nie und erlaubt sich auch nur ganz wenige Schwankungen. Kaum ein anderes Lokal konnte über einen derart langen Zeitraum das Niveau so souverän halten. Und nicht nur das: immer wieder hört man aus unterschiedlichsten Quellen, dass die hier entworfenen Menüfolgen in puncto Konstanz und Qualität zu den beständigsten gehören und unglaublich homogen geraten, selbst wenn echte Highlights hier etwas seltener als anderswo vorkommen mögen. Eine Einkehr hier ist eine tiefenentspannte Angelegenheit, bei der die familiäre Atmosphäre allenthalben zu spüren ist. Die Auszeichnungen für diesen Vorzeige-Gasthof sind mehr als verdient und sorgen dafür, dass die Alte Post auch weiterhin zu den zwanzig besten Restaurants in Deutschland gehört – eine Leistung, vor der ich den größten Respekt habe! Selbst wenn dieser zweite Besuch minimal schlechter als der Premierenbesuch ausfiel, so bleibt man Fazit dasselbe: wäre das Ahrtal nicht so weit von meiner Heimat entfernt, dann würde ich mich auf jeden Fall öfters hier blicken lassen.